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Nr. 256 Zweites Blatt

Aulows Denkwürdigkeiten.

Von den acht Kanzlern des kaiserlichen Deutsch­land haben Bismarck und Hohenlohe, Bethmann- Hollweg und Prinz Mar von Baden ihre politischen Erinnerungen niedergeschrieben und veröffentlicht. Nun tritt auch der vierte Kanzler des Deutschen Reiches Fürst Bernhard von Bülow mit seinen politischen Memoiren in diese Reihe. Sie versprechen nach ihrer Anlage die weitaus umfang­reichsten zu werden. Der erste Band, der soeben im Verlag Ullstein, Berlin, erschienen ist, behandelt auf mehr als 600 Seiten nur die wenigen Jahre des Staatssekretariats und der Kanzlerschaft bis zur ersten Marokko-Krisis. Drei weitere Bande sollen die Zeit bis zum Abschied, Weltkrieg und Zusam- me^bruch, Jugend- und Diplomatenjahre behan­dln. Der Ullstein-Verlag glaubt, wegen der scharfen Stellungnahme des Reichskanzlers zur Revolution von 1918 und der Republik samt ihren Staats- männern für sich einen Vorbehalt machen zu müssen, indem er auf spätere angeblich weniger lieblose Urteile des Fürsten über die gleichen Männer hin­weist. Aber diese geroifo einseitige und gelegentlich auch ungerechte Einstellung des wilhelminischen Staatsmannes wird man einem 80jährigen wohl verzeihen dürfen, der nach dem Zusammenbruch unserer äußeren und inneren Politik, an dem er sich kaum so ganz unbeteiligt fühlen mochte, wie es nach seinen Denkwürdigkeiten scheinen könnte, nicht mehr elastisch genug war, sich in neuen Verhält­nissen zurechtzufinden.

Schwerer schon wiegt sein oft erstaunlich schiefes, einseitiges, oberflächliches und ungerechtes Urteil über Personen und Dinge seiner eigenen Zeitepoche. Dank seines geradezu phänomenalen Gedächtnisses hat der Fürst einen Berg von Klatsch zusammen­getragen, um den jede Hofschranze ihn beneiden könnte. Anekdoten und Zitate aus intimsten Ge­sprächen und vertraulichen Briefen werden heran- geschleppt und in der überaus gewandten, stilistisch nieisterhaften Form, die den berühmten Causeur ja von jeher ausgezeichnet hat, zusammengestellt, um diese oder jene Persönlichkeit in behaglicher Breite zu glossieren. Und derer sind es viele, die dem Fürsten in seiner steil zur Höhe aufsteigenden und mit einem ebenso jähen Sturz endenden Be­rufslaufbahn mißfallen haben und an denen er jetzt späte Rache übt. Man hat die beiden hervorstechend­sten Kanzler des Kaiserreichs gerne durch die beiden Hunde symbolisiert, die sie zu ihrer Begleitung ge­wählt hatten: den Eisernen Kanzler durch die Reichs­dogge Tyras und den Fürsten Bülow durch den Pudel Mohrchen. So unterschiedlich wie ihre Sym­bole sind die beiden Kanzler auch in ihrem Haß und ihrer Rache. Auch Fürst Bismarck war ein gewaltiger Hasser und in seinenGedanken und Erinnerungen" nimmt er kein Blatt vor den Mund, um die Leute zu charakterisieren, die ihm einst Schwierigkeiten machten oder ihm seiner Ansicht nach ein Bein gestellt hatten. Aber Bismarck ist groß auch in feinem Haß. Bülow dagegen sucht seine Gegner und ungetreuen Freunde mit kleinlich anmutender, hämisch-versteckter Malice zu diskredi­tieren.

Ohne das sichere Gefühl für das richtige Maß in her Beurteilung von Menschen und Dingen, verleitet den Fürsten sein erstaunliches Gedächtnis zu einer Breite der Darstellung, die auch bei aller Pikanterie des Stoffes uns heute ungerechtfertigt erscheint. Ader trotz der vielen Kleinlichkeiten und Nebensächlichkeiten, trotz mancher Wiederholungen, werden die Denkwürdigkeiten des Fürsten Bülow für die Beurteilung namentlich der Außenpolitik während der wilhelminischen Aera unentbehrlich sein. Der erste Band beschäftigt sich immer wieder IN. den verschiedensten Kapiteln mit dem Ver­hältnis z u England. Man hat dem Fürsten vorgeworfen, daß es seine Politik gewesen sei, die uns in die unglückliche Mächtekonstellation von 1914 letzten Endes hineinführte: man hat gemeint, Bülow hätte den Zusammenschluß von England, Rußland und Frankreich durch eine rechtzeitige Option zwischen England und Rußland verhindern können. Man macht dem Fürsten insbesondere zum

Oie Geburt der Sprache.

