Nr. 151 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Dienstag, 1. Juli 1930
Turnen, Sport und Spiel.
tlniversttätsmeistei- im Zaustball für Vas ©. ©. 1930.
Akademische Turnverbindung „Rheinsranken".
Wie schon in der Freitagoorschau gesagt war, konnten die beiden Sieger der Dienstagrunde ,Hasso- Nassooia" und „Darmstadtia" gegen di« Sieger der Samstagrunde in den Endspielen nicht aufkommen. Sie landeten an dritter und vierter Stelle. Offen war der Ausgang in dem Spiele „Rheinfranken" gegen Freistudenten. Zu Beginn spielten die Rhein- franken sehr zerfahren und lagen zeitweise bis zu 8 Punkten zurück: bis zum Wechsel stellten sie aber das Spiel auf 19:17 für Freistudenten. In der zweiten Halbzeit wurde dann der Ausgleich erzielt und der Sieg mit 27:32 erkämpft. Damit errangen die „Rheinfranken" für das laufende Semester die Universitätsmeisterschaft im Faustball.
SoufTboU.
Tv. von 1846 Gießen Pokalsieger in Marburg.
Die Faustballpokalspiele des T. u. Sp.-D. 1860 Marburg, die, wie in jedem Jahr, von den bestell Vereinen des Gaues beschickt waren, sahen auch diesmal die 1. Mannschaft des T v. v. 18 4 6 in der Meisterklasse siegreich. Auch die 2. Mannschaft wurde bei stärkster Konkurrenz in der ^-Klasse 1. Sieger.
(Siebener Schwimmverein.
Beim ersten gauoffenen Damenschwimm- f e st, das am vergangenen Sonntag im großen Woog in Darmstadt stattfand, war auch der Gießener Schwimmverein vertreten. Die Gießener Schwimmerinnen beteiligten sich unter starker Konkurrenz aus Offenbach, Darmstadt, Frankfurt a. M. usw. an der 6X5V-Meter-Bruststasfel und belegten darin den 3. Platz. (1. Schwimmverein 96, Offenbach, 4:50 Min.; 2. Jungdeutschland, Darmstadt, 4:55,6 Min.; 3. Gießener Schwimmverein 4:56,3 Min.)
Bei einem Wettkampf im Kopfweitsprung wurde Frl. Emmi Schüler 1. Siegerin mit einer Weite von 14,20 Meter in 27,5 Sek.; 2. Siegerin: Weber, Darmstadt, 12 Meter.
Außer den sportlichen Wettkämpfen fanden volkstümliche Vorführungen wie Kunstschwimmen, Figurenlegen, Reigenschwimmen statt, die aber nicht gewertet wurden. Das Figurenlegen der Gießener Damen fand bei den recht zahlreichen Zuschauern großen Beifall.
Wasserball im (Sau Hessen O.T.
Am vergangenen Sonntag hat die Vorrunde für die M e i st c r s ch a s t des Gaues Hessen im Wasserball begonnen. An den Spielen beteiligen sich T g m d e. Friedberg, TD. Wehlar, TV. 1 846 Gießen und M T V. G i e h e n. Zu dem aus Sonntagvormittag in der Müllerschen Badeanstalt in Gießen festgesetzten Spiel zwischen MTV. und TV. 1846 Gießen blieb der Schiedsrichter aus, so daß nur ein Gesellschaftsspiel ausgetragen werden konnte. Beide Mannschaften traten ersatzgeschwächt an. Der im Gau seit fünf Jahren ungeschlagene Gaumeister TV. 1846 führte von Anfang an ein überlegenes Spiel vor, in dem die Männerturner 0:4 unterlagen.
Der TV. Wetzlar hatte die Tgmde. Friedberg zu Gast. In der ersten Halbzeit zeigte der Platz- verein eine leichte Ueberlegenheit, was in dem
Oie Sünde
der Renate Mercandin.
Roman von Fred Tlelius.
8 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Vor Griebenow versank die Welt. Die Gedanken waren ausgelöst... die Gedanken an das Gestern, an das Heute und das Morgen. Er spürte nur das kühle, weiße Fleisch der nackten Frauenschultern, die Perlen ihres Mieders... er roch den eigenartig süßen Dust, der von ihr ausging, sah das Gold der Haare dicht vor seinen Lippen, und er hörte Melodie und Rhythmus eines Strauhschen Walzers.
