kr. 255 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Montag. 29. Oktober 1954
Vom schöpferischen Handwerk
* Dgl. Gießener Anzeiger vom 1., 8., 15. und 29. September, 6., 15. und 20. Oktober.
Das Rohstoffproblem und die technische Forschung
Bereitet den Boden für die Wiedererweckung einer echten Volkskunst!
Don Oipl.-Ing. Dr. Wilhelm Bölter.
VHP.
Feuerfest aus deutschem Asbest.
Lon Or. 3- Schwanke.
Der Asbest ist uns der Inbegriff eines un verbrennbaren Stoffes. Die Hausfrau legt Asbestplatten unter ihre Kochtöpfe, um ein Anbrennen der Speisen zu verhindern. 2)ie Stahlkassette, in der der Hausherr wichtige Geschäftspapiere bewahrt, hat eine Einlage von Asbeststreifen, um den Inhalt im Fall eines Wohnungsbrandes zu schützen oder auch unerwünschtem Besuch ein Aufschweißen der Kassette zu erschweren.
Weit wichtiger sind aber die Aufgaben des Asbestes in derIndustrie. Hitzebeständig und -abweisend hat er a l s I s o l i e r m a t e r i a l z. B. für Dampfmaschinen, aber auch zur Herstellung feuerfester Wände im Hochbau und Schiffbau weite Verwendung gefunden. Dank seiner Fasernatur läßt er sich nicht nur zu Platten verarbeiten, sondern im Gemisch mit anderen Textilien verspinnen und ve r w e b e n. Wir verwenden Asbestfäden im Gasglühlicht, Asbest im Bremsbelag der Automobile; die meisten Arbeitsschutzmasken und -kleider und ebenso Spezialseuerwehranzüge bestehen zum großen Teil aus solchen feuerfesten, aber auch elastischen und verhältnismäßig leichten Asbestgeweben. Auch Theaterdekorationen werden vielfach aus Asbeststoff gefertigt. — Daß er nicht allein gegen Hitze, sondern auch gegen sehr viele Säuren unempfindlich ist, hat dem Asbest eine besondere Stellung in der chemischen Industrie eingetreten, und nicht zuletzt benötigt der Luftschutz und damit die Landesverteidigung große Mengen dieses eigenartigen Materials.
So hatte Deutschland bereits in den verflossenen Jahren einen Eigenverbrauch an Rohasbest von jährlich ungefähr 150 000 Doppelzentner. Dieser Bedarf steigt zur Zeit steil an, weil unsere Industrie allgemein wieder stärker beschäftigt ist und größeren Rohstoffverbrauch hat, weil der Luftschutz in Deutschland doch erst im Aufbau steht und weil der Asbest als ein Faserstoff von äußerst wertvollen elastischen Eigenschaften günstig manchen Sor-
III.
Verständnis wecken!
Es wird nun aber Zeit, daß wir an das Wort herantreten, das wir jetzt schon des öfteren — gewissermaßen als Beschwörungsformel — genannt haben: das „schöpferische Handwerk".
Jedes Handwerk „schafft" etwas, aber darum ist es doch nicht „schöpferisch". Wir sprechen vom Schöpfer und rgeinen damit die Kraft, die aus dem Nichts ein Etwas erschafft, also ein noch nicht Da- gewesenes. Uebertragen auf das alltägliche Leben bedeutet es das Erfinden und Erschaffen nach neuen Formen, neuen Gedanken, neuer Ordnung. Die Ueberwindung des bekannten Schema F, die Ausrichtung auf ganz neue Zielpunkte, Reichtum der Gestaltung, mit einem Wort: ein sinnvoll Neues.
Es ist ganz sicher, daß jeder Mensch gewisse handwerkliche Talente und künstlerische Anlagen besitzt. Der beste Beweis dafür ist der überraschende Reichtum an Fähigkeiten, der auf den Freizeitabenden des Arbeitsdienstes zutage getreten ist.
Gleichzeitig kann es aber keinem Zweifel unterliegen, daß für jedes tüchtige Werk zum Talent die Hebung treten muß. Die erprobte Hand, das geübte Auge, der erfahrene Sinn des Meisters sind durch Talent und guten Willen allein nicht zu ersetzen. Wenn wir daher auch die Wiedererweckung häuslicher Handfertigkeiten herzlich willkommen heißen, so muß doch der Träger jener Aufgabe, der Heberwindung der Massenware durch eine persönliche Kunst, das berufliche Handwerk sein.