13on Dorothea Hofer-Oernburg.

Olein!

Es ist Baby, das dies Wort gesagt hat. Nie­mand anderes: Baby allein und höchstselbst. Es sitzt auf dem Wickeltisch, rosig, rund und gut gewachsen, und schwillt vor Selbstbewußtsein wie ein aufgeblasenes Jahrmarktsserkelchen. Sein ein rundes Dein hat es nachdenksam in der Hand.

Es hat mein' gesagt, es hat zum ersten Male in seinem Leben unzweideutig eine Meinung ge­äußert, es braucht nicht mehr die gestopften Wurstärmchen in Abwehrstellung vor den Sup­penlöffel zu halten, wenn es pappsatt ist, braucht sich nie mehr auf der Nase herumtanzen zu lassen.

Schluß mit dieser ewigen Devormunderei, ent­scheidendes Bekenntnis zur Selbständigkeit, 01b- schluß frühester Vergangenheit.

.Nein', sagt es, und das heißt nicht weniger als dies: 3d), Baby, werde nunmehr den dor­nenvollen Lebenspfad unter meine sanft gerun­deten Deine nehmen und in eigener Verantwort­lichkeit handeln.

Hnb damit beginnt es.

»2lch>, Baby, Rosenbär, Rosenpudding, süße Wurst, süße..., tritt mich nicht tot; was tust du. . !"

Es strampelt.

Es trampÄt nur ein bißchen auf der Mutter herum. Es macht seine Vorstudien für die Lauf- bank, für die Laufbahn. Hoppla, wie Fahnen im Wind, wie das Hampeln großer Wäsche an der Seine, oben hübsch befestigt, so unter den Achseln selig gestützt, unten frei und munter. Fest, fest...! Olur nicht nachlassen..., es ist eine Freude zu leben!

Ach, Daby, schönstes, blankstes Kugelbaby, tritt mich nicht tot, ich bitte dich ...!" Dum ..., in die Brust, in den Bauch...O Gott... aach Gott. Zuerst hat es sie beinahe aufgefressen und jetzt stampft es die Reste ein! ,O Gott ... a-ach ©ott, a-a°ach Gott ...!

UnöA Gottagottagah...!" schreit Daby hin­gerissen und verziert den großen Seufzer der MensHHeit mit einem schwunghaften Schnörkel in A-5)ur.

Eine Streichholzschachtel wandert, wandert hin und her.

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Samstag, 1. November 1950

3m überschwemmten Schlesien.

12-

*

Ein gebrochener Damm wird von der alarmierten Einwohnerschaft wiederhergestellt.

