Ausgabe 
1.8.1930
 
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Nr. 178 Zweiter Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen)

Hreitag, August 1950

Lin vergessenes deutsches Herzogtum.

3ur Svo-Iahsfeier der «Sottschee. - Eine deutsche Sprachinsel im Südosten. Don Frih Heinz Xeimefd).

biS 1. April als Handelsleute durch Mitteleuropa

3n der alten Donaumonarchie gab «S Wohl kein noch so kleines Nestchen, wohin der Hausierer mit Südfruchten und Zuckerwerk nicht hingekom­men wäre. ES war zumeist der »Dottscheeber , ein Mann mit einem grünsamtenen Hut, und ^lnem mächtigen Korb vor dem Bauche, der freundlich grüstend von WirtShauSttsch zu WirtShauSttsch pilgerte und den Gästen mit einem kleinen Leder­säckchen, in dem etwaS beinerne- klapperte, ver- heistunaSvoll zuwinkte. Sin harmloses Glücks­spiel, bei dem niemand viel verlieren, noch viel gewinnen konnte, durfte durch die -.Gvttscheeber" betrieben werden. Diese Dvttfcheeber sprachen einen absonderlichen, altertümlich klingenden deut­schen Dialekt, und fragte man sie, woher sie seien, dann leuchteten ihre Augen, und stolz erklärten sie .aus dem Herzogtum Gottschee".

Nun, das sagte freilich nicht viel, denn selbst im Reiche des Doppeladlers gabS nicht allzu- viele Menschen, die sich unter diesem Herzogtum etwa- vorstellen konnten. Suchte man auf der Landkarte danach, so fand man es zwischen Ost alpen, Karst und Adria, hoch über dem Tal der Kulpa und durch eine Flügelbahn mit Laibach, der Hauptstadt Krains ver­bunden. Die DolkStumskarte zeigte dem Wiß» begierigen, dast dies Herzogtum eine deutsche Sprachinsel inmitten von Slowenen und Kroaten sei. Da im August 600 Zahrc vergangen sind, dast Deutsche in die- abgelegene Gebiet einwanderten, sei einige- über diese Men­schen erzählt.

Einem der mächtigsten deutschen Dynasten­geschlechter der Ostalpen, den Ortenburger Grafen, die in Rauffnitz in der Krain eineS ihrer Kolonisationszentren hatten, gehörte das weite Urwald- und Karstgebiet jenseits des Schweinberges bis an die Kulpa. Dies Land an 900 Quadratkilometer groß war völlig unbewohnt, denn weder die Kelten, noch die Römer, geschweige denn die Slowenen hatten sich in den düsteren und wasserarmen Urwald hin­eingetraut. Die Ortenburger wollten das Land nutzbar machen und riesen bayerische und schwä­bische Siedler, zu denen 50 Jahre später auch noch dreihundert thüringische Familien hinzu­kamen.

Der Mittelpunkt dieser deutschen Sprachinsel wurde der Ort Gottschee, dessen Raine von den Goten hergeleitet wird. Die Sage dieser Sprachinseldeutschen meldet, dast die nach der Schlacht am Desuv nordwärts abziehenden Goten in diesem unwegsamen Waldland, gleich dem weidwunden Wild einen Unterschlupf gefunden hätten. Die Forschung erklärt, dast dem nicht so sei und führt den Ramen Gottschee auf das sla­wische WonKocevje". das heiht Siedlung zurück und sie sagt, dast die umwohnenden Sla­wen eben diese Ansiedlung der Deutschen schlecht­hinSiedlung" genannt hätten.

