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Nr. 229 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 1. Oktober (930

Zeitfragen des Mittelstandes.

Krediifchutz.

Don Rechtsanwalt Dr. Kurt Meyer, Äerlin. Leiter der Schutzgemeinschast

für Absatzfinanzierung und Kreditsicherung.

Die Ankurbelung unserer Wirtschaft kann von zwei. Seiten aus erfolgen. Wir können entweder bei; Wirtschaft von der Prvduktionsseite her bei- kommen, sie durch Schaffung von neuen Pro­duktionsmitteln anregen und so der Arbeits­losigkeit steuern. Oder wir können versuchen, die Wirtschaft von der Konsumseite her zu beleben, indem wir durch Senkung der Preise die Kauf­kraft heben, oder durch entsprechende Kredit­mahnahmen die Kaufkraft erweitern. Dient dem ersten Ziel die Rationalisierung, so dient dem letzteren die jetzt so modern gewordeneAbsah- sinanzierung".

Da Deutschland an einer Llebersehung seiner Wirtschaft mit produktionstechnischen Anlagen leidet, so wäre es wohl kaum ratsam, eine Er­weiterung unserer industriellen Produktion mit dem Hinblick einer Ankurbelung der Wirtschaft von dieser Seite aus vorzunehmen. Es wäre nicht nur kaufmännisch unklug, sondern volkswirtschaft­lich direkt verhängnisvoll, wollten wir um einer augenblicklichen schnellen Arbeitsbeschaffung wil­len die Produktionsfähigkeit unserer Wirtschaft noch weiter steigern. Wir müssen vielmehr vor allem eine Anregung des Konsums anstreben. Reben dem Bestreben, eine Senkung der Preise herbeizuführen, kommt also der oben erwähnten Absatzfinanzierung heute eine wesentlich erhöhte Bedeutung zu. Schon früher wurde diese neue Art des Verkaufes von einer ganzen Anzahl von Spezialgeschäften gepflegt. Diese verfügten über besondere Erfahrungen in der schwierigen Art ihrer Geschäftsführung, über eine besondere Organisation und natürlich auch über eine ge­wisse Kapitallraft, die es ihnen ermöglichte, den Eingang ihrer Guthaben auf längere Zeit hin- auszuschieben. Die Ungunst der Zeit brachte es mit sich, dah die Konsumfinanzierung heute fast im gesamten Einzelhandel üblich wurde. Dieser Handelszweig wurde, um seine Umsätze aufrecht­zuerhalten, mehr und mehr gezwungen, sich dieser modernen Derkaufsform als eines Lock­mittels zu bedienen. So entstanden neben den reinen Abzahlungsgeschäften eine ganze Reihe von Detailgeschäftcn, deren Vertrauensverhältnis zur Kundschaft, wie cs sich auf Grund einer lan­gen Tradition entwickelt hatte, auf die Weise aufrechterhalten werden sollte, dah man in An­betracht der schwierigen Wirtschaftslage den Kun­den ein entsprechendes Entgegenkommen in den Zahlungsbedingungen zeigte.

Wie jede Wirtschaftsform, so besitzt auch der Kundenkredit seine Gefahren. Es traten nicht nur bald zahlreiche Schädlinge auf, die aus diesem auf Vertrauen zum Kunden entstandenen Ent­gegenkommen der Kaufmannschaft unrechtmäßigen Vorteil zogen, sondern es entstand für viele nicht ganz charakterfeste Personen die Versuchung, sich über die Gebühr finanziell zu engagieren, jedenfalls bestätigte die Erfahrung bald, dah es immer wieder gewissen Käufern gelungen war, an verschiedenen Stellen Kredite zu erhalten, die insgesamt weit über ihre' finanzielle Lei­stungsfähigkeit hinausgingen, und daß notorische Kreditschwindler in der Lage waren, immer neue Fi rin en, selbst gleicher Branche, zu schädigen.

