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Nr. 51 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag. 1. Mär; 1050

Außenpolitische Umschau.

Don Or. Otto Hoehsch, o. o Pros, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. "5V

Während in Deutschland um Voungplan und Polen abkommen gerungen wird (in Oesterreich sind die Haager Abkommen bereits ratifiziert), schleppt sich die Londoner Flottenkonferenz hin, ohne daß auch nur von Ferne ein Ergebnis ab­abzusehen wäre. Zwei daran beteiligte Staaten sind durch eine innere Krisis gegangen oder stehen in einer solchen.

3n Japan haben am 20. Februar Neu­wahlen zum Parlament stattgefunden. Sie haben der Regierungspartei (Win Deitoa) die absolute Mehrheit gebracht, mit 273 Mandaten (einen Gewinn von 101), und der Liberalen Par­tei (Seiyukai) 174 (Verlust 73 Mandate). Die Liberale Partei war bei den letzten Wahlen, genau vor einem Jahr, als erste aus dem Kampf yervorgegangen und büßt nun ihre Führerstel­lung ein. Noch interessanter ist, daß die Arbeiter­parteien eine schwere Niederlage erlitten haben. Diese Wahl war d i e z w e i t e, die in Japan auf Grund des allgemeinen Wahl­rechts (eingeführt 1926) stattfand. Japan hat infolge seiner Industrialisierung ein großes Pro­letariat, und auch seine Bauernbewegung ist von großer Bedeutung. Aber alle diese Parteien haben nichts erreicht. Die Arbeiterpartei hatte auf 15 Mandate gehofft und hat nur acht er­halten und hat gegenüber 5,5 Millionen Stimmen für die Regierungspartei und 3,8 für die Libe­ralen nur 0,5 Million Stimmen gewonnen. Auch wenn man die sonderbare Mandatsverteilung auf Grund des japanischen Wahlrechts berück­sichtigt, bleibt es dabei, daß die Arbeiterschaft eine Niederlage erlitten hat. Das ist ein sehr bemerkenswertes Ergebnis, weil ja an sich die Voraussetzungen für eine große Arbeiterpartei in dem übervölkerten und industrialisierten Lande vorhanden sind. Der Sozialismus findet offenbar hier seine Schranke an der Art des Volkes und seiner religiösen und anderen Anschauungen. Die ganze Struktur Japans ist, wenigstens von außen gesehen, durch die Folgen des Krieges noch nicht wesentlich erschüttert. Damit ist nicht gesagt, daß diese Struktur durchaus gesund sei. Aber die sichere Regierungsmehrheit ermöglicht nun eine Stabilisierung der Lage und gestattet dem Ministerpräsidenten H a m a g u t s ch i, sein Wirtschaftsprogramm durchzuführen. In London aber wird die Position des japanischen Dele­gierten Wazajuki durch den festen Rückhalt, den er so gewinnt, gestärkt.

Das ist zunächst sehr viel anders mit Frank­reich, das die Hauptschwierigkeiten auf der Lon­doner Konferenz macht. Das soeben gebildete Kabinett Chautemps ist bereits dem ersten Ansturm der Kammer erlegen. Cs versuchte über­raschend, das sogenannte Kartell wieder zu er­neuern, dos seit 1926 tot war, d. h. die Ver­bindung der bürgerlichen Radikalen und der Sozialisten. Außerhalb Frankreichs ist der Mann, der diesen Versuch machte, dieser Ministerpräsi­dent von ein paar Tagen, kaum bekannt. Er war Innenminister im ersten Kabinett Herriot, wo er energischen Willen und große Geschicklichkeit er­wiesen hat. Auch die Männer, aus denen er fein Kabinett bildete, konnten sich sehen lassen, ein Kreis von Leuten, die wirklich etwas können. Aber dieser Versuch, die Linke wieder in den Sattel zu heben, ist am Gegenangriff der Rechten und an der Arbeit Tardieus gescheitert. Gleichwohl ist diese Krise für Frankreich sehr wichtig. Der Sturz des Kabinetts Chautemps zeigt, daß die Kammer eine Linksmehrheit nicht hat, aber zugleich, daß auch die Rechte keine feste Mehrheit in der Hand hat. Denn der Sieg kam ja nur durch die 10 kommunistischen E timmen zustande, die ein andermal eben anders und nicht mit der Rechten stimmen wer­den. Das ist die parlamentarische Lage.

