Samstag, 1. $ebruor 1930
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Nr. 21 Drittes Blatt
Aus dem Reiche der Frau.
MeinFastnachtskostüm - mein Zch-Kleid.
Von Margret Halm.
Karneval will ein buntes Kleid, will äußeren Ausdruck der Freude. Unb unsere im Geschmack verwöhnte Gesellschaft begnügt sich nicht mit ein paar bunten Lappen, wie wohl da und dort ein paar gefetzte Hosen, ein buntes Hemd, ein froher Schlips vom Streichholzkästchen gefaßt, verkehrte Schuhe und eine schiefe Mühe auf einem hübschen frischen Mädelgesicht auch seine Wirkung tun kann. Aber man will ja in Wahrheit nicht das Aarrenkleid, das Prinz Karneval uns vorschreibt, sondern man möchte einmal die Gelegenheit benützen, wahrhaft auch nach außen hin einmal ganz Ich sein zu dürfen. ünb so greift schon von allein das stille ruhige Gemüt nach einem langen Gretchen-Kleid, nach einem Rock, der sich in weiten weichen Falbeln bewegt, nach einem großen beschattenden Hut oder einer kleinen bebänderten Kapotte, während das knitze Ding, das keß und fesch viel Sinn hat für Humor, sich ganz anders darzutun sucht. Da müssen es vor allem Hosen sein, kurz oder lang, je nachdem wie die Beinchen geformt sind, weit oder eng und möglichst zweierlei, vielleicht auch nur ein Bein neben einem hochgeschürzten, bis zum Knie entblößten Beinchen, dann wieder zweierlei im Wurf — das kann ja alles so lustig sein! ilnb dazu ein Jäckchen, das knapp sich um_ die schlanke Taille schmiegt, ein Frack mit Schößen, eine Weste mit kurzem oder gar keinem Aermel, irgend etwas LIndcfinierbares in schöner Seide, die im Bewegen sich spiegelt und glänzt in frohen Farben, die doch immer fein zueinander stimmen. Irgend etwas, das karikierend oder betonend entgegenrufen soll: Dies ist mein wahres Gesicht. So seh' ich aus. Was ich das ganze Jahr euch zeige, das hat die Mode so gewollt und Zeitgeschmack, und jenes dumme: es ist mal so. Heute aber ist Karneval. Heute laß ich mir nichts kommandieren. Heute bin ich Herr meiner selbst und darf mich tragen, wie ich will. Mein Kleid und meine Pofe.
Gott ja, es gibt Menschen, die in einer Spitzen- tobe, in einem seidenen Fransenschal zur Welt gekommen sind — Menschen — Verzeihung, Leute, für die die Eleganz an erster Stelle steht und dann erst das Frohempfinden. Mein Gott, es muß auch solche Käuze geben. Sie kommen in einer spanischen Tracht in Spitzen aus Gold, in einem russischen Gewand und daß man ihrem Kostüm den Stempel der Echtheit von weitem schon ansieht um jeden Preis — ist ihnen Hochgefühl. Lassen wir sie also. Denn Hochgefühl in irgendwelcher Form soll ja der Karneval bringen. Dafür ist et da, und das ist seine vornehmste Pflicht.
Eine gewisse Mode — nun ja. Die hat's um das Karnevalkostüm zu allen Zeiten gegeben. Älnb wie man einmal vor ganz ganz langem als Tirolerin, Rotkäppchen und so gegangen ift — mein Gott, das ist schon lange her — so ging man dann als Puppenfee, als Puderquaste, als Baby, wechselte hinüber in kubische Gestalten, spielte einen Würfel, ein Dreieck und so gelehrtes Zeug, dem man in Farben und Bähten Ausdruck gab. Dann mußte es zeitgemäß sein, man kam als Kreuzworträtsel, als Qt:Harne- Packung, dazwischen sich ein Fragezeichen schob. Dann wollte man Prominente markieren, und gab sich für einen Abend das Air derer, die was geleistet haben, und schreckte selbst vor den ernstesten Typen nicht zurück, mimt Gerhart Hauptmann, Herrn Eckener, Professor Einstein und wer sonst über ein sehr markantes Aeußeres verfügt — daneben wackelten ungezählte Harald Lloyds und Caplins, Coogans und Josephine
Dakers über die Bühne des Prinzen Karneval. ^Ind heuer nun will man selbst was sein.
