Ausgabe 
1.9.1930
 
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Artur Mahraun führte u. a. aus: Deutschlands Rettung könne nur durch das deutsche Volk geschehen. Es gehe darum, dem deutschen Volke einen neuen Begriff von seinem Staat zu geben. Der Jungdeutsche sei eingesprungen, um die vom Radikalismus rechts und links bedrohte Mitte zu stärken. Es komme darauf an, die be­stehenden Gegensätze im Hinblick auf einen wahren Volksstaat auszugleichen. Das wesentliche in Deutschland sei das Einheitsbekenntnis der Nation.

Die Vereinigung unabhängiger Demokraten.

Der Wahlaufruf

Die Bereinigung unabhängiger Demokraten, die sich nach dem Aufgehen der Demokratischen Partei in der Staatsoartei gebildet hat, erläßt einen Wahlaufruf, in dem es u. a. Heißt: Die Grundliste unserer politischen Auffassung schließt andere Parteien als die der WeimarerKoa- li tion überhaupt aus. Das Zentrum, das stets eine Partei kultureller Reaktion gewesen ist, hat in der letzten Zeit eine Politik getrieben, die offenbar darauf gerichtet ist, die Dauernde .Ver­bindung mit den Parteien der pclitijchen Reaktion herzustellen. Die Staatspartei ist belastet mit den Fehlern der Dem ckrattschm Partei. Der Zuzug, den sie aus den antisemitischen und mili- tarifMchen Jungdokre.sen erha.ten hat, hat diese Belastung bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Die S P D., von der uns grundlegend das Bekenntnis zur sozialistischen Wirtschaftsform trennt, hat durch ihre Haltung im letzten Reichstag da Ver­trauen auf ihre Zuverlässigkeit gegen die Gefahr des Treudeutschen Militarismus stark erschüttert. Di« Forittihrung der durch die Regierung Brü­ning Die rich Treviranus eingcle t ten B ü g e r- blockpolitit muß aber verhindert wer­den. 3n dieser Zwangslage wird die überwälti­gende Mehrheit unserer Freunde für diese Wahl einen sozialdemokratischen Sttmmzettel abgeben.

Die Sozialdemokraten.

Lobe spricht in Äretzlau

3n einer Versammlung der Sozialdemokrati­schen Partei sprach der bisherige Reichstags- prä ident Löb«. Das Zentrum habe behauptet, die Sozialdeiüokratie drücke sich vor der Verant­wortung in dem Augenblick, wo es im Reich brenzlich zu werden anfange. Die Haltung der Sozialdemokratie nach der Zertrümmerung Deutschlands 1918, in den Tagen der Inflation, während der Wirtschaftskrise 1928 beweise wohl das Gegenteil. Brüning habe die Rotverordnung entgegen der Verfassung erlassen, weil e- ange­nommen habe, daß Ruhe und Ordnung gefährde: seien. Glaube er aber, daß Ruhe und Ordnung gesichert seien, wenn den Arbeitslosen die Bezüge gekürzt, die Wartezeit verlängert werde, wenn die Krankenkassen von ihren Versicherten neue Lasten forderten usw.? Warum mache der Kanz­ler nicht den Versuch, die notwendigen Summen durch ein« Herabsetzung des Wehr- haushalts und der Offizierspenfio- n«n zu erlangen und gegen den Preis­wucher der Trusts vorzugehen? Das jetzige Finanzprogramm der Regierung sei vom Standpunkt der Sozialdemokratie aus völlig un­genügend. Die Sozialdemokratie sttmme jederzeit einer Vereinfachung der Steuergesetzgebung zu, wenn sie nicht eine neue Belastung der Besitz­losen sei. Sie begrüße jedes Programm der Wirt­schaftsbelebung. Lohnabbau scheine ihr aber dazu das allerletzte Mittel zu fein.

Noch immer Kriegsverbrecherlisten".

Im Zeichen von Paneuropa.

