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Nr. 27 Zweites Blatt

Samstag. Zebrnar 1930

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Arbeiterimperialismus und Geekonferenz.

Don Dr. Paul Rohrbach.

Man hat gesagt, daß 80 v. S). der englischen Par­lamentswählerpolitischer Flugsand" sind, der sich bei jeder Wahl an der Stelle ansammelt, die von der öffentlichen Meinung für die Behand­lung der nationalen Bedürfnisse den größten Kredit bekommt. In der Tat sind im englischen Partei- leben, wenn ein Vergleich erlaubt ist, nur ein (9c- nerglstab, ein Offizierskorps und eine oerhältnis- rnägig kleine Kerntruppe parteipolitisch stabil; der sonstige Wähler hat kein Parteibuch, sondern fluktuiert hierhin und dorthin.

Das parlamentarische System hat sich in Eng­land, seinem Muttcrlande, auf der Grundlage aus­gebildet, daß zwei ungefähr gleichstarke, gleich gut organisierte und aus dem gleichen Prin zi p nationale Wohlsahrtspslegeddurch nationale Machtvcrmehrung fußende Gruppen miteinan­der um den Besitz der Regierung und damit auch der Verantwortlichkeit vor der Ration rangen. Der Grund zu einem Regierungswechsel in England war nie durch den Wechsel der Volksmehrheiten zwischenliberalen" undkonservativen" Prinzi­pien gegeben, denn prinzipielle Unterschiede von nennenswertem Format gab es zwischen den beiden Parteien gar nicht, sondern wenn die eine Partei mit ihrer nationalen Geschäftsführung in den Äugen der Oefsentlichkeit nicht erfolgreich genug war, so empfahl sich damit vor eben dieser Oefsentlichkeit die andere. Dabei handelte es sich viel weniger um einen Wechsel der Grundsätze als um einen Wech­sel der Männer, das heißt der politischen Führergruppen.

Dieses System war aufgebaut auf der Zwei­heit der Parteien, von denen jedesmal die oppo­sitionelle damit rechnen mußte, daß ihr mit einem Wahlsieg zwar die volle Regierungsmacht, aber auch die volle Verantwortlichkeit zu­siel. Je größer die Zahl der Parteien in einem parlamentarisch" regierten Staate ist, je weniger also die Einzelpartei Aussicht hat, mit der ganzen Macht auch die ganze Verantwortung zu gewinnen, desto stärker erhebt sich an Stelle des Staats- und des politischen Machtgedankens der Partei- und parteipolitische Profitgedanke. Diese Abirrung wider­spricht dem englischen Empfinden, und das fängt jetzt an sichtbar zu werden, wo durch das Auftreten der Arbeiterpartei das frühere Zweiparteiensystem a u f g e h ö r t hat.

Die Arbeiterpartei nimmt jetzt schon den Reichsgedanken, den Imperialismus auf, und es wird schwerlich lange Zeit vergehen, bis sie über­haupt die modernisierte, imperiale Partei in England ist. Diese Entwicklung läßt sich schon heute übersehen, und sie hängt außer mit den noch zu nennenden Gründen auch noch damit zusammen, daß die englische politische Vernunft wieder zum Zweiparteiensystem zurück will. Der Sieg der Arbeiterpartei bei den letzten Wahlen hatte noch wenig mit der Reichspolitik zu tun son­dern kam hauptsächlich dadurch zustande, daß ein hinreichend großer Teil der vorhin als wahlpoli­tischerFlugsand" charakterisierten Wählerschaft den Vertretern der Arbeiterpartei glaubte, sie würden am besten imstande fein, den großen inneren Röten nbzuhelfen. Vor allen Dingen handelt es sich da­bei um den Dauerzustand von ein- bis eineinhalb Millionen Arbeitslosen, um die Krisis im Bergbau und um die unbefriedigende Lage in der Textil­wirtschaft. Ein gewisses Mißtrauen empfand die öffentliche Meinung allerdings auch gegenüber der konservativen Bindung an Frankreich, gegenübet*bcr undurchsichtigen Politik, die das konservative Kabi­nett mit Ämerika trieb, und gegenüber seiner Be­fähigung, die Schwierigkeiten mit Indien und Aegypten zu lösen. Natürlich versprachen die Ar- beiteruertreter, sie würden auch mit alledem fertig werden, aber ihren relativen Wahlsieg errangen

sie nicht auf dem Boden der Reichspolitik, sondern auf dem der inneren Politik.

