waschens Sultaninen, eine Messerspitze abgeriebene -Zitronenschale, eine Prise Salz und 40 Gramm Hefe. Zubereitung: In der Hälfte der Flüssigkeit löst man die Hefe gut auf und stellt mit Mehl einen warmen Dorteig her. der zu- gedeckt an einem warmen, zugfreien Ort aus- gehen muh. bis er beim Berühren in sich zusammenfällt. Hieraus gibt man Salz, Gewürz, Zucker und den Rest der lauwarmen Flüssigkeit dazu, verrührt alles gut mit dem Dorteig, stellt mit dem Rest des Mehles einen lockeren Teig her und mengt zuletzt die Butter darunter. Sollen Rosinen usw. verwendet werden, so mengt man diese unter den fertigen Teig, den man nun in der gefetteten Form an einem warmen, zugfreien Ort. mit einem Tuch bedeckt, aufgehen läßt. Hieraus wird er bei gleichmäßiger Ofen- Hitze etwa eine Stunde gebacken.
Aus Oer provinzialhauptstadt.
Gießen, den I. Februar. 1930.
3. P. Sann t
Gestern nachmittag wurde einer unserer ältesten Mitbürger, der Buchbindermeister Johann Peter Sann, im 81. Lebensjahre zu Grab« getragen. Mit ihm fcl^idet aus unserer Mitte eine Per- fönlichkeit, die ein Wort des Gedenkens wohlverdient hat. Sann war ein hervoragender Vertreter feines Handwerks, ein ideenreicher Kopf, dessen Erfindungen auf seinem Arbeitsgebiet vielseit.gen praktischen Bedürfnissen entsprachen. Ein einfacher, zusammenklappbarer Lesepult aus Pappe, der zugleich als Schreibunterlage dienen kann, hat vielen Anklang gefunden. Wertvoller aber find seine Herstel- hingen von Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstän- den für Bibliotheken, nämlich sehr prakt.sche Pappkästen zur Aufbewahrung von Heinen Schriften und Broschüren, vor allem aber die bekannten Katalogkapseln mit beweglichen Vorder- und Rückwänden und staubsicherem Verschluß. Diese Kästen, die er nach einer Anregung des früheren Direktors der Universitätsbibliothek, Geheimrats Haupt, baute, find in zahlreichen Bibliotheken und Instituten, sowie von wissenschaftlichen Unternehmungen zur Unterbringung von Katalog- und anderen Zettelsammlungen eingeführt worden und haben als „Gießener Kapseln" den Namen der Firma und unserer Stadt in ganz Europa und in vielen Ländern über See, man t.:nn ruhig sagen in Fachkreisen der ganzen Welt bekannt gemacht. Wenn Sann in die Lage versetzt worden wäre, diese Erf.ndung kaufmännisch auszubeuten, würde er zweifellos als reicher Mann gestorben sein. Aber seinem schlichten und einfachen Wesen entsprach es nicht, die Werbetrommel zu rühren und viel von sich reden zu machen. Sein Wirken blieb im Stillen beschlossen, und auch da war es segensreich: wieviel allein verdankt ihm die Universitätsbibliothek, mit der er ein halbes Jahrhundert verbunden war, die ihn zu den ihrigen rechnete und in jeder technischen Schwierigkeit bei ihm Rat und Hilfe fand! Dabei blieb er der bescheidene, aber aufrechte Mann, dem jedes Pochen auf seine Fähigkeit etwas fern lag, wie jede Unterwürfigkeit, der auch niemals seine Vertrauensstellung zur Erreichung eigennütziger Zwecke gebrauchte. Alle, die mit ihm tm Leben zu tun hatten, werden ihm in Hochachtung ein dauerndes Andenken bewahren.
Das planmäßige Umpfropfen im Jahre 1929.
Die Anzahl der Obstbäume, zu deren 11m- pfropfen mit anerkannten Sorten der StaatLzuschuß in Anspruch genommen wurde, betrug für Oberhessen im Jahre 1929 rund 7000 Stück. Nimmt man für das Dorjahr 1928 die gleiche Zahl an und verdoppelt sie mit der Zahl derjenigen, die in demselben Zeitraum ohne Staatszuschuß umgepfropft worden sind, so kommt man aus etwa 28 000 Stück Kernobstbäume. Das ist ein beachtenswerter Fortschritt auf dem Wege zur Derminderung und Verbesserung un'erer Obst-
Der Traum vom GM.
