Ausgabe 
1.9.1930
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 205 Swett« Statt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefien)

Montag, L September 1950

Die Genfer Völkerbundstagung.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoetzsch, o. 6. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin.

3n dieser Woche beginnen die Verhand­lungen deS Völkerbundes, denen ein interessante« Vorspiel in Pari« vorau«gcgangen ist. Vriand wird ja mit seinem Paneuropa- p l a n im Mittelpunkt der Genfer Verhandlungen stehen. Daheim hat er wieder einmal unter einem Ansturm von recht« zu leiden, der ihm die üblichen Vorwürfe wegen seiner Verständi­gungspolitik macht. Darauf hat er nicht geant­wortet, und e« ist auch bemerkenswert, daß Tardieu in diesen Streit nicht eingriff. Aber au« diesen Schwierigkeiten hat man sich so herau«- geholfen, daß man die Völkerbunds­delegation Frankreich« sehr stark in ihrer Zusammensetzung verändert hat. Die lang­jährigen Völkerbundsdelegierten au- dem.Lager der Radikalen, also insonderheit Paul 2 on - c o u r, werden diesmal in Gens nicht erscheinen. Die Delegation besteht nur auS Mitgliedern de« Kabinett« und ist so deutlich nach rechts ge­rückt. Aber Vriand behält die Führung, und daß neben ihm noch zwei Minister in der Dele­gation sein werden, bedeutet, daß die fran­zösische Regierung diesmal die Gesamtver- a n t w o r t u n g sür die Politik Frankreich« in Gens in ganz anderer Weise übernimmt, als daS bisher der Fall war. In der Pariser P- hecht e« darum, dah Vriand nicht in seinem eigenen Rainen, sondern im Hamen Frankreichs in Genf sprechen werde. Da« ist ein bedeutsamer Hinweis darauf, wie Frankreich im ganzen zu Vriand« Paneuropaprojekt steht!

Zur Erörterung darüber ist etwas über­raschend und vorgreifend zu einer europäi­schen Sonderkonserenz etngeladen wor­den, die am 8. September beginnen soll, also säst genau ein Jahr nach jenem Frühstück, auf dem Vriand zuerst die Idee einer zusammenfassenden Organisation Europas entwickelt hatte. Für diese Konserenz will Vriand ein Weihbuch mit den Antworten der Regierungen und der Aeuherung Frankreichs dazu vorlegen. Aber die Diskussion in Genf wird kaum auf mehr herauSkommen, als die Klärung der Frage, wie sich die neue Organisation zum Völkerbund im ganzen verhal­ten soll. Deutschland hat nicht das ge­ringste Interesse daran, neben dem Völkerbund noch eine besondere Organisation entstehen zu sehen und mitzubezahlen, in der Frank­reich noch mehr in der Vo rhand wäre, al« die« Im Völkerbund selbst sowieso schon der Fall ist. Darüber hinaus wird schwerlich mehr zustande kommen, als die Markierung der bekann­ten Gegensätzlichkeit in den Ausgangspunkten, pb sich die Möglichkeit bietet, an dieser Stelle die Rotwendigkeit der gemeinsamen wirt- schastlichen Zusammenarbeit, ohne die Europa nicht aus der jetzigen Wirtschaftskrise herauskvmmt, gründlich zu erörtern, wird man erst sehen. Deutschland wird jedenfalls die Pflicht haben, diesen Gesichtspunkt sehr gründlich zu betonen, der ja jetzt infolge der wirtschaftlichen Entwicklung noch viel mehr Bedeutung gewonnen hat. als im vorigen Iahr, da Stresemann ihn zum erstenmal als Standpunkt Deutschlands zum Paneuropa-Vorschlag aussprach.

Für die Versammlung selbst stehen allerlei sehr interessante Fragen zur Erörterung. Einmal das Verhältnis des DölkerbundS- paktS zum Kellogg-Pakt, der gerade in diesen Tagen zwei Iahre alt geworden ist. Dann Mandatsfragen in bezug auf Palästina. Die Mandatskommission hat an der Haltung der eng-

lischen Regierung in Palästina sehr scharfe Kritik geübt. Man schreibt England die Verantwortung für die Unruhen und den Mangel jeder posi­tiven Politik in Palästina zu. Die englische Regie­rung hat daraus gekränkt geanttoortet. aber die Vorwürfe auch nicht entkräften können. Der Be­richt der Kommission darüber kommt im Sep­tember vor den Dölkerbundsrat und zur Erörte­rung, weiter vor allem die Danziger und Memeler Beschwerden, die angemeldet