Der stärkste Mann, heute schon eine Art Diktator in der Partei und viel stärker als Macdonald, ist der Schatzkanzler Snowden. Snowden hat von allen englischen Arbeiterparteilern den klarsten In­stinkt für die politische Macht. In einem parla­mentarisch regierten Staat gibt es keine Macht ohne Mehrheit, und keine Mehrheit ohne den politischen Erfolg. Die beiden Pole aber, um die das Problem des Erfolges und damit der Macht im heutigen England kreist, sind die Arbeitslosigkeit und die Schwierigkeiten in der Reichspolitik. Die Arbeitslosigkeit, das haben die Führer der Arbeiterpartei heute schon eingesehen, ist, wenn die Lage auf dem Weltmarkt für England sich nicht von Grund auf ändert, un­heilbar. Eine Aussicht auf ihr Ende scheint sich nur dann zu bieten, wenn es gelingt, das ganze britische Weltreich zu einem Reichszollverein zusarn- menzuschließen, mit Schutzzoll nach außen und einem solchen Zollsystem im Innern, daß die Dominien ihren Bedarf an fremder Ware, Fabrikaten nament­lich, im Mutterlande decken und dessen Exporte vermehren.

Dies ist der Weg, auf dem die englische Arbeiter­schaft für den Reichsgedanken erzogen wer­den wird, und nicht nur die Arbeiterschaft, sondern

auch ein sehr großer Teil des englischen Mittel­standes würde auf diese Weise dauernd in die Ge­folgschaft der Labour-Regierung kommen. Die libe­rale Partei würde zerrieben werden, und den Kon­servativen würden ihre beiden besten Segel, die Pflege des imperialen und des Reichszollgedankens, vom Mast genommen werden.

Die Organisation des Imperiums als geschlossener Zoll- und Wirtschaftsverband ist aber keine Sache von heute auf morgen. Sie muß von großen Wirt­schaftsreformen im Mutterlande selbst begleitet wer­den, und diese sind ohne sehr bedeutende staatliche Mittel nicht durchzuführen. Daher ringt England um die Verringerung der Flottenaus­gaben. Das Wettbauen mit den Vereinigten Staa­ten ist ihm finanziell unmöglich, und auf die bisherige Suprematie zur See muß es verzichten. Das ist der eine Preis, der gezahlt werden muß, um die Hände für die großen Wirtschaftsreformen in England und im Reiche freizubekommen. Den andern Preis aber fordert Frankreich. Frank­reich ist lange nicht so stark wie Amerika, aber es ist stark genug, um der Flotteneinschränkung, die Eng­land braucht, -Steine in den Weg zu werfen. Soll es darauf verzichten, so verlangt es Englands (Ein- willigung dafür, daß die französisch« Mili­tärherrschaft auf dem Kontinent erhal­ten bleibt.

Die Bekämpfung -er Korruption.

Don Or. Eugen Schiffer, ehem. Michsminister der Finanzen und der Justiz, ehem. Vizekanzler.

' Wir entnehmen diesen bedeutungsvollen Aussatz dem ersten Hefte des 35. Jahr­gangs der Deutschen Juristen-Zeitung.

Aus das verflossene Jahr hat sich durch den Berliner Korruptionsskandal noch zu guter Letzt ein tiefer Schatten gesenkt. Noch sind die Vorgänge nicht völlig ausgrhellt. Aber so­viel ist bereits jetzt klar, daß es sich nicht bloß um Verfehlungen einzelner handelt, sondern um einen ganzen Personenkreis inner­halb einer großen und wichtigen Verwaltung. Voch ein anderes ist klar: daß das Berliner Vorkommnis nicht alkeinsteht. Es ist nur bet vorläufige Abschluß, die zur Zeit letzte Erscheinung eines Fäulnisprozesses, der schon seit langer Zeit unseren Volkskörper ver­seucht. Daß die geschäftliche Moral sehr stark gesunken ist, wird nirgends mehr bezweifelt; und daß der Bazillus der Unmoral auch auf das früher gegen ihn gefeite Beamtentum über- gesprungen ist, beweist die Kriminalstatistik, die den Wahrnehmungen des Tages, sie ziffermäßig bestätigend, zur Seite tritt. Was das für unser staatliches Dasein bedeutet, bringt die Begrün­dung des neuen Strafgesetzbuchs in folgenden Worten zum Ausdruck:

