Nr.229 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Mittwoch,!.Oktober (939
Remels Kampf um die Aulonom'e in Genf.
Klare Front gegenüber Litauen!
Don Richard Vriestorn, Berlin.
In Genf steht zur Zeit die Memelfrage zur Debatte, deren Ausgang nicht nur für das Memelgebiet selbst, sondern auch für die künftige politische Entwicklung der deutschen Ostpolitik von ausschlaggebender Bedeutung sein kann. Das durch das Versailler Diktat von Deutschland abgetrennte Memelgebiet ist seinerzeit von litauischem Militär in Zivilkleidern nach dem berühmten Vorbild des polnischen Wilnaraubs „erobert“ worden. Die Alliierten erklärten sich nach langem Hin und Her mit diesem Ge- waltstreich einverstanden, machten aber die Lleber- tragung der litauischen Souveränität auf das Memelgebiet davon abhängig, daß dem Gebiet in Gesetzgebung, Rechtsprechung. Verwaltung und Finanzen Autonomie gewährt wurde. Rur widerwillig fügte sich Litauen. Allem Anschein nach hat es das Pariser Memelabkommen vom 28. Mai 1924 nur mit dem festen Vorsatz unterzeichnet, es zu brechen und zu umgehen, wo es nur angängig war. Die Folge davon war ein ständiger Kampf zwischen den litauischen Gewalthabern und dec deutschen Devöllerung deH Memelgebietes. die sich ihre Rechte nicht nehmen lassen wollte. Wiederholt hat sich der Völkerbundsrat mit litauischen Rechtsverletzungen im Memelgebiet beschäftigen müssen. Iedes- mal versprach Litauen feierlichst vor dem Rat, das Memelabkommen und insbesondere das Autonomiestatut zu achten, um es hinterher um so heftiger zu bekämpfen.
In dem Kampf zwischen dem Memellanddeutschtum und den litauischen Gewalthabern hat Deutschland bisher eine wenig glückliche Rolle gespielt. Während das Deutschtum in Memel mit allen Raffinessen östlicher Verschlagenheit und Tücke gedrückt und geknechtet wurde, scheuten sich die jeweiligen Kownoer Regierungen nicht, Deutschland der unverbrüchlichen „Freundschaft" zu versichern und — Deutschland lieh den Dingen ihren Lauf. Heute ist es soweit, daß von einem autonomen Memelgebiet eigentlich nicht mehr die Rede sein kann. In der neuesten Beschwerde des Memelgebiets, über die gegenwärtig in Genf beraten wird, wird darauf hingewiesen, daß die dem Gebiet verliehene Autonomie überhaupt noch gar nicht wirksam geworden ist. An die Stelle der Repräsentanten der autonomen Gewalt, des memelländischen Landtags und des Landesdirektoriums, ist die Diktatur des l i t a u i - schenGouverneurs getreten. Der Kriegszustand, den die Litauer über das Memelgebiet ohne jeden Grund und im Gegensatz zum Memelstatut verhängt haben, tut ein übriges, um die Bevölkerung völlig rechtlos zu machen. Die Behandlung der Memelländer hat sich allmählich zu einem Skandal ausgewachsen, dessen sich nicht nur der angeblich so minderheiteichrrundliche Völkerbund, sondern ganz Europa schämen müßte.
