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Nr. 281 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Montag, 1. vezeinber (930

Das Agrarproblem im Südosten.

Don Or. Gustav Erenyi.

Der Aufsatz behandelt die Probleme, die bei dem Besuch des ungarischen Mi­nisterpräsidenten Grafen Dethlen im Mit­

telpunkt der Diskussion gestanden haben. Budapest, im November.

Seit Kriegsabschluß gärt es unablässig in den Donauländern, die verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Krisen lösen einander förm­lich ab. Doch trugen bisher sämtliche Derwick- lungen im Endergebnis dazu bei, die wirtschafts­politisch so mannigfach zusammengehörende Ge- bietsmosse diffuser zu gestalten. Das gegen­wärtige Liebel, das schwerer noch als alle vor­hergehenden auf den Bolkern des Südostens lastet, drängt nun nach langer Zeit z^m ersten Male wieder zu einer Verständigung zwi­schen den feindlich getrennten Staaten. Es han­delt sich um die Agrarkrise, die derzeit die ganze Welt erschüttert, in diesen Ländern ober besonders schicksalsschwere Formen an­nimmt. Seit 1894 haben die Preise der Drot- früchte keinen derartigen Tiefstand erreicht. Da­mals handelte es sich jedoch um ein rasch vor­übergehendes Detailproblem, das keineswegs die Existenzinteressen breiter Erwerbsschichten er­schüttern konnte. Heute tragen die beispiellose Spannung zwischen Roh st off- und Kleinhandelspreisen, die Schwierigkeiten der Kreditbeschaffung und die Wider­sprüche zwischen privater Rot und dem erhöh­ten Steuerbedarf des Staates zur unheilvollen Versteifung der Lage bei. Der Leid­tragende dieses Zustandes ist in erster Reihe nicht der Großgrundbesitz, sondern die beschei­den installierte und über keine Kapitalreserven verfügende Bauernschaft, die durch die fortfah­rende Deroute der Getreidepreise selbst in reich tragenden Gegenden völlig verarmt und in eine seelische Verfassung verseht ist, die für Umstürze aller Art eine geeignete Unterlage bildete.

Der Agrarkrise gegenüber befinden sichIug o- slawien, Rumänien und U n g a r n so ziem­lich in der gleichen Situation. Alle drei Länder haben einen ausgeprägten Agrar- ch a r a k t e r, sind in vorherrschendem Maße weizenproduziercnde Staaten, hin­sichtlich welcher Frucht sich die Folgen der ame­rikanischen Ueberproduktion bekannt­lich besonders stark auswirken. Die Krise nahm besonders scharfe Formen durch den Umstand an, daß sie das Gros der Landwirte, das sich bei den noch vor zwei Jahren bestandenen ver­hältnismäßig hohen Preisen auf Cinlagerungs- manöver und Terminspekulationen einließ, ziem­lich unvorbereitet traf. Das Bestreben nach wirtschaftlicher Autarkie, von dem heute, im Zustande mannigfacher grenzpolitischer Isolierungen, fast jeder mitteleuropäische Staat erfaßt ist, verschlimmerte noch die Verlegenheit des Agrarstandes. Besonders in Ungarn machte sich in den letzten Jahren ein starker Hang zur industriellen Entwicklung geltend, wel­chem Ziele man in der Hauptsache durch ein recht gewaltsames Hochschraubcn der Schutzzölle für heimatliche Industrieprodukte näherzukommen trachtete. Natürlich war in Anbetracht der nicht minder starken Agrarschuhbewegungen, die heute in Deutschland herrschen, eine wirtschaft­liche Verständigung zwischen diesen beiden Staa­ten sehr erschwert, und hierin ist der Grund zu suchen, daß zwischen Deutschland und Ungarn bis auf heute kein definitiver Handels- vertrag erzielt werden konnte. Den Landwirten ist freilich eine solche Politik, die ohne von heute auf morgen eine lebensfähige Industrie schaffen zu können die Deschaffungs- und Absatzkrise im Agrarbereiche nur noch erhöht, nicht weniger als recht. Der unter den mißlichen Verhältnissen von heute so viel erörterte Ueber- gang zu anderen landwirtschaftlichen Produk­

tionszweigen scheiterte bislang an organisatori­schen Schwierigkeiten.

