Nr. 281 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Montag, 1. vezeinber (930
Das Agrarproblem im Südosten.
Don Or. Gustav Erenyi.
Der Aufsatz behandelt die Probleme, die bei dem Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen Dethlen im Mit
telpunkt der Diskussion gestanden haben. Budapest, im November.
Seit Kriegsabschluß gärt es unablässig in den Donauländern, — die verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Krisen lösen einander förmlich ab. Doch trugen bisher sämtliche Derwick- lungen im Endergebnis dazu bei, die wirtschaftspolitisch so mannigfach zusammengehörende Ge- bietsmosse diffuser zu gestalten. Das gegenwärtige Liebel, das schwerer noch als alle vorhergehenden auf den Bolkern des Südostens lastet, drängt nun nach langer Zeit z^m ersten Male wieder zu einer Verständigung zwischen den feindlich getrennten Staaten. Es handelt sich um die Agrarkrise, die derzeit die ganze Welt erschüttert, in diesen Ländern ober besonders schicksalsschwere Formen annimmt. Seit 1894 haben die Preise der Drot- früchte keinen derartigen Tiefstand erreicht. Damals handelte es sich jedoch um ein rasch vorübergehendes Detailproblem, das keineswegs die Existenzinteressen breiter Erwerbsschichten erschüttern konnte. Heute tragen die beispiellose Spannung zwischen Roh st off- und Kleinhandelspreisen, die Schwierigkeiten der Kreditbeschaffung und die Widersprüche zwischen privater Rot und dem erhöhten Steuerbedarf des Staates zur unheilvollen Versteifung der Lage bei. Der Leidtragende dieses Zustandes ist in erster Reihe nicht der Großgrundbesitz, sondern die bescheiden installierte und über keine Kapitalreserven verfügende Bauernschaft, die durch die fortfahrende Deroute der Getreidepreise selbst in reich tragenden Gegenden völlig verarmt und in eine seelische Verfassung verseht ist, die für Umstürze aller Art eine geeignete Unterlage bildete.
Der Agrarkrise gegenüber befinden sichIug o- slawien, Rumänien und U n g a r n so ziemlich in der gleichen Situation. Alle drei Länder haben einen ausgeprägten Agrar- ch a r a k t e r, sind in vorherrschendem Maße weizenproduziercnde Staaten, hinsichtlich welcher Frucht sich die Folgen der amerikanischen Ueberproduktion bekanntlich besonders stark auswirken. Die Krise nahm besonders scharfe Formen durch den Umstand an, daß sie das Gros der Landwirte, das sich bei den noch vor zwei Jahren bestandenen verhältnismäßig hohen Preisen auf Cinlagerungs- manöver und Terminspekulationen einließ, ziemlich unvorbereitet traf. Das Bestreben nach wirtschaftlicher Autarkie, von dem heute, im Zustande mannigfacher grenzpolitischer Isolierungen, fast jeder mitteleuropäische Staat erfaßt ist, verschlimmerte noch die Verlegenheit des Agrarstandes. Besonders in Ungarn machte sich in den letzten Jahren ein starker Hang zur industriellen Entwicklung geltend, welchem Ziele man in der Hauptsache durch ein recht gewaltsames Hochschraubcn der Schutzzölle für heimatliche Industrieprodukte näherzukommen trachtete. Natürlich war in Anbetracht der nicht minder starken Agrarschuhbewegungen, die heute in Deutschland herrschen, eine wirtschaftliche Verständigung zwischen diesen beiden Staaten sehr erschwert, und hierin ist der Grund zu suchen, daß zwischen Deutschland und Ungarn bis auf heute kein definitiver Handels- vertrag erzielt werden konnte. Den Landwirten ist freilich eine solche Politik, die — ohne von heute auf morgen eine lebensfähige Industrie schaffen zu können — die Deschaffungs- und Absatzkrise im Agrarbereiche nur noch erhöht, nicht weniger als recht. Der unter den mißlichen Verhältnissen von heute so viel erörterte Ueber- gang zu anderen landwirtschaftlichen Produk
tionszweigen scheiterte bislang an organisatorischen Schwierigkeiten.