Spielt »Ich". Gute Idee. Denn um »Ich" zu spielen, muh man jemand sein. Lind wenn es dazu führt, daß jede und jeder mit einem scharfen Laternchen in sich hineinleuchtet, um ein präsentierfähiges Ich aus sich heraus-uholen, sich schämt, wenn er keines hat, sich bemüht, um eins zu finden, dann soll der Karneval in diesem Jahr gebenedeit sein und gesegnet, wie er es nie gewesen. ilnb Halleluia wollen wir ihm fingen, wenn er nur eine einzige Persönlichkeit aus dem immensen Bichtsteich hervorzaubert.
Was soll es nun sein? Bun, da ist alles erlaubt, was geschmackvoll ist und was gefällt. Lustig muß es fein und froh: schon das, was man zehn Jahre zurück getragen hat, ja vor fünf Jahren selbst, ist heute Tracht, und einer jener übergroßen Hüte mit einem Hurnpelrock mit Jupe-culotte, gar zu kurz und eng, kann unsagbar luftig wirken. Dann kommen die Drapierungen. Ein Fransenschal, ein spanisches Tuch mit Dem Carmen-Hut und Tamburin oder Kastagnetten für eine schwarze glutäugige Frau —hei, wie das zündet! Dann wieder ist's ein rotes Teufelchen. Hosen und Joppe, ganz eng und nach unten sich weitend, vielleicht auch die Weite von
Bachdruck verboten.
Im allgemeinen gilt der Satz, daß jede Frau die Stellung hat, die sie verdient. Aber man kann nicht sagen, daß jede Frau das Wirtschaftsgeld bekommt, das sie — verdient oder haben muß. Ich meine nicht, daß jede Frau zu wenig bekommt. Jeder Haushalt ist anders zugeschnitten und die Ansprüche der Herren an ihre Hausfrau sind ja sehr verschieden. Es gibt Ehemänner, die sich mit ihrer Gattin friedlich über die Höhe ihres Wirtschaftsgeldes einigen und es ihr in teuren Zeiten freiwillig erhöhen, die nicht knickern und nicht knausern damit, sondern einsehen, daß man gewisse Ansprüche an häusliche Behaglichkeit und tadellose Haushaltführung auch entsprechend bezahlen muh. Aber diese Ehemänner sind so selten, daß man sie eigentlich mit einer Medaille auszeichnen müßte. Ich nehme nur an, daß es sie gibt — oder geben müßte.
Es gibt gewiß auch Damen, die nicht ahnen, wie Geld verdient wird, und ihren Männern ewig mit Klagen in den Ohren liegen über teure Zeiten und daß sie „nichts anzuziehen" haben. Diese sind nicht so selten wie die vernünftigen Ehemänner; ich kenne mehrere dieser Art, Das Wirtschaftsgeld ist immer ein dunkler Punkt im Eheleben. Kein Ehemann gibt gern Geld für das Fundament seiner häuslichen Behaglichkeit. Er glaubt, daß diese „von'selbst" kommen müsse. Wenn sonst noch so flott gewirtschaftet wird, an der häuslichen Wirtschaft wird immer zuerst gespart. Unö wehe der Hausfrau, die es wagen würde, eine einfachere Tafel einzuführen, einen Gang wegzulassen, das Frühstück zu vereinfachen, einen Dienstboten abzuschaffen oder zu verlangen, daß der Ehemann sich seine Schuhe selbst putzt.
