Ausgabe 
1.7.1930
 
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Nr. 151 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, L Zull 1930

Tagung desReichSbundes der Kriegsbeschädigten.

2m Samstag und Sonntag fand In Gießen eine Tagung des Gaues Hessen-Frei­staat des Reichsbundes der Kriegs­beschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegerhinterbliebenen statt. Die Der- handlungen begannen am Samstagnachmittag im Gewerkschaftshaus. Sie wurden eröffnet durch einen Liedervortrag der Chorschule. Rarnens der Gauleitung begrüßte Gauvorsihender Seibert, Darmstadt, die aus allen Teilen Hessens zahlreich erschienenen Delegierten, die Vertreter Der Be­hörden, der benachbarten Gaue, sowie die Ver­treterin des Bundesvorstandes Frau Harn ost, Berlin. Gr betonte, daß die ungünstigen wirt- schäftlichen Derhältnisse sich auch aus die Belange der Kriegsopfer ungünstig auSwirken müßten. Heute gelte es, das bisher Erkämpfte zu erhalten. 3um Schluß gedachte der Redner noch der im Weltkriege Gefallenen und der an den KrieaS- solgen Verstorbenen, während der Knabenchor das Lied:Ich halt' einen Kameraden" ein­drucksvoll vortrug. Rarnens der hiesigen Orts­gruppe des ReichsbundeS begrüßte M. Wall- d o r s, Gießen, während Frau H a r n o ß , Berlin, die Grüße des Bundesvorstandes, sowie der benachbarten Gaue überbrachte. Rach Wahl der Kommissionen erstattete Gauleiter Tauer, Darmstadt, den

Geschäftsbericht.

Der Redner zeigte zunächst, in welcher Weise sich die ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse sowie die Finanznot von Reich, Ländern und Ge­meinden auf die Belange der Kriegsopfer aus­wirken. Er erhoffte eine Besserung vor allem durch die Befreiung der besetzten Gebiete. Der Redner berichtete dann über die Entwicklung der Dersorgungsgesehgebung seit dem letz­ten Gautag, um sich dann eingehend mit der Rechtsschuhtätigkeit des Gaues, sowie mit der Rechtssprechung zu beschäftigen. Gr betonte in diesem Zusammenhang, daß die Dpruchpraxis in Hessen weit über derjenigen der übrigen Länder stehe. Bezüglich der Fürsorgestellen be­tont der Redner, daß eine schnellere Be­arbeitung der Anträge wünschenswert sei. Zum Schluß beschäftigte sich der Referent noch ein­gehend mit Organisationsfragen. Der Bericht des Gaukassierers D e u ß e r, Langen^zeigte pro 1929 eine Einnahme von 59 683,71 Mk. sowie eine Ausgabe von 57 961,94 Mk. Das Vermögen des Gaues betrug am 31. März 1930 41 831,80 Mk., hierin sind allerdings 32 116,76 Mk. Lotteriegut­haben enthalten, die nicht für Organisation-, sondern nur für Fürsorgezwecke Verwendung finden dürfen. An der anschließenden Aus­sprache wurde der Geschäfts- und Kassenbericht einer eingehenden Kritik unterzogen.

Abends sand im Caf6 Leib zu Ehren der Delegierten und Gäste ein gutbesuchter

Begrüßungsabend

statt. Gausekretär Benner wies in seiner Be­grüßungsansprache kurz auf die Aufgaben des Gautages hin und sprach von den Schönheiten Gießens pnd seiner Umgebung. Stadtratsmitglied Schw ieder überbrachte die Grüße der Stadt und der bei der Tagung vertretenen Behörden. Das übrige Programm enthielt musikalische Dar­bietungen der Kapelle Weller-Einbrodt, einen eindrucksvoll gesprochenen Prolog, Ge­sangsvorträge des GesangvereinsEintracht", einen Reigen des Radfahrervereins 1885 und humoristische Darbietungen von Balser Backes, Frankfurt a. M.