Das natürliche Streben, aus der gemeinsamen Not einen gemeinsamen Ausweg zu finden, führten seit der heute bereits halb vergessenen, noch vor der Gründung der Kleinen Entente stattgefundenen Konferenz von Portorose, in der sämtliche Oststaaten vereint den Anlauf zu einer Politik wirtschaftlicher Gemeinsamkeit genommen hatten, diesmal wieder zu den ersten, ernst zu nehmenden Versuchen, die wirtschastliche Tren- nungskluft zwischen den politischen Antagonistenstaaten im Südosten zu überbrücken. Im Zeichen der Agrarkrise reihte sich Konferenz an Konferenz. Nach Bukarest, Sinaia und Warschau wurde das gleiche Thema auch von der Balkan- konferenz und mit ziemlicher Eindringlichkeit auch im Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes angeschnitten. Cs beteiligten sich an diesen Beratungen zum Teil auch Staaten, die sich in einer gewissen Entfernung von dem eigentlichen Erregungsherd befinden, aber es stand außer Zweifel, daß die erwähnten drei Staaten durch die Krise am ärgsten zu leiden haben. Indes gelang es bisher trotz der mannigfachsten Projekte nicht, über gemeinsame Abwehrmaß- nahmen einig zu werden. Es wurde erwogen, die Preisgestaltung der Agrarprodukte künstlich durch eine Kontingentierung der amerikanischen Getreideeinfuhr oder durch ein Präferenzzollsystem innerhalb der interessierten Agrarstaaten zu beeinflussen. Aber beide Vorhaben scheiterten entweder an politischen Bedenken im Verbände der Agrarstaaten selbst oder an dem Veto der Industriestaaten, die eine Verstimmung von seiten Amerikas befürchteten.
Bezeichnend für diese Beratungen war das zögernde Verhalten, das .Ungarn ihnen gegenüber einnahm. Man schwankte hier osfensichtlich 3tri chen w r.schastlichrm Ab e inun^bn ürfnis und der Angst, durch ein solches in eine politische Linie gedrängt zu werden, die den proitalienischen Auhenkurs gefährden könnte. Namentlich schien man die Furcht zu hegen, daß hinter den Agrarstaaten Rumänien und Iugoslawien sich irgendwie auch die nicht ausgesprochen landwirtschaftlich orientierte Tschechoslowakei verbergen und durch den von rumänischer Seite ausgedehnten Alarmruf zur Bildung einer gemeinsamen Agrarfront in Wirklichkeit auf Umwegen der Versuch unternommen werden könnte, den Ostlocarnoplan des tschechischen Außenministers B e n e s ch zu verwirklichen. Wieder einmal befehdeten sich die wirtschaftlichen und die politischen Gesichtspunkte und es scheint einstweilen, als ob immer noch die letzteren stärker wären. Ungarn versucht vorerst den Abwehrkampf gegen die Agrarkrise vermittels einer eigenen Roßkur, indem es die „B o l l e t t e" erfand. Es ist dies ein Preiszuschlag von drei Pengö für einen Meterzentner Weizen oder Roggen, den der Händler dem Hrprodu- Renten in der Form eines Scheines zu erstatten hat. Dieser Schein kann für Steuerzahlungen verwendet werden, und die Regierung erhoffte von seiner Einführung eine sofortige Besserung der landwirtschaftlichen Rot. In Wirklichkeit sanken jedoch seit der Einführung der Doltette die Getreidepreise fortgesetzt, und wenn man heute daran denkt, den dem Landwirt zustehenden Preiszuschlag auf das Doppelte zu erhöhen, so wäre dies mit einer gänzlichen Lahmlegung des Getreidehandels und der Mühlenindustrie gleichbedeutend, eine Entwicklung, über die sich zu freuen der Oekonom am allerwenigsten Grund hätte.
In solche Verquickungen spielt der in den süd- osteuropäischen Zonen bereits seit Iahren entfesselte Wettstreit zwischen Paris und Rom verschärfend mit hinein. Von französischer Seite ist man fieberhaft um die Schaffung einer Einheitsfront im Südosten bemüht, um dieserart
Oberhessischer Kunstverein.
Weihnachts-Ausstellung Hünstlcrhilfc 1930.
Wie alljährlich findet auch Heuer wenige Wochen vor Weihnachten wieder eine Verkaufsausstellung der Künstlerhilfe in den Räumen des O b e r h e s - fischen Kun st Vereins im Turmhaus am Brandplatz statt. Es sind im ganzen zwanzia hessische Künstler vertreten; man findet hier Arbeiten von Barnas, Barthel, Buff, Eimer, Fries, Geist, -Klingelhöfer, Klipstein, Kranz, Küchel, List, Lortz, Blaus, Rieger, Rohrbach, Scheid, Stegmayer, Steinbach, Stephan und Will. Es kann sich in dieser Besprechung weniger um die eingehende Wertung einzelner Künstler und Ausstellungsstücke handeln als vielmehr um einen Ueberblict über das Dargebotene, um eine Empfehlung und Anregung zur Besichtigung und, womöglich, auch zur Erwerbung des einen oder andern Werkes.
