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Nr. U8 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 28. Juni 1934

Die Stunde deutscher Schmach.

Spiegelsaal zu Versailles, rs.Zuni 19^9,3 Llhr Minuten.

PUG. In der Nacht zum 28. Juni 1919, 2 Uhr 50 Minuten, im beginnenden Morgengrauen, ist die kleine deutsche Delegation, die von der Nationalver­sammlung in Weimar den Auftrag hat, das Haupt des deutschen Volkes unter das Henkerbeil derSie­ger" von Versailles zu legen, im Bahnhof von Saint Cyr-l'Ecole eingetroffen. Hermann M ü l - l e r, der Außenminister der Weimarer Regierung, Dr. Bel I, ihr Reichsverkehrsminister und'Kolo­nialminister", die Geheimräte Schmitt vom Aus­wärtigen Amt und Le Sui re vom Reichswirt- fchaftsmlnifterium, der Völkerrechtslehrer Dr. Her- vert Kraus, der Justitiar der Delegation, und Regierungsrat M i ch a e l i s, der Dolmetscher, haben vom Schicksal das Amt erhalten, die letzte Hand­lung zu vollziehen, durch die das Unheil von Ver­sailles am deutschen Volke endgültig vollstreckt wird.

Eine Nacht voll kaum erträglicher Spannung für die deutschen Delegierten folgt; ein Vormittag schließt sich an, der nur dadurch erträglich wird, daß eine Fülle diplomatischer Aufgaben formeller Natur erledigt werden muß. Der Gesandte von H a n i e l und der Botschaftsrat Frhr. von L e r s - n e r, die nach der Abreise derGroßen Friedens­delegation" in Versailles verblieben sind und nun die Aufgabe haben, der neuenkleinen" Delegation behilflich zu sein, haben alle Hände voll zu tun, um den letzten Akt der großen Tragödie vorzubereiten, die in der Geschichteder Weltkrieg" heißen wird. Es ist alles wie vor einer Hinrichtung, das Mittag­essen wird zurHenkersmahlzeit", die' Anlegung des vorgeschriebenen Kleides (Gehrock und Zyl'inderhut) ist wie die Vorbereitung zum Tode Verurteilter zum letzten Gang. Dann ist es soweit.

Um 14 Uhr 45 Minuten erscheinen im Hotel des Reservoirs vier Obersten der Verbündeten Armeen,, ein Franzose, ein Engländer, ein Italiener, ein Amerikaner. Sie haben den Auftrag, die deutschen Unterzeichner jum Spiegelsaal des Versailles Schlos­ses zu eskortieren.

Vor der Tür zwei Autos. 300 Meter lang nur ist der Weg bis zum Eingang des Schlosses. Die umliegenden Straßen sind hermetisch abgesperrt. Eine Fahrt von wenigen Sekunden. Kurz nach 15 Uhr betreten die Deutschen die Stätte des nun un­abwendbar gewordenen Schicksals.

Man führt sie zunächst in dieSalle Nattier" des Schloßmuseums; es hängen darin die Bilder der französischen Maler des 17. Jahrhunderts, heute dient er zur Garderobe der Deutschen. Dann geht es zum höhergelegenen Spiegelsaal. Der Weg dort­hin ist ein Vorraum, in dem das geladene Publi­kum versammelt ist. Hier erwarten die Damen der großen Akteure auf der Bühne der Weltgeschichte den großen Augenblick. Als die Deutschen kommen, entsteht lebhafte Bewegung. Man zückt Lorgnetten, die hinten Stehenden steigen auf Stühle und Bänke, um dieDelinquenten" gut sehen zu können. Die Mehrheit empfindet anständiger und taktvoller; wütende Protestrufe erschallen:Setzen! Setzen!" Aber nur zögernd folgen die Neugierigen diesem Ruf.