Ein pflichttreuer und lauterer Deamtenstand ist d i e unerläßliche Voraussetzung eines geordneten Staatswesens. Die Beamten verwalten die öffentlichen Ange­legenheiten, sie verfügen über die öffentlichen Gelder, ihnen ist die Entscheidung über Ver­mögen, Freiheit, Leben und Ehre ihrer Mit­bürger anvertraut. Das Wohl und Wehe des Staates liegt zu einem wesentlichen Teil in ihren Händen. Me Ehrenhaftigkeit, vor allem die Unbestechlichkeit der Beamten bildet die Grundlage für das Vertrauen der Staatsbürger, dessen die Staatsver­waltung für eine gedeihliche Wirksamkeit bedarf; sie bildet zugleich einen Gradmesser für das An­sehen des deutschen Aamens."

Das liebel ist von der Allgemeinheit längst ertajmt, seine Tragweite vollkommen gewürdigt, die Erregung über seine neuesten Ausbrüche hochgradig. Sie äußert sich in empörten Dekla­mationen und geharnischten Resolutionen, in wohlmeinenden Mahnungen und ernsten Drohun­

gen, in boshaften Ausfällen der Witzblätter und satirischen Couplets der Kabaretts. Aber die Entrüstung allein tut cs nicht, und ihre Be­kundungen verpuffen ohne nachhaltige Wirkun­gen. Man sieht sich deshalb nach schärferen Mitteln um. Da die Behandlung des Geschwürs mit der Salbe des Wortes keinen Erfolg ver­heißt, soll es ferro et igni beseitigt werden. Man ruft nach dem Gesetzgeber, der Polizei, der Justiz. Die bestehenden Gesetze, sagt man, reichen offensichtlich nicht aus; also machen wir neue. Zwar klagt man beweglich über die Hypertrophie unseres Rechts; über das lieber- maß von Behörden, über die Ueberzahl von Beamten, und man verhehlt sich nicht, daß neue Gesetze eine Vermehrung des Rechtsstosfes wie der Behörden und Beamten nach sich zu ziehen pflegen. Aber die byzantinische Verehrung der Paragraphen lebt auch unter der demokrati­schen Staatsform fort und zeitigt, wo immer eine Rot entsteht, den Schrei nach Spezialgesehen, Spezialbehörden und Spezialausbildung ihrer Mitglieder. Das nennt sich dann Derwal- tungsreform.

Dabei kann niemand behaupten, daß es uns an Gesehen mangelt. Sie zerfallen in zwei Gruppen, ja nachdem die von ihnen behandelten Verfeh­lungen sich int öffentlichen ober im Wirtschafts­leben, auf dem Gebiete des öffentlichen oder des Privatrechts abspielen. Die Korruption inner­halb des öffentlichen Beamtentums wird im geltenden Recht außer durch die Diszi- plinargesehgebung durch die Strafandrohungen des 28. Abschnitts des StrGB. bekämpft. Sie sind durch die Bestimmungen im 7. Abschnitt des neuen Strafgesehentwurss noch erweitert, ins­besondere durch Ausdehnung des Kreises, auf den sie Anwendung finden sollen, und durch Erhöhung des Strasmarimums. Allerdings hat der Straf­rechtsausschuh des Reichstags den § 140 des Entwurfs wieder gestrichen, der die aus Eigen­nutz begangene Verletzung des Amtsgeheim­nisses unter Strafe stellte. Dagegen hat er den § 106, der die Bestechung nicht bloß bei Wah­len, sondern auch bei Abstimmungen mit Strafe bedroht, gutgeheißen. Diese Bestimmung zieht also auch die Ausübung öffentlicher Funktionen außerhalb des Beamtentums in den Kreis