Vorwurf, daß er die wiederholten englischen Bünd­nisangebote um die Jahrhundertwende nicht auf ihre letzten Möglichkeiten hin geprüft habe und schließlich zu einer Ablehnung gekommen sei, die das Britische Reich an t)ie Seite Frankreichs und Rußlands geführt habe. Bülow sucht sich nun in seinen Denkwürdigkeiten gegen diesen Vorwurf zu verteidigen, er weist auf die englandfeindliche Stim­mung in der öffentlichen Meinung Deutschlands während des Burenkrieges hin. Ein deutsch-eng­lischer Vertrag, der sich auf alle Gebiete des Briti- chen Reichs erstreckt hätte, würde kaum die Zu- timmung des Reichstags gefunden haben. Anderer- eits fei England nicht bereit gewesen, auch Oesterreich und Italien in den Vertrag einzu­beziehen. Es sei dahingestellt, ob die deutschen Staatsmänner bei einer etwas weniger miß­trauischen Einstellung, die namentlich den Baron Holstein belastete, nicht doch in einer für das iso­lierte England besonders kritischen Phase dieser Jahre einen aünftigen Vertrag ohne die von Bülow gewiß mit Recht beanstandeten Fußangeln hätten bekommen können. Wenn dies aber nicht der Fall war, dann mußte mit Entschlossenheit versucht wer­den, den von Caprivi leichtfertig gekündigten Rück­versicherungsvertrag zu erneuern. Bülow hat es gewiß verstanden, mit einer Politik der kleinen Mittel und Aushilfen, trotz der großen Schwierig­keiten, die in der Person des Kaisers zweifellos lagen, über ein Jahrzehnt zwischen allen Mächten mit Erfolg zu lavieren. Ihm war noch seinen eige­nen Worten die große Ausgabe gestellt, den Aus­bau der deutschen Kriegsflotte zu sichern, indem er die deutsche Politik durch die gefährliche Zone steuerte, in der die Flotte noch nicht stark genug war, um einem englischen UeberfaU standzuhalten. Diese Ausgabe hat Bülow gelöst, und vielleicht wäre es seiner überlegenen diplomatischen Geschicklichkeit auch in den kritischen Juli- und Augusttagen des Jahres 1914 gelungen, noch einen Ausweg aus der Verwickelung der europäischen Mächte zu finden. Man wird annehmen dürfen, daß er sich nicht in dem Maße in das Wiener Schlepptau hätte neh­men lassen, wie sein Nachfolger Bethmann-Hollweg, der übrigens schon in diesem ersten Bande auf Konto seiner späteren Mißerfolge ausnehmend schlecht behandelt wird. Aber bei alledem bleibt doch die Frage offen, ob Bülow nicht die unglück­liche Politik desneuen Kurses" desvon der

Hand in den Mund leben* fortgesetzt und vertieft hat, die in den ungeschickteren Händen seiner Nach­folger 1914 so furchtbar Schiffbruch erleiden sollte. Entscheidend ist doch wohl, daß es gerade seine Politik war, die den von Holstein und anderen für unmöglich gehaltenen Ausgleich zwischen England und Rußland in Asien, die englisch-französische Entente und die französisch-russische Allianz nicht hatte verhindern können. Der Cauchemar des coalitions, der dem greifen Reichsgründer schon schlaflose Nächte bereitet hatte und der kaum ein Jahrzehnt später den durch unzuverlässige Ver­bündete geschwächten Dreibund erdrücken sollte, wurde schon in der Aera Bülow eine politische Tatsache und eine schwere Erbschaft für den un­glücklichen Bethmann, auf dessen Unzulänglichkeit Bülow schon in diesem ersten Band seiner Denk­würdigkeiten alle Schuld für den Zusammenbruch der Politik der freien Hand abwälzen möchte.'

Aus der provinzialhaupistadi.

Gießen, ben 1. November 1930.

Hilfe für die erwerbslose Jugend!

Der Leiter der staatlichen Jugendpfege in Hessen, Schulrat H a s s i n g e r (Darmstadt) richtet einen Ausruf an alle mittelbar, oder unmittel­bar der Jugendpflege und Volksbildung dienenden Bünde. Verbände. Vereine und Einzelpersonen, in dem er dazu auffordert, die seelische Not, in die die Jugendlichen ohne eigenes Okr- schulden geraten sind, lindern zu helfen.

Er erinnert an die vielen Hunderttausende von Jugendlichen, die. von ernstem Willen zur Ar­beit beseelt, zwangsweise zur Hntätigteit ver­dammt sind, ben Willen zum Leben und ben Glau­ben an einen Sinn der Gesellschaft verlieren. Die Behörden, so heißt es in jenem Aufruf, seien nicht imstande, allein der großen Not zu steuern und den Jugendlichen jene Hilfe angedeihen zu lassen, die ihnen zuteil werden müßte im Interesse unseres zukünftigen Volkstums. Die Qkreine, die Leibes- Übung Pflegen, müßten ihre Hallen, ihre Spiel- unb Sportplätze öffnen für diejenigen, die ohne jede Beschäftigung und ohne Freude vielfach in I dumpfen Stuben sitzen müs en. Unter der Aufsicht |

von erfahrenen unb vielleicht auch erwerbslosen Mitgliedern sollte den Arbeitslosen Gelegenheit gegeben werben, sich an Sportspielen unb an son­stigen Leibesübungen zu beteiligen.