Die Ortenburger und auch di« späteren Be­sitzer haben an dieser Kolonie eigentlich keine rechte Freude gehabt, denn der Boden erwies sich als sehr wenig fruchtbar und wenn auch 171 Dörfer und Weiler gegründet wurden, so brachten es die Siedler nie zu Wohlstand. Schon im 15. Jahrhundert waren die kleinen fruchtbaren Mulden oder Böden übervölkert und 1471 muhte Kaiser Friedrich III., um der Rot zu steuern, den Gottscheern ein Hausierpatent verleihen, das ihnen den freien Wanderhandel für ewige Zeiten im Deutschen Reich gestattete, wodurch die Möglichkeit geboten war, dast Hun­derte. oft Lausende von Mannern vom 1. Oktober

^"ben den RahrungSsorgen waren es aber I auch die ständigen Kämpfe, die die Gottscheer wirtschasllich nicht vorwärts brachten, die Kämpfe mit dem reihenden Getier deS LIrwaldeS Wolf und Bär bedrohen auch heute noch den Biehstand und mit den wilden Räubern auS dem kroatischen älskokenlande, sowie den stets einbrechenden Türken. Die deutschen Sied­lungen im Tal der Kulpa, die sich noch am ehesten hätten zu Wohlstand ausschwingen kön­nen. da sie verkehrspolitisch günstig auf der Ctraste nach Fiume lagen, wurden sehr bald von den Türken zerstört und nie mehr ausgebaut. Di« Waldbauern wehrten sich ihrer Haut und blieben in all ihrer wirtschaftlichen Kümmerlich­keit Deutsche.

3m 3ahre 1808 schlug für die Gottscheer di« heroische Stunde. Rapoleons Generale hatten auch dies abgelegene Waldland beseht und es zu einem Teil Zllyriens gemacht ohne mit den Gottscheern zu rechnen. Don Weiler zu Weiler wurde das alte KriegSzeichen getragen und ehe die Franzosen auch nur daran dachten, wurden sie | überfallen und ihrer mehr als 600 in einer Schlacht aufgerieben. ES kam bann zu einem monatelang dauernden Kleinkrieg, in dem die Gottscheer ebensowenig unterstützt wurden, wie im nächsten 3ahr die Tiroler. Die paar Tausend Deutschen konnten sich natürlich nicht halten und wurden von den Regimentern des Generals Baragnah de Hillers und des Generals Souchy schliestlich besiegt und ihre Führer an der Friedhofsmauer von Gottschee standrechtlich erschossen. Kein Heldenlied meldet die Taten dieser Männer, die vor Andreas Hofer, vor Schill und Lühow zu den Waffen griffen, um ihre Freiheit als Deutsche zu verteidigen.

Seit Maria Theresiens Zeit sind Die Fürsten Auersperg die Herzöge des Landes, die sich eifrig bemüht haben, dem Land« zu nützen. Sie betrieben den Bahnoau nach dem zum Städtchen angewachsenen Mittelpunkt Gottschee, sie legten Strahen an, kultivierten den Urwald, so dast Hunderte Arbeit und Brot erhielten, das deutsche Schulwesen wurde von ihnen wirksam unterstützt und auch politisch machte sich der letzte Herzog verdient, da er als Abgeordneter seines Landes im ReichSrat sah. 3n den letzten Zahrzehnten zogen viele Tausend« nach Rordamerika, wo sie sich zu Vereinen zusammenschlossen und treu an der Helmat hingen. Es ist typisch für die Gottscheer, dast sie USA. nicht als bleibende Stätte ansehen, sondern nach Möglichkeit trachten, mit dem verdienten Vermögen wieder in die Heimat zurückzukehren, wo sie als Rent­ner ihren Lebensabend beschließen. Mehr als die Hälfte der Gottscheer, an 25 000, leben aber heute noch in Amerika.

BiS zum Zusammenbruch der Donaumonarchie haben die Gottscheer verhältnismästig wenig unter den Rationalitärenkämpfen zu leiden gehabt, da sie in einem geschlossenen Gebiet lebten, in dem es keine Slawen gab. 3hr deutsches Schulwesen war gut entwickelt. Mit Hilfe deS Schulvereins wurde ein Vollgymnasium mit Schülerheim errichtet, ein« Holzgewerbeschule sorgte für fach­liche Ausbildung. Zahlreiche Gottscheer fanden als mittlere und höhere Beamte ihr Brot und sie waren ihrer Arbeitslust und Gewissenhaftig­keit willen sehr geschätzt.

