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lk K8 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen) Donnerstag, 28.Zuni 1934

Aus Oer provmzralbtiuptstoO,

Geh. Hofrat profeffor Dr. Haupt

80 Jahre alt.

Geheimer Hofrat Professor Dr. Hermann Haupt, der ;,6 Jahre der Gießener Universitätsbibliothek vorgcstanden hat, begeht am morgigen 2 9. Juni bei bestem Wohlbefinden seinen 8 0. Geburts­tag. Geboren in dem mittelfränkischen Städtchen Markt-Bibart als Sohn eines Rechtsanwalts, stu­dierte er nach dem Besuch der Gymnasien in Würz­burg und Schweinfurt an der Iulius-Maximilians- Univerfitat in Wurzburg klassische Philologie und Geschichte. Rach Abschluß seiner Studien war er kurze Zett im Schuldienst, trat aber dann bei der Universitätsbibliothek in Würzburg als Anwärter für den höheren Bibliotheksdienst ein Rach zehn- jahriaer Wirksamkeit an diesem Institut wurde er

1885 als Leiter an die Universitätsbibliothek in Gießen berufen. Der Ausgestaltung dieser Anstalt widmete er seine ganze Kraft. In jahrelangem, zähem Kampf erreichte er, daß durch Bewilligung der notwendigen Mittel die Bibliothek sowohl in Fragen der Bücherbeschaffung, wie in Personal­fragen allen an sie gestellten Anforderungen gerecht werden konnte. Seine umfassende Sachkenntnis setzte ihn in die Lage, auch organisatorisch das Institut jederzeit auf der Höhe zu halten. Mit liebevollem Fleiß bereitete er den von der Regie­rung bewilligten Neubau der Bibliothek ge­wissermaßen die Krönung seines Lebenswerkes vor, der nach feinen Angaben errichtet wurde und lange Zeit das Muster eines modernen und prak­tischen Bibliotheksbaues blieb. So hat Haupt in jeder Weife richtunggebend und beftimmnd auf den Entwicklungsgang der Bibliothek eingewirkt, und fein Name wird für immer mit der (beschichte der Universität Gießen verbunden sein

Außer seiner beruflichen Tätigkeit haben ihm auch seine Erfolge als Wissenschaftler und Schrift­steller zu einem geachteten Namen in der gelehrten Welt verhalfen. Sein Arbeitsgebiet war mittel­alterliche Geschichte, besonders Geschichte des Sekten­wesens. Er schrieb eine Geschichte der religiösen Sekten in Franken, verschiedene Arbeiten über die Waldenser, eine Reformationsgeschichte der Stadt Worms und zahlreiche biographische Aufsätze. Spä­ter wandte er sich der Universitäts- und Studenten­geschichte zu. und da war es vor allem die Ge­schichte der Burschenschaft und der deutschen Ein­heitsbewegung, die ihn, den begeisterten Burschen­schafter, anzog. Eine Arbeit über die alte Würz? burger Burschenschaft leitete eine Reihe von Ver­öffentlichungen aus dem Gebiet der Studenten­geschichte ein, durch die er die noch in den Kinder­schuhen steckende studentische Historiographie auf ein wissenschaftliches Niveau brachte. Die in den Mit­teilungen des Oberhessischen Gescksichtsoereins von

1907 veröffentlichte Schrift über ,Karl Fallen und die Gießener Schwarzen" ist in Gießen auch weiteren Kreisen bekanntgeworden. 1909 begründete Haupt die Burlchenschaftliche Historische Kommission, in deren Auftrag er dieQuellen und Darstellun­gen zur Geschichte der Burschenschaft und der deut­schen Einheitsbewegung" herausgab. Anläßlich des Gießener Univerfitätssubiläums 1907 beteiligte er sich an der Veröffentlichung der Ehronik der Uni­versität Gießen 1607 bis 1907, sowie der Festschrift Ludoviciana".

Seit 1912 erscheinen unter seiner Leitung die Hessischen Biographien", ein für den Historiker, besonders den Familienforscher, unentbehrliches Hilfsmittel. Während des Krieges gab Haupt die Hessische Lazarettzeitung" heraus und war im Hilfsdienst tätig. Daneben wirkte er mit Rat und Tat in zahlreichen gelehrten Gesellschaften und Ver­einen, die er zum Teil mitbegründet hat.

