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Ur. 50 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 28.8ebruaN9Z4

Aus der Provinzialdauptstadt.

Darum ermüden wir?

Don Dr. med. Hansl Vollenborn.

Wir sind zwar darauf eingestellt, nach unserem mejjr oder weniger anstrengenden Tagewerk abends müde zu werden, wundern uns jedoch immer von neuem darüber, daß dieser abends so ersehnte Zu­stand manchmal auch scheinbar oöllia unbegründet schon am Tage ohne jeden äußeren Anlaß eintrttt, aanz gleichgültig, ob wir geistige oder körperliche Arbeit geleistet haben.

Ist es überhaupt nicht eigenartig, daß, obwohl nur einzelne Muskelgruppen arbeiten, immer der ganze Körper ermüdet. Außerdem bringt körper­liche Arbeit in gesteigertem Maße auch eine geistige Ermüdung hervor und ebenso umgekehrt. Die einzige Erklärung für dieses Verhalten ist darin

Mütter kämpst für eure Kinder!

Werdet Mitglieder

der NS.< Volkswohlfahrt!

zu suchen, daß die Müdiakeit auf dem Uebertritt gewisser Stoffe in den allgemeinen Kreislauf be­ruht. Dieser Stoff ist chemisch festgestellt. Es han­delt sich um die Milchsäure. Diese Säure entsteht bei jeder Anstrengung und bedingt eine Aenderung der Zusammensetzung des Muskeleiweihes. Bei an­gestrengter Arbeit ist ihr normaler Wert'im Blute oft zehnfach vermehrt. In der Erholungspause, die durch Ausruhen oder Schlaf nach jedem Müdig­keitsgefühl eintritt, wird diese Milchsäure zum Auf­bau lebenswichtiger Bestandteile unseres Organis­mus verwendet.

Die Milchsäure ist jedoch nicht der allein Schul­dige für unsere Ermüdung. Sie steht immer in Verbindung mit gewissen Eiweißabbauprodukten, durch die eine Säurung des Blutes erzielt wird. Durch diese Uebersäuerung nehmen die normalen Alkali"-Reseroen, die in unserem Körper den Gegenpol zu den Säuren bilden, überaus rasch ab. Lediglich bei sportlich Geübten wird diese Abnahme nicht im gleichen Maße eintreten.

Die bekannte Alkoholmüdigkeit beruht auf einer vermehrten Kohlensäurespannung im Blute nach ein­getretenem Alkoholabbau.

Aber auch das Nichtstun macht müde. Ebenso führt eine lustlos ausgeführte Arbeit rasch zur Er­müdung, meist sogar schneller und intensiver, als eine mit Interesse ausgeführte Arbeitsleistung es zu tun vermag. Dieser Vorgang kann durch gewisse Vorgänge im Zentralnervensystem, also im Gehirn, erklärt werden. Es muß dort zur Bildung von Ermüdungsstoffen kommen, die bei Nervösen und Mißgestimmten wirken, während sie beim Gesun­den keine Folgen haben. Der Nervöse und leicht Ermüdbare müßte ja nun eigentlich besser und tiefer schlafen. Leider ist das Gegenteil der Fall. Wir müssen nämlich wissen, daß der Schlaf nicht durch die Ermüüungsstoffe bedingt ist, sondern hauptsächlich durch die Ausschaltung aller Außen­reize. Gerade der nervöse Mensch hat es besonders schwer, sich von diesen Reizen gänzlich frei zu machen und zur richtigen Ruhe zu gelangen.

Falls wir nicht richtig ausschlafen, werden die Ermüdungsstoffe nicht völlig aus dem Körper ent­fernt, wirken auch am nächsten Tage nach und lassen das Müdigkeitsgefühl nie ganz verschwinden.

