Ausgabe 
1.5.1930
 
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Nr. 101 Zweite Blatt

Gießener Anzeiger (General-Xnzeiger für Gberhefsen)

Donnerstag, Mai 1930

Lhileein zweites Kalifornien?

Don unserem E. ^.»Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Santiago, April 1930.

Die große Wirtschaftskrise, die durch die ganze Welt geht, hat in Südamerika ganz besondere Schärfe angenommen. Sind doch die südamerika­nischen Länder alle auf ihren Export an­gewiesen und müssen durch den starken Preis­rückgang in allen Rohstoffen empfindlich ge­troffen werden. In Brasilien ist cs der Kaffee, in Argentinien der Weizen, in Bolivien das Zinn, in Chile ist es der Salpeter und das Kupfer. In den großen Minen werden die Arbeiter entlassen, die Werke stillgelegt, aber auch die Landwirtschaft im Süden leidet unter den schlechten Weltmarkt» preisey. Da ist es verständlich, daß sich alle Augen auf eine neue Exportmöglichkeit richten, die sich durch die ganz besonderen Bedingungen Chile- ergeben, nämlich die Früchteaus­fuhr. Erst die Eröffnung des Panama- k a n a l s hat die Voraussetzungen dafür ge­schaffen. daß Chile einmal ein großer Frucht- oarten für die Welt werden wird. Denn so­lange die Früchte durch die Magallanstrahe ver­schifft werden mußten und somit Wochen unter­wegs waren, bis sie nach Deutschland oder Eng­land. den großen Abnehmerzentralen, kamen, so- . lange war ja an eine großzügige Obstkultur nicht zu denken. Heute fahren die großen Dampfer i n sechzehn Tagen von Valparaiso nach Reuhork, wo für Obst ein unbegrenzter Markt sich eröffnet.

Run ist Chile durch die Ratur in ungewöhn­lichem Maße begünstigt, so daß man fast von einem besonderen Fruchtgarten sprechen kann. Die Ausdehnung des Landes von den Tropen bis hinab zum kalten und feuchten Rebelgebiet des Feuerlandes lassen in ihm fast jede Art von Obst gedeihen. Dazu kommt die wunder­bare Sonne, die mehr als acht Monate im mitt­leren Längstal vom blauen Himmel herab leuch­tet und alle Früchte, vor allem aber den Wein und die Pfirsiche, zu besonderer Süße heran­reifen läßt. Damit aber das Wasser, nicht fehle, schmilzt unter dieser gelben Sonne oben im Hochgebirge der in den Wintermonaten gefal­lene Schnee und bewässert in unzähligen Kanälen die Obstfelder der Taler. Bis diese Eis- und Echneevorräte geschmolzen und erschöpft sind, ist der lange und heiße Sommer herum, und cs fällt von neuem oben in den Anden der Schnee. And während in den Tälern der Winter die großen Regengüsse bringt, verhindert er durch seine Kälte in den Bergen das Schmelzen und damit die Zufuhr von Hochgebirgswasser.

Aber noch etwas anderes läßt Chiles Lage unvergleichlich erscheinen. Zunächst einmal die Möglichkeit, von jeder Stelle aus leicht das Meer zu erreichen, eben weil das Land so schmal und langgestreckt ist. Viel wichtiger ist aber die Lage auf der südlichen Halbkugel, die cs bewirkt, daß der Winter auf die Monate Juni bis August also gerade umgekehrt wie daheim in Deutschland.

So kommen dann im Oktober die Erdbeeren als die ersten Früchte des neuen Erntejahres, und dann kommt in unendlicher Fülle eine Obst­art nach der anderen. Feigen, Pfirsiche, Kirschen. Aepfel. Trauben, aber auch ganz unbekannte, köstliche Früchte, wie die Chirimoyas, die Pallas, die Risperos: aber was soll ich Ramen nennen, bei denen dem Kenner wohl das Wasser im Munde zusammenläuft, die aber dem Fremdling eben nur Ramen sind. Alle diese Früchte können

nun in Reuhork ausgerechnet in einer Zeit frisch auf den Markt gebracht werden, wo dort Winter herrscht, wo der Rordamcrikaner selbst kein frisches Obst außerhalb des Treibhauses ziehen kann, wo auch das warme Kalifornien kein frisches Obst liefert. Das ist natürlich ein Dorteil, der gar nicht hoch genug eingeschäht werden kann.