Haupts Verdienste fanden Anerkennung. 1897 mit dem Professortitel ausgezeichnet, wurde er bei Ein­weihung des neuen Bibliotheksgebäudes 1904 Ge­heimer Hofrat. Die Universität verlieh ihm, als er 1921 auf eigenen Wunsch in den Ruhestand trat, die Würde eines Ehrensenators. Verschiedene ge­lehrte Gesellschaften und wissenschaftliche Vereine ernannten ihn zum Ehrenvorsitzenden oder Ehren­mitglied, so der Oberhessische Geschichtsverein, der Verein für hessische Geschichte und Landeskunde in Kassel, die Societe dhistoire Vaudoise und die Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung. 1924 errichtete die Deutsche Burschenschaft eine.Her- mann-Haüpt-Stiftung, deren Mittel zur Förderung burschenschaftlicher Geschichtsforschung verwandt werden, und zum 75. Geburtstag Haupts wurde die Haupt-Plakette gestiftet, die für Verdienste und Leistungen auf dem Gebiete der burschenschaftlichen Geschichte verliehen wird.

Don 1921 an lebte Geheimrat Haupt hier im Ruhestand und widmete sich ganz seinen wissen­schaftlichen Arbeiten. Am 1 Juni d. I. siedelte er nach Betzdorf a. d. Sieg übr, um hier im Kreise seiner Kinder und Enkel seinen Lebensabend zu verbringen.

Zum 80. Geburtstag hat einer feiner Freunde, Herr Geheimrat Olt, ein Porträt des Jubilars n^malt und her Universitätsbibliothek geschenkt. Ein weiterer Kreis von jungen und alten Gießener Freunden und Mitarbeitern Hermann Haupts ge­denkt des vornehmen und gütigen Menschen, des vorbildlichen einstigen Vorgesetzten und sendet ihm nach seiner neuen Heimat herzliche Grüße und Glückwünsche.

Pro^efRr Dr Stifter

Gern entspreche ich der Bitte desGießener An­zeigers", zum Geburtstage von Professor Dr. Ernst K ü st e r, Direktor des Gießener Botani­schen Instituts und des Botanischen Gartens, einige nähere Mitteilungen zu machen. Wie schon gestern von der zuständigen Stelle der Universität mitge­teilt. kann der Jubilar heute in jugendlicher Schaf­fensfreude und bei bester Gesundheit seinen 6 0. G e - b u r t s t a g begehen. Nicht nur ein großer Schüler­kreis gedenkt an diesem Tage seines ausgezeichneten Lehrers, sondern weit über das enge Fachgebiet hinaus Freunde und Bekannte.

Gesegnet mit einer hervorragenden rednerischen Begabung ist Professor Küster ein Meister des Wortes, in wissenschaftlichen Gesellschaften und Ver­bänden als Festrednc'r ein gern gesehener Gast, der es in glänzender Weise versteht, fein botanisches Wissensgebiet von hoher, umfassender Warte aus an seine Hörer cheranzutragen. Als eifriges Mitglied der Gießener Hochschulgesellschaft, als wiederholter Leiter der von ihm im Auftrage der Universität ins Leben gerufenen Gießener Ferienkurse, die unsere Stadt weit üb^r die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus zum Mittelpunkt regster, wissenschaftlicher Tätigkeit machten, und durch die Einrichtung von Lehrer-Kursen, die vom Ministerium unterstützt wurden, hat Professor Küster gezeigt, daß ihm über seinen engeren Ausgabenkreis hinaus an der Wei­tergabe seines Wissens und seiner Erfahrungen an andere viel gelegen ist. Mit ein<*r staunenswerten Vielseitigkeit, einem aründlichen W'sien in der Ar- chäoloaie. den alten Sprachen, her Kunst und Lite­ratur steht er weit über dem Typ eines einseitigen Fachaelehrten. Jederzeit steht sein Haus Schälern und Freunden offen, um hier der Person des Leh­rers näherzukommen. Der Besitz einer umfang-