Auch die OrganisattvnSfragen de«- Völkerbundes selbst werden besonders besprochen werden. Sie scheinen zunächst rein technischer Art: Anstellungssragen der Beamten, Art dieser Beamten usw. Heber eine Per- sonalresvrm in den DölkerdundSäintern bat ein besonderer Au-schuß beraten, der aber durch­aus nicht einig in seinen Vorschlägen geworden ist. Seine Mehrheit schlägt vor. daS ganze DölkerbundS-Beamtenpersonal zu einem ein­heitlichen Deamtenkörper de« Döl-

Hundert Jahre Eisenbahn.

100 Jahre sind oerfloffen, seit im September 1830 die Bahnstrecke ManchesterLiverpool eröffnet wurde.

.. Tir

1

(Eine der primitiven, im 12*km<Xempo dahinsausend en Lokomotiven von 1830 nach einer zeitgenössischen Darstellung.

- The Hush-Hush", die neueste Lokomotive des schnellsten Zuges der Welt, desFliegenden Schotten".

kerbunde« mit internationalem Eharakter zu machen. Die Minderheit, in der Deutschland und Italien die bedeutendsten Mächte sind, lehnt da« ab und wünscht wech­selnde Beschäftigung jüngerer Di« P l o m a t e n in den Dölterbund«-Aemtern. Eben­so streitet man sich um die Leitung, die. wie bekannt, von einem englischen Generalsekretär und feinem französischen Stellvertreter gebildet wird. Man woltte die vier HntersekrelärsteUen um fünf weitere vermehren Dagegen aber find wieder Deutschland und Italien und austerdem Japan. Wie un« dünkt, mit vollem Recht, weil eine derartige Vermehrung nur den Sinflust Frankreichs und dann England« noch mehr stär­ken würde. ES find technische Fragen, aber an jeder Stelle spürt man d i e grossen politi­schen Zusammenhänge und Hinter­gründe, die dabei mitwirken» der vegenlav Frankreichs und seiner Vasallen auf der einen Seite und die anderen, die sich eben leider bis­her zu einer wirklichen Gruppierung und Zu- fammenfaffung nicht zusammengefunoen haben, zumal c« ja auch Frankreich verstanden hat, sehr viele der südamerikanischen Vertreter an sich zu fesseln.

Die Versammlung in Dens ist die erste, di« in der neuen Lage der großen Polt- t i k stattsindet. wie sie durch Poung-Plan, Rheinlandräumung, englisch-amerikanische Ver­bindung. Gegensatz zwischen Frankreich und Ita­lien heute gegeben ist. Immer wieder muh di« Forderung erhoben werden, daß die deut­sche Völkerbund-Politik sich die Fol­gerungen auS dieser Lage sehr genau überlegt und sich fragt, wie an den Stellen, wo die deut­schen und die europäischen Interessen zusammen­fliehen, eine neue, aktivere und ziel- bewußte Vblkerbund-politck Deutschlands ge­macht werden kann. Sie ist durch die beiden Schlagworte: RüstungSauSgleich und Revision-- möglichkeiten der Pariser Verträge unter An­wendung des Art. 19 deutlich genug bezeichnet. Deutschland braucht dabei durchaus nicht mit bet Tür ins HauS zu fallen. Aber der Boden, auf dem eS arbeitet und handelt, ist eben ein etwa« anderer geworden. Die Möglichkeiten zu einer aktjveren Völkerbund-Politik find vorhanden, für die wir absichtlich nicht daS Wort von einer neuen deutschen Dölkerbund-politit und Außen­politik überhaupt gebrauchen.

-

Provinzialausschuh»Sitzung.

In der am Samstag stattgehabten Sitzung de» Prooinzialausschusses der Provinz Oberhessen wurden folgende Derwaltungsftreit- fachen verbandelt:

1. Die Klage des preußischen Bezirksfürsorgeoer- bandes Wetzlar gegen den Landessürsorgeoerband Hessen, vertreten durch den Bezirkssursorgcverband des Kreises Alsfeld, wegen Erstattung von Pflegekosten für Johann Schoop.