Berlin, 30. Aug. (Tel.-Un.) Rach demCo- kalanzeiger" wird folgender Vorfall bekannt: Ein deutscher General, im Kriege Divisions­kommandeur in Westen, wollte dieser Tage nach Rordfrankreich reifen, um dort das Grab seines gefallenen Soh nes zum erstenmal zu besuchen. Er ließ daher seinen Pah beim französischen Konsulat in Berlin für die Erteilung des Visums einreichen. Das französische Konsulat antwortete ihm wie folgt:

Der französische Konsul zu Berlin beehrt sich, Herrn Generalmajor a. D. Graf Konrad v. Moltke zu bitten, ihm zu bestätigen, daß er während des Krieges nicht das 22. und 122. preußische Dnfan- terie-Regiment, besonders in Longuyon, komman­diert hat. Die formellen Instruktionen der fran­zösischen Regierung untersagen den franzö­sischen Konsulaten, die Pässe derjenigen Personen zu visieren, welche sich auf der Liste der K r i e g s b e s ch u l d lg t e n" befinden. Unter der Rümmer 63 steht in General v. Moltke wegen strafbarer Handlungen in Longuyon. Longwy und In der Umgebung.

Berlin, den 29. August 1930. (Unterschrift.)"

Der General gab auf dieses Schreiben nach­stehende Antwort:Qln das französische Gene­ralkonsulat. Obwohl ich mit dem in Ihrem Schrei­ben erwähnten Truppenteil niemals in Q3ev rührung gekommen bin, halte ich es unter meiner Würde, eine Erklärung abzugeben, die auch nur den geringsten Schein der Anerkennung derKriegsverbrecherlifte" haben würde. Es ge­schieht nur zur Charakterisierung dieser Liste, wenn ich darauf Hinweise, daß der in Ihrem Schreiben erwähnte General nie­mals e x i st i e rt hat. Im übrigen muß ich darauf verzichten, ein Land zu betreten, Ä**1* davon, dem nach außen hin so befusssentllch betonten Verständigungs- und Ver- sohnungswillen Rechnung zu tragen, auch jetzt noch zwölf Jahre nach dem Kriege erne so beleidigende Haltung in Form der schwarzen Liste einnimmt."

Das deutsch-französische Verhältnis sieht zwar heute nicht mehr so aus wie im Jahre 1919 In Frankreich gibt es aber anscheinend immer noch maßgebende einflußreiche Stellen, für die der Versailler Diktatverttag ein unantastbares Hei­ligtum ist, und die noch immer nicht gemerkt Huben, daß seit den Zeiten von Versailles man­cherlei Wandlungen eingetreten sind, Wir sind einigermaßen überrascht, zu hören, daß in den französischen Konsulaten nach dem oben an­geführten Beispiel offenbar noch immer die Kriegsverbrecherlifte eine große Rolle spielt, die übrigens auch den 2tamen des Reichspräsidenten enthält und die In Ver-

3m Westen nichts Neues".

Reichsminister Treviranus antwortet poincar^. Für eine Politik des Rechts, die dem Frieden dient.

Berlin, 31. Aug. (ERB.)Herr. Poincare hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Richts gerät bei ihm in Vergessenheit." Mit diesen Worten leitet Reichsminister Treviranus einen län­geren Aufsatz ein, den er unter dem Titel Im Westen nichts Reues" veröffentlicht. Der Minister nimmt Gelegenheit zu einer Ausein­andersetzung mit Poincare, der der kürzlich ge­äußerten Auffassung des Ministers über die deutsche Ost grenze und über die Revi- sionsmöglichkeiten entgegengetreten ist. Minister reviranus fährt fort:

Wäre die Debatte um die Revision der Ver­träge, die nicht in Deutschland anhub, überhaupt entstanden, wenn in der Welt die Ueberzeugung fest verankert wäre, daß diese Verträge den Trieben für ewige Zeiten sicherten?

Sind die Verträge für Europa da, oder lebt Europa für die Verträge.

