Nr. W Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Donnerstag, 1. Mai (930
Die Eröffnung der größten Schleuse der Well.
Las Moiouchiß „JoOan van Olbenvarneoeldl" mu Ron.gin Wlihetmlne an Bord, fahr« als erstes in die neue Schleuse von Dmuiben ein. 3m Vordergrund ein sich öffnendes Tor. Jedes dieser Tore hat ein Gewicht von 1184 Tonnen und wird nicht aufgeklappt, sondern in neuartiger Weife ein» und ausgeschoben.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
* Klein-Linden, 30.April. Mit Beginn des neuen Schuljahres verlieh Lehrer Gernandt, der einige Jahre an unserer Volksschule als Schul- Verwalter tätig war. unsere Gemeinde, um eine Leh- rcrstelle in Burkhardsfelden zu übernehmen. 2Tn seine Stelle wurde Schuloerwalter Röhrig, seither m Nidda, als Verwalter der hiesigen Lehrerstelle ernannt. In die Unterklasse der hiesigen Volks- schule wurden 31 Kinder, 10 Knaben und 21 Mädchen, ausgenommen.
00 Klein-Linden, 30. April. Nach monatelanger Arbeit der Elektromonteure konnte in diesen Tagen die Umstellung unseres elektrischen Ortsnetzes von 110 auf 220 Volt Spannung beendet werden. Sie verursachte für alle Haushaltungen arößere Kosten durch die Neuanschaffung von elektrischen Birnen. Für viele Haushaltungen waren -die Kosten zum Teil sehr hoch, da in vielen Häusern die gesamte elektrische Leitung wegen Ver- Wendung schlechten Materials (Kriegsleitungen) erneuert werden mußte Elektrische Haushaltungsgegen- stände, wie Bügeleisen, Kocher und Herde, wurden vom Elektrizitätswerk Gießen kostenlos umgearbeitet.
♦ Wiefeck. 30. April. Mit Beginn des neuen Schuljahres wurden 51 Abcschützen in die hiesige Schule ausgenommen, Lehrer Esch en - brennet übernimmt die schwierige Ausgabe, die große Schar zu betreuen. Den wissenschaftlichen Unterricht an der hiesigen Mädchenfortbildungsschule, der seither von Lehrer Schneider erteilt wurde, übernimmt nunmehr Frl Stroh (Gießen) Lehrer Schneider versieht den Unterricht des 4. Schuljahres - Der Bestand unserer Bolks» und Schülerbücherei hat sich durch Beihilfe der Volkshochschule und der Gemeinde wesentlich vermehrt, die Bücherausgabe findet jeden Freitagnachmittag von 5 bis 7 Uhr in der „Voten Schule" statt. - Frl Leherzaps verläßt unsere Schule, um eine Stelle an der Schule in Heuchelheim aiuutreten Die Gemeinde sieht sie nur ungern scheiden, hat sie es doch verstanden, sich in den sechs Jahren ihrer hiesigen Tätigkeit durch ihr liebevolles Wesen die Herzen der Kleinen zu erobern In der Gemeinde lernte manche Familie die scheidende Lehrerin als stille, selbstlose Helserin kennen, dem Frauenverein wußte sie durch ihre Mitwirkung manchen Abend zu einer Feierstunde zu gestalten An ihren neuen Wirkungsort begleiten sie die besten Wünsche der Gemeinde.
* Der sr o d, 30. April. Am Sonntag veranstaltete der hiesige Kleinkaliber- Schühenverein im Vereinslokal eine Ab- schiedsseier zu Ehren des von hier scheidenden Schriftführers Lehrer Keller, der ab 1. Mai eine neue Stelle in Odenhausen antritt. Der Vorsitzende Roll hielt eine Ansprache, dankte dem Scheidenden für seine rührige Tätigkeit im Verein und überreichte ihm zur bleibenden Erinnerung an seinen alten Wirkungskreis ein Oelgemälde mit Widmung Mit bewegten Wor» ten dankte Lehrer Keller für diese Ehrung und schloß seine Worte mit einem dreifachen „Gut-Ziell" auf den Kleinkaliber-Schühenverein Bersrod. Ein harmonisches geselliges Beisammensein bildete den Abschluß der Feier
# Grüningen, 30 April Letzten Sonntag wurden in unserer Kirche die Konfirmanden — 5 Knaben und 5 Mädchen — eingesegnet Die Zahl der S ch u l r e k r u t e n beträgt 14, so daß die Gesamtschülerzahl unserer zweiklassigen Volksschule auf 109 steigt — Der Sparbetrieb bei der hiesigen Schulsparkasse ist weiterhin in erfreulicher Aufwärtsentwicklung begriffen Im letzten Jahr verdoppelten sich die Einlagen nahezu und weisen Stand von rund 1600 Mark auf. Drei Viertel der Schüler sind eifrige Sparer.