Die deutsche Frau ist, das I<inn uns sicher niemand bestreiten, wenn auch nicht die eleganteste Frau Europas, aber sicher die fleißigste. „ Sie ist im Hause Mädchen für alles. Was der Köchin zuviel ist, was die Jungfer sich zu tun weigert, tut sie bestimmt. Sie hat die Verantwortung für das Erhalten der Dinge, für den täglichen Tisch, sie stickt ihre Wäsche, was keiner Engländerin einfiele; sie wartet auf den Gatten,
den Hüften nach außen geführt in einem spitzen Dreieck und zurück in enger Linie um das Hosenbein. Rot mit etwas Schwarz, kann auch ein wenig Gelb darunter sein. Doch nicht zuviel Farbe. Wir wollen ja geschmackvoll bleiben. Sehr lustig wirken am nackten Bein unter kurzem Röckchen Die Volants von jenem Beinkleid, das zu Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem langen Rock hervorschaut. Wenn die nun so ganz allein und verloren, in einem Strupp am Knöchel befestigt, über ein paar hübschen Stöckelschühchen baumeln — das spricht schon viel Humor. Karierter Stoff, durch Bähte erreichtes Schwarz- weiß, Grün-weiß, Braun-weiß Würfelkaro zur Bluse, zum einsamen Hosenbein oder Aermel, die vereinsamte Manschette an einem hübschen, nackten Arm und ein lustiger Zylinderhut — halloh halloh! Süll und Spitzen und Chiffon und allsowas, wo man so viel acht geben muß und gar nicht so recht tanzen kann nach Herzenslust und frei sich bewegen — ach nein! Heute ist Karneval, und da können wir so was nicht brauchen. Und auch nicht gar so schlechtes Zeug. Denn ein Karnevallostüm soll Freude schaffen, und nicht gleich nach einer Stunde dürfen da die Flügel hängen.
mag er heute um eins, morgen um drei, übermorgen um fünf ilfjr heimkommen. Sie hält ihm das Essen warm. Sie wartet auch auf die Söhne, die heute eine Segelpartie vorhaben, übermorgen Tennis spielen, oder aus die Tochter, die abends tanzen und morgens schwimmen geht. Alle kommen heim, wann es ihnen gefällt, denn sie wissen, zu Hause wartet die gute Mama mit dem Essen.
Weshalb das so bei uns ist, liegt wohl an der Gutmütigkeit und Bescheidenheit unserer deutschen Frauen. Sie sind's gewohnt, es war schon immer so. Die Mutter hat es so gemacht, sie ist auch nie mit dem Wirtschaftsgeld ausgekommen, und der Vater hat schon ungern Wirtschaftsgeld herausgerückt und sich mahnen lassen, jeden Ersten. Es gibt Ehemänner, die niemals ungemahnt das Wirtschaftsgeld hergeben, die überhaupt nie daran denken würden, einen Pfennig zu geben, wenn sie nicht daran erinnert werden, und die man nervös macht mit der Frage: Wann bekomme ich mein Wirtschaftsgeld? Weshalb muß eine Frau überhaupt um dieses Geld bitten, das sie doch nicht für ihre Bedürfnisse, sondern zum Wohle der Familie ausgeben muß? Sie muß die Löhne der Angestellten pünktlich bezahlen; ihre Schneiderin, den Kohlenmann, den Bäcker und Fleischer, alle wollen ihr Geld sofort haben. Weshalb wird der Ehemann, wenn er an das Wirtschaftsgeld erinnert wird, ärgerlich? Weshalb gibt er es nicht ebenso freiwillig, wie er seine Angestellten bezahlt? Der schüchterne Vorschlag, der grau, die doch eine Wirtschafterin ist, ein Gehalt zu zahlen, von dem sie sich ihre Toiletten bestreiten kann und die kleinen Freuden, die das Leben lebenswert machen, ist hin und wieder aufgetaucht, aber bald wieder in einen Abgrund gesunken. Ich glaube nicht, daß es eine Frau gibt, die für ihre Haushaltführung Gehalt bezieht. Erich Hartleben nannte einmal den preußischen Referendar „die billigste Schreibmaschine", die es gibt, „denn man braucht sie überhaupt nicht zu bezahlen". Die deutsche Hausfrau ist ebenso billig! Was eine Frau im Hause leistet, merken die anderen gewöhnlich erst, wenn sie nicht mehr
da ist und eine bezahlte Kraft an ihre Stelle rückt. Dann erfährt man, was ein Haushalt kostet, und daß Berven und Kräfte einet grau ihre Grenzen haben, vor der selbst der Hausherr Respekt haben muß. Dann wird man nich» mehr um das Wirtschaftsgeld gebeten, es werden keine Kämpfe mehr darum geführt, sondern cs wird jeden Ersten die Rechnung präsentiert.