Der Aufruf wenbet sich weiter an bie Derufs- verbanbe, bie Stenographenvereine, an Volkshoch­schulen unb anbere Institutionen, bie ber geisti­gen Fortbilbung dienen. Die Mitglieder solcher Vereinigung sollten erwerbslose junge Menschen. Freunde und Nachbarn, persönlich dazu auffor- dern, teilzunehmen an Hebungen und Kursen. Das gleiche könnte für Mädchenbünde gelten, die sich in ihren Heimen mit Vorlesungen, mit Handar­beiten, bei Unterhaltung und Gesang die Zeit ver­treiben, an denen die Altersgenossinnen wohl teil­nehmen könnten. Viele Bünde unb Derbänbe könn­ten banfbarc Arbeit leisten, wenn sie die vom Schicksal Benachteiligten mit in bie hellen, freund­lichen Stuben nehmen würben unb sie teilhaben ließen an irgendwelcher positiver Arbeit. Die Mit- glicber von Wandervereinen sollten erwerbslose Kameraden und Bekannte mit auf bie Wanberung unb in bie Jugenbherbergen nehmen unb so bic lastende Dumpfheit von jenen heben, die nicht bic Befriedigung einer wertvollen Beschäftigung er­leben.

Der Aufruf schließt mit ber Mahnung, nicht bie Augen zu verschließen vor ber Not bes Näch­sten, sondern bemüht zu sein, Wege zu finden und zu helfen nach allen Kräften.

Einzelheiten über diese Art der Hilfe für ju­gendliche Erwerbslose sollen in einer am 8. No­vember in Offenbach stattfindenden Sitzung aller in Betracht kommenden Bünde unb Verbände er­örtert werden. Dr. Neundörfer, ber Leiter ber Volkshochschule in Offenbach, wirb babei ein einleitendes Referat über das ThemaWie kann ber seelischen Not ber Erwerbslosen gesteuert wer­den?", halten. Dem Vortrag soll sich eine ein­gehende Aussprache anschließen.

Ein Mahnwort an unsere Landwirte.

Man schreibt uns: Der Beruf des Landwirts erfordert mehr als jeder andere eine gründliche Fachausbildung, denn in ihm vereinigen sich fast alle Einzelberufe. Der Landwirt muß nicht nur Ackerbauer und Viehzüchter sein, sondern er muß in seinem Betriebe die Errungenschaften der Che­mie in der Düngung und Schädlingsbekämpfung praktisch verwerten, er muß Kaufmann sein, volkswirtschaftliche Zusammenhänge erkennen, seine Maschinen bedienen und kleine Repara­turen selbst durchführen können: kurz er muß in allem eine gewisse Erfahrung und Kenntnis be­sitzen. Wie steht es aber mit seiner Ausbildung zu diesem schweren Berufe, der sowohl in kör­perlicher. als auch in geistiger Beziehung dis größten Anforderungen an den einzelnen stellt? Während in jedem anderen Berufe ber junge Mann eine Lehrzeit durchmachen unb am Ende derselben in einer Prüfung sich ben 'Befähigungs­nachweis erwerben muh, kann Landwirt heute eigentlich jeder werden, wenn er sich nur die, nötigen äußeren Grundlagen verschafft, ganz ab­gesehen davon, ob er sich für diesen Stand eignet oder nicht. Vielleicht ist in dieser Tatsache mit ein Grund dafür zu suchen, daß ber Landwirt in ber heutigen Zeit nicht gerade auf Rosen gebettet ist. Wenn nun die Notwendigkeit einer Fachausbildung eingesehen wird, so soll zu­nächst nicht erstrebt werden, für diese einen Zwang herbeizuführen, wie dies bei anderen Berufen der Fall ist. Die Freiheit, bie diesem 'Berufsstande einmal eigen ist, soll möglichst gewahrt bleiben. Alles, was zum Erringen der Arbeitsgrundlageni notwendig ist, soll sich der junge Landwirt frei­willig erwerben. Er kann dies aber nur durch den Besuch einer landwirtschaftlichen Schule (der Unterricht beginnt in diesem Jahre am 3. November), in Der ihm in planmäßigem Unterricht während zweier Winterhalbjahre das Wichtigste für seinen Beruf vorgetragen wird. Hier kann ber junge Landwirt in freiwilliger Arbeit für fein späteres Leben die theoretische Grund­lage schassen, auf ber er dann die wirtschaftlichen und technischen Zusammenhänge erkennen unb zum

Baby gibt sie aus. Sie wandert von einer gro­ßen Hand in eine kleine, aus einer kleinen in eine, große Hand. Es ist Nacht und eine Kerze brennt am Bett, in dem die Mutter liegt unb auf bem Baby sitzt, obenauf, mit Augen hell wie Laternen, klar und aus irgendeinem Grunde wach geworben und tagessüchtig, wie eine Quelle.