Trotzdem hat es erheblicher Anstrengungen der gesamten deutschen Presse bedurft, um das Berliner Auswärtige Amt davon zu überzeugen, das) es unbedingt notwendig war, die Memel- befchwerde in Genf zur Sprache zu bringen. Man wollte anscheinend auch jetzt noch nicht dem „befreundeten" Litauen zunahetreten. Roch in Genf, als die Beschwerde den Ratsmächten bereits überreicht war, versuchte man zu einem gütlichen Llebereinkommen mit Litauen zu gelangen. Der litauische Außenminister T o u n i u s aber zeigte Deutschland glatt die kalte Schulter. Ieht ist die Memelbeschwerde trotz vieler Winkelzüge der Litauer — man wollte den Memelländern das Be
schwerderecht überhaupt streitig machen — auf die Tagesordnung des Rats gesetzt worden. Roch in dieser Woche soll der Rat eine Entscheidung fällen. Aber der deutschen Dölker- bundsdelegalion scheint ihr Vorgehen gegen Litauen schon wieder leid geworden zu sein, denn es soll nach den letzten Meldungen aus Gens nochmals versucht werden, in direkten Verhandlungen mit Litauen zu einem Liebereinkommen zu gelangen — das von Litauen dann wahrscheinlich ebenso glatt wie alle die anderen Zusicherungen und Vereinbarungen gebrochen werden wird. Litauen jedoch kommen diese Verhandlungen sehr zustatten, da es sich unter Llmständen dadurch die sehr peinlichen Verhandlungen vor dem Rat, die bestimmt mit der erneuten Feststellung der Dertragsbrü ch i gkeit Litauens enden werden, durch scheinbares Eingehen auf die deutschen Forderungen ersparen kann. Außerdem kann — die Litauer sind ja Meister der Verschleppung! — vielleicht erreicht werden, daß die Entscheidung des Rats in einem der Hcruptpunkte der Beschwerde, nämlich der Verfälsch ung der am 10. Oktober stattfindenden Wahlen zum memelländischen Land- t a g zugunsten Litauens, zu spät kommt. Iedenfalls sieht es heute bereits so aus, als ob die Memelfrage nun nicht vor den Rat kommen, sondern in direkten deutsch-litauischen Verhandlungen, die bisher noch nie zu einem Ergebnis geführt haben, geregelt werden soll.
Die Haltung Deutschlands einem Staat gegenüber, der kaum die Einwohnerzahl von Berlin besitzt, läßt sich schwer noch mit der Würde einer Großmacht in Einklang bringen. Sie ist einfach u n ve r st ä n d l i ch Soviel Rachsicht und Duldsamkeit kann auch nicht mit dem Bestreben Deutschlands, eine litauisch-polnische Einigung zu verhindern, entschuldigt werden. Gewiß, schon seit Jahren wirbt Polen um die Freundschaft Litauens. Riemand kann es bestreiten, daß eine litauisch-polnische Verständigung' die Einkreisung O st Preußens vollständig machen und Deutschland auf dem Wege über den baltischen Staatenblock unter polnischer Führung von Sowjetrußland abrie- geln würde. Aber ist diele Gefahr wirklich so drohend? Kann Litauen cs wagen, sich in die Arme der Polen zu werfen, ohne seine Selbständigkeit nicht selbst aufs Spiel zu setzen? Zwischen Polen und Litauen steht der Streit um das Wilnagebiet. Roch jede litauische Regierung hat sich die Wiederecoberung des geraubten Gebietes mit der alten litauischen Hauptstadt Wilna zum obersten Leitsatz ihrer Politik gemacht. Auch auf der gegenwärtigen Döllerbundstagung ist wieder über das Wilnaproblem ge brochen worden. Litauen hatte sich über die ständigen polnischen Liebergriffe an der Grenze des Wilnagebietes beklagt. Der Völkerbundsrat hat den beiden Regierungen empfohlen, sich in direkten Verhandlungen darüber schlüssig zu werden, wie derartige Zwischenfälle in Zukunft vermieden werden können. Im Hinblick auf diese Verhandlungen wird nun aus durchsichtigen Gründen von der litauischen Presse das Gespenst der litauisch-polnischen Verständigung an die Wand gemalt. Deutschland soll zu neuem Rachgeben in der Memelfrage veranlaßt werden. Die Phantasie der Litauer hat hierbei die merkwürdigsten Blüten getrieben. In K o w n o wurde das Gerücht kolportiert, daß unter Vermittlung des Vatikans in unverbindlichen Besprechungen zwischen bekannten litauischen Persönlichkeiten auf der einen und dem Bruder Pilsudskis und dem Warschauer Außenministerium auf der anderen Seite bereits eine Einigung über die Wilna- streitfrage erzielt worden sei. Lind zwar soll das Wilnagebiet brüderlich geteilt werden. Mitten
Spielerei.