Vornan von E. Lovett und M. v. Weißenthurn.
Copyright by Marte Brügmann, München.
26 Fortsetzung. Na.-druck Oerboten.
„Sie sind schon von selbst entschlossen, zu gehen, das kannst du mir glauben, Tante!" antwortete Doris in beschwichtigendem Ton. „Jetzt sind sie in ihren Zimtnern und jedenfalls mit Einpacken beschäftigt."
„Nun, es muß ihnen doch aber direkt gesagt werden, daß sie uns von ihrer Gegenwart befreien sollen. Wer das übernehmen wird, weiß ich freilich nicht. Was mich betrifft — ich will sie nicht mehr sehen. Ah. da kommt der Onkel I — Endlich I"
Sie stand auf und ging ihrem Gatten bis an die Mündung der Treppe entgegen, so schnell es ihre Korpulenz nur irgend erlaubte.
Einige Minuten bleiben beide in eifriger Beratung, nur in gedämpftem Ton miteinander redend, an der Treppe stehen, so daß Doris nicht hören konnte, was sie verhandelten. Bald darauf wurde sie gerufen.
„Du bist ein gutes Kind und immer bereit, unsere Wünsche zu erfüllen," sagte der Onkel, ihr freundlich die Hand auf die Schulter legend. „Würdest du deine Tante und mich auch jetzt bei einer kleinen Schwierigkeit unterstützen?"
Doris bejahte natürlich, wenn auch nicht besonders eifrig, da sie nach dieser Einleitung sich auf etwas Unangenehmes gefaßt machte.
„Nun also: Jenen beiden verächtlichen Weibern muß gesagt werden, daß sie so bald als möglich von hier zu verschwinden haben, jedenfalls sogleich nach der Beerdigung ihres sauberen Familienoberhauptes, die heute nachmittag um vier Uhr stattfinden wird. Deine Tante teilt mir soeben mit daß sie die beiden nicht mehr sehen will, und für mich ist es erst recht eine unangenehme Aufgabe — du verstehst mich — ein Mann hat niemals — niemals..
„Lust, sich mit Unangenehmen zu befassen," hätte Doris gern ergänzt. Laut sagte sie aber: „Daher wünschest du, daß ich dies besorge!"
„So ist es, mein Kind! Ich weiß, du besitzt Taktgefühl und hast eine so sympathische Art und Weise, daß — daß ..."
„Daß du selbst eine so unerquickliche Sache einer Gesellschafterin übertragen kannst, nicht war. Onkel Georg?" fragte Doris ein klein wenig spöttisch.
„Nun, nun, Doris, ich denke, deine Stellung hier in unserem Hause ist immer leicht genug gewesen!" schaltete Tante Hanna hier in tadeln-
Oer neue Gießener
ft:
afferbehä'lter.
Zur Aufspeicherung des Wasservorrates für unsere Stadt ist die Wasieweitungsanlage gegenwärtig mit zwei Wasierbchä.tern von insgesamt 4000 Kubikmeter Fasjung-v.rmögen ausgerüstet. Der größere Wasserbehälter mit 3000 Kubikmeter befindet sich bekanntlich bei Annerod, während der kleinere mit 1000 Kubikmeter auf dem Lutherberg steht. Die Wasserversorgung des Klinik- Viertels erfolgt bis jetzt noch durch direkte Zuleitung von Oueckborn aus. wo die Pumpen infolgedessen Tag und Nacht ununterbrochen laufen müssen.