Wie ein überirdisch schöner Traum war das alles. Cs schien ihm, daß er Flügel habe und die Bindung mit der Erde sich verliere. Um ihn kreisten Wellen Tanzender und Lachender. Der Frauenkörper lag eng, locker und verschmiegt in seinem Arm, der Pulsschlag ihres Herzens strömte zu ihm über.
Eine Spanne ohne Ausmaß währte dieser Tanz Die Frauenaugen waren fest geschlossen, die Wimpern tief herabgelassen, die seinen Rüstern zuckten, das Gesicht war bleich, die Schlagader am weißen Halse bebte--da versank
die Walzerweise zu verschwingender Kadenz. Roch bewegten sich die Füße für Sekunden nach dem Klange, der im Ohr verhallte — dann stand alles still.
Griebenow verneigte sich und kehrte langsam in die Wirklichkeit zurück. „Ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir erwiesen haben", sagte er.
„Ia, das war schön." Ihre Augen waren wieder groß geöffnet. „ Ach, das liebe Wien und unser lieber Strauß!"
Er reichte ihr den Arm und führte sie. Dann kam Reugereuth und trat an sie heran.
„Bravo! Tanzen können Sie! Aber wenn man eine solche Sylphe führen darf, nicht wahr, mein lieber Griebenow?"
Der gab keine Antwort. Plötzlich stand Professor Mercandin vor Reugereuth.
„Darf ich Sie wohl eben zehn Minuten lang allein sprechen, Herr Geheimrat? Ich möchte nur erst meine Frau nach ihrem Platze führen. Sie gestatten ...“
Griebenow war bleich geworden. Er trat zurück. Ehe Reugereuth ihn nochmals fassen konnte, war er in dem Strom der Tanzenden verschwunden.
Er durchschritt den Vorsaal, ließ sich Hut und Mantel geben, stieg die Treppen abwärts und stand in der menschenleeren Dendlerstraße. Er marschierte ruhig und gefaßt durch stille Straßen. Er dachte an die schöne blonde Frau. Aber die
Halbzeitergebnis 2:0 für Wetzlar zum Ausdruck kommt. Die zweite Halbzeit war mehr ausgeglichen: keine der beiden Parteien konnte mehr ein Tor erzielen.
Handball in Bernsfeld.
To. Verusfeld I — To. Rordeck I und Jugend komb. 0:3 (0:1).
Auf dem Sportplatz des Tv. Bemsfeld entwickelte sich ein schönes, faires Spiel, das Rordeck fast dauernd überlegen sah. Die Rordecker Läufer
reihe hielt sich ausgezeichnet. Aber auch die anderen Mannschaststeile waren sehr gut. Die Dernsselder Mannschaft zeigte verschleime gute Ansätze, spielte aber sonst ziemlich zusammenhanglos.
Handball in Heuchelheim.
Heuchelheims Jugend konnte am Sonntag auf eigenem Platze gegen die körperlich stärkere 1. Mann, schäft vom To. Allendorf a. d. Lahn einen schönen 4:2-Sieg (1:2) erringen.
Bezirksfest des Arbeiter- Turn- und Sportbundes in Wißmar.
Oie Ergebnisse:
lurner-Skbenfampf.
Oberstufe: 1. Karl Betin, Wieseck, 259 Punkte: 2. Otto Kreiling, Wieseck, 241 P.; 3. Adolf Kreiling, Wieseck, 229 P.; 4. Karl Wagner, Launsbach, 225 P.; 4. Ludwig Fink, Staufenberg, 225 P.: 5. Alfred Ohwald, Wieseck, 221 P.; 6. Heinrich Decker, Krofdorf, 220 P.; 7. Heinrich Koch, Wißmar, 218 P.; 8. Karl Leib, Launsbach, 214 P.: 9. Rudolf Pfaff, Launsbach, 213 P.; 9. Albert Winter, Launsbach, 213 P.; 10. Gustav Pfaff, Launsbach, 212 P.