Fastnachtsgebäck.
Fast nachts - Küchle. Zutaten: 2 Pfund Mehl. 100 Gramm Butter (Kunstbutter), 150 Gramm Zucker, 2 Eier, 1 . Liter Milch, eine Prise Salz und 80 Gramm Hefe. Als Backsett: 1* , Pfund Schmalz. Zubereitung: Der Teig wird wie Pfannkuchen zubereitet. Bach dem Aufgehen formt man runde Bällchen, die man nochmals aufgehen läßt, und zieht sie dann von der Mitte aus rund auseinander. Die Küchle werden in heißem Fett schwimmend auf beiden Seiten braun gebacken.
Fastnachts-Apfeltaschen. Zu'at n: 1 Pfund Mehl, 80 Gramm Butt r (Kunstbutter), 80 Gramm Zucker, 1 , Liter Milch, eine Messerspitze abgeriebene Zitronenschale, eine Pri:e Salz und 40 Gramm Hefe. Als Fü'lung: 250 Gramm feingehackte Aepfel. gesüßt. Aks Backfett: C.n Pfund Schmalz. Zuber itung: Die Teigzubereitung ist die gleich: wie für Pfannkuchen. Den aufgegangenen Teig rollt man nicht zu dünn aus, schneidet ihn in viereckige. Stücke, gibt auf jedes Aepfel und drückt die vier Ecken zusammen. Bachdem sie auf einem mehlbestaubten Tuche aufgegangen sind, bäckt man sie in Schmalz hellbraun.
Fastnachts-Dampfnudeln. Zutaten: 1 Pfund Mehl, 100 Gramm Buttcr (Kunstbutter), 50 Gramm Zucker, 3 Eier, */< Liter Milch, eine Prise Salz und 40 Gramm Hefe. Zum Kochen: '/z Liter Milch. Zum Bestreuen: 125 Gramm I Puderzucker. Zubereitung: Von einem Teil des Mehles und der in der Hälfte der Milch gut aufgelösten Hefe rührt man den Dorteig an, den man an einem warmen, zugfreien Ort aufgehen läßt. Hierauf rührt man nach und nach das übrige Mehl, die Butter und die anderen Zutaten hinzu und knetet alles gut durch. Bach abermaligem Aufgehen des Teiges formt man kleine Bälle und legt diese in die ausgefettete Pfanne nicht zu eng nebeneinander. Die Bälle läßt man nochmals aufgehen, übergießt sie mit ’/2 Liter lauwarmer Milch, deckt die Pfanne zu und läßt sie in der Bratröhre 1 , Stunde kochen. Hierauf nimmt man den Deckel ab und bäckt die Dampfnudeln schön braun. Sie werden dann mit zwei Gabeln aufgerissen und mit Puderzucker bestreut.
Fastnachts-Plinze. Zutaten: 1 Pfund Mehl, 20 Gramm Zucker, 2 bis 4 (Sier, :1j Liter Milch, eine Prise Salz und 30 Gramm Hefe. Zubereitung: Die Hefe wird in 1/4 Liter lauwarmer Milch aufgelöst. Dazu rührt man allmählich das Mehl und die Zutaten. Der dickflüssige Brei muh an einem warmen, zugfreien Ort etwa V4 Stunde aufgehen, dann bäckt man ihn portionsweise in der mit Speck oder Dratfett eingeriebenen Pfanne. Die auf beiden Seiten lichtgelb gebackenen Prinzen, die so dick wie ein Messerrücken sein sollen, werden mit zerlassener Buttcr (Marmelade, Mus) bestrichen oder mit Zucker und Zimt bestreut.