rechtlicher Beeinflussung. Beamten im Reich wio in den Ländern ist untersagt, ohne vorgängige Genehmigung ein Gewerbe zu betreiben oder gegen fortlaufendes Entgelt eine Rebenbeschästi- gung zu übernehmen oder Aufsichtsrat einer <Sr- werbsgcsellellschaft zu werden. Letzteres ist un­bedingt verboten, wenn mittelbar oder unmittel­bar ein Entgelt mit der Stellung verbunden ist. Für die Wirtschast kommt insbesondere § 12 des Gesetzes gegen den unlauteren Wett­bewerb in Betracht, der sich gegen das Schmiergelderunwesen richtet. Er wird ergänzt durch die allgemeinen Vorschristen im § 1 desselben Gesetzes und in § 826 BGB. lleberhaupt werden Korruptionsakte sehr häufig unter GcsetzesvorsChristen allgemeiner Art fallen, insbesondere in krimineller Hinsicht, indem sie zu Straftaten wie Diebstahl. Unterschlagung, ilr- kundensälschung, Betrug. Untreue und der­gleichen führen.

Das Arsenal der Gesetzgebung ist also, wie nicht wohl geleugnet werden kann, bereits reich­lich gefüllt. Immerhin mag es möglich und an­gebracht sein, es noch in der einen oder anderen: Hinsicht zu ergänzen. Rur foll man sich über die Wirksamkeit solcher Ergänzungsvorschriften wie überhaupt gesetzlicher Bestimmungen keinen Illu­sionen hingeben. Aus keinem Gebiete des Lebens und des Rechts ist der Umgebung ein größerer Spielraum gewährt als auf dem de? Korruption. Sie weiß durch Verschleierung des Tatbestandes, durch Vorschieben Dritter, durch Verdunkelung der Beziehungen immer neue Schleichwege auf­zufinden. Daß man ihr auf ihnen besser als bis­her nachspüren könnte, wenn die mit ihrer Ver­folgung betrauten Behörden und Beamten einen tieferen Einblick in das ganze Getriebe und seine Zusammenhänge hätten, mag zugegeben werden, und hier könnte eine eindringlichere: Aus- und Fortbildung gute Erfolge zeitigen. Das ge­hört jedoch in das Kapitel des Beamten- und Bildungswesens überhaupt hinein, das einer Auf­frischung im Sinne einer engeren Verbindung mit den Erscheinungen, Anschauungen und Be­dürfnissen des Lebens, vornehmlich der Wirt­schaft, ganz allgemein bedarf und seinerseits wiederum einen Teil der Persönlichkeits­pflege darstellt, die an die Stelle der bloß juristisch-technischen Schulung zu treten hat. Auch sollte die neuerlich sehr beliebte Entschuldigung, daß der Mann an der Spitze sich weder in persönlicher noch in sachlicher Beziehung um die Einzelheiten des ihm unterstellten Betriebes kümmern und deshalb auch nicht für sie haftbar gemacht werden könne, in dieser Allgemeinheit nicht mehr zugelassen werden. Der Vorge­setzte hastet grundsätzlich für das Verhalten seiner Untergebenen und dessen Folgen, auch wenn ihm im Einzelfalke ein Verschulden nicht nachzuweisen ist; wie er Ehre und Ruhm einheimst, wenn ihre Arbeit gute Früchte für das Ganze hervorbringt, hat er sür Mißerfolge und Mißstände einzustehen. Das war einst Derwallungsprinzip und sollte es wieder werden. Aber wenn auch in allen diesen Rich- tungen alles nur Mögliche geschehen sollte, würde trotzdem ein Rest, und zwar ein keineswegs un­beträchtlicher Rest übrigbleiben, der rechtlich nicht ersaßt werden würde, weil er rechtlich überhaupt nicht saßbar ist. Wieder einmal treten hier die Grenzen des Rechts zutage, die ebenso oft vom Gesetzgeber verkannt werden, wie sie feiner Anstrengungen spotten.

Einen wesentlichen Teil und ein charakteristi­sches Merkmal der Korruption der Gegenwart bildet nämlich die schleichende Korrup­tion, die sich heimlich in den Blutlaus des Organismus eindrängt und ihn moralisch zersetzt und zerstört. Die Gesahr ist hier besonders groß, weil sich der Betroffene, wenigstens zu Anfang, häufig ihrer gar nicht bewußt ist. Run ist es aber etwas ganz anderes, in klarer Erkenntnis der Sachlage den Rubikon zu überschreiten, der die Welt der Anständigen von der der Un-

Herbst in Apulien.