Normalerweise ist zur Sicherung eines ausreichenden Wasservorrates die Ausspeicherung der Hä.fte des täglichen Wasserkonsums erforderlich. Da die tägliche Höchstabnahme im vorigen Jahre sich auf etwa 13 000 Kubikmeter Wasser belieb müßte also ein ständiger Dorrat von rund 6500 Kubikmeter aufgcspeichert werden. Bei dem Fassungsvermögen der jetzigen Wasserbehälter feh.en mithin nach dem normalen Maß rund 2500 Kubikmeter. Bisher ist aber trotz dieser Fehlmenge in der Dorratshaltung die Wasserversorgung unserer Stadt im großen und ganzen durchaus glatt oonftatten gegangen, nur im Verlaufe des langen trockenen Sommers im Vorjahre ist in einigen hochgelegenen Straßen an manchen Tagen gegen Abend Wassermangel aufgetreten. Um diese Schwierigkeit ein für allemal zu beheben und unter allen Umständen eine ausreichende Wassermenge vorrätig zu ha.ten, haben die Stadtverwaltung und der Stadtrat auf Vorschlag der Wasserwerksleitung im Herbst vorigen Jahres die Errichtung eines dritten Wasserbehälters beschlossen, für den eine Bausumme von 400 000 Mk. vorgesehen ist.
Auf Anfrage bei der Direktion des städtischen Wasserwerkes nach dem Stand der Dinge erfahren wir nun, daß nach den abgeschlossenen Verhandlungen über Grunderwerb die Abholzung des Waldstückes an der Landstraße Gießen — Reiskirchen im Anneröder Wald bei Kilometer 6,6, wo der neue Hochbehälter hinkommen soll, erfolgt ist und die Bauarbeiten in den letzten Tagen zur Vergebung öffentlich ausgeschrieben worden sind. Als Submissionstermin ist der 15. Februar bestimmt. Die Vergebung der Arbeiten erfolgt mit der Maßgabe, daß der neue Wasserbehälter in 16 Wochen gebrauchsfertig fein muß. Mit den Dauarbeiten wird sofort nach der Vergebung der Arbeiten begonnen. Der Behälter, der 58 Meter lang und 32,80 Meier breit werden soll, wird aus Eisenbeton errichtet und Exi einer Tiefe der drei Wasserkammern von 3 Miller ein Fassungsvermögen von 5000 Kubikmeter haben. Damit wäre die für unsere Stadt erforderliche Wasservorratsmenge nach dem Normalmaß auf längere Jahre hinaus gesichert. Der Wasserbehälter wird etwa P/2 Meter tief in die Erde versenkt werden, mit etwa P/t Meter über die Erdoberfläche sich erheben und außerdem noch eine Erdauflage von etwa 1 Meter Stärke erhalten, um das Wasser gegen Frost- und Hitzeeinwirkung zu schützen. Die Fasjade des ganz modernen Behälters wird in einfachen Linien gehalten, sie wird nach der Landstraße zu gelegen fein. Der Behälter soll am 1. August in Benutzung genommen werden.
anbauforten. Vergegenwärtigt man sich aber die Tatsache, daß im Jahre 1913 rund 833 000 Aepfe'.- und 213 000 Birnbäume in Oberhessen gezählt wurden, berechnet man den Zu- und Abgang während und nach dem Kriege und nimmt den gegenwärtigen Bestand an Aepfelbäu m e n mit einer Million an, so will der erreichte Gewinn noch recht wenig besagen. (Dirnen kommen kaum in Betracht.) Es bedarf darum noch angestrengter und unermüdlicher Zusammenarbeit von Privaten, Vereinen und Behörden unserer Provinz, um nennenswerten Einfluß auf die Lage des deutschen Obstmarktes zu gewinnen und dem Obst aus Oberhcssen die Türen zu öffnen.
Trotz der Leere aller öffentlichen Kassen wird es im Kreise Gießen doch möglich sein, den Besitzern umgepfropfter Obstbäume einen Zuschuß von 10 Pf. pro Pfropfkopf zu gewähren.
Nach weiteren Mitteilungen des Obstbauinspektors C n k l e r sind im letzten Jahr in Ober- hcs en rund 30 000 Obstbäume gegen Krankheiten und Schädlinge gespritzt worden. Das Ergebnis war überall gut. Es würde zweifellos in einem weniger sonnenreichen Jahr stärker hervorgetreten fein. ■ R.