Die chilenische Regierung, die ja mit großer Umsicht alle wirtschaftlichen Möglichkeiten ihres Landes zu entwickeln bestrebt ist. Hot ihr ganz be'onderes Augenmerk auf den Ausbau der Obstkultur gerichtet. Sic will im großen mitt­leren Längstal eine eifrige Siedlungspolitik trei­ben und aus den großen, meist extensiv und wenig produktiv bewirtschafteten Großgrund­besitzen Bauernland schaffen, auf dem euro­päische Siedler die Gartenkultur einführen, sollen. Besonders erfreulich ist cS, daß Chile dabei vor allem an deutsche Einwande­rer denkt und diese, wenn irgend möglich, be­vorzugt. Anfang Februar kamen die ersten deut­schen Kolonistenfamilien an. die in der Rahe bexf Hauptstadt Santiago auf besonders für sie be­reitgestelltem Gebiete angesiedelt wurden. Es sind Oberbayern, die in der Rähe von München zu Hause waren, aber bei den Preisen, die sie in Deutschland für ihre Kartoffeln und ihr Gemüse bekommen haben, sagen sie, konnten sie nicht mehr auskommen. Jetzt haben sie wieder Hoffnung und Mut. daß es wieder Zweck hat, zu arbeiten und sich zu mühen.

Von feiten der Chilenen werden ihnen alle Erleichterungen zuteil, was sie gerne anerkennen. Sie mußten 2000 Mark anzahlen, und jetzt fehlt es ihnen zum Anfang an Gerät und an Vieh. Aber die Regierung streckt ihnen Geld vor und ist ihnen beim Erwerb von allem behilflich. Will fie doch, daß diesen ersten Familien bald mehr folgen und so die ungeheuren Möglich­keiten des wundervollen Landes entwickeln. Was Chile von deutschen Einwanderern erhoffen darf, weih es aus dem Beispiel der deutschen Ein­wanderung im Süden, in Valdivia, Osorno. Puerto Montt in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Wo dort früher Ar- wälder und bodenlose Moräste sich dehnten, dort blüht heute die landwirtschaftlich reichste Pro­vinz der ganzen Republik. Don den neuen An­kömmlingen wird keine so harte Pionierarbeit verlangt wie damals von den deutschen Ein­wanderern. Sie sollen heute nicht Dresche schla­gen in die Arwälder eines unerforschten und unbesiedelten Gebietes, sie sollen aus einem viel zu wenig ausgcnühten Boden in der unmittel­baren Rahe der Hauptstadt des Landes das schaffen, was diesem gesegneten Gebiet die Ratur eigentlich zugedacht hatte zu werden: ein kleines Paradies der Früchte.

Finanzausschuß des Hessischen Landtags.

D a r m st a d t, 30. April. (WHP.) In der heutigen Sitzung des Finanzausschusses des Hes> fischen Landtags war ein neuer Antrag des Zentrums und der Sozialdemokraten eingegangen, der eine Neuregelung der Kinderzu- schlage für Kinder vom 16. bis 21. Lebensjahr Vorsicht, mit einer Ersparnis von rund 350400 000 Mark für die Staatskasse. Danach sollen die Kinder- Zuschläge für Kinder bis zum 16. Lebensjahr be- stehen bleiben; bei Kindern über 16 Jahren soll das

Konstanze.

Vornan von Karl Heinz Voigt.

Urheber Rechtsschutz Verlag Oskar Meister, Werdau.

