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Ur. 279 Erster Blatt

I8|. Jahrgang

Donnerstag, 29. November M4

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Das verlorene SSeichgewicht.

Für sie ob Liberale oder Konservative, Ra­dikale oder Unionisten war das Hauptziel der britischen Außenpolitik die Erhaltung des Reichs (empire) und die Sicherheit und Wohlfahrt xer britischen Inseln. Sie juchten dieses Ziel durch ^wandelbares Festhalten an drei wesentlichen Grundsätzen zu erreichen. Der erstere war See- ->err schäft, der zweite das (Gleichgewicht n (Europa, der dritte die Verteidigung : e r Grenzelt und Verbindungswege !«es britischen Weltreiches. Diesen drei Grundsätzen fügten sie einen Zusatz bei, daß nämlich die Srcher- !<it ohne Rückgriff auf Krieg und mit dem gering- i en möglichen Einsatz von Menschen und Geld aus- Lchterhalten werden sollte." Diese Definition der fnitischen Außenpolitik stammt von Harold Ni- i o l s o n, einstigem Privatsekretär Lord Curzons i:nb späterem Ersten Botschaftsrat an der englischen Botschaft in Berlin, Sohn Sir Arthur Nicolsons, der neben Lord Crewe und Grey die Fäden der briti­schen Außenpolitik vor dem Weltkriege in den Hän- ixn hielt, und steht in dem kürzlich in deutscher Sprache bei S. Fischer in Berlin erschienenen .weiten Band derNachkriegsdiplomati e", !$r die Zeit von 1919 bis 1925 behandelt, eine Zeit, !ie der heutigen nicht ganz unähnlich ist.

Es ist also eine recht authentische Definition, mit Ixr wir es zu tun haben, und gerade weil sie von unem klugen Manne stammt, dem deutsches Wesen außerdem nicht ein Buch mit sieben Siegeln ist, -Nüssen wir uns über die krausen und verschlungenen fZsade wundern, auf denen sich heute die britische ußenpolitik ergeht. Seeherrschaft? Wir sehen nur >llottenoerhandlungen, bei denen der Engländer ein- ial den Amerikaner, ein anderes Mal den Japaner sieundschaftlich-drohend unterhakt und wo von einer i-eeherrschaft herzlich wenig zu spüren ist. Gleich- l^wicht in Europa? Wir sehen nur Ermunterungen in Frankreich, durch den Einmarsch von Truppen in ins Saargebict diebalance of Power, das Gleich- e-wicht der Mächte, noch mehr zu stören. Verteidi- jimg der Grenzen und Verbindungswege des briti­shen Weltreiches? Wir sehen nur ein allmähliches ^rückweichen vor Japan, für das der immer wieder r rzögerte oder doch wenigstens lasch betriebene Slusbau der Befestigungen von Singapore bezeich- tlünd ist.

Die Engländer mögen uns nicht mißverstehen: Mr haben gewiß den Wunsch, die Gründe zu m k e n n e n , von denen sich ihre Außenpolitik leiten lsßt, wie es ja geradezu eine deutsche Schwäche ist, olles Fremde zu verstehen und zu begreifen. Aber nenn uns, wie es auch der gescheite und weltoffene lxirold Nicolson tut, vorgeworfen wird, daß wir nor dem Kriege diese drei Hauptziele der britischen Außenpolitik nicht erkannt und dadurch das to itische Weltreich in seinen Grundfesten bedroht hätten, so fehlt uns nicht durch unsere Schuld! Derhaupt jedes Organ für eine Erkenntnis, für die !se tatsächlichen Voraussetzungen einfach nicht mehr vorhanden find, weil sie im Weltkriege ver - 1)0ren gingen.