Fallen diese Augen heute nicht mehr zu? Wird diese Freundlichkeit nicht einmal wieder bereit sein, im eigenen Dettchen zu liegen, ohne das Dunkel zu fürchten? Kann man diesen Winz nie mehr in seinen eigenen Weiher werfen, anstatt ihn hiev sitzen zu haben, einen reizenden, rosigdurchglüh- ten, störenden Schlafgast, einen Geist der Fin­sternis mit Berillaugen?

Mit nichten. Er ist so bezaubernd, so friedlich, so wach, so freundlich und die Streichholzschachtel wandert unb bas Licht spinnt golbcne gäben in rötliches Haargeringei. Die Streichholzschachtel wandert zwischen zwei Händen... geschenkt... ge­nommen ... zurückgefordert... geschenkt. ge- nom-men...

Danke sehr," sagt bic Mutter mit klappern­den Olugenbedcln unb reicht sie zurück...,banke sehr, Scheusal...

Baby antwortet arglos, mit tiefer Verneigung die Streichholzschachtel in Empfang nehmend, hell wie eine Glocke im Dunkel:Dakesi ...? Dan­kest...?"

Am Fenster sitzt es im Rosapelz aus Krisel- wolle, nach bem man es Rosenbär nennt, auf seinem hohen Stühlchen, wie ein Stofftierchen auf einem Zweig im Spielzeugschaufenster. Heber- all quillt es aus zart abgegrenzten Speckfalten: seine sorglosen 'Deine geradeaus gespießt mitten in die Zimmerlandschaft, steif, als hätten sie keine Knie irgendwo darunter, mollig unb ge­drechselt. Rosa fein Fell unb fein Jäckchen, rosa über unb über, unb seine Augen blau unb blank.

Himmelblau unb Rosa..... Stoffhase,

dicker...!"

Stoffhase schaut zum Fenster hinaus. Was gibt es da zu sehen, so angestrengt, so abgelenkt? Auf dem Rondell unten treibt ein Schäfer seine Schafe hin. Der Hund bellt. Der Schäfer hat einen großen Hut: unb mäh unb möh unb meeh ... geht bas zitternbe Geblök von Schaf um Schäfchen. Himmelblau unb Rosa ist begeistert. Wie sie ba alle fyeranftrömen, ein wogendes, graues möhendes Meer von Mähs, wie sie schreien unb wunberlich blöken! Himmelblau rupft, zupft, pflückt, aus der Luft mit runden Fingern,

wie man Blumen sorgsam aneinanderreiht, zärt­lich unb bedächtig:Al-le... sind's da... die lie-ba ... Mäh... ä... ä ... ääh .,." Steckt die Zunge lang heraus, vor Anstrengung: fertig.

Zst etwas geschehen? Etwas Besonderes? Jawohl.

Dieses Himmelblau, das immer sparsam unb eilig bis heute ganze Sähe in ein einziges Wort zusammenfatzte,abafiefatoatou" ,ach was für ein reizenber kleiner 3)unb!*, oberbagomoati .horch, ba kommt der liebe Vati*,sitz" .möchtest bu mich nicht freundlichst auf diesen Stuhl heben?*schau" »könnte ich nicht viel­leicht auch ein bissel was zu sehen kriegen?' Dieses Rosenbär hat auf ber Höhe seiner Pum- meligfeit, seiner Wende zur schlanken Linie, denn von nun an wird es schlank, das Mittel zu aller Gliederung entdeckt: es hat, angeregt auf magische Weise durch das freundliche und zitternde Möhen der Schäfchen, das es pedantisch zerlegend, Laut für Laut aufteilt, ben Mut gefunden zur Hnter- scheidung von Haupt unb Gliedern feiner Sprache: den Mut zum wohlgeordneten Sah.

Kleines Jubiläum.

Fünfundzwanzig Jahre Znsel-Almanach.

Bon Felix Paulen.

