m. 176 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Dienstag,Zl.ZuliMH
Vor 20 Jahren.
Oie Tragödie der 13Tage. — Ein Zeitkalender der Tage des Kriegsausbruchs vom 23. 2. - 4. 8.1914.
Oer neunte Tag: 31. Juli.
11.40 Uhr vorm.: Die russische Gesaml- mobilmachung wird in Berlin amtlich bekannt.
12.23 Uhr nachm.: Allgemeine Mobilmachung in Oesterreich-Ungarn; telephonische Meldung durch Wiener Botschafter nach Berlin.
12.55 Uhr: Telegramm Wilhelms II. an Georg V.: Hinweis auf russische Generalmobilmachung; Dank für Telegramm vom 30. an Prinz Heinrich.
1 Uhr: Kaiser Wilhelm verfügt den „Zu st and drohender Kriegsgefahr".
2 Uhr: Viertes > »legramm Wilhelms II. an Nikolaus II.: Russische Mobilmachung gegen Oesterreich macht Vermittlung fast illusorisch; trotzdem nochmaliger Appell und Ankündigung vorbeugender Verteidigungsmahnahmen an deutschrussischer Grenze.
2.52 Uhr: Eingang des vierten Telegramms des Zaren an den Kaiser: Einstellung der durch Oesterreichs Mobilmachung bewirkten militärischen Maßnahmen ist technisch unmöglich. „Wir wünschen keinen Krieg. Solange Oesterreich mit Serbien verhandelt, werden meine Truppen keinerlei herausfordernde Handlung unternehmen. Ich gebe Dir mein feierliches Wort darauf".
Handschreiben poincaces an Georg V.: Bitte um Bundeshilfe Englands.
2.45 Uhr: Eingang der Antwort Franz Josephs an Wilhelm II.: Russische Mobil
machung hat österreichische Generalmobilmachung erzeugt; Aktion gegen Serbien kann nicht eingestellt werden; russische Intervention unannehmbar; Erwartung der deutschen Bundestreue. Der Kaiser findet Franz Josephs Haltung „begreiflich".
England lehnt deutsches Angebot eines Reutrali- täksabkommens ab. — Grey fragt Berlin und Paris, ob Belgiens Neutralität geachtet werden würde. Berlin antwortet ausweichend. — Grey gibt durch Brüsseler Gesandten der Erwartung Ausdruck, daß Belgien seine Neutralität „mit äußerster Kraft" aufrechterhalten werde.
3.30 Uhr: Auftrag an Graf pourtales betreffend zwölf st ündiges Ultimatum an Rußland. — Frankreich mobilisiert die fünf Grenzkorps.
7 Uhr abends: Vertin ersucht Paris um Erklärung innerhalb 18 Stunden, „ob Frankreich in deutsch-russischem Kriege neutral bleiben will" (Ultimatum).
9 Uhr: Ermordung des französischen Sozialistenführers 3 a u r e 5.
9 Uhr: Beschluß des französischen Minislerrats, in den Krieg einzutreten.
12 Uhr nachts: Graf pourtales übergibt Safonow das Ultimatum: Deutschland wird mobilisieren, wenn Rußland seine Maßnahmen gegen Deutschland und Oesterreich nicht binnen 12 Stunden einstellt.
Nachts: Beratung in Berlin über die Kriegserklärungen an Rußland und Frankreich.
Rom teilt Paris mit, daß Italien neutral bleiben wird.
macht wird. Früher kann ich feinen Mobilmachungsbefehl erwirken."
„Exzellenz können versichert sein, daß der Russe mobil macht!"
„Wollen Sie die Verantwortung für diese Behauptung übernehmen?"
„Das kann ich aus innerster Ueberzeugung!" —
Knapp, sachlich, militärisch wird dieses entscheidende Telephongespräch geführt. Jeder weiß von den beiden Offizieren, daß diese Stunden die Entscheidung bringen. — „An der Grenze, gegen Osten, steht ein Grenadier auf Posten ..."
Am gleichen Tage,nachmittags 6 Uhr..