Ah, da hören wir die Handwerker: „Das ist alles ganz schön und gut, aber dafür hat unsere Kundschaft weder das nötige Geld noch das nötige Verständnis."
Der Einwand war zu erwarten.
Es wäre auch fruchtlos, eine Forderung aufzustellen, ohne Wege zu ihrer Verwirklichung anzugeben.
Eine alte Erfahrung sagt: was der Mensch ernstlich will — ernstlich groß geschrieben —, das erreicht er auch. „Die Sterne reißt's vom Himmel, dies eine Wort: ich will!"
Demnach ist das Verständnis wichtiger als das Geld. Das Verständnis müssen wir zuerst wecken. Mit Schulunterricht und Vorträgen kommen wir noch nicht weit. Nebenbei gesagt, wer sollte diese Vorträtze halten? Handwerkskunst und Dortragstalent sind so häufig nicht gepaart, daß aus den Reihen des Handwerks freiwillige Hnterrichts- kräfte in genügender Anzahl gestellt werden könnten. Das Handwerk muß aber der Träger der Aktion sein, denn es handelt sich hier um sein ureigenstes Gebiet.
Man macht auch immer wieder die Erfahrung, daß unterrichtende Dorträae mit Aufmerksamkeit gehört werden, daß sie indessen kaum imstande sind, die Verlagerung der Kaufkraft der Bevölkerung wesentlich zu beeinflussen. Da muß schon das Leben selbst den Lehrmeister spielen. Lebendiges Sehen, Selbermachen, das Beispiel des Nachbarn, das sind Momente, die stärker reizen und darum auch eher zum Ziele führen.
Wir müssen vor allem wieder sehen lernen. Mit fatalistischer Gleichgültigkeit laufen wir heute an den entsetzlichsten Geschmacksverirrungen vorbei. Manchem kommt nicht einmal der Gedanke, daß hier etwas verzweifelt nach Abhilfe schreit. Es mag ihn anbrüllen, er ist taub, so taub wie jene Zeitgenossen, die beim Gequäke der Jazzband Kaffee tranken, so blind wie die Unglücklichen, die beifällig nickend von kubistischen Trostlosigkeiten standen.
Wenn uns aber die Macht der Gewohnheit dazu führt, die größten Tollheiten gelassen hinzunehmen,, nun so müssen wir die Gewohnheit so oft durch-' brechen, bis der Bann sich löst und die Betäubung weicht.
beginnt die eigentliche Lust am schönen Gegenstand. Darum liegt es im Interesse des Handwerks, diese Heimarbeit zu fördern. Sie kann ihm im Augenblick nicht viel nehmen, in Zukunft aber sehr viel geben.
Notwendig ist aber, daß der Handwerker stets zugleich sein größeres Können am meisterhaften Werkstück zur Schau stellt. Der Schmied schmiede ein musterhaftes Geländer oder eine Gittertür vor seinem Haus. Der Tischler fertige eine meisterlichschöne Haustür. Der Maler streiche sein Haus in freundlichen Farben. Wäre es denn nicht widersinnig, wenn der, der andere Schönheit in Haus und Heim lehren will, das eigene vernachlässigt an einer Stelle, die seiner eigenen Kunst offensteht?
Wenn aber zwei und drei dasselbe wollen wie hier der Schmied, der Tischler, der Maler, so ist es vernünftig und natürlich, daß sie sich die Erzeugnisse ihres Könnens gegenseitig früher zum Tausch anbieten, als sie dieses Können dem Kaufmann oder dem Beamten zur Verfügung stellen.
Der Kaufmann wird das Beispiel seines Nachbarn Handwerker auf die Dauer nicht übersehen. Unb wenn er wirklich blind sein sollte: seine Frau ist es gewiß nicht!
Danach können wir der Geldfrage nähertreten.
(Fortsetzung folgt.)
Wiederum ist es eine Erfahrung, daß, wer Schönes sah. Schlechteres nicht mehr mag. Als man Menschen im Bild den Prunk der Paläste zeigte, da griffen sie in heißem Drang nach der Flitterware, in dem Glauben, dadurch die Lücke ihrer vermeintlichen Armut zu füllen. Sie merkten nicht, daß sie nun erst wahrhaft arm wurden. Sollte man in ihnen durch Zurschaustellen wahrhaft schöner handwerklicher Erzeugnisse nicht den Wunsch nach wirklicher Kunst wecken können? Man sage doch nicht, daß sie's nicht verstehen würden: wenn aus deutschem Blute Künstler hervorgegangen sind, so muß Künstlertum im deutschen Blute liegen. Keiner ist so ganz arm daran.