3m Jahre 1918 kamen die Gottschee unter I südslawische Herrschaft. Anfänglich | schien es so, als ob die Südslawen die Minder­

heitenrechte der Gottscheer achten wollten. AlS aber in der Südsteiermark die Deutschen völlig entrechtet waren, da begann man auch in der Gottschee mit der ilnerbrüdung. Gymnasium. Schülerheim und Fachschule wurden slowenisiert, aber auch die Vereine wurden aufgelöst, die Sparkasse enteignet und die Volksschulen zwei­sprachig gemacht, so dast das nationale Leben der Gottscheer schwer beeinträchtigt wurde. Da die Gottscheer in ihren Geistlichen und einigen Aerzten und Rechtsanwälten aber eine national geschulte Führerschast besitzen, so können lie sich energisch gegen die Slawisierungsversuch: schützen. Wirtschaftlich geht es ihnen jedoch schlecht. Die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten ist so gut wie unmöglich, der Hausierhandel lahm- gelegt «wenn auch Deutschösterreich und auch das Reich ihn gestatten, so nicht die Tschechoslowakei. Ungarn und Rumänien) und die Arbeit in den Wäldern kann eben nur einen kleinen Teil der Menschen ernähren. Um sich auf eine intensive Wirtschaftsweise umzustellen, fehlen Kapital und Absatzmöglichkeiten.

Wenn die Gottscheer am 1. August die Feier ihrer Einwanderung begehen, so deshalb, um aller Welt zu zeigen, dast man trotz aller Küm­mernisse und Sorgen, bei aller Loyalität dem Staate gegenüber, treu zum angestammten Volks­tum hält. Um dieser Treue willen verdienen die Gottscheer, dast allüberall, wo Deutsche leben, ihrer am 1. August gedacht wird.

Das Sch cksal des MmellandeS.

Die Kownoer Polittker wissen den Fall Wol­de m a r a s nach der Seite der Sensation hin glänzend auszuschlachten. Was wird für ein Tamtam aus diesem Mann gemacht, geheimnis­volle Fluchtversuche werden erfunden, nur da­mit die Weltpresse sich mit ihnen beschäftigt: vor allem, damit die Aufmerksamkeit der deut­schen Presse abgelenkt wird von dem, w a s eigentlich in Litauen zur Zeit gespielt wird. Das darf aber nicht gelingen, Herr Woldemaras ist für uns längst unaktuell geworden, aktuell aber bleibt für uns trotz der eigenen Sorgen das Schicksal deS Memel lande s, und wir denken nicht daran, den Litauern den Ge­fallen zu tun, unsere Aufmerksamkeit von diesem entscheidenden Punkt ablenken zu lassen. Es ist deshalb auch keineswegs übersehen worden, dast in Kowno ein rundes Dutzend Gesetzentwürfe vorbereitet sind, die alle das eine Ziel ver­folgen, der international festgelegten Memel­konvention einen 3nhalt unterzuschieben, der einer endgültigen Vergewaltigung des Deutschtums keinerlei Hindernisse mehr in den Weg legen kann, indem er die Befug­nisse des litauischen Gouverneurs ins Ungemessene erweitert. Der Gou­verneur würde praktisch dadurch Diktator des Memelgebietes, die Deutschen hätten sich allen seinen Anordnungen zu fügen, und die ganze Konventton wäre nicht mehr als ein Blatt Papier.