Die Meldungen des Generals hell werden in aller Frühe dem Kaiser unterbreitet: Entscheidendes Alarmsignal aus dem Osten, letzte Warnung in letzter Minute! Wird heute nicht mobil gemacht, so steht der Russe morgen mordend, sengend und plündernd auf deutschem Boden. Abermals verlangt der Korpskommandeur Verbindung mit dem Großen Generalstab in Berlin — gibt seine letzten Meldungen durch, die weiteren Zweifel nicht mehr aufkommen lassen.
Am gleichen Tage, 18 Uhr, hallt Trommelwirbel durch die Straßen der Reichshauptstadt. Ein Oberleutnant vom Regiment Alexander marschiert seiner Truppe voran. Am Denkmal Friedrichs des Großen hält die Formation.
Der Oberleutnant steigt auf den Sockel des Monuments und verkündet unter ständigem Trommelwirbel mit lauter Stimme, daß der Kaiser den Zu- ftano drohender Kriegsgefahr in Deutsch-, land erklärt habe.
Da schwellen die Menschenmassen vor dem Schloß an. Vaterlandslieder klingen auf. Auf ein Zeichen hin bricht der Jubel, der eben zum Orkan zu schwellen schien, jäh ab. Der Kaiser erscheint...
Schicksalsschwere Worte fallen nieder. Und als der Kaiser ernst am Ende seiner Rede spricht: „Und nun empfehle ich euch Gott. Geht in die Kirchen und betet!" — da zieht ein wehes Beben durch die Herzen aller.
„Deutschland, Deutschland über alles!" erschallt es. Reben mir hebt ein Vater seinen Jungen zu sich empor:
„Vergiß das bis an dein Lebensende nicht!"
Mobilmachungsbefehl.
Einen Tag später. Plakate werden angeklebt:
„Ich erkläre hiermit: das deutsche Heer und die Kaiserliche Marine sind nach den Maßgaben des Mobilmachungsplanes für das deutsche Heer und die Kaiserliche Marine aufzustellen. — Der 2. August wird als erster Mobilmachungstag festgesetzt..."
Man liest das. In dichten Scharen stehen sie da, blicken gespannt. Heber allen liegt das feierliche Schweigen dieser ernsten Stunde. Und dann befreit sich die Spannung in Vaterlandsliedern und Jubel.
Sie eilen heim, Väter und Söhne, Jünglinge und Greise. Sie eilen nach Hause, sie eilen, sich zu rüsten für den heiligen Dienst am Vaterland.
3u den Fahnen!
Morgen erst ist Mobilmachungstag. Doch schon heute drängt sich hier ein Heer von Menschen: Pennäler, Studenten, die bunte Mütze auf dem Ohr, alte Soldaten, geschmückt mit Orden aus den Kriegen 1866 und 1870/71.
Vor den Kasernen, in denen die Eingezogenen sich stellen, warten die Tausende. Frauen und Kinder stehen bei ihnen.
Abschiedsschmerz prägt sich in manchem Frauenantlitz. Ernst und schweigend blicken sie auf die Männer, werfen ihnen Grüße und Blumen zu. Und die Männer erwidern mit Blicken, die strahlen vor kraftvoller Freude. In ihren Herzen pocht jener edle Schillersche Geist, sie alle fühlen die Worte, die er den auszishenden Krieger zu seiner abschieds
bangen Gattin sprechen läßt: „Diese Arme schützen Pergamus..."
„Gürte mir das Schwert um, laß das Trauern ...!"
Deutschlands Söhne ziehen in den Krieg.
Knut Hamsun 75 Jahre alt.
Der größte lebende Dichter Norwegens, Knut Hamsun, feiert am 4. August seinen 75. Geburtstag. Seine Kunst wurde 1920 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Oer Weg zu den Rohstoffen.