2. Die Klage des preußischen Bezirksfürsorgcvcr- bandes des Kreises Gelnhausen gegen den Hess. Bezirksfürsorgeverband des Kreises B ü d i n - ?c n wegen Erstattung von Unterstützungskosten für . das Kind Karl Welßbecker zu Bad Orb; 2. die Eheleute Willi Eberhard in Bad Orb und deren Uebernabme in unmittelbare Fürsorge.

Der Prooinzialausschuß wies in beiden Sachen die ftlagen als unbegründet zurück und ver­urteilte die Klager in die Kosten des Berfahrens.

Daten für Dicntztag, 2 September.

1851: der Dichter Richard Boß in Reugrape ge­boren; 1885: der Chemiker Wilhelm Oswald in Riga geboren; 1870: Gefangennahme Napo­leons III. und Kapitulation Sedans.

Frau im Spiegel.

Don Anna Kappstein.

ES bieste richtiger: der Mensch und der Spie­gel. ES ist ein Mann, von dem die Verse im .Welträtsel- stammen, der Dichter Paul Hehse:

Manchmal, wenn jäh dein eigen Angesicht AuS klarer Spiegelfläche zu dir spricht, Dünkt dir'-, du sähst, was dir so wohlbekannt, In dunkle Hieroglyphen umgewandt.

Du fragst dich, wem dies fremde Bildnis gleicht, DiS vor dir selbst ein Graun dich überschleicht Und daS Geheimnis deiner Einzigkeit Mit deinem dumpfen Frieden dich entzweit.

Selbstliebe führt unS vor den Spiegel. Selbst­erkenntnis lehrt er uns. Das ist Gewinn, wenn manchmal auch ein schmerzhafter. Schlimmer, wenn die Erkenntnis so tief rührt, daß wir vor jener .Einzigkeit", also abgründiger Vereinsamung, er­schrecken. Darüber vergeht wohl die Eitelkeit.

ES ist xu billig, den Spiegel nur alS Attribut ber Eitelkeit zu werten. Mag eS eine ewige Frauenfrage sein:Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?", so weih die Frau trotzdem, dah Der unentbehrliche ®icner kein Schmeichler, sondern der unbarm­herzigste Berater ist. Rur er, der herbe Ver­traute, sieht das Erbeben der Angst vor den ersten Spuren des Alterns, nur er kennt die Tränen verratener Liebe und gekränkten Stolzes; er weih um alle Kunstgriffe der Frauen, mit denen sie zu täuschen verstehen; eS gibt Augen­blicke, da sie sich vor ihm schämen müßten. Seine Unbestechlichkeit übertreibt; das ist eine alte Er­fahrung, dah man Schäden eines Gewebes im Spiegel deutlicher entdeckt als in der Wirklich­keit und dah ein am Kleide übersehenes ßtaub- sleckchen uns aus dem Spiegel geradezu anschreit.

die bittere Wahrhaftigkeit des Spiegels schenkt, sobald wir vor ihr bestehen können, die Sicherheit, mit der wir unter den Menschen uns bewegen. Die ihrer Schönheit immerdar gewisse <$rau zwar genießt vor dem Spiegel die Ver­doppelung ihrer Reize als Dervielfälttgung ihrer Daseinslust und fühlt erst durch ihn ganz die Ueberlegenheit ihrer Stärke wie ihrer oft noch sieghafteren Schwäche. Aber ehrlich gibt auch sie sich vor dem Spiegel so ehrlich wie er selbst. Dor dem Maler, vor dem Photographen, noch vor dem Geliebten wird posiert. Gerade vor ihm. Man darf der Illusion der Liebe vertrauen, und Deist und Grazie helfen über einen Schönheitsfehler hinweg. Aber die Frau, der ihr Spiegel bezeugt, daß die Iahre ihrer Blüte gezählt sind, fühlt sich ange­rufen, den Sinn des Lebens in anderen Werten zu suchen als im Gefallenwvllen. Manche war jo lange eine hübfche Puppe und wich erst jetzt

zum rechten Menschen. Ein Erzieher ist der Spie­gel. Dennoch verwirrt er mit Hintergründen feines Wesens. Hinter jeder klaren Linie, die er xurückwirft, schwankt ein gleitendes Bild. ®e- schlechterreihen. die Jahrzehnte und Iahrhunderte vor uns in einen alten Spiegel schauten, haben sich mit geistern en Runen in ihn eingeschrieben. so scheint es den Rachgkborenen in crinne- rungdurchzitterten Stunden. Lind ließen wir selber nicht ebenfalls den Hauch eines flüchtigen Ab­bildes unserer wechselnden Erscheinung zurück? Sieht die ergraute Frau nicht ihren Kinder­blick. ihr Mädchenlächeln aus dem Spiegel sich grüßen, so daß sie an sich selber irre wird?