Jetzt kommt der Spiegelfaal. In diesem Saal wurde Deutschland am 18. Januar 18 71 zum Kaiserreich erhoben. Jetzt ist er voll von Menschen und Geräusch. Alle Sprachen der Welt sprechen durcheinander. Der Chef des Proto­kolls, William Martin, geleitet die Deutschen zu ihrem Platz in einer Ecke des Saales. Zur Rechten der Deutschen sitzen die Delegierten Japans, zur Linken die Delegierten Uruguays. Kaum haben die Deutschen Platz genommen, da erhebt sich in der Mitte der Quertafel Clemenceau. Seine harte Stimme geht durch den Raum, aber das leise Sprechen auf den Bänken, das nicht aufhört, macht seine Stimme nicht überall vernehmbar:

Die Sitzung ist eröffnet. Zwischen den Allierten und Assozziierten Mächten und dem Deutschen Reich ist über die Bedingungen des Friedensver­trages das Uebereinkommen getroffen worden; der Text ist fertiggeftellt. Der Präsident der Kon­ferenz hat schriftlich bestätigt, daß der Text, der unterzeichnet werden soll, mit dem Text der bei­den Exemplare, die den deutschen Delegierten zu- gestellt worden sind, übereinftimmt. Die Unter­schriften sollen gegeben werden. Sie werden

als eine unwiderrufliche Verpflich­tung zu gelten haben, die erfüllt und in der Gesamtheit ihrer Bedingun­gen loyal ausgeführt werden wird. Unter diesen Voraussetzungen habe ich die Ehre, die deutschen Bevollmächtigten einzuladen, ihre Unterschrift zu geben."

Seinen letzten Satz begleitet Clemenceau mit einer Handbewegung, die auf den kleinen Tisch hinweift, auf dem die Dokumente zur Unterschrift bereitliegen. In dieser Handbewegung liegt unverkennbar die tiefe Befriedigung des Regierungschefs Frankreichs über die deutsche Niederlage.

Die Deutschen verzichten auf die Uebersetzung der Ansprachen; es ist gleichgültig, was dieser Mann da drüben noch sagt. Das Ende ist da, an dem In­halt des dicken Buches des Schicksals ist nichts mehr zu ändern, hier gilt es nur noch eine Unterschrift zu leisten.

Die beiden deutschen Minister erheben sich und gehen durch den Saal. In diesem Augenblick er­hebt sich vollkommenstes Stillschweigen. Tausend Blicke richten sich auf die Männer, die hier als Sinnbild der endgültigen Unterwerfung Deutsch­lands erschienen sind.

Drei Unterschriften sind zu leisten: zum Friedens­vertrag selbst, zumRheinland-Abkommen" und zu einem Zusatzprotokoll. Zuerst unterschreibt Hermann Müller, dann Dr. Bel l. Es ist 15 Uhr 12 Min. Nur 10 Minuten sind seit der Ankunft im Schlosse vergangen. Nun ist es vorüber.

Aber der Akt der Unterzeichnung hat damit erst begonnen. 26 Staaten, die mit Deutschland im Kriege gestanden haben, sollen gleichfalls unterzeich­nen. Sehr bald hat die feierliche Stille einer all­gemeinen Unruhe Platz gemacht. Die Menge drängt gegen die Bänke, halblaute Worte dringen durch den Saal, aus der Mitte ertönen gebieterische Rufe. Ein seltsamer Reigen bewegt sich an dem Tisch des Friedensvertrages vorüber.Ihre Gesich­ter sind merkwürdig starr, den Federhalter in der Rechten, treten sie an den Tisch und vollenden den schicksalschweren Kreislauf, indem sie auf der ande­ren Seite zu ihren Plätzen zurückkehren." Zunächst unterzeichnen die Amerikaner: Wilson, Lansing, House, White und Blyß; dann die Engländer: Lloyd George, Bonar Law, Balfour, die Ver­treter der britischen Dominions; die Franzosen: Clemenceau, Pichon, Tardieu, Klotz, Jules Cambon; die Italiener, die Belgier und die endlose Reihe der großen und kleinen Staaten, die Frank­reich geholfen haben, seine Revanche an Deutschland zu vollenden. Nur die Chinesen haben am Vormit­tag erklärt, daß sie die Unterzeichnung wegen der Entscheidung über das Shantung-Gebiet ablehnen.