Die Belebung der deutschen Binnenwirtschaft hat einen vermehrten Bedarf an Rohstoffen hervorgebracht, der teilweise nur durch Einfuhr ausländischer Rohstoffe befriedigt werden kann. Auf der anderen Seite hat der Rückgang der deutschen Ausfuhr eine Verknappung der Devisen verursacht, mit denen die Rohstoffimporte normalerweise bezahlt werden. Die Ursachen dieses Ausfuhrrückgangs sind oft erörtert worden. Der in einer Reihe von Ländern noch immer wirksame Boykott deutscher Waren, die Umlegung eines Teils der Russenkäufe aus Deutschland nach anderen Ländern, die wachsenden Schutzzölle und Einfuhrkontingentierungen der Ausfuhrländer, vor allem aber die Unterbietungskonkurrenz der Länder mit abgewerteter Währung, alle diese Faktoren haben zusammengewirkt, um in der gleichen Zeit, in der der deutsche Einfuhrbedarf infolge des vermehrten Rohstoffbedarfs der deutschen Wirtschaft anstieg, eine Verminderung der deutschen Ausfuhr und damit des Zugangs ausländischer Devisen hervorzubringen. Dieses Mißverhältnis kann die Reichsbank, nachdem ihre Bestände an Gold und Devisen bis auf einen geringen Rest verbraucht sind, nicht mehr aus ihren Reserven decken. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Zuteilung der Devisen für die Bezahlung des Imports von dem Eingang der Devisen aus dem Export deutscher Waren abhängig zu machen. Die Ausnutzung der Devisenkontingente hat auf 5 Prozent der Ausgangsbeträge herabgesetzt werden müssen. Trotzdem führt freilich Deutschland infolge der starken Belebung feiner Jnlandkonjunk- tur gegenwärtig noch immer mehr Rohstoffe ein als im Durchschnitt des vorigen Jahres. Aber die Rohstoffzufuhr deckt anderseits nicht den steigenden Bedarf der deutschen Wirtschaft.
Der wichtigste Weg zur Steigerung der Rohstoffeinfuhr ist natürlich eine Erhöhung des deutschen Exports und damit des Deviseneingangs. Es gibt in Deutschland noch immer Leute, die der Meinung sind, daß man der Konkurrenz des Auslands, das
„Vergiß das bis an deinLebensende nicht!"
Momentbilder aus den großen Tagen um den 1. August 1914.
Von Peter Engelmann.
(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Allenstein -
Generalstab des XX Armeekorps . . .
Der Morgen des 31. Juli 1914 dämmert herauf. Noch schlafen die Städter.Jm großen Gebäude des Generalstabs des XX. Armeekorps in Allenstein herrscht schon Leben. Der Chef sitzt an seinem Arbeitstisch, Pläne und Skizzen, letzte Meldungen breiten sich vor ihm aus...
। General Hell findet keine Ruhe in diesen Tagen —: Alarmmeldung aiff Alarmmeldung aus Rußland Drängt sich.
Der General weiß: jenseits der Grenze rüsten sie bis zum letzten Gamaschenknopf. Und der Kaiser will sich t^otz allem nicht entschließen, den Zustand der drohenden Kriegsgefahr zu verkünden und die deutsche Mobilmachung oorzubereiten — noch immer hofft Berlin, der Welt den Frieden erhalten zu können...
Eine nahe Turmuhr schlägt sieben. Kaum, daß der letzte Schlag verklungen, rasselt das Telephon.
Es meldet sich Berlin, der Große Generalstab, der Chef — Graf Mo 11ke.
Das schicksalsschwere Telefongespräch.
„Haben Sie an der Grenze den Eindruck, daß Rußland mobil macht?"
„Jawohl. Exzellenz", kommt es fest und entschlossen über die Lippen des Generals. „Jawohl, ich habe den Eindruck. Schon seit mehreren Tagen!"
„Woraus schließen Sie das?" fragt Moltke zurück.
„Die Grenze ist hermetisch abgesperrt. Kein Mensch kommt mehr herüber und zurück. Seit gestern brennen die Grenzwachthäuser! In Mlawa sollen die Russen schon rote Mobilmachungsbefehle angeklebt haben!"
Moltke: „Warum haben Sie sich solche Befehle noch nicht verschafft?"
