Er. 75 Erstes Natt
|84. Jahrgang
Donnerstag, 29. März 1934
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Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Sus Wunder des Karfreitags
Don D Fritz Engelke, Mitglied des Geistlichen Ministeriums der Deutschen Evangelischen Kirche.
Es ist das Merkwürdige und immer wieder Anziehende an den Evangelien, daß sie das Leiden und Sterben Christi so nüchtern, sachlich, .so scheinbar ohne jede Beteiligung des Gefühls berichten. Es zeigt sich in dieser Sachlichkeit die tiefe Scheu vor dem Leiden und Sterben unseres Herrn, kein Evangelist hat es gewagt zum Ausdruck zu bringen, was er dabei empfand, was ihn im Tiefsten des Herzens erschüttert hat. Durch diese Knappheit bekommen die Berichte etwas Hartes.
So erzählt Lukas: „Es wurden aber auch hingeführt zwei andere Uebeltäter, daß sie mit ihm abgetan würden." . daß sie mit ihm abgetan würden" — wie hart klingt das! Als wenn man etwas mit einer Handbewegung „abtut". Drei Menschen werden ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft, zwei Mörder, mit ihnen Christus. Sie werden „abgetan" durch eine bestialische grausame Hinrichtung, die die wahnsinnigen Schmerzen auf einige Stunden verlängert.
So tut der Mensch den Menschen ab, so tut der Mensch Gott ab. „Abgetan" das steht über der Geschichte des menschlichen Kampfes gegen Gott. In heiliger Ruhe und eindringlichen Bemühungen wirbt Gott um die Seele des Menschen. Aber der Mensch bäumt sich immer wieder auf. Er will ohne Gott auskommen: „Ich brauche keinen Gott", „ich stehe auf eigenen Füßen", „ich mache es mit eigener Kraft und Vernunft", „ich will das Leben schon selber meistern", und eines Tages steht der Mensch im Leben da, und für Gott und Gottes Wort hat er nur die eine lässige Handbewegung „Abgetan".
So ging es damals dem jüdischen Volk. Das Volk wollte zwar Gott, aber nicht den Gott, der vom Volk etwas fordert, der das sprach: „Ich bin heilig, und ihr sollt heilig sein." Gott sandte dem Volk Propheten, und noch jeden Propheten lohnte sein Volk mit dem „Abgetan". Da trat ihnen Gottes -Sohn, Christus, entgegen mit siegesmutiger Barmherzigkeit und Wahrheit. Er zerstört ihre selbst-, sichere und selbstgefällige Frömmigkeit. Er fordert :mit wunderbarer Schlichtheit und unausweichlicher .Klarheit das Durchstreichen des Ich: „Wer fein ißeben erhalten will, der wird es verlieren, wer es verliert, der wird es gewinnen." Er fordert restlose .Hingabe im Dienst: „Wo ich bin, da soll mein :3D ener auch sein, und wer mir dienen wird, den iwird mein Vater ehren." Da bäumen sich die Hohenpriester auf und reihen bgs Volk mit sich. Der Fürst der Welt triumphiert. Der römische Statt- lhalter will trotz seiner klaren juristischen Erkenntnis, daß Christus unschuldig ist, sich nicht durch «-einen Aufruhr des Volkes die Karriere verderben Hassen, und so steckt man Christus mitten zwischen jroei Mörder, schlägt ihm die Nägel durch Hände mnd Füße, richtet das Kreuz auf, und da hängt ^um grausigen Spiel für alle Welt und für alle Zeiten mitten zwischen zwei Mördern der Gott- fsohn — „a b g e t a iV'
Nun aber beginnt das große Wunder. Mochte Die Welt Christum abtun, die Welt ist für Christus nicht abgetan. Im Gegenteil, jetzt beginnt eine größere Tat für die Welt, die ihn ans Kreuz geschlagen: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, uoas sie tun." Das ist das große Wunder vom Karfreitag. Der, den die Welt abtut, der «tat alles für die Welt. „Abgetan" — da- Qbei ist es geblieben durch die Jahrtausende Hin- Lurch. In der Gegnerschaft gegen Gott vollziehen ssich die Naturgesetze des natürlichen Menschen. In [feinen und rohen Formen lehnt der Mensch Gott ab. Er will aus eigener Kraft und Vernunft das Beben zwingen, biegen oder brechen. Wie das Volk Israel Christum ab tat, so tun auch andere Völker ijhn ab. Auch durch unser deutsches Volk gehen solche Strömungen. Bald geschieht es roh, brutal, höh- , misch, spöttisch, gotteslästerlich schimpfend und scheltend: „Abgetan", wobei man das Gefühl nicht Eos wird, daß in diesem lauten Ab tun letzlich eine riefe Unsicherheit verborgen liegt. Bald er- cheint es in geistig überlegener, hochmütiger lässiger, „wissenschaftlich begründeter" Form: „Abgetan", mit der hochmütigen Miene: Unbegreiflich, 2aß er noch immer nicht für alle abgetan ist.