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Aus einem Rundgang durch die Ausstellung möchten wir, ohne etwa auf eine restlose Auszählung (die sich schon aus räumlichen Gründen verbieten würde) Gewicht zu legen, eine Anzahl von Arbeiten heroorheben, die uns stofflich oder künstlerisch besonders bemerkenswert erscheinen. So dürfte etwa von Rohrbach ein Blick in den Schiffenberghof interessieren; von Klingelhöfer sei ein Stilleben mit Krug erwähnt; die Darmstädterin Stegmayer ist u. a. mit einigen Motiven aus Paris vertreten, daneben sollte ein Aquarell aus Dinkelsbühl nicht übersehen werden. Don den zahlreichen Arbeiten Mills empfehlen wir ein kräftiges Bild von der Bleiche an der Lahn; auch ein Porträtkopf wäre zu beachten. Ein paar feine Radierungen sieht man von Felix Klipstein in Laubach, Alpenlandschaften (Aquarell) von Buff. Stephan bringt seine landschaftlichen Federzeichnungen, die vorwiegend heimatliche Motive behandeln (Schlitz, Gleiberg usw.). Lortz ist mit einem hübschen Blumenstück zu nennen, ähnliche Motive zeigt Kranz, Architekturstücke und Landschaftliches findet man von Barthel. Von Rieger dürfte ein Blick auf die Gießener Stadtkirche hier Beachtung verdienen. Küchel stellt, wie in früheren Jahren, kunstgewerbliche Schmuckstücke aus. Ferner: drei tüchtige Aquarelle von Maus, der übrigens auch ein sehr gutes, hier überraschend modernes Selbstbildnis vorführt. Mit Vergnügen bemerkt man wieder die beweglichen, locker gemalten Pferde- und Reiter
bilder von Scheid in Darmstadt. Der häufig hier ausstellende Drtenberger Carl Fries und Geist (Wimpfen) zeigen heimatliche Landschaften; Rieger hat etliche keramische Arbeiten beigesteuert. Dem eben erwähnten Porträt von Maus stehen die Malereien von Steinbach stilistisch am nächsten, obwohl die diesmal vorgeführten Arbeiten malerisch erheblich gemäßigter wirken als die früheren Proben; besonders zu empfehlen: die „Vesper". Von List, nebenan, sieht man Landschaftsaquarelle und ein dekoratives Blumenstück. Eine freundliche oberhessische Landschaft von Eimer; Vogelsberg-Bilder von Barnas. Radierungen gibt es noch von Kranz, Will (Gießener Straßenbilder) und Eimer.
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Die Ausstellung bringt Oelgemälde, Aquarelle, Handzeichnungen, Graphik und Kunstgewerbe und dürfte also in ihrer Zusammensetzung allen Wün- schen des hoffentlich kauflustigen Publikums Rechnung tragen; zumal die Preise allenthalben den gegenwärtigen schwierigen Zeitverhältnissen ange- paßt sind. Es ist sehr zu wünschen, daß die gestern mit einer Ansprache des Vorsitzenden. Landgerichtsdirektors a. D. Bücking, eröffnete Ausstellung ein befriedigendes Ergebnis zeitigen werde — zum Besten der unter der wirtschaftlichen Rot leidenden hessischen Künstlerschaft. —
Gießener Staditheater.
„Meine Lchwester und ich."
Das war ein sehr hübscher und lustiger Theaterabend: großer und verdienter Erfolg einer modernen Operette. „Meine Schwester und ich" ist ein musikalisches Lustspiel in zwei Akten mit Vorspiel und Nachspiel nach Derr und Derneuil, deutsch von Robert Blum. Musik und Gesangstexte von Ralph Benatzky. Hier finden sich endlich einmal erfreuliche Ansätze, in Partitur und Libretto über das ausgetretene, flach: und konventionelle Schema hinaus zu einem neuen und lebensfähigen Operettenstil zu gelangen.