Es stand für Konstanze unumstößlich fest, daß sie die eheliche Gemeinschaft mit ihrem Manne lösen müsse. Seit heute. Der Entschluß war wohl schon lange in den geheimsten Kammern ihres inneren gewesen während ihrer nun dreijährigen <3f)e. Es mußte wohl so gewesen fein, denn erst jetzt, erst an diesem Rachmittage, hatte sich Konstanze entschieden. Ein stetes Drängen ihrer Seele verlangte diese Tat. Dor ihren Mann hin- zutrctcn und ihm zu sagen:Es geht nicht länger, es darf nicht länger fein.

Ten letzten Anstoß zu diesem Entschluß hatte Konstanze soeben bei Martina, ihrer Freundin, empfangen.

Konstanzc schaute zum Fenster hinaus, lieh ihre 27lv. über die mattglänzenden kahlen Bäume des Tiergartens gleiten, der in dieser Dämmer- slunoe einem geheimnisvollen finsteren Tore zu gleichen schien. Sie sah nur wie durch einen Rebeischleier die Straße unten, auf der die erften erleuchteten Automobile vorüberglitten. Stetig und unaufhaltsam stürzte die Dunkelheit über Berlin.

Dor Konstanzcs innerem Auge tauchten Bilder 9?'> c. bor einer Viertelstunde noch ge- Dmrlina, ein Jahr lang verheiratet, eine giudftraplcnbc junge Mutter. Als sie dann von iyrem Gatten erzählte, hatten ihre Augen ge» glanzt so voll Liebe, so voll Glück und so voller Konstanze hatte gefühlt, hier wohnte das Glück. Da war sie still davonge- fchlichcn.

Konstanze kehrte sich ab vom Fenster.

Hohe Stehuhr schlug sechsmal. Jetzt mutzte Lothar bald kommen. Sie lauschte. Es lwren ihr, als ginge draußen jemand über den war wohl Marie? Ach, Konstanze sich so grenzenlos verlassen. Sie machte «^..Dewcgung. Sollte sie das Mädchen rufen? oute sie es irgend etwas fragen, irgendeine ceianglo igteit reden, nur um auf kurze Zeit ^er entsetzlichen Einsamkeit zu entgehen?

Oi^^^-wpen draußen auf der Straße warfen ihr tcyt bis in das düstere Zimmer, in dem Kon- r.an8e noch immer regungslos harrte und auf ote Antwort ihres Herzens lauschte.

»>1st es nicht seltsam, dachte fie, da stehe ich ,n regungslos, ohne etwas anderes zu denken, als doz eine: Du mußt es ihm sagen. Heute. Wieich wenn er kommt!" Eine große Traurigkeit siel über sie. Wie würde es Lothar aufnehmen?

war vielleicht gar nicht einmal direkt schuld

an ihrem Anglück. Vielleicht liebte er fie sogar auf seine Weise. Aber wenn das Liebe war, so konnte fie es nicht ertragen. Sie fühlte, fie mußte zugrunde gehen an dieser Ehe. Deshalb mußte ein Ende fein, so oder so. War das Egoismus? Es war vielleicht am meisten Stolz und verletztes Gefühl. Einerlei! Ihre Seele konnte diesen Zu­stand ohne gegenteilige tiefste Liebe, die aus dem Innersten kam, nicht mehr ertragen. Er bedeutete eine dauernde Demütigung. Die Psyche einer Frau ist zarter, als die eines Mannes, hatte sie einmal gelesen. Dieser Satz ging ihr jetzt wieder durch den Kopf. Gab es überhaupt ganz harmo­nische Ehen? Die meisten Frauen freilich stellen weniger Ansprüche an ihre Seele, als an ihren Leib und an alle Äußerlichkeiten ihres Lebens.

Heute hast du gefühlt, wie eine Ehe fein muh. Dein Gefühl aber täuscht dich nie. Konstanze. fchrie eine innere Stimme. Sie fuhr jäh empor aus ihrer Versunkenheit. Die Tür war gegangen. Marie trat ein und knipste das Licht an. Das Mädchen erschrak, als es die Herrin sah.