Und wenn ein ganzes Volk Christus sein „Abgetan" entgegenschleudern würde — damit ist das Volk für Christus noch nicht abgetan. Mit stiller, unwiderstehlicher Gewalt ruft sich dieser Christus Jünger und Jüngerinnen, sl« müssen ihm folgen ob sie wollen ober nicht. Sie erfahren n seiner Nähe einen Sieg nach dem anderen Gerade solche, die vielleicht am lautesten schrien: .Abgetan", werden „hinzugetan'. So wurden Pfingsten dreitausend hinzugetan durch den HeiÜ- flen Geist. So werden auch heute trotz allem Tau- '^Chriftus^steh^auch heute in unserem Volk einem weitverbreiteten starken und selbstsicher auftretendem .Abgetan" gegenüber; aber mir glauben es deutsch zu spüren, wie wenig er sich davon abhalten Lßt, wie eindringlich er feine Taten gerade letz m unserem deutschen Volk tut - trotz allem. Alle Arbeit der Kirche geschieht in dem vertrauen, d ß •ms selbstsichere, stolz abwehrende „Abgetan ver- lummen muß, wenn einmal das Gotteswort von dem heiligen, unerbittlich gerechten und doch barm- erzigen, gütigen und milden Gott es einem Men- chen antut, daß er nicht mehr beharren kann bei iem „Abgetan". Wir erwarten von Karfreitag, daß an dem Mann am Kreuz unwiderstehliche Gewalt c.usgeht auf alle die, die da glaubten ihn abtun iu können. Jedesmal, wo das geschieht, geschieht icht weniger als ein Wunder; denn es kann me- iand Christus einen Herrn heißen ohne den hel- ::gen Geist.
Eine Karfreitags-Kundgebung des Reichsbischofs an die Pfarrer der Evangelischen Kirche.