Mittelstufe: 1. Ernst Schösfmann, Wieseck, 230 Punkte: 1. Walter Kollmar, Herborn, 230 P.; 2. Fritz Decker, Treis, 225 P.: 3. Karl Schepp, Weidenhausen, 224 P.: 4. Iustus Steuernagel, Deuern, 223 P.: 5. Heinrich Ruhn, Treis, 215 P.; 6. Philipp Opper, Treis, 213 P.: 7. Karl Ochs, Diessenbach, 211 P.: 8. Hugo Diames, Dlessenbach, 209 P.: 9. Otto Klinke!, Lollar, 207 P.: 10. Ernst Sack, Heuchelheim, 206 P.
16bis l8Iahre:l. Karl Schneider, Wieseck, 244 Punkte: 2. Ernst Dähr, Lollar, 230 P.: 3. Iohann Schnabel, Fronhausen, 225 P.; 4. Wilhelm Stadtmüller, Annerod, 218 P.; 5. Hermann Viehmann, Kinzenbach, 217 P.: 6. Fritz Kollmar, Herborn, 210 P.; 7. Walter Rumpf, Gambach, 209 P.; 8. Otto Koch, Wißmar, 205 P.; 9. Ludwig Eckhard, Staufenberg, 203 P.; 10. Adolf Decker, Annerod, 201 P.
14 b is 16 Iahre: 1. Heinrich Hettge, Treis, 221 Punkte: 2. Ernst Krämer, Rodheim, 211 P.: 3. Karl Fey, Lollar, 203 P.: 4. Wilhelm Stecker, Wieseck, 202 P.; 5. Ernst Ziegler, Lollar, 201 P.; 6. Cmll Lüdge, Dlessenbach, 189 P.: 7. Hans Kreiling, Wieseck, 186 P.; 7. Emil Laudon, Wieseck, 186 P.: 8. Willi Fey, Lollar, 180 P.: 9. Heinrich Klein, Gambach, 175 P.: 10. Wilhelm Engel, Gambach, 174 P.
lurnerinnen-Siebentampf.
lieber 18 I a hre : 1. Hilde Dremer, Wieseck, 247 P.: 2. Therese Klein, Herborn, 229 P.; 3. Klara Reuschling, Klein-Linden, 226 P.; 4. Lina Dender, Krofdorf, 219 P.: 5. Eva Wendel, Herborn, 213 P.; 5. Helene Volk, Klein- Linden, 213 P.; 6. Gertrud Weber, Herborn, 206 P.
Unter 18 Iahren: 1. Lina Döh, Wieseck, 239 Punkte: 2. Ottilie Weller, Wieseck, 226 P.; 3. Erna Seibert, Wieseck, 225 P.; 4. Anni Peppier, Wieseck, 219 P.; 5. Anni Schnabel, Wieseck, 209 P.: 6. Karoline Loh, Krofdorf, 189 P.
Leichtathletik.
Fünfkampf (Sportler über 18 Jahre).
1. Willi Ruhl, Raunheim, 283,65 Punkte; 2. Ernst Dechthoid, Krofdorf, 278,38 P.: 3. Heinrich Opper, Wieseck, 273,23 P.: 4. Heinrich Dill, Raunheim, 257,87 P.: 5. Otto Geriach, Rodheim, 256,18 P.; 6. Kar! Drescher, Gleiberg, 252,02 P.: 7. Ewald Deppler, Heuchelheim, 249,10 Punkte: 8. Ewald Oestreich, Kinzenbach, 246,98 Punkte; 9. Adolf Pfaff, Kinzenbach, 244,40 P.: 10. Reikhold Diehmann, Kinzenbach, 237,11 P.
Vierkampf (Jahrgang 1912/13).
1. Adolf Bernhardt, Rodheim, 229,26 Punkte; 2. Hermann Schäfer, Raunheim, 226,81 P.; 3. Erhard Leib, Kinzenbach, 208,88 P.; 4. Otto Weiß, Watzenborn, 206,13 P.; 5. Richard Leib, Gleiberg, 204,13 P.; 6. Willi Gries, Gießen, 203,94 Punkte; 7. Hermann Leitner, Alten-Buseck, 203,07 Punkte; 8. Erich Fink, Staufenberg, 202,76 P.: 9. Karl Ait, Kinzenbach, 202,63 P.; 10. Hugo Bender, Krofdorf, 201,63 P.