Diese Schädigung des Handels konnte natür­lich zu einer Gefahr für die Betriebe werden, sobald sie in einem großen Maßstabe auftrat. Aber selbst in mäßigen Grenzen wirkte sie nicht nur überaus schädlich auf die mit den einzelnen Branchen in Verbindung stehenden jndustri^ nnd Gewerbezweige, sondern sie bedeutete auch eine Belastung der Gerichte, viel Aerger und oft schweren Zeit- und Geldverlust. Cs ist daher erklärlich, daß die Wirtschaft auf Mittel sann, alle diese hemmenden Faktoren auszuschalten, kommt es doch in unserer heutigen Zeit des schwersten Wirtschaftskampses mehr denn je dar­auf an, die produktiven Kräfte anzufachen und jeden Leerlauf zu vermeiden.

So entschlossen sich denn eine Reihe führender deutscher Firmen, gemeinsam eine Zentralstelle zu schaffen, über die sie sich gegenseitig unter strengster Wahrung des Geschäftsgeheimnisses die von ihnen gegebenen Kredite und die im Verkehr mit ihren Kunden gemachten Erfahrun­gen zur Verfügung stellten. Diese Zentralstelle war die Schuhgemeinschaft für Absahfinanzierung und Kreditsicherung, kurzSchufa" genannt, eine Organisation, welche die bei den einzelnen Kredit­gebern für alle andern nutzlos liegenden Unter­lagen sozusagen in einem Generalarchiv sammelt und nutzbar macht. Dort werden die Unter­lagen dazu benutzt, um übermäßige Kredit­gewährungen zu verhindern und notorische Schwindler, die bereits eine Stelle geschädigt haben, für die Zukunft unschädlich zu machen.

So wirksam die Organisation für den Kauf­mann ist. so unauffällig ist ihre praktische Durch­führung für das Publikum. Der Kunde merkt und erfährt gar nichts von der diskret und sicher arbeitenden Organisation. Betritt er das Geschäft, so füllt er einen Antrag mit fernem Rainen aus und unbemerkt von ihm wandert dieses Papier in die Telephonzentrale, von der aus bei derSchufa" Auskunft über bie Kredit­würdigkeit des Kunden eingeholt wird. Hier ist sofort durch entsprechende Zeichen auf der Karte des Kunden falls er schon einmal auf Abzahlung gekauft hat festzustellen, inwieweit er seinen Verpflichtungen nachgekommen ist, ob er ein säumiger Zahler war. gepfändet wurde, Konkurs gemacht hat. den Offenbarungseid lei­stete usw. Das Geschäft besitzt also bereits nach wenigen Minuten, während der Kunde sich den Kaufgegenstand auswählt, völlige Klarheit über dessen Kreditwürdigkeit und kann demgemäß dis­ponieren.

Dem Kreditschuh, der sich übrigens leicht zu einer ständigen Kreditkontrolle für die Praxis aus bau en läßt, kommt also heute eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung zu. Er bildet eine Erweiterung und einen Ausbau unserer bisheri­gen betriebsorganisatorischen Maßnahmen, wie etwa der Produktions- und Lagerkontrolle. Er ist im wahrsten Sinne der Hüter des Haupt­buches. Wie es Aufgabe des modernen Fabri­kanten ist, die Gütererzeugung seines Werkes

möglichst im Einklang mit der Aufnahmefähigkeit des Marktes zu erhalten, so muß der moderne Detaillist seinen Rmsah auf die Kaufkraft seiner Kundschaft abzustimmen suchen. Hier wie dort in der Produktion, wie im Handel gibt es aber eine Reihe von Llnsicherhcitsfaktoren. deren Ausschaltung anzustreben ist. Da die Produktion dem Konsum notwendigerweise um einige Schritte vorauseilen muh, will sie ihren volkswirtschaft­lichen Zweck erfüllen, so weiß der Produzent oft nicht, wie groß der Konsum ist, zumal dessen Umfang stark durch wirtschaftliche Momente aller Art beeinflußt wird. Aehnlich so weiß der mit dem Konsumenten verhandelnde Kaufmann nicht immer, wie groß dessen Bedarf lies Kauf­kraft ist, da auch dieser gleichfalls durch wirtschaftliche Vorgänge verschiedenster Art ver­ändert wird. So wie es nun der Produzent durch geeignete Maßnahmen zu vermeiden sucht, einen Punkt zu erreichen, an dem die Ware unver­

käuflich wird, das Lager belastet und der Ver­kauf zu Derlustpreisen einsetzt, so muh es der Handel zu vermeiden suchen, nur um des Ge­schäftes willen Waren abzusehen, deren Gegen­wert gefährdet ist. Diesem Ziele dient wirksam der Kreditschutz.