Berlin, 28. März. (DNB.) Der Reichsbischof hat zum Karfreitag eine Kundgebung an d i e Pfarrer erlassen, die angesichts der kirchlichen Zersplitterung zur Selb st Prüfung und Besinnung aufruft und neue Maßnahmen zur Befriedung des kirchlichen Lebens ankündigt. In der Kundgebung heißt es nach einem Hinweis auf den Karfreitag, an dem sich die schonungslose Sachlichkeit unseres Gottes offenbart habe, u. a. wie folgt:
Ich wende mich als erstes an die, die aufs schärfste gegen die bisherige Führung der deutschen evangelischen Kirche im Widerspruch stehen, bis hin zu denen, die gesagt haben, daß es Gehorsam gegen Gott sei, dem Reichsbischof ungehorsam zu fein. Ich bitte die Amtsbrüder nicht um meinet-, sondern um ihretwillen, vor dem Angesicht des Gekreuzigten sich noch einmal zu fragen, ob er ihnen wirklich solche Aeußerungen gestattet. Wir sollten bei dem leidenschaftlich-elementaren Willen zur Einheit zwischen Nationalsozialismus und Kirche mit tiefer Beschämung nur der Tatsache ins Auge schauen, daß unsere evangelische Kirche sich dem ungeheuren Ansturm der nationalen Bewegung nicht gewachsen gezeigt hat. Ein männlicher Pfarrerstand sucht zunächst das Unrecht bei sich und sucht hinter dem Unrecht der anderen, ob da nicht vielleicht etwas Rechtes steckt. Es ist gewiß ver- tändlich, wenn der Totalitätsanspruch ) e s Staates für viele etwas ganz neues und remdes war und insonderheit dem zum Individualismus neigenden, um Innerlichkeit ringenden evangelischen Pfarrerstand schwere Anstöße gab, weil man Mut und Kraft nicht aufbrachte, um den entsprechenden Totalitätsanspruch der Kirche volksverbunden zu bewahren. Das gibt fein Recht, vom Martyrium zu reden, wenn solcher Totalitätsanspruch auf pastorale Zaghaftigkeit, Bedenklichkeit, Unsicherheit, schwankende Haltung oder gar versteckte Anklagen stößt, zumal wenn sich derartiges hinter „Wortoerkündigung" versteckt. So ist es zu einem kirchlichen Kampf gekommen, den die große Masse des Volkes mit Erstaunen, je länger je mehr, mit Verachtung und Erbitterung gegenübersteht, denn unsere Volksgenossen können es nicht verstehen, wenn Pfarrer sich streiten. Können wir wirklich vor dem Gekreuzigten die Verwirrung der Gemeinden verantworten?
Das neue geistliche Ministerium ist bei seiner Berufung bestürmt worden, als erstes eine „Amnestie" zu erlassen. Die Frage ist
von uns auf das ernsteste erwogen. Wir würden selbstverständlich nichts lieber tun, als eine Amnestie erlassen, wenn wir auch nur die geringste Garantie dafür hätten, daß damit wirklich Friede einkehren würde. Wir müssen im Gegenteil auf Grund der bisherigen Kampfmethoden der Kreise, die die Kirchenführung bekämpfen, befürchtet,, daß sie eine Zache des Bekenntnisses daraus machen würden, um sofort den Kampf mit allen Mitteln weiterzusühren. Dadurch macht man es uns unmöglich, eine Amnestie zu erlassen. Es gehl ja nicht um den Kampf zweier Richtungen, sondern um die A u f r e ch t e r h a l t u n g der kirchlichen Ordnung.
Der Reichsbischof fordert dann die Amtsbrüder auf, alle einen neuen Anfang zu machen, das achte Gebot zu halten, sich nicht persönlich zu diffamieren. Sie, Amtsbrüder, denen zur Zeit in der Führung der Kirche alles verkehrt erscheint, ist es Ihnen wirklich nicht möglich, eine Zeitlang um der Kirche, um des Volkes willen, den Blick ft u r auf bie Gemeinde z u richten, auf die Aufgaben, die Ihnen da vor den Füßen liegen? Kirchenpolitischen Aerger heilt nichts so sehr als ein Krankenbesuch. Fangen Sie einmal an, um die entfremdete Männerwelt zu werben, um alle die, die sich von der deutschen Glaubensbewegung angezogen fühlen; soweit Sie es nicht schon getan haben, suchen und sammeln Sie die Laienkräfte.
Ich habe die Mitglieder des geistlichen Ministeriums angeroie'en, möglichst bald mit den Herren Landesbischöfen und Bischöfen Verbindung aufzunehmen und in Beratungen einzutreten, ob und wieweit die aus dem Dien ff entlassenen aufbauwilligen Kräfte wieder irgendwie in den Dien st gestellt werden können. Um der Ordnung der Kirche willen müssen wir fordern, daß die Betreffenden sich bereiterklären, ihre ganze Kraft in der Gemeinde und auf Verkündigung zu konzentrieren und sich der Kirchenpolitik zu enthalten. Die Fälle, wo nicht kirchenpolitifche, sondern ffaafs- politi'che Gründe maßgebend waren, müßen selbstverständlich gesondert behandelt werden.