Don Anton Schnack.
Dieses Haus, dessen Llmrisse ich mir in die Luft male, hat keinen Hund, der bellt, wenn ein Schritt naht. Eine weihe Aphrodite steigt, zerfallen schon, durch Verwitterung gebogen, in die Schatten der Oleanderbüsche.
Ich werde eine Wand voll Wein haben. Das Tasten der Äste an die Fenster. Die kleinen huschenden Vogelschatten. Ein Pult mit lateinischen Büchern: Ovid, Horaz, die Racktheit des Casar.
Wer weih, was ich da denke: viel Geringes sicherlich, Kleinigkeiten, Bedeutungsloses: hat der Schmied die Harke fertig geschmiedet: im Garten grub ein Maulwurf: morgen wird wohl Regen fallen: Kinder trugen einen jungen Star vorbei.
Wer weih, was ich da höre? Die Llhr. Das Picken einer Bachstelze im Gartenkies. Den laufenden Brunnen. Das absterbende Quaken eines Frosches. Den seufzenden Wald. Einen Knabenpfiff.
*
Ich werde einen Baum haben, den ich liebe. Roch weih ich nicht genau, ist es ein Apfelbaum mit weihem Blütenschnee? Auch die Mandeln sind schön, ihr Rot hat etwas vom Blut.
Ich werde eine Fensterscheibe lieben, da fte in ihrem Viereck den Wald hat. Den Flug der Rabenkette. Ein schwarzes Gewitter im Sommer. Verschneiten Weg im Winter.
*
Manchmal werde ich hinter einem Fenster stehen: großes hohes Fenster nach Osten, blaugrün im Sommer der Schein des Glases, wenn der aufgetane Mittagshimmel mit blauen Lichtwogen über die Wipfel der Bäume verflicht.
Ich bin auf dieses Fenster stolz, durch es verlieren sich meine Träume und Phantasien in die Welt: zu Eisenbahnen, die tausendfach unterwegs sind; ziehen in Städte ein, die in purpurner Rächt. lüft schwimmen: fallen am Meere nieder, wo ein Fisch im Tang blitzt.
An dem Fenster nach Süden stehen Blumen. Ich nenne nur eine davon: eine Levkoje, eine braune Samtblume. Das ist ein Duft, der wie Gewürzwein riecht.
Sonst liebe ich den Duft des Heus und der ausgewaschenen Mostkelter. Dgs wird wieder bald sein. Dann steh? dieses Fenster offen. Rächt für Rächt, Tag für Tag.
Oh ihr Rachtlichter, die ich sehe! Dann weih ich vieles. Da geht ein Kind zu Bett, das niemand zum Erzählen hat. Schweigend und voll Ernst versinkt es im Traum der Kiffen.
Das kleinste Licht ist mit das liebste. Es kommt von weither, von der Kuppe eines runden Hügels, der am Morgen grün ist von vielen Bäumen. Am Abend ist er blau wie eine Wolke und als wollte er mir davonziehen. Aber er zieht mir nicht davon. Es ist nur der Wafferdunst, der aus dem Quell- gerinsel steigt, in dem sein Fuh sich badet. Aus der kühlen Abendliefe kocht sein Rebel.
Einmal werde ich traurig fein. Oh, doch nicht so traurig wie beklommen. Dann sehe ich das kleine Licht nicht mehr, sei es, dah die Kraft meines Auges abnimmt, oder dah es nicht mehr notwendig ist das Licht anzuzünden. Vielleicht haben sie das ernste kleine Mädchen, mit müder, verwehter Lunge, in die hohen Berge gebracht. Oder es ist schon begraben unter einem weihen Kreuz mit Goldbuchstaben und einem emaillenen Engel.
Wie schnell Geliebtes aufhört!