Finsterer noch tappen wir ins Ungewisse, wenn unser Spiegelbild sich nicht mit der Vorstellung deckt, die wir von uns selber hegen. .Vor jedem steht ein Bild des. was er werden soll. Solang er da« nicht ist, ist nicht sein Frieden voll." Diele gelangen nie zu diesem Frieden. Eie leiden lebenslang unter dem Widerspruch von Sein und Schein. Annette von Droste-Hülshoff, die westfälische Dichterin, redet ihr Spiegelbild so an:

Schaust du mich an aus dem Kristall Mit deiner Augen Rebelball, Kometengleich, die im Derbleichen;

Mit Zügen, worin wunderlich Zwei Seelen wie Spione sich Umschleichen, ja, dann f lüft re ich: Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

Es ist gewiß, du bist nicht ich.

Ein fremdes Dasein, dem ich mich Wie Moses nahe, unbeschuhet. Doll Kräfte, die mir nicht bewußt. Doll fremden Leides, fremder Lust; Gnade mir Gott, wenn in der Brust Mir schlummernd deine Seele ruhet!

Es ist brennendes Geheimnis um diese Zwei- feeligfeit. Wird im Spiegel unser Unterbewußt- sein uns offenbar? Oder unser besseres Ich. das im Leben den Alltag nicht durchbrechen kann? Erschließt sich uns ein Rest der Gestalt, in der wir in einem Dorleben gewandert sind? Oder deutet sich die Bestimmung an, der wir entgegengeben? Wer sich zum Glauben der Seelenwanderung hält, dem sind alle Erschei­nungsformen nur Spiegelbilder einer letzten Wahrheit, die sich endlich erfüllen muß. So erzählt Plato von den Schattenbildern der Ideen, die der Höhlenmensch, mit dem Rücken gegen die Sonne gewandt, auf der Grottenwand sich abspiegeln sah. Faust erblickt in Mephistos Zauberspiegel das himmlische Bild der Helena.

Im .Reineke Fuchs" gibt es einen Spiegel, .daran die Stelle des Glases ein Beryll ver­trat von großer Klarheit und Schönheit". Er zeigte meilenferne Vorgänge bei Tag und bei Dacht und heilte dem, der sich darin bespiegelte,

alle Gebrechen. Eine Karikatur des Zauberspie­gels ist das Iabrmarktsvergnügen der Zerrspie- Sel. Der verzerrende .Rarrenspiegel" der Witz- lätter ist dennoch Wahrheitssager, indem er einen charakteristischen Zug bervorhebt auf Kosten anderer Züge, aber unterstreichend dabei Wesentliches aus dem Zufälligen schält.

Der Metallspiegel des Altertums stand auf dem Puhtisch der Frau, als es noch keine klaren, gläsernen, mit Quecksilber oder Silber unterlegten Spiegel gab; er findet si chsogar auf der grie­chischen Grabstelle. Auch glänzende Steine dien­ten als Spiegel. Dor ihnen war das Wasser da, der stille Teich, in dem Rarziß sich beschaute, der in sich selbst verliebte Typ des eitlen Mannes. der Brunnen, in den Rautendelein spähte und aus dem der Rickelmann auftauchte und ißr Spiegelbild trübte. Der Handspiegel, reich verziert, durch seinen Rahmen oft Kost­barkeit und Kunstwerk, war in alten Zeiten ge­bräuchliches Gerät. Im Barock und Rokoko wen­dete der Schnitzer und der Goldschmied dem Schmuck des Spiegels alle Zärtlichkeit zu. Die Größe des Spiegels wächst, füllt Wände und Türen. Dersailles prunkt mit der weltgeschicht­lichen Spiegelgalerie. In diegute Stube" des lehtverslossenen Iahrhunderts gehörte ein Tru- mcau, ein schmaler hoher Etehspiegel zwischen zwei Fenstern. Goldgerahmte Spiegel gaben Tanzsälen die festliche Rote.

