Nr. 256 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 1. November 193Ö
„Allerseelen bei Arras."
Don Dr. Gustav ttrukenberg.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Stärker als irgendwo sonst steht der einzelne unter dem Eindruck dessen, was in den Jahren 1914—1918 zwischen Somme und Cambrai geschah, wenn er an einen jener riesigen Friedhöfe kommt, in denen man aus weiter Umgebung die Toten aller verstreuten Grabstellen zusammengetra- gen hat. Mörderischer ist kaum je ein Boden für die Menschheit gewesen. Nach Nationen georbnet, so weit sich solche überhaupt erkennen ließen, sind, Reihe neben Reihe, Friedhof neben Friedhof, wohl an hunderttausend Soldaten unweit Arras zur letzten Ruhe gebettet worden.
Der Deutsche besucht juerft jene Anlagen bei Maison Blanche, auf denen über 35 000 Einzelgräber unserer Kameraden sich befinden. Zweimal habe ich im letzten Jahre dort oben gestanden. Seitwärts der Landstraße von Arras nach der Lorettohöhe dehnt sich der deutsche Friedhof aus. Hochsommer war es das erste Mal. Vom Straßen- staub bedeckt, sah man kaum noch das Grün der Eingangshecken. Vergeblich suchten die auf jeder Grabstelle gepflanzten Nelken den trockenen Erdboden ein wenig zu decken. Schlacken und Kies bilden die Wege, die eine der langen Gräberreihen von der anderen trennen. Kein Denkmal, kein Kreuz steht im Mittelpunkt. Ohne sich sammeln zu können, müssen die Augen über Zehntausende schwarzer Holzkreuze schweifen, deren jedes in weißer Farbe einen Namen, oft auch nur eine Nummer trägt. Ganz vereinzelt haben Angehörige aus der Heimat auf ein Grab jene in der Form des Eisernen Kreuzes gestalteten Steine legen lassen, die einst alle Ruhestätten unserer Kämpfer bezeichnen sollen. Hier wirken durch sie die Tausende noch nicht damit geschmückten Hügel besonders leer--.
An unsere Gefallenen in der Somme-Schlacht must ich denken. Wer weiß, wen von ihnen man hierher gebracht hat? Sind jene Nummern dort vielleicht Garde-Füsiliere gewesen, die die Kämpfe um Arras uns geraubt haben? Stehe ich hier an Grabstcllen von Kolberger Grenadieren oder neben alten Kameraden der Feldartillerie-Schieß-Schule? Wo liegen heute die Tapferen aus der Tankschlacht im Dourlonwalbc? Unübersehbar dehnt sich das Feld unserer deutschen Toten. Die Frage nach dem einzelnen verstumnü und man sinnt, um welcher Hoffnungen willen sie alle dahinsanken ...
Richt weit davon liegt ein britischer Friedhof. „Cabaret Rouge" haben die alliierten Berichte im Kriege diese Mulde genannt. Nie ist ein Name schauerlicher gewesen. Nach einheitlichem Plaue bat England bald noch Friedcnsschluß ganz Frankreich mit mustergültigen Friedhofsanlagen durchzogen. Vor jeder wölbt sich, schon von weitem sichtbar, in leuchtendem Sandstein das Eingangstor. Bronzene Kästen bergen die Register der Grab- stellen. Jede einzelne schmückt ein freundlicher Stein, den man außer mit dem Namen noch mit dem Rcgimentswappcn geschmückt hat. Vorbildliche Inschriften weisen im Mittelpunkt jeder Friedhofs- anlage auf das hin, wofür die Soldaten eines Weltreiches ihr Leben gelassen haben. Die Gestal- tung und Pflege der Anlagen sucht ihresgleichen. Wie Staudengarten nehmen sie sich aus. Statt der Wege gehen wir unhörbar auf englischem Rasen, für den man die Grassorten je nach der Bodenart der betreffenden Stelle erst sorgfältig in London ausgeprobt hat. Keiner verläßt solchen Friedhof, ohne zu erkennen, daß man jenseits des Kanals mehr als die bloße Pflichterfüllung gegenüber den Toten im Auge hatte.