Don Albert H. tausch.

1.

Aufbruch: Neapel.

Neapel: Tor nach Sizilien, nach Kalabrien, nach Apulien. Einer süditalischcn Reise, deren Grundton nicht der unerschöpflichen Stadt entnom­men ist, fehlt ein Wesentliches. Initial oder Siegel. Oder beides. Ein einzigesrnal in meinem Leben, als ich von Rom nach Palermo fuhr, habe ich mich nicht in Neapel aufgehalten: weil die Umstände es erforderten. Sonst immer. Und fast immer bin ich länger geblieben, als ich mir eigentlich oorgenommen hatte. Warum? Und warum immer das Gleiche? Ich habe es niemals ganz ergründen können. Warum kam ich auch nun nicht los von Uferstraße und Domero, von Piazza del Mercato und Santa Maria del Carmine, von den Gassen zwischen Via Roma und 6. Martino? Standen nicht alle Weiser der Seele und des Geistes gegen die süße apulische Ferne gerichtet? Winkte mir nicht morgen, über­morgen ganz wie ich es wollte das Wieder­sehn mit geliebteftem Land? Versinken in einer Schönheit, die, unentweiht vom Gafferblick teil- nahmloser Augen, als Traum und Geheimnis kaum betretener Küsten blüht, abseits der Straßen, die die Meute zieht? Versinken in dem unentwirr­baren Wunder, das aus dem Urgrund der liguri­schen Gezeiten über die dorischen Anfänge, die ionisch-korinthischen Ergänzungen, die karthagisch- römischen Abwandlungen, die byzantinischen und normännischen Erfüllungen bis in den Glanz der Ghibellinentag« hinauf weiterwuchs und heut« noch, aus Bruch und Trümmer, tiefer lebt als soviel Zerrbild einer Hirn gewordenen Zeit? Und den­noch dieses Haften an Neapel? Ja. Dennoch. Haf­ten in einer Nähe des Menschlichen, des kleinsten, freundlichsten Menschlichen, das von morgen, über­morgen an zurückgedrängt fein wird vor der Sprache der Dinge .. Hier, in der irdischsten der südeuro- päischen Städte, Marseille als einzige ausgenommen, scheint wirklich noch der Mensch das Maß der Dinge: und alles nur um seinetwillen da. Hier ist das Ding dos Menschen Freund, das durch Jahr­tausende unveränderte: hier ist noch Volk, das mit den ewig-gleichen, ungewandelten Dingen lebt, ganz dicht am mütterlichen Boden: Volk, das sich Zeit käht: Volk, das zu spotten und zu lachen weiß. Sieh wie sie leben: gehe an einem frühen Abend in die Via Loreto, diese göttlichste Straße Neapels! Sieh sie fitzen in ihren offenen Ladentüren, bei ihren Dingen, mit ihren Dingen: und lerne selber lachen über die Torheit der neunundneunzigmal

Klugen, die den Wandel der Seelen beweisen! So I saßen, lebten sie vor dreitausend Jahren so werden sie in dreitausend Jahren immer noch fitzen und leben: und es wird nichts geschehen sein, gar nichts, trotz allem Ungeheuren, das geschah. Und wisse dann: nein, ahne nur, warum dich diese Stadt zu bannen weiß wie keine andere, warum 'du willst, daß s i e es sei, die dich entläßt auf deine Fahrt in die entlegene Schönheit. Sie lehrte dich und lehrt dich immer neu: die Gegenwart zu fühlen auch im «cheinbar-Fcrnen, sie macht das Fremde schwesterlich, sie zeigt als dunstlos-heiliges Nah, als Stoff von deinem eignen Ich, was die Verträumten nur als Bild nach rückwärts sehn. Noch dem Verfallenden, bald ganz Zerstörten, drückt sie die Siegelung des Heutigen auf: noch im apu­lischen Abgeschiedensein wird sie dich mahnen:

Der schönen Dinge Traum und Traurigkeit, Vergiß es nie, bist du, nur du allein..