Dreikampf (Sportler Jahrgang 1914/15).
1. Ernst Bellos, Wieseck, 148,19 Punkte; 2. Emil Spaar, Lollar, 139,06 P.; 3. Wilhelm Dogel- höfer, Wieseck, 138,36 P.; 4. Karl Rinn, Rod- heim, 126 P.: 5. Adolf Schmidt, Wieseck, 124,94 Punkte; 6. Reinhard Schäfer, Kinzenbach, 117,25 Punkte: 7. Wilhelm Hof, Alten-Buseck, 116,44 P.: 8. Walter Horn, Wißmar, 114,31 P.; 9. Wilhelm Hofmann, Alten-Buseck, 114,19 P.; 10. Albert Schreiner, Alten-Buseck, 112 P.
Dreikampf (Sportler Altersklasse).
1. Alex Turock, Lollar, 137,16 Punkte: 2. Wilhelm Wolf, Gießen, 135,90 P.: 3. August Kunhe- müller, Gießen, 125,95 P.; 4. Ferdinand Reeh, Krofdorf, 124,82 P.; 5. Ludwig Magel, Steinbach, 124,32 P.: 6. Wilhelm Hofmann, Krofdorf, 123,26 P.: 7. Fritz Kuhl, Gießen, 118,39 P.
Vierkampf (Sportlerinnen über 18 Jahre).
1. Iohannette Pfeiffer, Launsbach, 228,65 Punkte; 2. Anna Sack, Heuchelheim, 210,34 P.; 3. Clise Diehl, Gießen, 209,30 P.: 4. Emma Resseldreher, Heuchelheim, 204,60 P.; 5. Marie Kümmel, Herborn, 195,31 P.: 6. Lina Börding, Heuchelheim, 185,55 P.: 7. Anna Diehl, Gießen, 183,24 P.: 8. Marie Wagner, Krofdorf, 163,80 Punkte: 9. Ilse Euler, Krofdorf, 156,07 P.; 10. Mariechen Balser, Gießen, 109,62 P.
Dreikampf (Sportlerinnen unter 18 Jahren).
1. Fried Iung, Krofdorf, 169,09 Punkte: 2. Elise Schaum, Krofdorf, 165,27 P.; 3. Else Schwalb, Heuchelheim, 156,91 P.; 4. Paula
Gedanken schwankten, sprangen aus dem Gleis, galoppierten in das Leere. Der Abendhimmel nahm sie auf. Linergründlich lächelte der Mond.
Roch in der gleichen Rächt schrieb Griebenow an Reugereuth persönlich. Er dankte für die Güte und das Wohlwollen, das ihm Reugereuth erwiesen hatte. Er sagte, daß ein tragisches Geschehen eine Weiterarbeit unter ihm unmöglich mache. Er nehme an, daß Mercandin mit Reugereuth gesprochen habe. Der Anschein ... die Beweise sprächen gegen ihn. Er sei das Opfer eines Schurken, der sich eine unheilvolle Stunde in dem Leben Griebenows zunutze gemacht habe. —
Er siegelte und warf den Brief noch in der frühen Morgenstunde in den Kasten.
Am Abend kam die Antwort. Ein Geschäftsbrief mit Firmenaufdruck, eingeschrieben. Griebenow zerriß den Umschlag. Auf dem Bogen stand mit Schreibmaschinenschrift geschrieben: „Sie erhalten hiermit das Gehalt für einen Monat im Betrage von dreihundertfünfzig Mark. Scheck liegt bei." Firmenstempel Kleusch & Reugereuth ppa. Kannemann.
Gut — der Würfel war gefallen. Es kam, alles, wie es kommen muhte. Das Leben hatte ihm gegeben, was es konnte. Unerwartet präsentierte es den Wechsel, den er einst gezogen hatte. Runmehr hieß es zahlen.
