Helene Chlodwigs Schuld und Sühne. Roman von 3- Schneider-Foerstl.
Llrheber-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister. Werdau L Sa.
27. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Nein, jic wutzte nichts.
„Pater Llmberto ist schon vor vierzehn wahren gestorben!"
„Gestorben!" .Die Kraft, welche sie von rückwärts auf den grobgehobelten Stuhl drückte, war so gewaltig, daß das weihe Holz leise darunter ächzte.
Beide Hände in die weiten Aermel seines Habits verborgen, sah der Mönch auf sie nieder.
„Ob er um Pater Umbertos Vergangenheit wüßte?" rang es sich aus Helenes Mund.
„Gewiß! — Er ist ein Weltkind gewesen und hat Einkehr gehalten bei Gott."
„Er hatte eine Frau!" zitterte es durch die Enge des Raumes.
„Rein! Rur eine Geliebte! — Die Che war nicht gültig. Rom selbst hat das Urteil gesprochen. Also bestand sie nicht."
Helenes Gesicht glitt gegen die getünchte Mauer und war so schneeig kalt wie diese. — „Und fein Kind?" —
Die Gestalt des Mönches streckte sich etwas. Unter den weiten Aermeln knackten die Gelenke der Finger. „Don einem Kinde wußte er nichts. Er hätte auch das bekannt, wenn es so gewesen wäre."
Er wußte nichts! — Den Mund zur Hälfte geöffnet, daß die weißen Zähne von den Lippen kaum mehr bedeckt waren, lag sie schwer gegen die Lehne des Stuhles. „Ich bin gekommen, seine Verzeihung zu erbitten, ihm meine Schuld zu bekennen und Buße zu tun, um dafür meinem armen Sohne Barmherzigkeit von Gott zu erflehen."
„Das erste ist unmöglich", sagte der Mönch ohne Erregung. „Er schläft in Frieden. Das zweite haben Sie jetzt getan: Ihre Schuld bekannt. Das andere bleibt Ihnen unbenommeir. — Weiß Ihr Mann um diesen Betrug?"
„Rein!"
Die Lider des Paters senkten sich etwas über die Augen. „Machen Sie Frieden mit sich selbst. Beten Sie zur Madonna um die Kraft, daß sie Ihnen den Mut gibt, sich Ihrem Manne anzuvertrauen."
Aus schreckhaft geweiteten Augen sah sie zu ihm auf. „Rie! — Verlangen Sie, daß ich mich vor Ihren Füßen hier über die Felsen stürze! Ich will es tun! Aber meinem Manne den Sohn und meinem Sohn den Vater nehmen — das kann ich nicht!"
„Was sonst?"
Ein Sonnenstrahl kroch durch die Enge des vergitterten Fensters und verästelte sich in faden- artigen Linien an der getünchten Wand. Zwei Mücken tanzten an ihm entlang und haschten sich, taumelten matt gegen die Helle der Decke und flogen wieder ins Licht.
„Ich will ja Buße tun", hauchte Helenes Stimme zum Ohr des^ Paters auf. „Verlangen Sie jedes Opfer von mir! Rur dieses eine nicht!"
„Was dann?" — Er wartete sekundenlang auf ihre Antwort. „Buhe tun heißt: Das Schwerste aus sich nehmen, um einer Schuld willen, die man begangen hat und die man von Herzen bereut." Sein Blick war nicht hart, eher mitleidig gequält: „Haben Sie noch weitere Kinder außer diesem einen?"
„Zwei Töchter und einen Sohn."
„Dünkt es Sie leichter, darauf zu verzichten, wieder zu den Ihren zurückzukehren und das Los der vollkommenen Vereinsamung zu ertragen, als Ihrem Manne diesen Betrug zu beichten?"
„3a!“ sagte sie ohne Zögern.
„Va bene! — Dann wählen Sie diesen Weg. Ich fürchte aber, daß er weit schwerer zu gehen sein wird, als der andere und daß —" Ein Glockenzeichen unterbrach ihn.
Es mochte wohl ein Befehl des Schweigens fein, denn der Pater verneigte sich leicht gegen sie.
Helene sah seine Gestalt durch die Türe verschwinden.
Für ihn trat eine andere in den Raum und bedeutete ihr, daß es Zeit sei, das Kloster zu verlassen.
Feiner, rieselnder Spätherbstregen empfing sie, als sie den Fuß auf die nassen Steinfliesen setzte, über welchen die alten Steineichen tropften.