U Rodheirn a. d. Horloff, 28. April Dieser Tage beging eine über die Grenzen unseres Ortes bekannte Persönlichkeit, der Land
wirt Karl Uhl, den 7 0. Geburtstag. Dem praktischen Sinn und zielsicheren Weitblick des alten Herrn ist es mit zu verdanken, daß unser Dors landwirtschaftlich einen Aufschwung erfuhr. Die bei uns, im Vergleich mit anderen Gemeinden, sehr frühzeitig durchgeführte Feld- bereinigung ist mit fein Werk. Als Mitglied des Aufsichtsrates der Molkereigenossenschaft Hungen und der hiesigen Spar- und Darlehenskasse, deren Mitbegründer er ist, leistete er Ersprießliches Sein leutseliges hilfbereites Wesen erwarb ihm die Sympathie der Dorfgenossen An seinem Geburtstagsabend brachte der hiesige Gesangverein dem Jubilar ein Ständchen, dem sich eine schöne Dereinsfeier anschloh.
Kreis Büdingen.
nd. R i b d a, 30. April. Mit Beginn des neuen Schuljahres sind in die hiesige Reals ch u l e 64 Schüler neu eingetreten, 58 Kinder wurden in die Sexta und 6 in höhere Klassen ausgenommen. Die meisten Schüler kommen von auswärts aus dem Riddertal und der Wetterau. Die Schülerzahl beträgt zur Zeit 137. Es ist dies der höchste, seit Bestehen der Anstalt erreichte Stand. Für die abgebaute Schulverwalterin Kredel aus Schwalheim ist die Schulverwalterin Schmidt von Ober-Ramstadt hierher versetzt worden. Sie war bereits einige Zeit an der Höheren Bürgerschule in Hungen verwendet
* Echzell, 30. April. Der hiesige Gef lüge l z u ch t v e r e i n, der älteste und stärkste der Wetterau, kann in diesem Jahre auf sein 2 5jäh° riges Bestehen zurückblicken. Aus diesem Anlaß findet am 2. Rovember hier eine große Geflügelausstellung statt, zu der Beschickungen aus allen Teilen des Reiches erwartet werden. Der Geflügelzuchtverein verfügt über erstklassiges Material und konnte auf der Rationalen Geflügelschau in Frankfurt mit 60 ausgestellten Tieren allein 12 Ehrenpreise und 40 erste Preise erringen. Die meisten Züchter treiben Cpezialzüchtungen und blicken auf eine mehr als 20jährige Erfahrung zurück.
Kreis Schotten.
8 Schotten. 30. April. Aus dem Gemein berat: In einer gemeinsamen Sitzung
mit der Hutweidekommission wurde die neue Satzung für die Gemeindejungviehweide durchgesprochen. Die Mustersatzung wurde mit einem Zusatz angenommen. Eine Kommission für die Verwaltung und Bewirtschaftung der Weide, bestehend aus den Landwirten C e l - larius, Meiski. Schlörb, wurde gewählt - In der Straße nach Laubach errichtet die Reparaturwerkstätte A. I ä g l e einen Reu- bau Die Zuführung der Wasserleitung wurde genehmigt, die Arbeiten entsprechend den eingelaufenen Offerten an die Wenigstnehmenden vergeben. Der Prämiierungsmarkt an Pfingsten, verbunden mit Verlosung, Prämiierung und Volksfest am dritten Feiertag, wird im Umfang der früheren Jahre abgehalten werden. - An der alten Frankfurter Straße wird ein Grund st ück, das zur Erweiterung der aus- münbenben Straße notwenbig ist, angekauft. - Der heutige Walpurgismarkt war sehr stark besucht. An Schweinen waren 550 Stück aufgetrieben. An Preisen wurden gezahlt: für Ferkel bis zu 6 Wochen 30 Mk., von 6 bis 8 Wochen 35 bis 52 Mk., 8 bis 12 Wochen 52 bis 65 Mk.. für Einleger und Springer 60 bis 80 Mk. Sehr viele Landwirte besuchten den Markt, so bah bie Schweine sämtlich abgeseht wurden. - Am Montag sanden die Neuaufnahmen in bie hiesigen Schulen statt. Ein neuer Jahrgang von 20 Försterschülern würbe eingestellt. In bie Sexta der hiesigen Realschule wurden 38 Schüler ausgenommen, in bie Volksschule traten 45 Kinder ein.