Konstanze lächelte und vermied es, das Mädchen anzublicken.

»Sie wundern sich, Marie, daß ich im Dunkeln bin? Die Dunkelheit ist gut für Menschen, die manches zu bedenken haben.

Sie schüttelte den Kopf. Ihre Worte waren Torheit vor dem Mädchen. Marie machte verwunderte Augen und verschwand.

Konstanze ging zu dem Tisch in der Mitte des großen Zimmers, setzte sich und stützte den Kopf in die Hand. So saß sie und sann. Das schöne Antlitz war wie eine edelgeschnittene Gemme. Rur etwas zu blaß erschien es jetzt. Vielleicht war auch das tiefschwarze Haar schuld, daß das Antlitz so überaus weiß wirkte. Ihre schmale Rechte lag auf dem Tisch. Dort glänzte der Trauring. Ein herber Zug grub sich um Kon- stanzens Mund... Alles stand deutlich wieder vor ihrer Seele: Lothar als Bräutigam. Ein schöner Mann, eine hohe, stolze Figur... Oh, sie war damals viel beneidet worden. Sie lächelte bitter. Warum auch nicht? Er war schön und, was die Hauptsache war, er war reich. Die Haupt­sache für all die anderen, besonders für ihre Verwandten. Was kümmerte die alles andere? Sie hörte 7wch ihres Vaters eindringliche Stimme: »Du bist nicht auf Rosen gebettet, meine Tochter. Auf einen Grafen oder Prinzen kannst du nicht warten. Lothar Emmerstorff ist ein sehr reicher Mann aus angesehener Familie, Groß­industrieller, er paßt in unseren Kreis. Die »von Heistritz" sind immer bestrebt gewesen, eine stan­desgemäße Heirat einzugehen, und du, meine Tochter, wirst hierin keine Ausnahme machen. O, Konstanze hatte ganz genau gewußt, was ihr Vater, der alte Oberst Waldemar von Hei- strih, mit diesen Worten gemeint. Er hatte ein für allemal ihrer Schwärmerei für Peter Ahl-

erste keinen Zuschlag erhalten, das zweite die Hälfte und das dritte den vollen seitherigen Betrag. Da sich aus der Formulierung Unklarheiten ergaben, wurde die Beratung und Abstimmung auf Freitag verschoben.

Der Landbundantrag auf Erhöhung der Altersgrenze verfiel der Ablehnung, ebenso auch der Eoentualantraa der gleichen Fraktion, die Altersgrenze von 65 auf 66 Jahre zu erhöhen.

Der von der Regierung oorgeschlagene Abstrich eines Drittels der Bauunterhaltungsko- st e n mit 750 000 Mark wurde mit 9 gegen 3 Stim­men genehmigt, da sich bei der ersten Lesung des Staatsvoranschlags keine anderweitigen Ersparnis­möglichkeiten ergeben haben, um hier weniger abzu­fetzen. Von volksparteilicher Seite wurde nochmals auf die schwer schädigende Wirkung dieser Maß­nahme auf das mittelständische Gewerbe hingewie­sen, das gerade durch Land und Gemeinden beson­ders stark besteuert werde. Der Finanzminister er­klärte, daß er mit dem im Etat eingestellten Betrog in diesem Jahre auskommen könne, ohne bafc da- durch die befürchtete Schädigung der Baulichkeiten eintrete.

Die Regierung legte dem Ausschuß die ge­forderte Zusammenstellung sämtlicher Aus- Hilfs- und Stallvertretungskosten bei den Ressorts vor. Es ergibt sich eine Gesamt­summe von 785 000 Mk., an der noch der Er­

klärung der Regierung nichts mehr gestrichen werden kann. Die Sozialdemokraten zogen darauf ihren Antrag, 10 Prozent zu streichen, zurück. Ein gleicher Antrag des LandbundcS verfiel der Ablehnung.