PoincarS hält uns vor, was Frankreich sich von den Verträgen habe abhandeln lassen. Ich vermag in dem Verzicht Frankreichs cuf die Auslieferung unserer Führer, einer Forderung, die man nur in der Kriegsgeschichte halbwilder Stämme findet, in der Errichtung des Dawes-Planes, an dem Herr Poincar? als Ministerpräsident nicht unbeteiligt ist, und in seiner Fortbildung, dem Voung-Plan, ebensowenig als in der vorzeitigen Räu­mung des Rheinlandes, das die Ameri­kaner längst vorher verlassen hatten, kaum eine notdürftige Korrektur einiger Schönheitsfehler des Versailler Vertrages zu sehen. Entschieden aber weise ich die Behauptung Poincarös zurück, Frankreich habe für dieseZugeständnisse" nicht den geringsten Gegenwert erhalten.

Gibt es in der Geschichte ein Beispiel dafür, daß ein Volk die ihm durch ein Zwangsdiktat gezogenen Grenzen freiwillig in völker­rechtlich bindender Jorm garan­tiert? Dir sind, um es offen zu sagen, er­schüttert. daß ein französischer Staatsmann die Bedeutung des Paktes von Locarno, die An­nahme des Kellogg-Paktes, überhaupt nicht zu würdigen scheint.

Ich fürchte, Herr Poincarä würde schlecht abschnei- den, wenn wir unsererseits die advokatorische Hart- näckigkeit soweit trieben, seiner Aufzählung der französischen Konzessionen eine ähnliche deutsche

Rechnung entgegenzustellen. Herr Poincars be­kämpft meine Auffassung über die deutsche Ost grenze, über die Revisionsmöglichkeiten, welche uns der Artikel 19 der Völkerbundssatzung gibt. Er sucht nachzuweisen, daß die heutige Grenz­ziehung gerecht und im Einklang mit- dem Selbst­bestimmungsrecht der Völker sei. Die Welt ist nicht i mZweifel darüber, welches Ergebnis eine A b - ftimmuna imKorridorgebiet gehabt hätte, ehe Polen feine Ausweisungspolitik begann. Oder hat man die Danziger deutsche Bevölkerung ge­fragt, ob sie vom Reich getrennt und als Freie Stadt unter polnischer Oberhoheit leben will?

Herr Poincarö bestreitet uns ein Recht, das uns der Professor an der Sorbonne, RenL Märtel, in seinem BucheLes fronti^res orientales de lAlle- magne" auf Grund eingehender Studien r e ft l o s 3 u e r f e n n t; nämlich davon zu sprechen, daß durch die Grenzziehung im Osten ein beispiel­loser wirtschaftlicher Ruin fast der Hälfte Deutschlands verursacht wurde. Diese wirtschaftliche Katastrophe führt zu einer allmäh­lichen Entvölkerung des deutschen Ostens. Unter der Last dieser Zustände ist Deutschland nicht in der Lage, auch nur auf eines der Rechte zu ver­zichten, die ihm die Verträge zusichern. Wir haben es nicht nötig, von Revanche zu träumen, wir wer­den uns nie zu rühmen brauchen, nie davon ge­redet zu haben.

Dir wollen an der Seite jener Rationen, die sich von den Jrktensoedrägen distanzieren oder ihre Revision fordern, eine Politik des Rechtes, die dem Weltfrieden dient, in dem sie das Leben der Ra­tionen schützt.

In der Mantelnote vorn 16. Juni 1919, die auch die Unterschrift der französischen Regierung trägt, ist ausdrücklich gesagt, daß der Versailler Vertrag nicht nur eine gerechte Erledigung des Krieges, sondern auch die Grundlage schaffen wolle, auf der die Völker in Gleichberechtigung zusammen- leben können. Wir sehen hierin nicht nur die Mög­lichkeit, den guten Ruf der Verträge zu retten, son­dern auch die Pflicht für das friedliche Leben Euro­pas. Friede durch Recht Recht, das mit uns geboren ist, ist unsere Losung für Deutschland wie für Europa. Ihnen, Herr Poincar4, stehen tote Verträge höher, uns das durch die Verträge be­drohte Leben Europas. Die Welt und Europa mögen entscheiden, welche Verantwortlichkeit sie für ein gesundes friedliches Dasein höher ansetzen wollen.

