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Ur. 227 Drittes Blatt

Metzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Zreitag, 28. September 1934

Die Gießener Crniedankfestfeier.

Gemeinsame Feierstunden mit den Volksgenoffen auf dem Lande.

Ortsgruppe Gießen-Aord der ASDAP.

An alle Volksgenossen der OG. Giehen-Rord.

Betr.: Erntedankfest am 3 0. September 1-9 3 4.

Am Sonntag, 30. September 1934, feiern wir das Erntedankfest zusammen mit der Landbevölkerung der

Ortsgruppe Heuchelheim.

Die männlichen Volksgenossen treffen sich um 12.30 Uhr in der Steinstraße 1 bis 50. Es wird zeilenweise angetreten in der Reihenfolge 1 bis 7. Die einzelnen Zellen find durch Schilder kenntlich gemacht. Bei der Aufstellung werden die Quartierscheine für das Abendessen ausgegeben. Frauen und Kinder nehmen am Marsche nicht teil, für diese ist Gelegenheit gegeben, mit der Bieber­talbahn zu fahren, bzw. gehen Frauen und Kinder gesondert und treffen sich mit den männlichen Volks­genossen in Heuchelheim. Mit Musik wird nach Heuchelheim abmarschiert. Nach dem Eintreffen neh­men wir an dem dortigen Festzug teil und hören anschließend geschlossen die Rede des Führers an. Nach Beendigung der Führerrede ist offizieller Schluß der Feier, das weitere Programm wird in Heuchelheim bekanntgegeben. Der Rückmarsch erfolgt geschlossen um 24 Uhr ab Turnhalle Heuchelheim. Selbstverständlich können Frauen und Kinder schon früher in Heuchelheim aufbrechen, auch ist wiederum Gelegenheit geboten, die Biebertalbahn zu benutzen.

Nachträgliche Ausgabe von Quartierscheine für Abendessen ist in der Turnhalle Heuchelheim zu beantragen.

Es wird erwartet, daß sich sämtliche Parteigenos­sen, die Mitglieder aller Parteigliederungen und darüber hinaus alle Volksgenossen an der Feier beteiligen.

Zonderzüge

der Viebertalbahn mit Sonntagsfahrkarten.

ab Gießen 13.20 Uhr ab Heuchelheim 17.07 Uhr

14.50 18.52

15.30 21.07

22.30 .

Organifationsplan der Ortsgruppe Gießen-Nord.

Zelle 1: Auf der Bach, Kirchenplatz, Kirchstraße, Wagengasse, Schulstraße, Sonnenstraße, Wetzstein­straße, Wetzsteingasse.

Zelle 2: Brandgasse, Brandplatz, Hundsgasse, Kanzleiberg, Kaplaneigasse, Lindengasse, Lindenplatz, Neue Bäue, Marktlaubenstraße, Walltorstraße 1 bis 14, Schloßgasse, Zozelsgasse.

Zelle 3: Hitlerwall, Gutfleischstraße, Wiesen­straße, Zeppelinstraße, Diezstraße, Senckenbergstr., Landgraf - Philipp - Platz, Landgrafenstraße, Brau­gasse, Walltorstraße 15 bis Ende.

Zelle 4: Asterweg, Steinstraße 62 bis Ende, Schottstraße, Wernerwall 36 bis Ende. Ederstraße.

Zelle 5: Marburger Straße, Bückingstraße, Am Rodberg, Friedhofsallee, Cranachstraße, Am Win­gert, Wiesecker Weg, Feuerbachstraße, Thomasstraße, Menzelstraße.

Zelle 6: Gabelsbergerstr., Hammstraße, Lahn- jtoafie, Zu den Mühlen, Bootshausstr., Wißmarer Weg, Rodheimer Straße, Schlachthofstraße, Hinter den Schießgärten, Krofdorfer Straße, Gleiberger Weg, An der Hardt, Schützenstraße.

Zelle 7: Wernerwall 1 bis 35, Steinstraße 1 bis 61, Dammstraße, Schillerstraße, Im Gartfeld, Weserstraße.