Die Handlung ist (ohne Heberspanntheit und Verstiegenheit) ganz einfach und anspruchslos; sie beruht auf einem Liebes-, Derwandlungs- und Derwechslungsmotiv; aber sie hat Einfälle, Witz und gelegentlich eine ausgelassen - parodistische Kabarettnuance, und die Autoren haben den begrüßenswerten Wut aufgebracht, einmal das ver-
die österreichischen Anschluhgelüste zu konterkarieren und den ungarischen Widerstand zu brechen. Diesem Zweck diente die Rundreise Loucheurs durch sämtliche Südoststaaten im vorigen Sommer, — und in den letzten Wochen ein gleiches Hntemehmen des Handelsministers Flandin. Er wurde namentlich in Budapest auffallend lau empfangen, und wenige Tage später fuhr der ungarische Ministerpräsident Graf Dethlen nach der Türkei, um die Freundschaft mit Kemal-Pascha weiter auszubauen, und merkwürdigerweise fiel sein Aufenthalt in Angora in dieselbe Zeit, in der auch Denizelos dort weilte, um die auf Iahr- hunderte zurückreichende türkisch-griechische Rivalität durch einen Freundschastsvertrag zwischen den beiden Staaten abzuschließen. Das sind zusammen mit den neugeknüpften Hei rat s banden zwischen dem bulgarischen und italienischen Herrscherhause offenkundige Erfolge der faschistischen Außenpolitik. Man ist in gewissen ungarischen Kreisen geneigt, im Hinblick auf die letzten Wahlen in Deutschland und Oesterreich und den Besuch des Grasen Dethlen in
Berlin zu glauben, daß sich diese Erfolge zu einer italienisch • deutsch - österreichisch - ungarisch- bulgarisch-griechisch-türkischen Front ausbauen ließen. Für Leute, die sich in so weitreichenden politischen Zukunstsillusionen wiegen, war die kritische und reservierte Aufnahme der jüngsten scharf gegen Frankreich zugespihten Mussolini-Rede in Deutschland — trotz der in ihr enthaltenen Verheißungen im Hinblick auf die Friedensrevisionen — eine empfindliche Abkühlung. Sie zeigte, daß sich das offizielle Deutschland nach wie vor nidjt aus seiner behutsamen außenpolitischen Richtung locken und in ein fragliches Abenteuer hineinzerren lasse. Doch eben dieser Geist nüchterner Heberlegung prädestiniert Deutschland in den Augen realer Wirtschaftspolitiker des Südostens, an dem Schicksal der Donaustaaten, von dem es durch keinen Außenstehenden für die Dauer losgelöst werden kann, wieder entscheidenden Anteil zu nehmen. Wenn es erst Ordnung im eigenen Hause geschaffen und wenn sich die rivalisierenden Mittclmeerstaaten in diesem undurchdringlichen Termin endgültig festgelaufen haben.
Hessische Vereinigung für Volkskunde.
Zahresiagung in Schotten.
Von unserem Sonderberichterstatter.
* Schotten, 30. Noo. Die Hessische Vereinigung für Volkskunde hielt gestern hier ihre sehr gut besuchte Jahrestagung ab, die von Kreisschulrat Hasenzahl (Schotten) sorgfältig vorbereitet war. Oberstudiendirektor Dr. F a - ber (Friedberg), der Vorsitzende der Vereinigung, eröffnete die Versammlung mit herzlicher Begrüßung, die vor allem auch den Vertretern der staatlichen, städtischen und kirchlichen Behörden (Oberkirchenrat D. Wagner, Gießen) galt. Mit trefflichen Worten über die Bedeutung der Volkskunde erwiderten Schulrat Hasenzahl im Auftrage der Regierung und Bürgermeister Menge! namens der Stadt den Willkomm.
Oie Borträge.
Universitäts-Professor Dr. Maurer (Gießen) hielt einen instruktiven Lichtbildervortrag über den
Deutschen volkskundeatlas.