Manchmal allerdings ist eine übergroße Müdig­keit ohne äußeren Anlaß auch als Vorbote zu Krankheiten zu betrachten. Beim Herzkranken pro­duziert die kleinste Arbeit schon viel Milchsäure. Selbst im Ruhestand kann dieser Fall bei schwer Herzkranken eintreten. Bei dem Vorliegen von

Kreislaufstörungen erhöht sich nämlich der Umsatz unseres gesamten Stoffwechsels, ein erhöhter Sauer­stoffbedarf tritt ein, und nach der geringsten An­strengung ist eine längere Erholung erforderlich. Dieselben Feststellungen lassen sich bei erhöhtem Blutdruck treffen. Aber auch Personen mit beson­ders niedrigem Blutdruck fühlen sich oft besonders müde, was wohl einfach mit einer mangelhaften Durchblutung der Körpergewebe zu erklären ist. Bei Nierenkranken wird mit der Zeit sich das Uebertreten gewisser Müdigkeit hervorrufender Stoffe in das Blut nicht vermeiden lassen, da die Nierenkanäle allmählich ihre normalen Wandbe­standteile verlieren. Bekannt ist ja auch das Müdig­keitsgefühl der Blutarmen und Bleichsüchtigen. Die Ursache hierfür ist in Einern vermehrten Zerfall der Blutkörperchen zu erblicken.

Wie müde fühlen sich aber viele schon bei einem gewöhnlichen Schnupfen! Der Schnupfen bedingt genau wie Grippe oder auch schwere Infektions­krankheiten gleichfalls einen erhöhten Stoffwechsel­umsatz und hat daher einen vermehrten Eiweiß- abbau zur Folge.

Wir sehen also, aus wie verschiedenartigen Grün­den wir auch ohne große Arbeitsleistung ermüden können. Es liegt natürlich kein Anlaß vor, bei jedem derartigen Ermüdungszustand sofort ängstlich zu werden, doch würde sich empfehlen, bei dauern­dem Ermüdungsgefühl ohne äußeren Anlaß sich einer gründlichen ärztlichen Untersuchung zu unter­ziehen, um ungewöhnliche Ursachen rechtzeitig fest­stellen und abstellen zu lassen.

Einschränkung der Leistungen der öffentlichen Fürsorge für Zuziehende.

In letzter Zeit konnte man die Wahrnehmung machen, daß eine Reihe von Städten gegen uner­wünschten Zuzug Auswärtiger insofern zur Selbst­hilfe schritt, als sie die Richtsätze der öffentlichen Fürsorge für zuziehende Personen im Vergleich zu den ortsansässigen Hilfsbedürftigen wesentlich ein­schränkten. Es ist nun von Interesse, zu erfahren, daß hier jetzt die Reichsgesetzgebung eingreift.

Auf Grund einer Verordnung zur Aenderung der Reichsgrundsätze Über Voraussetzung, Art und Maß

Winierhilsswerk des deutschen Volkes 1933/34

Kreisführung Gießen.

Bett.: Geschäftsplakelten.

Die Anforderung der Plaketten für den Monat März muh mit Der Bescheinigung, daß die Vor­aussetzungen zum Erwerb der Plakette erfüllt sind, bis spätestens zum 3. März schriftlich an die Kreis­führung, Amtsgericht Zimmer 202, gerichtet werden. Die Ausgabe derselben erfolgt in der Alten Klinik, Liebigstraße.

Befr.: kohlenscheine. Serie E (Gießen-Sladt).

Die Kohlenscheine der Serie E sind bis spätestens 5. März an die Geschäftsstelle der Kreisführung des Winterhilfswerkes, Amtsgericht, Zimmer 202, einzureichen, woselbst die Wertquittung in Empfang genommen werden kann. Nach dem Termin ein­gehende Kohlenfcheine können nicht berücksichtigt und müssen direkt an Den Landesverband in Kassel eingereicht werden.

Heil Hitler!

gez..- Klö ß, Kreisführer des WHW.

F. d. R. gez.: M o h a u p t, Kreisgeschäftsführer des WHW.

Denkt an das Eintopfgericht!

Das Gaupresseamt teilt mit: Das Eintopfgericht wird am ersten Sonntag des Monats gefeiert, also am 4. März. Es darf nicht vorkommen, daß die Erträgnisse Der Sammlung gegenüber Den vorher­gehenden Monaten abnehmen. Wo Dies Der Fall ist, muß man von einer Schande für die ganze Stadt und für das ganze Dorf sprechen.