Wie doch ganz ein Licht zur Heimat wird! Lln- begreifliches und Linerkenntliches liegen hinter den einfachsten Erscheinungen.
Eine Weihdornhecke, über die niemand hinüber- sehen kann. Weihe Falter schwimmen über sie herein: gelbe hinaus. Hinaus: das ist im Frühling eine Wiese, im Sommer ein Schwaden Geruch, im Herbst das Geläut von Kühen, im Winter Schnee und ein schwarzer hungriger Rabe.
Etwas Wein im Keller: wo er wuchs, stand ein steinerner Kilian, mit vogelbekleckerter Bischofsmütze, ein kleines Kreuz inbrünstig in der Hand, auf das er niedersah.
Die Melodie des Brunnens: sie ist mir unbegreiflich. Tausendmal habe ich sie schon gehört. Ich kann sie immer wieder hören. Ihre Musik veraltet nie. Aus ihrem rauschenden Fall klingt Verzauberung. Tief unten muh sie wohnen: Zwerge und Gold- gestühl: grüne Tiere: eine Frau mit Schuppen. Eüh und traurig zugleich seufzt sie herauf.
Unb die Türen! Eine geht auf den Weg. Ein stiller alter Weg voll Feuernelkenränder; Distelköpsen; gelben Stieglitzen. In den Sommernächten singt er und klingt er; tausend Grillen wehen ihre braunen Hornhäute. Im Winter die Fuhtapfen des Landbriefträgers. Rägelsohlen von Bauern. Kleine Kritzel- zeichen von Vogelkrallen.
Eine geht in den Garten drei Stufen hinunter. Das Gras wuchert schon wieder aus dem Gestein hervor. Im Herbst ist hier immer ein Blatthaufen vom Apfelbaum. Manchmal hegt auf dem obersten Stufenstein ein weiher Vogelkot. Es ist schön, wenn die Vögel so nahekommen.
Eine der Türen geht ins Gras. Diese ist mir die liebste. Ende 3uni wird das Gras gemäht. Lind dann noch einmal in den ersten Septembertagen. Ich liege auf der Wiese, ein Tuch unter mir, in der
durch das Land und sogar mitten durch die Hauptstadt Wilna soll die Grenze gehen! Für seine Zugeständnisse will Polen sich angeblich mit einem Flottenstützpunkt in Memel oder dem memelländischen Tadeort Riddcn zufriedengeben. Bei diesen Plänen ist zweifcl.os der Wunsch der Vater des Gedankens. Wer die polnische Einstellung zu dem heutigen Territorium Polen kennt, weiß, dah die polnische Regierung nicht im entferntesten daran denkt, an irgendeine andere Macht freiwillig Gebietsteile abzutreten. Wenn Polen aber tat ächlich sich zu solchen Zugeständnissen bereiterklären würde, dann nur unter der Bedingung eines engen Ans chlus- ses Litauens an Polen. Das aber würde das Ende Litauens als selbständiger Staat bedeuten.