Das natürliche Streben, aus der gemeinsamen Not einen gemeinsamen Ausweg zu finden, führten seit der heute bereits halb vergessenen, noch vor der Gründung der Kleinen Entente stattgefundenen Konferenz von Portorose, in der sämtliche Oststaaten vereint den Anlauf zu einer Politik wirtschaftlicher Gemeinsamkeit genommen hatten, diesmal wieder zu den ersten, ernst zu nehmenden Versuchen, die wirtschastliche Tren- nungskluft zwischen den politischen Antagonisten­staaten im Südosten zu überbrücken. Im Zeichen der Agrarkrise reihte sich Konferenz an Kon­ferenz. Nach Bukarest, Sinaia und Warschau wurde das gleiche Thema auch von der Balkan- konferenz und mit ziemlicher Eindringlichkeit auch im Wirtschaftsausschuß des Völker­bundes angeschnitten. Cs beteiligten sich an diesen Beratungen zum Teil auch Staaten, die sich in einer gewissen Entfernung von dem eigent­lichen Erregungsherd befinden, aber es stand außer Zweifel, daß die erwähnten drei Staaten durch die Krise am ärgsten zu leiden haben. Indes gelang es bisher trotz der mannigfachsten Projekte nicht, über gemeinsame Abwehrmaß- nahmen einig zu werden. Es wurde erwogen, die Preisgestaltung der Agrarprodukte künstlich durch eine Kontingentierung der amerikanischen Getreideeinfuhr oder durch ein Präferenzzoll­system innerhalb der interessierten Agrarstaaten zu beeinflussen. Aber beide Vorhaben scheiter­ten entweder an politischen Bedenken im Ver­bände der Agrarstaaten selbst oder an dem Veto der Industriestaaten, die eine Verstimmung von seiten Amerikas befürchteten.

Bezeichnend für diese Beratungen war das zögernde Verhalten, das .Ungarn ihnen gegen­über einnahm. Man schwankte hier osfensichtlich 3tri chen w r.schastlichrm Ab e inun^bn ürfnis und der Angst, durch ein solches in eine politische Linie gedrängt zu werden, die den proitalienischen Auhenkurs gefährden könnte. Namentlich schien man die Furcht zu hegen, daß hinter den Agrarstaaten Rumänien und Iugoslawien sich irgendwie auch die nicht ausgesprochen land­wirtschaftlich orientierte Tschechoslowakei verbergen und durch den von rumänischer Seite ausgedehnten Alarmruf zur Bildung einer ge­meinsamen Agrarfront in Wirklichkeit auf Um­wegen der Versuch unternommen werden könnte, den Ostlocarnoplan des tschechischen Außen­ministers B e n e s ch zu verwirklichen. Wieder einmal befehdeten sich die wirtschaftlichen und die politischen Gesichtspunkte und es scheint einst­weilen, als ob immer noch die letzteren stärker wären. Ungarn versucht vorerst den Abwehr­kampf gegen die Agrarkrise vermittels einer eige­nen Roßkur, indem es dieB o l l e t t e" erfand. Es ist dies ein Preiszuschlag von drei Pengö für einen Meterzentner Weizen oder Roggen, den der Händler dem Hrprodu- Renten in der Form eines Scheines zu er­statten hat. Dieser Schein kann für Steuer­zahlungen verwendet werden, und die Regierung erhoffte von seiner Einführung eine sofortige Besserung der landwirtschaftlichen Rot. In Wirklichkeit sanken jedoch seit der Einführung der Doltette die Getreidepreise fortgesetzt, und wenn man heute daran denkt, den dem Landwirt zustehenden Preiszuschlag auf das Doppelte zu erhöhen, so wäre dies mit einer gänzlichen Lahm­legung des Getreidehandels und der Mühlen­industrie gleichbedeutend, eine Entwicklung, über die sich zu freuen der Oekonom am allerwenigsten Grund hätte.

In solche Verquickungen spielt der in den süd- osteuropäischen Zonen bereits seit Iahren ent­fesselte Wettstreit zwischen Paris und Rom verschärfend mit hinein. Von französischer Seite ist man fieberhaft um die Schaffung einer Einheitsfront im Südosten bemüht, um dieserart

Oberhessischer Kunstverein.

Weihnachts-Ausstellung Hünstlcrhilfc 1930.

