sicheren Stoffen und einer deutschen Erfindung gehört zu haben; und daß es nach langen gründlichen Versuchen und Forschungen gelungen sei, für lange Zeit Stoffe und Pelze usw. mottensicher au machen. Gleich morgen wollte sie mit ihren Freunoinnen, die alle gute und weitsichtige Hausfrauen waren, sprechen. Am besten würde es sein, wenn die gesamte deutsche Industrie sich entschließen könnte, nur noch mottensichere Erzeugnisse zu liefern. Das würde eine große Erleichterung für alle Haus
frauen werden, wenn sie dadurch von diesem bösen, uralten Quälgeist befreit würden. Sie streicht leicht über den Kopf ihrer sorgenschweren kleinen Tochter. „Laß nur, Kind, wenn du einmal Hausfrau bist, wird die deutsche Industrie sich sicher in' all ihren Zweigen die gute deutsche Erfindung nutzbar gemacht haben und nur noch mottensichere Sachen anbieten. Zn dieser tröstlichen Aussicht gewinnen Mutter und Tochter ihre gewohnte Ruhe und Heiterkeit einigermaßen zurück.
Die geseieriste Tänzerin des is. Jahrhunderts.
3um 50. Todestage der Fanny Elßler aus Wien.
Fanny Elßler, die 1884 im Alter von 74 Jahren ihre Augen schloß, war wohl die gefeiertste Künstlerin des 19. Jahrhunderts. Ein seltsamer Reiz muß von ihrer dunklen Schönheit, ein eigener Zauber von ihren leidenschaftlichen, und doch nie die Gesetze eines edlen Stils überschreitenden Tänzen ausgeaangen sein. Wiener Kind, eroberte sie sich im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Welt. In der Vaterstadt begann sie, in Berlin wurde sie zuerst als überragendes Talent gefeiert, in Paris stieg sie, kaum 24 Jahre alt, neben Maria R a g l i o n i zum ersten Stern am europäischen Tanzhimmel empor — und dann begannen ihre Wanderfahrten durch halb Europa und die Vereinigten Staaten: bis sie, noch in der Blüte ihrer Kraft, mit 41 Jahren von der Bühne abtrat, um den Rest ihres Lebens in stiller Zurückgezogenheit zu verleben.
Das Publikum ließ sich in jenen Jahren, da Fanny Elßler ihre Triumphe feierte, wohl leichter begeistern als heute. Und nachdem sich die schöne Wienerin erst einmal durchgesetzt hatte, tat auch die Mode ein übriges, um ihr überall den rauschenden Jubel der Menge einzutragen. Dennoch — nur eine ganz ungewöhnliche Anmut, nur ein Können von außerordentlicher Reife vermögen jenen Rausch au erklären, der Jahrzehnte lang alles ergriff, was in Fanny Elßlers Bannkreis kam.
Die Theater rissen sich um sie? Man zahlte ihr Honorare wie kaum einer anderen Künstlerin. In Amerika erhielt sie für 199 Abende 750 000 Franks in der damaligen Währung. Die Theater machten trotz der hohen Gagen gute Geschäfte. Denn die Ankündigung Fanny Elßlers bedeutete mit Sicherheit ein volles Haus, meist sogar, trotz erhöhter Preise, den Absatz aller Karten längst vor dem Vorstellungstage. Der Jubel, der jedes Auftreten Fannys begleitete, nahm oft groteske Formen an. Man schrie nach ihr, bis man vor Heiserkeit nicht mehr schreien konnte. Verabschiedete sie sich irgendwo, so konnte die Bühne meist die Masse der Blumenspenden nicht fassen. Gelegentlich zählte man bei 42 Hervorrufen über 300 Kränze und große Körbe. Selten fehlten auch die auf buntem Seidenpapier gedruckten Huldigungsgedichte, die nach der Sitte jener Zeit in Mengen von der Galerie über das Publikum ausgeschüttet wurden. Besonders entzückte Verehrer ließen weiße Tauben durch das Haus flattern, die mit blauen Bändchen und silbernen Glöckchen geschmückt waren.