Aber weiter: das Sehen allein tut es nicht. Ein Ding wird uns erst dann so recht zu eigen, wenn wir es mit eigener Hand schaffen. Darum ist das Basteln im eigenen Haus oder in der eigenen Kameradschaft die beste Schulung überhaupt. Hier
ten unserer Textilien beigemengt werden kann. Heber seinen Eigenverbrauch hinaus hat Deutschland einst auch eine leistungsfähige Asbestwaren- Fabrikation und einen weitreichenden Asbestwaren- Handel gepflegt. Beide liegen seit dem Weltkrieg völlig still; denn Deutschland hat zwar Asbest verarbeitet, mußte aber den Roh st off immer vom Ausland beziehen, da abbauwürdige Asbestgruben in Deutschland nicht gefunden werden konnten. Seit in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts große Asbestvorkommen in Kanada entdeckt wurden und damit der schon im Altertum bekannte Rohstoff erst richtig seinen Einzug in die Technik hielt, hat sich Kanada eine absolute Vormachtstellung am Asbestmarkt sichern können. Allein in der kanadischen Provinz Quebec waren im Jahre 1922 an 175 Millionen Goldmark in Asbestgruben investiert. Kanadas Produktion stellt heute ungefähr 75 v. H. der Welterzeugung dar. Neben ihm liefern nur noch Südafrika und Rußland Asbest in nennenswertem Umfang, die Asbestgruben der ganzen Welt sind zu einem Syndikat mit unbeschränkter Monopolstellung zusammengeschlossen. Dieses Syndikat beherrscht heute nicht nur die Produktion, sondern es hat durch Kontingentierung der Warenlieferungen auch einen maßgebenden Einfluß auf die Auswahl der Fabrikanten und auf die Preisbildung der Fertigwaren gewonnen. Z. B. konnten die Vereinigten Staaten im Jahre 1923 für 240 Millionen Mark Afbeftwaren ausführen, während Deutschland im gleichen (Jnflations-) Jahr mengenmäßig nur V230 davon ausführen konnte.
Seit etwa fünf Jahren arbeiten nun zwei deutsche Forscher an der Synthese des Asbestes. Als Dr. Lüdke, Leipzig, damals mit dem Gedanken auftrat, Asbest künstlich herzustellen, fand er zunächst sehr wenig Zutrauen und so gut wie keine Unterstützung. Endlich bot ihm Professor Scheumann, Leipzig, in seinem mineralogischen Laboratorium Arbeitsmöglichkeit. Seit 1933 konnte Dr. Lüdke mit Unterstützung der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft seine Arbeiten zu Ende führen. Bereits auf der Tagung der Deutschen Mineralogischen Gesellschaft 1932 teilte Professor Scheumann mit, daß ihnen eine erfte Synthese von „Hornblende", — dem Ausgangsprodukt des Asbest, — gelungen fei. In diesem Jahr berichtete Dr. Lüdke dem Mineralogenkongreß in Berlin, daß die Synthese einer ganzen Anzahl verschiedener Hornblenden vollendet ist.
Geheimrat Wiegand erhält den Adlerschild.
W
Der Führer und Reichskanzler hat dem Geh. Reg.-Rat Dr. Wiegand in Berlin anläßlich seines 7 0. Geburtstages am 30. Oktober 1934 den Adlerschild oes Deutschen Reiches mit der Inschrift: „Theodor Wieaand, dem hochverdienten deutschen Archäologen^ verliehen und folgendes Schreiben an ihn gerichtet: „Sehr geehrter Herr Geheimrat! Zur Vollendung Ihres 70. Geburtstages spreche ich Ihnen herzliche Glückwünsche aus. An diesem Tage gedenkt das deutsche Volk der hervorragenden Verdienste, die Sie sich als Altertumsforscher und als langjähriger Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts um die Wissenschaft erworben haben. Mit Stolz können Sie heute auf Ihr Lebenswerk zurückblicken, das durch die Schöpfung des Pergamonmuseums seine Krönung fand. Dem Danke, den das Vaterland Ihnen schuldet, verleihe ich Ausdruck, indem ich Ihnen die höchste Ehrung des Reiches, den Adler- schild, zuerkenne.