Er stellte einleitend die Volkskundeforschung in Parallele zur Mundartforschung und zeigte, wie beide von der beschreibenden über die geschichtliche zur geographischen Arbeitsweise gekommen sind. Als Grundlage für die volkskundlichen geographischen Untersuchungen ist der Volkskundeatlas notwendig. Dieser soll die gegenwärtigen Volks- überliefcrungen im ganzen zusammenhängenden deutschsprachigen Kulturgebiet Europas zu erfassen uchcn. Es ist deshalb nicht nur in Deutschland, andern auch in Oesterreich und in der Tschecho- lowakei eine großzügige Organisation mit der Zentrale Berlin und zahlreichen Landesstellen angelegt worden. Die hessische Landes st eile ist beim Südhessischen Wörterbuch in Gießen untergebracht und wird von Professor Dr. Maurer geleitet. Die Aufnahmen erfolgen in indirektem Verfahren durch Fragebogen, für deren Bearbeitung sich, wie bei früheren ähnlichen Unternehmungen, vor allem wieder die Lehrerschaft zur Verfügung gestellt hat. Durch Auswertung der bereits versandten Probefragebogen konnte der Redner an einigen hessischen Beispielen überzeugend zeigen, wie interessant die Zusammenhänge sind, die zwischen politischer Geographie und Sprach- und Dolks- kundegeographie bestehen.
Aus der Erfahrung eines reichgesegneten Landlehrerlebens behandelte Lehrer Würz (Eichelsdorf) das Thema
„Die Volkskunde als Helferin in der heimatfchule".
Auf Pestalozzischen Erziehungsgrundsätzen fußend, fordert der Redner nur die Behandlung solcher Stoffe der wissenschaftlichen Heimat- und Volkskunde, die lebensnah, kindesgemäß und bildend find,
brauchte Klischee der unvermeidlichen drei Akte zu verbannen, von denen der letzte notorisch miserabel und musikalisch meist vollkommen erschöpft war. Sie wählten eine Zweiteilung, die sich ganz zwanglos aus der Handlung ableiten läßt; und durch das korrespondierende Vor- und Nachspiel erhält das heitere Werbchrn eine wohltuende Rundung und Geschlossenheit, indem die Vorgänge bildhaft in den Ablauf einer Gerichtsverhandlung eingespannt werden.
Ebenso erweist sich die Partitur des für dieses Genre ungemein talentierten Benatzky als eine überraschend originelle und selbständige Arbeit; er schrieb eine Musik, die bei aller gebotenen Leichtigkeit und Heiterkeit Niveau und Eigenart aufweist, die dem modernen Gehör angepaßt ist, die aber trotzdem ausgesprochen melodiös, sangbar und tanzgerecht erscheint, — mit einer vielfach sehr markanten rhythmischen Linienführung.
Die Aufführung unter Dr. Rolf Prasch verwirklichte den alten Lieblingsgedanken des Intendanten, eine bodenständige Operette mit eigenen Mitteln und eigenen Kräften herauszubringen, und der entschiedene Erfolg dieses Versuches hat ihm erneut recht gegeben; man sah eine einfallsreiche und witzige, mit viel Liebe, Sorgfalt und einer Fülle hübscher Einzelmotive ausgestattete Inszenierung.
Die Regie wurde durch die exakte, schmissige Orchesterleitung von Fritz 6u j e und durch die eleganten, apart getonten Dekorationen von Löffler vorzüglich unterstützt, während in der Arrangierung der Tänze die gefällig ordnende und führende Hand B ä u l k e s, der die Einrichtung überwachte, deutlich zu spüren war.
Die Besetzung erwies die stellenweise erstaunliche Eignung unseres Schauspiel-Ensembles für musikalische Aufführungen noch entschiedener als die früheren Versuche auf diesem Spezialgebiet. Insbesondere Herr Hub, der zweifellos einen besonders guten Tag hatte, fand in der Rolle des Dr. Roger Fleuriot eine brillante Gelegenheit, seine große und sympathische Operettenbegabung ins beste Licht zu stellen. Sein schönes, tragfähiges Organ und ein von ungezwungenem Humor und natürlicher Liebenswürdigkeit getragenes Spiel machten seine Darstellung zur besten Leistung innerhalb des Ensembles.
zur gegenwärtigen Kultur in Beziehung stehen und als arbeitendes Wissen immer wieder Verwendung finden können. Die Volkskunde bestimmt die Form der Bildungsarbeit in der Heimatschule, die über die Heimat- zur Volksverbundenheit führen muß.
Heber die D.arbeitung des von der Hessischen Vereinigung für Volkskunde gemeinsam mit der Biologischen Fachgruppe der heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft bearbeiteten
volksbotanischen Fragebogens,
der bereits ins Land hinausgegangen ist, berichtete anschaulich Lehrer Ostwald (Bad-Nauheim). Der Redner zeigte an Deispiesim, wie notwendig die Sammlung des volksbo tarn schen Volksgutes unserer engeren Heimat ist, und forderte zu reger Mitarbeit auf bei der Aufzeichnung der volkstümlichen Pflanzennamen und sämtlicher Gebräuche, Meinungen und Derwen- dungsweisen. wie sie im Volke inbezug auf die Pflanzenwelt bestehen.