Wir begreifen allenfalls den Wunsch der Englän- hr, in irgendeiner Form zu diesen Voraussetzungen MÜckkehren zu wollen, aber wir halten den Weg str verhängnisvoll, den England zu diesem Zweck twgeschlagen hat. Denn selbst wenn wir die Frage mch der Seeherrschaft und nach der Sicherung des Reiches offen lassen, so ist die Gewährleistung und Lmfrechterhaltung des europäischen Gleichgewichtes k ich so problematisch geworden, daß sie in Wirklich­em überhaupt nicht mehr besteht. Entzieht man in- djssen dem Gebäude der britischen Außenpolitik t$fen einen Pfeiler, so muß es, mögen die beiden o.iöeren noch so fest sein, zusammenbrechen. Denn d-x Behauptung des Gleichgewichtes in Europa ist irtb bleibt unvereinbar mit einer Politik, die die lenzen Englands, nach den Worten Baldwins, nsm Kanal an b e n Rhein verlegt. Was hat jc»ließlich, so fragen mir Deutschen, die wir uns airn eines Besseren belehren lassen, das europäische Gleichgewicht auch nur mit dem Gedanken zu tun, englische Luftstützpunkte mit entsprechenden Htanfs auf französischem und belgi- (3 em Boden zu errichten Wir fragen ... und Sngland kommt uns mit (Erinnerungen aus dem Dirigen Jahrhundert, die wir für wahr nehmen |tl(en.

XEs gibt ein bekanntes Wort Bismarcks, daß das butsche Volk dem englischen trotz allen Enttäuschun- H.-n noch stets die größten Sympathien entgegen- gebracht habe und entaeqenbringe. Diese Feststellung bis Altreichskanzlers ist zweifellos zutreffend. Selbst n,ch dem Weltkriege hegte das deutsche Volk in irßug auf England Erwartungen, die non einer flmiffen Sympathie getragen, mehr enttäuscht als rfüKt wurden. Die Aera non Locarno trug schließlich erheblich dazu bei, dem diplomatischen Meinungsaustausch zwischen Berlin und London a:ch in der deutschen Dolksstimmung einen freund- ! üchen Widerhall zu verschaffen. Man war eben da­mals in weiten Kreisen des deutschen Volkes Über- iivt, in England d e nehrlichen Makler" zu je'-en trotz dem Fehlen der Voraussetzungen, die nach nMcher Meinung zu den Grundsätzen britischer Außenpolitik gehören.

Und in der Tat war ja Locarno ein Versuch, Dinn auch ein schwacher, so etwas wie ein eurö­misches f leichgewicht wieder herzustellen, diutschland wußte, was es von England erwarten tonnte und was nicht. Seitdem hat sich, nicht nur n Deutschland, vielerlei geändert, nichts aber an )e" grundsätzlichen Bedeutung der Locarnooerträge! -mtschland ist gewillt und entschlossen das hat ter Führer und Reichskanzler unzweideutig zum hsbruef gebracht an Locarno festzuhal - lern. Die Verträge vom November 1925 enthalten !tineclausula rebus sic stantibus'', Leine Dor-

Oie Rüfiungsdebatte im englischen Llnierhaus.

ChurchillsEnthüllungen". Die angebliche deutsche Gefahr als Motor für englische Aufrüstung.Lloyd George zum friedensbedrohenden Charakter der französischen Rüstungen

Baldwin

erklärte für bie Regierung: Die ganze Frage be­rühre nicht nur Großbritannien und feine Ver­teidigungsmittel, sondern ganz Europa. Aber sogar jetzt, wo die Dinge so schwarz erschienen, habe er nicht bie Hoffnung auf eine Rüstungs-

beschränkung irgenbetner Art aufge« g.e b e n. Er wolle nichts sagen, um bie Annähe­rung zu erschweren, die aus dieser Aussprache fol­gen konnte, und er hoffe, daß Deutschland, wenn es die Rede lese, jedes Wort von dem, was er ge­sagt habe, lese und die Rede nach ihrem Geist beurteile, ohne einzelne Worte herauszunehmen.

Gedämpftere Töne von der Regiemngsbank.