Keine Künstlerin wurde so reich beschenkt wie Fanny Elßler. Es blieb nicht bei Körben mit Obst, Konfekt, kostbaren Weinen; man überschüttete sie mit Schmuck jeglicher Art; in Moskau erhielt sie in einer Attrappe, die eine „Kalatsche", eine Art Weizenbrot darstellte, ein Armband im Werte von 3000 Silberrubel, das der Fürst Galitzin mit einigen Freunden gespendet hatte; römische Kavaliere vereinigten sich, um ihr eine goldene Krone im Werte von 12 000 Lire alter Währung zu überreichen; die Amerikaner schenkten ihr oft wunderbar gestickte exotische Kostüme, Fächer, Umhänge; zu Hunderten zählten die Hunde, Sinavogel und anderen Tiere, die man ihr auf die Bühne schickte; Einwohner von Washington verehrten ihr ein Kreuz, zusammengefügt aus Holzsplittern vom Grabe Washingtons, die Offiziere der Freaatte, die Napoleons Asche von St. Helena geholt hatten, einen
Zweig von der Trauerweide, die dort das Grab des großen Korsen überschattet hatte.
Es gab seltsame Szenen bei ihrem Auftreten. Als Fanny Elßler einmal in Moskau unter dem Eindruck der vielen Huldigungen in Tränen a u s b r a ch, begann plötzlich auch alles um sie herum zu weinen: Tänzer und Tänzerinnen, die sie umstanden, das Orchester, das Publikum — alles schluchzte, so daß die Vorstellung unterbrochen werden mußte. In Boston hatte Fanny nach einem ihr zu Ehren an Bord des „Columbus" veranstalteten Fest der Besatzung Karten zu einer Äor- stellung gesandt. Die Mannschaft zog darauf geschlossen, selbstverständlich in Galauniform, eine Musikkapelle voran, ins Theater; hier spielte die Kapelle weiter, bis der Vorhang aufging; der Beifall, den die ebenso kräftigen wie ausdauernden Marinerfäuste spendeten, überstieg alle GrenAen; schließlich stand noch ein Matrose auf und hielt eine Ansprache an hie Künstlerin, die antworten mußte, worauf wieder die Musik einsetzte.
Wie oft Fanny Elßler die Pferde ausgespannt, wie oft ihr Fackelzüge und Ständchen gebracht wurden, ist schwer zu zählen. In Boston spielte eine Kapelle vor ihrem Fenster bis ein Uhr nachts. Um zwei Uhr marschierte schon wieder ein Gesangverein auf, um noch eine Stunde lang seine Melodien hören zu lassen. Sehr begehrt waren Andenken an die Unvergleichliche, vor allem ihre Tanzschuhe. In Neuorleans kam ein smarter Amerikaner aus den Einfall, die Kissen der Kutsche zu versteigern, in der die große Fanny gefahren war; er erzielte eine sehr ansehnliche Summe.
Man taufte Schiffe und Lokomotiven auf Fanny Elßlers Namen. Diesseits und jenseits des Ozeans trugen zahlreiche Kleidungs- und Schmuckstücke, Spielereien und Speisen eine Bezeichnung, die aus sie oder auf eine ihrer Tanzschöpfungen hinwies. Hüte und Jäckchen, die sie auf der Bühne gezeigt hatte, wurden „große Mode". Ihre Tänze fanden überall Nachahmung, der be- rühmteste, eine svanische „C a ch u ch a" aus dem Ballett „Le di able bo i t eux“ beherrschte jahrzehntelang die Bühnen und Tanzstätten; im Zirkus sah man ihn sogar zu Pferde. Nicht gering war auch die Zahl der Parodien, die auf Fanny Elßler und auf einzelne der von ihr zu Ansehen gebrachten Balletts geschrieben und aufgeführt wurden. Fanny-Elßler-Possen gab es in deutscher, englischer und französischer Sprache.
Die bildenden Künstler drängten sich danach, ihren Kopf oder ihren Körper zu malen oder zu meißeln. Unzählbar ist die Fülle der Gedichte, die ihr gewidmet wurden. Das erste, das in eine breitere Oesfentlichkeit drang, erschien in Bäuerles angesehener „Theaterzeitung", als sie gerade 22 Jahre alt war. Sein Verfasser, Manfred Dräxle, erklärte, weder die Rose, noch der Zephyr, noch irgend ein Vogel hielten den Vergleich mit dieser Künstlerin aus:
„So in leichten Kreisen schreitend, Und auf Melodien gleitend Aus den Augen in die Herzen. Neigst du deine schöne, glatte Stirn dem reifen Lorbeerblatte, Das sie unter Lust und Scherzen Wohlverdienet überschatte."