Der Ausschuß bestätigte mit 6 gegen 5 Stimmen bei einer Enthaltung, daß die Vergütung an die Amtsvorstcher, die gleichzeitig di« Landessiedlung betreuen, auf 600 Mk. (seither 900 Mk.) herabgesetzt wird.

Angenommen wurde ein Zentrumsantrag, fämt* liche Ministerialrats st eilen in Besold dungsklasse 1b auf den Inhaber zu bcwiUigen und bei Freiwerden durch Oberratsstcllen zu ersetzen. Auch der früher abgelchntc volkspartei- liche Antrag, die Staatsrats st elfen auf den Inhaber zu bewilligen, wenn der Mini­sterialdirektorposten noch besetzt ist, wurde in sozialdemokratischer Fassung ohne die letztere De* dingung einstimmig angenommen.

Da übersehen wurde, im Haushaltsplan wieder einen Betrag für die Aeberwachung der Dei- fpielswirtschaften im hohen Vogels­berg cinzustellen. beantragte der Wirtschaft--, Minister die nachträgliche Einstellung eine- Be­trages von 1200 (seither 2000) Mk.

Der Ausschuß setzt seine Beratungen am Frei­tag fort.

Das neue Turnlehrerinnenseminar des Aliceschulverems.

Oie feierliche Eröffnung.

Gestern nachmittag fand im Kollegiengebäude der LandeSuniverfität die feierliche Eröff­nung des neu eingerichteten Turnlehre­rinnenseminars des Alice-Schul- verein statt. Das Seminar steht unter Leitung des Aniversitätssportlehrcrs Dr. Möckelmann und ist mit dem Institut für Leibesübungen an der LandeSuniverfität verbunden. Als akademische Turnlehrerin wirkt Fräulein Gisela Lüder aus Berlin an dem neuerrichteten Seminar.

Bei der Eröffnungsfeierlichkeit sprach zunächst Frau Professor Kramer als stellvertre­tende Vorsitzende des Vereins Aliceschule. Sie führte noch einer kurzen Begrüßung der erschienenen Gäste und Schülerinnen u. a. fol­gendes aus:

Das Turnlehrerinnenfeminar war feit langer Zeit der Wunsch und Plan der Aliceschule. Be­reits im Jahre 1921 wurden von dem Ehrenvor­sitzenden des Vereins, Geheimrat Fromme, Verhandlungen in dieser Hinsicht geführt, die später fortgesetzt wurden, aber jahrelang nicht zum Ziele führten, weil die ungünstigen Zeit- Verhältnisse eine Verwirklichung nicht zuliehen. Das Bedürfnis eines Turnseminars ist aber immer dringender geworden, da eine große Zahl der bei uns ausgebildeten technischen Lehrerin­nen zur Verbesserung ihrer Aussichten eine Turn aus bild ung wünschten. Sie konnte seither nur auf preußischen Seminaren erreicht werden, die aber infolge des starken Andranges preußischer Schülerinnen unseren Zöglingen mehr oder minder verschlossen waren. Es ist dankbar zu begrüßen, daß das Institut für Leibesübungen an der Landesuniverfität an uns mit dem Vor­schlag herangetreten ist, ein Turnlehrerinnen­feminar in Fühlung hüt diesem Institut zu er­richten. Erfreulicherweise ließen sich die Verhand­lungen mit dem Landesbildungsamt unseren Wünschen entsprechend gestalten. Das Turnleh­rerinnenseminar ist nicht nur durch den Herrn städt, den armen Maler, wie der Oberst ihn zu nennen pflegte, die Spitze abbrechen wollen.

Sie war also Lothar Emmerstorff- Frau ge­worden. Mit ihren achtundzwanzig Jahren hatte sie damals noch geglaubt, es werde wohl das beste fein, was die Eltern und die übrige Ver­wandtschaft wünschten. Aber wenn sie jetzt zu­rückdachte an diese kurze Verlobungszeit, dann wußte sie auch, daß damals schon eine leise, leise Flüsterstimme in ihrem Innersten ihr gesagt hatte, daß hier etwas fehlte. Die Seele fehlte. Die konnte ihr Lothar nicht geben.