V Gedern, 30. April. Mit Beginn des neuen Schuljahres wurden 48 Schülerinnen und Schüler in die Unterklasse der hiesigen Volksschule ausgenommen, so daß diese nunmehr eine Stärke von 92 Köpfen aufzuweisen hat. Die Gesamtschülerzahl der hiesigen Volksschule beträgt im neuen Schuljahre 253 und verteilt sich auf fünf Klassen.
ch Lardenbach, 30. April. Am Montagabend versammelten sich im hiesigen Schulsaal der Schulvorstand und die Gemeinderäte von Lardenbach und Klein-Eichen, um zur Schulhausfrage Stellung zu nehmen Der alte Plan, in der ehemaligen Rienoroschen Molkerei einen Notraum für die zweite
Klasse zu errichten, wurde einstimmig fallengelasfen. Hierauf griff man den Plan von 1914 auf, ließ^ aber auch ihn fallen, da der Bau eines doppelten Schul- Hauses wohl das Ideal wäre, aber wegen der anderen großen Aufgabe (Lardenbach steht eben mitten in der Feldbereinigung) jetzt nicht durchführbar :ft. Man faßte hierauf einstimmig den Beschluß, einen Schulsaal mit einer Lehrerwohnung neu zu errichten derart, daß man jederzeit einen zweiten Saal mit Wohnung anbauen kann Der Vorsitzende des Schulvorstandes dankte mit herzlichen Worten für diesen einmütigen Beschluß, der sicher ein schönes Zeugnis von starker Zukunftshossnung und wirklicher Schulfreundlichkeit ist. Interessant ist die Tatsache, daß der Beschluß, ein Schulhaus zu bauen, ohne den üblichen behördlichen Druck ganz aus freien Stücken gefaßt wurde.
Ober-Schmitten, 30. April. Der Schulabbau brachte vielerorts einen starken Wechsel des Lehrpersonals. Als Nachfolger der vom Abbau betroffenen Schulverwalterin A. Friedmann wurde der Schulverwalter Sommerlob, seither in Gonterskirchen, hierher versetzt. In dem benachbarten E i ch e l s d o r f wurde die Schuloer- walterin E Walldorf durch den Schulverwalter Reitz, seither in Eschenrod, ersetzt Die dorstge zweite Lehrerstelle ging ein. Schulverwalter Reinheimer (Schotten) wurde nach Großen-Lin- den, Schuloerwalter Reuel (Eichelsachsen) nach Schotten beordert, wo er bereits früher dienstlich verwendet war.
£ Ober-Lais, 30. April. Unser langjähriger Ortsgeistlicher, Pfarrer Weidner, wirb uns am 18. Mai verlassen. Ihm ist burch bie Kirchenregierung eine Pfarrstelle in Osthofen nach einmütiger Wahl des Kirchenvorstanbes daselbst übertragen worden. Unser Pfarrer ist ein Vogelsberger Kind: seine Wiege steht in Herchenhain. Im Jahre 1915 kam er von Affolterbach im Odenwald an das Kirchspiel Obcr- Lais-Glashütten, vom Jahre 1916 ab bis zum Kriegs-mbe wirkte er als Lazarettpfarrer in Mainz. Rach dem großen Kriege widmete sich Herr Weidner mit großem Erfolge der Jugendpflege. Auch der Politik wandte er sich zu. Weit über bie Grenzen bes engeren Vaterlanbes ist er bekannt geworben als der Degrünber ber beutschcn evangelischen Volksgemeinschaft, bie sich über bas ganze Reich verbreitet hat. Sein Kirchspiel war ein mustergültiges. Auch in sozialen Fragen befunbete er stete Hilfsbereitschaft Die ganze Gemeinbe sieht Herrn Pfarrer W e i b - ner ungern scheiben, hat er boch burch sein offenes, leutseliges Wesen den Weg zu ben Herzen seiner Gemeinbeglieber gefunben.
Kreis Alsfeld.