Unter den vielen, die in der Folge in mehr oder weniger gelungenen Versen ihr Lob verkündeten, befinden sich auch manche Dichter von Namen und Rang. Sehr schön hat Karl von H o l t e i seiner Bewunderung für Fanny Ausdruck verliehen und zugleich ein anschauliches Bild von dem Reiz ihres Tanzes geliefert. Ein wenig spöttisch meinte Friedrich Rückert:
„Nun kann ich ruhig zu Grabe gehn, Ich habe das Höchste im Leben, Der göttlichen Fanny Gebeine gesehen Sich bis zum Himmel erheben."
Franz Grillparzer, der eine Zeit lang auch manches an ihr zu tadeln fand, beschwor sie doch, als
die Kunde kam, daß sie sich in das Privatleben zurückziehen wolle, diesen Schritt noch nicht zu tun:
„Dir ward die holde Macht gegeben, Sei günstig du für so viel Gunst: Nicht dir allein gehört dein Leben, Gib sie nicht auf, die heil'ge Kunst!"
Fünfzig Jahre sind verflossen, seit Fanny Elßler starb; fast drei Menschenalter, seit sie zuletzt auf eine Bühne trat. Von denen, die ihr damals zujubelten, lebt keiner mehr. Aber der Name Fanny Elßlers ist doch nicht tot. Der Ruhm, den sie so reichlich erntete, breitet noch immer einen eignen Glanz um ihre Persönlichkeit.
Kirche und Schule.
Lehrertagung in Lollar.
M Lollar, 27.Nov. Der Bezirk Lollar des N S. - L e h r e r b u n d e s und die Arbeitsgemeinschaft „Volksschule" hielten in der Gastwirtschaft „Zur Bergschenke" eine gemeinsame Sitzung ab. Iu Beginn gedachte der Vorsitzende des Bezirks, Lehrer Emmel (Staufenberg), des verstorbenen Mitglieds Rektor Keller, dessen Andenken in der üblichen Weise geehrt wurde.
Der Leiter der Arbeitsgemeinschaft, Lehrer Eberle (Lollar), machte dann einige geschäftliche Mitteilungen, u. a. daß für die nächsten Tagungen Vorträge über Vor- und Frühgeschichte vorgesehen seien, für die bekannte Heimatforscher gewonnen werden sollen. Dann hielt er einen Vortrag über den Geschichtsunterricht im nationalsozialistischen Geiste. Wir sind zu einer neuen Betrachtungsweise des geschichtlichen Geschehens gekommen. Persönlichkeiten und Dinge der Vergangenheit erscheinen in einem ganz neuen Lichte. Der Geschichtsunterricht ist nur ein Glied der Erziehung zum Nationalsozialismus. Der Führer selbst gibt als Aufgabe an, daß die Geschichte Lehrmeisterin für die Zukunft und den Fortbestand des eigenen Volkstums sei, im Dienste der völkischen Urwerte: Blut und Ehre, Gemeinschaft und Treue, Führer- tum und Gefolgschaft stehen soll. Das erste und letzte Wort bezüglich der Deutung der Geschichtswelt im völkischen Sinn hat der Führer. Hier darf es nicht die verschiedensten „persönlichen" Ansichten und Meinungen geben. Deshalb soll ein maßgebendes Geschichtswerk geschaffen werden, wozu der Auftrag vom Führer erteilt sei. Der Vortragende ging dann auf Stoff und Methode des Geschichtsunterrichts ein, der sich an das „gruppenbildende Fach" der Erdkunde des Gesamtunterrichts, wie ihn besonders Tietjen in seinem Buch „Erziehung zum deutschen Menschen" fordert, anschließt. Neu ist die Forderung der Vor- und Frühgeschichte. Sie ergibt sich aber aus nationalsozialistischer Einstellung. Der Geschichtsunterricht soll das Leben in den Unterricht einbauen. Der Geschichtsstoff soll beschränkt werden, aber sich in Höhepunkte gliedern und nach den Worten des Führers „wenige Namen herausheben und sie zum Allgemeingut des gesamten deutschen Volkes machen, um so durch gleiches Wissen und gleiche Begeisterung auch ein gleichmäßig verbindendes Band um die 'ganze Nation zu schlingen."