„Es dauert nicht lange“, tröstete Peppo und sah nach der dunklen Wolke, die mit gemächlicher Langsamkeit über die Berge hinzog. „Wollen Sie jetzt hineingehen zur Madonna? — Der Schrein ist offen, ilnb die Madonna ist mächtig", fügte er altklug hinzu.
Mit schleppenden Füßen folgte sie ihm nach der Kirche hinüber. Wirr, betäubt sank sie in einem der Betstühle in die Knie. Ihre Augen schmerzten von den hundert und aber hundert Kerzen, die in dem großen Ständer vor dem Heiligenbilde in das Dämmer des Gotteshauses flackerten.
Umberto war tot! Aber ihre Schuld lebte und mußte getilgt werden, damit der Sohn Barmherzigkeit erfuhr.
„Ich will!“ sagte sie und neigte das Haupt zu Füßen des Madonnenbildes. „Zeige dich gnädig! Dafür will ich dir das Opfer meines Glückes bringen!“
Glockengeläut, das zu Mittag rief, gab ihr das Geleite, als sie mit Peppo den steilen Weg zur Station hinabschritt. An der Biegung, die noch einmal einen Ausblick auf das Kloster gewährte, wandte sie sich zurück und umfaßte das kalte, graue Gemäuer, das von der schmeichelnden Wärme der Spätherbstsonne umkost war.
Ob die Wundertäterin von della Travestare ihr Opfer annahm? — Wenn sie es umsonst brachte? — Ganz umsonst? — Wenn Bert für immer der gelähmte Knabe blieb, der eines Tages fluchte, weil sie ihm das Leben geschenkt hatte?
„Soll ich ab und zu eine Kerze nach Travestare hinauftragen?" fragte Peppos Kinderstimme in ihr Schweigen.
„Cs wäre mir ein großer Trost, Bambino." Sie öffnete ihr Handtäschchen und reichte ihm einen Hundertlireschein.
Er betrachtete ihn ungläubig und sah sie bewundernd an.
„Das gibt allwöchentlich eine", sagte er zuversichtlich. „Frau Ilfonso kauft sie und steckt sie der Reihe nach an. Im Kloster sind sie bil
liger als unten In Travestare." Vorsichtig barg er den Schein in der Innentasche seiner zerschlitzten Ioppe, blickte treuherzig zu ihr auf und schien ihre Gedanken zu lesen. „Ich werde keinen Lire für mich behalten, Signora, sonst könnte die Madonna eine meiner Geißen in den Arno stürzen lassen."
Seine Hände zwischen die ihren nehmend, drückte sie dieselben in einer Wallung von Hochachtung und Dankbarkeit für seine Gesinnung, löste die Finger wieder und trat dicht an die Wand, welche den Pfad auf der rechten Seite begrenzte.
Ihnen entgegen kamen jetzt die Maulesel, von welchen die Wirtin der Osteria gestern gesprochen hatte. Deren Schellen bimmelten , luftig in den Mittag und die beiden Treiber gingen mit schweren Schritten neben den Tieren her.
Genau so schuldbeladen, dachte Helene, kommen die Menschen mit all ihrer Last und all ihrer Sorge hinauf nach della Travestare. Ilnb wenn sie abwärts gingen, nahmen sie wenigstens ein Hoffen mit: das Hoffen, daß ihre Bitte erhört würde.
Ob die Madonna auch ihrer gedachte, wenn sie den anderen ihre Hilfe angedeihen lieft?
Die Geheimrätin rief schon zum zweiten Male nach ihrem Sohne, der etwa vor einer Stunde nach feinem Zimmer gegangen war, um dort die eingelaufene Post zu erledigen.
Als sie zum dritten Male feinen Rainen durch das Haus schickte und wiederum keine Antwort bekam, schüttelte sie verärgert den Kopf und ging die Treppe hinauf, ihn zu holen.
Sabine kam über den Gang und suchte mit angstvollen Augen in den ihren. „Was ist mit Vater?"
„Ich will ihn eben zu Tisch bitten.“
„Ich habe ihn vor Minuten noch stöhnen und wimmern hören und nun ist alles so unheimlich ruhig! — — Sag, Großmama, wird das denn nun nie wieder anders bei uns? Rie wieder?"
„Du mußt Geduld haben, Sabine. Er ist zu schwer getroffen. Berts Befinden ist schlechter als je."
Das Mädchen hatte einen leidenden Ausdruck in dem jungen Gesichte, der sie um Iahre reifer machte. „Wenn die Mama nicht bald kommt, ist es auf die Dauer nicht mehr zu ertragen.“
„Armes Kind!" Die Geheimrätin nahm die Enkeltochter in die Arme und streichelte ihr die Wange herab. „Vielleicht wird doch noch einmal alles gut. Vater muß ja zur Einsicht kommen, daß es so nicht weitergehen kann. — Sag in der Küche, daß Iette die Suppe aufträgt.“
Das Mädchen nickte und wandte sich der Treppe zu. Ihr leichter Schritt war kaum vernehmbar, als sie jetzt die Stufen hinunterging.