Cs ist daher begreiflich, daß die gesunde Idee eines sicheren Kreditschuhes nicht nur schnell in allen Kreisen der deutschen Wirtschaft Ein­gang fand, denen an einer wirklichen Sicherung ihrer Aussenstände gelegen war, sondern dah auch der Wert-dieser Organisation auf der Seite der Konsumenten durchaus anerkannt wurde. Insbesondere haben es die Hausfrauenorgani­sationen begrüht, dah leichtsinnige und unvor­sichtige Kreditnehmer zwangsläufig vor Ein­gehung wirtschaftlich nicht vertretbarer Verbind­lichkeiten bewahrt und so zur Selbstachtung er­zogen wurden.

Gorgen -es Einzelhandels.

Don Or. Moeßner, Syndikus des hessischen Einzelhandels, Darmstadt.

Die Sorge um die künftige Entwicklung der deut­schen Wirtschaft beherrscht heute alle Kreise. Es ist bezeichnend, von allen Wirtschaftsgruppen zu hören, dah sie der geschäftlichen Lage in der näheren Zu­kunft absolut pessimistisch entgegensehen. Allerdings ist man in dem Nachkriegsdeutschland das Jammern aller Bevölkerungskreise so gewöhnt, daß man glaubt, vielfach derartige Klagen nicht mehr ernst nehmen zu sollen und sie mehr als Ausdruck der allgemeine Unzufriedenheit zu werten, als eine Bestätigung der wirklich vorhandenen Depression darin zu erblicken. Der Einzelhandel hat, rein um­satzmäßig gesehen, den Höhepunkt von 1928 über­schritten. Das Jahr 1929 blieb schon im großen und ganzen etwa 10 Prozent hinter dem Vorjahre zu­rück, und das vorläufige Ergebnis für 1930 ist geradezu erschreckend. Durchschnittliche Umsatzrück­gänge gegen 1929 in Höhe von 20 und 30 Prozent sind eine allgemeine Erscheinung geworden. Zum Teil hat sich hier der von der Regierung ge­wünschte Preisabbau schon längst in aller Stille vollzogen: besonders ausgeprägt in der Schuh­branche und im Textilhandel. So sind in der Schuh­branche teilweise Preisrückgänge bis auf die Höhe des Friedensniveaus festzustellen, und auch im Textilhandel sind Preisrückgänge von 20 und 30 Prozent keine Seltenheit, sondern fast in allen aus­gesprochenen Konsumwaren nachweisbar. Das Feh­len eines wirklich gut durchgebildeten Lebenshal­tungsindex, die Tatsache insbesondere, daß wir keinen eigentlichen Einzelhandelsindex kennen, ist daran schuld, daß man an den tatsächlich vollzogenen Preisumwälzungen im Einzelhandel vollkommen vorbeigegangen ist, obwohl gerade hier viel nach­haltigere Preissenkungen vorgekommen sind, als ^ispielsweise in einigen Zweigen der Industrie r Was sehr bedenklich stimmen muß, ist die Ent­wicklung der Unkosten. Obwohl rein preismäßig ge­sehen die Umsätze stark zurückgegangen sind, haben sich die Umsätze im Einzelhandel nicht gesenkt, denn Mieten Gehälter, Löhne, Steuern, Reklameunkosten usw. sind konstant geblieben, oder weisen sogar gewisse Erhöhungen auf. Der Prozentsatz der Un­kosten, nm Umsatz gemessen, ist bedeutend gestiegen und damit der Unkostenprozentsntz der Geschäfte. (Rein mengenmäßig gesehen, ist sicherlich der Um­satz nicht so stark zurückgegangen, wie sich dies im Geldumsatz ausdrückt, aber mit Rücksicht auf die auch in Geld ausgedrückten Unkosten muß vom Geldumsatz ausgegangen werden.) Es ist nicht ver­wunderlich, wenn sich heute die Mehrzahl der deut­schen Einzelhändler fragt, ob ihr Geschäft überhaupt noch existenzfähig ist, besonders wenn man erwar­