Oie englische Rückfrage in Paris.
Kommt England den französischen Bürgschaflswünschen entgegen?
Paris, 28. März. (DRB.) 3m Anschluß an die in den letzten Tagen gepflogenen Besprechungen zwischen dem englischen Außenminister Sir John Simon und dem französischen Botschafter in London (Sorbin hat die englische Regierung in Paris eine Rote überreichen lassen, in der u m näheren Aufschluß über gewiße Punkte der französischen Antwortnote auf die englische Abrüstungs- denkschrift vom 29. Januar gebeten wird. Der Quai d'Orsay ist mit der Prüfung der neuen Rote beschäftigt, die dem für Donnerstag einberufenen Mi- nisterrat unterbreitet werden wird.
Reuter meldet aus Paris, daß sich der englische und der französische Standpunkt in der Sicherheitsfrage nunmehr einander an nähern. Die Franzosen gäben jetzt zu, daß die Sicherheitsfrage auf das Problem der „Ausführ ungsgaran- tien" hinausläuft. (Sorbin habe dem englischen Außenminister versichert, daß Frankreich eine V e - grenjung der Ausführungsgarantie auf Europa einschließlich Rußland zulassen würde. Heber den Umfang der Garantien selbst könne kein Zweifel bestehen.
1. Diplomatische Vorstellungen,
2. finanzielle und wirtschaftliche Sanktionen,
3. Krieg.
Es besteht Grund zu der Annahme, daß bei einer ungefähren Beibehaltung des jetzigen französischen Rüstungssiandes die fran- zösischen Wehrministerien keine Einwendungen gegen eine Konvention erheben würden, die eine gewisse deutsche Wiederaufrüst u n g zuließen unter der Voraussetzung, daß diese Konvention voll garantiert werde.
Französische Stimmungsmache kommt in der Pariser Meldung der liberalen „R e w s E h r o n i c l e" zum Ausdruck. Darin heißt es u. a:. Soweit Frankreich betroffen fei, hoffe man nunmehr, daß eine Vereinbarung zwischen England, Frankreich und Italien über eine Reihe von Vorschlägen erzielt werden könne, die, wie man vernünftigerweise hoffen könne, auch von Deutschland unterschrieben werden könnte. Diese Vorschläge würden allerdings kaum eine Abrüstungsvereinbarung im bisherigen Sinne darsiellen, sondern nur d i e gegenwärtige Basis stabilisieren und damit ein neues Rüstungswettrennen verhindern
Oie Locarno-Garantie für Belgien soll aktiviert werden.
Engere Fühlungnahme zwischen Paris und Brüssel.
Paris, 29. März. (DNB.) Außenminister Barthou hat sich in Brüssel über die Anwendung des Rheinpaktes unterhalten. Von besonderer Bedeutung war die Frage, ob die unter Garantie stehende Macht (also Belgien) auch die Gewißheit habe, daß im Bedarfsfälle die Garantenmacht ihr so schnell wie möglich Hilfe l e i st e n könne. Zur Klärung dieser und anderer Fragen werden Sachverständige beider Länder gemeinsam prüfen, wie man die Anwendungsbedingungen des Rheinpakts geschmeidiger gestalten kann. Es wird weiter betont, daß England als Garant des Locarnopaktes direkt an diesen in Brüssel aufgeworfenen Fragen interessiert sei. Die von Barthou und Hymans zur Sprache gebrachten Fragen würden auch England betreffen: Wie schnell kann man im Notfall auf b i e Hilfe der englischen Flotte, der Luftstreit- kräfte und der Armee rechnen?