Es steht fest, daß es immer noch Volksgenossen gibt, die Den Sinn des Eintopfgerichtes noch nicht begriffen haben. Das Eintopfgericht hat nur Dann einen Sinn, wenn es zugleich ein Opfer Dar» stellt. Man soll sich zwar satt essen, aber man soll einfach essen, und das Geld, das man dadurch spart, für die notleidenden Brüder opfern. Es ist bedauerlich, wenn wohlsituierte Herrschaften die Sammler abweisen, oder mit ganz geringfügigen Beträgen abspeisen. Wer so handelt, stellt sich außerhalb der Volksgemeinschaft. Er wird ein Fremder im eigenen Daterlande sein. Wenn ihm ein frohesHeil Hitler" entgegenschallt, dann muß er erröten, weil er dem Volkskanzler nicht die Treue gehalten hat, der ihn und seinen Besitz vor dem Bolschewismus beschützt hat. Wenn andere frohen Mutes ihr Eintopfgericht verzehren, dann muß er fürchten, von seinen Kindern und von seinem Haus­mädchen verachtet zu werden. Man muß sogar dar­an zweifeln, ob sie es überhaupt verdienen, Deutsche

zu heißen; denn das Eintopfgericht ist ein deutscher Volksbrauch geworden, Dem sich niemand mehr ent­ziehen kann.

Opfert am 4. März Durch das Ein­topfgericht!

Hausplakette

Anstecknadel

Die amtliche, oon Der BeidjsfQhrong Des W. tz. ID. heransgegebene Opfecpiafette für Den Monat März

Der öffentlichen Fürsorge vom 10. Februar 1934 (RGBl. Nr. 17 S 99) kann nunmehr in Gemein­den, die von der obersten Landesbehörde als Not­standsgemeinden erklärt worden sind, die Fürsorge für Personen, die in die Gemeinde nach ihrer Erklärung als Notstandsgemeinde zuziehen, unter strengster Prüfung der Voraussetzungen der Hilfsbedürftigkeit auf das zur Fristung des Lebens Unerläßliche 'oder unter Ablehnung offener Pflege auf Anstaltspflege beschränkt werden. Dies gilt nicht für Klein- oder Sozialrentner und ihnen gleich- stehende. Als Zuziehender gilt jeder, der in der Notstandsgemeinde Aufenthalt nimmt und dort un­mittelbar vor diesem Zeitpunkt keinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte. Die Erklärung einer Gemeinde als Notstandsqemeinde fetzt voraus, daß ihr Haus­halt durch Wohlfahrtslaften in außerordentlichem Umfange belastet ist.

Der Unterschied zwischen der eingeschränkten Für­sorge und der allgemeinen Fürsorge nach den Reichsgrundsätzen über Voraussetzung, Art und Maß der öffentlichen Fürsorge vom 1. August 1931 besteht darin, daß hier Aufgabe der Fürsorge ist, dem Hilfsbedürftigen den notwendigen Lebensunter­halt zu gewähren, während nach den neuen Bestim­mungen' für zuziehende Hilfsbedürftige in Not­standsgemeinden nur ein Anspruch besteht auf die Gewährung des zur Fristung des Lebens unerläß­lichen Unterhalts.

GG-Sturmbannführer Nickel nach Wiesbaden versetzt.

Durch Befehl des SS.-Oberabschnitts West wurde Sturmbannführer Nickel, der Führer des SS.- Sturmbanns IV/33 Oberhessen, in gleicher Dienst­stellung mit sofortiger Wirkung nach Wiesbaden versetzt. Man wird Herrn Sturmbannführer Nickel, der sich in weiten Kreisen der Bevölkerung in Stadt und Land großer Beliebtheit erfreute, nur mit Be­dauern von hier scheiden sehen.

Freiwillige vor!