Fastnachts-Bapfkuchen. Zutaten: Ein Pfund Mehl, 180 Gramm Butter (Kunstbuttcr), 125 Gramm Zuckeq, 2 bis 4 Eier, V5 Liter Milch. 60 Gramm gehackte Mandeln, 125 Gramm gc*
Dasl
irischastsgeld.
Von Liesbet Dill.
Eine Schneiderin geht ins Theater.
Von Polly Tieck.
.... Wirklich, ich kann mich freuen, daß Frau Doktor mir das Billett geschenkt hat. -ciaturhd) bin ich ziemlich müde, das macht, werk ich jeden Abend so lange aufbleiben muhte. Das ist nicht zu ändern, dafür ist Saison und ich verdiene gut. Gut? — Batürlich, gut! Gewiß, ich könnte mir Don dem, was ich verdiene, keine Theaterbillette kaufen und auch keine Kleider machen, so wie ich sie für die anderen mache. Das kommt, Werl eine Schneiderin nicht so etwas Besonderes ift, auch wenn es eine gute Schneiderin ist. Ich kenne zum Beispiel viele, die obenfogut schnerdem wie ich. Trotzdem Frau Doktor immer tagt meine Kleider wären von einem Pariser Modell nicht zu unterscheiden. Wenn ich allerdings an das schwarze Chiffonkleid denke, das ich ihr vorige Woche machte, so muß ich wirklich sagen, es ist herrlich geworden. Ich habe ihr doch in den Rock die vielen kleinen Glocken eingesetzt. Wie schwer das war, daß sie sich in dem hauchdünnen Material nicht verzogen! Ich mußte sie alle auf Seidenpapier steppen, damit sie den richtigen Sih erhielten. Das war eine große Arbeit Aber es war eine herrliche Arbeit. Zum Schluß sah man gar keine Bähte im Kleid. „Wally," sagte Frau Doktor, »Sie haben die Glocken ja nicht in das Kleid genäht, sondern in das Kleid geh auch t.“ Als sie es zum erstenmal trug, war der Galaabend in der Oper. Sie sagte, es sähe aus, wie das berühmte Modell aus dem Pariser Hause: „Princesse noire“. — Ich fand, Frau Doktor sah aus, wie eine schwarze Prinzessin. als sie in die Oper ging...
Richtig ich soll ja auch ins Theater gehen. Schade 'ich konnte mir den Stoff, den Frau Doktor mir neulich geschenkt hat, nicht mehr nähen Ich komme so selten dazu, für mich zu nähen und es macht eigentlich auch keine große Freude Die andern sind so viel hübscher, ich kann ihnen das Kleid anprobierem Ich freue mich, wie fdjön sie aussehen. Ich sehe mcht schon aus. wenigstens finde ich nichts an mir bran. bin so klein und blond und mager Allerdings der Rayon-Chef sagte neulich, rch sei ganz sern Typ. Ich mühte die Schneiderei rm Klemen aufgeben, und er wollte mir einen Modesalon grün- den. Man weiß ja, wie das g.eht. Jch mochte das auch nicht, denn dann könnte ich die Kleider nicht
mehr alleine nähen. So — das Samtkleid sieht noch sehr ordentlich aus. Soll ich einen Hut auf» sehen? Selbstverständlich I Ich kann doch mit dem blauen Mantel nicht ohne Hut gehen. Auch wenn ich ihn noch so fesch um die Hüften raffe, bleibt er doch ein alter, blauer Mantel und wird kein schwarzes Abendcape mit Hermelinkragen. Also schnell die Treppen runter! Da kommt gerade der Bus. Ob ich ihn noch kriege? O je, ich bin ganz außer Atem, aber Gott sei Dank, ich bin drin. Es ist sckon ziemlich spät. O, ich bin müde, plötzlich fühle ich es. Die Beine, vom Maschine- treten. Keiner macht mir Platz, natürlich nicht. Warum auch? Ziemlich jung sehe ich noch aus und jungen Frauen macht man nur Platz, wenn sie schwarze Samtcapes tragen. Was für ein ünfinn! Dann fahren sie nicht Bus, sondern in einem schönen, eigenen Wagen, beige-rose oder chanelrot, oder bleu maöonne, mit so einem Wagen, der vorn an der Karosserie so abge- steppte Diesen hat, und dessen Hinterteil ein bißchen glockig geschnitten ist.