Abermals bedeutungsvoller ist der gesamte Hintergrund, der Sinn dieser Krise. Sie richtete sich vornehmlich gegen den Finanzminister des Kabinetts Tardieu, ©beton, der ganz wie Poincare die Finanzpolitik des Staates betrachtete und betrieb und darüber die wirt­schaftlichen Gesichtspunkte und die wirtschaftlichen Kräfte übersah, übersehen zu können glaubte. Er meinte, genau wie Poincare das immer geglaubt hat, das Land wäre reich, wenn der Staat möglichst viel Geld in seiner Kasse liegen habe, und sammelte darum eben im Schatzamt unge­heuere Beträge auf, die da unproduktiv liegen, während die Wirtschaft dieses Kapitals entbehrt. Sv ist die Lage die ganzen letzten Jahre gewesen: der Staat hat thesauriert und die Wirtschaft hat darunter gelitten. Das ist der innere Sinn der Krise und sie wird natürlich auch nicht über­wunden, wenn etwa Tardieu wieder zurückkommt.

sie allgemein scheitert, mit einem festen englisch­amerikanischen Abkommen ausgehen wird. Unb das wird natürlich auch seine weltpolitische Aus­wirkung haben!

Sehr herzlich ist der österreichische Bun­deskanzler bei seinem Besuche in Berlin be­grüßt worden. Man begrüßte den Staatsmann, der daheim und im Haag große Erfolge erzielt hat. und begrüßte natürlich den Vertreter des Brudervolkes an der Donau. Der Besuch war aber keineswegs nur ein Akt der Freundschaft, der nach Schobers Besuch in Rom ja auch selbst­verständlich war, sondern er diente sehr ernsten wirtschaftspolitischen Verhandlun­gen. Der österreichische Handel mit dem Deut­schen Reich ist in hohem Maße passiv. In Oester­reich wünschte man längst, daß ein guter Han­delsvertrag mit Deutschland zustande tarne.

Ungarn feiert die zehnjährige Statthalterschaft Admiral horthy»: Der Reichsverweser schreitet die Front der Ehrenparade ab.

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Es ist der Kampf, ob die heutige Generation, Generation gelegt werden sollen. Damit wird noch ein tieferes psychologisches Problem berührt, das der Frontkämpfer, für die zugleich im großen Umfange wirtschaftlich gesorgt werden soll.

Man sieht also, daß die Krise Tardieu-Chau- temps tiefliegende Ursachen und Zusammenhänge hat. Sie stört die Arbeiten der Londoner Kon­ferenz und kann deren Erfolg, wenn die Krise länger dauert, ernstlich gefährden. Denn der die am Kriege teilgenommen hat, die Staats­schulden als Folge des Krieges allein tragen soll oder ob diese auch auf die Schultern der nächsten Mann, der in London Frankreichs Standpunkt vertritt, muß daheim einen festen Rück­halt haben. Das ist schon an sich nicht einfach, weil das Marineprogramm, auf das Tardieu seinen Staat festgelegt hat, so hoch ist, daß, wer auch immer Frankreich weiterhin in London ver­tritt, vor der Frage steht, ob er an diesem fran­zösischen Flottenbauprogramm große Nachlässe zugesteht ober ob er Frankreich der Verant­wortung ausseht, daß es an einem Scheitern der Flottenabrüstungskonferenz schuld sei. In jedem Falle wird die Londoner Konferenz auf- gehalten und wachsen dadurch auch sonst die Schwierigkeiten und Hemmungen, die ihrem Ge­lingen so wie so gegenüberstehen. Aber ohne heute in die Einzelheiten einzugehen, sagen wir nur das, daß diese Konferenz ganz bestimmt, wenn