Hessische Versicherungsanstalt für gemeindliche Beamte-
Der Verwaltungsrat der Hessischen Versicherungsanstalt für gemeindliche Beamte veröffentlicht soeben den Geschäftsbericht für dcs abgelaufene Geschäftsjahr 1928'29. Danach schließt das Geschäftsjahr mit einem Ueberschuß von 181 489,31 Mk. ab, wozu allerdings noch 95 260,24 Mk. Ausstände kommen. Bei den Einnahmen erscheinen die Beiträge der Versicherten mit 405 795,61 Mk., der Staatszuschuß mit 180 710 Mk. (der bekanntlich im Staatshaushalt 1930 gestrichen werden soll), die Umlagen der Anstellungskörperschaften mit 1746 965,36 Mk. und sonstige Einnahmen 408 555,87 Mk., zusammen 2 742 026,84 Mk. Die
dem Ton ein. „Du kannst dich durchaus nicht beklagen, daß ich dich jemals überbürdet oder anders als eine Dame behandelt hätte — gewiß nicht! Deshalb hoffe ich auch, daß du dich ganz wie meine Tochter fühlst und mir meinen Lebensabend verschönen wirst."
Das letzte fügte sie, von ihren eigenen Worten gerührt, mit fast über quellenden Augen hinzu.
Doris konnte nicht umhin, sich zu erinnern, daß kaum zwei Tage zuvor Onkel und Tante sich die größte Mühe gegeben hatten, ihr klarzumachen, daß ©reigniiie eintreten könnten, die eine baldige Entfernung der armen kleinen Verwandten dringend wünschenswert machten. Sie erwiderte deshalb ein wenig obenhin:
„Ob ich imstande bin, das stets zu tun, kann ich heute wirklich noch nicht sagen, Tante Hanna. Die Verhältnisse ändern oft unsere festesten Entschlüsse. Jetzt aber will ich sehen, ob eure Gäste sich zur Abreise rüsten. Sollte es nicht der Fall fein, werde ich ihnen eure Wünsche mitteilen, aber ich bin fest überzeugt, daß dies nicht nötig sein wird."
* * *
Als Doris den Korridor entlangschritt, der zu den Zimmern der beiden Gäste führte, kam ihr Kurt von Wildhofen von der anderen Seite entgegen, wobei er eine kurze Nebentreppe mit ein paar Sähen übersprang.
„Doris! Doris!" rief er in haltlautem Ton, „du bist es gerade, die ich suche! Ich muß mit dir reden! Komm schnell hier herein!"
Er öffnete die Tür eines unbewohnten Zimmers, vor dem sie sich gerade befanden, und zog Doris mit sich hinein.
Das junge Mädchen bemerkte sofort, daß sein Gesichtsausdruck ein ganz anderer geworden war. Er sah nicht mehr so gramvoll und verdüstert aus. wie ihn Doris noch am Morgen in der Kutscherwohnung gesehen hatte. Sein hübsches, männliches Gesicht und seine dunklen Augen strahlten wieder in gewohnter Lebensfrische.
„Doris," begann er sofort, „ich glaube, du bist, hier im Schloß, die, die so ziemlich alles weiß. — Sind sie schon im Begriff, abzureisen?"
„Soeben will ich zu ihnen gehen, um ihnen im Auftrag deines Vaters zu sagen, daß sie uns so bald als tunlich von ihrer Gegenwart befreien möchten."
„Mein Gott, wie ist das möglich? Wie kann mein Vater so handeln gegen Damen, die in Kummer und Aufregung find?"
„Er betrachtet sie nicht mehr als .Damen', sondern nennt sie .verächtliche Weiber', und deine Mutter ist sogar in Sorge um ihre silbernen Löffel."
„Ich bitte dich, derartige schlechte Späße zu unterlassen," unterbrach er sie heftig. „Dies ist wirklich feine Zeit zum Scherzen! Dor allem
Ausgaben betragen insgesamt 2 475 297,29 Mk., und zwar für Leistungen an die Rentenempfänger und Dersicherten 2 271 742,19 Mk., Beiträge zur Invaliden- und Angestelltenversicherung der Versicherten 76 207,50 Mk., sachliche und persönliche Verwaltungskosten 114 149,63 Mk., Steuern und sonstige Ausgaben 13 197,97 Mk. Die Anstalt betreut gegenwärtig 1769 Rentenempfänger, und zwar 929 Ruhegehaltsempfänger, 599 Witwen, 27 Vollwaisen und 214 Halbwaisen.