Oeutschenhehe in Ostoberschtesien.

Demonstrationen des Westmarkenvereins und der Aufständischenverbände in Kattowitz. Deutschfeindliche Ausschreitungen in Warschau und Lodz.

K a t t o w i tz, 31. Aug. (WTB.) Eine von dem Westmarkenverein nach Kattowitz einbe­rufene Protestkundgebung gegen die Rede des Reichsministers Treviranus stellte sich als eine schlimme Hetze gegen die deutsche Minderheit dar. Obwohl die Mehrzahl der Teilnehmer aus abkomman­dierten Aufständischen, Beamten usw. aus den entlegensten Ortschaften bestand, denen freie Bahnfahrt und Verpflegung zugesagt war, war die Teilnehmerzahl verhält­nismäßig gering. Die polnische Bürgerschaft nahm an der Veranstaltung so gut wie gar nicht teil. Etwa 1000 Menschen versammelten sich vor dem Stadttheater in Kattowitz, und nach mehreren Ansprachen, die sich scharf gegen die Rede des Ministers Treviranus richteten, setzte sich ein Demonstrationszug zum deutschen Generalkonsulat in Bewegung. Es wurden starke Polizeikräfte eingesetzt, um den Zug abzu­drängen. Trotzdem gelang es den Demonstranten, die polizeiliche Absperrung zu durchbrchen und in Sturmschritt nach dem Gebäude des deutschen Generalkonsulats zu eilen, wo dem Zuge ein zweiter Ring von Polizeibeam­ten entgegentrat. Nachdem sich die Demonstranten in Beschimpfungen gegen das Deutschtum er­gangen und das Rota-Lied sowie die Rattonal­hymne gesungen hatten, begab sich der Zug nach dem Wojewodschaft sgebäude, um dem Wojewoden Graczhnski eine Enttchließung zu überreichen, mit der Ditte, diese an Marschall Pilsudski weiterzuleiten. Während des Zuges wurden vor den Geschäftslokalen der deutschen Zeitungen Drohrufe ausgestohen. Starke Polizei­abteilungen, die dort postiert waren, verhinderten aber Ausschreitungen.

In der Resolution wurde versichert, daß Polen bis zum letzten Blutstropfen jeden Fußbreit polnischen Bodens ver­teidigen werde. Vom Völkerbunde wird ver­langt, Deutschland zu zwingen, eine Versiche­rung abzugeben, daß die Grenzen Polens unantastbar seien. Ebenso solle der deutsche Vertreter beim Völkerbund ver­anlaßt werden,die ständige Provokation gegen Polen" zu unterlassen. Es wird weiter gefordert, daß alle in Oberschlesien beschäftig­

ten Reichsdeuts chen ausgewiesen werden, weil sie der polnischen Wirtschaft scha­deten. Die weiteren Forderungen lauten: Auf­teilung de s deutschen Großgrund­besitzes zugunsten der polnischen Arbeiter­schaft, Auflösung desDeutschenVolks- b un d es und aller deutschen Organisationen, Einziehung des Postdebets für die reichsdeut­schen Zeitungen, in denen eine Grenzrevision ge­fordert wird. Boykott der deutschen Presse inOberschlesien, die eine illoyal« Haltung eingenommen haben, schärfstes Vorgehen gegen die deutschen Gemeindevertreter, die sich mit den Protestentschliehungen, die von den pol­nischen Parteien eingebracht worden sind, nicht solidarisch erklärt haben.