Heil Hitler!

Thomas, Ortsgruppenleiter.

Ortsgruppe Gießen-Süd.

Das Erntedankfest am kommenden Sonntag wird von der Ortsgruppe Gießen-Süd in Leihgestern gemeinsam mit den dortigen Volks­genossen gefeiert. Alle im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd wohnenden Volksgenossen werden bei dieser Feier mit Bestimmtheit erwartet. Die poli­tischen Leiter der Ortsgruppe treten um 11.45 Uhr in Uniform an der Gummifabrik Poppe zum Marsch nach Leihgestern an. Marschlustige Volks­genossen können sich anschließen. Wer die Bahn benutzen will, fährt mit dem Zug 12.41 Uhr nach Großen-Linden und meldet sich zwecks Erlangung einer Fahrpreisermäßigung am heutigen Freitag von 16 bis 19 Uhr in der Geschäftsstelle der Orts­gruppe, Crednerstraße 24, unter Zahlung des Fahr­preises.

Die Volksgenossen in Leihgestern haben für den Empfang der Gießener Gäste gut vorgesorgt. Auf dem Festplatz werden Zelte, Tische und Bänke zur Aufnahme der Besucher vorhanden sein. Nach­mittags wird aus Feldküchen Kaffee dargereicht, zu dem die Volksgenossinnen von Leihgestern wie­der, wie im vorigen Jahre, mit Kuchen aufwarten werden. Mancherlei gesellige Darbietungen, dar­unter ein von dem Heimatdichter Georg Heß (Leihgestern) verfaßtes Heimatspiel, werden die Festgemeinde unterhalten, bis die Stunde der Uebertragung der Rede des Führers vom Bückeberg gekommen sein wird. Die Rede des Führers wird durch Gemeinschaftsempfang ange­hört. Für das Abendessen werden Quartierkarten ausgegeben, in deren Besitz die Gießener Besucher Gäste der Leihgesterner Volksgenossen sind. Nach dem Abendessen wird Gelegenheit zum Tanze ge­geben sein. Den musikalischen Teil der ganzen Ver­anstaltung versehen Musiker der Gießener Reichs­wehrkapelle. An der Feier nehmen auch Abteilun­gen der HI. mit Spielmannszug, der SA. und des BDM. teil. Abgesehen von SA. und HI. ist ein gemeinsamer Rückmarsch nicht vorgesehen, so daß die Gießener Volksgenossen am Abend nach Be­lieben die Heimkehr nach Gießen antreten können.

Aus der provinzialhaupistadi.

Herbstnebel.

Wer jetzt nur zur hellen Mittagszeit hinauswan­dert, um Abschied vom Sommer zu nehmen, der weiß nichts von den weißen, dichten Nebeln, die am Morgen oft die Erde bedecken. Er sieht nur die lachende Landschaft. Wohl sind es andere Farben, als im Sommer, aber auch der Herbst ist mit seiner ganzen Farbenpracht noch nicht eingezogen. In sanften Gold- und Silbertönen schimmert das Ge­filde. Die Gärten freilich prahlen noch mit ihrem Blütenflor. In vollster Schönheit leuchten Astern, Dahlien und verspätete Rosen.

Wenn wir dann aber in den Waldesschatten kom­men, weht uns eine solche Kühle entgegen, daß wir alauben, wir wären in einen Keller eingetreten. Der Boden ist feucht, und zum Ruhen suchen wir uns schnell ein sonniges, trockenes Plätzchen unter den lichten Bäumen aus, dort, wohin die Sonnen­strahlen noch gelangen können. Einzelne müde Blätter fallen schon ab, und wenn wir genau zu­schauen, bemerken wir, daß alle Blätter schon lieber« gangstöne zeigen. Bald werden sie goldgelb oder blutrot sein. So sehen wir die Landschaft zur Mittagszeit.