Bornotizen.
— Tageskalender für Samstag. (9a— Gi—ta (Kostümball der Mitglieder des Stadttheaters), 20.30 Uhr, im Klubhause. — Spielvereinigung 1900: Iubiläumsmaskenball, 19 Uhr, im Cafö Leib. — V. f. B.: Maskenball, auf der Liebigshöhe. — Geflügel- und Vogelzuchtoerein Gießen und Umg.: Monatsversammlung, 21 Uhr, im „Schüßenhaus". — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: Charlie Chaplin in „The Pilgrim" und „Feine Leute".
— Tageskalender für Sonntag: Stadttheater: 15 bis 17.15 Uhr: „Katharina Knie" und 18.30 bis 20.45 Uhr. — Gießener Konzertverein: Klavierabend Wilhelm Backhaus, 17 Uhr, Universitätsaula. — Obst- und Gartenbauverein: Vortrag „Neuzeitliche Maßnahmen im Obst- und Gemüsegarten zur Erzielung besserer Ernten", 15.30 Uhr, Hotel Hopfeld. — Turnverein von 1846: Werbeschwimmen, 15.30 Uhr, im Städtischen Volksbad. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Charlie Chaplin in „The Pilgrim" und „Feine Leute". — Astoria-Licht- spiele: „Der Fuhrmann des Todes".
— Gagita. Das heutige Kostümfest der Bühnenmitglieder des Stadtheaters Ganz Gießen tanzt beginnt um 20.30 Uhr. Es wird ein buntes Maskentreiben werden. Der Festausschuß macht nochmals darauf aufmerksam, daß kein Kostümzwang besteht, daß Speisen und Getränke zu normalen Preisen verabreicht werden'.
— „Politisches Theater und Kultur thea ter" lautet das Thema eines Vortrages, den der Dramaturg unseres Stadttheaters,
darfst du nicht daran denken, sie zur Abreise zu veranlassen; sie sind meine Freunde trotz alledem, und ich will nicht, daß man sie in ihrem Unglück noch beleidigt."
„Mein lieber Kurt, ich glaube, dein Wille wird hier gar nicht mehr in Betracht kommen; denn ich bin überzeugt, daß sie jetzt, während wir hier reden, bereits Reisevorbereitungen treffen. Sabine möchte nach den von ihr gemachten Enthüllungen gewiß um keinen Preis länger unter eurem Dache weilen. Sie weiß, daß sie sich durch ihr Geständnis bloßgestellt hat und allgemein verachtet wird."
„Bloßgestellt? Verachtet? Unsinn ohnegleichen! Wie können ihr die Sünden ihres Vaters zur Last gelegt werden, Doris?"
„Und der fälschlich angenommene Name?"
„War eine traurige Folge von ihres Vaters Verbrechen! Darum kann ich sie nicht tadeln."
„Und die Erdichtung von der Witwenschaft ihrer Mutter?"
„War ebenfalls erzwungen durch die unseligen Verhältnisse! Mein Gott, mein Gott, vergißt du denn ganz, daß Sabine durch ihr offenes Bekenntnis völlig befreit ist von dem Makel?"
„Inwiefern?"
„Nun, daß der Unglückliche ihr Vater gewesen ist, läßt alles in einem ganz anderen Lichte erscheinen. Es tritt die kindliche Pflicht an die Stelle einer — einer erniedrigenden Liebe."
„Ah! Kurt, ist es möglich? Verstehe ich dich recht? Also das war es? Verzeih', wenn ich lache, aber das ist doch zu komisch, daß du in jenem armseligen Schlucker sogar einen Rivalen gesehen hast!"
„Ja, aber, was nun? Ich glaubte, du wärest Sabines Freundin."
„Natürlich bin ich ihre Freundin!" beeilte sich Doris ihm zu erwidern.
„Gut denn! Willst du mir also Helsen, anstatt mir entgegenzuarbeiten?"
„Gewiß will ich euch Helsen! Was kann ich für dich tun, Kurt?"
„Glaubst du. daß du sie zu einer Unterredung mit mir veranlassen könntest?"