Ah, da bin ich ja! War ich wirklich so lange nicht im Theater? So viel Spiegel! Man sollte immer den Rocksaum vorm Spiegel regulieren, jetzt erst, wenn ich mich so im Profil gehen sehe, merke ich, daß der Rock hinten etwas hängt. Aber meine Figur ist gut. Ich sollte mir wirklich ein Kleid mit ganz enger Hüftenpartie machen. Ah, die weichen Sessel! Ich lehne mich bequem zurück. Meine Bachbarin möchte das auch machen, aber sie kanns nicht. Ja, meine Beste, ich will Ihnen auch sagen, warum Sie so steif dasihen müssen! Die Falten in Ihrem Kleid sind viel zu steif eingesteppt. Falten, meine Liebe, sollen immer nur so weit abgesteppt werden wie sie nicht in die Sitzpartie hineinragen. Da sollen sie ausspringen! Sie scheinen ja eine schone Schneiderin zu haben, Teuerste!
Ach, es wird schon dunkel, ich habe das Programm noch gar nicht gelesen. Die Kostüme der Darsteller sind von der Firma... wie heißt die Firma? Ich kanns bei der Dunkelheit nicht mehr sehen. Ob es sich lohnen würde, Theaterkostüme zu machen? Schön muß bad fern und interessant. Aber dazu gehört viel Geld, weil sie alle nicht bezahlen können. O, dieses Kostüm, das die Frau Da trägt, ist fabelhaft. Böre die Jacke sitzt! Batürlich, Marineblau. Wenn ich aber zu Frau Doktor sage, vormittags kann man bloß Marineblau tragen, und Beige natürlich, Beige geht immer, dann sagt Frau Doktor zu mir: „Gott, Wally, immer dasselbe, Sie haben auch gar feine Ideen!" „Allerdings, grau Dok
tor," sage ich dann, »zur richtigen Zeit mal keine neuen Ideen haben, das sind die besten. Gehen Sie nach Paris, Frau Doktor, ich war zwar noch nicht in Paris, aber glauben Sie mir, Frau Doktor, ich weiß genau, wie sie da über unsere vielen neuen Ideen denken!" ...
Schade, daß ich keine Herrenanzüge machen kann! Dieser Mann hat einen schönen Vormittagsanzug an! Es ist natürlich ganz was anderes, sehr viel langweiliger eigentlich! Aber sehr viel schwerer dabei. Ein Herrenanzug, das ist so, wie wir das in der Schule beim Rechnen lernten. Wenn irgend etwas in der Gleichung nicht stimmt, stimmt die ganze Sache nicht. Ein Herrenanzug ist ein Rechenexempel, aber wahrhaftig, das ist ein hübscher Vergleich. Beim Damenkleid kann man sich eher mal ausreden, radieren sozusagen. Was will er von ihr, der Mann? Ach so, sie hat einen Mann, natürlich, wer sollte auch ihre Kleider bezahlen! Selbstverständlich wird sie ihn betrügen, alle Frauen aus meiner Kundschaft betrügen ihre Männer. Von mir aus kennen sie gut telephonieren. Das erlaube ich ihnen. Aber neulich wollte sich eine mit ihrem Herrn bei mir treffen. Sie bekam ein fabelhaftes Chissonkleid, weih mit einem rötlichen Kressenmuster, und sie wollte durchaus, der Herr sollte sie bei der Anprobe sehen. „Gnädige Frau," habe ich da zu ihr gesagt, „der Herr Gemahl bezahlt die Kleider, der Herr Gemahl kann zur Probe kommen, weiter niemand!"