Hell: „Es geschieht alles, um sie zu bekommen. Aber die Absperrung der Grenze hat es bisher nicht gelingen lassen."
„Solch einen roten Zettel müssen Sie mir verschaffen!" ruft Moltke erregt. „Ich muß die Gewißheit haben, ob tatsächlich gegen uns mobil ge
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M. Mik MM.
Vornan von Gert Nothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
2. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Fritz wohnte vier Treppen hoch bei einem alten Postbeamten. Der bewohnte mit seiner Frau die kleine, dürftige Wohnung, und er war froh, endlich mal einen ordentlichen Mieter gefunden zu haben, der nun schon so lange bei ihm wohnte und immer pünktlich die kleine Miete bezahlte. Sonst kümmerten sich die guten alten Leute um nichts.
Das Staatsexamen war bestanden!
Nun noch den Doktor!
Und dann?
Ja, was dann?
Dann wahrscheinlich das jetzige Leben weiterführen, denn nur ein Wunder würde eine Stellung schaffen können. Man hatte zu viel Vordermänner!
Eine fast aussichtslose Sache, jemals eine Stellung zu erhalten!
Onkel Wachlenburg in Langenwärde!
Der hatte ihn wirklich damals zu dem ersten Weihnachtsfest eingeladen! Und er, Fritz, war auch hingereist, da man extra das Fahrgeld für ihn geschickt hatte.
Das war dan gemütlich gewesen. Aber die ausdruckslosen Augen von Ilse Wachlenburg stießen ihn ab. Lia Wachlenburg war verlobt. Also handelte es sich in seinem Falle doch nur um Ilse.
Und Pate Wachlenburg versuchte noch einen Vorstoß:
„Ilse ist 'n nettes Mädel. Sei gescheit, mein Junge! Sie hat mehrere Verehrer. Da kann's eines Tages ans sein mit deinen Aussichten. Vorläufig gefällst du der Ilse sehr, und ich kann dir nur raten: Halte dich 'ran! Ilse kriegt hier das alles. Lia wird abgefunden. Die heiratet ja doch den Re- gierungsrat Michel. Also muß hier ein junger Chef her. So in vier bis sechs Jahren könnte das schon fein, trotzdem du noch sehr jung bist. Ich bin ja dann auch noch mit da. Aber fein einarbeiten könntest du dich unter meiner Leitung. Na? Schließlich war deine Mutter meine Jugendfreundin. Und ich hab' immer viel auf sie gehalten, auf die hübsche, weichherzige Lisa. Nach ihr biste mit deinem Dickschädel also nicht geraten. Den haste von deinem Vater, dem Herrn Farnhorst. Last gut sein! Du gefällst mir. Geh nicht mehr zurück, Junge! Bleib gleich hier!"
„Ich kann nicht!"
Da wurde das rote, freundliche Gesicht des Paten Wachlenburg sehr ernst.
„Dann muß ich meine Schlüsse also gleich heute ziehen. Ich sehe nicht ein, warum ich dann noch Zuschüsse geben soll..."
„Das sollen Sie ja nicht, Pate Wachlenburg. Ich helfe mir schon allein."
Fritz reiste am folgenden Tage ab. Und Ilse ging mit verweinten Augen umher.
Das war vor drei Jahren gewesen. Vor reichlich drei Jahren. Dazwischen lag viel!
Fort mit den Erinnerungen! Eine harte Schule, ja! Dennoch war er stolz, durch diese Schule durchgekommen zu fein. Er scheute nun auch den weiteren Kampf nicht. Die Kommilitonen, die gleich ihm so ziemlich mit dem Studium fertig waren, die hingen die Köpfe. Zum Teil kamen sie aus guten Verhältnissen. Wenigstens hatten sie bisher Sorge und Not nicht kennengelernt.
Die sorgten sich um die Zukunft halbtot. Aber er lächelte dazu. Weil es schlimmer nicht kommen konnte für ihn. Bestimmt nicht!
Er kannte kein Vergnügen, keine Zerstreuung. Er kannte nur Arbeit und Darben!