Webigc Kilometer bergan, und wir sind oben auf der Lorettohöhe. Heftiger als andere Punkte wurde sie im Kriege umkämpft. Wer von ihr aus herabsieht, kann das heute verstehen. Ungeahnt weit schweift der Blick in die Ebene hinaus. Kein Wunder, daß die Stellungen oft täglich zwischen Feind und Freund wechselten. Nun hat man dort die Gräber von über zwanzigtausend Franzosen zusammengetragen. Aus einem der Brennpunkte an der Westfront wurde Frankreichs größter Nationalfriedhof. Wieder aufgebaut hat man jene Kirche, die den 'Jlaincn „Notre Dame de Lorelte" trägt, und in der seit kurzem auch der letzte Bischof von Arras ruht. Aber den Mittel- pl'mkt für alle Besucher bildet der hochragende Leuchtturm, dessen Licht allabendlich in das weile französische Industriegebiet hinausblinkt. Täglich aufs neue ruft es der dort arbeitenden Bevölkerung zu, mich in Zeiten wie der heutigen jene nickst zu vergessen, die int Dienste für die Gesamtheit das Letzte dahingabcn. Unter dem Turm haben in großen Gewölben Tausende von Gebeinen "lufnahme gefunden, die man, ohne zu wißen, ob sie von Freund ober Feind kamen, bei den Auf- räumungsarbeiten der ganzen Gegend fand. Heb er ihnen ist eine Kapelle errichtet, in der man in feierlicher Form acht unbekannte französische Soldaten aufgebahrt hat. Bald nach dein Kriege wurden bei Verdun, an der Somme und in Flandern je drei nicht mit Namen bezeichnete französische Grabstellen geöffnet. Die in ihnen Ruhenden wurden in äußerlich völlig gleiche Särge gelegt. Ein Kind mit verbundenen Augen mußte aus ihnen jenen bestimmen, der seitdem als der ,.unbekannte Soldat" unter dem Pariser Triumphbogen ruht. Frankreich wollte durch solches Vorgehen die Toten aller Waffen und aller Schlachtfronten gleichmäßig ehren. Die verbliebenen acht Särge wurden auf die Lorettohöhe gebracht, wo sie im Mittelpunkt der ganzen Anlage ihren Platz fanden. Auch der deutsche Soldat ehrt das Schweigen der Stätte, wo die Kämpfer der Gegenseite ihren letzten Schlaf tun.
Auf dem Rückwege nach Arras noch einmal auf unseren eigenen Friedhof tretend, wird man sich nun allerdings noch deutlicher darüber klar, daß die Gräber unserer deutschen Soldaten noch keineswegs die ihnen gebührende Pflege gefunden hoben. Das ist mir besonders zum Bewußtsein gekommen, als ich im November des vergangenen Jahres bei „Maison Blanche" stand. Allerseelen war e e, jener Tag, an dem man auch bei uns in allen katholischen Gegenden die Friedhöfe schmückt, Blumen auf jedes Grab legt und wenn die Dämmerung hereinbricht, Kerzen auf den einzelnen Hügeln entzündet, die dann von weitem her wie ein Flammenmeer ausschauen. In Frankreich ist es an jedem zweiten November nicht anders. Auch zu mir blinkten die Lichter Tausender von Grabstellen der Lorettohöhe herüber, während ich bei sinkendem Tag allein auf dem sonst verlassenen deutschen Fried- Hofe stand. Unaussprechlich traurig nahm er sich aus. Ernst ragten feine dunklen Kreuze in die beginnende Nacht. Keine Möglichkeit war da, so wie anderswo an mit Liebe geschmückter Stelle allen
Gölten Arbeitslose auswandern?
Reichsdeutsche Siedler in Kärnten und Steiermark. — Einwanderung in die früheren deutschen Kolonien. — Weltwirtschaftskrise kein Anreiz, sondern ein Hemmschuh der Auswanderung. - Neues Deutschtum in Südwestafrika. Oie Verhältnisse in Südamerika.
Don Otto Lenker.