ten muß, daß sich der Umsatz in der nächsten Zeit nicht erheblich hebt. Damit ist aber mit Bestimmt­heit nicht zu rechnen. Einerseits hat die politische Unsicherheit der letzten Monate bei manchen .Käu­ferschichten zu einer gewissen Zurückhaltung geführt; hinzu tritt eine viel schleppendere Bezahlung der Rechnungen, als dies früher der Fall war. Ander­seits trifft die katastrophale Arbeitslosigkeit gerade den auf die Kaufkraft der Bevölkerung allein ange­wiesenen Einzelhandel ganz besonders hart. Man muß befürchten, daß wir den Höhepunkt der Ar­beitslosigkeit noch gar nicht erreicht haben, und es gibt sehr ernsthafte Wirtschaftler, die ein Anschwel­len des Heeres der Arbeitslosen von zur Zeit rund 3 Millionen im kommenden Winter auf 4 Millionen und mehr voraussagen. Wenn man sich vergegen­wärtigt, ein wie großer Teil der Bevölkerung durch diese Arbeitslosen und ihre Familien von dem nor­malen Konsum ausgeschaltet ist, so wird man sich nicht mehr wundern, daß der Umsatzrückgang des deutschen Einzelhandels so bedeutend ist. Es würde im Rahmen dieser Zeilen zu weit führen, alle die Möglichkeiten zu erörtern, die etwa bestehen könn­ten, um die deutsche Wirtschaft wieder erfolgbrin- gend anzukurbeln und das Arbeitslosenheer zum Verschwinden zu bringen. Es scheint jedoch nur der eine Weg gangbar zu sein: Senkung aller Lasten, der Steuern, der Löhne, der sozialen Bedürfnisse und des Lebensstandards des deutschen Volkes überhaupt, um eine bessere Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auf den Weltmärkten zu er­zielen. Eine derartige Reform an Haupt und Glie­dern aber kann nicht auf einmal kommen, sondern wird bestenfalls das Ergebnis von einigen Jahren fein.

Was wird jedoch in einigen Jahren noch übrig fein? Nach einer der letzten Konkursstatistiken ent­fallen von 16 000 Konkursen allein 4900 auf den Einzelhandel. Rund ein Drittel von diesen Kon­kursen stammten aus dem Lebensmitteleinzelhandel und dem Lebensmittelgroßhandel. Es ist erschreckend in wie hohem Maße gerade der Lebensmitteleinzel­handel an dieser Konkurszahl beteiligt ist, und ich stelle keine abwegige Behauptung auf, wenn ich sage, daß mehr als die Hälfte des deutschen Einzel­handels heute sofort vernichtet wäre, wenn wieder eine Kreditrestriktion eintreten würde, wie dies vor einigen Jahren der Fall war. Gewaltkuren in der heutigen Zeit würden zu einem fürchterlichen Er­gebnis für die ganze deutsche Wirtschaft führen.

Für den Einzelhandel heißt heute die Parole: W i c b e r a n f u r b e l u n g der Wirtschaft durch Senkung der Unkosten.

Forderungen des Handwerks.

Don Friedrich Berlin, Hannover, Dorsitzendem des Michsverbandes des deutschen Handwerks.