Unter diesen Umständen kann man die litauischen Ausstreuungen über die nahe bevor stehende Einigung mit Polen vorläufig in das Reich der Fabel verweisen. Immerhin aber wird man damit rechnen müssen, dah Litauen und Polen sich in kurzem an den Verhandlungstisch sehen, um über die Aufnahme des Transit-VerkehrS zwischen Wilna und den Häfen von Libau, Memel und Königsberg entsprechend den Vorschlägen der Transitkommission des Völkerbunds zu beratschlagen. Die Verhandlungen können sehr wohl zu einer für Deutschland gefährlichen Annäherung zwischen Kowno und Warschau führen, falls es nicht gelingt, die zwischen Deutschland und Litauen bestehende Spannung radikal zu beseitigen. Vor allem ist es d i e Unklarheit in der Memelfrage, die bisher stets zu Reibereien geführt hat. Es ist daher unbedingt notwendig, dah sich die deutsche Außenpolitik endlich zu einem Schritt aus rafft, der völlige Klarheit schafft. Litauen hat sich zur Respektierung der Memellandautonomie
durch Unterschrift und feierliche Versprechungen verpflichtet. Litauen muh daher auch seinen Verpflichtungen nachkommen. Diese kategorische Forderung muh unbedingt zur Grundlage der deutsch-litauischen Beziehungen gemacht werdem Litauen soll wählen zwischen der deutschen Freundschaft, die dem litauischen -Staat überhaupt erst die politifche und wirtschaftliche Lebcnsmöglichkeit geschaffen hat und auch heute noch schafft, oder der polnischen Begehrlichkeit, die Litauen seiner Selbständigkeit berauben und gleich dem Wilna- gebiet zu einer Provinz Polens machen will. Litauen soll wählen zwischen der bedingungslosen Anerkennung und Achtung der verbrie ten Rechte der Rkmelländer oder dem Verlust des Memelgebiets, da selbsivers.ändlich die Unterzeichner des Memelabkommens, also England, Frankreich, Italien und Iapan, von diesem Abkommen jederzeit zurücktreten tDirnen, nach« dem dieses von Litauen einseitig gebrochrn wor- ben ist. Erst dieser Tage Hai der „Manchester Guardian" eS als die beste Lösung der Memelfrage bezeichnet, die memelländische Bevölkerung in einer Volksabstimmung über ihr künftiges Schicksal entscheiden zu lassen. Daß diese Volksabstimmung zugunsten Deutschlands ausfallen wird, braucht wohl gar nicht erst gesagt zu werden. Deutschland wird bei den Genfer Verhandlungen darauf Hinweisen können, daß es in dieser Hinsicht jedenfalls alle Trümpfe in der Hand hat. Litauen so'.l sich also hüten, die Dinge auf die Spitze zu treiben. Jedenfalls ist eine klare Stellungnahme der litauischen Regierung zur Memelfrage dringend geboten, da die litauische Schaukelpolitik einen Unsicherheitsfaktor in der deutschen Außenpolitik darstellt, der sich bei späteren ostpolitischen Entscheidungen zu einer großen Gefahr für Deutschland auswachsen kann.
Wann wird es besser?
Bis die Finanzen des Staates saniert sind.
Don Geheimrat Ernst Wagemann, Direktor des Instituts für Konjunkturforschung.
Die deutsche Wirtschaft kann heute nur noch im Rahmen der Weltwirtschaft betrachtet werden. In dieser Beziehung ist eine grundlegende Verschiebung in den letzten Jahren ein getreten. Bis etwa 1928 ging die deutsche Konjunktur ihre eigenen Wege: es handelt sich bis dahin um vorwiegend binnen wirtschaftliche Bewc- gungsvorgänge. Heute schwingt unsere Wirtschaft im Rhythmus einer weltweiten Konjunk- t u r. Als für Deutschland typische Besonderheit kommt aber hinzu, daß sich im Zusammenhang mit den politischen Wirren eine schwere Vertrauenskrise herausgebildet hat, die sich in Kapitalflucht und Hemmung des Unternehmerwillens äußert.
Im ganzen neigen die Menschen dazu, die alte Weisheit außer acht zu lassen, dah auf Regen wieder Sonnenschein folgt. Sie neigen dazu, einen bestimmten Zustand als ewigdauernd anzusehen. So hat man auch an das Ende der Aufwärtsbewegung des 1926 beginnenden Kon- sunkturaufschwungs in Deutschland nicht glauben wollen. Presse und Bankwelt haben das Institut für Konjunkturforschung scharf angegriffen, als diese anfangs 1928 die Beendigung des Aufschwungs feststellte und im Mai 1929 den Konjunkturrückgang ankündigte. Diese Illusion, der damals die öffentliche Meinung unterlag, ist vielleicht auf eine entsprechende Einstellung in den Vereinigten Staaten zurückzuführen.