Wer aber Frühaufsteher ist und seine Wohnung verläßt, wenn alle Nachbarn noch schlafen, dem wird in diesen Tagen eine Freude zuteil, die nur der Herbst geben kann. Das sind solche Tage, an denen schwere Nebel auf Stadt und Land liegen. Unsere Augen müssen sich zuerst an die Umgebung gewöhnen, denn oft ist der Nebel so dicht, daß wir nur auf wenige Meter etwas sehen können. Da­hinter ist alles verdeckt.

Du mußt bei solcher Wanderung starke Kleider und wasserdichte Stiefel anziehen, sonst wird dir die Freude verleidet, denn das Gras auf den Wie­sen hängt voller Wassertropfen, und von den Bäu­men tropft es, wie bei einem leichten Regen. Deine Kleider und Haare fühlen sich bald ganz naß an. Der Nebel überzieht alles. Aber frisch und würzig ist die Luft! Du atmest tief. Alle Geräusche der Straße klingen nur gedämpft zu dir. Autohupen, Wagengerassel und aller Lärm werden gemildert in diesem Nebel. Nur wie ferne Schatten rauschen die Wagen an dir vorbei.

Dann bist du im Walde. Von den Blättern sieht man nicht viel, alles ist verhängt. Die einzelnen Stämme im Hochwald erscheinen wie blasse Ge­spenster. Die Waldwege sind weich und feucht. Kein Laut ist zu hören. Es ist so, als ob der Nebel alles verschluckt. Dein Atem wird sichtbar in der Kühle, beinahe wie bei winterlicher Kälte. Aber du frierst nicht. Der Weg führt bergan. Was wollen wir auf dem Gipfel? Hat es überhaupt Sinn, an solchen nebligen Tagen einen Berg zu besteigen? Ja, es hat Sinn! Denn erst auf der Bergeshöhe erlebst du die ganze Schönheit dieses Herbstnebels. Je höher du steigst, desto heller wird es. Schon überblickst du den Wald, und ganz hoch über dir bemerkst du, daß die ersten Sonnenstrahlen die Gipfel der Bäume vergolden. Der Aussichtsturm oben^ steht schon in vollem Sonnenschein.

Die Sonne ist wieder einmal Siegerin geblieben. Die Nebel sind zur Erde niedergedrückt worden. Das deutet auf einen schönen Tag. Wenn sie hoch steigen, kommen sie am Nachmittag als Regen wie­der zurück, sagt der Volksmund.

Welchen Anblick hast du vom Turm! Dort in den Tälern ist noch alles weiß. Man erkennt noch nichts. Doch ist der Nebel keine feste Wand, er wird vom Winde hin- und hergeweht. Die Sonne überstrahlt ihn, und hier und da muß er weichen. Dann guckt das Dach eines Hauses, die Spitze eines Baumes hervor. Ewig wechselnde Bilder ziehen an deinem Auge vorüber. Jetzt ist die jenseitige Anhöhe fast frei, nur einzelne Fetzen des Nebels liegen noch auf

den Wiesen. Bald werden auch sie verschwunden sein. Nun sehen wir Häuser im Tal, der Kirchturm und der kleine Friedhof daneben liegen schon in der hellen Sonne. Weiter hinten im Tal wogt noch der Nebel, aber auch hier wird die Sonne bald durchdringen.

Noch eine halbe Stunde, und ringsum liegt die herbstliche Welt in goldenem Sonnenschein.

Dein Rückweg führt dich durch eine verwandelte Landschaft. Aber den Anblick von der Bergeshöhe aus das wogende Nebelmeer wirst du nicht ver­geßen. R-

*100 Sage Saarkalender.

Die Industrie- und Handelskammer Gießen bittet die ihr angeschlossenen Firmen und Betriebe, den Saarabstimmungskalender, der in allen Buchhand­lungen der Stadt zum Preis von 1 Mark erhält­lich ist, in den Arbeitsräumen aufzuhängen, um alle Volksgenossen an den Kampf, den das deutsche Saarvolk für seine Rückkehr in die deutsche Heimat führt, zu erinnern. Alle Stellen, die mit der Her­stellung und dem Vertrieb des Kalenders betraut sind, verzichten auf einen Gewinn. Der Reinertrag des Verkaufs ist für das Winterhilfswerk an der Saar.