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reichen Gemäldesammlung, einer Autographensamm­lung aus der Zeit um Goethe und eine einzigartige Jean-Paul-Sammlung zeugen von dem staunens­werten Interesse, das Professor Küster über den Rahmen seines Fachgebietes hinaus anderen Wis­sensgebieten entgegenbringt. Es versteht sich von selbst, daß von diesem überreid)en Wissen Ansporn und Anregung an seine nächste Umgebung übergeht. Harmonierend zu diesem erstaunlichen Wissen und der mannigfachen Vielseitigkeit steht die äußere Schlichtheit und Einfachheit dieses Mannes, der zurückgezogen^ eifrig und emsig seinen wissenschaft­lichen Aufgaben nachgeht und der als hervorragen­der Kenner der Pflanzenzellen und der Pflanzen- aallen an erster Stelle Weltruf genießt. Oesters suchen daher ausländische Gelehrte zur Vertiefung und Erweiterung ihres Wissens das Gießener Bo­tanische Institut auf

Ein ganz besonders freundschaftliches Verhältnis besteht zwischen ihm und seinem engsten Schüler­kreis, dem er ein strenger, genauer und gewissen­hafter Lehrer ist, aber jeder, der in engster Arbeits­gemeinschaft mit ihm gestanden hat, weiß, wie diese Strenge, wie diese scheinbar rauhe Schale mit wohlwollender Güte gepaart ist. Durch Anteilnahme nicht nur an den Sorgen und Mühen in wissen­schaftlichen Fragen ist er seinen Schülern väterlicher Freund und Berater, der mit seiner reichen Erfah­rung jederzeit hilfsbereit ist, sondern er weiß auch die materielle Not bedrängter Studierender zu lin­dern und ihnen Weg und Richtung zur Ueberwin- dung der Alltagsnot zu geben. Gilt es, besondere Aufgaben zu lösen, so vermag ein ausgesetzter Preis seine Schüler zu eifrigem Wettbewerb anzueifern und anzuspornen. Durch Einschaltung mancher humorvollen Erzählung oder beabsichtigter Katheder­blüten versteht er es auch bann seine Schüler zu fesseln, wenn es heißt, einen besonders schwierigen Stoff zu behandeln, ober wenn seine Praktikanten aus irgendeinem Grunde der strengen Logik seines künstlerischen Vortrags nicht recht folgen wollen. Denselben wohlgeordneten und straffen Aufbau zeigen die in flüssiger Sprache geschriebenen Ar­beiten und Bücher, die zum Teil eine Übersetzung in fremde Sprachen erfahren haben.

Auch als Direktor des Botanischen Gartens ist es Professor Küster gelungen, stets in bestem Einper­nehmen .mit seinen Arbeitern, trotz einschneidender Sparmaßnahmen, das Bestehende zu erhalten, zu pflegen und weiter auszubauen.

Wenn heute Schüler, von der ältesten bis zur jüngsten Generation, Freunde und Bekannte aus aller Welt durch Ueberfenben von Glückwunsch­schreiben in Verehrung und Dankbarkeit ihres Leh­rers und Freundes gedenken, dann aus dem Grunde, daß er ihnen nicht nur in der Wissenschaft Führer und Wegweiser getuefyt ist, sondern darüber hin­aus selbstloser persönlicher Freund und Berater. So wollen wir wünschen und hoffen, baß dem Jubilar

noch recht lange zum Preis und Ruhme unserer deutschen Wissenschaft diese unermüdliche Frische und freudige Tatkraft erhalten bleiben möge. K. H. Aus parteiamtlichen Bekanntmachungen

Die Kreisleitung Gießen der NSDAP, gibt be­kannt, daß am Freitag, 29. Juni 1934, 19 Uhr, im Hotel Hopfeld ein Schulungsabend stattfindet, bei dem Kreisschulungsleiter Pg. Michel sprechen wird. Sämtliche Schulungsleiter der PO. haben teilzu­nehmen, Orts gruppen- und Stützpunktleiter sowie die übrigen politischen Leiter sind eingeladen.

Durch Urteil k>es Be.chsgerichts rechtskräftig geworden.