Kanonenschüsse dröhnen durch die Luft. Es ist gegen 16 Uhr. DerVertrag von Versailles" ist geschlossen alle anwesenden Staaten haben ihn gezeichnet. Der Unterzeichnungsakt hat knapp 50 Minuten gedauert. Noch einmal erhebt sich Clemen­ceau und stellt fest, daß alle Unterschriften voll­zogen sind; er bittet die Delegierten der alliierten und assozzierten Staaten, noch im Saale zu bleiben, bis die Deutschen sich entfernt haben. Diese erheben sich und gehen zum Ausgang. An der Schwelle stehen die vier Obersten und geleiten sie wieder durchs Schloß, zum Auto und zum Hotel. Als sie fort find, durchbricht die aufgeregte Menge den Truppenkordon: Wilson, Clemenceau und Lloyd Georae, dieGroßen Drei", müssen ihre Wagen verlassen, weil ein Dutzend Menschen sich auf die Kühler und Trittbretter geschwungen hat. Lärmend stürmt die Masse vor. Die Soldaten laufen schnel­ler als die Menge, sie lachen und schreien und bilden neue Dämme, während die drei Gewaltigen in den alliierten Teil des Hotels des Reservoirs eilen. Cle­menceau, auf kurzen Beinen, kann mit den langen, eiligen Schritten der beiden Angelsachsen nicht glei­ches Maß halten; er bleibt ein paar Meter zurück, während amerikanische Zeitungsleute die ganze Gruppe überholen.

Die Wasser von Versailles beginnen zu springen. Das Volk von Paris schickt sich an, fein Sieges­fest zu feiern. Als am Abend, in der späten Dämme­rung des Hochsommertages, die deutsche Delegation im Sonderzug nach Deutschland die Station Choisy-

Aus dem Comer-Gee.

Von paul Alverdes.

Dieses Mal bin ich zu Wasser über die italie» Nische Grenze gekommen. Zwischen Lugano und Porlezza tauchten die Zollbeamten und Carabinieri unversehens aus dem Bauch des Schiffes herauf, verteilten sich über das Deck und begehrten mit höflichem Ernst, die Pässe und den Inhalt der Kof­fer zu sehen. Ich möchte doch einmal herausbringen, weshalb mir immer wieder vor dieser Prozedur bangt und weshalb ich wirklich erleichtert und er­heitert bin, wenn sie ohne Anstände vorüberge­gangen ist. Ich führte ja auch dieses Mal keine Konterbande in meinem Gepäck, und daß mein Name in der dickleibigen schwarzen Liste stehen sollte, in welcher der Carabiniere jetzt nach ihm suchte, war auch nicht gut möglich. Und doch hatte ich wieder Zwang, eine betont harmlose Miene an­zunehmen und höchst wegwerfend, während ich meine Habseligkeiten auseinanderlegte, etwas von Wäsche und von gebrauchten Kleidern zu äußern in jenem Italienisch, das eine vorher veranstaltete Erkundigung in Meyers Sprachführer gefährlich flüssig gemacht hatte. Gefährlich deshalb, weil das glatte und geschwinde Hervorbringen solcher einge­lernten Passagen den Einheimischen leicht ermun­tert, einem so offenbar sprachkundigen Fremden mit der gleichen Geschwindigkeit herauszugeben, und ihn mit vielfältigen Bemerkungen und Fragen in ein vertrauliches Gespräch zu ziehen. Wie er­staunt er dann, wenn der Fremde nun plötzlich einsilbig wird und sich beharrlich auf einige Ja und Nein beschränkt, um endlich überhaupt zu verstum­men. Uebrigens hätte es mich nicht gewundert, wenn der Beamte nun doch noch einen großen Packen Schmuggelware aus meinem Koffer gezogen hätte, der inzwischen auf eine übernatürliche Weife dort­hin geraten war, und eine Minute lang, während sich das Gesicht des Namen vergleichenden Cara­biniere verfinsterte, war ich so gut wie sicher, daß er Den meinen im letzten Augenblick auf seiner Liste entdeckt hatte. Aber dann war es doch wieder einmal überstanden, der Koffer schnappte zu, und ich empfand mit einem Male viel Freundliches für die Bewaffneten. Indessen waren Bemerkungen passender Art nicht einstudiert.