Am Sonntagvormittag fand zunächst eine Gefallenenehrung

auf dem Ehrenfriedhof statt, wobei Gauvorsitzen­der Seibert, Darmstadt, eine zu Herzen gehende Ansprache hielt. Es folgte sodann die Fortsetzung der Verhandlungen im Saale der Liebigshöhe. Roch einer kurzen Begrüßung der

zahlreichen Vertreter der Behörden durch den 2. Gauvorsitzenden Kautzmann, Heppenheim, überbrachte Staatsrat Karcher, Darmstadt, die Grüße der hessischen Staatsregierung, sowie der Herren Staatsminister Adelung und Mi­nister <ür Arbeit und Wirtschaft K o r e l l. Er wies darauf hin, daß die Kriegsopfer die un­mittelbaren Folgen des Krieges tragen müßten, deshalb sei es Pflicht der Allgemeinheit, die mittelbaren Folgen des Krieges, insbesondere bezüglich der wirtschaftlichen und sozialen Aus­wirkung zu tragen. Eine befriebigenbe Regelung dieser Frage sei nur durch eine internationale Verständigung möglich. Die Befreiung des Rheinlandes sei ein Erfolg der bisher betrie­benen Erfüllungspolitik. Präsident Krug von R i d d a übermittelte die Grüße des Oberver­sicherungsamts und wies daraufhin, daß bei den Entscheidungen des Hess. Dersorgungsgerichts, soweit dies gesetzliche Bestimmungen, Rechts­sprechung und Ueberzeugung zuließen, den Kriegsopfern weitgehendes Entgegenkommen ge­zeigt werde. Hierauf hielt Bundessekretärin Martha Harnoß, Berlin, einen sehr instruk­tiven Vortrag. Sie wies zunächst darauf hin, baß die Kriegsfolgen nie so stark empfunden worden seien, wie in der Jetztzeit. Es handele sich auch um die Frage, ob der Fürsorgegedanke getragen sei von sozialen Empfindungen und Schicksalsgemeinschaft, ober ob ber Kampf ber Wirtschastsgruppen vorherrschenb sei. Die Reb- nerin beleuchtet bann kurz bie Ursachen ber heu­tigen Wirtschaftskrise. Preissenkung unb Lohn­abbau schienen nicht bie richtigen Mittel zur Hebung der Wirtschaft zu fein. Wirtschafts­politik unb Sozialpolitik gehörten zusammen. Es sei bedauerlich, daß sich die seither vorgeschla­genen Sparmaßnahmen meist auf die Sozial­politik erstreckten. Auch bezüglich der Kriegsopfer feien einschneidende Maßnahmen bezüglich Abbau der Leistungen geplant. Die Rednerin besprach bann eingeyenb bie Entwürfe zur Aenderung bes Verforgungsgesetzes unb bes Der- sahrensgesetzes unb verbanb damit eine kritische Beleuchtung der geplanten gesetzlichen Bestim­mungen. Eie forderte mehr Verständnis für die Rot der Kriegsopfer. Man vergesse vielfach, daß die Kriegsopfer für die Allgemeinheit ge­bracht worden feien. Die Rednerin beleuchtete die zur Versorgung der Hinterbliebenen getroffe­nen gesetzlichen Bestimmungen und bie in Aus­sicht stehende Verschlechterung. Anschließend an bie mit großem Beifall aufgenommenen Ausfüh­rungen wies ber Versammlungsleiter im Auf­trag von Staatsrat Karcher barauf hin, baß bie hessische Regierung in ber Frage des Abbaus der Leistungen der Kriegsopfer gegenüber Ber­lin e ine ablehnende Stellung eingenommen habe, weil sie die geplanten Bestimmungen für un­sozial hält.

Hierauf wurde eine von der Bundesleitung vorgeschlagene

Resolution,

die sich gegen bie geplanten Abbaumaßnahmen ber Kriegsversorgung wendet, einstimmig an­genommen.

Die neu ausgearbeiteten Satzungen wurden genehmigt, außerdem eine Reihe von Anträgen behandelt und zur Erledigung gebracht.