Wie alljährlich findet auch Heuer wenige Wochen vor Weihnachten wieder eine Verkaufsausstellung der Künstlerhilfe in den Räumen des O b e r h e s - fischen Kun st Vereins im Turmhaus am Brandplatz statt. Es sind im ganzen zwanzia hes­sische Künstler vertreten; man findet hier Arbei­ten von Barnas, Barthel, Buff, Eimer, Fries, Geist, -Klingelhöfer, Klipstein, Kranz, Küchel, List, Lortz, Blaus, Rieger, Rohrbach, Scheid, Stegmayer, Stein­bach, Stephan und Will. Es kann sich in dieser Besprechung weniger um die eingehende Wertung ein­zelner Künstler und Ausstellungsstücke handeln als vielmehr um einen Ueberblict über das Darge­botene, um eine Empfehlung und Anregung zur Besichtigung und, womöglich, auch zur Erwerbung des einen oder andern Werkes.

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Aus einem Rundgang durch die Ausstellung möchten wir, ohne etwa auf eine restlose Aus­zählung (die sich schon aus räumlichen Gründen verbieten würde) Gewicht zu legen, eine Anzahl von Arbeiten heroorheben, die uns stofflich oder künstlerisch besonders bemerkenswert erscheinen. So dürfte etwa von Rohrbach ein Blick in den Schiffenberghof interessieren; von Klingelhöfer sei ein Stilleben mit Krug erwähnt; die Darm­städterin Stegmayer ist u. a. mit einigen Mo­tiven aus Paris vertreten, daneben sollte ein Aquarell aus Dinkelsbühl nicht übersehen werden. Don den zahlreichen Arbeiten Mills empfehlen wir ein kräftiges Bild von der Bleiche an der Lahn; auch ein Porträtkopf wäre zu beachten. Ein paar feine Radierungen sieht man von Felix Klipstein in Laubach, Alpenlandschaften (Aqua­rell) von Buff. Stephan bringt seine land­schaftlichen Federzeichnungen, die vorwiegend hei­matliche Motive behandeln (Schlitz, Gleiberg usw.). Lortz ist mit einem hübschen Blumenstück zu nennen, ähnliche Motive zeigt Kranz, Architektur­stücke und Landschaftliches findet man von Bar­thel. Von Rieger dürfte ein Blick auf die Gie­ßener Stadtkirche hier Beachtung verdienen. Küchel stellt, wie in früheren Jahren, kunstge­werbliche Schmuckstücke aus. Ferner: drei tüchtige Aquarelle von Maus, der übrigens auch ein sehr gutes, hier überraschend modernes Selbstbildnis vorführt. Mit Vergnügen bemerkt man wieder die beweglichen, locker gemalten Pferde- und Reiter­

bilder von Scheid in Darmstadt. Der häufig hier ausstellende Drtenberger Carl Fries und Geist (Wimpfen) zeigen heimatliche Landschaften; Rie­ger hat etliche keramische Arbeiten beigesteuert. Dem eben erwähnten Porträt von Maus stehen die Malereien von Steinbach stilistisch am nächsten, obwohl die diesmal vorgeführten Arbeiten malerisch erheblich gemäßigter wirken als die früheren Proben; besonders zu empfehlen: die Vesper". Von List, nebenan, sieht man Land­schaftsaquarelle und ein dekoratives Blumenstück. Eine freundliche oberhessische Landschaft von Eimer; Vogelsberg-Bilder von Barnas. Radie­rungen gibt es noch von Kranz, Will (Gieße­ner Straßenbilder) und Eimer.

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Die Ausstellung bringt Oelgemälde, Aquarelle, Handzeichnungen, Graphik und Kunstgewerbe und dürfte also in ihrer Zusammensetzung allen Wün- schen des hoffentlich kauflustigen Publikums Rech­nung tragen; zumal die Preise allenthalben den gegenwärtigen schwierigen Zeitverhältnissen ange- paßt sind. Es ist sehr zu wünschen, daß die gestern mit einer Ansprache des Vorsitzenden. Landgerichts­direktors a. D. Bücking, eröffnete Ausstellung ein befriedigendes Ergebnis zeitigen werde zum Besten der unter der wirtschaftlichen Rot leidenden hessischen Künstlerschaft.

Gießener Staditheater.

Meine Lchwester und ich."

Das war ein sehr hübscher und lustiger Theater­abend: großer und verdienter Erfolg einer mo­dernen Operette.Meine Schwester und ich" ist ein musikalisches Lustspiel in zwei Akten mit Vor­spiel und Nachspiel nach Derr und Derneuil, deutsch von Robert Blum. Musik und Gesangs­texte von Ralph Benatzky. Hier finden sich endlich einmal erfreuliche Ansätze, in Partitur und Libretto über das ausgetretene, flach: und kon­ventionelle Schema hinaus zu einem neuen und lebensfähigen Operettenstil zu gelangen.