Unter brei Millionen Arbeitslosen gibt es zweifellos zahlreiche Menschen, die sich die Frage vorlegen, ob sie nicht ihre alte Heimat derlasfen sollen, um-sich irgendwo im Ausland eine neue Existenz zu verschaffen. Man sollte annehmen, daß die Zahl der Auswanderer in Zeiten wirtschaftlicher Rot wachst. Aber das Gegenteil ist richtig. Roch im Jahre 1928 zählte man an den deutschen Grenzen 56 000 Auswanderer, aber im folgenden Jahr ging ihre Zahl auf 43000 zurück. Das hat vor allem zwei Gründe. Erstens gehört auch zur Auswanderung ein gewisses Kapital, über das die meisten Auswanderungslustigen nicht verfügen, und zweitens sind die Aussichten in den meisten ausländischen Staaten heute ebenfalls nicht rosig, da die Wirtschaftskrisis eine Welterscheinung ist. Die Zeiten sind vorüber, in denen man es wagen konnte, mit einigen Mark in der »Tasche als Schiffsheizer die Reife über den „großen Teich" anzutreten, um drüben sein Glück zu versuchen. Der Wandertrieb wird schon dadurch eingeschränkt, daß die meisten Einwande- rungsländer an derGrenzedenAachweis einer Geldsumme verlangen, die den Einwanderer möglichst für ein ganzes Jahr sicher stellen soll. Dazu kommen andere Er- Lärungen. So ist die Einwanderung in die Ve r - einigten Staaten dadurch zurückgegangen, daß im Jahre 1929 das deutsche Kontingent von 51000 aus 26 000 Personen herabgesetzt wurde. Wer heule in die Vereinigten Staaten auswandert, tut es meist auf Einladung von Verwandten oder ‘Setanntcn, die ihn auch mit den nötigen Mitteln versehen und ihm eine Stellung in Aussicht stellen.
Sollen Arbeitslose auswanbem? Zweifellos ist es unmöglich, daß die Massen von Erwerbslosen durch Auswanderung wieder Arbeit finden. Aber tocmi auch nicht für mehrere Millionen Menschen Arbeit beschafft werden kann, so wäre es doch vielleicht möglich, daß wenigstens manches Einzelschicksal befser gestaltet werden könnte. Doch selbst das ist sehr zweifelhast. Manche Auswanderertragödie sollte abenteuerliche Aaturen schrecken. Zumindest sollte niemand den Schritt inS Ungewisse über die Grenzen tun, ohne vorher die amtlichen Stellen b e f r a g t zu haben. Außer dem Reichswanderungsamt, das die gesamte Auswanderungsfrage bearbeitet, besteht noch eine Reihe behördlich anerkannter Organisationen, die den Wanderlustigen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Zusammengefaßt sind diese Organisationen in der „Vereinigung fürdeutscheSied- lung undWanderung", die auf überparteilicher G.rundlage arbeiten, auch in religiöser Beziehung' da ihr z. D. folgende Verbände angeschlossen sind: Der „Evangelische Hauptverein für deutfche Ansiedler und Auswanderer", der „Cari- taS-Verband für das katholische Deutschland", und die „Hauptstelle der jüdischen Wandererfürsorge". Der Aufgabenkreis dieser Spitzenorganisation erweitert sich von Jahr zu Jahr. Rian bemüht sich, den Unterhalt der im Heimatland verbliebeium Familienmitglieder von Ausgewanderten sichrr- zustellen. Die Ausländer sollen möglichst ebenso wie die einheimische Bevölkerung in die soziale Versicherung der verschiedenen Länder eingegliedert werden, mittellosen Auswanderern will man die Rückkehr ermöglichen: es gibt Institutionen, die sich für die geistige Fortbildung der Auswanderer einsetzen, es gibt Stellen, die vertriebene oder sonst unschuldig in Rot geratene Auswanderer schützen wollen. Die „Vereinigung für Siedlung und Wanderung" hat im vergangenen Jahr 2640 Auskünfte erteilt, die meist auf schriftlichem Weg eingeholt tourben. Sicherlich wurde durch diese Tätigkeit viel Llnheil verhütet: aber man kann doch nicht sagen, daß damit für die Auswanderungs» luftigen schon genug geschehen sei.