Auch in Warschau fand eine Volkskundgebung gegen die deutschen Reoisionsbestrebungen im Osten statt. In Anbetracht des schönen Wetters hatten sich etwa 15 000 Personen, darunter auch zahlreiche Neu­gierige eingefunden. Der Direktor der halbstaat­lichen Landwirtschaftsbank, General G o r e s k i, hielt eine gegen die deutschen Ansprüche auf polnisches Gebiet gerichtete Rede, wobei er u. a. auch die gegen die Polen gerichtete Aktion der Ukraine mit deutschem Gekde in Verbindung brachte. Mehrere hundert Demonstranten, meist halbwüchsige Burschen, wollten dann noch vor der deutschen G e sandtschaft eine Kundgebung veranstalten. Die Straße, in der sich das Gesandtschaftsgebäude befindet, war jedoch inzwischen auf beiden Seiten von starken Polizeiabteilungen, die eigens zu diesem Zweck mit Stahlhelmen ausgerüstet waren, a b ge­sperrt worden. Die Menge versuchte wiederholt, den Polizeiriegel zu durchbrechen, die Schutzmann­schaft konnte jedoch die Absperrung aufrechterhalten.

Zu Ausschreitungen gegen deutsche Zeitungen und das deutsche Konsulat kam es jedoch in Lodz. Eine Gruppe halbwüchsiger Burschen erschien plötzlich vor den Redaktionen der deutschen BlätterFreie Presse" undLodzer Volkszeitung". Es wurden Fenster ein- geschlagen. Eine zweite Gruppe von Demonstranten ist unerwartet vor dem Hause erschienen, in dem das deutscheKonsulat untergebracht ist. In diesem Hause wurden mehrere Fenster in den Prioatwoh- nungen eingeschlagen. In beiden Fällen schritt die Polizei ein und verhinderte weitere Ausschreitungen.

sailles nur ausgearbeitet wurde, um der Lüge von der Schuld Deutschlands am Kriegsausbruch noch einen besonderen Rachdruck zu verleihen. Offenbar wird also jeder Reichdeutsche, der nach Frankreich einreist, daraufhin geprüft, ob er sich unter den sogenanntenKriegsverbrechern" be­findet. Dieses Verfahren steht in grellstem Widerspruch zu der bisher betriebe­nen Ve r st ä n di gu n g s p o l i t i k, die in ver­schiedenen Verträgen einen besonderen Ausdruck gefunden hat. Man darf wohl erwarten, daß die Reichsregierung sich mit Paris in Verbindung setzt und dafür sorgt, daß dem Unfug der Kriegs­verbrecherlisten endlich ein Ende bereitet wird.

parlamentsauflösunginpolen

Warschau. 30. Aug. (WTB.) Durch Ver­ordnung des Staatspräsidenten M v s c i ck i wur­den Sejm und Senat auf gelöst. In dem Schreiben heißt es: Rach reiflicher Erwägung habe ich festgestellt, daß die wichtigste Aufgabe für die Arbeit sämtlicher Bürger die Derbes, ferung der grundlegenden Rechte ist, durch die der Staat regiert wird, da dieselben die Grund­

lage sämtlicher im Staate bestehenden Gesetze bilden. Di« Verbesserung ist notwendig, da sich das gegenwärtig h e r r s ch e n d e C h a o s bisher nicht beseitigen lieh. Rachdem ich zu der Ueberzeugung gelangt bin, daß ich dies trotz meiner Bemühungen durch den gegenwärtige n Sejm nicht erreichen kann, habe ich beschlossen, auf Grund des Ar­tikels 26 der Verfassung laut Beschluß des Mi» nisterrats, Sejm und Senat mit dem 30. August aufzulösen und bestimme als Wahltermin den 16. Rovember für den Sejm und den 23. No- vember 1930 für den Senat.

Aus aller Welt.

Generalmajor Henry Allen f.