Die sodann vorgenommene Wahl des Gau- vorstandes zeitigte folgendes Ergebnis: 1.Vorsitzender: Seibert, Darmstadt: 2. Vor­sitzender: Kautzmann, Heppenheim; Kassierer: Deusser, -Langen; Schriftführer: Schirm- beck, Gießen; Gauleiter: Tauer, Darmstadt; Beisitzer: Fuchs, Offenbach, Stiller, Ilben­stadt, T re Ile, Mainz unb Weilmünster, Offenbach. Als Ort bet nächsten (Sautagung würbe Bensheim bestimmt.

Rast der O-ana.

Äon Otto K Gervais.

Ich sah heute toieber bie Kopie eines Meister­werkes von Hans von Mare««, bes Reu- ibealiften GemälbeRast bet Diana". Obgleich bie hier zu erzählenbe Geschichte nicht bas ge­ringste mit bem Bilbe zu tun hat, brängt sich mir immer wieder bei seinem Anblick ein Er­lebnis auf, das ich mir einmal von der Seele schreiben möchte.

Ein Schlößchen im tiefen Walde aus Eichen-, Buchen- und uferlichem Bitkenbestand. Es liegt seht versteckt, feine gepflegten Wege führen zu ihm hin. Weiß schimmert seine Fassade durch bas dunkle Grün, läßt jenen gemischten Stil aus Barock und Rokoko ahnen, in welchem die Duodez-Fürsten des vergangenen Jahrhunderts vielfach ihre Wochenend-Schlösser bauen ließen. Unb wie manche anbere, bie französische Rainen erhielten, wie Monrepos, Solitude usw. hieß es ursprünglichRepos de la Diane, wurde bann später verdeutscht zuRast ber Diana", unb heute kennt es jebes Kinb in jener schönen Ge­gen!) unter ber BezeichnungDianenschlößchen". Die fürstlichen Jäger pflegten also hier ber Ruhe nach großen Iagben, zogen sich in diese Einsamkeit zurück, um dem Getriebe ihrer Tage unb ihres Regierens fernzubleiben. Richt immer wirb es still in ben prunkvollen Gemächern unb Sälen zugegangen sein, benn ein beträcht­licher Weinkeller mit alten, eingebauten Fäs­sern zeugt von viel feucht-fröhlicher Lustigkeit.

Die unterschieblichsten Besitzer haben inzwischen gewechselt unb das Dianenschlößchen mehr ober minder verwahrlosen lassen. Was wir erst später feftftellen konnten, als Professor Ieroux, der letzte Inhaber, gestorben war und sich kein neuer Käufer meldete, so daß es zur allgemeinen Be­sichtigung freigegeben wurde. Man hat jetzt ein kleines Heimatmuseum aus der Dianenruhe ge­macht.

Ich kam damals als Schüler auf das Gut meiner Verwandten, das etwa eine gute halbe Stunde vom Schlößchen entfernt liegt, um hier meine Sommerferien zu verbringen. Ich kannte den wundervollen Wald, der sich einen Rest von natürlicher Wildheit bewahrt hatte, in allen Dimensionen kreuz und quer. Riemais aber hatte ich ein Haus darin erblickt, niemand im Dorf auch hatte jemals davon gesprochen, daß sich solch ein Wunderbau wie das Dianenschlößchen darin befand. Eine moorige Schlucht, in der viele Kreuzottern hausen sollten, verbot uns

Kindern, über diese hinauszubringen. Bei einem Kriegsspiel jedoch, das wir Knaben veranstaltet hatten und bei dem ich mit einem Gefährten in die Enge getrieben ward, standen wir beide plötzlich mitten im Walde vor dem Schloß. Kein Park, fein (Sorten ringsum. Eine schwere Tür war sichtbar verriegelt. Die Fenster des einen Flügels waren durch Läden dicht verschlossen, in die übrigen wuchsen die Bäume hinein. Kein Laut drang heraus, kein Mensch war zu sehen, nicht einmal ein winziges Qualmfähnchen wehte aus dem Schornstein. Wie verzaubert unb ver­wunschen strömte es eine unheimliche Stille aus, bie nur hin unb wieder von herabfallenden Kastanien unterbrochen wurde.