Ein sehr hübscher Plan, nur dast er eben zu Unrecht die unbegrenzte Langmut Deutschlands und der deutschen Politik zur Voraussetzung hat. Zugegeben, daß die Litauer oft genug mit Recht auf die Unsicherheit der deutschen Politik spekulieren konnten, von dem Tage an, wo sie mit verlleibeten Freischärlern das Land besetzten und ihrem Staate einverleibten. Oft genug hat die deutsche Regierung sich mit lahmen Pro­testen begnügt, wo es nützlicher gewesen wäre, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Aber die letzte Rede, die Dr. C u r t i u s in Genf gehalten hat, sollte doch eigentlich die Litauer zur Vor­sicht gemahnt haben. Sie muhten wissen, dast unser Auswärtiges Amt, nachdem der Ballast der Rheinlandbesetzung verschwunden ist, eine

aktiv« Minderheitenpolitik treiben will, und dast wir deshalb nicht daran benfen, ruhig zuzusehen, wie die letzten Reste des Deutsch­tum» Im Memel land vergewaltigt werden. SS ist deshalb auch selbstverständlich, dast die deutsch« Regierung gegen die neuen Terrorakte geharnisch­ten Einspruch einlegt. Aber damit bars sie sich nicht begnügen. Da« Schicksal derartiger Rechtsverwahrungen kennen wir ja zur Genüge. Sie werden irgendwo $u den Akten versenkt. Was jetzt notwendig wird, ist die A u f r o l - lung der ganzen Memelfrage vor dem Völkerbund, eine gute Gelegenheit für uns, dos Minberheitenprobtem einmal von bet grundsätzlichen Seite anzupacken, und es würde eine gewisse Genugtuung sein, wenn die Litauer als ein Teil von jener Kraft, die stets da- Döse will und stets das Gute fchasft, durch ihre Gewaltpolitik den Anlah gäben, baß bet Völker­bund sich fehr gründlich mit der Memels rag« beschäftigt und dafür sorgt, dast künftighin di« Rechte der deutfchen Bevölkerung nicht angctaflet werden dürfen.

Oie Ausstellung

des Welfenschahes eröffnet.

WSR. Frankfurt a.M., 31.3uli. 3m 6tä- delschen Äunftinftitut ist heute nachmittag die Ausstellung deS WelfenfchatzeS er­öffnet worden. Damit ist der wertvoll« Kirchenschah, der zu dem größten gehört. waS uns aus dem Mittelalter überkommen ist. zum erstenmal der Oefsentlichkeit zugänglich gemacht. Rur wenig Menschen haben ben Weifenschatz bisher gesehen. Dast er jetzt in dem bedeutenden Frankfurter Kunstinstitut eine vorübergehende Statte gefunden hat, ist den heutigen Eigen­tümern des Schatzes, den Frankfurter Firmen Goldschmidt, Hackenbroich und Rosen­baum, zu danken. Bei der Grösfnung der Aus­stellung schilderte der Generaldirektor der Frank­furter Museen, Prosessor Swarzenski. den einzigartigen Wert diese« Kunstwerks vom Stand­punkt des Kunsthistoriker-. Er bezeichnete den Welsenschah, den ursprünglichen Schatz deS Braunschweiger Domes, der von Heinrich dem Löwen und seinen Vorfahren gesammelt wurde, als Werke, die nicht nur zu den schönsten und bedeutendsten Vertretern einer Gattung gehören, sondern einfach beispiellos und unvergleichlich sind. Unter den heutigen Kirchenschätzen sei der Welfen- schatz der bedeutendste in 3ndividualität und Diel- gestalttgkeit. lieber die Z u k u n f t d e S W e l f e n- schatzes erklärte Professor Swarzenski: Ss ist in der Oesfentlichkeit öfter darauf hingewie­sen worden, dast die jetzige Ausstellung nach menschlichem Ermessen für uns nicht nur die erste, sondern auch die letzte Gelegenheit ist, den Welfen- schatz zu sehen. Es ist bekannt, dah ernsthaft« Verhandlungen geführt wurden, um den Schatz bzw. wesentliche Bestandteile desselben für daS Reich zu erwerben und ihn so dem deutschen Volke zu erhalten. Die Verhandlungen hoben aus naheliegenden finanziellen Gründen bisher zu keinem Ergebnis geführt. Es ist aber trotzdem zu hoffen und zu wünschen, dah sie weitergeführt werden. Riemond darf bestreiten oder sich dar­über Hinwegtäuschen, dah unsere finanzielle Lage schlecht ist. Es handelt sich aber nicht in erster Linie um eine finanzielle Frage, eS handelt sich nicht einmal um eine künstlerische Frage, sondern es handelt sich um eine Frage der Würde und der Haltung. Befände sich der Schah in Frankreich oder England, so hätte er längst im Louvre bzw. im Britischen Museum Platz ge­funden. Professor Swarzenski schloß mit dem Wunsche, dah die Ausstellung wenigstens dazu beitragen möchte, das Gefühl der Verant­wortung inDeutschland und im Deutschen zu wecken.