Konstanze erhob sich. Sie schritt mit ihrem elastischen Gang durch das weitläufige Zimmer. Ihr Tritt wurde gedämpft durch die schweren Teppiche, die Lothar so liebte. Alles war wun­derbar und geschmackvoll in diesem Hause.

Auf und ab schritt Konstanze, immer auf und ab. Warum kam er nicht? Zuweilen blieb fie stehen, dann sah es aus. als rage eine steinerne Figur empor mitten aus dem Boden des fchweig- famen Zimmers.

Wieder ging Konstanze auf und ab. Ihr Schatten huschte an den Wänden entlang, wurde durch hcrvorstehendcs Mobiliar des Zimmers unter­brochen, floß zusammen, folgte ihr und verschwand, sobald sie in den Lichtkegel der Lampe trat.

Ski dem Hin- und Hergehen hatte Konstanze ihre weißen Hände ineinandergeflochten, als bäte sie das Schicksal um Gnade. Mochte kommen, toaS da wollte, sie würde alles tapfer tragen. Aichts, so dünkte ihr, konnte schwerer sein, als dieses schmähliche Gefühl einer lieblosen Che. Zufrieden wollte sie sein, hatte sie nur erst die Genugtuung, daß nichts fie mehr band an dieses Haus, in dem ihre Seele verschmachtet war.

Da klangen Schritte in dem Dorraum. Lothar kam wohl? Sie fühlte chr Herz bis zum Halse schlagen. Anbeweglich stand sie und starrte auf Die Tür, durch die er eintreten mußte. Ewig­keiten vergingen. Sie beobachtete mechanisch, wie sich die Tür öffnete, fah verschwommen ihren Mann cintreten und gewahrte wie im Traum, daß er auf fie zukam. Er küßte fie flüchtig auf die Stirn.

-Es ist später geworden heute, Konstanze. Die Konferenzen mit dem Vertreter von Ruland & Co. nahmen mich stark in Anspruch."

Konstanze war bei seinem Kuh erschauert. Sie spürte ein kaltes Gefühl an der Stirn, wo sie seine Lippen gestreift hatten. Sie wollte etwas entgegnen. Da merkte Konstanze, daß sie allein war. Sie hörte ihn in seinem Zimmer.

Einer Somnambulen gleich gab Konstanze dem Mädchen einige Anordnungen. Schweigsam wie stets, saß fie Lothar dann bei Tisch gegenüber. Er berichtete einiges von feinen Geschäften. Konstanze hörte es nicht. Während er mit Appetit ah, starrte sie ihn an. Sie beobachtete ganz mechanisch feine Bewegungen. Es' fiel

Kultusminister genehmigt worden, dieser hat auch entgegenkommenderweise die Verhandlungen mit der preußischen Regierung wegen Anerkennung der Prüfungszeugnlsse geführt. Rachdem die staatliche Anerkennung des Turnlchre- rinnenseminars sowohl von Hessen, wie auch von Preußen vorllcgt, dürfen wir hoffen, daß das! neue Unternehmen, wie alle unsere Anstalten, eine erfreuliche Entwicklung nehmen wird. Be­sonderer Dank gebührt auch Sr. Magnifizenz dem Rektor der Landesuniverfität Professor Dr. Drüggemann, sowie den Herren Dozenten, die den theoretischen Teil der Ausbildung über­nommen haben. Auch die Stadtverwaltung wird gewiß unserer Reueinrichtung wohlwollend ge­genüberstehen, zumal der Dezernent für daS Schulwesen, Bürgermeister Dr. Seid, die Be­lange der Jugenderziehung mit weit ausschauen- dem Blick zu fördern bestrebt ist. Besonderer Dank gebührt Herrn Aniversitätssportlehrer Dr. Möckelmann, der mit jugendlicher Energie die umfangreichen OrganifationSarbeiten über­nommen und zu einem glücklichen Ende geführt hat. Unter seiner Leitung wird Frl. Lüders am Donnerstag mit dem Unterricht beginnen, zu dem sich bereits über zwanzig Schülerinnen gemeldet haben. Mögen alle Kräfte davon er­füllt fein, das gesteckte Ziel zu erreichen, zur Ehre unseres Aliceschulvereins, zum Segen un­serer Frauenwelt.