Bei bcr engen wirtschaftlichen Verflochtenheit der einzelnen Berufsstände ist angesichts der großen Depression der deutschen Wirtschaft auch die Lage im Handwerk schlecht. Die gesamte Wirtschaftslage Deutschlands ist wieder stark be­einträchtigt durch die Weltkrise, die selbst das wohlhabende Amerika mit in seinen Bereich zog. Schwerer als diese Auswirkungen lastet auf dem deutschen Handwerk der völlige Zusammenbruch des Binnenmarktes, der bei dem auffallend zu­rückgegangenen Verbrauch dem Handwerk große Käufermassen entzog. So zeigen denn auch die vom Reichsverband des deutschen Handwerks her­ausgegebenen monatlichen Wirtschaftsberichte, daß wiederum im August gegenüber 3uli ein weiterer Rückgang der Geschäftslage ein­getreten ist.

Die deutsche Wirtschaftslage wird gekennzeichnet durch das immer mehr anwachsende Heer der Arbeitslosen. 2 983 000 hat man gezählt, die die Rot der Zeit aus den Betrieben riß. Bald wer­den es über 3 Millionen sein, und wer weiß, wann diese Zahl ihren Höchststand erreichen wird.

Für das Handwerk bedeutet eine solche noch nie gekannte Arbeitslosigkeit AussaU an Kauf­kraft, Verlust an Kunden. Der Verbrauch von Fleisch wird geringer, der sonntägliche Kuchen gerät in Wegfall, man beschränkt sich auf das Allernotwendigste. So merkt auch das Lebens­mittelhandwerk den empfindlichen Einschlag der rückläufigen Bewegung. Das Institut für Kon­junkturforschung berechnet den Verdienstausfall durch die Arbeitslosigkeit für das erste Viertel­jahr 1930 mit 1010 Millionen Mark, für das zweite Vierteljahr 1930 mit 840 Millionen Mark. Das ergibt für das erste Halbjahr 1930 eine Summe von fast 2 Milliarden Mark. Der Ver­lust ist infolge der zunehmenden Arbeitslosigkeit nur noch größer geworden.

Die Arbeitslosigkeit trifft das Handwerk auch noch an einer anderen Stelle. Heute wollen die Klagen über die sog. Schwarzarbeit Erwerbs­loser (unangemeldete gewerbliche Rebenarbeit) nicht verstummen. Im Gegenteil, sie nehmen noch ständig zu. Menschlich verständlich bleibt schon das Bemühen der Erwerbslosen, wenigstens hier

und da durch eine kleine Gelegenheitsarbeit noch etwas zu verdienen, allein der Mißstand hat schon dazu geführt, daß einzelnen Handwerkerlichen Be­rufen ein großer Teil der Reparaturarbeiten ent­rissen wurde. Arbeitslose Dachdeckergeseften haben schon ganze Häuser eingedeckt. Für das Handwerk liegt hierin eine sehr große Gefahr, denn diese Rebenarbeit wird zu den niedrigsten Preisen an­geboten. Sie kann bei ungleichen Voraussetzungen auch billiger zur Ausführung gelangen, da der Schwarzarbeiter die Vorschriften über Umsatz­steuer, Gewerbesteuer usw. leicht zu umgehen weiß und auch keine sozialen Abgaben zu entrich­ten hat. Diese immer mehr ins Gewicht fallende Konkurrenz untergräbt für das selbständige Hand­werk die Möglichkeit angemessener Preise. Die Pfuschpreise der Schwarzarbeiter werden gele­gentlich den Meistern gegenüber gern ausgespielt, deren Preisbemessung die allgemeine Rotlage schon sowieso engste Grenzen setzt.