Keine Zeit war zu verlieren. Er sandte hundertsechzig Mark durch Postanweisung an Professor Mercandin. Welch lächerlich geringe Summe war das, um die paar hundert Franken, die Kosten des Logis für eine Rächt sowie der Reise nach Berlin, zurückzuzahlen! Um diese Summe hatte man in jener unheilvollen Rächt in Monte Carlo seine Ehre, seine Zukunft und sein Glück verpfändet und — verloren. Gut sein oder böse sein, war Schicksal, kein Derdienst. Wer ein großes Bankguthaben hatte, konnte makellos und ehrlich vor den Menschen seine Straße ziehen und trotzdem ein Schurke sein. Hunger und Derzweiflung aber konnten einen Ehrenwerten, wenn das Schicksal es so wollte, in den Abgrund der Derdammnis stürzen.
Griebenow fuhr zu Müller nach der Oderbergstraße. Er bezahlte zwanzig Mark und erhielt die neueste Liste offener Stellen. Er erwarb die Anwartschaft auf Posten vom Fabrikdirektor bis zum Fässerspüler. Fabrikdirektor werden schien ihm angenehmer als das Fässerspülen. Sein Ziel lag hoch.
Er durchlief die Skala wechselnden Erlebens in den nächsten Wochen: Hoffen und Erwarten... Pessimismus und Enttäuschung. Man empfing ihn manchmal formvollendet höflich, manchmal mit brutaler Grobheit. In allen Fällen war der Mißerfolg der gleiche. Er lernte die Bedeutung der Portiers, der Pagen, überhaupt der Angestellten kennen, die ihn vorzulassen oder anzu
melden hatten. Manche Trinkgeldmark floß in den abgrundtiefen Strom des Zukunftshoffens. Er durchfuhr die Stadt von Rord nach Süd, von Ost nach West. Die Stadt war groß. Er marschierte Strahenviertel auf und Straßenviertel ab. Durch solche, die sich schweigend im Bewußtsein ihrer Armut duckten, und durch solche, die sich in dem Lärm und Prohentum des Reichtums bäumten. Hunderte von Meilen hatte er wohl so zurückgekgt. Seine Stiefellohlen wurden immer dünner, seine Kasse leerer, und der Hunger wuchs im Magen.
Cs kam die Zeit, in der sich Griebenow von trockenen Brötchen nährte, manchmal ein Stück billige Wurst dazu erstand und nur jeden zweiten Tag in irgend einem Keller eine Tasse Brühe trinken konnte. Cs kam die Zeit, in der die Stiefelsohlen Löcher zeigten und in der er einen schweren Kampf durchkämpfte, ob er sich die Haare schneiden lassen dürfe.
Cs kam der Tag, an dem man die Bezahlung seines Zimmers in dem Pensionat der Martin- Luther-Strahe von ihm wünschte und er angesichts der unbezahlten Rechnung nur noch einen Barbestand von 5,20 Mark zu errechnen wußte. Das war das Ende.
Alles war umgittert und umzäunt. Er starrte in den letzten Abgrund. Die Götter versagten ihm die Gnade.
An diesem Tag verkaufte Griebenow von feiner Kleidung, was er irgentoie entbehren konnte. Er versetzte seine goldene älhr, bann bezahlte er die Rechnung in dem Pensionat der Martin-Lut- her-Strahe und oejog ein kleines Zimmer im Berliner Rorden, in der Doltastrahe.
Eines Spätnachmittags kam er nach dem Kem- perplah.
Er wußte, daß Professor Mercandin dort wohnte. Roch immer lag die Karte aus der un- heilvollen Rächt in Monte Carlo in der Tasche Griebenows.
In der letzten Woche hatte Griebenow nur dreimal seinen Hunger stillen können. Durch ein Gabelfrühstück letzten Freitag, durch ein Mittagessen Sonntags, ein Abendbrot am Dienstag. Dazwischen hatte er sich täglich ein paar Brötchen ohne Butter einverleibt.
Heute nun war wieder Freitag.
Er ticb f ich seit dem frühen Morgen in der Stadt umher und war trevpauf, treppab gelaufen. Ihm war schlapp und schlecht zumute geworden. Er fühlte Ohrensausen.