Im Allgemeinen befinden sich unter den Ratsuchenden in zunehmendem Maße Landwirte, die über das für den Ankauf erforderliche Kapital verfügten und sachliche Auskünfte wünschten. Soweit die Ansiedlung dieser Landwirte in Deutschland selbst nicht in Frage kam. wurde in erster Linie auf die Ansiedlungsnröglichkeiten inÄärn- t c n und in Steiermark verwiesen. Mancher, der schon fest entschlossen war, nach kleber- fee zu gehen, ließ sich zu einer Besichtigungsreise in die österreichischen Grenzländer bestimmen, und hat sich dort später angekauft. Wohlhabende Landwirte wurden außerdem mit 'Erfolg auf die Riederlassungsmöglichkeiten in den alten deutschen Kolonien hingewiesen. War weder die Auswanderung nach Oesterreich oder in die trüberen Schutzgebiete Südwestafrika und Ostafrita möglich, so wurde der Anschluß an eine der überwiegend deutsch stämmigen Siedlungen in Ueberfcc empfohlen. Wenn vielen Landwirten zugeredet wurde, sich
in österreichischen Grenzlanden anzusiedeln, so geschah dies nicht nur zur Stärkung des deutschen Volkstums, sondern auch aus rein praktischen Erwägungen, im materiellen Interesse der Auswanderer. Steiermark umfaßt heute ein Gebiet von 1637 Quadratkilometern, das noch nicht einmal von einer Million Menschen bewohnt wird. Da sowohl Güter von 400 bis 500 preußischen Morgen als auch kleine Bauernhöfe und Alpenwirtschaften von 40 bis 100 preußischen Morgen und Landhäuser, die sich als Ruhesitze eignen, zu verhältnismäßig billigen Preisen verkäuflich sind, wird Landwirten, Bauern oder Pensionären nahegelegt, sich dort niederzulassen. Der Hauptreichtum Steiermarks liegt in der Viehzucht und in den Wäldern. Auch Milchwirtschaft ist sehr lohnend, denn noch im vergangenen Jahr mußte Milch aus der Tschechoslowakei nach Steiermark eingesührl werden. In Steiermark wurde von Reichsdeutschen Grundbesitz für 631000 Schilling erworben, und in Kämten kauften Reichsdeutsche Grundbesitz für mehr als 3,5 Millionen Schilling.
Andere europäische Länder fommen für deutsche Siedlungen in größerem Maßstab zur Zeit nicht in Frage. Rach lieber fee wollen immer noch zahlreiche Menschen auswandem, doch nur ein geringer Teil von ihnen wagt die teure Reise„ Unter den mittellosen Auswanderungswilligen befinden sich vor allem viele stellenlose Kaufleute, insbesondere Bankbeamte, aber auch zahlreiche Techniker und Ingenieure. Sie wollen sich in überseeische Gebiete begeben, doch diese Reise ist stets, wenn nicht ganz erhebliche Barmittel vorhanden sind, mit einem großen Risiko verbunden. Uebcrblidt man nun die Auswanderungsmöglichkeiten in fremde Erdteile, so ergibt sich für deutsche Auswanderer folgendes Bild: verhältnismäßig günstig sind die Aussichten in S ü d w e st a s r i k a. Durch 'Den Aufschwung der Karakul-Schafzucht und durch den Ausoau der Molkereibetriebe konnten sich kapitalkräftige Interessenten vorteilhafte Farmen sichern. Ferner gelang es gut vorgebildeten jungen Landwirten in Südwestasrika, dort als Farmvolontäre unterzukommen. Auch eine Anzahl deutscher Handwerker konnte 1929 die Reise nach Südwestafrika antreten. Wenn deutsche Auswanderer in diefer früheren Kolonie eine neue Existenz gefunden haben, so ist das zum großen Teil den Bemühungen des Präsidenten! der Farmwirtschafts-Gesellschast in Windhuk, A. Voigts, zu danken, der eine der größten Kara- kul-Schafzüchtereien besitzt und allen Reichsdeut- chen hilfreich zur Seite steht. Zu erwähnen ist noch, daß Südwestafrika eines der wenigen überseeischen Siedlungsländer ist, wo deutsche Kinder eine reindeutsche Schulbildung erhalten. An der deutschen Oberrealschule in Windhuk bestanden im Dezember 1929 die ersten Abiturienten in Gegenwart eines dorthin entsandten» deutschen Reichsl'oinmissars ihr Examen. In dem früheren deutschen Schutzgebiet O st a f r i l a haben sich im vergangenen Jahr zahlreiche deutschei Pflanzer niedergelassen: ihre Wirtschaften entwickeln sich im allgemeinen zufriedenstellend, besonders nachdem die Zuteilung der Erbpacht- -ansprüche günstig geregelt wurde.