Zur Eindämmung und Beseitigung dieser Rebenarbeit hat das Badische Innenministerium unlängst an die in Betracht kommenden Dienst­stellen die Anweisung gegeben, dir ihnen be­kannt werdenden Fälle von Schwarzarbeit sorg­fältig zu prüfen, ob nicht Merkmale anzeigepflich­tiger gewerbsmäßiger Rebenarbeit vorliegen. So­fern begründeter Verdacht der Verletzung der Anzeigepflicht besteht, soll strafrechtliche Ver­folgung eingeleitet werden. Es soll ferner dalür Sorge getragen werden, dah die Unternehmer solcher Rebengewerbe ihren steuerlichen Ver­pflichtungen nachkommen. Ein solches Beispiel verdient Rachahmung. Rur strenge Vorschriften vermögen hier eine Wandlung zu bringen. Auch die Unterstützung des Publikums ist geboten. Ieder Auftraggeber wird sich auch bei der Ueber- tragung von Lieferungen und Leistungen an einen selbständigen Meister vorteilhafter stehen. Dieser führt die Arbeit fach- und sachgerecht aus. Er führt sie zweifellos besser aus als ein Arbeitsloser, den die Ängst, erwischt zu werden, zu eilfertigster Vollendung und damit zum Pfu­schen antreibt

Die Lage des Handwerks wird noch erschwert durch die vielen Eigenbetriebe, die sich Kom­

munen errichtet haben. Es gibt Städte mit eige­nen Baubetrieben: andere Gemeinden haben wieder den Ehrgeiz, eigene DekleidungSwerkstätten und eigene Schuhmachereien zu errichten. Wie­der andere Kommunen schlachten und backen in eigener Regie. Zur Begründung wird manch­mal angegeben, man müsse die arbeitslosen Ge­sellen von der Straße holen, ohne zu bedenken, daß man durch diese Konkurrenz die beim Hand­werk noch beschäftigten Arbeitnehmer wieder auf die Straße setzt. Mit gutem Recht ist das Hand­werk noch nie ein Freund solcher kommunalen Selbstversorgung gewesen. Oefsentliche Betriebe haben, wie die Erfahrung zeigt, für die Ver­braucher noch nie günstiger gearbeitet als die private Wirtschaft Dabei bauen diese auf dem allgemeinen Steueraufkommen auf und das Schönste noch der Meister muß durch seine steuerlichen Beiträge die eigene Konkurrenz obendrein finanzieren. Cs ist keine Ausgabe der Gemeinden, zu wirtschaften: ihre Betätigung bleibt lediglich die Verwaltung.

Auch die starken steuerlichen und sozialen Lasten wirken lähmend auf das Handwerk. Diese öffentlichen Lasten betrugen 1913 8,4 Milliarden Mark, für 1930 müssen sie mit 25,6 Milliarden Mark veranschlagt werden. Der Anteil des Hand­werks hieran beträgt entsprechend seiner zahlen­mäßigen Stärke etwa 10 Proz. Die Reichsregie­rung gibt selbst zu, daßbic steuerliche Belastung einen Grad erreicht hat, der ihre Ermäßigung im Interesse der Gesundung der Wirtschaft und der Erhaltung und Schaffung von Arbeitsmöglich­keiten dringend erfordert". Das gleiche gilt für die sozialen Lasten. Auch hier kann ein Zuviel an Fürsorge leicht verhängnisvolle Folgen nach sich ziehen. Die 550 000 Handwerksbetriebe, die Ar­beitnehmer beschäftigen, zahlen jährlich etwa 260 Millionen Mark an sozialen Lasten. Auf den Betrieb entfallen im Durchschnitt 470 Mark jähr­lich. Die Erhöhung der Arbeitslosenversiche­rungsbeiträge um 1 Proz. bemißt sich für diese Betriebe auf etwa 30 Millionen Mark jähr­lich. Cs wird Aufgabe der neuen Reichsregie­rung bleiben, sowohl bei den steuerlichen, wie auch bei den sozialen Lasten mehr als bisher auf die Tragbarkeit der Wirtschaft Rücksicht zu nehmen.

Wenn auch die allgemeine Wirtschaftslage und ebenso die des Handwerks unumwunden als schlecht bezeichnet werden muh, so liegt doch keine Ver­anlassung zum mutlosen Pessimismus vor. Eine Besserung der Wirtschaft ließe sich schon ermög­lichen, wenn mit der Zurückhaltung von Auf­trägen ein Ende gemacht würde. Diese Zurück­haltung ist zu einem wesentlichen Teil auf die Be­mühungen um einen Preisabbau zurückzufüh­ren. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß sich eine Preissenkung von oben herunter nicht diktieren läßt. Rur Aufträge bringen Ar­beit und Belebung.