Der Vorsitzende Emmel machte dann noch eine Reihe von Mitteilungen geschäftlicher Art. Nach einem „Sieg-Heil!" auf den Führer wurde die Konferenz geschlossen.
Tagung der Junglehrer des Kreises Schotten.
* Lardenbach, 27. Nov. Unter Leitung des Kreisschulamtes Schotten fand in Lardenbach eine Schulverwalterkonferenz statt. Dank des Opfersinns und der schulfreundlichen Einstellung der Gemeinden Lardenbach und Klein-Eichen war es möglich, alle 26 Teilnehmer und Teilnehmerinnen kostenlos unterzubringen und zu verpflegen. Die Junglehrer des Kreises werden die
Gastfreundlichkeit der beiden Gemeinden in dankbarer Erinnerung behalten.
Die Tagung wurde mit einem Familienabend eröffnet, an dem die Junglehrer des Kreieses, die Einwohnerschaft und einige Lehrkräfte der näheren Umgebung teilnahmen. In seiner Begrüßungsansprache wies Kreisschulrat Dr. M e u e r ■ aus die Bedeutung des Abends hin. Die Veran- j staltung wolle den Junglehrern Anregungen für ? die Gestaltung von Elternabenden in ihren Gemeinden geben. Aufgabe der Elternabende müsse sein, wertvollstes Kulturgut in die Bevölkerung hineinzutragen und damit Lehrer und Dorf in lebendige Beziehungen zueinander zu bringen.
Schuloerwalter Müller betonte einführend, was unter Schul- und Hausmusik im Gegensatz zur Kunstmusik zu verstehen ist. Das Konzertleben vergangener Jahre und auch der Rundfunk haben nicht vermocht, breite Schichten des Volkes an wertvolle Volksmusik und an die Werke unserer großen Meister heranzuführen. Wenn unser ganzes Volk wieder wirklich teilhaben soll am Musikleben, dann muß es wieder musikalisch tätig werden, bann muß wieder wertvolle Hausmusik in unseren Heimen erklingen. Das passive Hören allein führt nicht zum tiefen musikalischen Erleben. Es darf nicht mehr so sein, daß wir die Musik nur als willkommenes Mittel zur Zerstreuung schätzen. Erst wenn unser Volk in feiner breiten Masse wieder Erbauung und Erhebung im Singen und Spielen findet, ist es um unser Musikleben wieder besser bestellt. An der Ausführung des Programms waren beteiligt die Schulkinder Lardenbachs (mehrstimmige Lieder, Singspiel), etwa 25 Schulkinder aus Groß-Eichen unter Leitung von Lehrer Appenheimer (Gesang, Blockflötenchor, Gitarren, Volkstänze), Schulverwalter Müller und Lehrer Bell (Violine und Blockflöte), Lehrer Appenheimer (Cello und Blockflöte), Lehrer Schneider (Klavier und Bratsche).
Der nächste Tag war dem Unterricht in den ein« zelnen Klassen gewidmet. Es unterrichteten bit Klassenlehrer und einige Teilnehmer. In der anschließenden Aussprache wurden methodische Fragen erörtert. Um 13 Uhr wurde die wohlgelun- gene Tagung mit einem „Sieg-Heil!" auf Öen Führer geschlossen.
NSLB., Bezirk Gedern.
rt Gedern, 27. Nov. In der Monatsver- sammlung der Lehrer des Bezirks wurde neben Erledigung zahlreicher geschäftlicher Angelegenheiten in der hiesigen Turnhalle ein kurzer Lehrgang für die Durchführung einer zeitgemäßen Schulturnstunde auf dem Lande praktisch durchgeführt. Lehrer Becker-Oberseemen, an führender Stelle in der DT. mit großem Erfolg tätig, konnte aus dem Schatze seiner vieljährigen Erfahrungen eine große Anzahl wohlaufgebauter und sehr abwechselungsreicher Uebungen zeigen, die er von den Lehrern selber ausführen ließ. Da diese Hebungen fast ohne Geräte möglich sind und trotz- dem den ganzen Körper zweckvoll in Anspruch nehmen, ist diese Uebeungsstunde für unser Landschulturnen recht forderlich gewesen.