Es waren im Januar erst zwölf Monate her, daß' das augenblickliche Regime in Deutsch­land zur Macht gelangte. Ich werde dieses Re­gime nicht kritisieren, aber das notwendige Ergeb­nis einer Revolution ist, daß ein Diktator oder jemand, der an der Stelle eines Diktators steht, zur Macht gelangt, und es ist bekanntermaßen schwieriger, Fühlung mit einem Diktator zu erhal­ten, als mit einer demokratischen Regierung. Das ist das eine Ergebnis. Zweitens bringt eine Revolution eine Anzahl neuer Männer zur Macht, die nicht die Erfahrung haben, für ihr Land auswärtige Ange­legenheiten zu behandeln, und deren Persönlichkeit den Staatsmännern anderer Länder nicht bekannt ist. Man b r a u ch t Z e i t, um über diese Schwie­rigkeiten Hinwegzukommen und die Fühlung w i e d e r h e r z u st e l l e n, die seit vielen Jahren hoffnungsvoll auf Deutschland gewirkt hat. Das, was in Europa wahrend der letzten Jahre geschehen ist, mag der Beweis für bas fein, was ich eben gesagt habe. Im Januar kam das neue Regime zur Macht, und schon der nächste Monat erlebte die Stärkung der Kleinen (Entente, bie als erster Teil Europas auf die neue Lage ant­wortete. Nicht viel später sehen wir die großen Erschütterungen in Oe st erreich, zum großen Teil infolge der Nazi-Propaganda. Im Ok­tober zog sich Deutschland vom Völker­bund und der Abrüstungskonferenz zurück. In einem Augenblick, wo wir berechtigte Hoffnungen hatten, etwas Wesentlicheres zu errei­chen, als seit vielen Jahren. Die Zusammenarbeit unter den europäischen Nationen wurde damit vor­läufig zerschlagen. Dieses Jahr haben wir sogar Zeichen von Nervosität in den Ländern gesehen, die nicht direkt von den Ereignissen berührt wur­den, nämlich in der Schweiz und in Skan­dinavien. Man hat gesehen, wie in Frank­reich Kredite behandelt und vorgeschlagen werden, um die Festungswerke im Norden zu vermehren und um in vielfacher Weise die Luftstreitkräfte auf­

zurüsten und Ausrüstung und Munition zu beschaf­fen. Man hat auf der anderen Seite der Alpen Italien durch die Rückwirkungen der Nazi-Pro­paganda in Oesterreich beunruhigt gesehen, und man hörte eine Rede vom Duce selbst, die, wenn sie wörtlich aufgefaßt würde, sehr beunruhigend ge­wesen wäre. Polen schloß einen Nichtangriffspakt mit Deutschland ab, der bald auf die Einführung des neuen Regimes folgte, und Deutschland verwarf den russischen Vorschlag für eine Garantie eine deutsch-polnische Garantie der baltischen Staa­ten. Rußland ist ein Land, das durch seine na­türliche Lage mehr Sicherheit besitzt als irgend­jemand in Europa. Trotzdem kann man sehen, daß Rußland, das vielleicht einige Besorgnis im Fernen Osten empfindet, zu gleicher Zeit sich darüber be­unruhigt, was vielleicht an seiner Westgrenze im Gange sein könne, und es hat eine gewisse A n - näherung Rußlands an Frankreich stattgefunden. Es sind Besprechungen mit Frank­reich erfolgt, von denen dafür leiste ich Gewähr keine stattgefunden hätte, wenn nicht Deutschland den Völkerbund verlassen hätte und wenn nicht die Handlungen Deutschlands mit Bezug auf seine Rü­stungen von diesem Zeitpunkt an in ein Geheimnis gehüllt gewesen wären. Dies führte zum Vorschlag für den Pakt gegenseitiger Unter­stützung in O st eu r o p a, den wir warm befür­worten und dabei anregten, ihn mehr in Heber- einftimmung mit Locarno zu bringen und ihn allgemein für die Teilnehmer annehmbarer zu gestalten. Dies ist fehlgeschlagen. Als natürliches Ergebnis einer fast zweijährigen Herrschaft dieses Regimes in Mitteleuropa hat sich ein Zustand nervöser Besorgnis ergeben, der sich von einem Land nach dem anderen ausbreitet und ein böses Vorzeichen für den Frieden Europas dar- stellt. Baldwin bemerkte, er werde eine Anzahl von Zahlen angeben, aber infolge der Tatsache, daß Deutschland eindunkler Kontinent" sei, könne er keine Gewähr für die Ziffern übernehmen.