• !• Ruppertenrob, 30. April. Heute fand ber diesjährige Frühjahrsmarkt hier statt. Cs waren bloß 108 Stück Ferkel auf getrieben, eine Zahl, bie als sehr gering bezeichnet werben muh Entsprechen!) diesem knappen Angebot war die Rachfrage sehr lebhaft. Die Ferkelpreise scheinen tatsächlich ihren Höhepunkt noch nicht erreicht zu haben. Es wurden Preise bezahlt, die wohl noch kaum da waren. Die geringste Sorte ging für 50 bis 60 Mark ab. Bessere brachten es auf 70 und bie stärksten auf 80 Mark. Das sind Preise, die ben Zentner Lebendgewicht übertreffen. Der Krämermarkt bleibt noch immer mittelmäßig, obwohl der Markttag heute mehr als vor dem Kriege von der Einwohnerschaft als Feiertag behandelt wird. Es erschienen heute zum erstenmal nach langer Zeit auf unserem Markte Karussell, Schießbude und Zirkus. - Cs wurden hier 13 Schüler in das erste Schuljahr ausgenommen, sieben Knaben und sechs Mädchen. Das Register des Standesamtes weist 16 Kinder auf. Zwei davon sind gestorben und ein Mädchen ist fortgezögen. 3m vorigen 3ahre traten 21 Clernentarschüler ein. Diese hohe Zahl dürfte kaum wieder erreicht werben. 3n ben nächsten 3ähren beträgt der Durchschnitt 12 bis 15 Schüler.
Ereignisreicher Abend.
Bon Gabriele Eckehard.
Stephan hielt Punkt elf Uhr mit dem Wagen vor Fribas Haus, obgleich sie sich nachmittags am Telephon gezankt hatten, benn es war gar nicht vorstellbar, bah Friba bockte und nicht kam, bas pahte nicht zu ihr. meinte er, unb sie würbe inzwischen ja auch eingesehen haben, bah es ihm auch keinen Späh machte, ben wichtigen Ge- schäftssrcunb noch zum Abenbessen unb bann auf bie Bahn zu begleiten. 3n ber Straße war cs ziemlich dunkel, Weber Wagen noch Passanten kamen vorbei, zudem war es gehörig kalt. Stephan steckte bie Hänbc in bie Manteltaschen und zog den Kopf in den Kragen.
Gr hatte wohl etwas gedöst, denn er schrak hoch, als er plötzlich angesprochen wurde. Eine Dame stand neben dem Wagen, sie hatte die Hand auf den Fensterrahmen gelegt — er hatte vorhin die Scheibe heruntergedreht, um Frida sofort die Hand entgegenstrecken zu können — und blickte ihn prüfend und etwas ängstlich an.
..Was wünschen Sie?" fragte Stephan unb bemühte sich, bie Dame zu erkennen, konnte aber nichts feststellen als einen schwarzen Mantel, einen knappen schwarzen Hut unb ein im Dunkeln bell schimmernbes Gesicht, besten Augen ihn unsicher ansahen. „Ich meine,“ antwortete bie Dame, ich hätte Sie gern einen Augenblick gesprochen."
„3a. was wünschen Sie benn?“ fragte Stephan noch einmal unb wurde immer erstaunter.
..Sind Sie nicht ber Herr von .Kosmos'?“ fragte bie Dame weiter.
^..Kosmos? Rein! Ich heiße West, Stephan
„Ra ja," sagte bie Dame hörbar unbefriebigt, ..so heißen Sie, aber sinb Sie nicht von .Kosmos'?"
„Wieso?" fragte nun seinerseits Stephan.
..Ich verstehe ja," sagte bie Dame, „natürlich wollen Sie es mir nicht zugeben, aber das macht auch nichts. Ich möchte Sie nur um etwas bitten es hängt boch von Ihnen ab, ob Sie etwas gesehen haben ober nicht, nicht wahr? Also, nicht wahr? Eie haben nichts gesehen!“ Damit streckte sie ihre Hand in ben Wagen hinein unb schob Stephan etwas in bie Manteltasche, das er in dem matten Licht für einen- Zettel hielt. Dann sagte sie „Ra, nun können Sie wohl nach Hause fahren, wie? Fahren Sie bitte ab, ja?“
Stephan wußte nicht, was er sagen sollte. „Gute Rächt!" fügte bie Dame hinzu, „hoffentlich nicht aus Wiebersehen!" Damit verschwand sie hinter dem Wagen. .