Doris schüttelte den Kopf.
Dann sagte sie überlegend: „Wohl schwerlich! Ihre Mutter ist bitterböse auf sie, weil sie die Wahrheit gesagt hat."
„Aber wohin werden sie gehen?"
„Das weih ich nicht!"
„Suche es zu erfahren und sage ihr, daß ich sie nie, nie aufgeben werde — daß ich ihr bis an das Ende der Welt folgen werde - daß sie das beste, tapferste und edelste Mädchen unter der Sonne ist. daß ich...“
„Aber Kurt, ich kann ihr doch nicht an deiner Stelle all diese Liebeserklärungen machen!" warf
Dr. Ritter, am kommenden Montagabend, auf Einladung des Deutschen Seminars der Universität, im Hörsaal des Kunstgeschichtllchen Instituts halten wird. (Siehe heutige Anzeige.)
— Ein öffentl. Vortrag über das Thema „GutesLicht gehört zumHaus- h a 11“ findet am Dienstagabend im Saale des Cafe Leib statt. Der Vortrag wird mit Lichtbilder- und Filmvorführungen verbunden. Näheres in der heutigen Anzeige.
— Einen Märchenabend veranstaltet der Verein „Oberhessisches Damenheim" am kommenden Sonntag und Montag um 17 Uhr bzw. 18 Uhr auf der Liebigshöhe. Zur Ausführung gelangt — wie man uns schreibt — das Singspiel von Victor Holländer „Die Eiskönigin", nach einem Märchen von Andersen. Alle Besucher, klein und groß, werden ihre Helle Freude haben an den schönen Bildern. Chören und Tänzen, die an Äug' und Ohr vorüberziehen. Die Chöre und Tanzgruppen sind aus Kindern hiesiger Schulen zusammengestellt. Geschätzte Kräfte unserer Stadt haben sich bereitwilligst: in den Dienst der guten Sache gestellt und bürgen für gutes Gelingen. Ein volles Haus wäre dem Verein für feinen edlen Zweck zu wünschen. (Siehe heutige Anzeige.)
Gießener Wochenmarktprcise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 140 bis 180, Matte 30 bis 35. Käse (10 Stück) 60 bis 140. Wirsing 15 bis 20, Weißkraut 10 bis 15, Rotkraut 15 bis 20, gelbe Rüben 12 bis 15, rote Rüben 12 bis 15. Spinat 25 bis 35. Unter-Kohlrabi 8 bis 10. Grünkohl 15 bis 20, Rosenkohl 25 bis 35. Feldsalat 100 bis 120, Endivien 80 bis 100, Tomaten 70 bis 80, Zwiebeln 10 bis 15, Meerrettich 50 bis 80. Schwarzwurzeln 40 bis 60, Kartoffeln 41/<_> bis 5, Aepfel 10 bis 15, Dirnen 10 bis 15. Dörrobst 30 bis 35, Honig 40 bis 50. junge Hähne 120 bis 130, Suppenhühner 100 bis 120, Nüsse 50 bis 80 Pf. das Pfund: Tauben (Stück- 70 bis 80, Eier 14 bis 15, Blumenkohl 50 bis 80. Salat 25 bis 35, Lauch 5 bis 15, Rettich 10 bis 20, Sellerie 10 bis 40 Pf. das Stück: Kartoffeln der Zentner 3,80 bis 4 Mk., Wirsing 10 bis 12, Weißkraut 7 bis 8. Rotkraut 10 bis 12, Aepfel 10 bis 12, Birnen 8 bis 10 Mk.
Städtische Brennholzversteigerung. Bei der gestrigen Brennholzversteigerung aus den Waldungen der Stadt Gießen wurden im Durchschnitt folgende Preise erzielt: Buchenscheit 17, Kieserscheit 13, Eichenscheit 10, Buchenknüppel 12, Cichenknüppel 8,50, Kiefernknüppel 9,40, Buchenstöcke 7,60, Cichenstöcke 6,40, Kieferstöcke 6,80 Mk. je Raummeter; Buchenreisig 3. Klasse 25,20, Eichenreisig 3. Kl. 13, Kieferreisig 3. Kl. 13, Fichtenreisig 3. Kl. 12 Mk. je 100 Wellen; Bohnenstangen 7. Kl. 13, Bohnenstangen 8. Kl. 8,60 Mk. je 100 Stück.