Andere hatten ihre Mädchen! Gingen an den meisten Abenden mit ihren Mädchen spazieren oder in ein Kino. Vielleicht langte es sogar einmal für ein Theater oder ein Konzert.
Er aber stand abseits von all dem. Er kannte keines der Mädchen näher. Studentinnen waren mit im Kolleg. Er empfand das nicht als gut.^Blaß und schmal saßen sie da in den vollgestopften ealen. Wenn diese Mädchen doch lieber irgendeine Hausarbeit machen würden! Oder draußen an der frischen Luft sein könnten! Wie gut das wäre! So warteten sie nun darauf, ihre Studium zu vollenden und mit den jungen Männern zusammen auf eine Stellung zu lauern!
Er gefiel einigen von ihnen, das merkte er. Aber er dachte nicht daran, irgend etwas anzufangen.
Da machten sie ihm böse Augen, uni) er lachte darüber. . . , ..
®ro8, breitschultrig war er geworden durch hie harte Arbeit und den Sport, den er nebenher nach trieb ...
Der Doktor wurde gemacht!
Das Geld dazu wurde erhungert!
Aber das wußte niemand, und es brauchte auch niemand zu wissen. Das war ganz allein seine Sache.
Der alte Briefträger Winkler war der Meinung, daß sein M^t-r nicht allzu schlecht gestellt sei. Der nÄr Är
'Das wa/ -lln Frage- und" Antwortspiel, das sich immer einmal wiederholte, und eben daraus ersah ZS daß sein Mieter Geld hatte. Aber er hatte keine Ahnung, daß sein Mieter dann zwei Stunden lang durch die Straßen der Großstadt lief, sich die noch erleuchteten Fenster der Delikateßläden anlah vor einem Kmo oder Theater stehenblieb, Bi der und Namen der Künstler ansah und dann wieder nach Hause ging und sich schlafen legte.
„Lange bleibt er nie , sagte dann Vater Winkler kauend zu seiner, Frau.
Sie aßen am Abend meist Pellkartoffeln mit Hering, und hinterher gab’s noch einen starken guten Bohnenkaffee. Und sie hatten keine Ahnung, wie sehnsüchtig ihr Mieter, wenn er heimkehrte, diesen Duft des Kaffees, der den ganzen Flur durchzog, in sich aufnahm.
Fritz Farnhorst kleidete sich aus, wusch sich und trank ein Glas Wasser. Dann legte er sich schlafen.
Und er blieb bei dieser spartanischen Lebensweise gesünder als die anderen jungen Menschen, die immer reichlich zu essen hatten und am Abend ihre Kräfte sinnlos vergeudeten. Oder in Lokalen saßen, die mit schlechter Luft angefüllt waren.
Das Abendessen sparte er seit langem. Aber, mittags aß er ordentlich. Es hatte aber auch Tage gegeben, wo er gar nichts essen durste.
Das war das Leben Fritz Farnhorsts. Und je härter es ihn packte, dieses Leben, desto stolzer, unbeugsamer wurde er.
„Ich weiche nicht! Nun gerade nicht! Ich muß es schaffen!"
Nun hatte er es geschafft.
Doktor der Volkswirtschaft Fritz Farnhorst!
Nun konnte ein neuer Lebensabschnitt beginnen!
An einem Morgen kam ein Sportkamerad auf ihn zu.
„Farnhorst! Wir sind heute abend dreizehn zum Geburtstag bei meiner Tante Olga. Willst du mitkommen?"
„Ich weiß nicht, man hat da doch immer die Rolle des ungebetenen Gastes zu spielen!" sagte Farnhorst unschlüssig.
Er wunderte sich selber über diese Antwort.
Klang es nicht, als habe er tatsächlich Lust, mit= zugehen?
„Keine Ahnung! Meine Tante hat mir aus- getragen, einen Kommilitonen mitzubringen. Also bist du doch herzlich willkommen."
„Gut! Ich komme mit!"
„Ich hole dich ab, Farnhorst."
„Bist ein guter Kerl. Auf Wiedersehn, Legler!" „Auf Wiedersehn, Farnhorst!"