Oas Büro der Abrüstungskonferenz tritt zusammen.
London, 29. März. (DNB. Funkspruch.) Arn 10. April wird das Büro der Abrüstungskonferenz zusammentreten. „Times" weift darauf hin, daß Henderson gegenüber den neuerdings ausgesprochenen Zweifeln, ob die (Einberufung des Büros unter den gegenwärtigen Umständen ratsam fei, an dem Datum des 10. April fest gehalten habe, da das Büro Sen Auftrag habe, den englischen Entwurf gemäß den Vorbehalten u m z u arbeiten, die bei der (Erörterung der Konvention im Hauptausschuß von verschiedenen Ländern gemacht worden seien. Das Büro werde daher möglicherweise beschließen, die Umarbeitung des englischen Entwurfes fprtzusetzen, um dadurch e i n Programm für den Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz vorzubereiten.
Der sozialistische „Daily Herold" weist darauf hin, daß das Büro keine Vollmachten habe, von seinem Programm abzuweichen. Wenn der englische Entwurf aufgegeben und ein neuer gemacht werden sollte, bann könne bas Büro nicht ohne neue Anweisung arbeiten. Irgenbeine Anregung dieser Art würde die sofortige (Einberufung der Vollkonferenz erforderlich machen.
Durch Leid zur Auferstehung.
Von Jofef Maqnus Wehner.
Im Morden von Sizilien liegen die sieben Liparischen Inseln. Wöchentlich zweimal klettert ein kleiner Dampfer von der sizilischen Nordküste über die stürmischen Wogen zu der größten dieser Inseln, Lipari und bringt Post und Menschen. Die übrigen Inseln sind vom Verkehr fast abgeschnittey. Auf einer von ihnen war ich einst zu Besuch, auf Stromboli, die fast nur aus einem einzigen wilden Vulkan besteht. Auf der einen Seite dieses pyramidenförmigen Ungeheuers stürzen Tag und Nacht die weiß- dampfenden glühenden und zischenden Lavamassen ins Meer hinab, während die Insel zittert, und das Meer weithin von den Kanonenschlägen der Auswürfe dröhnt. Sollte man glauben, daß Menschen es wagen, in der Umgebung dieses feuerspeienden Ungeheuers zu wohnen, daß sie jeden Augenblick verschlingen kann?
Und dennoch Hausen auf der anderen, der friedlicheren Seite des Stromboli Menschen. Sie haben ihre Häuser den zitternden Berg hinaus gebaut, nur einstöckige Steinhäuser, wie man auf den ersten Blick vermutet. Sieht man sich aber die würfeligen Bauwerke näher an, so entdeckt man, daß sie weit in die tiefe Lavaerde hinunter reichen. Jedesmal, wenn der Vulkan mit glühender Lava diese Seite des Berges überschwemmte, verschüttete er die Häuser und vertrieb die Menschen. Aber nur für Tage, denn sobald das Grollen des Elements nachließ, kamen die Männer, welche die Insel verlassen hatten, auf ihren kleinen Booten wieder angefahren, sie sahen die Zerstörung und legten sofort Hand an. Was an ihren Häusern früher Wohnraum gewesen war, wurde jetzt Keller, sie bauten ein neues Stockwerk auf ihre verschüttete Wohnstätte.
Das mag in jedem Jahrhundert ein- bis zweimal, vielleicht auch oreimal vorgekommen sein. Aber welche Tapferkeit liegt in diesem Vorgang! Ich mar beglückt, als ich diese Denkmäler unerschütterlichen Lebenswillens mit der Hand berührte, die wie ein wachsender Baum aus der tödlichen Asche heraus- ftiegen. Welch unsterblicher Mut gehört dazu, immer wieder von vorn anzufangen, neue Gärten anzulegen und die fonneglühenben Trauben zu ziehen!