und hat gelegentlich auch darüber geklagt, daß von Berlin zu wenig Entgegenkommen geübt würde. Diese Klagen lassen wir beiseite. Sie entstehen ja leicht, wenn nur die Sachver­ständigen und die Referenten über derartige Fragen miteinander verhandeln. Dann ist es schwer ober unmöglich, über bie Fragen bet Vieh- unb Holzeinfuhr unb ähnliches sich zu verstän­digen. Die Verhandlungen ber maßgebenben Staatsmänner haben jetzt dazu geführt, diesen Vertrag s i ch e r z u st e 11 e n, in dem Oesterreich Erleichterungen erfährt, die seine Ausfuhr nach Deutschland steigern. Umgekehrt wird darum die deutsche Ausfuhr nach Oesterreich natürlich n^cht abnehmen unb bas Ganze führt dann zu einer wirtschaftlichen Verbindung, die nur zu begrüßen ist. So sollte nur auch über die rein hanbels- vertragliche Behandlung hinausgeführt werben, bie hier so wenig wie irgenbwo sonst mehr voll­ständig genügt. Es sind mancherlei Gedanken und Formen denkbar, die die Wirtschaft des Deutschen Reiches und Oesterreichs in einen enge­ren Zusammenhang bringen können.

So wenig heute bie Frage bes Anschlusses poli­tisch altuell fein mag, für bie Fragen einer wirtschaftlichen Verbinbung zu arbeiten, ist ebenso möglich und gestattet, wie für die ber geistigen Verbinbung ober ber Angleichung des Rechts. Wir freuen uns, baß der Besuch bes österreichischen Bunbeskanzlers nicht eine laute

und wortreiche Demonstration war, sondern baß er auf diese Weise wirklich sachlicher Verbindung und Annäherung gedient hat!

3uffi$rat Dr. h. c. Heinrich Reh.

Am kommenden Montag, 3. März, feiert ein hervorragender Bürger des Hessenlandes, ein aus­gezeichneter Jurist und eine um die Allgemeinheit hochverdiente Persönlichkeit, Iustizrat Dr. b. c. Heinrich Reh (Darmstadt), den 70. Ge­burtstag. Seine zahlreichen Freunde in Stadt und Land, besonders auch in Oberhessen, das jahr­zehntelang der Wirkungskreis und die zweite Heimat des Jubilars war, werden an diesem Tage ihre Gedanken dem noch in voller Arbeitskraft und Schaffensfreude wirkenden Manne zuwenden.

Heinrich Reh wurde am 3 März 1860 in Darm­stadt als Sohn des Hofgerichtsadvokaten Theodor Reh, des einst letzten Präsidenten der 1848 und 1849 in Frankfurt a. M. tagenden Deutschen Na­tionalversammlung, geboren, genoß seine Erziehung in seiner Vaterstadt, an deren Gymnasium er im Herbst 1878 das Abiturientenexamen bestand, diente alsdann vom 1. Oktober 1878 an als Einjährig- Freiwilliger im Jnf.-Reg. Nr 116, studierte bis Mai 1882 an der Landesuniversität Gießen, an der er dem Korps Starkenburgia angehörte, die Rechte, wurde nach der juristischen Fakultätsprüfung Ge- richtsakzeffift (Referendar) und bestand im Oktober 1885 in Darmstadt die juristische Staatsprüfung, das Assessorexamen, mit der NoteSehr gut".

Anfang Januar 1886 verlegte Heinrich Reh feine Tätigkeit nach Oberhessen. Er wurde Rechts­anwalt in Alsfeld, erhielt im März 1899 unter Beibehaltung feines Wohnsitzes in Alsfeld feine Zulassung auch bei dem Landgericht der Pro­vinz Oberhessen in Gießen und wurde am 1. Ok­tober 1901 zum Notar in Alsfeld ernannt.

Schon früh stand Heinrich Reh mitten im öffent- lichen Leben. So war er längere Jahre in seinem engeren Wirkungskreise Mitglied des Kreis­tages Alsfeld und des P r o v i n z i a l t a g e s der Provinz Oberhessen in Gießen, mehrere Jahre Bei­geordneter der Stadt Alsfeld und lenkte während des Krieges von Herbst 1914 an zwei Jahre lang für den zum Heeresdienst eingezagenen Bürger­meister die Geschäfte dieser Stadt. Vom 8. November 1902 bis November 1921 gehörte er als Mitglied der Freisinnigen Volkspartei bzw. der Demokrati­schen Partei dem HessischenLandtagan, war in ihm ständiges Mitglied des Gesetz- gebungsausschusfes und von Herbst 1918 bis 1921 Vizepräsident des Landtages. Als Mitglied und Vorsitzender des V e r f a f s u n g s- a u s s ch u s s e s war er Berichterstatter über die im Dezember 1919 angenommene, heute in Kraft stehende Verfassung des Volksstaates Hessen. Wäh­rend seiner parlamentarischen Wirksamkeit erwarb sich Heinrich Reh u. a. auch große Verdienste um den inneren und äußeren Ausbau unserer San» desuniversität Gießen, deren medizi­nische Fakultät ihn darum am 15.November 1920 zum Ehrendoktor ernannte.