älnd nun stand er vor der Dilla Mercandin am Kemperplatz. Hmfjüllt von dämmerblauen Schatten lag das große Haus wie ausgestorben. Zwischen dunkeln Stämmen flimmerte das Licht der Bogenlampe an dem Eingang. Die Fenster an der Straßenseite waren tot und ohne Schimmer, die Läden nicht geschloffen.
Griebenow stand regungslos und starrte diese
Schmelz, Drohen-Linden, 143,91 P.; 5. Marie Kreiling, Heuchelheim, 141,55 P.; 6. Iohanna Diehl, Gießen, 135,27 P.; 7. Ida Funk, Krofdorf, 134,27 P.; 8. Ilse Bruchmann, Heuchelheim, 134,09 P.; 9. Lina Wacker, Launsbach, 128,64 P.; J0. Emmi Hofmann, Heuchelheim, 125,91 P.
Fuhballer-Dreikampf.
lieber 18 Iahre: 1. Franz Krämer, Heuchelheim, 249 Punkte: 2. Karl Krusch, Raunheim, 248,5 P.; 3. Walter Pfaff, Kinzenbach, 245,5 P.; 4. Albert Hofmann, Gleiberg, 244,5 P.; 4. Wilhelm Becker, Lollar, 244,5 P.; 5. Karl May, Watzenborn, 240 P; 6. Heinrich Schmidt, Leun, 236,5 P.; 7. Johann Will, Fronhausen, 235 P.. 8. Ernst Pfeffer, Klein-Linden, 228,5 P.; 8. Heinrich Wlodarek, Gießen, 228,5 P.; 9. Karl Frei, Wißmar, 227 P.; 10. Willi HenkÄmann, Wißmar, 223 P.
Fußballer Dreikampf (unter 18 Jahren).
1. Iohann Erckel, Fronhausen, 259 Punkte; 2. Heinrich Wolf, Fronhausen, 253,5 P.; 3. Heinrich Walker, Leun, 229,5 P.; 4. Bernhard Döbler, Gleiberg, 221 P.: 5. Konrad WiM, Fronhau- sen, 210,5 P.; 6. Friedrich Hofmann, Leun, 207 P.; 7. Wilhelm Dudenhöfer, Rodheim, 206,5 Punkte, 8. Adolf Forbach, Wißmar, 202 P.; 9. Emst Seel, Gleiberg, 190 P.; 10. Franz Schäfer, Launsbach, 179,5 P.
Cinjdfämpfe (Sportler über 18 Jahre).
Weitsprung: Ewald Beppler, Heuchelheim, 5,46 Meter: Franz Krämer, Heuchelheim^ 5,46 OH.; Willi Rühl, Raunheim, 5,43 M.
Kugelstoßen: Albert Horbach, Wißmar, 9,32 Meter; Franz Krämer, Heuchelheim, 9,21 Meter; Ewald Beppler, Heuchelheim, 9,16 M.
Hundertmeterlauf: Emst Bechthold, Krofdorf, 12,4 Sek.; Ewald Deppler, Heuchelheim, 12,5 Sek.; Willi Schardt, Watzenborn, 12,6 Sekunden.
Stabhochsprung: Reinhold Diehmann. Kinzenbach, 3,05 Meter; Wilh. Leutner, Durk- hardsfelden, 3,00 M.; Wilh. Hirschhäuser, Oden- Hausen (Lahn), 2,90 M.
Linzeikämpfe (Sportler-Jugend).
Kugelstoßen: Kurt Tönges, Wißmar, 10,59 OB.; Reinhold Bellos, Beuern, 10,08 0Kj; ■ Wilh. Ziegler, Lollar, 10,00 M.
Speerwerfen: Willi Frey, Wißmar, 42,89 Meter; Hugo Bender, Krofdorf, 41,75 M.; Wilh. Ziegler, Lollar, 36,87 Meter.
Hochsprung: Otto Schneider, Beuern, 1,50 Meter; Wilh. Stadtmüller, Annerod, 1,45 M.; Erich Fink, Staufenberg, und Hermann Ceibner, Alten-Buseck, 1,40 Meter.
Linzelkämpfe (Sportlerinnen unter 18 Jahren).