Es tröstet mich aber doch, daß auch der grüßende Brite, der wieder mit auf dem Schiffe war, sich offensichtlich in den gleichen sonderbaren Nöten be­fand. Er radebrechte wie ich, er grüßte leutselig beklommen, ganz Verständnis für das schwere Amt der Zöllner und Gendarmen, und hatte eine so zu- tunliche Miene in fein altes Gesicht gesteckt, daß er mir fast leid tat und fast auch wohlgefiel. Auch er hatte ganz sicher keine Konterbande in feinem Ge­päck und von der schwarzen Liste nichts zu befürch­ten, aber das Gewissen schlug auch ihm, aus un- erforschlichen Gründen, und er ängstigte sich sehr.

Er führte zwei schöne junge Töchter mit sich, dem Backfischalter noch nicht sehr lange entwachsen. In der Kleinbahn, die an den Corner-See hinüber­führt, faßen sie mir gegenüber, und wir betrach­teten einander ausgiebig. Sie hatten die durch­scheinend zarte Haut der Rothaarigen und fast übergroße Augen, grün erschimmernd, wie Was­ser, auf das die Sonne scheint, und von tiefschwar­zen, sanft aufgebogenen Wimpern umstellt. Ich dachte mir, daß die Nixen, von denen Walter Scott erzählt, so ausgesehen haben mögen.

Wie es schien, waren es Zwillingsschwestern, denn sie sahen einander in den schwärmerischen Zügen der Gesichter und im Wuchs der schlanken Glieder «bis zur Vollkommenheit ähnlich. Auch führten sie ein gemeinsames Tagebuch mit sich, in das sie während der Fahrt wechselnd Eintragungen machten, die sie dann, die Häupter zärtlich an­einandergelehnt, noch einmal zusammen lasen, mit den Fingern über die Zeilen fahrend und mit ent­zückter Zustimmung darüber verweilend. Schönere Hände habe ich nie gesehen. Sie waren zart und schmal und fast durchsichtig von Fleisch, dabei aber nicht schwächlich, sondern rank und nervig erschei­nend. Die Finger waren sehr lang und deutlich gegliedert und liefen mit schonen großen Nägel- monben in wunderbar ebenmäßigen Spitzen aus. lieber die Schneeweiße der Handrücken aber waren hier und da die lichtbraunen Mäler einzelner Som­mersprossen ausgestreut, an die Haut der Forellen erinnernd.

Zwischen dem Schreiben in das Tagebuch und dem Nachlesen darin blieb ihnen aber noch Zeit genug, sich in der Welt umzusehen; doch hatte ihre Art, einem betrachtenden ober vielleicht auch be- miinbernben Blick zu entgegnen, nichts von ber

le-Rvi verläßt, sprühen in ben Dörfern bie ersten Raketen unb Feuerwerkskörper in ben abenblichen Himmel. Sie werben biefen Tag feiern als ben Sieg ihres vermeintlichen Rechtes, sie werben jubeln unb triumphieren, währenb über Deutfchlanb vieljährige Nacht ber Verzweiflung unb Not anbricht. Sie wis­sen nicht, baß bieferTag bes Sieges" ber Tag der Niederlage ber Vernunft ist.

Noch einmal entläbt sich ber aufgepeitschte Haß auf einer Station in ber Bannmeile von Paris. Bei ber Durchfahrt bes beutfchen Zuges erhebt sich

wüstes Johlen, unb gegen bie Fenster bes Wagens ber beutfchen Minister prasseln Steine. Am nächsten Tag, als bie Deutschen roiebcr durch deutsches Land fahren, erscheinen an den Plakatsäulen Berlins große Plakate:Deutscher! Lies den Friedensver­trag! Er ist Dein und Deiner Kinder Schicksalsbuch!" Es war ein prophetisches Plakat. Aber in dem nie­dergedrückten deutschen Volke ermaßen damals erst wenige, was diesem Volke am Tage zuvor in Ver­sailles geschehen war ...

Der Prophet von Versailles.

Was General Gmuts 1919 voraussagte. Ein Wort der Vernunft/ das nicht vergessen werden soll.