Warnung des Präsidenten der Reichspreffekamnier.

Das Gaupresseamt teilt mit: Noch immer sind 3 e i t u n g s - und Zeitschriftenwer­ber in größeren Kolonnen tätig, ohne den für diese Tätigkeit erforderlichen Ausweis der Reichspressekammer zu besitzen. Es wird hierdurch ausdrücklich davor gewarnt, Abschlüsse über den Bezug von Zeitungen und Zeitschriften mit Werbern zu tätigen, die nicht im Besitz eines Ausweises der Reichspressekammer sind. Ich bitte, sich von jedem Werber den grünen Werber­ausweis vorlegen zu lassen und solche Werber, die diesem Verlangen nicht nachkommen, um­gehend der nächsten Polizei st eile zu melden.

Geläute zum Erntedanttag.

ELP. Der Landesbischof der Evangelischen San- deskirche Nassau-Hessen gibt durch die Presse fol­gende Anordnung den Pfarrämtern zur Kenntnis:

Ich ordne hiermit an, daß zur Einleitung des Erntedanktages am Samstag, 29. Sep­tember, 20 Ahr, zu läuten ist.

Gez.: Lic. Dr. Dietrich.

Kirchliche Fürbitte für den Führer.

ELP. Der Landesbischof der Evangelischen Lan­deskirche Nassau-Hessen hat angeordnet, daß in das sonntägliche allgemeine Kirchengebet folgende Für­bitte einzufügen ist:

Deiner Gnade befehlen wir insbesondere den Führer und Reichskanzler. Stehe ihm bei mit Deinem Geist und Deiner Kraft und laß sein Werk gelingen zum Heil und Segen für unser deutsches Volk."

Deutsche Arbeitsfront.

Amtswalterappell.

Der Amtswalterappell der Deutschen Arbeitsfront für die Orte Gießen, Wiefeck, Heuchelheim, Klein- Linden findet am Samstag, 29. September, in Gießen, abends 8 Uhr, im Saale des Hotel Hinden­burg, Seltersweg, statt.

Sämtliche Amtswalter der obengenannten Orte haben daran teilzunehmen.

Unser neuer Noman.

Nachdem wir gestern den Abdruck des Romans Donata verteidigt ihr Glück" von Anny van Pan Huys zum glücklichen Ende geführt haben, beginnen wir heute mit der Veröffentlichung eines neuen großen Werkes, das bestimmt zu den aller- stärksten und nachhaltigsten Romanerfolgen gehören wird, die wir bisher überhaupt zu verzeichnen hat- ten. Dieser Roman wird, davon sind wir überzeugt, von allen unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land sozusagen verschlungen werden in atemloser Spannung und lebendiger Anteilnahme von Tag zu Tag, von Fortsetzung zu Fortsetzung:

Seine kleine Sekretärin"

von Gert Gothberg

so heißt unser neuer Roman, mit dem wir heute den Anfang machen. Der Name der Autorin, die gegenwärtig zu den allerbeliebtesten und gelesensten in Deutschland gehört, ist unseren Lesern seit langem bekannt und vertraut.Wege, die die Liebe weist" Das Rätsel einer Frühlingsnacht"Das Glück fand den Weg"Ich hole dich, Aenne" das sind nur einige ihrer früher bei uns erschie­nenen Romane, die sich die Herzen der Leser im Sturm erobert haben. Gert Nothbergs jüngstes Werk ist ein ergreifender und mitreißend geschriebe­ner Liebesroman von unwiderstehlicher Spannung und bezwingender Eindringlichkeit der Schilderung. Seine kleine Sekretärin" ist ein Roman, der von der ersten bis letzten Zeile ein begeistertes Lese- publikum finden wird.

seine Heine setteliitin.