Lhmchills Zahlen sind übertrieben.

Baldwin erklärt, es bestehe kein Grund für eine Panikstimmung.

Baldwin fuhr fort: Die Gerüchte, die über die Neubildung des deutschen Heeres ver­breitet waren, sind auf die Tatsache begründet, daß Deutschland im Begriff ist, fein langfristiges Dienst­heer von 100000 Mann in ein kurzfristiges Friedensheer v o.n 300 000 Mann ürn- z u w a n d e l n. Dies war die Forderung, die von Deutschland zu der Zeit, als es die Abrüstungskon­ferenz verließ, zuerst gestellt wurde. Baldwin er­klärte dann:

Die Deutschen schafften sich eine Luftstreit- macht; er glaube jedoch, daß die meisten der Berichte in der englischen Presse stark über­trieben seien. Es gebe im gegenwärtigen Augenblick keinen Grund für unan­gebrachte Besorgnisse und noch weniger für Panik. Weder England noch irgend jemand in Europa stehe augenblicklich vor irgendeiner unmittelbaren Bedrohung. Es herrsche kein tatsächlicher Notzustand, aber Groß­britannien müsse vorausschauen.

Die Zahl der deutschen Militärflugzeuge beziffere sich auf 600. Die höchste Ziffer, die von einer guten Quelle genannt worden sei, betrage

1000. Wahrscheinlich bewegt sich die tatsächliche Zif­fer zwischen diesen beiden Zahlen. Es bestehe kein Zweifel, daß während der letzten sechs Mo­nate die Leistungsfähigkeit der deutschen Luftindu­strie stark erhöht worden sei.

Baldwin stellte nachdrücklich in Abrede, daß Groß­britannien allgemein in der Luft nachhinke. Es treffe nicht zu, daß sich Deutschland rasch dem Stande Großbritanniens nähere. Deutschland befasse sich tatsächlich aktiv mit der Herstellung von Militär­flugzeugen, aber feine wirkliche Stärke betrage nicht 50 o. H. der heutigen Stärke Großbritanniens.Die britische Regierung", so hob Baldwin hervor,ist entschlossen, unter keinen Bedingungen irgendeine Unterlegenheit in Bezug auf irgendeine Streitkraft hinzunehmen." Nachdem Baldwin die Frage der zivilen Luftfahrt behandelt hatte, fuhr er fort, es sei feine Über­zeugung, daß auch Deutschland diese Besorgnis nicht unbekannt sei. Deutschland hänge bei seiner geogra­phischen Lage sehr von der Freundschaft und den Handelsbeziehungen mit feinen Nachbarn ab. Wann werde der Tag kommen, wo Deutschland dies er­kennen werde? Solange Deutschland sich zurück- halte und keine unmittelbare Verbindung mit