Die Amerikaner befanden sich damals in dem Glauben, daß ein Ende der Prosperitätsperiode nicht abzusehen sei, daß die Hochkonjunktur verewigt werden könne. Dieser Optimis
mus nicht nur von der Geschäftswelt, sondern auch von der amerikanischen Wirtschastswisscn- schast geteilt, indem immer wieder auf die Reichen Kapitalreserven der Vereinigten Staaten verwiesen wurde. Man übersah aber, daß sich schon seit 1928 im stolz aufgetürmten Bau der amerikanischen Konjunktur zahlreiche Risse und Bruchstellen auftaten. Insbesondere ergaben sich Liebersteigungen von Investitionen und Produktion über die Konsumkraft hinaus. Auch bei größter Geldfülle ist es aber unmöglich, eine Lleberproduktion dauernd durchzuhalten. So führte die Entwicklung zwangsläufig auf einen Zusammenbruch hin, der sich dann auch im Herbst 1929 im Sturz der Csfekten- kurse und der Warenpreise einstellte.
In Deutschland tritt zu dem eigentlichen konjunkturellen Zusammenbruch eine schwere Vertrauenskrise hinzu. Ich glaube, daß das Vertrauen wieder hergestellt würde durch eine gründliche Finanzreform. Vorübergehende Maßnahmen helfen nichts: im Gegenteil, es würde die Lage nur verschlechtern, wenn das Reich versuchen wollte, seinen Etat durch Anleihen auszubalaneieren. Es ist notwendig, eine Finanzreform herbeizuführen, die das System der Einnahmen und Ausgaben den Besonderheiten unserer Wirtschaftsverfassung an- paht.
Man hört oft, das Schlichtungswesen sei schuld an der deutschen Wirtschaftskrise? Diese Frage läuft darauf hinaus, ob das System der freien oder das der gebundenen Wirtschaft besser geeignet sei, Krisen und Arbeitslosigkeit zu her
Sommernacht. Ich habe schon viele glitzernd gezogene Schneckenspuren entdeckt. HochbeinigeHeuhüpser und das Metall eines Goldkäfers. Auch Mauspfade.
Hinter den Stämmen hervor lugen die Katzen: Peter, der Schwarze, Puh, die Junge und Fez, die Rote. Gott hat meinen Himbeerap'elbaum behütet. Ich liebe es, feine Frucht aus dem Grafe aufzulesen, glühend liegt die Kugel im Grün. Manchmal ist sie nah vom Tau des Sonnenmorgens.
Beglückend ist es in der Rächt aus dem Halb- schlafe heraus den dumpfen Fall eines Apfels zu hören; morgen wirst du ihn finden. Holder Gedanke!...
Am Kurzwellen -Sender 0 4 M.
Don Otto Flechsig.
Im Westen Berlins ist der Standort des Kurz- wellen-Senders D 4 ADS, den der Deutsche Slmateur» Sendedienst als eigenen Berfuchsfender betreibt. Monate hat es gedauert, bis er die Lizenz dafür bekam. Aeußerlich sieht man es dem Haus nicht an, daß man von ihm aus mit allen Orten der bewohnten Erde in Verbindung treten kann. Um 22 Uhr finden wir uns in dem „Senderaum" ein, der einmal das Dienstbotenzimmer der Wohnung war. Auf einem langen Tisch stehen zwei Transformatoren, die den ßeitungsftrom auf eine hohe Spannung umformen und gleichrichten und eine Anzahl mir zunächst unverständlicher Geräte. Da die Rundfunkdarbietungen erst gegen elf Uhr enden, müssen wir mit unserer Sendung warten, weil wir sonst den Rundfunk- empfang der Nachbarn stören würden. Da steht ein Gerät von der Größe einer Zigarrenschachtel, mit einer Metallspule daran und verbunden mit einer Taschenlampenbatterie: Deutschlands erster Kurzwellensender, mit dem der Inhaber der Station vor fünf Jahren feine Versuche begann, und mit der er ausgezeichnete Erfolge hotte. Er zeigt mir Bestätigungskarten aus Amerika, aus Afrika, daß man dort feine Morsezeichen klar und deutlich vernommen hätte. Wenn die Karten nicht echte Poststempel trügen, würde ich es jiidjt glauben. — Heute ist dieser erste Sender zum Museumsstück geworden, denn mit seiner geringen Sendeenergie war er doch ein wenig unzuverlässig.