G»nz wesentliche Förderung ließ Heinrich Reh der Geld- und Kreditwirtschaft seiner zweiten Hei­mat Alsfeld zuteil werden. Jahrzehntelang wirkte er im Vorstand und dann als Direktor der dortigen Sparkasse, die auf seine Veranlassung sich in eine öffentliche Sparkasse umwandelte. Im Sommer 1913 wurde er in den Vorstand des H e s s i s ch e n S p a r- kafsenverbandes gewählt, dessen ehrenamt' licher Vorsitzender er im Jahre 1929 wurde. So ge­hörte er zu den Führern der hessischen Geldwirt­schaft. Ende des Jahres 1920 begründete er die Hessische Girozentrale in Darmstadt, und zwar seit 1. Januar 1926 ist das Vertragsver­hältnis gelöst als Zweiganstalt des Badischen Sparkassen- und Giroverbandes. Im März 1924 ries er den Hessischen Spartaffen-unb Giro verband ins Leben, die beide Körperschaften des öffentlichen Rechtes find.

Heute ist Dr. Heinrich Reh, nachdem er am 1 Oktober 1926 als Notar in den Ruhestand getreten war, hauptamtlicher Vorsitzender des hesfi-

Maskerade.

Von Wilhelm Boeck.

Des Menschen Antlitz ist zu aufschlußreich, auch Unpsychologisch« erwerben durch Erfahrung eine Zähigkeit, aus den Gesichtszügen ihrer lieben Mitmenschen zu lesen. Das nicht zu unterdrückende Bedürfnis aber, das ein jeder hat. einmal frei, rein als Typus Mensch zu erscheinen und be­handelt zu werden, ist der ewige Ursprung der Maske. Nicht gekannt zu sein, das heißt hier, von aller Rücksichtsnayme ausgeschlossen, von allen Bindungen, die das Leben geknüpft, los zu sein. Die Art dieser Rücksichten kann sehr ver­schieden sein, politisch oder gesellschaftlich oder sittlich, und je nachdem ist der Charakter der Maske bestimmt. Das Unindividuelle der Larve erscheint stets als Leere und Starrheit, ein Dämonisches, Unheil kündendes geht von ihr aus: dieser Wirkung bediente sich schon der antike Schauspieler ganz bewußt. Uns Heutigen ist sie nur ein Anlaß zum Fragen, ein Dunkel, das uns einander zu Irrlichtern macht.

Die geschichtliche Entwicklung der Maske zeigt stets einen engen Zusammenhang mit der Thea­tergeschichte. Wie das neuere Theater aus den geistlichen Spielen des Mittelalters, so entstand auch mancher Mummenschanz der modernen Zeit aus den Verkleidungen, die mit der Darstellung der heiligen Szenen verbunden waren: noch heute besucht alljährlich der hl. Nikolaus die Kinder. Eine ständige Einrichtung des späteren Mittel­alters ist der Hofnarr, dessen Dienstanzug mit den bunten Farben und kichernden Schellen wei­ter nichts als eine Maske war. Sein Dasein kennzeichnet die zwiespältige Weltanschauung seiner Zeit, die sich von überlebten Ordnungen noch nicht lösen konnte, sie im tiefsten Innern aber schon überwunden hatte. So blieb ihr vorläufig nichts anderes übrig, als sich durch eigens bestellte Personen über die Satzungen lustig zu machen, denen sie selbst widerwillig gehorchte. Erst an den Höfen der Renaissance­fürsten wagt die Kritik ein offenes Wort: der Hofnarr wird zum Hofzwerg, zum Krüppel, der selbst nur noch ein Gegenstand der Belustigung ist.