Von anderen afrikanischen Gebieten gewähren Südafrika, Portugiefich- Angola und Portugiesisch- O st a f r i k a für kapitalkräftige Auswanderer gewisse Siedlungsmöglichkeiten. Günstiger sind die Aussichten aber wohl in Südamerika. wo besonders in Süd-Brasilien kinderreiche Bauernfamilien angc- fiedelt werden können. In den meisten südamerikanischen Staaten können landwirtschaftliche Auswanderer Anschluß an deutsche Landsleute finden, und es bietet sich ihnen Gelegenheit, deutsche Schulen und Kirchen zu benutzen. Aber überall muß man Kapital mit" bringen, für die fchwelmsche Kolonie in Argentinien z. D. mindestens 10 000 Mark. Erwerbslose ohne Vermögen sind augenblicklich nirgends in der Welt gesucht. In Kanada konnten noch vor kurzem auch unbemittelte Landwirte bei harter Arbeit vorwärtskoinrnen. Das ist heute nicht mehr der Fall, und Australien und Asien fallen für die Auswanderung aus Deutschland ebenfalls fort. So kann man nur zusarnrnenfasfend sagen, daß den Arbeitslosen nur geringe Hoffnung bleibt, durch Auswanderung ihre Lage zu verbessern. Rur denjenigen Schichten, die sich ein gewisses Vermögen bewahrt haben, bleibt die Möglichkeit, auch auf fremder Erde und unter Anschluß an deutsche Kulturgemeinschaften eine neue Existenz aufzubauen, die aber genau wie in Mitteleuropa in harter Arbeit errungen werden muh.
gemeinsam an diesem Gedenktage einen Gruß von der Heimat niederzulegen.
Wer von uns Uebriggebüebenen derjenigen gedenkt, die den Weg in die Heimat nicht mehr finden durften, sollte sich mit der Erinneung an sie allein nicht mehr begnügen. Die Kameraden draußen rufen uns zu, ihre Gräber im Auslande nicht länger zu vergessen. Sie fordern uns auf, wo es nur geht, die Verantwortung in Deutschland dafür zu wecken, daß, bevor man an die Errichtung neuer Ehrenmale im Innern geht, für eine würdige Instandsetzung der Friedhöfe gesorgt wird, auf denen fern unseren Grenzen in Ost und West Millionen deutscher Kämpfer im Glauben an die Treue ihrer Heimat ruhen.
Derbandsiag der mittelrheinischen evangelischen Arbeitervereine.