Die Handlung ist (ohne Heberspanntheit und Verstiegenheit) ganz einfach und anspruchslos; sie beruht auf einem Liebes-, Derwandlungs- und Derwechslungsmotiv; aber sie hat Einfälle, Witz und gelegentlich eine ausgelassen - parodistische Kabarettnuance, und die Autoren haben den be­grüßenswerten Wut aufgebracht, einmal das ver-

die österreichischen Anschluhgelüste zu konter­karieren und den ungarischen Widerstand zu brechen. Diesem Zweck diente die Rundreise Loucheurs durch sämtliche Südoststaaten im vorigen Sommer, und in den letzten Wochen ein gleiches Hntemehmen des Handelsministers Flandin. Er wurde namentlich in Budapest auffallend lau empfangen, und wenige Tage später fuhr der ungarische Ministerpräsident Graf Dethlen nach der Türkei, um die Freundschaft mit Kemal-Pascha weiter aus­zubauen, und merkwürdigerweise fiel sein Aufent­halt in Angora in dieselbe Zeit, in der auch Denizelos dort weilte, um die auf Iahr- hunderte zurückreichende türkisch-griechische Riva­lität durch einen Freundschastsvertrag zwischen den beiden Staaten abzuschließen. Das sind zu­sammen mit den neugeknüpften Hei rat s banden zwischen dem bulgarischen und italienischen Herr­scherhause offenkundige Erfolge der faschi­stischen Außenpolitik. Man ist in ge­wissen ungarischen Kreisen geneigt, im Hinblick auf die letzten Wahlen in Deutschland und Oester­reich und den Besuch des Grasen Dethlen in

Berlin zu glauben, daß sich diese Erfolge zu einer italienisch deutsch - österreichisch - ungarisch- bulgarisch-griechisch-türkischen Front ausbauen ließen. Für Leute, die sich in so weitreichenden politischen Zukunstsillusionen wiegen, war die kritische und reservierte Aufnahme der jüngsten scharf gegen Frankreich zugespihten Musso­lini-Rede in Deutschland trotz der in ihr enthaltenen Verheißungen im Hinblick auf die Friedensrevisionen eine empfindliche Abkühlung. Sie zeigte, daß sich das offizielle Deutschland nach wie vor nidjt aus seiner be­hutsamen außenpolitischen Richtung locken und in ein fragliches Abenteuer hineinzerren lasse. Doch eben dieser Geist nüchterner Heberlegung prädestiniert Deutschland in den Augen realer Wirtschaftspolitiker des Südostens, an dem Schick­sal der Donaustaaten, von dem es durch keinen Außenstehenden für die Dauer losgelöst werden kann, wieder entscheidenden Anteil zu nehmen. Wenn es erst Ordnung im eigenen Hause geschaffen und wenn sich die rivalisierenden Mittclmeerstaaten in diesem undurchdringlichen Termin endgültig festgelaufen haben.

Hessische Vereinigung für Volkskunde.

Zahresiagung in Schotten.

Von unserem Sonderberichterstatter.

* Schotten, 30. Noo. Die Hessische Ver­einigung für Volkskunde hielt gestern hier ihre sehr gut besuchte Jahrestagung ab, die von Kreisschulrat Hasenzahl (Schotten) sorg­fältig vorbereitet war. Oberstudiendirektor Dr. F a - ber (Friedberg), der Vorsitzende der Vereinigung, eröffnete die Versammlung mit herzlicher Begrü­ßung, die vor allem auch den Vertretern der staat­lichen, städtischen und kirchlichen Behörden (Ober­kirchenrat D. Wagner, Gießen) galt. Mit treff­lichen Worten über die Bedeutung der Volkskunde erwiderten Schulrat Hasenzahl im Auftrage der Regierung und Bürgermeister Menge! namens der Stadt den Willkomm.

Oie Borträge.

Universitäts-Professor Dr. Maurer (Gießen) hielt einen instruktiven Lichtbildervortrag über den

Deutschen volkskundeatlas.