PUG. Der Gedenktag der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles gibt Anlaß, an die Er­klärung zu erinnern, die General Smuts, in den Jahren 1919 bis 1924 Premierminister der Südafrikanischen Union, am Tage der Unter­zeichnung des Versailler Vertrages abgab. Ge­neral Jan Smuts, im Burenkriege Truppen­führer gegen die Engländer, 1916 bis 1917 Befehls­haber der englischen Truppen gegen Lettow-Dor- beck in Deutsch-Oftafrika, einer der aufrechtesten und unabhängigsten Männer ber Friebenskonferenz, hatte' bie Einsicht unb ben Mut, ben zur Unterzeich­nung bes Schmachvertrages in Versailles versam­melten Erzeugern bes Diktats über Deutfchlanb folgenbes zu sagen:

Ich habe ben Friebensvertrag unterzeichnet, nicht deswegen, weil ich ihn für ein beliebigen« bes Dokument halte, fonbern weil es gebieterisch not tut, ben Krieg zu beenben; bie sechs Mo­nate, seit wir ben Waffenstillstanb unterzeichne­ten, finb für Europa vielleicht so Derberben« bringenb, zerstörerisch unb vernichtenb gewesen, wie bie vorangegangenen vier Kriegsjahre. Ich betrachte ben Friebensvertrag als bas Enbe von zwei Kapiteln, bie Krieg unb Waffenstillstanb heißen, unb nur aus biefem Grunbe gebe ich meine Zustimmung.

Ich sage bas jetzt, nicht um zu kritisieren, säu­bern weil bies meine feste Ueberzeugung ist, nicht weil ich an bem vollbrachten Werke nun Fehler heraustüfteln will, sondern weil ich fühle, baß wir in bem Friebensver- trag nicht ben wirklichen Frieben erreichten, auf ben unsere Völker hofften, unb weil ich ferner fühle, baß bie wirkliche Arbeit bes Friebensmachens erst bann beginnen wirb, wenn ber Vertrag unterzeichnet ist. Durch ihn ist ben zerstörerischen Kräften, bie in Europa fast fünf Jahre lang tobten, Halt geboten worben. Dieser Vertrag ist also ganz einfach bie ßiquibation ber Situation, in bie bie Welt burch ben Krieg geraten ist.

Die Aussicht auf neues Leben, ber Sieg ber großen Menschheitsibeale, für bie bie Völker ihr Blut vergossen unb ihre Reichtümer ohne Zö­gern geopfert haben, bie Erfüllung ihrer Sehn­sucht nach einer neuen internationalen Drbnung unb einer besseren, schöneren Welt finben sich nicht in biefem Vertrag ausgezeichnet, unb sie werben niemals in Verträgen ausgezeichnet. Nicht auf biefem Berg, noch in Jerusalem, säu­bern im Geist unb in ber Wahrheit", wie ber große Meister sagte, müssen bie ©runblagen ber neuen Ordnung gelegt werden. E i u neues Herz müssen alle haben, nicht nur un­sere Feinde, sondern auch wir. Einen zer­knirschten Geist gegenüber den Leiden, die die Welt überwältigt haben. Einen Geist des Mit­gefühls, des Erbarmens und der Vergebung für die Sünden und Uebeltaten, unter Denen wir gelitten haben. Gin neuer Geist der Güte und der Menschlichkeit, ber in ben Herzen ber Völker in biefer großen Stuube gemeinsamen Leibes unb gemeinsamer Trauer geboren würbe, kann allein bie Wun - ben heilen, mit benen bie Christenheit jetzt geschlagen ist.

Unb biefer neue Geist unter ben Völkern wirb allein imftanbe fein, bie Probleme zu lösen, bie ben Staatsmännern ber Friebenskonferenz zu schwierig waren.

Da sinb territoriale Abmachun - gen, bie reoibiert werben müssen. Da sinb Garantien, bie festgesetzt würben, unb von benen wir alle hoffen, baß sie halb nicht mehr im Einklang stehen mit ber neuen frieblicheu Oefinnung unb bem waffenlosen Zustaub unserer früheren Feinbe. Da finb Strafen vorgesehen, bie eine ruhigere Betrachtung spä­ter lieber einmal mit Vergessenheit aus­löschen wirb. Da sinb Kriegsentschä- bigungen bestimmt, bie ohne schwe­re Schäbigung bes wirtschaftlichen 9Bieberaufbaus Europas nicht burchgeführt werben können unb b i e zu milbern unb z u mäßigen im Interesse aller liegt. Da finb zahlreiche Nabelstiche, bie aufhören werben zu schmerzen unter bem heiligen Einfluß ber neuen internatio­nalen Atmosphäre. Der wirkliche Friebe ber Völker muß ganz Wahrheit werben, unb er muß ben Frieben ber Staats­männer ergänzen unb verbessern.