Roman von Gert Rothberg

Urheberrechtsschutz: Füns-Türme-Verlag, Halle (S.). (Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

Käthe Randolf sah auf die verschneite Gasse hin­unter, die sich eng und lang da unten hinwand. Und an der die vielen kleinen altmodischen Häuser standen. Trotz der späten Nachtstunde schimmerte noch hier und dort ein Licht aus einem der kleinen Fenster. Wahrscheinlich saß da noch jemand über irgendeine Weihnachtsarbeit gebeugt.

Weihnachten!

Das Fest der Liebe und des Friedens!

SiS hatte nie Liebe und Frieden kennengelernt. Onkel und Tante, bei denen sie feit frühester Kind­heit lebte, die zankten sich, seit sie denken konnte. Onkel trank und vertat das Geld, und die Tante lief die ganze Woche über zu fremden Leuten und wusch und scheuerte dort. Und seit mehreren Jahren hatte nun schon der Onkel keine Arbeit mehr, und weil er daher auch kein Geld mehr zum Trinken hatte, gab es noch mehr Streit als früher. Wüste Schimpfreden waren an der Tagesordnung. Und seit sie, Käthe, nun auch noch arbeitslos geworden war, da war es nicht mehr zum Aushalten für sie.

Die Tante Ida, verbraucht, abgearbeitet, abgehetzt, knochig und verdrossen, hatte erst gestern wieder zu ihr gesagt, daß sie sich endlich wieder etwas ver­dienen müsse. Sie könne sie nicht noch mit ernähren, sie doch den Trunkenbold schon jahrelang er­nähren müsse. Und es sei wohl auch im großen und ganzen besser für sie, wenn sie hier nicht mehr mit zuzusehen brauche.

Käthe hatte sich eine Stellung suchen wollen. Aber nichts war frei. Sie war von früh bis spät herum­gelaufen, hätte jede Arbeit angenommen, aber es fanb sich nichts. Jeder hielt seinen Posten fest. Und selbst einem mitleidigen Menschen war es heute fast nicht mehr möglich, einen Menschen neu einzustellen, wenn nicht vorher ein anderer Platz machte. Hatte sie nicht auch waschen und scheuern gehen wollen : wie die Tante? Trotzdem sie für Bureauarbeit aus­gebildet worden war? Aber man hatte sie aus- ! gelacht, als sie sich in einer großen schönen Villa ; dum Wäschewaschen gemeldet hatte, und neben ihr I hatte dann eine robuste, große Frau gesagt:

Nein, mein Kind. Sie sind ja viel zu schwach zu s solcher Arbeit. Und halb verhungert scheinen Sie «auch zu sein."

' Aber ein Stück Brot hatte ihr die Frau nicht ge- ;geben.

Käthe weinte nicht!

Sie drückte nur die schmale, weiße Stirn an die ! Scheibe und dachte traurige

Wenn es keine Sünde wäre, dann wäre es doch wohl das beste, wenn ich stürbe! Freiwillig stürbe! Ich finde ja doch keine Arbeit mehr!

Schritte tappten draußen.

Käthe stand ganz still.

Dann waren die tappenden Schritte vorbei. Wahr­scheinlich war die Tante schlafen gegangen. Käthe öffnete das Fenster. Ihr war so heiß. Aber da pochte nebenan auch schon die Tante an die Wand.

Du brennst doch nicht etwa noch Licht?" Nein, Tante Ida! Ich stehe hier im Dunkeln." Nun war es ganz still.

Und draußen war die mondhelle Winternacht. Hinter der kleinen Stadt, wo man klatschte, alles, alles voneinander wußte, sich aber auch gern einen Gefallen tat, wenn es darauf ankam, dahinten brei­tete sich die Heide aus. Die schöne, weite Heide, und dann kamen Dörfer, Wälder, wieder Dörfer, Seen, und dann kam wohl, weit, weit in der Ferne, die Großstadt!

Ob man dort Arbeit für sie hätte?

Ob sie versuchte, in die Großstadt zu kommen? Aber sie hatte nur noch wenig Geld. Vielleicht ging sie dann elend zugrunde, wenn die wenigen Mark alle waren und sie bis dahin keine Arbeit gefunden hatte.