Stephan hatte noch nicht Zeit gehabt, den Zettel herauszuziehen unb ihn zu inspizieren, als er sich abermals angerufen hörte.
„'n Abenb," sagte ein gut aussehenber Herr, ber neben dem Wagen auftauchte, „was ist benn nun noch? Auf was warten Sie benn?“
„Ra hören Sie mal,“ sagte Stephan gereizt, „was geht bas benn Sie an?“
Der Herr fixierte ihn in unangenehmer Weise unb fragte ironisch: „Roch nicht genug?“ Da würbe Stephan wütend unb schrie: „Kümmern Sie sich gefälligst um sich selbst, verstehen Sie? Ich kann hier warten solange ich will, unb ob und wann ich genug habe, ist meine Sache!“ Damit drehte er die Scheibe hoch unb kroch schild- krötenhast in leinen Mantelkragen zurück.
Da hörte er bie Stimme der Dame von vorhin „Ach Gott' Herbert, jetzt hast du ihn verärgert, jetzt ist alles vorbei!"
„Donnerwetter noch mal, Anita!" schrie der also Angeredete, „ich lasse mich nicht neppen! Hast du dem Ker! benn nicht ben Schein gegeben?"
„Doch!" antwortete bie anbere Stimme weinerlich
„Aha!" schrie toieber der Herr, „bas scheint mir ja ein regelrechter Erpresser zu sein. Ra, ich notiere mir jebenfalls die Wagennummer!"
„Ach Gott, Herbert!" flehte bie Dame, „fange boch hier nicht noch Krawall an! Der Rechtsanwalt hat boch gesagt, wenn ich mich von bir nach Hause bringen lasse unb vis-a-vis steht ein Auto, bann ist das ein Zeichen, daß Adolf mich beobachten läßt - Adolf hat immer bie Detektei Kosmos fürs Geschäft —: bann soll ich dem Detektiv Gelb geben, bamit er nichts meldet! Er hat es boch genommen, aber vielleicht war s ihm nicht genug - bu bist immer so knauserig!"
„Ich bin knauserigI" schrie Herbert gekränkt, „bas ist ja ausgezeichnet!"
Stephan rappelte sich nun boch auf seinem Sitz hoch unb zog ben Zettel aus ber Tasche — es war ein Hunbertmarkschein. Er wurde plötzlich ganz wach und stieg aus, aber bie beiben waren wohl Unterbetten in irgenbein Haus gegangen unb bie Straße war toieber ganz menschenleer. Seine Uhr belehrte ihn, bah es schon halb zwölf vorüber war, also setzte er sich toieber in ben Wagen unb fuhr verstimmt nach Hause.
Als er im Entree bie Handschuhe in die Manteltasche steckte, kam ihm der Hundertmarkschein wieder in die Finger, und er hielt ihn eine kleine Weile ratlos in der Hand. Dann machte er eine Verbindung mit Frida, aber ehe er noch ein Wort Hatte sagen können» rief
sie mit einer Stimme voller Zorn und Verachtung:
„Du wagst es noch, mich anzurufen! Ich gutmütiges Wesen lasse mich mitten in der Rächt von bir fortlocken, unb wie ich herunterkomme, steht eine Dame bei bir eam Wagen unb bu schäkerst mit ihr, unb wie intensiv! Ich bin fertig mit birl“ Unb sie hängte ab. Stephan versuchte noch einmal bei ihr anzurufen, aber sie meldete sich nicht mehr.
Darauf ging Stephan betrübt zu Bett unb grübelte unb beschloß nach einiger Zeit, bah er bie Detektei „Kosmos" beauftragen würbe, Herbert unb Anita ausfinbig zu machen, um ihnen ihr Gelb zurückzugeben — ober sollte er das lieber lassen, um Anita keine Unannehmlichkeiten zu machen? Unb was sollte er unternehmen, um Friba zu versöhnen? Herr im Himmel! da hetzt man sich ben ganzen Tag für anbere Leute ab unb hat weder Zeit noch Heroen für ein Privatleben! Schließlich konnte er boch die hundert Mark keinesfalls behalten. Ach, nichts als Aerger und Scherereien hatte er — daran war aber bloß Frida schuld. Wenn sie an den Wagen herangekommen wäre, wie jeder vernünftige Mensch, hätte sich nichts von alldem ereignet. Als feine Gedanken dahin gelangt waren, daß er seinerseits ärgerlich auf Frida fein konnte, schlief er befriedigt ein, denn nichts beruhigt jeden Mann so sehr, wie bie Ueberzeugung, daß jemanb anberes an einem feiner Malheure schulb ist.