Und was du liebst und nun als Form ergreifst. Die andere für dich schufen: schufst du selbst." Als es völlig dunkel geworden war am Vor­abend meiner Abreise ging ich noch einmal zu Konradin, in die Kirche Santa Maria bei Carmine. Viele Kerzen brannten am Hochaltar, fern der Ein­gangspforte. Goldene Lohe wankte über den Schei­teln der Knienden. Die Stimme eines Priesters fang einförmig. An der linken Seite des Schiffes steht das Marmorbild des geschändeten deutschen Königs. Das Innerste kniet nieder vor dem wehen Bild. Sein Schatten wandert mit in die apulische Süße. Sein toter Traum ist unser Leben heute. Umgeschichtet: doch gleich im Stoff. Daß er ein König war: sehr wesenlos. Er war ein Mensch, der in uns weint, wir wir in ihm. Die Zeiten stehn. Ein deutscher Mensch.

II.

Neapel-Foggia.

Ich hatte um halb sieben wecken lassen. Ich fuhr auf tiefem, traumlosem Schlafe auf, als es an die Tür pochte. Tempo bellissimo, sagte die dunkle Stimme draußen .. Ich lief an das Fenster, schlug hastig den Laden auf .. Gegen den Vomerohügel zu stand rein gewaschener, lichtblauer Himmel, auf den gelben Häuserfirsten lag, die leichte Feuchte der morgendlichen Luft an sich ziehend, mildes Gold der ausgehenden Sonne. Kein Wolke hinter dem weichglühenden Posilipp. Das Meer bewegt, starke Brise über die hohen, dunkelgrünen Wipfel der Villa Nazianale herübersendend. Salzaeruch. Ein paar junge Offiziere, langsam auf dem Reitweg hin- trabend. Ein früher Gemüsekarren, von Fuorigrotta kommend und gegen die Stabt lenkend. Capri im Süden des Golfes kaum zu erkennen. Nur eine Ahnung von Umriß. Gutes Zeichen für das Wetter.

Bezaubernde Belebung dieser frühen Abreisen. Sobald das Wasser über dem noch schlafbefangenen Körper war/ ist alles Unbehagen dahin. Das Kom­mende, das froh Erwartete, ist ganz in uns, und wir ganz in ihm. In sechs Stunden wird uns die Luft der Adria anwehen, drüben, auf der anderen Seite der Halbinsel, jenseits des Apennin. Wir werden Kampanien durchqueren, nach Benevent hinaufklet tern, bei Ariano di Puglia die Paßhöhe erreichen, durch Wald- und Bergland langsam gegen die Ebene niedersteigen, gegen die Tafelberge, denTavoliere", der schließlich am Meere endet. Waldland? Nein. Ein paar Pappelhaine, Birkenhaine. Ein paar Buchen, Ulmen .. Schon sagt man Wald .. Es webt und wallt von feuchtem Morgenlicht um die kahlen, grauen und braunen Kuppen. Haarscharfe Dusllinien überschneiden sich, die feinsten Schattierungen deut­lich machend: pflaumenblau, taubengrau, maulwurf- grau, waldveilchenblau. Plötzlich das Rot kleiner verfärbter Kirschbäume dazwischen, das verfrühte Gelb zarter Birken. In diesen Bergen gibt es einen Herbst, der dem unsren ähnelt. Wo sind wir eigent­lich? Schon an den Anfängen Apuliens. Wasser rauscht neben uns in breitem Flußbett. Der Ger- varo. Silbernes Wasser über gerundeten Kieseln. Plötzlich brennt die Sonne, gemahnt, daß es wie­der Sommer sein wird, jenseits der Gipfelkette. Hoch oben an einsamer, kahler, ausgebrannter Berg­flanke, ein Reiter, wie man ihn manchmal, ferne auftauchend, in der Glut der sizilischen Steinöden sieht. Er hat die Hand vor den Augen, schaut lange abwärts, winkt irgendwohin, wendet verschwindet in einer blauen Mulde .. Wir fahren durch Trau­bengelände. Es ist die Zeit der Ernte. Das Laub der Weinstöcke ist rostbraun. Große, zweirädrige Karren stehen längs der Straße, mit gewaltigen Fässern beladen, aus denen die schwarzen Beeren aufquellen. Aber was ist das dort vor uns am Straßenrand? Dieses schwarzblaue Glänzen? Was ist da zu kleinen Hügeln aufgeschüttet und nun zu mannshohen Hügeln? Kohlen? Nein, es sind Trauben! Millionen von Trauben, kochend in der unerbittlichen Sonhe, in langen Wellen nachduf- tenb .. Läßt man sie da liegen? Gibt es soviele, daß es sich nicht lohnt, sie zu bergen? Hat man nur die Stocke entlastet, um sie für neues Keimen im näch- ften Jahre frei zu machen? .. Weiter, weiter Weiß werden die Straßen .. Staub weht. Nicht hoch hinauf, ganz dicht am Boden nur. Erster Staub nach Regentagen. Blaffer werden die Schol­len. Ferne, auf kahlen Hügeln, schimmern Städte. Grauweiß, weißgrau. Gehäuftes Gestein ohne klare Kontur. Nur die Türme greifen deutlicher in die dunstig gewordene, milchblaue Luft. Längst sind wir in der Ebene. Schafe weiden über braunem Gras. Dann und wann ödes Gemäuer. Wenig Bäume.