Das erste Taschengeld.

Don Earl Ewald.

3m hohen Familienrat ist beschlossen worden' Mein kleiner 3unge bekommt eine wöchentliche Apanage von fünf Pfennig. 3eben Sonntag­morgen wird ihm diese Summe ohne Abzug an der Finanzhauptkasse ausgezahlt und er darf uneingeschränkt darüber verfügen.

Mein 3ungc nimmt diese Eröffnung mit schöner Fassung entgegen, fiht eine Weile und denkt nach.

3eben Sonntag?" fragte er dann.

3eden Sonntag."

Dis zu den 6ommerfericn?

Dis zu den Sommerferien."

Zu den Sommerferien soll er nämlich aufs Land zu seiner Patin, in deren Haus er vor fünf 3ahren das Licht der Welt erblickt hat. Die Sommerferien find daher die vorläufige Grcmze seiner Zeitrechnung. Was nach den Sommerferien kommt, ist einstweilen Rirwana.

Mit Hilfe eines Kalenders stellen wir fest, dah bis zu den Sommerferien noch fünfzehn Sonntage find. Dann richten wir uns in einer Schublade fünfzehn Fächer ein und tun in jedes Fach ein Fünfpfennigstück. So wissen wir genau, wieviel wir besitzen und können zu jeder Zell unseren Status übersehen.

Angesichts dieses Reichtums füllt sich die Brust meines Zungen mit unbändiger Freude. Er dünkt sich ein Krösus und baut glänzende Luftschlösser, wieviel schöne Sachen er sich für fein Geld kaufen wird. Besonders Begünstigte dürfen sogar seine Schätze in Augenschein nehmen.

Der erste Sonntag verläuft programmgemäß.

Die fünf Pfennig werden erhoben und mit fast übernatürlicher Geschwindigkeit in eine Tasel Schokolade umgesetzt. Das Ganze ist das Werk weniger Minuten, bann ist die Schokolade ver­schwunden. Don der verflossenen Herrlichkett zeu­gen nur noch einige braune Kleckse in den Mund­winkeln, die ich unbarmherzig abwische, und «in Fleck auf dem Kragen, über den Mutter sehr böse ist.

Mein kleiner 3unge sitzt in meinem Zimmer neben mir, macht ein leicht enttäuschtes Gesicht und schlenkert mit den Deinen. 3ch ziehe die Schublade auf und betrachte das leere Fach und die noch übrigen vierzehn Geldstücke.

Das waren die ersten fünf Pfennig", sage ich 3n meiner Stimme liegt eine leichte Melancholie, die eine verwandte Saite in seiner Brust anschlägt, wenn er sich auch hütet, ihr direkten Ausdruck zu geben.

Dater, ist noch lange bis zum nächsten Sonntag?"

Roch sehr lange, mein 3ungc. Diele Tage... Eine Weile sitzen wir stumm, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, dann sage ich tief­sinnig:

Wenn du dir für diese fünf Pfennig einen Kreisel gekauft hättest, würdest du vielleicht mehr Dergnügen davon gehabt ßaben. Drüben im Spielwarenladen sah ich gestern einen hübschen Kreisel. Rot mit grünem Ring. 3ch müßte mich sehr täuschen, wenn der Kaufmann ihn nicht für fünf Pfennig hergibt, älnb ein« Peitsche hast du ja!"