Endlich hat die Berliner Funkstunde ihr Pro- gramm beendet, wir können also zu senden beginnen. Das tiefe Summen der Transformatoren setzt ein, und der „Funker" klopft auf den „Unterbrecher", mit dem die Morfezeichen durchgegeben werden. Wir senden: „CQ CQ CQ D 4 ADS“. Das heißt: Wir wollen mit einem anderen Sender in Verkehr treten und geben unser Rufzeichen. Nach dreimaliger Wiederholung stellen wir die Sendung ein und „gehen auf Empfang". Bald hören wir G 5 IS, einen englischen Sender, der uns guten Abend wünscht und
berichtet, daß wir gut zu hören seien, obgleich über Südengland eine Luftstörung liege. Sein Standort sei London, und er sende mit einer Energie von 50 Watt. Wir antworten: „Alles verstanden. Danke für Bericht. Unsere Energie 150 Watt. Werden Be- stätigungskarte schicken. Herzliche Grüße und große Reichweite!" Er antwortet noch einmal: „150 Watt sind zu schade für Wochentag", und verabschiedet sich dann.
Wieder lassen wir unser Rufzeichen ertönen, setzen aber diesmal zu dem CQ das Zeichen dx hinzu; es bedeutet, daß wir eine Verbindung' außerhalb Europas suchen. Doch meldet sich wieder ein Engländer, die um diese Zeit (für die Amerikaner ist cs noch zu früh: sie fitzen noch in ihren Bureaus oder bestenfalls beim Abendbrot) die kurzen Wellen beherrschen. Mir fällt zunächst auf, daß die Morsezeichen dieses Senders im Kopfhörer ganz anders klingen als die des ersten. Dieser „gibt" einen tiefen Brummton, während jener ganz hell und scharf Hang. Die „Funker" erklären mir, daß es keine zwei Sender gäbe, die vollkommen den gleichen Ton hätten. Auch dieser Engländer erzählt, daß in Manchester, seinem Standort, schwere Luftstörungen zu. verspüren seien, daß wir trotzdem fabelhaft zu hären seien. Dann fragt er: „Kennen Sie D 4 ADI in Berlin-Schöneberg? Bestellen Sie ihm beste Grüße. Wir kennen uns gut." Dann verabschiedet er sich, nicht ohne uns guten Abend und gute Erfolge gewünscht zu haben. Denn die „Ohms" (die Funkamateure) halten in jeder Beziehung auf guten „Ton", und es hat sich zwilchen ihnen schon eine Art ftnigge herausgebildet.
Wir bleiben nun einige Zeit „auf Empfang" und hären zu, was sich ein französisches Schiff xF8 HI G mit einem italienischen Amateur erzählt. Leider sendet der Italiener so mangelhaft (sein Sendeftrom ist nicht vollkommen gleichgerichtet), daß wir nicht folgen können, und stellen ein wenig um. Das Washingtoner Abkommen erlaubt nämlich den Amateuren nur einen schmalen Wellenbereich (10,20 und 40 Meter — die anderen Längen sind für Nachrichtenzwecke, Schiffahrt usw. belegt), so daß man meistens schon bei ganz geringer Verschiebung der Einstellung auf einen anderen Sender kommt. Wir treffen einen Finnen OH 3 NA, der aus dem kleinen Orte Lathi sendet. Ehe mir aber mit ihm in Verkehr treten können, spricht er schon mit dem Engländer, der eben mit uns gesprochen hatte. Da beginnen wir wieder unser CQ CQ CQ D 4 ADS und ein Franzose F8FT antwortet uns. Wir verständigen uns über die gegenseitige Lautstärke und Hörbarkeit, bis ein Holländer derart laut und eindringlich mit dem CQ--9tufen dazwischenfährt, daß mir die Verbindung aufgeben müssen.