Generalmajor a. D. Henry Allen, der ehe­malige Kommandeur der amerikani­schen Besatzung Struppen im Rhein­lande, verstarb plötzlich an den Folgen eines Herzschlages in der Sommerwohnung des deut­schen Gescmdtschastsrates Leitner in Buenavista Springs in Pennsylvanien, wo er in einem größeren Kreise gerade den Tee einnahm. In

Kreisen der amerikanischen Armee hat die Rach« richt von dem Hinscheiden des beliebten Generals tiefe Trauer ausgelöst. Die Beisetzung wird auf dem Rationalfriedhof in Arlington bei Washing­ton stattfinden. Generalmajor Allen war 1859 ge­boren. Er besuchte die Kriegsakademie und war später in Rußland, Deutschland, Kuba und auf den Philippinen, dann mit Pershing in Mexiko und während des Weltkrieges in Frankreich.

Inthronisation des ersten Bischofs von Berlin.

Am Sonntag fand in der Hedwigskirche, der die Würde einer Kathedrale verliehen wurde, die feier­liche Inthronisation des Bischofs Dr. Schreiber statt. Nach der feierlichen Abholung wurde der neu­ernannte Bischof vor den reichgeschmückten Haupt- altar der Kathedrale geführt, wo er die Meßge­wänder anlegte und den Bischofsstab und die Mitra empfing. Unmittelbar nach dem Evan­gelium wurde die Ernennungsurkunde verlesen. In der ersten Urkunde wird der Bischof von Meißen, Dr. Schreiber, der bis jetzt Administrator der Diözese Berlin war, zum Bischof von Berlin ernannt. In dem zweiten Schreiben fordert der Papst die Gläu­bigen zum Gehorsam und zur Liebe zu dem neuen Oberhaupt auf. Nach der Verlesung hielt Dr. Schrei­ber eine Ansprache, in der er feststellte, daß endlich jahrzehntelange Bestrebungen und Wünsche der Ber­liner Katholiken erfüllt Jeien. Mit dem Teoeum und dem sakramentalen Segen endete die Feier. Der Bischof wurde in feierlicher Prozession wieder in seine Wohnung gebracht.

Schluß des Internationalen Kriminalistenkongresses.

Der 10. Internationale Kongreß für Straf­rechts- und Gefängniswesen in Prag wurde nach Erstattung der Schluhberichte der einzelnen Sek­tionen geschlossen. Einstimmig wurde be­schlossen, den kommenden Internationalen Kon­greß für Strafrechts- und Gefängniswesen 1935 nach Berlin einzuberufen.

Großfeuer auf dem Güterbahnhof Hannover.

Am Samstagnachmittag geriet der Westfchup- pen des Güterbahnhofs Hannover-Rord in Brand. Das Feuer entstand in einem Oel- Waggon, etwa in der Mitte des 300 Meter langen Schuppens. .Da man den brennenden Wagen nicht schnell genug aus dem Schuppen bringen konnte, stand in wenigen Minuten der ganze massive Schuppen in Flam­men. Bei dem starken Wind griff das Feuer auf die anliegenden Häuser über. Nordwestlich von dem Schuppen liegt die Con­tinental-Gummi-Fabrik. Sie ist von dem Brandherd nur durch Schienenstränge ge­trennt und war daher ebenfalls gefähr­det. Inmitten des riesigen Flammenmeeres flogen ständig Benzin- und Oelbehäl- ter in die Luft. Die Halle ist bis auf die Grundmauern n i ede r g e b r ann t, nur an ihrem unteren Teil sind noch Reste des Daches erhalten. Die an der Dahndammseite liegende Halle wurde vom Feuer verschont. Sonst hätten auch noch die ausgedehnten Fabrikanlagen der Continental Caoutchouc-Compagnie dem Brand zum Opfer fallen können. Schätzungs­weise sind etwa 800 bis 900 Tonnen Güter und mehrere Schuppen den Flammen zum Opfer ge­fallen. Ein Güterbodenarbeiter wird vermißt. Es ist möglich, daß er bei dem Grohfeuer den Tod gefunden hat.