Die Geheimrätin klopfte erst an der Türe ihres Sohnes, und als kein „Herein" erklang, drückte sie auf die Klinke. Sie gab nicht nach. „Iust!" rief sie angstvoll.
Drinnen fiel ein Buch. Ein Schritt schleifte nach der Türe. Mit entsetztem Gesicht wich sie zurück, als ihr Franke jetzt im vollen Licht des Mittags gegenüberstand. „Iust!"
Um den verzerrten Mund irrte ein verzweifeltes Lächeln. In dem weißen Gesichte brannten die Augen als starre, drohende Punkte, in denen der Wahnsinn flackerte.
„Mein armer Iunge!" Sie taumelte über die
Schwelle und" drückte die Türe hinter sich zu. „Ist Berts Befinden so hoffnungslos geworden?“
„Bert?" — — Er hob die Finger nach der Stirne und drückte sie gegen die eingefallenen Augen. Rückwärts gehend torkelte er gegen den Schreibtisch, wo Tintenfaß und Vase aneinander* klirrten.
Die Geheimrätin warf einen erschrockenen Blick über die Zeitungen und Bogen hin. Die Handschrift der Schwiegertochter sah ihr groß und steil entgegen. „Hast du so schlimme Rachrichten von Helene, Iust?"
Von der Leblosigkeit seines Blickes zur Todesangst aufgepeitscht, griff sie nach dem Briefe. Ihre Augen eilten über die Zeilen:
„Mein Iust!
Mündlich mit Dir über alles das, was gesagt werden muß, zu sprechen, hätte uns beide zusehr aufgeregt. So habe ich mich entschlossen, es schriftlich zu tun. Ich habe nach reiflicher ilefberlegung erkannt, daß es für Dich und mich kein Zusammenleben mehr gibt. Abgesehen von Huberts ilnglücksfall, der Dich ungerecht und verbittert macht, leidet auch meine Kunst unter dem Zwang der Che. Du mußt und wirst mich begreifen.
Ich mache Dir deshalb den Vorschlag, unsere Verbindung auch weiterhin vor der Welt bestehen zu lassen, im übrigen aber getrennt zu leben. Willst Du aber auf einer Scheidung bestehen, so bin ich auch damit einverstanden. Ich nehme alle Schuld auf mich. Du kannst mich wegen böswilligen Verlassens tmSLjgen, wirst also das Gesetz immer auf Deiner Seite finden.
Rottach-Berghof überlasse ich Dir als unbeschränktes Eigentum. Ebenso die Kinder. Mir würden sie auf meinen Reisen doch nur hinderlich sein. Sollte Bert Dir einmal lästig werden, so bringe ihn mir. Meine Arme sind immer) für ihn geöffnet — mit tausend Wonnen, Iust.
Das Gesamtvermögen, welches ich, wie Du weiht, bei Schrecker & Melle deponiert habe, gehört unseren Töchtern. Zu gleichen Teilen, mein Iust. Für unseren Iüngsten schicke ich allmonatlich eine größere Summe, die Du für* ihn anlegen wirft.
Meinen armen Olelteften überlasse ich ganz Deiner Liebe und Geduld. Ihm schenke ich nichts als mein Herz. Sage ihm, daß ich es bis zum letzten Tropfen für ihn zu verströmen bereit bin. Etwas Besseres habe ich nicht zu geben.
Vor Dir, mein Iust, knie ich und da mein Mund Dich nicht mehr küssen darf, küsse ich Deine Hände und danke Dir für die sechzehn Iahre des Glückes, für jede Stunde der ßiebe, für alle Seligkeit, die mir an Deiner Seite geworden ist.
Vergib, daß ich so viel Leid über Dich bringen muß und trage es als ein Mann, dem! immer noch so viel blieb, daß es wert ist, zu leben.
Die Mutter soll mir verzeihen. Ihr übergebe ich Die Sorge für Dich, für die Kinder und zumal für meinen armen gelähmten Iungen. Sie soll ohne Haft an mich denken.
Um das gleiche bittet auch Dich, mein Iust, Deine Helene.“
„NB. An meiner Treue und Liebe brauchst Du nicht zu zweifeln. Sie sind Dir sicher bis an das Ende.“ (Fortsetzung folgt.)
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