Im vergangenen August spielte sich in Trais- Horloff (Kreis Gießen) ein blutiges Familiendrama ab. Die Frau des 35jährigen Rudolf Philippi unterhielt mit einem Verwandten ehebrecherische Beziehungen, die sie trotz aller Vorhaltungen ihres Mannes nicht löste. Schließlich föhnten fick) die Ehegatten aus, doch bereits am nächsten Tage mußte der Ehemann einsehen, daß er seine Frau endgültig verloren hatte. Darauf beschloß er, die zerrüttete Ehe vollends zu vernichten. Im Beisein seiner drei Kinder stach er mit einem Rasiermesser auf die Frau ein und brachte ihr 15 tiefe Schnitte bei. Darauf gab er noch zwei Schüsse auf die Schwerverletzte ab, die bald darauf starb. An der Leiche verübte er einen Selbstmordversuch, doch wirkten die auf ihn selbst gerichteten Schüsse nicht tödlich. Das Schwurgericht in Gießen verurteilte ; den Angeklagten am 22. März ds. Js. wegen Tot- schlags zu drei Jahren Gefängnis. Das Gericht nahm an, daß Philippi, dem übrigens zahl­reiche Zeugen ein gutes Leumundszeugnis.ausstell­ten, durch die neuerliche Enttäuschung über die Untreue seiner Frau so zum Zorn gereizt worden war, daß er sich in Gegenwart der Kinder zu der furchtbaren Tat hatte hinreißen lassen. Dieses Ur­teil wurde, wie der Reichsgerichtsdienst des DNB. meldet, am Dienstag durch Verwerfung der unbe­gründeten Revision des Angeklagten vom Reichs­gericht rechtskräftig bestätigt.

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n.Molfswoblfabrt

NGDAp, Amt für Volköwohlfahrt.

Kreisamtsleitung Gießen.

An sämtliche Ortsgruppen- und Stützpunktamts­leiter der NS.-Volkswohlfahrt des Kreises Gießen.

Für die am nächsten Sonntag stattfindende SammlungMutter und Kind" sind die Listen, Abzeichen und Streifbänder für die Sam­melbüchsen hier, Löberstraße 9, abzuholen

Heil Hitler!

gez. K l ö ß , Kreisamtsleiter.

F. d. Richtigkeit: gez. M o h a u p t, Kreisgeschäfts­führer.

Ab 2Z.3uni Spendenbillette für Mutter und Kind" bei der Reichsbahn.

Wie wir vom Amt für Volkswohlfahrt der NSDAP, erfahren, werden Spenden- k a r|t e n für das HilfswerkMutter und Kind" bereits ab 27. Juni und nicht wie ursprünglich be­absichtigt erst ab 1. Juli an allen Schaltern der Deutschen Reichsbahn und in sämtlichen Reisebüros erhältlich sein. In diesen Tagen des Ferienbeginns, in denen so viele Tausende die Fahrt in den Som­merurlaub antreten, will die deutsche Reichsbahn jeden einzelnen an das große Hilfswerk M utter und Kind" erinnern und ihn, wenn er selbst zur Erholung fahren kann, veranlassen, auch der hilfsbedürftigen Mütter und Kinder zu gedenken.

Wer durch die deutschen Gaue reift, wer in einem der herrlichen deutschen Bäder Gesundheit und Kräftigung für die weitere Berufsarbeit fin­den darf, der wird auch gern diese kleine Z u -

Das Corpus delicti.

Von Michael Sohlhaas.

Nein, was so ein Lehrbub doch alles meistert! Manchmal schaut es sogar aufs Haar so aus, als wäre der ganze Handwerks- und Gewerbewitz, der in vergangenen Jahrhunderten Gewerbe und Hand­werk zierte, für unsere sorgenvolle Tage ausgerech­net in einen Lehrjungen hineingeschlupft. Freilich, der mordslange Schlingel, von dem diese Geschichte erzählt, sieht ja auch keinem Lehrbuben mehr gleich, wird im kommenden Jahr bereits neunzehn alt und müßte eigentlich schon Geselle sein, wenn der Meister ihn nicht künstlich mit allerhand Praktiken in der Lehrlingsniederung zurückhielte. Der gestrenge Meister aber ist der Bäcker Hasrnüller und der Lehrbub der gewürfelte lauer Dickseder.

Und diese beiden, bisher nur auf ein Zusammen­wirken in der Nahrungsmittelbranche eingestellt, stehen nun gar mir nichts, dir nichts eines Tags vor Gericht,' der Meister als Angeklagter, weil es in seinem Betrieb angeblich nicht so reinlich her­geht, wie die gesetzlichen Vorschriften es verlangen, und der lauert er ist ja bei dem flauen Ge­schäftsgang der einzige Gewerbsgehilfe in der Bäckerei als Zeuge. Und wie die Sache aus­gehen wird, vermag kein Mensch zu sagen: der Ge­richtsdiener zuckt bloß die Achseln, wenn ihn jemand darnach fragt, und der Richter ist als ungemütlich streng bekannt. Ueberdies steht mitten auf dem Ge­richtstisch ein angeschnittener Kaffeekuchen, und der wird schon nicht umsonst dort oben stehen, flüstert man im Zuhörerraum.