In diesen Kreisen ergab man sich aber auch einer ganz weltlichen Form maskierter Festlich­keiten, bei denen wiederum Theater und Mum­merei ineinander übergingen. Bekannt ist, daß Karl VI. von Frankreich bei einem ausgelassenen Fackeltanz fast verbrannt wäre und durch das Unglück in Wahnsinn verfiel. In Mailand

brauchte der große Leonardo sein Genie, um Maskenkostüme zu erfinden, wie er dort für die Feste des herzoglichen Hofes auch Theaterdeko­rationen und Aufzüge entwarf. In feinen Kari- katurzeichnungen gibt der Meister außerdem ein Beispiel für die engen Beziehungen dieser Kunst­gattung zur Maskerade. Auch in die bürger­liche Gesellschaft der folgenden Jahrhunderte retteten sich die tollen Bräuche des Zeitalters nach dem Zusammenbruch der mittelalterlichen Ständeordnung hinüber, ja sie gewannen in den Zeiten faustischer Forschung eine ganz neue ge­heimnisvolle Bedeutung durch ihre Verbindung mit dem Aberglauben, der nun kein Wunder­glaube mehr war, sondern in jeder Cinzelhand- lung unentwirrbare Beziehungen zum überirdi­schen Weltgeschehen erkannte. In einer solchen Stimmung ist der Boden für eine Verbreitung ursprünglich gesellschaftlicher Gewohnheiten unter die Menge besonders günstig, so wurde die Fastnacht volkstümlich. Die Maske sank zugleich damit von ihrem Niveau festlicher Verkleidung, die schön machen oder abstrahieren sollte, in die Sphäre des Grotesken und der Entstellung hinab, die Satyrn gewannen die Oberhand in dem bacchantischen Reigen.

In dieser Form war den Maskenbräuchen selbstverständlich der Zutritt zu den Fürstenhöfen versagt, sie wurden als gemein geächtet, und wer aus den Kreisen der Gesellschaft sich _ zu ihnen hingezogen fühlte, der mußte diesem Laster heimlich sröhnen. Damit erhielt auch das Theater feine gesellschaftliche Prägung: wer zur Zeit Shakespeares öffentliche Theater besuchen wollte, mußte sich unkenntlich machen und einer Larve bedienen. Das galt besonders für die Damen, und noch im Venedig des 18. Jahrhunderts, das in allen Formen einer internationalen Gesellig­keit lebte, ließen sich die Damen nur maskiert auf der Straße sehen, wenn sie eine Menagerie besichtigen ober ein Kasino aufsuchen wollten. Die Maske allerdings gestattete wiederum, daß man sich noch etwas weniger in Acht zu nehmen brauchte, als man sonst getan hätte. Hier spielt aber in die italienische Maskenfreiheit und Kar­nevalsbuntheit schon eine andere verfeinerte Ge­sellschaftsform hinein, die mit der gesamten Kul­tur des Rokoko aus Frankreich kam und ihre Verbreitung über Europa fand

Im llassischen Zeitalter der französischen Li­teratur wurde die Festlichkeit ber Renaissance mit allen schöngeistigen Anspielungen unb antiken Nachahmungen toieberbelebt. 3m Jungbrunnen des französischen Geistes und Witzes gebadet

stellte sie sich anmutiger unb einem verwöhnten Geschmack besser entsprechend bar. Die engste Um­gebung bes Herrschers selbst nahm sich bes zu Ehren und Glanz gekommenen Komödienspiels an, suchte ein besonderes Verdienst in der Durch- bringung der maskierten Spiele mit aktuell zu­gespitzten Gedanken. Wie man nun von ber Maske einen inneren psychologischen Sinn er­wartete, so kam die übertriebene Buntheit unb Mobischkeit vor allem auffällig in ber Männer- fleibung auch am täglichen Anzug maskenhafter Unalltäglichkeit nahe. Die Grenzen zwischen Wirk­lichkeit unb Schauspiel verwischten sich, bie ro­mantische Lust führte zum Jbeal eines überzeit­lichen, unmateriellen unb scheinbar primitiven Schäferbaseins, ba Naturbetrachtung unb Liebe bie einzige, nie auszukosten de Beschäftigung boten. Es spricht sich in bieser Neigung zum ewigen Kostümiertsein trotz aller Wibersprüche im ein­zelnen eine resignierte Abkehr von ber Welt bes Tatsächlichen aus: hier verrät sich in ber Tat eine tragische Seite bes Rokoko.