Wir gehen hinüber und sehen uns den Kreisel im Schaufenster an. Er ist wirklich prächtig.

Der Laden ist zu!" sagt mein kleiner 3ungc mißmutig. ____ .

Was kümmert das uns? Wir können den Kreisel ja doch nicht vor nächsten Sonntag kaufen. Du hast ja deine fünf Pfennig in Schokolade angelegt. Gib mal dein Taschentuch her, da sitzt noch etwas auf deiner Rase ...

Gegen meine Argumente läßt sich nichts sagen. Riedergeschlagen und traurig gehen wir wieder nach Hause. Lange sitzen wir in der Speisestube am Fenster, von wo wir ben Spielwarenlaben sehen können.

3m Lauf ber Woche schauen wir unS den Kreisel täglich an: der Kreisel erscheint uns von Tag zu Tag begehrenswerter. Wir gehen hinein und versichern uns, baß fein Preis wirklich unseren Dermögensverhältnissen entspricht. Wir nehmen bem Kaufmann einen feierlichen Eid ab, baß er uns ben Kreisel bis Sonntagmorgen reservieren wirb, selbst wenn jemand kommen und ihm noch mehr als fünf Pfennig dafür bieten sollte.

Am Sonntagmorgen vor neun älhr sind wir wieder da und erwerben mit zitternden Händen den Schatz. Wir lassen ihn ben ganzen Tag schnurren, schlafen sogar mit ihm, am Montag verschwindet er auf rätselhafte Weise und kommt nicht mehr zum Dorschein.

Als die nächsten fünf Pfennig fällig sind, ge­schieht etwas Außerordentliches.

Auf unserem Hof spielt ein 3unge, der einen Tuschkasten hat, mein Sohn will also auch einen Tuschkasten sein eigen nennen. Das hat aber seine Schwierigkeiten. Sorgfältige älntersuchungen ha­ben nämlich ergeben, baß ein Tuschkasten, wie ihn ber Zunge auf bem Hof hat, in keinem Ge­schäft weniger als fünfunbzwanzig Pfennig kostet.

Schon am Samstag ist die Sache zur Sprache I gekommen. .

Die Geschichte ist ja sehr einfach", erkläre ich. I .Du nimmst morgen deine fünf Pfennig nicht.

Rächsten Sonntag machst du es ebenso und den dritten und vierten Sonntag auch. Am Sonntag, der bann kommt, hast du auf diese Weise fünf­undzwanzig Pfennig gespart und kannst dir den Tuschkasten kaufen."

Wann bekomme ich also den Tuschkasten?"

Rach fünf Sonntagen."

Mein kleiner Zunge sagt kein Wort, aber ich sehe, baß er meine Zbee nicht besonders genial findet. 3m Lauf deS Tages schöpft er aus mir unbekannten Quellen einige Finanzwissenschaft, die er mir am Samstagmorgen ohne weitere Umschweife mit folgenden Worten serviert:

Dater.. du sollst mir fünfundzwanzig Pfennig zum Tuschkasten borgen. Wenn du mir fünfund­zwanzig Pfennig zum Tuschkasten borgst, bekommst du das Doppelte von mir wieder ..

Wit feuerrotem Kopf und ganz aufgeregt geht er mir scharf zu Leibe. 3ch sehe deutlich: wenn ich die vorgeschlagene Transaktion kurzerhand zurückweise, wird er sich mit Wucherern einlassen.

Solche Geschäfte mache ich nicht, mein Freund­chen", sage ich.Hnb du solltest dich lieber auch nicht damit befassen!"

Er bricht zusammen, wie jemand, bem die letzte Hoffnung geraubt ist.

Ra, wir wollen mal sehen!" ermutige ich ihn. Wir ziehen unsere Schublade auf und blicken lange und tiefsinnig hinein.