Er stellte einleitend die Volkskundeforschung in Pa­rallele zur Mundartforschung und zeigte, wie beide von der beschreibenden über die geschicht­liche zur geographischen Arbeitsweise gekommen sind. Als Grundlage für die volkskundlichen geo­graphischen Untersuchungen ist der Volkskundeatlas notwendig. Dieser soll die gegenwärtigen Volks- überliefcrungen im ganzen zusammenhängenden deutschsprachigen Kulturgebiet Europas zu erfassen uchcn. Es ist deshalb nicht nur in Deutschland, andern auch in Oesterreich und in der Tschecho- lowakei eine großzügige Organisation mit der Zen­trale Berlin und zahlreichen Landesstellen angelegt worden. Die hessische Landes st eile ist beim Südhessischen Wörterbuch in Gießen unterge­bracht und wird von Professor Dr. Maurer ge­leitet. Die Aufnahmen erfolgen in indirektem Ver­fahren durch Fragebogen, für deren Bearbeitung sich, wie bei früheren ähnlichen Unternehmungen, vor allem wieder die Lehrerschaft zur Ver­fügung gestellt hat. Durch Auswertung der bereits versandten Probefragebogen konnte der Redner an einigen hessischen Beispielen überzeugend zeigen, wie interessant die Zusammenhänge sind, die zwi­schen politischer Geographie und Sprach- und Dolks- kundegeographie bestehen.

Aus der Erfahrung eines reichgesegneten Land­lehrerlebens behandelte Lehrer Würz (Eichels­dorf) das Thema

Die Volkskunde als Helferin in der heimatfchule".

Auf Pestalozzischen Erziehungsgrundsätzen fußend, fordert der Redner nur die Behandlung solcher Stoffe der wissenschaftlichen Heimat- und Volks­kunde, die lebensnah, kindesgemäß und bildend find,

brauchte Klischee der unvermeidlichen drei Akte zu verbannen, von denen der letzte notorisch miserabel und musikalisch meist vollkommen erschöpft war. Sie wählten eine Zweiteilung, die sich ganz zwang­los aus der Handlung ableiten läßt; und durch das korrespondierende Vor- und Nachspiel erhält das heitere Werbchrn eine wohltuende Rundung und Geschlossenheit, indem die Vorgänge bildhaft in den Ablauf einer Gerichtsverhandlung einge­spannt werden.

Ebenso erweist sich die Partitur des für dieses Genre ungemein talentierten Benatzky als eine überraschend originelle und selbständige Arbeit; er schrieb eine Musik, die bei aller gebotenen Leichtig­keit und Heiterkeit Niveau und Eigenart aufweist, die dem modernen Gehör angepaßt ist, die aber trotzdem ausgesprochen melodiös, sangbar und tanzgerecht erscheint, mit einer vielfach sehr markanten rhythmischen Linienführung.

Die Aufführung unter Dr. Rolf Prasch ver­wirklichte den alten Lieblingsgedanken des Inten­danten, eine bodenständige Operette mit eigenen Mitteln und eigenen Kräften herauszubringen, und der entschiedene Erfolg dieses Versuches hat ihm erneut recht gegeben; man sah eine einfalls­reiche und witzige, mit viel Liebe, Sorgfalt und einer Fülle hübscher Einzelmotive ausgestattete Inszenierung.

Die Regie wurde durch die exakte, schmissige Orchesterleitung von Fritz 6u j e und durch die eleganten, apart getonten Dekorationen von Löffler vorzüglich unterstützt, während in der Arrangierung der Tänze die gefällig ordnende und führende Hand B ä u l k e s, der die Einrich­tung überwachte, deutlich zu spüren war.

Die Besetzung erwies die stellenweise erstaun­liche Eignung unseres Schauspiel-Ensembles für musikalische Aufführungen noch entschiedener als die früheren Versuche auf diesem Spezialgebiet. Insbesondere Herr Hub, der zweifellos einen besonders guten Tag hatte, fand in der Rolle des Dr. Roger Fleuriot eine brillante Gelegen­heit, seine große und sympathische Operetten­begabung ins beste Licht zu stellen. Sein schönes, tragfähiges Organ und ein von ungezwungenem Humor und natürlicher Liebenswürdigkeit ge­tragenes Spiel machten seine Darstellung zur besten Leistung innerhalb des Ensembles.

zur gegenwärtigen Kultur in Beziehung stehen und als arbeitendes Wissen immer wieder Verwendung finden können. Die Volkskunde bestimmt die Form der Bildungsarbeit in der Heimatschule, die über die Heimat- zur Volksverbundenheit führen muß.

Heber die D.arbeitung des von der Hessischen Vereinigung für Volkskunde gemeinsam mit der Biologischen Fachgruppe der heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft bearbeiteten

volksbotanischen Fragebogens,

der bereits ins Land hinausgegangen ist, berich­tete anschaulich Lehrer Ostwald (Bad-Nau­heim). Der Redner zeigte an Deispiesim, wie notwendig die Sammlung des volksbo tarn schen Volksgutes unserer engeren Heimat ist, und for­derte zu reger Mitarbeit auf bei der Aufzeich­nung der volkstümlichen Pflanzennamen und sämtlicher Gebräuche, Meinungen und Derwen- dungsweisen. wie sie im Volke inbezug auf die Pflanzenwelt bestehen.