Und, was das Schwerste ist. dieses Volk der Liva- refen und Strombolesen besitzt eine Heiterkeit des Gemütes, um die sie jeder Philosoph und Lebenskünstler beneiden könnte. Sie fingen bei ihrer Arbeit. die im gewaltigen Sonnenbrand gewiß nicht leicht ist, und wenn sie auf ihren kleinen Eselchen zwischen haushohen Kakteen die schwarzflimmernden Lavaberge hinaufreiten, nur den Himmel zum Horizonte, der rundum auf dem Meere liegt, dann gleicht ihr Gesang dem melodisch gewordenen Lebenswillen von Geschöpfen, die abseits von der Menschheit ihrem Gotte dienen wie die fröhlichen Vögel.
Was aber fangen diese Leute? Ein sentimentaler Schwärmer könnte glauben, sie hätten oertäumte, frühlingsselige Naturlieder oder Liebeslieder gesungen. Besonders uns Deutschen liegt ein solcher Gedanke nahe, die wir, wie Siegfried, den Gesang der Vögel zu verstehen glauben und uns gern den Stimmungen der Natur hingeben. Aber all solche Vermutungen irren weit vom Ziele ab. Als ich eines Tages ein Bübchen barfuß den Berg hinauf- aehen sah, seinem Vater Brot und Wein zu bringen, da sang er das Giovinezza, die Faschistenhymne, .fieü und silbern klang sein Sümmchen gegen di- Bimssteinwände:
„Giovinezza, Giovinezza, Primavera di bellezza.“
Das heißt zu deutsch: „D Jugend, o Jugend, o Früh ling der Schönheit". In diesen paar Jubelrufen versammelte sich plötzlich wie von Geisterhand hergezogen. auf der einsamen Meerinsel die ganze Kraft des politischen Italiens. Und was uns Deutsche zunächst befremden würde, diese ganz selbstverständliche Einheit von politischem Gefühl und gebens* gefül)l, das war plötzlich im Liede dieses singenden Kindes eins geworden. Der politische Aufstieg seines Volkes, die Erhebung der Nation war für ihn ganz einfach auch eine Erhebung feines Herzens, seines Gefühles. Es trennte nicht die großen politischen Ereignisse der letzten Wochen — es war damals die Zeit kurz nach dem Marsche auf Rom — von seinen sozusagen privaten Empfindungen der schönen Natur ober des herrlichen Frühlingsmorgens, sondern die Kraft des plötzlich einheitlich gewordenen Italiens strömte wie von selbst aus diesem kleinen Munde auf der abgelegenen Insel im Liede heraus. Glücklich das Volk, dessen Kinder so das Lob seiner Kraft und seiner Jugend fingen!
Der nachdenkliche Betrachter kann in diesem Falle noch eine andere Feststellung machen. Die politischen Ereignisse um den Marsch auf Rom herum waren weit abseits von Lipari geschehen. Zwischen Rom und der Insel lag das Meer. Dennoch war auch das letzte Kind des italienischen Volkes von der glühenden Welle des neuen Nationalgefühls durchdrungen, obwohl es weder Lautsprecher noch Zeitungen, noch Telephon auf jener Insel gab.
Und das ist eine ungeheuer wichtige Tatsache. Die nationale Erhebung -ist ein seelischer Vorgang, eine Reinigung und Erhebung der deutschen Seele. Sie dient weder den geschäftlichen Interessen einzelner Menschen, noch hat sie die bloße Machtergreifung zum Ziele. Sie will vielmehr den deutschen Menschen umschaffen zu einer völligen und geschloßenen Einheit. Nicht mehr sollen wie früher die öffentlichen und privaten Dinge feindselig voneinander getrennt sein, sondern alles, was der einzelne tut, soll im Namen des großen Ganzen geschehen. Dieses große Ganze aber ist Die Nation, sic wird wirksam und erkennbar in ihren Tugenden: Tapferkeit, Gerechtigkeit, Selbstlosigkeit. Diesen Tugenden zu dienen, ist der Stolz der nationalen