Die Gauführung des Winterhilfs« werks teilt mit:

Auch wenn das Winterhilfswerk am 1. April zu Ende geht, find weitere Opfer notwendig. Die N S.- Volk'swo hl fahrt, die bisher ihre ganze Kraft darauf konzentrieren mußte, unsere Aermsten vor Hunger und Kälte zu schützen, wird erst dann ihre eigentliche Arbeit aufnehmen können. In jedes Haus, in jede Wohnung muß sie einen Boten ent­senden, der dort nach dem Rechten sieht, der die Schwachen stützt, die Unwissenden belehrt, den Hei­matlosen Vater und Mutter ersetzt. Nur Menschen, die mit dem Herzen ganz bei der Sache sind, nur Menschen, die es mit dem Nationalsozialismus ernst meinen, sind für diese Arbeit geeignet. Wir wissen, daß viele solcher Menschen unter uns leben. Sie müssen nur ihre Aufgabe erkennen und den Entschluß fassen, sich in diesem entsagungsvollen, aber segensreichen Kampf für die Nation einzu­setzen. Auch heute heißt es wieder wie im August 1914:Freiwillige vor!" Wer mitkämpfen will, reiht sich ein in die Kampffront der NS.-Volks- wohlfahrt. v (VX_

Anmeldung nehmen die Ortsgruppen der NS.- Volkswohlfahrt entgegen.

Zusammenarbeit mit der Handels­kammer.

Die Industrie- und Handelskammer Gießen sieht sich veranlaßt, darauf hinzuweifen, daß sich in letz­ter Zeit die Fälle mehren, in denen Firmen, die Wünsche oder Beschwerden vorzubringen haben, sich unmittelbar an den Rhein-Mainischen In­dustrie- und Handelstag, ober auch an den Herrn Treuhänder der Arbeit wenden, selbst wenn dieser nach Lage des Falles mit der betreffenden Ange­legenheit überhaupt nichts zu tun hat. Da der Rhein-Mainische Industrie- und Handelstag grund­sätzlich die örtlich zuständige Industrie- und Handelskammer in solchen Fällen zu hören pflegt.

Bach und Beethoven.

Eine Einführung zum Symphonie-Konzert des Konzertvereins.

Mit derEroika" war es Beethoven ge­lungen, der symphonischen Form eine neue Prä­gung zu geben, die bestimmend wurde für die Reihe der späteren Symphonien. Es scheint, als wollte Beethoven nach dem Ringen mit dem Problem in der dritten Symphonie sich nun ruhigeren, freund­licheren Gefilden zuwenden in der vierten. War ihm in der Auseinandersetzung mit dem Stoff bei Der Es-Dur-Symphonie der große Wurf in Der Bannung des Formalen gelungen, so möchte man in der Z-Dur-Symphonie erkennen, wie Die Freude an Der Beherrschung Der inneren Gestaltung ihn hier beim Schaffen leitet. Die überall im Werke zutage tretende leicht flüssige Erfindung ist ver­schiedentlich die Veranlassung zu einem Durchaus nicht berechtigten Werturteile über Die so reizvolle Symphonie geworden, und meistenteils wird man sie leider zu Unrecht nur dann auf Dem Programm finDen, wenn es gilt, Den Zyklus Der Beethovenschen Symphonien abzurunDen.

Während z. B. Beethovens Dritte und fünfte Symphonie inhaltlich durch eine ganz bestimmte Idee getragen werden, scheint Die vierte ihr treiben­des Moment im Erwachsen Der musikalischen For­mung selbst zu finDen. Dafür spricht Die Einleitung Des ersten Satzes. Die gehaltenen Bläsertöne mit der suchenden Unisono-Seitenbewegung der Strei­cher können als ein Abbild des Momentes Der Be­sinnung gelten. Ein kurzes Weiterspinnen des an- geschlagenen Gedankens führt wieder zum Aus­gangspunkt zurück. Ein neuer Ansatz läßt durch enharmonische Umdeutung einen neuen Pfad ge­winnen; aber immer noch liegt über der Entwick­lung etwas Grübelndes, etwas rätselhaft Suchendes, bis plötzlich fast blitzartig Das Kopfthema des Allegro vivace durchbricht; es ist mit Entschluß­sicherheit erfüllt, froh bejahend. Ein kurzer, episodi- scher Zwischensatz, Der mit seinen Bläserbindungen an die Einleitung gemahnt, läßt dann das Haupt­thema sich nun in voller Kraft entfalten. Die zweite Themengruppe stellt sich weniger in scharfen Kon­trast zum Hauptthema, als daß sie bestimmend wird durch ihren mehr friedlichen, heiteren Cha­rakter, fast zum Idyllischen hinneigend in den kanonischen Verwebungen von Klarinette und Fagott. Die Durchführung ist vornehmlich beherrscht vom Kopfmotiv des Hauptthemas, Das in feiner Verarbeitung neues melodisches Gut heraussprie­ßen läßt. Fast verliert es sich in romantischer Ferne, so in der eigenartigen Wendung nach Fis-Bur. Da gebietet Die Pauke, zunächst ganz pianissimo wir­