Schwieriger ist, weil fast noch kein Forschungs­material vorliegt, die Behandlung eines anderen Zweiges volkskundlich-naturwissenschaftlicher Ar­beit, der

Volkszoologie.

Deshalb war es zu begrüßen, daß Oberstudien­direktor Dr. Faber in einem gründlichen Re­ferat in dieses Gebiet erstmals einführte und zur Sammlung volkszvologischer Heberlieferung an­regte. Wie die Fragen, welche Tiere das Volk kennt und welche Stellung das Tier in Sitte, Brauch, Aberglauben, Seelenglauben und in der Volksdichtung einnimmt, zu bearbeiten sind, zeigte der Redner in einem Fragebogen-Entwurf, der der geplanten volkszoologisehen Durchforschung Hessens zugrundegelegt werden soll. Beispiele für die Beantwortung wurden aus der Literatur gegeben.

In einem weiteren Vortrag verbreitete sich Oberstudiendirektor Dr. Faber über die

volkskundliche Sammelarbeil.

Der Redner gab vor allem der Lehrerschaft wert­volle Winke für die Bearbeitung des volkskund­lichen Fragebogens, der für die heimat­kundlichen Arbeitsgemeinschaften vom hessischen Kultusministerium ausgegeben worden ist. Cs wurde zunächst zu den Quellen geführt, aus denen das volkskundliche Material fließt (Schrifttum und ileberfieferung), dann die Notwendigkeit des Sammelns in einer Zeit, da alle Ehrfurcht vor dem Alten schwindet, begründet, und schließlich an einigen Beispielen, besonders an dem des Dolks-

Lonh L e u t h o l f (als Dolly Fleuriot) zeigte ebenfalls eine schätzenswerte Eignung für das musikalische Fach; sie fang, spielte und tanzte ihre Partie geschickt, angenehm geläufig und ohne die früher zu monierenden, störenden Heber- treibungen. Einen Sondererfolg leistete sich im zweiten Akt das ganz auf grotesken Humor ein­gestellte Terzett Linkmann, Bruck, Iahn. Allerdings sollte sich Linkmann, der stellenweise wirklich witzig war, vor billigen Spekulationen auf die Galerie hüten, während Druck gesanglich und darstellerisch ein wenig lockerer werden und Frl. Iahn stimmlich mehr aus sich herausgehen dürfte. In kleineren Aufgaben: Ritter und Zingel.

Das Publikum war in bester Stimmung und ging angeregt mit. Es gab mehrere Wieder­holungen. Zuletzt erschien der Intendant mit den Hauptdarstellern. Das Stück dürfte zahlreiche Aufführungen erleben. hth.

Marathonlauf der Kellner.

Die Pariser Kellner sind stolz auf ihre Beweg­lichkeit und Behendigkeit, und zur Psiege dieser Eigenschaften wird alljährlich einMarathonlauf" der Kellner in Paris veranstaltet, der von der Spitze des Montmartre nach der Rue Doudeau- ville über eine Strecke von 3,5 Kilometer aus- gefüfjrt wird. Es waren diesmal 200 Wettbewer­ber, die sich an dem Preiskampf der Kellner be­teiligten. Ein Durstiger, der den langen Zug der Gartons beobachtete, hätte die Qualen des Tan­talus ertragen müssen, denn jeder Kellner trug ein Tablett, das mit einer Likörflasche und vier Gläsern beseht war. An vier Punkten der Lauf­bahn muhten sie grade so lange stillstehen, um immer eins der Gläser zu füllen und bann mit den gefüllten Gläsern weitermarschieren. Ein eigent­liches Laufen ist bei diesem Wettbewerb nicht ge­stattet, sondern nur ein möglichst schnelles Gehen. Wer rennt, muß aufgeben, und natürlich auch jeder, der die Flasche oder eins ber Gläser zer­bricht. So balancierten sie denn eilfertig im Ge­schwindtempo dahin und boten ein Schauspiel, das eine große Zuschauerschar anlockte. Die Kellner haben übrigens eine Anzahl der besten französi­schen Läufer gestellt, die sich in diesem Sport aus­gezeichnet haben.