Der Kuchen, ein großartiger Gugelhupf, unwider­stehlich schier in seiner die Zuckerbestreuung so dis­kret durchbrechenden Bräune, steht aber auf dem Gerichtstisch als Corpus delicti, das gerade mit feiner so appetitlich anmutenden Schnittfläche die Anklage, d. i. die Reinlichkeitsverfehlung Meister J^asmüllers, beweisen soll. An dieser Schnittfläck)e «st nämlich mit den beliebten Weinbeerln so halb Lind halb auch ein durchaus unbeliebter Käfer ans Tageslicht gekommen, der zwar das Leben bereits hinter sich hat, vor sich aber dafür den gestrengen Verichtsherrn, der jetzt vom Bäckermeister Hasmül- üer sogar erfahren möchte, wie der Käfer in den Kuchen gekommen ist

Hm", sagte der Meister, so recht ungläubig,in den Kuchen hineingekommen hm. Daß der Ku­chen aus meinem Geschäft stammt, das hab ich ja schon gfagt; aber der Käser, Herr Richter, wenn 's überhaupt a Käser is ..."

Wie?", fährt aber da der Richter in Ungeduld dazwischen.Dieser Käfer ist in der vorwürfigen Sache sogar bas Corpus delicti! Gerichtsdiener, der Zeuge Sauer Dickseder soll hereinkommen!" UndSauer Dickseder!: ruf der Gerichtsdiener auf den Gang hinaus, und Sauer Dickseder erscheint im Sitzungssaal. Er tritt uor den Richtertisch und wird mit der Prozeßklage bekannt gemacht.

Nunmehr will", so fährt der Richter fort,der Angeklagte es überhaupt als zweifelhaft hinstellen, ob dieser Käfer ... Sehen Sie hier!" und der Richter weist auf einen der dunklen Punkte in der Schnittfläche des Kuchens hinob dieser Käfer überhaupt ein Käfer ist ..."

Dieser Käfer da", unterbricht der Zeuge Sauer Dickseder den Richter und beugt sich über den Ge­richtstisch, zupft das angebliche Insekt aus dem Gugelhupf, steckt es in den Mund, zerbeißt es wie einen seltenen Leckerbissen, schluckt es mit offen­sichtlichem Wohlbehagen und erklärt:Das ist meiner Lebtag kein Käfer nicht, hoher Gerichtshof. Hoher Gerichtshof, das war das beste Weinbeerl, das mir jemals Unterkommen is."

Dem Zuhörerraum entringt sich eine Stimme: Jetzt hat er richtig 's Corpus delicti gfreffen!"

Das Gericht aber, machtlos ohne diesen wichtigen Ueberführungsgegenstand, spricht den Meister Has- müller frei. Und Meister Hasrnüller läßt sich nicht lumpen: Wie schon manch ein Potentat seinen sieg­reichen Heerführer noch auf dem Schlachtfelde zu seinem Feldmarschall erhoben hat, so spricht da noch im Gerichtsgebäude Bäckermeister Hasrnüller zu seinem Lehrling:Sauer!, uon heut an bist du mei Gsell!"

Abenteuer am Mikrophon.

Es war nicht gerade Lampenfieber, aber doch irgend ein dunkles Gefühl der Beklemmung, das mich erfüllte, als ich imKünstlerzimmer" des Rundfunks Platz nahm und der kommenden Dinge harrte. Eilig sah ich noch einmal mein Manuskript durch, das meinen Vortrag über die Vorteile einer

Rechtschreibungsreform enthielt. Aber als ich auf der dritten Seite angelangt war, holte mich der Ansager ab: Es war fünf Minuten uor niet Uhr, um vier sollte mein Portrag gesendet werden.

Ich folgte dem Weißbemäntelten durch eine Tür, auf der ein Schild:Achtung Ruhe!" stand und kam in einen großen Raum, den wir durchqueren mußten. Plötzlich blieb ich jedoch wie angewurzelt stehen. Denn eine aufgeregte Stimme schrie:Hilfe, Sie stirbt! Einen Arzt!" Ich sah mich entsetzt um, konnte aber nur eine Gruppe non Herren und Damen entdecken, die mit Büchern in den Händen herumstanden und daraus norlafen.Unser neues Hörspiel wird gerade geprobt!" erklärte der An­sager und wir gingen weiter.