Mein Gefährte, ein strammer Dorfbub, bekam die zitternde Angst, als ich laut fragte, was dieses Märchen zu bedeuten habe. Er drängte zurück. Da es begann, dunkel zu werden, blieb mir nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Ich erkundigte mich bei Verwandten und Be­kannten nach jenem Schloß, aber niemand wußte etwas Bestimmtes. Es war, als vermieden alle absichtlich, mir Auskunft zu geben. Selbst unser lieber alter Pfarrer, dem ich vertraute wie Gott, warnte mich nur:Du sollst dort niemals hin- gehen!" Derartig vieldeutiges Getue war natür­lich nicht dazu angetan, um mich unb meine Reu gier ober Wißbegier zu beliebigen. Ich wählte ben Sonntag aus, einen Sonnentag, wie ich ihn seither selten wieber in diesem Walde erlebte. Schlich mich von Hause fort, schlängelte mich durch Unterholz und Knüppel, durch Moor und Wildbusch unb gelangte endlich zum Schlöß­chen. Jetzt fiel mir auch über dem Eingang die Inschrift auf, die irgendein geschmackloser Mensch in lapidarer, gotischer Schrift, die abso­lut nicht zum Stil des Ganzen paßte, darüber hatte mauern lassen:Rast der Diana". Ich Umschrift das Schloß von allen Seiten. Riemand störte mich. Die Fenster waren, so­weit nicht zugezogen oder durch Jalousien ver­hängt, auf drei Fronten mit Brettern ver­nagelt. Warum nur, dachte ich verschandelt man ein so schönes, kleines Kästchen? Wenige Stufen führten zur Tür hinauf. Ich hätte es bei Todes­strafe nicht unterlassen können, änzuklopfen, um einige Blicke ins Innere zu werfen. Ich schlug lange mit dem Ring gegen das Messingschild. Erst leise, dann immer lauter. Riemand schien hier zu wohnen. Schließlich hörte ich das Schlur­fen von Schritten. Ein alter, unrasierter, weiß­haariger Mann öffnete. Mißtrauisch schaute er durch einen kleinen Spalt der Tür, knurrte einige Worte Französisch. Ich nahm meine

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 1. 3uli 1930.

Glückwünsche der provinzialdirektion zur Befreiung Rheinhessens.

Die provinzialdirektion Gießenhat an die pro- vinzialdtreklion 2TI a i n j das folgende Glück­wunschtelegramm gerichtet: Die, Provinz Oberhessen übersendet der Schwesterprooinz die wärmsten Glückwünsche zur Befreiung von fremder Besatzung. Vie rheinhessische Bevölkerung hat um ihres Deutschtums willen über ein Jahrzehnt vieles erdulden müssen .Sie hat für das gesamte deutsche Volk große Opfer gebracht. Ls sei ihr Dafür herzlichst gedankt, wir wünschen der befreiten Provinz ein neues Aufblühen.

(fließen, 30. Juni.

Graes, provinzialdireklor.

Zapfenstreich aus Anlaß der Hheinlandbesreiung. Der gestern abend vom hiesigen Bataillon ver­anstaltete große Zapfenstreich hatte eine große Menschenmenge auf die Beine gebracht. Die außerordentlich starke Beteiligung der Be­völkerung mag ihre Ursache teilweise darin haben, daß alle militärischen Veranstaltungen auch heute noch eine besondere Anziehungskraft ausüben, anderseits galt es doch auch vielen, durch Teil­nahme an der aus Anlaß der Rheinlandbe­freiung durchgeführten Veranstaltung ihrer Freude über die Befreiung unserer deutschen Brüder im Rheinland Ausdruck zu verleihen.

Punkt 22 Uhr begann der große Zapfenstreich, der seinen Weg von der Reuen Kaserne durch viele Straßen unserer mit Fahnen reich ge­schmückten Stabt nach dem Lanbgras-Philipp- Platz nahm. Hier hatte sich neben ben Spitzen ber Behörden eine ungeheure Menschenmenge eingesunden, so daß Polizei unb Militär bie notwendigen Sperrmaßnahmen nur schwer durch- sichren konnten. Die von der Kapelle unseres hiesigen Bataillons unb ben Spielleuten gebote­nen Musikvorträge, insbesonbere derGroße Zapfenstreich ber Infanterie unb Kavallerie" waren besonders geeignet, eine der Bedeutung der Stunbe entsprechende Stim­mung hervorzurufen. Dies kam auch bei dem zum Schluß vorgetragenen Deutschlandlied zum Aus­druck, in das bie Anwesenben begeistert ein­stimmten.