Das Honorar.
Zu dem Pariser Bildhauer Carpeaux tarn ein schwerreicher Bankier, der für seinen Geiz bekannt war, und bestellte bei ihm eine Marmorgruppe: Polyphem zerschmettert den Akis. Carpeaux forderte 90 000 Franks, doch der Bankier begann' obwohl die Summe nicht viel für ihn bedeutete, gewohnheitsmäßig zu handeln und ruhte nicht eyer, bis der Künstler, dem dieses Feilschen in der Seele zuwider war, sich schließlich mit einem Preis von 57 000 Franks einverstanden erklärte Wenige Wochen später schleppten starke Männer einen riesigen Marmorblock in des Bankiers Garten und stellten ihn. dort auf, doch der Käufer wartete vergeblich, daß Carpeaux erscheine unb die beiden Figuren herausmeißele 2luf einen entrüsteten Brief des Bankiers hin, sich endlich zur Arbeit einzufindsn ober aber das bereits erhaltene Geld zurückzusenden, erschien Carpeaux in der Villa und wurde von dem Bankier mit Vorwürfen empfangen
,Zch weiß gar nicht was Sie wollen?" sagte der Bildhauer unbekümmert. Das Werk ist doch fertig."
„Was benn? Dieser Block soll bie Szene barstellen, bie ich bei Ihnen in Auftrag gab?"
„Gewiß "
„So! Unb wo ist Akis?"
„Der liegt unter dem Felsen, er ist völlig zerschmettert."
„Unb Polyphem?"
„Der ist fortgelaufen, well er fürchtete, von ber Polizei verhaftet zu werben."
Da lachte der Bankier unb schrieb einen Scheck auf bie adgehanbelten 33 000 Franks aus. Seitdem ist Carpeaux fleißig bei ber Arbeit.
Die geplagte Witwe.
Man wirb sich noch an bie Geschichte jenes Mannes erinnern, ber verschiedene Betrügereien verübt hatte, aus sechs Ländern ausgewiesen worben war unb nun brei Monate lang auf bem Ozean herurngonbelte, weil er nirgenbs an Land gehen durfte. Diel schlimmer erging es aber einer Holländerin, die nach dem Tode ihres Mannes nach Antwerpen zog unb dort eine Wirtschaft aufmachte. Eines Abenbs benahm sich ein Gast berart rabiat, bah sie mit bem Revolver nach ihm schoß, jeboch ohne ihn zu verletzen. Dor Gericht wurde sie wegen Rotwehr freigesprochen, aber als Ausländerin des Landes verwiesen, weil sie ohne Waffenschein mit einem Revolver hantiert hatte So zog sie nach Amsterdam und wollte dort eine Wirtschaft aufmachen, was man ihr nicht gestattete, weil sie in Antwerpen nicht abgemeldet war unb sich in Am sterb am nicht an- melben konnte. Also suhr sie nach Antwerpen, um sich abzmnelben. Kaurn aber hatte sie bie Grenze überschritten, als man ihr erklärte, baß sie Lanbes verwiesen sei unb deshalb nach Holland zurückkehren müsse. Run konnte sie weder vor noch zurück, konnte kein Geschäft übernehmen und mußte sich dazu entschließen, die Strafe von vier Wochen Gefängnis in Antwerpen abzusitzen. Daraufhin wurde sie in Antwerpen abgemeldet, in Amsterdam aber nicht angemeldet, weil aus Antwerpen die Rachrichi kam, sie habe noch rückständige Steuern zu bezahlen. Also fuhr sie toieber nach Anttoerpen, wurde an ben Grenze zum zweitenmal verhaftet, weil sie immer noch Lanbes verwiesen sei. Dann brummte man ihr 3 Wochen Gefängnis wegen verbotener Rückkehr auf, die sie absaß, jetzt endlich erlaubte man ihr, die rückständigen Steuern zu bezahlen, worauf sie sich in Antwerpen anmelben durfte. Seitdem leitet sie einen Gasthof und erzählt jedem Fremden diese Geschichte, über bie sie heute ebenso« oft lacht, wie sie damals darüber geweint Hai.