Gießener Konzertverein.
Klavierabend Alfred Hoehn.
Als man vor einigen Tagen Gelegenheit hatte, in einer Veranstaltung des Frankfurter Senders Professor Alfred Hoehn Beethoven-Sonaten spielen zu hören, da war man vom ersten Ton an gefesselt durch die persönliche Note, die von seinem Spiel ausging. Um wieviel stärker war nun der unmittelbare Eindruck, den der Frankfurter Kla- üiermeifter mit der gestrigen Veranstaltung hinterließ.
Hoehn gilt schon feit langem als einer unserer solidesten Pianisten, und ich erinnere mich noch jetzt gern an Sonatenabende, die ich vor über einem Jahrzehnt von ihm horte. In der Zwischenzeit hat sich Hoehn außerordentlich gewandelt. Das überaus gediegene technische Rüstzeug ist in der Durchbildung so weit fortgeschritten, daß es einfach undenkbar erscheint, daß es für ihn überhaupt noch technische Probleme gebe. Die kühnsten Erwartungen werden bei ihm noch übertroffen, nicht etwa, daß dieses virtuose Können für ihn nun Selbstzweck geworden wäre und seine Darbietungen dominierend beherrschte; im Gegenteil, was wir bei einem Pianisten schlechthin brillantes Spiel nennen, das wird mancher vermißt haben.
Sein Anschlag verleiht dem Klavierton einen hohen Grad klanglicher Rundung und dunkler Sättigung. Alfred Hoehn kann ihn zu kaum erahnter Große steigern und ihn in einer reich differenzierten dynamischen Skala in den Dienst des Musikalischen stellen. Sein Ton kann in Weichheit zerfließen, aber er wird nie schwammig, sondern stets plastisch sein. Farbigkeit des Tones bindet sich bei ihm mit starkem Impuls des Emotionalen.
Vielleicht steht der Künstler augenblicklich in einer Entwicklungsphase, die seine Gefühlskräfte bis zum tiefsten Grunde aufgerührt hat, und so ist sein Spiel beeindruckt von geradezu gigantischen Tempe- ramentsausbrüchen. Ja, in solchen Augenblicken rauschhaster Ekstase ist seine ganze Persönlichkeit in allen ihren Aeußerungsformen so motorisch durchdrungen, daß er mit der Stimme anfängt zu markieren und mit dem Fuß zu stampfen. Manchmal scheint es, als wäre der ganze Körper mie ein Federball durch die ungeheuren inneren Spannungen geschleudert. Diese Leidenschaftsevolutionen binden sich mit großer musikalischer Gestaltungskraft, die augenblicklich, soweit es sich beurteilen läßt, stellenweise zu sehr der durch den Gefühlsüberschwang beherrschten Motorik nachgibt, mehr, als es oft dem Werk angemessen erscheint.
Es ist sicher nicht bloßer Zufall, daß das Programm der musikalischen Romanttk gewidmet war, denn hier fand Alfred Hoehn durch die Gegebenheiten der einzelnen Werke den stärksten und direktesten inneren Kontakt. Den größten Eindruck mutzte
idas Werk des jungen schwärmerischen, ja stürmischen Johannes Brahms (Sonate in r-Moll op. 5) auslösen; ein Opus, .bas schon durch seine Entstehungszeit in die unmittelbarste persönlichste Nähe Robert Schumanns, verweist. Mit welchen wühlenden Ausbrüchen Alfred Hoehn den Kopfsatz bannte, anderseits dem Seitenthema in feinen einzelnen Entwicklungen nachspürte und die innersten Vorgänge bei der Klangwerdung ins rechte Licht zog, das war ebenso bewunderungswürdig, wie er das Andante mit weichem Empfinden erfühlte. Das Scherzo geladen mit stärkster Energie und wiederum in wehmutsvoller Verhaltenheit das Intermezzo (Rückblick). Das Finale erfuhr in feiner Durchgestaltung und in seinem Aufbau eine geradezu frappante persönliche Prägung und wurde durch seine grandiose Coda zu einem erschütternden, ja überwältigenden Erleben. Man glaubte nicht mehr einen Flügel zu hären, das war ein Klanggewoge, das die instrumentalen Fesseln sprengte und in engster Unmittelbarkeit jeden innerlich packte und mitriß.