belnd, Einhalt; ihrem Krescendo folgt ein motivi­scher Aufschwung, und mit Fortissimo bricht nun die Reprise herein.

Das Adagio spricht mit menschlicher Unmittel­barkeit zum Hörer durch seine Innigkeit und seine warmen Herzenstöne, lieber dem Pulsschlag, Der im Grundrhythmus des ersten Taktes angegeben wird, erhebt sich das Hauptthema in weihevoller Feierlichkeit, dem sich später in Der Klarinette ein zweiter wehmütig anflingenDer Gedanke gegenüber» stellt. Wie eine großartig angelegte Variation über Das Hauptthema gibt sich der weitere Verlauf dieses Satzes. Er erreicht seinen geistigen Höhepunkt in der Moll-Wendung Des Themas. Mit Der Ge­schlossenheit Der Stimmung, mit Der wohl abgewoge­nen Gegenüberstellung und Verwebung oon Strei­chern und Holzbläsern und Der motivisch bedeutsam beteiligten Pauke muß man gerade dieses Adagio zu den beglückendsten Eingebungen der Symphonik rechnen.

Den dritten Satz hat Beethoven seinem Charakter nach nicht näher gekennzeichnet; über Das Menuett im hergebrachten symphonischen Stile weist dieses Allegro vivace mit der im Anfang gegen den Takt strebenden motivischen Gliederung ebenso wie durch starke Kontrastwirkungen und einen auffallenden Zug zur Verinnerlichung hinaus. Das zunächst Den Holzbläsern zugeteilte Trio-Thema wird durch Zwi­schenrufe Der Streicher beleuchtet und bindet sich Dann mit rollenden Streicherfiguren. Der ganze Satz läßt in einzelnen Momenten auf Die Fünfte vor­fühlen; Die überraschende Schlußwendung zeigt sei­nen Scherzo-Charakter. Das Finale stellt Der Ver­sonnenheit des Anfangs der Symphonie sprühende Tatenfreude, bejahenden Wirklichkeitssinn gegen­über; nicht Kampf und Sieg wie in späteren Wer­ken, sondern ein herzhaftes Zugreifen, eine Heiter­keit, die der Sorgen Herr geworden ist, strahlen sich hier aus; frohe Laune, ja Uebermut, lassen in Der Coda Das Thema sich verlieren, verflüchtigen, um Dann um so beschwingter Dem Schluß zuzu- ftreben.

Wohl selten prägt sich Die Geschichte einer Oper in Der Zahl Der Ouvertüren so ab wie in Den vier Einleitungen zu BeechovensFidelio". Von Den Drei Leonoren-Ouverturen hat Die erste mehr Den Charakter einer Vorstudie, sie wurde erst nach Dem Tode Beethovens veröffentlicht. Die Kämpfe um das Problem der Opern-Ouverturen fanden ihren markantesten Niederschlag in Leonore Nr. 2 und Leonore Nr. 3. Während in der Entwicklung bis zu Beethoven hin die Opern-Ouoerture mehr einleitenden und auf Das Kommende hinweisenden Charakter trägt, projiziert Beethoven Das bevor- stehenDe Bühnengeschehen in die Ouvertüre selbst;

ja, in Leonore Nr. 2 gibt er Dem Erleben der dra­matischen Handlung ein starkes Uebergewicht über die formalen Rücksichten. Die bis dahin für die Ouvertüre geltende symphonische Sonatenform läßt er hier außer acht, indem er im Gegensatz zu Leo­nore Nr. 5 auf die Reprise, Das ist Die Wiederkehr Der Hauptthemen am Schluß, verzichtet. Während also Leonore Nr. 3 das Inhaltliche mit den traditio­nellen formalen Gesetzen in Einklang zu bringen versucht, wird der musikalische Vorgang in Leonore Nr 2 ein getreues Abbild der Handlung. Wie für Nr. 3 ist auch in Nr. 2 Das Florestan-Drama rich­tungweisend.