In biefem Vertrag aber finb zwei Ergebnisse von weitreichenber Bebeutung für bie Welt end­gültig verkörpert. Das eine ist bie Zerstörung bes preußischen Militarismus; bas anbere ist bie Einrichtung bes Völkerbunbes. Ich vertraue barauf, baß ber Völkerbunb sich als ber einzige Ausweg erweisen wirb, auf bem Europa sich aus bem Zusammenbruch bieses Krieges retten kann."

General Smuts über benPreußischen Mi­litarismus" soll heute hier mit ihm nicht gerechtet werben hat schon bamals mit prophetischem Blick vorausgesehen, was bie Wett in fünfzehn, für ben Fortschritt ber Menschheit verloren gegangenen Jahren, erst Schritt für Schritt schaubernb erkennen lernte. Frankreich hat heute, nach biefen fünfzehn Jahren, noch nicht begriffen, wie allein fein halsstarriger Wiberstanb gegen bie von einem weitblickenben Staatsmanne schon bamals ausgebrückten funbamentalen Erkenntnisse ben wahren Frieben, ben bie Völker erhofft haben", unmöglich gemacht hat.

Schöffengericht Gießen.

Der W. I. aus Gießen würbe zu einer Ge­fängnisstrafe von fünf Monaten ver­urteilt. Der Angeklagte, ber als Hausbursche in ber Klinik tätig war, entwenbete einem Arbeitskollegen Kleibungsftücke, eignete sich eine herrenlose Brief­tasche an unb behielt schließlich ein Paket, bas für einen Patienten bestimmt war, nachbem er es mit bem Namen bes Patienten quittiert hatte, für sich. Die Kosten bes Verfahrens trägt ber Angeklagte.

Angeklagt waren ferner ber W. H. unb ber K. H., beibe aus Großen-Buseck. W. H. vertauschte unb verkaufte in seiner Eigenschaft als Schäfer Schafe, bie ihm anvertraut waren. K. H., ber gleichfalls Schäfer war, tauschte ein lahmes Schaf bei W. H. aus unb verkaufte außerbem im Einverftänbnis mit W. H. 72 Schafe. K. H. hielt sich jeboch bazu be­rechtigt unb mußte freigesprochen werben, während W. H. b r e i Monate Gefängnis erhielt unter Anrechnung von zwei Wochen er­littener Untersuchungshaft.

Gegen ben Abolf Holler, ber schon 34mal meist wegen Betrugs vorbestraft ist, wurde auf An­trag ber Staatsanwaltschaft die Sicherungs­verwahrung ausgesprochen.

Schwüle ober ber vorgetäuschten Hintergrünbigkeit, bie bei solchen Anlässen so leicht ernüchtert unb Der« brießt. Mit ruhiger Wärme kam er freimütig unb offen herüber; zuweilen spielte ber Schalk barin. Wir fuhren in unserer Anschauung felbbritt auch auf bem Dampfer fort, bis er in Bellagio anlegte. Dann staub ich auf ber Länbe allein, unb er fuhr mit ihnen baoon. Da es nun aber über bem Mah­len ber Schrauben unb ber immer geschwinberen Fahrt bes Schiffes keine Gefahr mehr hatte, so flatterten jetzt bie Tüchlein auf, unb auch bas meine flatterte auf, unb immer heftiger würben bie Ge- bärben unb immer inniger bie Bekenntnisse, je ge­wisser es war, baß man einanber niemals im Leben wiebersehen würbe. Darüber trat auch ber Vater Brite an bie Reling, unb wahrhaftig, er lüftete feinen Panama gegen mich und schwenkte ihn zu mir herüber, mit jugenblicher Gebärde, unb mit etwas oon Nachsicht unb Herablassung zugleich, sowie ber glückliche Liebhaber bem unglücklichen zu oerzeihen unb ihn zu oerstehen bereit ist. Vielleicht tat er es aus Liebe zu seinen Töchtern, oielleicht, weil ein so schöner Tag war unb er auf bem Corner- See einherfuhr, immer noch lebenb unb bie Augen auf unb sehenb nach fooiel Kummerjahren oder wer weiß auch, warum? ^ebenfalls: Ihr Diener, Britinnenoater, glückliche Reise, Freube sei mit Ihnen hinfort, wie sie jetzt mit mir ist, hier auf bem Ufer oon Bellagio, Freube mit uns allen, benn hier ist nun Arkabien, unb somit Gott befohlen, Freube unb Freunbfchaft für Sie unb alle Menschen!