Weit vor uns das Vorgebirge des Gargano, das in die Adria hineinklüftet. Lila, unter einem gesenkten Himmel, den die Watte weißlicher, flacher Wolken abbämpft. In unserem Rücken große, hellgraue Wolkenberge mit breiten Silberrändern, langsam segelnd auf kornblumenblauen Aether. Die Sonne siedet. Scirokko, angehalten über der einsamen, weltentrückten Landschaft. Die Lichter lasten auf er­müdetem Lid, das sich schließt. Hindämmern im Weiterfahren. Schließlich Foggia, erstes Ziel.

Als ich zum letzten Mal durch die Straßen dieser entlegenen Landstadt ging, prasselte Juni-Sonne auf die Häuserwände, auf die verlassenen Plätze, auf die ganz verstaubten jungen Steineichen, die noch nicht lanae an den Saum der Fußsteige ge­pflanzt sind. Alle Läden waren geschlossen, wer nicht im Freien fein mußte, hielt sich im Inneren der Häuser. Nun war einige Belebung zu spüren. Bauern, Weinhändler, Schashändler, von den Zügen kommend, zu den Zügen eilend, die um die Mittags­stunde aus fünf verschiedenen Richtungen einlaufen, nach eben so vielen abgehen. Große, neue Ge­bäude sind errichtet worden .Römischer" Stil. Eine wirtschaftliche Zukunft voraussagend, von der niemand weiß, ob sie sich je erfüllen wird. Ameri­kanisches Gründergeld, sagte man mir damals. Auch hier also? Aber wer wohnt in diesen Mietshäusern, an deren Fensterfluchten ich auch nun nur geschlos­sene Läden sah? In deren Vestibülen tote Schatten nisten, in deren Geschäftsräumen gelangweilte Menschen hinter leeren Tischen schlafen oder über Zeitungen gähnen, in denen immer die gleichen Dinge stehn? Das eigentliche Leben, das enge, kleine, alltägliche Bedürfnisleben der Landstadt ist verblieben, wo es immer war: in den alten Stra­ßen, in den alten Winkeln .. Es ist grenzenlos monoton und sehr bescheiden. Es genügt, die Ge­sichter junger Menschen ju sehen, die einem manch­mal begegnen, um zu ahnen, was es heißt, in dieser flachen, sich in der öden Ebene verlierenden Stadt leben zu müssen. Es genügt, den neuen Platz mit Säulenarkaden, Brunnen Denkmal und Pal- men zu sehen, um zu wissen, was begreifliche Sehnsucht diesem großen Dorfe an Zukunft er­träumt .. Friedrich IL, der Hohenstaufe, hatte hier einen Palast. Man sagt, er habe gerne in Foggia residiert. Warum nicht? Da er selbst allen Glan; mitbrachte, dessen er bedurfte, da er selbst der große Lebensspender war und in seinen Bann zog, was ihn umgab? Auch standen damals Wälder in diesen Landstrichen, die dem Lichte seine Härte nahmen und den Boden vor Dürre bewahrten.

Wir gingen zum Essen. Am frühen Nachmittag winkte Ausfahrt in das flache Land.

(Fortsetzung folgt)