London, 28. Nov. (DNB.) Das Unterhaus war am Mittwoch in Erwartung der großen Aussprache über Churchills Antrag auf Erhöhung der britischen ßuftftreitträfte dicht be­setzt. Churchill begann seine Darlegungen mit der Feststellung, daß er einen Krieg nicht für unmittelbar bevor stehend oder unver­meidlich erachte. Aber es scheine ihm sehr schwierig, die Schlußfolgerung zu umgehen, daß Großbritan­nien unverzüglich für seine Sicherheit sor­gen müsse, weil dies andernfalls bald außerhalb seiner Macht liegen würde. Die große neue Tatsache, daß Deutschland wieder a u f r ü ft e, dränge fast alles in den Hintergrund. Die Fabriken Deutsch­lands arbeiteten eigentlich unter Kriegsumständen. Deutschland rüste auf zu Land, in gewissem Maße zur See, und was Großbritannien am meisten be­rühre, i n d e r L u f t. Die furchtbarste Art des Luft­angriffs sei die Brandbombe. Eine Woche oder zehn Tage nachhaltiger Bombenangriffe auf London wür­den 30 000 oder 40 000 Menschen töten oder ver­stümmeln, und in kurzer Zeit würden drei oder vier Millionen Menschen aufs Land hinausgetrieben wer­den. Jeder Teil des Landes befinde sich fast inner­halb Reichweite eines Luftangriffes. Es sei so gut wie zwecklos, wenn man plane, die britischen Arsenale und Fabriken nach der Westküste zu verlegen. Man müsse dieser Gefahr dort, wo man stehe, gegenübertreten und könne sich nicht von ihr wegbewegen.

Die einzige praktische und sichere Verteidigung sei, dem Feind ebensoviel Schaden z u - z u f ü g e n, wie er England zufügen könne. Wenn dies erreicht werden könne, was bedeuten dem­gegenüber 50 oder 100 Millionen Sterling, Groß­britannien müßte jetzt beschließen, koste es was es wolle, in den nächsten zehn Jahren eineLuftstreitmacht zu u n t e rh alten, die wesentlich stärker ist, alsdie Deutsch­lands. Es würde ein großes Verbrechen gegen den Staat fein, wenn irgendeine britische Regie­rung es zulassen würde, daß die Stärke der briti­schen Luftstreitkräfte unter die der deutschen falle. Churchill streifte dann die Frage, ob es nützlich sei, durch den Völkerbund die Schaffung von Schutzvor­posten auf dem Kontinent zu betreiben. Es bestehe kein Grund zu der Annahme, daß Deutschland Großbritannien angrei- f e n würde. Das deutsche Volk habe sehr freund­schaftliche Gefühle gegenüber England. Aber es könnte bald in der Macht der deutschen Regierung liegen, dies zu tun, wenn Großbritannien nicht handele. Alles was bei der Organisation der deut­schen Regierung notwendig sei, um ohne Ankündi­gung einen Angriff vom Stapel zu lassen, sei der Beschluß einer Handvoll Männer. Es sei eine Ge­fahr für ganz Europa, daß England sich in dieser Stellung befinde. Die Gefahr würde Großbritan­nien in sehr kurzer Zeit heimsuchen, wenn es nicht sofort handele. Das Geheimnis der deut­schen st ungen müsse geklärt werden. Deutsch­land rüste in Verletzung des Vertrages auf. Heute habe Deutschland seine militärischen Luftstreitkräfte mit den notwendigen Ergänzungsdiensten auf dem Erdboden, mit Reserven und ausgebildetem Perso­nal und Material. Dies alles warte nur auf einen Befehl, um zufammengefaßt zu werden. Diese ungesetzlichen Luftstreitkräfte erreichten rasch denselben Stand wie die britischen. Nächstes Jahr um dieselbe Zeit würden, wenn Deutschland und Großbritannien sich an ihre Programme halten, die deutschen militärischen Streitkräfte m i n d e - ft e n s s o ft art sein, wie die britischen. Ende des Jahres 1936 werde die deutsche Militär-Luftstreit­kraft f a ft 5 0 v. H. ft ä r f e r sein und im Jahre 1937 bie doppelte Stärke der großbritanni­schen erreicht haben. Deutschlands Zivilslugzeuge könnten leicht umgewandelt werden, während die Großbritanniens für Kriegszwecke wertlos feien. Die verschleppende Politik der britischen Regierung auch nur einige Monate fortzusetzen, würde bedeu­ten, Großbritannien der Macht zu berauben, je die deutschen Anstregungen zu überflügeln. Chur­chill erntete lauten Beifall vonseiten der Regie­rungsbänke.

behatte für den Fall einer Aenderung der politischen Lage, auf Grund deren eine der beteiligten Mächte sich ihren feierlichen Verpflichtungen entziehen kann. Sie garantieren den durch das Versailler Diktat fest­gelegten Status im Rheinland und im Saar­gebiet. Sie verpflichten England sowie Italien, im Falle eines Angriffs auf der Seite des Ange­griffenen zu stehen.