Es ist wirklich ein Viertelsahrhundert vergangen, seitdem im Jahre 1906 ber erste Insel-Al­manach erschien, unb wollte man bei ben beut- schen Verlegern eine Hmfrage halten, würbe sich wahrscheinlich ergeben, bah er einer ber ersten des neuen deutschen Buchgewerbes überhaupt gewesen ist. Im Jahre 1899 erschienen im Verlag von Schuster & ßoefflcr die ersten Hefte einer MonatsschriftDie Insel", die vonVierteljahrs­mappen von Originalplattendrucken" begleitet wurden: Otto Julius Bier mann gab sie mit Alfred Walter H e y m e 1 und Rudolf Alexander Schroder heraus bald verschwand diese Gründung, doch nicht, ohne erhebliches Aufsehen hinterlassen unb bie Grünbung bes Insel-Verlags bewirkt zu haben. Als bamals E. R. W e i tz bas Plakat für bie Zeitschrift zeichnete, hielt er sich, vomJugendstil" nicht unbeeinflußt, noch an bie Vorstellung einer Insel unb entwarf ein grünendes bebuschtes Eiland mit hellen Zinnen und weheirden Fahnen. Dieses Symbol verschwand in ben nächsten Jahren unb wich bem Schiff,

das mit geschwellten Segeln übers Meer fährt, auf bie Insel ber Einsamen zu.

Unter bem Zeichen des Jnselschiffs erschienen bie Almanache von 1906 an, unb ihnen ging bic ZeitschriftDas Jnselschiff" nebenher: beide 'Ver­öffentlichungen ausgesprochene 'Werbewerke für bie Erscheinungen des Verlags. Es war damals eine glückliche Zeit für das deutsche Buchwesen, die Künstler begannen sich ber Buchausstattung anzunehmen, ber Begriff einerBuchkunst" wurde Wirklichkeit, Männer wie E. R. Weitz, Peter Behrens, Marcus Behm er, F. H. Chmcke, Emil Preetorius, Karl Walser unb anbere schufen an seiner Vollenbung. Auch sonst eine glücklichere unb ruhigere Zeit als in diesem Jahre 1930; es gab ein wohlhabendes und teilnahms- fähiges Bürgertum, und in diesem wieder ausge­sprochen literarische Kreise, die um bie einzelnen Verlage getreue Gemeinden bildeten unb auf ihre Erscheinungen toarteten. Bücher waren bauernder Besitz und Hnentdehrlichkeit: sie brauchten keine Leibbinden mit krassen Aufschrif­ten unb sensationellen Titeln zu tragen ber Dichter wurde erworben, nicht dieletzte Neu­heit": nicht bie grelle Dinbe wirkte, fonbem bie Ausstattung, bie Form, bie ben Inhalt umschloß, ihn bestätigte unb ausbrückte.

Diese glücklichen unb guten Zustände haben sich nicht ohne Schuld der Okrleger selbst ent­scheidend gewandelt, dasamerikanische Tempo", aus das die Zeitgenossen unbegreiflich stolz zu sein pflegen, hat auch im Verlagswesen ver­heerend und verwirrend gewirkt aber in allen diesen Hmwälzungen und Entwickelungen hat der Insel-Verlag sein Gesicht zu wahren gewußt. Davon legen die fünfundzwanzig Bändchen seines Almanachs Zeugnis ab, denn sie repräsentieren ein Vierteljahrhändert Verlagsentwickelung, in­dem sie Beispiele von allen Büchern und Dichtem geben, bie bie Insel herausgebracht hat. OH an rann ihre Bestrebungen erst nach einigem zeit­lichen Abstand recht werten, unb es scheint, fünf- unbzwanzig Jahre genügten zu ber Erkenntnis, daß auch bie ersten Jahrgänge bes Almanachs auch heute in ihrer überraschenben Frische nodj nicht veralteten, baß sich von ihrem Beginn bis zum letzten fünfunbzwanzigsten Bande eine gleich- dleibende gelassene Linie des Aufbaus offenbart, daß ber Insel-Verlag eine der immer seltener werdenden Unternehmungen ist, die nicht für den augenblicklichen Erfolg, sondern für bie Dauer arbeiten: heutigentags eine so erstaunliche Tat­sache, bah man dieses kleine Jubiläum vor aller Oeffentlichkeit nachbrücklich begehen muh.