Der Vortragsraum sah aus wie eine Telephon­zelle, nur daß man auf einem bequemen Sessel sitzen konnte. Vor mir stand ein weißer Block, das Mikrophon.Sie müssen ungefähr mit dieser Schnelligkeit lesen" sagte der Ansager und las mir ein paar Sätze uor. Dann sagte er nochAchtung! Ich schalte ein!" drückte ein paar farbige Knöpfe, trat neben mich, sagte den Vortrag an und überließ mich, den Raum uerlassend, meinem Schicksal.

Zuerst ging alles gut. Ich las mein Manuskript ab, uerior bald alle Scheu uor dem seltsamen Block und betonte, immer wärmer werdend, alle beöeu» tungsuollen Stellen meines Vortrageb wie ein aus­gezeichneter Redner.

Ungefähr in der Mitte des Vortrages ereignete sich das erste Mißgeschick. Im Eifer des Lesens überschlug ich unerwartet eine Seite und merkte erst nach einigen Sätzen den fehlenden Zusammen­hang. Mühsam gelang es mir, durch ein paar schnell eingeschaltete Flicksätze die Sache wieder gut zu machen: aber in der Aufregung des Zurückblät- terns entfiel das ganze Manuskript meinen Hän­den und man weiß ja, welche Flugkunststücke herrenlose Papierbogen fertig kriegen entschwebte in verschiedene Gegenden des Fußbodens. Angst- schwitzend rutschte ich auf den Knieen herum und begann sie aufzulesen, während ich den Kops stän­dig dem unheimlichen, reglosen Block auf dem Tische zuwandte und aus dem Stegreif meinen Vortrag weitersprach. Endlich hatte ich alles wieder bei­sammen und fand nach heftigem Blättern auch wie-1 der den Uebergang zum Manuskript. *

Aber die mir bestimmten Prüfungen waren noch nicht narbet. Noch zwei engbeschriebene Seiten lagen uor mir da erlosch plötzlich das elektrische Licht! Draußen, im Flur und in den Nebenräumen erhob sich Lärm, Schritte eilten hin und her, ich aber saß in schwarzer Finsternis, denn die Erfin­dung des Fensters hatte man bei der Einrichtung des Vortragsraumes offenbar nergeffen. Wieder rang ich uerzweifelt nach Worten, um meinen Vor- trag fortzusetzen. Endlich nahte der Ansager mit zwei Lichtern, die er neben mein Manuskript stellte. Im selben Augenblick ging auch das elektrische Licht wieder an und ich konnte weiterlesen.

Aber uor mir lag ein Zettel:Kürzen!!!" Ein Blick auf die Uhr: 4.26! Und um 4.30 begann die Neichssendung! Meine notgedrungen eingeschalteten Stegreifreden hatten den Vortrag bedeutend uer- längert. Und nun kürzen! In größter Eile, gleich­zeitig lesend, fahndete ich schnell nach weniger be­deutsamen Stellen, die ausgelassen werden konn­ten, ohne den Zusammenhang zu gefährden. Und um 4.29 Uhr beendete Ich aufatmeno meinen Vor­trag mit der Mahnung an meine Hörer, die Forde­rungen der Rechtschreibungsreform tatkräftig zu unterstützen.

Sehr mitgenommen und überzeugt, mich unge­heuer blamiert zu haben, gina ich nach Hause. Aber meine Freunde uersicherten, sie wären äußerst ver­wundert gewesen über die Ruhe und die sichere Beherrschung des Stoffes, die in meinem Vortrag zum Ausdruck gelangt feien ...

Drei Tage später erhielt ich eine Postkarte folgen­den Inhalts:

Ser geerter Herr! Ihr Runtfunkfortrak hat mir fer gefallen. Ich bin auch ein Rechtfchreibunks- reformatohr, und j)as falten alle Einwoner von Deutschland auch sein. Ich habe gehört, es sitzen 8 Professohren in Berlin, in einem minifterium, die machen die gantze Rechtschreibunk und bekom­men schweres Gelt dafür. Wenn wir alle einif sind, dann können die Herren ihre spizfindigkeiten unter sich schreiben. Machen Sie ihre Runtfunk» forträge ruhich weiter, vielleicht wirt dann unsere befere rechtsschreibunk siehgen und die Professohren auf die strafe gesezt. Mit reform Gruhs Gustav Lehmann, Krugwirtsangeffehlter."

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