Sie haben aber keinerlei Beziehung zu den Pro­blemen, die beispielsweise in der Abrüstungs­frage zwischen Deutschland und Frankreich zu losen sind. In gewissen englischen Militärkreisen scheint man indessen der merkwürdigen Ansicht zu sein, daß die deutsche Forderung nach Gleichberechti­gung automatisch die Bestimmungen der Locarno­oerträge ausgelöst habe und deshalb die britische Luftflotte verpflichte, ihre Bombenflugzeuge auf französischem Boden zu stationieren. Seit wann aber befindet sich das Foreign Office im Schlepptau des War Office?

Nun ja, London und Paris haben dementiert und legen Wert auf die Feststellung, daß die Veröffent­lichungen desParis Midi" über die Anlage von britischen Flottenstützpunkten nicht zutreffend feien.

Wir wollen an der formellen Richtigkeit dieser De­mentis gar nicht zweifeln; aber bas bedeutet doch nicht, daß gar k e i n e A breden zwischen London und Paris über die Nützlichkeit und Möglichkeit von britischen Flottenstützpunkten in Frankreich und Bel­gien bestehen. Jebensalls ist es auffällig, daß in dem Augenblick, da derParis Midi" aus der Schule plaudert, bie belgische Regierung einefinanzielle" Krise inszeniert und zurücktritt.

Wie dem auch sei man apostrophiert in Frank­reich und England so gern denG e i st von Lo­carno" und wirft uns vor, diesen Geist durch alle möglichen Maßregeln und Kundgebungenverwirrt" zu haben. Wir halten diese Geisterbeschwörung für gelinbe gesagt altmodisch; aber wenn damit dem europäischen Frieden gedient wird, so fragen wir gern: Dient es dem Frieden, daß englische Ge­neralstäbler auf der Karte Nordfrankreichs und Bel­giens die Dörfer ankreuzen, die sich für die Anlage von Lufthäfen am besten eignen? Dient es dem Frieden, wenn auf Wink des Foreign Office der französische Generalstab Truppen an die Grenze des Saargebietes einmarschbereit aufstellt? Ist das der Geist von Locarno"L

I Heute antworten uns die Engländer, volkstümlich gesprochen:Der Brei wird nie so heiß gegessen, wie er angerührt wird". Das wollen mir ihnen gern glauben. Damit aber machen sie uns den Brei nicht schmackhafter. Die gesamte Frage ist viel e r n ft e r und grundsätzlicher, als es die Engländer wahr haben wollen. Man kann nicht in London be­haupten, dies und dies sind die Hauptziele unserer Außenpolittk, und gleichzeitig das Gegenteil von dem tun, was diese Hauptziele dem Sinne nach fordern. Man kann nicht, wie es dieTimes" tut, theoretisch fordern, daß von Deutschland der Makel ungleichen Rechts genommen wird, und gleich, zeitig die Gewährung der Gleichberechtigung oon den Wohlwollen Frankreichs abhängig machen oder erklären, daß Englands Sicherheit am Rhein be­ginnt. Wir Deutschen haben das Wort Ernst Moritz Arndts, daß der Rhein Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze ist, keineswegs vergessen. Lloyd George hat 1919 und Lord Curzon 1923 Wert darauf ge­legt, daß dieses Wort zu Recht bestehe. Soll, was 1919 und 1923 galt, heute keinen Sinn mehr haben?