Aber wenn man nichts wagte, dann konnte man auch nichts gewinnen. Und wenn sie hier am Fenster stand, bei Tag, in der Nacht, davon hatte sie keinen Nutzen. Gar keinen. Sie mußte noch einen letzten Versuch wagen, ehe alles verloren war, ehe sie rettungslos unterging.

Ehe sie vielleicht am Wege starb.

Käthe fühlte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Aber sie biß ganz fest die Zähne zusammen und dachte:

Ich muß es tun. Hier kann ich nicht länger bleiben."

Käthe legte plötzlich den Kopf auf das Fenster­brett, weinte nun doch. Sie konnte nicht mehr länger hier bleiben Der Onkel blickte sie verliebt an, be­lästigte sie. Das war das Letzte! Jetzt konnte dies hier keine, wenn auch noch so armselige Heimat mehr für sie sein.

Käthe schlich ins Zimmer zurück, nachdem sie das Fenster geschlossen hatte. Sie kleidete sich aus und legte sich ins Bett. Ihr Entschluß stand fest. Morgen früh würde sie zeitig aufstehen, der Tante alles sagen, und dann würde sie mit ihrem Koffer das Heim der Tante verlassen. .

Und dann mußte ein neuer Lebensabschnitt be­ginnen. .. v f .,

Aber dann wurde die Tante ja auch gleich wissen, daß sie, Käthe, immer noch ein paar Mark besaß, die sie von Rechts wegen hätte mit hergeben müssen Aber das schadete nun nichts. Die Tante würde froh sein, daß sie sie endlich los wurde.

Käthe lag mit großen, wachen Augen, bis endlich der Morgen heraufdämmerte. Aber es blieb noch lange dunkel draußen.

Käthe erhob sich. In der Küche hörte sie die Tante rumoren. Und da kleidete sie sich an, packte ihre Sachen in den Koffer, sah sich noch einmal um in dem kleinen schiefen Raum nut den wenigen alten, wackligen Modeln, und dann ging sie.

Aus dem Schlafzimmer drang noch starkes Schnar­chen. Und in der Küche saß die Tante bei dünnem Kaffee und blickte ihr mit großen Augen entgegen.

Was hast du denn?" fragte sie unsicher.

Ich gehe, um mir irgendeine Arbeit zu suchen. Hier tann ich nicht länger bleiben. Ich habe durch deine Güte etwas gelernt. Vielleicht finde ich docy noch wieder Arbeit in meinem Fach. In der Groß­stadt wird es eher möglich sein. Und wenn es mir einmal gut gehen sollte, dann denke ich an dich, Tante. Dann schicke ich dir immer etwas, damit du dich nicht mehr so zu plagen brauchst."

, Die Tante starrte vor sich hin. Tranen sanden ihre! harten Augen nicht mehr, aoer es ging ihr doch nahe, 1 daß Käthe gehen wollte. Es war eine stille.Wehmut j ! über sie getommen, daß das einzige Kind 'der früh ' ; verstorbenen Schwester sich nun von ihr trennen wollte. War sie nicht doch manchmal recht lieblos zu dem armen Ding gewesen? Hatte sie nicht zuviel über das eigene verbrauchte, unschöne Leben nach­gedacht? Dieses junge Geschöpf mochte manchmal gelitten haben unter den häßlichen Verhältnissen. : Und ja es war wirklich besser, wenn Käthe ging. Die wurde immer schöner, reifer, und man würde nichts als Aerger haben.

Die Tante erhob sich.

Willst wohl noch ein paar Mark haben, Käthe? Warte, ich gebe sie dir."

Und sie händigte dem Mädchen nach einer Weile zehn Mark aus.

Ich wollte dir Weiynachten mal was zugute tun.1 Du brauchtest eigentlich notwendig einen warmen Mantel. Aber nun nimm nur. Du kannst doch nicht | laufen der Weg wäre zu weit. Und schreib mal, Käthe."

Stumpfsinnig starrte die Tante vor sich- hin und saß schon wieder vor ihrem dünnen Malzkaffee.