Das Redoutenwesen, jene Art maskierter Un­terhaltung, die im Lause des 18. Jahrhunderts die ganze europäische Gesellschaft erfaßte, verlor in der Goethezeit seinen vorwiegend leichtfertigen Charakter. Damals, als ein neuer Ernst und eine Sachlichkeit des Lebens jeden einzelnen zur Vertiefung seiner Persönlichkeit aufforderten, suchte man auch in den Redouten eine wirkliche Bereicherung des Inneren. Man sah an der Maske zuerst mit voller Deutlichkeit ihren sym­bolischen Wert für den Menschen, da er sich in ber Verkleidung rein unb unverfälscht offen­barte. Damit war in dem geschichtlichen Gang die höchste Steigerung des Bewußtseins, die die Maske ihrem Träger verleihen kann, indem sie ihn über sich selbst hinaus in das Reich der verkörperten Begriffe hebt. Diese Auffassung er­hielt noch höhere Bedeutung bei den Roman­tikern, die in ber Vereinigung von sittlichem Ernst und phantasievoller Schwärmerei wirk­liches und gespieltes Leben noch einmal ver­mischten. - Dazu bietet das Heute den schroff­sten G^ensatz, ber sich denken läßt. In un­seren Masken- unb Kostümfesten ist keine Ro­mantik mehr, nicht einmal viel Phantasie. Im kostümlichen Raffinement wirb lediglich ein sinn­licher Anreiz gesucht, sei es nun für ben ein­zelnen ober für bie bunte Wirkung des Festes. Das entspricht ganz jener typischsten Erscheinung des modernen Theaterlebens, baß bas Unter- Haltungsstück triumphiert.

Der Kanalschwimmer.

Der amerikanische Reisende unb Dauerschwim­mer Richard Halliburton hat soeben ein neues BuchReue Welten zu erobern veröffentlicht, in dem er erzählt, wie er als erster den Pa­nama-Kanal durchschwamm. Um bie Erlaubnis dazu zu erhalten, suchte er um eine Audienz bei dem Gouverneur ber Kanalzone General Walker nach, unb es entspann sich folgendes Zwiegespräch:®en Kanal wollen Sie durch­schwimmen? Das sind ja an bie achtzig Kilo­meter! Etwas viel für einen so schwächlichen Mann, wie Sie dem Aussehen nach sinb." Sie irren sich, Gouverneur. Ich bin Derufs- schwimmer, und ich will auch nicht bie ganze Strecke vor dem Frühstück zurücklegen, sondern in langsamen Etappen, soviel Kilometer am Tag, als ich kann." Dann wurde der Gouverneur geschäftlich:Werden Sie bie Gebühren an den Schleusen bezahlen?"Geradeso wie bie anbern Schiffe, bie yinburchgelassen werben. Ich bezahle nach meiner Tonnage."Tonnage? Sie?" Ge­neral Walker sah shn etwas geringschätzig an, Sie wiegen ja kaum viel mehr als einen Zent­ner." Unb er lachte, wie wenn er niemals im Leben etwas Komischeres gehört hätte.Also gut! Ich werbe Sie burchlassen. Aber nur unter einer Bebingung, mein Lieber: baß Sie sich verpflichten, mir für jeben Schaben aufzukom­men. ben Sie bem Panama-Kanal antunI Don einem Ruberboot begleitet, in bem ein ameri­kanischer Matrose mit einer geladenen Flinte faß, um bei etwaigen Angriffen von Haifischen, unb anberen toilben Wasserbewohnern einzu­greifen, unternahm Halliburton fein Abenteuer. Besonders schwierig war bie ilebertoinbung der Schleusen von Gatun.Alle paar Minuten bampfte ein Schiss vorbei, unb jedes Mal, wenn solch ein Schiff emporgehoben unb in bie erste Schleusenkammer gebracht würbe, öffneten sich bie Tore unb neun Millionen Kubikfuß Wasser strömten ben Kanal hinunter nach dem Atlan­tischen Ozean Es war schwer, sich in dieser Strömung zu halten. Als ich bie Schleuse er­reichte, pochte ich an ben riesigen äußeren Toren und bat um Einlaß. Der Schleusenwärter blickte herunter.Was für ein Irrsinn ist denn das? fragte er, als er mich ba sah. Doch ich bestand auf meinem Recht, unb so würben denn zum ersten Male in ber Geschichte bes Kanals die Schleusen für eine einzige Person geöffnet. Halliburton bezahlte bie Gebühren nach ber Tonnage" mit nur 1,50 Mark und erreichte glücklich Panama, trotz ber gefährlichen Alli­gatoren und Barracudas, die ihn verfolgten.