Anschlag auf einen Expreßzug bei San Franzisko. Bisher elf Tote.

Auf der Strecke St. LouisSan Franzisko ent­gleiste 10 Meilen von San Franzisko der Luxus-Exprehzug durch einen auf den Schienen liegenden S t e i n b l o ck. Bei der Kata­strophe, bei der sich drei Wagen vollkommen ineinander schoben, sind bisher 11 Tote und über 30 Verletzte zu beklagen. Die Zahl der Toten dürfte sich aller Wahrscheinlichkeit nach noch erhöhen, da viele Reisende noch unter den Trümmern liegen.

DieVratvaag" mit Andrees Leiche in Rorwegen eingetroffen.

Das norwegische ExpeditionsschiffDrawaag" traf mit den üefcerreften der Andreeschen Ex­pedition an Bord am Sonntagnachmittag in einem kleinen Hafen in der Rähe von Hammerfest ein. Rach kurzem Aufenthalt, während dem Dr. Horn einen telegraphischen Bericht an die norwegische Eismeerkommission aufgab, setzte der Dampfer die Reise nach Tromsö fort. Dr. Horn erklärte, man habe unterwegs keines der Schiffe getroffen, die vom skandinavischen und ausländischen Presseunter­nehmen derDratvaag" entgegen geschickt sind. Die Leichen der schwedischen Forscher befinden sich auf dem Achterdeck. Andrees Leiche ist nicht in Verwesung übergegangen, sondern befindet sich in gleichem Zustande wie bei der Auffindung.

Zwei Straßenbahnen zermalmen ein Auto.

Ein furchtbarer Verkehrsunfall, bei dem zwei Personen lebensgefährlich, fünf andere erheblich verletzt wurden, ereignete sich in Charlotte n- burg. Ein Privatauto, das in rascher Fahrt aus der Guireckestraße herauskam, wurde zwi­schen zwei Straßenbahnen einge­klemmt und vollständig zermalmt. Die beiden Autoinsassen wurden in ho^snungslosem Zustande ins Kia: kenhaus Moabit geschafft. Fünf Stcaßen- bahninsassen wurden erhevttcy verletzt.

Fernheizungsprojekt für den Berliner Westen.

Die Direktion der Städtischen Berliner Elek­trizitätswerke AG. hat die Absicht, im Westen Berlins ein großes zentrales Heiz- w e r k zu errichten. Das provisorische Projekt sieht einen Kostenauswand von 27 Millio­nen vor. DieBewag" hat mit ihren beiden bisherigen Heizwerken in Charlottenburg und Steglitz gute Erfahrungen gemacht. Die Zahl der durch Fernheizung erwärmten Wohnhäuser ist jedoch noch gering. Die ersten wurden 1927 an­geschlossen. Der Berliner Magistrat wird zu dem Projekt erst nach seiner vollständigen Ausarbei­tung Stellung nehmen. Es ist damit zu rechnen, daß es in zwei Jahren erbaut ist. Den städti­schen Behörden liegt daran, das neue Fernheiz­werk, das die Bewag finanzieren soll, mög­lichst b a l d in Angriff genommen zu sehen, weil es bedeutende Arbeitsmöglichkeiten schafft. Die eigentliche Rotstandsaktion der Stadt ist durch die ungünstige finanzielle Lage Berlins sehr beengt. Vorläufig stehen nur 5 Millionen Mark für Wohnbauzwecke zur Verfügung.

Ein sechsjähriger Mörder.

Ein Knabe von sechs Jahren hat auf einem Guts- Hof bei Poitiers einen Landarbeiter mit einem an der Wand hängenden geladenen alten deutschen Gewehr erschossen, als der Arbeiter, ohne auf den Spott des Kindes au achten, das ihn hänseln wollte, ruhig seine Flasche Wein weiter« trank. Erst nach einem langen Verhör gestand der Knabe die Wahrheit; zuerst hatte er behauptet, der Arbeiter habe Selbstmord verübt.