Schwieriger ist, weil fast noch kein Forschungsmaterial vorliegt, die Behandlung eines anderen Zweiges volkskundlich-naturwissenschaftlicher Arbeit, der
Volkszoologie.
Deshalb war es zu begrüßen, daß Oberstudiendirektor Dr. Faber in einem gründlichen Referat in dieses Gebiet erstmals einführte und zur Sammlung volkszvologischer Heberlieferung anregte. Wie die Fragen, welche Tiere das Volk kennt und welche Stellung das Tier in Sitte, Brauch, Aberglauben, Seelenglauben und in der Volksdichtung einnimmt, zu bearbeiten sind, zeigte der Redner in einem Fragebogen-Entwurf, der der geplanten volkszoologisehen Durchforschung Hessens zugrundegelegt werden soll. Beispiele für die Beantwortung wurden aus der Literatur gegeben.
In einem weiteren Vortrag verbreitete sich Oberstudiendirektor Dr. Faber über die
volkskundliche Sammelarbeil.
Der Redner gab vor allem der Lehrerschaft wertvolle Winke für die Bearbeitung des volkskundlichen Fragebogens, der für die heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaften vom hessischen Kultusministerium ausgegeben worden ist. Cs wurde zunächst zu den Quellen geführt, aus denen das volkskundliche Material fließt (Schrifttum und ileberfieferung), dann die Notwendigkeit des Sammelns in einer Zeit, da alle Ehrfurcht vor dem Alten schwindet, begründet, und schließlich an einigen Beispielen, besonders an dem des Dolks-
Lonh L e u t h o l f (als Dolly Fleuriot) zeigte ebenfalls eine schätzenswerte Eignung für das musikalische Fach; sie fang, spielte und tanzte ihre Partie geschickt, angenehm geläufig und ohne die früher zu monierenden, störenden Heber- treibungen. Einen Sondererfolg leistete sich im zweiten Akt das ganz auf grotesken Humor eingestellte Terzett Linkmann, Bruck, Iahn. Allerdings sollte sich Linkmann, der stellenweise wirklich witzig war, vor billigen Spekulationen auf die Galerie hüten, während Druck gesanglich und darstellerisch ein wenig lockerer werden und Frl. Iahn stimmlich mehr aus sich herausgehen dürfte. In kleineren Aufgaben: Ritter und Zingel. —
Das Publikum war in bester Stimmung und ging angeregt mit. Es gab mehrere Wiederholungen. Zuletzt erschien der Intendant mit den Hauptdarstellern. Das Stück dürfte zahlreiche Aufführungen erleben. hth.
Marathonlauf der Kellner.
Die Pariser Kellner sind stolz auf ihre Beweglichkeit und Behendigkeit, und zur Psiege dieser Eigenschaften wird alljährlich ein „Marathonlauf" der Kellner in Paris veranstaltet, der von der Spitze des Montmartre nach der Rue Doudeau- ville über eine Strecke von 3,5 Kilometer aus- gefüfjrt wird. Es waren diesmal 200 Wettbewerber, die sich an dem Preiskampf der Kellner beteiligten. Ein Durstiger, der den langen Zug der „Gartons“ beobachtete, hätte die Qualen des Tantalus ertragen müssen, denn jeder Kellner trug ein Tablett, das mit einer Likörflasche und vier Gläsern beseht war. An vier Punkten der Laufbahn muhten sie grade so lange stillstehen, um immer eins der Gläser zu füllen und bann mit den gefüllten Gläsern weitermarschieren. Ein eigentliches Laufen ist bei diesem Wettbewerb nicht gestattet, sondern nur ein möglichst schnelles Gehen. Wer rennt, muß aufgeben, und natürlich auch jeder, der die Flasche oder eins ber Gläser zerbricht. So balancierten sie denn eilfertig im Geschwindtempo dahin und boten ein Schauspiel, das eine große Zuschauerschar anlockte. Die Kellner haben übrigens eine Anzahl der besten französischen Läufer gestellt, die sich in diesem Sport ausgezeichnet haben.