Da hatte ich eine schwere Probe nachher! Immerfort sagte sie, das Kleid macht dick. Wie denn, schon aus? Der erste Akt ist schon aus? Wahrhaftig, ich habe nicht viel von dem Inhalt verstanden. Das macht, ich bin so müde und es ist vielleicht auch nicht sehr interessant. Ich werde ein bißchen rumgehen. Mein Gott, der Rücken von der Frau da sitzt ja unmöglich! Eigentlich müßte ich ihr sagen, daß sie ihn ein bißchen heben lassen müßte! Die Schulternaht vielleicht um zwei Zentimeter nach vorn legen, schon wäre es gut! —
O da, ein fabelhaftes Kleid! Das muh ich mir merken! Der Rückenausschnitt stößt wahrhaftig mit der hintersten Glocke zusammen. Das sieht aus, wie ein riesiges V. Ach, da habe ich ja mein Botizbuch, das muß ich skizzieren. — „Was ich mache? Bun, ich zeichne, mein Herr, das sehen Sie doch wohl. Ja, selbstverständlich bin ich Schneiderin. Wieso haben Sie das gesehen. Ach so, am Zeigefinger. Ja, den zerpieke ich mir immer sehr. Ach, Sie sind aus der Konfektion?
Bein, ich finde das Stück nicht sehr interessant. Aber das Kostüm war fabelhaft, wissen Sie, und dann das Sommerkleid von der Baronesse. Batür- lich bleibe ich bis zu Ende, warum denn nicht? — Mit Ihnen? — Wie komme ich dazu? — Ich habe Abendbrot gegessen, danke sehr. Außerdem, wenn ich Hunger habe, kann ich mir was kaufen. Sogar dieses Lachsbrötchen. — Bein, das ift • aber wirklich furchtbar nett von Ihnen, so habe ich das nicht gemeint. Doch natürlich, wenn Sie es einmal genommen haben, esse ich es gern. Bein, nachher nicht. Wirklich nicht. Ich kann Ihnen das nicht ertlären, aber für das Poussieren, sehen Sie, habe ich wenig Meinung. Ich arbeite Diel, ilnb so gern. Ich bin so be- beschäftigt mit meinen Kleidern. Und wenn ich aufhöre, bin ich sehr müde. Adieu, seien <3te mir nicht böse...“
Ich bin wirklich so müde, daß ich mir den letzten Akt schenken möchte. Ob Frau Doktor mir böse ist? Ich werd's ihr einfach nicht erzählen. Ach, die frische Luft tut gut. Ich werde nach Hause laufen. Der Mond sieht aus, wie ein kleiner flacher Hut, den man ganz schief auf ein Ohr sehen mühte. Zum Fasching körnt: man so was machen, ganz aus Silberpairietten. Die Straße glänzt Dom Regen, wie gewachst. „(Sire" nennt man das jetzt in Paris. Alle Stoffe wachst man da, Spitzen und Crepe Satins, das sieht dann alles so blank und glänzend aus, wie eine nasse Straße. Da ist mein Haus. Der Schlüssel paßt so schlecht. Als ob er für das Schlüsselloch zu dick geworden wäre. Die Treppe ist krumm und alt und ganz ohne Spiegel! Wie schön die Treppe im Theater war! Ob der Herr in der Pause mit dem Lachsbrötchen mir Dielleicht einen Modesalon mit Dielen Spiegeln eingerichtet hätte? Ach, man weiß, wie das geht! O, das Bett ist gut. Ich habe ein gutes Bett und ich bin satt. Da hängt das gelbe Georgettekleid für morgen früh. Zuerst werde ich die Glocken unten ein» rollen, 8,50 Meter Glocken, das ist eine große Arbeit. Vielleicht hätte ich im letzten Akt noch ein paar schöne Kleider gesehen? Aber es war zu langweilig und ich war zu müde. Ich werde lieber morgen nachmittag zur Modenschau gehen. Der Lachs auf dem Brötchen hatte eine herrliche Farbe. In Crepe Satin zum Beispiel? Wundervoll! Eine kleine, hellgrüne Gurkenscheibe lag darauf. Welch pikante Farbwirkung! Man könnte versuchen, eine kleine grüne Blume dazu tragen zu lassen. Ich bin sehr müde.
Gute Bacht...