Kugelstoßen: Frieda Jung, Krofdorf, 9,42 Meter; Gertrud Mandler, Launsbach, 8,55 M.; Else Schwalb, Heuchelheim, 7,64 M.; Käthe Hofmann, Heuchelheim, 7,41 M.
Hochsprung: Paula Schmelz, Dr.-Linden, 1,20 Meter; Elise Schaum, Krofdorf, 1,20 M.; Frieda Iung, Krofdorf, 1,15 M.; Meline Leib, Launsbach, 1,15 M.
Linzelkämpfe (Sportlerinnen über 18 Jahre).
Speerwerfen: Emma Resseldreher, Heuchelheim, 17,96 Meter; Elise Diehl, Gießen, 15 Meter; Iohannette Pfeiffer, Launsbach, 12,98 Meter; Ilse Euler, Krofdorf, 12,25 M.
Hundertmeterlauf: Clise Diehl, Gießen, 15,3 Sek.; Iohannette Pfeiffer, Launsbach,
Fenster an. Er hatte das Gefühl, als ob die Scheiben Augen wären, ein Chaos harter grüner Augen, die sich durch das Dämmerlicht in seine Seele bohrten.
Griebenow ließ seine Lider sinken, um dem Blick der harten grünen Augenfenster zu entrinnen. Wieder, wie so oft, beschwor er das Erinnern an die bleiche, blonde Frau vor seine Seele. Es verfolgte ihn seit Wochen, seit dem Abend in der Bendlerstraße. Eine taumelnde Begierde hatte ihn gefaßt, ihre Rähe irgendwo zu spüren, und ob er das Gefühl bekämpfte wie Dersuchuna oder Sünde, es kam immer wieder in tief geheimer, weher, süßer Wonne. Es band die Glieder, lähmte jede Muskel, krallte in Herz und Hirn, loderte dort einen Faden nach dem andern und zerriß die Willenstränge.
Eine tolle Lust, das Gittertor zu offnen, bis an das Portal zu gehen und dort zu schellen, überkam ihn. Man konnte beispielsweise den Professor sprechen wollen und den Schuldschein von ihm fordern. Oder nach Frau Mercandin verlangen, um ihr das Spitzentuch zurückzugeben. Aber alles dies war Wahnsinn, sagte er sich selbst.
Fliehen ... dachte Griebenow. Sofort! Es geschieht Entsetzliches, wenn ich noch länger stehen bleibe.
Er stieß die Füße ab mit dem Aufgebot der letzten Energie. Er stellte wie im Muskel krampf die Beine vorwärts. Don dem Fahrdamm tobte das Gebell der Autos an fein Ohr. Er bemühte sich, die Sinne auf den Lärm der Straße einzustellen. Die Kette, die ihn an dem Hause festhielt, löste sich, je mehr er vorwärts kam. Er bog in eine Straße ein, in der die Läden hell erleuchtet waren und in der das Grohstadtleben pulste.
Endlich hielt et. Er stand vor einem großen Laden, dessen Lampenlicht den Bürgersteig erhellte. Er zog das Taschentuch und trocknete den kalten Schweiß von seiner Stirn. Iähe ilebelfeit befiel ihn. Der geschwächte Magen bäumte sich. Alles drehte sich um ihn. Er schwankte.
Ich muß mich halten ... dachte er mit letzter Kraft. Ein Laternenpfahl stand vor ihm auf dem Bürgersteig. Er steuerte ihn an, breitete die Arme aus und hielt sich krampshaft daran fest.
Plötzlich sah er unweit vor sich eine Frau. Eie löste sich vom Strom der Menschen und kam auf ihn zu. Sie schien sehr elegant. Sie hatte eine Iacke aus Chinchilla auf dem schlanken Körper. Es war — Frau Mercandin.
Eine Scham, die keine Grenze kannte, überströmte Griebenow. Er lieh den Eisenständer los. Sein Gesicht verzerrte sich. Er wollte lächeln. Er wollte aufrecht stehen, schwankte, bemühte sich, den Hut zu ziehen. Tastete, faßte wieder den Laternenpfahl, wollte sprechen. Stöhnte.
(Fortsetzung folgt)