Mit den besten Wünschen für Ihr weiteres Schaffen und Wohlergehen bin ich mit freundlichen Grüßen Ihr ergebener Adolf Hitle r."
Durch sorgfältige Nachprüfung auch durch andere Forscher wurde mit den modernsten naturwissenschaftlichen Methoden festgestellt, daß diese synthetischen Hornblenden mit den natürlichen in den Eigenschaften vollkommen überein ft im- m e n. Konnten in der künstlichen Asbestherstellung auch noch nicht ebenso lange Fasern erzielt werden, wie sie die allerbesten Sorten des kanadischen Asbests zeigen, so entsprechen die deutschen Asbestfasern in der Länge und vor allem in der technischen Brauchbarkeit doch vollkommen den kanadischen Durchschnittsqualitäten.
Don geradezu ausschlaggebender Wichtigkeit ist aber, daß Dr. Lüdke für seinen künstlichen Asbest einzig einheimische Rohstoffe benötigt, die so billig sind, daß sie dem deutschen Asbest auch den Zugang zum Weltmarkt sichern sollten. Da die Vorarbeiten zur Aufnahme der Fabrikation im Gange sind, haben wir die Gewißheit, daß hier nicht allein ein wissenschaftlich beachtliches Laboratoriumsprodukt gewonnen ist, sondern daß wir in sehr absehbarer Zeit mit der Verarbeitung des deutschen Asbest zu Fertigwaren rechnen können. Deutschland dankt somit der Forschung hier auf einem kleinen, aber wichtigen Roh- ftoffgebiet feine Unabhängigkeit — ganz abgesehen von der Exportmöglichkeit an Rohasbest und Asbestwaren, auf die wir auch bei veränderter Deoisenlage nicht wieder verzichten werden. Nicht zuletzt darf als Gewinn gebucht werden, daß die Wissenschaft hier der Arbeitsbeschaffung ein völlig neues Gebiet erschlossen hat.
Pepina.
Von Claus Back.
Die kleinen Mädchen kommen aus der Schule. Schreiend und schuheklappernd stürzen sie aus dem Schultor, ein aufgewirbelter Schwarm. Er kreiselt herum, spritzt über den Fahrdamm. Wehe dem Auto- sahrer, der da hineingerät, die Augen gehen ihm über.
Ein Grüppchen hält an der Seite, zappelt und kreischt eine Weile und sprüht dann auseinander. Ein Pünktchen geht allein nach Haus, rot leuchtet das Kleid in der Sonne. Christel hackt mit den Absätzen fest auf das Pflaster, als wollte sie Löcher in die Steine schlagen. Aber sie denkt nicht an Schuhe und Steine, sie überlegt und redet leise vor sich hin.
Die Rechenaufgabe wird heute schnell gehen. Unb die deutsche Grammatik, die gräßliche ... ach, laß ich sein! Na ... dann wird es wohl drei ...? Ja, da wird es gehen!
Also um drei ...! Ist denn der Puppenwagen in Ordnung? Die Klappgeschichte da an der Seite ist los ... och, das schadet nichts, ist ja schönes Wetter, man kann offen fahren ...! Aber wen nehme ich bloß mit ... wen nehme ich bloß ...?
Fritzchen ist krank, und Line sieht so dumm aus! Man muß schon was Nettes mitnehmen, die anderen Mädel bringen sicher ihre schönsten Puppen angerollt ... heute nachmittag ...
Ja ... und den kleinen Peter? Och nein ... der ist zu klein ... haha ... den sieht man Ja gar mcht ... Och! Jetzt weiß ich ... natürlich Pepina! Die ist zwar eigentlich keine Puppe ... aber dafür meine Beste! Meine süße, liebste Pepina!
Pepina ... ad), ich freue mich so!
Christel hopst im Polkaschritt weiter, singt: „Pepina, Pepina, du schönste aller Schönen!" Da ist Christel zu Hause.
Sie ißt zu Mittag wenig und hastig, rutscht auf dem Stuhl herum, hat leuchtende Augen. „Nachher fahre ich Pepina spazieren ... na, die anderen werden ja staunen!"