Dann wollen wir die Sache schon lieber so machen: 3ch gebe dir jetzt fünfundzwanzig Pfennig aus meiner Tasche. Dafür bekomme ich deine fünf Pfennig von heute und die von ben nächsten vier Sonntagen ..."

Er unterbricht mich mit einem lauten 3ubelruf. 3ch zieh« meine Börse, gebe ihm fünfundzwanzig Pfennig und nehme fünf Pfennig aus der Schub­lade.

Das wird nächsten Sonntag nicht schön werden" sage ich,und nächsten und nächsten und nächsten ntxß weniger!"

Aber ber leichtsinnige junge Mensch ist schon fort.

Natürlich vollziehen sich die Abschlagszahlungen auf seine Schuld mit der größten Feierlichkeit. Er ist stets zur Stelle, wenn die Schublade her- ausgezogen wird, und sieht zu, wenn die fälligen fünf Pfennig erhoben werben und in meine Tasche wandern statt in seine.

Beim erstenmal geht das ziemlich leicht. Es sieht auch so hübsch aus, wenn ich das Geld nehme, und der Tuschkasten mitsamt ben Qualen, die seiner Anschaffung vorausgegangen find, ist auch noch so neu! Am nächsten Sonntag ist die Sache schon nicht mehr so interessant, und am übernächsten Termin ist das Gesicht meines kleinen 3ungen sehr finster.

Hat dir jemand waS getan?" erkundig« ich mich teilnehmend.

3ch möchte so gern eine Tafel Schokolab» haben", antwortete er ohne mich anzublicken.

Weiter nichts? Die kannst du dir ja In zwei Wochen sehr gut kaufen. Dann hast du den Tusch­kasten bezahlt, und die fünf Pfennig gehören dir!"

3ch möchte die Tafel Schokolade aber so gern jetzt haben!"

Zch versichere ihn meine» aufrichtigen Mit­gefühls. aber ich kann nicht helfen fort ist fort!

An diesem Sonntagmorgen trennen wir unS in ziemlich gespannter Stimmung.

3m Lause des Tages sehe ich ihn öfter« mit hochgezogenen Augenbrauen und nachdenklichen Mienen vor ber Schublabe stehen. 3ch setze mich still hin und warte. 3ch brauche nicht lange zu warten, um zu erfahren, baß sich feine Ent­wicklung zum Nationalökonom durchaus normal vollzieht.

Dater ... wenn wir jetzt die fünf Pfennig vom nächsten Sonntag in das Fach von heute legen ... und ich nehme die und kaufe mir dafür eine Tafel Schokolade ..."

Dann hast du ja nächsten Sonntag wieder keine fünf Pfennig?!"

Das ist mir ganz egal, Dater!"

Wir sprechen noch eine Weile darüber, und dann machen wir es so. Selbstverständlich be­finden wir unS jetzt mitten im wildesten Finanz­schwindel.

Schon das nächste Mal ist mein kleiner 3unge schlau genug, die fünf Pfennig vom allerletzten Sonntag, dem Sonntag unmittelbar vor ben Sommerferien, zu nehmen. Sorglos treibt er weiter auf ber Bahn be« Lasters, bis ihn zu­letzt fein Geschick ereilt: zwei lange Sonntag« ohne bie geringste Möglichkeit, fünf Pfennig er­heben zu können!

Wo wollten sie auch Herkommen? Besessen hatten wir sie das wußten wir. 3eht waren sie weg wir hatten sie ja selbst ausgegebenI

An diesen grauen, trüben Tagen sitzen wir jeden Morgen vor der leeren Schublade unk» sprechen lange und tiefsinnig über da« peinlich« Phänomen, daS doch so einfach und leicht vev- ständlich ist, und mit dem wir unS abzufinden suchen müssen.

Rur die Hoffnung tröstet unS, hält uns auf­recht, daß die gemachten Erfahrungen unS zugute kommen werden, wenn wir nach den 6ommer* ferien mit einer neuen Schublade voll Füns^ Pfennigstücken als Taschengeld beginnen.