Rach Beendigung des Programms zog der große Zapfenstreich durch ßanögrafenftraße, Ost­anlage, Moltkestraße, Licher Straße nach der Reuen Kaserne zurück. Leider ist es bei der Veranstaltung nicht ohne Unfälle abgegangen. Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz wurde in mehreren Fällen in Anspruch genommen; unter anderen war ein schwerer Ohn­machtsans all zu verzeichnen.

Kundgebung gegen dieKriegSschuldlüge

Die Studentenschaft der Landes- univerfität veranstaltete am Sonntagabend im Caf6 Leib eine gut besuchte Kundgebung gegen die Kriegsschuldlüge, an der auch Se. Magnifizenz, der Rektor Der Landes­universität, Professor Dr. Brüggemann so- wie eine Reihe Dozenten teilnahmen. Zunächst sprach der Vorsitzende der Gießener Studenten­schaft, stud. jur. Iung. der u. a. folgendes aus- führte: Seit Jahren ist es eine Ehrenpflicht der deutschen Studentenschaft, den Kampf gegen die Kriegsschuldlüge aufzunehmen und sich alljähr­lich einmal zu versammeln, um vor der ganzen Welt gegen dieses durch Lüge zustande gekommene Kriegsdiktat zu protestieren, oie bezweckt hier­mit, auch andere Dolkskreise für diesen Kamps zu gewinnen. Der Kampf gegen die Kriegsschuld­lüge ist eine selbstverständliche Voraussetzung unserer geistig-nationalen Erneuerung. Deutsch­

land habe angeblich seit Jahrzehnten danach ge­strebt. Europa zu unterjochen unb zu diesem Zweck eine kriegerische Politik getrieben. Weiter habe Deutschland ben Weltkrieg bewußt unb ab­sichtlich entfesselt. Ein unsinniger Gedanke schon an und für sich, wenn man fich das strategilche Kräfteverhältnis in Europa zu dieser Zeit flar- macht. Im übrigen war, wie aus amtlichen Dokumenten feftgeftellt wurde, die Durchführung des Krieges bei unseren Feinden bereits be- schlossen, bevor unsere Kriegserllärung an Ruß­land und Frankreich erfolgte. Der Weltkrieg wurde in erster Linie entfesselt durch den Pan­slawismus. dem in feinen Bestrebungen franzö­sische Hegemonialgelüste und englischer Konkur­renzneid zugute kam. Im Geiste vereinigen sich die Stimmen des großdeutfchen Volkes unb der studentischen Iugeno mit den tauenb unhörbaren, aber deutlich mahnenden derer, Deren schlichte Holzkreuze die Forderung nach Gerechtigkeit gegen Deutschland erheben.

Anschließend an diese Ausführungen sprach Re­ferendar Koffka (Berlin) über ..Pazifis­mus oder Aufrüstung?" Der Redner sprach zunächst von der Bedeutuna des Ver­sailler Vertrags. Er verwahrte sich in diesem Zusammenhang gegen die Behauptung, bie Kriegsschuld liege bei Deutschland. Die Schlag­worte Abrüstung und Pazifismus seien nur Wege zur Ausrüstung. Deutschland habe abge­rüstet bis zur Selbstverstümmelung, während bei unseren Feinden trotz aller Abrüstungskonferenzen von einem Abbau der militärischen Rüstungen nichts festzustetten fei. Der Redner erläuterte dann in längeren Ausführungen die militäri­schen Einrichtungen der -einzelnen Länder unb wies in diesem Zusammenhang auf die weit­gehende militärische Ausbildung ber Jugend int Ausland hin. Eine besondere Gefahr drohe unS von Polen, das mit außerordentlicher Zähigkeit sein Ziel verfolge. Wir hätten die Pflicht, die Landesverteidigung mit allen zulässigen Mitteln in die Wege zu leiten. Don Staats wegen könne nicht mehr erfolgen als bereits geschehen. Da­gegen müsse jeder einzelne an diesen Ausgaben Mitarbeiten. Hierzu gehöre vor allem die körper­liche Ertüchtigung ber Iugenb sowie eine ent­sprechende Ausbildung auf allen möglichen Ge­bieten, nicht zuletzt aber Erziehung zur Kamerad­schaft und Disziplin. Es genüge dabei aber nicht nur der gute Wille, sondern es sei bie Tat not- toenbig. Für bie beutsche Stubentenschast ergebe sich am Jahrestage des Vertrags von Versailles bie Pflicht, Emst zu machen bezüglich ber Mit­arbeit an ber Lanbesverteibigung. Folgende Entschließung fand einstimmige Annahme:

Wissenschaftliche Forscher in allen Ländern sind zu der ^Überzeugung gelangt, daß die Ver­sailler Kriegsschuldthese heutigen Tages nicht mehr zu hallen ist, da sie auf lückenhaftem, ent­stelltem, salichem und teilweise gefälschtem Mate­rial beruht.

Die Beseitigung dieser Versailler Kriegs- schuldlüge dient Der Verständigung der Völker und dem wahren Frieden. Solange sie bestehen­bleibt, werden die fremden Völker, namentlich soweit sie durch den Krieg gelitten haben, in bem falschen Glauben erhallen, baß bie Zer­störungen, die der Krieg mit sich gebracht hat, nur durch die Deutschen verursacht worden sind, während die Geschichte sie lehren müßte, baß die Zerstörungen eine Folge des Krieges waren, für den sie in erster Linie die Verantwortung tragen.

Eine Beseitigung ber Versailler Kriegsschüld- lügc, an deren enger Verbundenheit mit dem Versailler Vertrag kein Zweifel besteht, ist not­wendig, um moralisch eine Revision deS Frie­densvertrages vorzubereiten. Gegenüber dem Wasfenstillstandsabkommen bildet das Versailler Diktat einen Rechtsbruch, den der Feindbunb aus der falschen These von der Verantwortlich­keit am Krieg zu begründen versucht hat.

Don der deutschen Regierung muß erwartet werden, baß sie bas Recht des deutschen Vol­kes, die Versailler Kriegsschuldlüge zu befeiti*

Mühe ab, machte einen Diener, bat um Ent­schuldigung unb fragte, ob es gestattet sei, bas Schlößchen einmal zu besichtigen. Der Alte mußte mich wohl verstanden haben, obwohl ich Deutsch sprach, benn er brummte nur kurz unb köpf- schüttelnb, Monsieur le professeur sei für keinen Menschendans tout le monde zu sprechen. Da­mit schlug er mir bie Türe knallig zu.

Ich fragte ben Briefträger unseres Dorfes nach bem wunderlichen Professor, ber für bie ganze Welt nicht zu sprechen sei. Er konnte mir nur mitteilen, daß öfter Wertpakete, auf viele tau­sende Mark versichert unb kunstvoll verpackt, von ben Anatomien fast aller europäischen Uni- versitäten für Professor Ieroux, so hieß ber Te'itzer der Dianenruhe, auf ber Post eingingen, die ber alte Diener alle Woche einmal zu­gleich mit anderen Sendungen abhole. Weiter wußte er nichts. Eine Kaufmannsfrau im Dorfe erzählte mir, sie fei einmal ßinbeftellt worden zurRast der Diana", umeinige Lebensmittel abzugeben. Sie habe diese vor bie Tür gestellt und sei weggelaufen, denn ber erste Stock des Schlosses sei strahlend erleuchtet gewesen unb aus dem Innern habe Gesang, Lachen, Weiber- gekreisch und ein derartiger Lärm geschallt, daß sie das Weite gesucht hätte. Wirklich Positives konnte mir niemand angeben.

Meine Reugier wuchs. Ich schrieb an Herrn Ieroux. Sehr höflich, untertänig bittend, mir die Erlaubnis zur Besichtigung seines Schlosses, das sicherlich allerlei wertvolle Altertümer ent­halte, zu gestatten. Rie bekam ich eine Antwort.