Pepina ist ein Bär. Sie hat ein wunderschönes dunkelblondes Fell, ei, so weich! Und ihr Körper ist kein harter Puppenbalg, sondern nachgiebig. Man kann überall Täler in Bauch und Arme und Beine drücken. Und Pepina hat kein starres Puppengesicht. Nein, sie kann richtig lachen und meinen, mal sieht sie frech aus, dann wieder lieb. Und oft macht sie Schnuten, wie Christel auch! Die dicken Pfoten kann man richtig in die Hand nehmen, Puppen aber kann man nur mit der Fingerspitze guten Tag sagen.
Die Rechenaufgabe ist vergessen. Pepina muß angezogen werden. Erst mal waschen! „Mai möi", schreit Pepina, „dös olle Wösser!"
Zu komisch bist du, Pepina, mit deiner ulkigen Sprache!
„Na, nun aber artig! Du sollst doch schön aussehen! ... Hast du mich lieb, Pepina?"
„Jöh, furchböhr lieb! ... Oeh, Küßchen! ... Au, nid) so kniepen!"
„Aber Pepina, stell dich doch nicht so an ... mußt doch ein reines Hemd haben ...! Nun eine Hose ... ach, alle dreckig ... da mußt du eine von Line kriegen ..."
„Näh, mög ich nid) ... will ich nid)!"
„Quatsch, wirst gar nicht gefragt ... sieh mal, sie paßt ja wunderbar! So ... jetzt das rote Kleid, damit wir schön zusammen aussehen ... komm, Arme hoch!"
„Mäh, öih, emememm ... näh, dös dicke Zeug ... is doch Sommer!"
Klaps, klatsch! Großes Geschrei!
„Pfui ... ungezogen! Kommst nicht mit ...! Willst du jetzt ganz artig sein?"
„Hm ... m—m—m ..."
„So! Schuhe haben wir nicht für die Riesenfüße! Nun sieh dich mal im Spiegel an ... bist du nicht fein? ... Ja, die werden alle gucken! ... Komm, leg dich brav lang! Jetzt fahren wir spazieren!"
Rm bum, dum bum, poltert der Puppenwagen die Treppe hinunter.
„Ach, ist das mühsam!" Bum bullum, rum!
Oh, wie hell ist die Straße, wie warm scheint die Sonne!
Bunt schillern die Wimpern vor Christels zu- gekniffenen Augen, lautlos laufen die Gummiräder. Nur eine Feder quietscht leise, ganz hoch, silberhell. Pepina liegt im Wagen wie ein glückliches Lächeln, froh blicken ihre schwarzen Aeuglein empor zum Himmel.
Da kommt eine Rotte von wilden Jungen um die Ecke, mit heiserem Geschrei.
Christel erschrickt. Sie werden wohl vorbeilaufen da drüben!
Aber schon hat sie einer entdeckt. „Ooch", schreit er und kommt herangesprungen, die anderen hinter ihm her.
„Hoo—ch ... die hot 'n Deddybär in'^Buppen- woochen ... aah — haha ... guckt nur ..."
„Un die gelbe Fresse, die dar Hot ... hoho — achah ...!"
Sie springen um Christel und den Puppenwagen herum, schleudern die Arme, heulen und lärmen ohrenzerreißend. Wie ein Regen von schwarzen
Felsblöcken poltert das gellende Lachen auf Christel herunter. Und immer mehr Jungen sammeln sich an und lachen ... lachen, als sollten die Hälse platzen.
Christel stößt das Herz. Sie sieht Fratzen, aufgerissene Mäuler und tödliches Armefuchteln. Eine kleine Schwäche in den Knien, dann krampft sich die Oberlippe zusammen, und lautes Weinen bricht aus Christels hellen Augen. Es ist nur ein winziges Seufzen in all dem Geschrei.
Sie wendet um, zieht den Wagen hinter sich her ... und sie rennt, rennt mit blinden Augen und mit schrecklich geschütteltem Körper. Sie rennt, von der Welt zu verschwinden ... oh, nur nicht mehr gesehen werden!
Der Torweg reckt seine Hand über sie aus, der Wagen schleudert. Christel reißt Pepina heraus und stürmt die Treppe hinauf. Aber am mittleren Treppenabsatz hockt sie sich hin, sie will jetzt von niemandem gesehen werden!
Der Torweg reckt seine Hand über sie aus, der Wagen schleudert. Christel reißt Pepina heraus und stürmt die Treppe hinauf. Aber am mittleren Treppenabsatz hockt sie sich hin, sie will jetzt von niemanden gesehen werden!