Oie Bernfsverhälinisse der weiblichen Angestellten.

Don G. Buch.

Man hört nicht selten die Meinung, daß die weiblichen Angestellten sich in beruflicher Bezie­hung in bester Lage befänden, und das Straßen­bild mit den auffallend gut angezogenen jungen Mädchen scheint diese Auffassung zu rechtfertigen. Tatsächlich liegen die Verhältnisse aber so, dah nur diejenigen weiblichen Äugest eilten, die ihren Beruf nur als Rebenvcrdienst zu bewerten haben, sich in auskömmlicher Lage befinden, also das Heer derjenigen jungen Mädchen, die im Cltern- hause leben, von den Eltern säst ganz erhalten werden und sich nur ihr Kleidergeld und einen Aussteuerzufah erarbeiten wollen. Alle diejenigen weiblichen Ängestellten dagegen, die nicht Oiefen Rückhalt genießen, sondern wirtschaftlich für sich einzustohen, ja vielleicht noch zur Unterstützung Dritter beizutragen haben, sind nur bei äußerster Sparsamkeit in der Lage, den Lebensanforderun­gen gerecht zu werden.

Besonders schwer ist die Lage der älteren weiblichen Angestellten, da es für eine gekündigte ältere Dureauangestellte fast unmöglich ist, einen neuen Platz zu finden. Als ältere Angestellte find schon Personen von dreißig Iahren anzu­sehen. Man kann also sagen, dah die Lage der weiblichen Angestellten in dem Augenblick un­haltbar zu werden beginnt, in dem die Stühe von feiten der Eltern aufhört, sei es, dah sie sterben, sei es, dah der Verdienst des Vaters aufhörte, oder sich mindert. Immer wieder muh deshalb davor gewarnt werden, die Töchter auch dann dem Angestelltenberuf zuzuführen, wenn sowohl die Mittel, als auch die geistigen Fähigkeiten da sind, um einen Beruf, der eine längere Ausbil­dung verlangt, zu ermöglichen. Gerade zu dem Zeitpunkt, an dem die kaufmännische Angestellte nur allzu leicht der Derdienstlosigkeit oder un­genügendem Verdienst anheimfällt, tragen die Äuswendungen anderer, erlernter Berufe der Akademikerin, ter technischen Lehrerin, der selb­ständigen Gewerbetreibenden usw. ihre Früchte. Cs sollte nicht darauf ankommen, dah die Tochter schnell und verhältnismähig gut verdient, wie dies bei der Stenotypistin der Fall ist, sondern darauf, sie einen Beruf ergreifen zu lassen, der ihr, auch wenn sie älter wird, einen dauernden und auch bann noch auskömmlichen Verdienst ermöglicht. In der heutigen Zeit kann die Berufs­tätige sich auch nicht darauf verlassen, durch eine Ehe in dem Augenblick auf den Arbeitsmarkt verzichten zu können, in dem die Anstellungsmög­lichkeit denkbar schlecht wird und die Gehälter den Lebensanforderungen nicht mehr entsprechen.

Gutes und zuverlässiges Material über die Berufsverhältnisse der weiblichen Angestellten hat eine Erhebung der Frauenarbeitsgemeinschaft Deutscher Frauenberufsverbände" geliefert. Das Material ist in der Zeit von Ausgang 1928 bis Anfang 1929 gesammelt worden. Danach wurde für den Berus der weiblichen Handels- und Bureaungestellten festgestellt, dah bei rund 25 000 durch die Erhebung erfaßten Personen 52 Prozent junge Mädchen unter 25 Iahren waren. Zwischen 30 und 40 Iahren waren nur noch 20 Prozent beschäftigt. Wenn auch viele Angestellte durch Eheschließung dem Arbeitsmarkt entzogen wurden, 1 so bleibt doch die Tatsache, dah die meisten bet