ShakespearesSommernachtstraum^ im Marburger Schloßparktheater.

Der große Erfolg, ben bie Aufführungen bes Sommernachtstraumes" auf ber Marburger Schloßparkbühne in den oergongenen Jahren oer* zeichneten, hat auch in biefem Jahre bie Leitung ber Marburger Festspiele ermutigt, dieses innig­heitere Märchenspiel bes großen Briten, in bem bas Walten ber Liebesleibenschaft als Zauberwerk einer überirbischen Geisterwelt erscheint, bem Spielplan einzugliebem. Die biesjährige Erstaufführung am Dienstagabenb trug wiederum in kurzweiligem Flug hinauf in bie unbegrenzte Welt ber bichte- rifchen Phantasie und ließ Hunberte oon Zuschauer!- !

auf einige Stunben o!e Sorgen unb Mühen bes Alltagslebens oergeffen. DieserSommernachts­traum" ist Jahrhunbere alt unb boch ewig jung, weil keine Wirklichkeit bei ihm Pate ftanb. Sein Inhalt rebet oon ben alten Griechen, oon ber Liebe und ber Liebe Leib, oon Elfen, Geistern unb Ko- bolben, oon Athener Hanbwerksleuten, bie ein Spiel im Spiele aufführen, zugleich ein rounberfamer Spiegel, ber bas menschliche Leben mit seinem bunt- roirbelnben oft tollen Durcheinanber erkennen läßt. Mit wilben Sprüngen jagt Puck bie sich suchenben unb fliehenben Liebespaare im Zauberwald umher, benetzt die Schlafenden mit seiner Zauberblume unb freut sich über die daburch erzielte Wirkung. Die Hanbwerkerrollen bes Zwischenspiels waren durch­weg mit tüchtigen Kräften besetzt, die drastisch zu charakterisieren oerftanben. Den graziösen Tänzen ber Elfen bot ber weite Bühnenspielraum größte Entfaltungsmöglichkeiten.

Das Ensemble ber Hauptbarsteller ftanb auf ge­wohnter Höhe. Hansgeorg Laubenthal als Ly- sander und Erwin K-l i e t s ch als Demetrius wußten bie Wirkung ber Zauberblume sehr ergötzlich bar­zustellen, unb ihre geliebten Mäbchen Hermia und Helena oon Hansi Nassee unb Josefine Klee bargestellt waren ebenso warm im Ausbruck ihrer Liebe, wie temperomentooll unb erheiternd in ihrer Eifersucht. Lothar Körner ließ in der Rolle bes Oberon seine ganze Sprechkunst glänzen, unb Ruth Balbor war eine liedreizenbe Titania. Günther Heß entfaltete als fpringlebenbiger Droll feine ganze tänzerische Begabung. In ben von Der­ber unb boch behaglicher Komik erfüllten Hanbwer- kerszenen trat befonbers Lubwig ßinfmann als Zettel heroor, gut unterstützt in Maske unb Haltung von Karl S t r i e b e ck als Flaut, Fred S ch r o er als Schnauz, Georg C z i m e g als Monb, Paul Rolanb als Squenz unb Bruno Ziener als Löwe. Mit Würbe oerförperten Hugo Firmbach als Theseus, Otti Schütz als Hypvolytha unb Rad. Forsch als Egeus ihre Rollen. Alle übrigen Mit- roirfenben, oor allem bie burch Laienspieler oer- stärkte Tanzgruvve Günther 5» e ß trugen zu Dem Erfolg ber Aufführung wesentlich bei, ber sich am Schluß in herzlichem Beifall äußerte. W.