Die moderne Innenarchitektur geht sparsam mit der Verwendung von Spiegeln um, selbst in den Wandelgängen der Lurusthcater. Wir auShäusi- geren Menschen von heute wollen zwischen un­seren vier Wänden die Traulichkeit; aber Räume mit vielen Spiegeln sind wie Zimmer* mit offen- stehenden Türen. Immer können ungebetene Gäste ein- und ausgeben. Immer sind Zeugen gegen­wärtig. und wäre man sich selbst ein Zeuge, der die Unbefangenbeit stört. Unvermutet dem eigenen Spiegelbild im fremden Raum, etwa in einem Hotelzimmer, zu begegnen, kann erschrecken. Spiegel, nächtlich in ungewissem Licht flim­mernd. haben etwas Geisterndes. In Totenzim- mem verhängt man den Spiegel. Der Aberglaube rankt sich um das Spiegelbild, daS eine Iung- frau, eine brennende Kerze in der Hand, in der Silvesternacht erblickt. Es zeigt ihr Liebe ober Tod.

Der Maler malt sein Selbstbildnis im Spiegel und. weiß und grausam, malte mancher einen Totenschädel statt des blühenden Fleisches. In spiritistischen Sitzungen wird das Spiegelbildfcur Erscheinung aus dem Ienseits; derSpion" überm Fensterbrett ist letzte armselige Unterhal­tung beschäftigungsloser alter Frauen in ver­schollenen Krähwinkeln. Der Frau der ©egen* wart genügt ihr Taschenfpiegelchen, von dem sie in Gesellschaft oft zu zwanglos Gebrauch macht.

Ein Hauch des Munde« weht über den Spiegel, und unser Bild verblaßt. Tote Fläche, wo noch soeben Form und Farbe war. Ich verschwinde mir selber, al« sähe ich mich selber sterben. Ich fahre mit einem Tuch über daS GlaS und rufe mich zurück. Ich kann mein Bild erwecken und verwischen. Ich werde mir selber zweifelhaft. Solche Magie übt der Spiegel, vertrauter Ge­fährte und unheimlicher Zimmernachbar zugleich. Deshalb atmen Zimmer ohne Spiegel Ruhe. In solcher Stimmung empört sich Christian Mor­genstern. der Mystiker, gegendaS bittere Widerspiel von Bild und Wirklichkeit":Warum zertrümmerst du den Spiegel nicht, du Tor!"

Geheimrat Professor Or. Eduard Meyer f.

Berlin, 31. Aug. (TU. Funkspruch.) Der bekannte Geschichtsforscher Geheimrat Professor Dr. Eduard Meyer ist nach kurzer Krankheit am ©onntagmorgen gegen 9 Uhr an HerzmuSkel- schwäche plötzlich gestorben.

Eduard Meyer wurde am 25. Ianuar 1855 in Hamburg alS Sohn eines Gymnasiallehrers geboren. Er studierte Geschichte in Bonn, und Leipzig und ließ sich 1879 als Privatdvzent für alte Geschichte an der Universität Leipzig nieder, wo er 1884 außerordentlicher Professor wurde. 1885 folgte er einem Rufe alS ordentlicher Pro­fessor nach BreSlau. 1889 ging er nach Halle und seit 1902 lehrte er in Berlin. Bei der ersten Rekwrwahl nach der Revolutton wurde Pro­fessor Meyer 1919 zum Rektor gewählt und hatte als solcher Gelegenheit, die Berliner Universi­tät in stürmischer Zeit erfolgreich zu vertreten. Seit 1923 ist er auf Grund gesetzlicher Bestim­mung als Proessor emeritiert, doch war der An­drang zu seinen Dorlesungen auch weiterhin sehr stark.

Professor Meyers wissenschaftliche Hauptwerke sind die fünfbänbigeGeschichte deS A l - t e r t u m 6, das dreibändigeWerkUrsprung und Anfänge des Christentums, sowie zahlreiche Bücher über Probleme der ägyp­tischen, griechischen und römischen Geschichte. Wahrend des Weltkrieges war Professor Meyer insbesondere als der Verfechter von Deutsch- lands Recht tätig und verfaßte damals zwei Schriften über Deutschlands Verhältnis zu Eng­land und Rordamerika. Sein Spezialgebiet blieb jedoch die Geschichte deS Altertums, die er durch seine Schriften auf ein ganz neues Fundament gestellt hat, indem er durch eigene Kenntnis meh­rerer orientalischer Sprachen umfangreiche Quel­lenforschungen vornehmen konnte. Die unbe­dingte Zuverlässigkeit in allen Einzelheiten ist das Kennzeichen feiner wissenschaftlichen Werke,