Wenn Alfred Hoehn auch Chopin meisterlich spielte, so lag ihm Robert Schumanns Carneoal op. 9 unendlich näher. Die innere Symbolik und die außermusikalischen Momente ließ er in engster Bezogenheit zum Werk bildhaft Gestalt gewinnen, fein erlauscht und individualisiert in den einzelnen Zügen. Eine Klangwelt, die sich zu größtem Ausmaße im Marsch der Davidsbündler gegen die Philister steigerte.
Der Abend gestaltete sich auch äußerlich zu einem ungewöhnlichen Erfolg für Alfred Hoehn; der Meister wurde, besonders am Schluß des Programms, mit Beifall überschüttet und dankte durch die Zugabe dreier Stücke von Chopin. Dr. H.
Das Lächeln der Marionetten.
Von Martin Piper.
An einem kalten Abend gehen wir ziellos tiefer in die Stabt. Der Regen peitscht über die leeren Straßen. Da über uns ein Schild: Marionettentheater.
Marionettentheater . . . großes Geheimnis der Kinderjahre ... Es ist zum Lachen! Hier treten sie also noch auf, die kleinen Ritter und Gespenster, die Könige und Hanswurschten. Hier, vor der spärlichen Gemeinde, die jetzt im schwach erhellten Raum wartet. Alles intim, mutz man wirklich sagen. Da steht gleich der Ofen, es wird nachgeschürt, daß es nur so knallt. Das Licht wird gelöscht, man sitzt im Dunkeln, sanft erstrahlt hinter dem Vorhang eine märchenhafte Beleuchtung, das Klavier spielt die Ouvertüre. Es ist zum Lachen ... draußen... die letzten Nachrichten... Halt... es ist Zeit zum Umziehen, dann ins Kino, in die Bar! Autohupen hort man ganz schwach herein... der Vorhang rauscht auseinander...
Ein Prinz. Er irrt durch die Welt, einsam, von Feinden aus der Heimat vertrieben. Es ist Morgen, er schwankt ein wenig unsicher nach links, nach rechts. Wieviel Trauer liegt in diesen Bewegungen! Purpurn geht die Sonne auf und neue Lebensfreude erwacht im Helden, eine Lebensfreude, die die kleine Welt der Bühne füllt, die da ist, die nicht nur auf dem Papier steht, die die ganze Welt füllt. Leiden hat der Prinz auf feiner Fahrt durchzumachen, eine Kette von Augenblicken voll Hoffnung und voll Zweifel. Er sieht die Mädchen und die Frauen der fremden Länder und ist hier Werther und dort Don Juan. Nachts schläft er im Walde, hinten kommt etwas Helles aus dem Dunklen, die Traumgespenster nahen dem Lager des Einsamen.
Stirbt diese Kunst aus? Oder werden die Kinder der Puppenspieler noch das Handwerk ihrer Väter treiben? Man kann sich eine Wissenschaft des Marionettentheaters denken: Bücher über feine uralte Geschichte, über seine Literatur, seine Verehrer, seine Kostüme und über seine Köpfe und Gesichter. Diese blickenden Gesichter, die für das Stück geschnitzt werden. Gehen Sie einmal hin! Vielleicht werden Sie nicht sofort den richtigen Konnex mit den winzigen Gestalten dieser Trauer- und Lustspiele finden. Aber gerade auch ohne daß man der Illusion verfällt, es mit lebendigen Wesen zu tun zu haben, hat der Anblick einen besonderen Reiz. Auch, wenn man weit vorne sitzt und das Unbewegliche der Gesichter, das Hölzerne der zarten Glieder genau sieht, teilt sich einens dieser unbekannte Zauber mit. Da ist die kleine Dame, sie stirbt, denn sie hat Gift zu sich genommen. Und nun hat es etwas Unheimliches, wenn sie umsinkt, wenn ihr weißer Leib hintenüberfällt auf das Bett, steif im Kreuz. Sehen Sie nur richtig hin, meine Herrschaften, wie sie daliegt: Sie sehen, daß hier eine Seele ausgehaucht wurde, eine kleine lebende Seele. Die Tragik der Puppe ergreift, die Puppe spielt Schicksalsdrama. Ihre oft etwas unbestimmten Bewegungen rühren uns, wenn sie im Netz ihres Schicksals sich befinden. Mit starren Augen, gottergeben, geht sie durch die Welt.