Fritz Farnhorst bummelte feiner Wohnung zu. Und jetzt war er sogar schon so weit, daß er sich ein bißchen auf diese Geselligkeit freute.
Er kaufte im Blumengeschäft noch einige gelbe, langstielige Rosen; denn schließlich mußte er der alten Dame, die ihn da mit als Gast aufnahm, ein paar Blumen mitbringen.
Herr Winkler schnüffelte nun durch den Korridor, ging wieder zu seiner Frau in die Küche, die das Mittagessen überwachte, und dort sagte er:
„Er hat Rosen gekauft. Merkst du was?"
Frau Winkler rührte aus Leibeskräften ihren Kartoffelbrei. Sie sagte:
„Das geht dich gar nichts an, alter Schnüffler. Wenn es so ist, freut es mich. Er hat wie ein Einsiedler gelebt."
So! Die Sache war abgetan!
Am Abend kam Hans Legler und holte Fritz ab.
Er machte große Augen, als er das kleine einfache Zimmer sah, riß sich sofort zusammen und meinte:
„Recht hübsch wohnst du hier oben. Der Blick auf die Stadt ist einfach großartig!"
„Strapazier dich nicht, Legler. Ich wohne höchst einfach. Meine Mittel erlauben es nicht anders. Und ich bin wirklich ganz zufrieden. Manchmal denke ich, wenn ich plötzlich einen gutbezahlten Posten irgendwo bekäme, dann würde ich wahrscheinlich auch noch hier wohnen bleiben."
„Nein, es ist wirklich hübsch hier. Sag mal, sind diese wunderschönen Rosen etwa für Tante Olga?"
„Ja! Ich fand sie für eine alte Dame passend." „Sind sie auch. Aber nobel bist du. Da wirst du gleich einen gewaltigen Stein im Brett haben bei der alten Dame. Auf solche Sachen hält sie nun mal."
Farnhorst hatte sich inzwischen vollends fertig gemacht. Nun stand er vor dem Freunde. Im dunklen Anzug, dunklem Binder, schneeweißem Hemd.
„Smoking hab ich auch, aber — leider..." Er machte eine Bewegung mit der Schulter. Legler lachte.
„Der Abiturientensmoking paßt natürlich einem solchen Prachtkerl nicht mehr. Kann ich mir ja lebhaft denken. Ich hab auch den Anzug an, also klappt es."
Legler hatte schon so etwas geahnt, und deswegen hatte er sich dementsprechend gekleidet. Er trug auch Blumen. Aber es waren rosa Nelken.
Die beiden jungen Männer gingen nebeneinander die Treppe hinunter.
Es wurde sehr gemütlich. Fritz Farnhorst hatte das nicht für möglich gehalten, daß er sich so wohl- fühlen könne inmitten fremder Menschen. Aber Frau Olga Feller verstand, es ihren Gästen gemütlich zu machen. Und ihr gemütlicher (Batte machte da tapfer mit. Ein paar junge Mädchen waren auch mit da. Sie wurden ganz rot vor Freude, als sie Doktor Farnhorst sahen und er ihnen vorgestellt wurde. Hans Segler war sehr fidel. Und er freute sich, daß er den famosen Kerl, den Farnhorst, mit hierher gebracht hatte. Der konnte wirklich ein bißchen Frohsinn gebrauchen!
Aber weiter aus sich heraus ging der nicht. Doch es genügte ja so auch schon. Tante Olga war jedenfalls ganz entzückt von ihm. Und der alte Herr Feller nahm ihn dann beiseite.
„Lieber junger Freund — wie sieht die Zukunft aus?"
„Schlecht, Herr Kommerzienrat."
„Ja, ja! Hätten Sie nicht Lust, als mein Der- freier nach Salheim zu gehen? Ich besitze dort die großen Steinbrüche. Änsangsgehalt dreihundert Mark monatlich. Wohnen könnten Sie im Beamtenhause ober auch im Gasthof, wenn Sie den Weg nicht scheuen vom Dorfe bis zu den Brüchen."
(Fortsetzung folgt.)