Christel nimmt Pepina auf den Schoß und drückt das Gesicht mit der spitzen Nase fest an ihre Brust. Pepinas runder Kopf wird naß und dunkel, und mit den Lippen streichelt Christel über die weichen Haare.
„Arme, arme süße Pepina! ... Ach, hoffentlich bleibst du am Leben!"
Schluchzen weht das Treppenhaus hinauf. Kommt es von Christel oder von Pepina ...? Es find wohl beide, die zusammen meinen im gleichen Herzschlag.
Oer Taucher.
In den Jugendjahren unserer Marine, so um 1867 herum, lag der Radaviso „Loreley" mit beschädigtem Ruder im Emdener Hafen. Genaueres konnte nur durch einen Taucher festgestellt werden. Die Hafenbehörde hatte dergleichen nicht zur Verfügung. Mit viel Schreiberei und Umftänöen gelangte der Aviso schließlich in Besitz einer Taucherausrüstung, und nun kommandierte „der Olle" ein- fach einen seiner Leute, das schwierige Amt zu übernehmen.
Hinrick, der biedere Holsteiner, steigt also vor versammelter Crew in die Gummihülle, bekommt den Helm übergestülpt und dann begibt er sich auf die in die Tiefe führende Strickleiter. Mit Mühe halten ihn die anderen zurück: das Frontglas ist ja noch nicht eingeschraubt. Wie sie es nun einsetzen, protestiert Hinrick energisch, endlich aber gelingt es, ihm
klar zu machen, daß es ohne das Glas nicht ginge, da er sonst ertrinken würde.
Na schön — gemacht!
Hinrick begibt sich erneut auf die Reife und verschwindet unter der Oberfläche.
Zwei, drei Minuten später wird heftig an der Signalleine gerissen. Um Gotteswillen! Zwanzig Fäuste packen zu und winden mit äußerster Fahrt den Taucher an Bord. Das Frontglas wird abgenommen.
„Hinrick, wat is los?"
„Ich hew't glieks feggt", schimpft Hinrick aus feiner Höhle heraus, „ick hew't jo glieks feggt, ick wull bat Glas nid) hebben. Wenn ick unner Wo ater tofoaten full, dann mött ick inne Händ spucken un dann spuck ick gegen bat oerbammte Glas."
Peter Purzelbaum.
öocbfcbnlnodincbten.
Geh. Rat Prof. Dr. Abolf Erman, ber berühmte Aegyptologe ber Universität Berlin, Ritter ber Friebensklasse bes Drbens Pour le merite, oollenbet am 31. Oktober bas 8 0. Lebensjahr. Er ist in Berlin als Sproß einer alten Gelehrtenfamilie geboren. Sein Vater, Professor Abolf Erman, war Schüler unb Schwiegersohn bes berühmten Berliner Astronomen Friebrich Wilhelm B e s s e l. Von 1892 bis 1923 hat Erman ber Berliner Universität angehört. Sein Schaffensgebiet, Altägyptens Geschichte unb Kulturgeschichte, hat er in zahlreichen Schriften von grunblegenber Bebeutung behanbelt. Ein erstaunlich mühseliges, aber ebenso ertragreiches Werk ist sein großes ägyptisches Wörterbuch, an bem er über 30 Jahre lang gearbeitet hat. Von seinen übrigen Arbeiten seien hier genannt: „Aegypten unb ägyptisches Leben im Altertum"; „Bruchstücke koptischer Volksliteraur"; „Zaubersprüche für Mutter unb Kinb"; „Die ägyptische Religion"; „Aegyp- tische Grammatik" unb „Die Hieroglyphen". — Zu feinem 75. Geburtstage ließ Erman eine umfangreiche Selbstbiographie „Mein Werben unb mein Wirken" erscheinen, bie interessante Einblicke in bas Geistesleben Berlins feit ber Mitte bes vergangenen Jahrhunberts gewährt.
Eine orbentliche Professur für bayrische Vor- und Frühgeschichte wirb an ber Universität München errichtet. In ben Aufgabenkreis ber neuen Professur werben auch Bobenfunbe miteingeschlossen. Das ganze Lanb soll von einem bichten Netz von ausgebilbeten Vertrauensleuten überzogen werben, bamit in ber Allgemeinheit bas Verständnis für ben Wert von Bobenfunben geweckt wirb unb keine wertvollen Schätze mehr burch Unachtsamkeit verlorengehen.