Ick spreche von der Tragik der Marionette und ich habe ihren Witz und ihren Tanz vergessen. Bauern, Handwerker und andere Leute, die einen saftigen Dialekt sprechen können, auf der Mario- nettenbühne, das ist etwas Schones! Der Tanz der Puppe ist so leicht, daß ihn der Tänzer mit neidvollen Kenneraugen verfolgt. Sie schwebt anmutig über den Boden, dann dreht sie sich immer schneller und wild schwingt sie ihre losen Arme um sich. Bis die gedämpfte Musik abbricht. Man kann plötzlich erschrecken, wenn einen ihre Stimme anspricht. Wenn ihre Stimme sich an einen persönlich wendet, gerade an einen selbst, von der Bühne mitten ins Publikum herein. Wie blöd, denkt man und lacht
über sich selbst. Wie damals, als der freche Kasperl die Kinder einschüchterte.
In etwas gedrückter Stimmung saß ich im Zuschauerraum. Eine große Hofgesellschaft war gerate auf der Bühne. Ich sah mir die verschiedenen (9f sichter an. Da hinten war ein reizendes Hoffräulein, ein nettes Persönchen. Ich sah schärfer hin. „Herr« gott", sagte ich mir auf einmal, „die lächelt mir ja zu!" Einen ganzen Akt lang blieb sie noch. Und mir war es etwas trübe zu Mute, und da ließ ich mir immer von ihr zulächeln. Das tat mir so gut Eigentlich hätte ich am Bühnenausgang auf die neckische Schauspielerin warten müssen.
Zeitschriften.
— „DasJnnereRei ch". Zeitschrift für Dichtung, Kunst und deutsches Leben. Herausgeber! Paul A l v e r d e s und Karl Benno von Mechow. Preis pro Heft 1,80 RM., vierteljährlich 4,80 RM. Verlag Albert Langen / Georg Müller in München. — Das Dezemberheft wird eröffnet von Wilhelm Schäfers Rede auf Johann Sebastian Bach, in der Bach als der größte Künstler des abendlän« dischen Kulturkreises gefeiert wird. Einen wichtigen Beitrag bildet ferner die große Betrachtung „Mi- chaelsberg" von Ernst Bertram, in bessern dichterischem und wissenschaftlichen Werk die Auseinandersetzung zwischen nordischem und südlichem Geist eine entscheidende Stelle einnimmt. Ein Gedicht Adolf von Hatzfelds führt hinüber zur Selbstdarstellung Eberhard Diegeners, des Malers aus westfälischem Blut, dem die heimatliche Landschaft um Soest -uk stärksten formenden Kraft seiner Kunst wurde. Zwei kleinere Beiträge von Hans Grimm und ausführliche Würdigungen des neuen Werkes von Eni» Strauß und Ernst Wiechert ergänzen die große« Arbeiten dieses Heftes, das durch eine Anzahl tadelig reproduzierter Bildbeigaben angenehm lebt wird.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Arthur Wegner an der Universität Breslau hat den an ihn ergangenen Ruf als Ordinarius für Strafrecht an der Universität Halle angenommen. ,
Professor Dr. Friedrich Schultze-Ron hoi an der Universität Heidelberg hat einen RUs auf das Ordinariat für Geburtshilfe und Gynäkologie an der Universität Breslau erhalten.
Professor Dr. Wolfgang L i e p e, Ordinarius an der Universität Kiel, ist auf den ordentlichen Lehrstuhl für deutsche Literaturgeschichte und -ry aterwissenschaft an der Universität Franksu berufen worden. . „ .___
Pravatdozent Dr. O. Höfler an der ^nwett Wien erhielt einen Ruf auf den germani|ti|Q/ Lehrstuhl an der Universität Kiel.