WSR. D a r m ft a b t, 30. Okt. Unter starker Beteiligung fand hier der 4 0. Verbandstag des Mittelrheinischen Verbandes evangelischer Arbeitervereine statt. Mit der Tagung war das 40. Jahressest des Ortsvereins Darmstadt verbunden. Rach einem Festgottesdienst, bei dem der Vorsitzende des
Gesamtverbandes, Pfarrer Werbeck (Berlin), die Predigt übernommen hatte, fand die öffentliche Hauptversammlung statt. Rachdern der Vorsitzende der schweren Opfer der beiden letzten Grubenkatastrophen gedacht hatte, referierte Pfarrer Werbeck über „Welche Ausgaben stellt die Zeit den C. A. V. als evangelische Standes- organifation?“ Anschließend berichtete Verbandssekretär Läufer über die geschichtliche Entwicklung des Mittelrheinischen Verbandes evangelischer Arbeitervereine. Der Derbandstag faßte einstimmig eine Entschließung, in der es nach einer Syrnpathieerklärung für die von den Grubenkatastrophen hart betroffenen Bergarbeiter heißt: „Die Tagung sieht in dem Vorgehen freidenkerischer Kreise die Gefahr einer weiteren Zersetzung unseres Volkslebens, und zwar in einem Augenblick, wo dasselbe unter den Folgen außenpolitischer Momente — Poungplan — und dem von Osten hereindringenden Kulturbolsche- wismus Gefahren ausgesetzt ist, deren äußerste Konseguenzen für unser Volk unausdenkbar sind. Der Verband verpflichtet seine Vereine und alle seine Mitglieder, nach wie vor dafür einzu- treten, dah evangelisch-christlicher Geist in Wirt- fchast und Kulturleben unseres Volkes wieder bestimmend wird. Ehristliche Rächstenli^e und evan--
K""es Standesbewuhtsein sind allein im* . die Grundlage für einen Wiederaufbau unseres Volks- und Wirtschaftslebens zu geben." Die Reuwahl der Derbarck>sleitung brachte die Wiederwahl der bisherigen Vorstandsmitglieder. Reu hinzugewählt wurde Kirchner (Gießen). Am Abend des Verbandstages veranstaltete der Ortsverein Darmstadt eine Jubiläumsfeier anläßlich seines 40jährigen Bestehens.
Industrie- und Handelskammer Friedberg.
WSR. Friedberg, 30. Okt. Unter dem Vorsitz des Handelskammerpräsidenten Kommerzienrat Langsdorf fand eine Sitzung der Industrie- und Handelskammer Friedberg statt. Syndikus Dr. Göbel hielt ein Referat über das Wirtschafts - und Finanzprogramm der Reichsregierung und die aktuellen Fragen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. Die Kammer erblickt in dem Sanierungsprogramm eine Maßnahme, die geeignet ist, die ösfentliche Finanzwirttchaft zu ordnen. Die Wirtschaft müsse verlangen, daß ernstlich daran gegangen wird, die seit Jahren in Aussicht gestellte Senkung der Steuern und sozialen Abgaben unverzüglich durchzuführen. Die Vorbereitungen für die Ergänzungswahlen in Dad-Rauheim, Vilbel und Schotten sind so weit gediehen, daß die Wahl Mitte Rovember stattfinden wird. Außerdem wird für das zurückgetretene Mitglied Schwörer in Laubach eine Ersatzwahl vorgenommen werden. Dann wurde beschlossen, die gleichen Handelsrichter wie in der vergangenen Dienstperiode für die Jahre 1931 33 vorzuschlagen. Zu der Frage des Zugabewesens faßte die Kammer den Beschluß, sich für ein striktes Verbot der Zugaben einzusetzen. Allerdings sollen hiervon nicht diejenigen Geschenke ohne Derkaufswert betroffen toerben, die eine dauerhafte und deutlich sichtbare Reklame bzw. Geschäftsbezeichnung auf der Schauseite tragen. Die Kammer beschäftigte sich weiter mit den mit der Wanderlagersteuer zusammenhängenden Fragen. So wurde gefordert, daß auch die sog. Wanderinusterlager der Wanderlagersteuer unterworfen, die Strafbestimmungen verschärft werden, und den Gemeinden ähnlich wie in Preußen das Recht gegeben wird, Zuschläge zur Wanderlagersteuer zu erheben. Die Frage der Einbeziehung von Friedberg und Bad- Rauheim in das Fernsprechschnellver- kehrs-Reh wird im Hinblick auf das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichspost erneut in Angriff genommen werden.
Tierschuhverein für Hessen.
WSR. Heppenheim. 30. Okt. Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung sand heute die 4 9. Hauptversammlung des Tierschutzvereins für Hessen unter dem Vorfitz von Ministerialrat Jung statt. Als Vertreter der staatlichen Behörden waren Kreisdirektor Dr. Pfeiffer und Bürgermeister Schiffers erschienen.