** Oeffentliche Dücherhalle. Im Januar wurden 1305 Bände auszeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 861, Zeitschriften 44, Jugendschöffen 102, Literaturgeschichte 3, Gedichte und Dramen 10, Länder- und Völkerkunde 100, Kulturgeschichte 5, Geschichte und Biographien 107, Kunstgeschichte 12, Naturwissenschaft und Technologie 27, Heer- und Seewesen 4, Haus- und Landwirtschaft 3, Ge- sundheitslehre 4, Religion und Philosophie 5, Sfaatswissenschast 10, Sprachwissenschaft 1, Fremdsprachliches 7 Bände. Nach auswärts tarnen 2 Bände.
** Geseklschaftszüge w erden billiger. Die Ständige Tariskommission bei der Reichsbahn hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, die Mindestteilnehmerzahl für die Stellung von Gefellschaftssond:rzügen auf 300 herabzusehen. Als Mindestfahrpreis für die ganze Strecke sollen in Zukunft 190 Mark zu zahlen sein. Der Zeitpunkt der Durchführung dieses Beschlusses steht noch nicht fest.
Doris lächelnd ein. „Du muht ihr das selbst mUteilcn.“
„Wie kann ich das, wenn sie mich nicht sehen will?"
„O, es gibt gewisse Dinge, die man Papier, Feder und Tinte nennt“, bemerkte Doris mit schelmischem Augenzwinkern, „und mir ist beinahe, als ob ich das alles auf jenem Schreibtisch dort am Fenster sehe."
„O du liebes, lluges, lleines Ding! Du würdest ihr also einen Brief von mir überbringen?"
Er eilte an den Schreibtisch und machte sich sofort daran, dem Papier seine Gefühle anzuvertrauen, während Doris sich in einen Sessel niederlieb und geduldig wartete.
Die Zeit wurde ihr lang; denn der Liebende hatte viel, unendlich viel zu sagen; und — für sie war es empfindlich kalt im Zimmer. Alle vier Seiten des ersten Briefbogens waren bald gedrängt voll beschrieben, aber Doris wartete geduldig. War sie doch glücklich bei dem Gedanken, daß Kurt auch jetzt nach allem, was sich ereignet hatte, an seiner Liebe sesthielt. Nun war sie überzeugt, daß er mit treuem, ausdauerndem Werben alle Hindernisse, vor allem die Bedenken seiner Eltern, siegreich überwinden würde.
Und dann begannen sofort ihre Gedanken sich aus ein anderes Gebiet zu wenden. Rechtsanwalt Hagenau würde nun keinen Grund mehr haben, in die Herzensangelegenheiten feines Freundes einzugreifen. Sabine war jeder Aufklärung seinerseits zuvorgekommen, und wenn Kurt keinen Anstoß daran nahm, die Tochter eines Fälschers zu heiraten, so hatte gewiß auch fein Freund keine Einwendungen zu machen.
Aber auch ohnedies glaube ich nicht, daß Konrad Hagenau sich irgendwie in diese Angelegenheit einmischen wird, sagte Doris, ein wenig siegesgewiß lächelnd, zu sich selbst. Ich würde das nie, niemals zugeben.
Kurts Liebesbrief in der Hand hallend, klopfte Doris einige Minuten später an die Tür von Sabines Zimmer. Diese war allein und wie Doris ganz richtig vermutet hatte, eifrig mit dem Einpacken ihrer Sachen b.schälligt.
„So sind Sie also im Begriff, abzureifen?" fragte Doris, indem sie sich auf einen geschlossenen Kosser niederließ.
„Ja, sobald wir fort können — nach der Beerdigung meines Vaters — mit dem Zuge 5.50 Uhr denke ich."
So war es also nicht nötig, daß Doris auf die Wünsche von Onkel und Tante zu sprechen kam.
„Meine Mutter und unser Mädchen sind nebenan und packen auch", setzte Sabine hinzu, die Abwesenheit ihrer Mutter erflärenb.
(Fortsetzung hlgt) '