Hierauf sprach der Leiter des Seminars, Uni* versitätssportlehrer Dr. Möckelmann, der u. a. sagte: Wir sind heute bis weit in unsere Lehrer­und Erzieherkreise hinein noch nicht über den Standpunkt hinausgekommen, der in dem Turn­lehrer der Schule den reinen Fachlehrer, ich möchte sagen, den Techniker sah, dessen Obliegen­heit es war, die Schüler zu einer lehrplan- mäßigen Fertigkeit in körperlichen Dingen zu führen. Mit dieser Auffassung ist das Schicksal des Turnunterrichts an Schule und Hochschule bezeichnet, ja, besiegelt als ein technisches Fach, das aus dem Rahmen des Erziehungswesens Her-

Lothar nicht auf, daß Konstanze keinen Dissen anrührte.

»Entschuldige, sagte Emmerstorff, indem ec sich erhob, »ich habe heute noch manches zu er­ledigen. Du gehst wohl bald zu Bett? Ich werde nicht vor zwei Stunden zur Ruhe kommen."

Er nickte ihr zu. Die flachen, glattrasierten Lippen deuteten ein flüchtiges Lächeln an. Ihre Blicke kreuzten sich sekundenlang.

»Cs ist meine letzte Rächt in seinem Haufe, dachte Konstanze.

Alles war still in der großen Wohnung. Draußen verbrandeten die Rachtgeräusche Ber­lins in einem dumpfen Grollen. Konstanze trat in das Arbeitszimmer ihres Mannes.

Lothar gewahrte fie erst, als fie kurz vor ihm stand. Er wandte rasch den Kopf nach ihr.

»Was denn, Konstanze?"

Schweigen.

Sie fühlte sekundenlang schwankenden Boden unter ihren Füßen. Rur jetzt mutig fein! Rur in dieser Sekunde nicht schwach werden! Lothar Emmerstorff nahm von einem großen Stoß Papier das oberste Blatt fort und über­flog es mit raschem Blick.

-Wir stehen vor großen Taten, Konstanze. Wir haben die Herstellung eines Farbstoffes über­nommen, von der ich mir großen Gewinn ver­spreche, zumal wir die einzige chemische Fabrik sind, die Er brach mitten im Sah ab und starrte Konstanze einigermaßen bestürzt an.

-Wie siehst du denn aus, Konstanze? Bist du krank?"

Cie machte eine jähe Kopfbewegung. Lothar verstand sie nicht zu deuten. Sie setzte sich lang­sam ihm gegenüber. Ihre Bewegungen hatten wirklich etwas von einer Kranken. Er fragte nochmals:

»Du stehst so verändert aus, Konstanze. Fühlst du dich nicht wohl?"

.Rein!"

.Wie?

»Ich fühle mich in der Tat nicht wohl, Lothar.

»Es wird besser werden, gehe zu (Bett Mor­gen srüh schicke ich dir Dr. Laring."

.Mir kann kein Arzt helfen."

»Ja, was ist denn? Du sprichst in Rätseln. Was ist denn geschehen?" Die Frage klang un­geduldig.

.Geschehen?" Sie schien aufzutauchen au8 einem Meer der Versunkenheit. Ihre großen Augen, in denen stets ein kindlicher Glanz lag, wie man ihn ganz selten bei Frauen in diesem Alter findet und der eine unwiderstehliche Gc- toalt über Männer auszuüben vermag, ruhten still auf feinem überarbeiteten Gesicht.

»Geschehen ist nichts nichts! Er atmete auf. -Aber es muh etwas geschehen. Ich habe mit dir »u reden.

(Fortsetzung folgt.)