Hätte der Tob selbst nicht eingegriffen, niemals wäre meine Wißbegier gefüllt worden. Als ich längst wieder in meine Heimat gelangt war und zur Schule ging, erhielt ich eines Tages von meinen Verwandten, jenen, bie in ber Rähe des Schlößchens wohnten, einen Brief mit einem Zeitungsausschnitt. Den Inhalt bildete der Rach- ruf vieler wissenschaftlicher Akademien für den soeben verstorbenen Krebsforscher Pro­fessor Ieroux, der leider, wie es hieß, zum größten Bedauern ber gesamten Forscher- weit in den letzten Jahren seines Daseins durch die Loslösung von der Menschheit unb sein freiwilliges Begraben im SchlöffeRast der Diana" geistesgestört worben fei.4 Schicksal des Genies, hieß es weiter, Denn er war nahe Daran gewesen, hinter ben Vorhang ber Ratur zu schauen, wie bie von ihm nachgelassenen Schrif­ten beweisen. Unb bie Orgien ? Eine Radio- anlage mit Lautsprecher, damals noch wenig bekannt, die sein Diener, um nicht wahnsinnig

vor Einsamkeit zu werben, oft ftunbenlang in Betrieb gesetzt hatte.

Ideen-Assoziation: Marees Gemälbe, ber dunkle Wald, die Hellen Frauen (bas weiße Schlößchen), ber Durchblick auf lichte Gegenben (mein Dorf) unb bas geheimnisvolle Schwei­gen (Professor Ieroux).

Cowboy-Olympiade."

Von einem wilden Reiterseft in Wildwest (Kal- gart) im Dorgelände der Rocky Mountains) berichtet Arthur RundtimIuliheft von VelhagenLKla- sings Monatsheften. Es handelt sich da um daS Reiten von Pferden, die noch nie einen Sattel, noch nie einen Reiter getragen haben, die aus der Herde gefangen beides hier zum erstenmal spüren sollen. Das Tier wird in einen viereckigen, ganz engen Der­schlag gebracht, er ist kaum so groß, daß es dort ste­hen kann. Dann werden ihm listig mit stinken Hand­griffen von der Seite und von unten Sattel und Zaum­zeug angelegt, dann springt von oben her der Reiter an seinen Platz. Der Lautsprecher verkündet:Ach­tung! Bob Crosby aus Kenna, Rew Mexiko, wirb auf ,Richt-leicht-zu-satteln' aus Koje 17 heraus kom­men, Achtung!"

Jetzt wird das Tor ber Koje 17 geöffnet. Jetzt stürmt das Tier heraus.

Man steht ihm ordentlich das Staunen darüber an, daß ba etwas ganz Reues, nie Geahntes mit ihm geschieht: ein anderes Tier sitzt auf ihm, ein sehr geschicktes, das mit einem Gliedmaßenpaar ihm den Leib umfaßt und zusammenpreßt und außerdem ruckend und zerrend irgendwelche Gewalt über seinen Hals und Kops hat vermittelst einer tückischen Ein­richtung, die in den Maulwinkeln wehtut. Aus das Erstaunen weniger Sekunden folgt wilde Entschlossen­heit: das Tier muß von meinem Rücken herunter. Um dieses Ziel zu erreichen, macht das Pferd Bewe­gungen, die es wahrscheinlich noch nie gemacht hat, die es wahrscheinlich nie wieder machen wird. ES springt mit scharf gekrümmtem Rücken, die Deinpaare aneinanderziehend, hoch unb streckt sich dann wieder. Der Versuch wird zehn-, zwölfmal wiederholt, aber das Pferd ist nicht unermüdlich wenn der Reiter lange genug oben bleibt. Diese Sprünge sind eher erstaunliche und schone Bewegungen als zweckmä­ßige, denn immer vorausgesetzt, daß der Reiter durchhäll bann gibt der Gaul das Buckelmacheri auf, streckt sich, streckt stch zum Galopp, bann ist unter rauschendem Beifall Tausender,das Tier auf dem Pferderücken Reiter geworden. Dann ist das Pferd zum ersten Male gebrochen unb ber Boy, nun über die Dahn fliegend, schwingt zum Zeichen deS Sie­ges den Hut.