Der Vorsitzende dankte insbesondere den Verwaltungsbehörden, den Kreis- und Stadtschulräten, den Lehrern und Geistlichen und allen Tierfreunden für ihre segensreiche Mitwirkung. Kreisdirektor Dr. Pfeiffer hieß die Versammelten willkommen und versicherte, daß die Verwaltungsbehörden selbstverständlich den Tierschutz in jeder Art unterstützen würden.
Aus dem von dem Geschäftsführer Oberrechnungsrat Kratz (Darmstadt) erstatteten Geschäftsbericht ging hervor, daß der Verein einen Dermögensbestand von 20 850 Mart zu verzeichnen hat. Der Mitgliederstand beträgt jetzt 7517. Die Tierschutz-Zeitschrift erscheint monatlich in einer Auflage von 11 000 Stück. Im vergangenen Jahre wurden 257 Anzeigen wegen Tierquälerei an die Strafbehörde weitergeleitet, die Strafen von 5 bis 195 Mark, und in drei Fällen Haftstrafen aussprach. Der Redner gedachte dann der Verhandlungen im Gesetzgebung s- ausschuß des Hessischen Landtags über die Förderung der Bestrebungen zur Schaffung moderner und hygienischer Schlachthäuser und humanster Schlachtmethoden. Rach einer Rundfrage sind in Hessen zur Zeit in 75 Orten 78 Storchennester a l s bewohnt fest gestellt worden.
Professor Dr. Spilger (Darmstadt) ergänzte den Jahresbericht in verschiedenen Einzelheiten und hob besonders die ethischen Werte des Tierschuhgedankens hervor. Tätigkeits- und Jahresbericht, sowie Entlastung und Voranschlag 1931 wurden einstimmig genehmigt.
An Stelle des verstorbenen Schriftleiters der ..Allgemeinen Tierschutz-Zeitung", Professor D ö l- fing, wurde Professor Dr. Spilger bestellt. Der Vorstand setzt sich nunmehr aus Ministerialrat Jung, Ministerialrat Dr. Mt« stadt, Oberregierungsrat Dr. Lauteschlä - g e r , Oberrechnungsrat Kratz, Professor Dr. Spilger, Ministerialrat Dr. Gadow, Polizeidirektor Dr. ilfingcr und Veterinärrat Dr. Bausch zusammen. Die Versammlung stimmte dem Vorschlag des Ausschusses zu. an verdiente Tierpfleger und nn Polizeiaufsichtspersonen 104 Diplome und 1345 Marl An er len- nungsvrämien zu verteilen. Den Abschluß der Tagung bildete ein Vortrag von Rektor Pfeiffer (Birkenau) über den Raturschah.
Kleine Strafkammer Gießen.
Gießen. 31. Olt. Ein Arbeiter aus Bad- Rauheim hatte, nach feiner Angabe auf Veranlassung dunkler Hintermänner, die ihm in der Hauptverhandlung als Zeugen zur Seite stehen wollten, wie gewöhnlich aber im entscheidenden Augenblick von nichts wußten, in einem Eingesandt an die „Bad-Nauheimer Zeitung" die Behauptung ausgestellt, um bei der Verteilung ber Patienten berücksichtigt zu werden, müsse man an die Beamten des Konitzkistifts Schmiergelder bezahlen. Wegen dieser ehrenrührigen Behauptung, für die er nicht den geringsten Beweis erbringen konnte, war er vom Amtsgericht Dad-Rauheim wegen übler Rachrede zu einer Geldstrafe von 2 0 0 Mark verurteilt worden. Inzwischen hat er sein Unredjt eingesehen. die Beleidigungen zurückgenommen und öffentliche Ehrenerklärungen abgegeben. Mit Rücksicht darauf wurde die für feine Verhältnisse sehr hohe ©träfe heute ermäßigt.
Eine Verhandlung wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den Lenker eines Kraftwagens (Zusammenstoß bei Okarben in eines