Käthe legte ihr die Arme um den Hals.

Tante Ida, behalte das Geld, ich habe mir selbst noch ein paar Mark zurückbehalten. Hier, sieh zwanzig Mark!"

Die Tante sah gar nicht hin, sagte:

Mein Geld behalte auch. Du wirst es brauchen. Und geh gleich! Der Frühzug geht in einer halben Stunde."

Ein gutes Stück laufe ich. Ich habe ja dann überall Haltestellen, wo ich mitfahren kann. Leb wohl, Tante Ida!"

Die Tante strich mit harter Hand über die weiche Wange des Mädchens.

Du gehst nicht unter du nicht. Du hast etwas an dir es wird dich nicht untergehen lassen. Und eine alte Zigeunerin sagte mir einmal, du hättest nock einmal großes Glück, würdest in einem Schloß woynen. Ich wünsche es dir. (Eintreffen wird's wohl

nicht ganz genau, denn das gibt es nur in Ro­manen. Früher hab' ich nämlich manchmal Romane gelesen. Leb wohl, Käthe!"

Leb wohl, Tante Ida!"

Käthe stand draußen im Schnee.

Aus der Straße war sie der Brötchenfrau begeg­net. Die drückte ihr zwei frische Brötchen in die Hand.

Nehmen Sie nur, Käthe!"

Die Tante hatte ihr droben ein Stück Brot hin­geschoben. Und einen Schluck Kaffee hatte sie auch noch schnell genommen. Und die Wärme des heißen, dünnen Kaffees faß ihr nun im Körper. Und die Worte der alten Brötchenfrau taten ihr wohl.

Käthe lief durch den Schnee. Lief immer weiter. Und der Himmel hatte einen ganz hellen, roten Streifen, und gerade darauf zu lief Käthe Randolf. Mitten hinein in diesen wundervollen, glitzernden Wintermorgen lief sie.

Lief viele Stunden! Freute sich dieses herrlichen Weges im Schnee. An ihr vorbei fuhren mehrmals schöne, große Autos. Hell klirrten die Schneeketten. Und auch Lastwagen fuhren vorüber. Vielleicht hätte einer oder der andere der Fahrer sie ein Stück mit­genommen. Aber Käthe wollte das gar nicht. Sie empfand diesen forschen, wundervollen Gang durch Schnee und Kälte wie ein Geschenk.

Dabei war sie klein und zierlich. Unter der schwar­zen Mütze schob sich das goldene Gelock hervor. Und die großen braunen Augen blitzten in neuerwachter Lebensfreude.

Gattes Natur!

Wie herrlich war sie! Und es würde auch wieder Arbeit für sie geben. Sie konnte doch stink und (anher arbeiten. Der alte Ches hatte gemeint, als er fein Personal entlassen mußte.

Ich weiß nicht, wie es kommt. Aber es ist wie eine Seuche. Man kann sein Geschäft nicht halten, und wenn man Tag und Nacht arbeitet. Die Ratten haben alles unterwühlt! Die Maulwürfe! Es tut mir leid um euch, aber ich habe selber nichts mehr. Und das Geschäft, das war seit über einem Jahrhundert in unserer Familie. Nun geht es an einen Fremden. Ja, es wäre am besten, man brauchte das alles nicht mehr mit anzusehen Nun kommt ihr alle in Not. Ich gebe noch jedem zwanzig Mark. Sie sollen euch Glück bringen."

Und der alte, gütige Chef hatte jedem noch zwan­zig Mark in die Hand gedrückt. Es war das Geld, das sie, Käthe, immer festgehalten hatte, auch wenn der Hunger sie in letzter Zeit einmal schrecklich ge­quält hatte.

Dörfer lagen still und friedlich mitten im Schnee. Und die Sonne ging immer strahlender auf.

Käthe Randolf sang vor sich hin, und es war ihr, als schreite jemand neben ihr und führe sie ins Glück. Mitten hinein ins Glück.

(Fortsetzuna folatl)