In der Einleitung der Ouvertüre wird das Bild des gefesselt im Kerker schmachtenden Freiheits­kämpfers Florestan wach; düsteres Zwielicht prägt sich in den Harmonien ab. Die Arie des Florestan wird zu einem Leitgedanken, der sich im Lichte des Freiheitsmotivs mehrfach widerspiegelt. Die Er­eignisse der Kerkerszene leiten die musikalische Ent­wicklung. Das rettende Trompetensignal, das die Ankunft des Gouverneurs anmeldet, gibt in feiner zweimaligen Wiederkehr der erwachenden Hoffnung Raum. In den Holzbläsern erklingt jetzt das Flore- ftanlieb wie ein Dankgebet, und stürmender Jubel über die gewonnene Freiheit bricht in der Coda überschäumend hervor.

Ioh. Seb. Bachs Konzert in D-Moll für zwei Solo-Violinen und Streichorchester fällt in die Cöthener Zeit des Meisters, in der er ganz beson­ders die Literatur für Streichinstrumente mit einzig dastehenden Gaben bereicherte. Er folgt der von Vi- : valdi übernommenen dreisätzigen Konzertform (schnell langsam schnell). Die beiden Solo­instrumente führt Bach gegenüber dem begleiten­den Orchester thematisch selbständig; namentlich die Ecksätze sind erfüllt mit gespanntester Energie und von starkem musikalischem Impuls getragen. Die ein­zelnen Themen sind überaus scharf profitiert und durch kontrapunktische Bindung eng miteinander verknüpft. Inmitten der beiden Allegrofätze steht ein Largo, ma non tanto, das in feinem ruhigen klang­lichen Fließen sich mit lichter Schönheit erschließt, den beiden Soloinstrumenten eine überaus dank­bare Aufgabe innigster und edelster Kantabilität stellend. Dr. H.

Sochschulnachnckcken.

Die Preußische Akademie Der Wissenschaften in Berlin hat Professor Otto Großer, DrDinarius Der Anatomie an Der Deutschen Universität Prag, zum kvrrespondierenDen MitglieD ihrer Physikalisch- Mathematischen Klasse gewählt.

Viktor und Viktoria."

Eine lustige Sache, Der neue Ufa-FilmViktor und Viktoria". Das Drehbuch von Reinhold Schän­zel beruht auf einem richtigen Lustspielmotiv mit doppeltem Rollentausch: eine junge Schauspielnovize springt für den plötzlich heiser gewordenen älteren Kollegen Viktor ein und übernimmt dessenNum­mer" am Variete, um die zehn Mark Gage zu retten. Die Nummer ist aber fatalerweise ein Jmitcttionstrick. Viktor tritt nämlich dort als spa­nische Tänzerin Viktoria auf, und es ergibt sich also die merkwürdige Situation, daß eine junge Schau­spielerin, als Mann verkleidet, eine weibliche Rolle spielen muß. Der Einfall ist auf eine witzige und unterhaltsame Weise ausgesponnen, auf große Strecken operettenmäßig dialogisiert und instrumen­tiert, und es entspricht durchaus dem Stegreifstil des Drehbuches, daß der Rollentausch zum Schluß in sein Gegenteil verkehrt und verdoppelt wird: indem nämlich Viktor, um die Nummer der nach mancherlei Abenteuern fahnenflüchtig gewordenen Partnerin zu retten, seinerseits in das wallende Gewand der spanischen Tänzerin steigt und einen atemraubenden Kastagnettentanz zum Besten gibt. Schiinzel als Spielleiter macht sein eigenes Drehbuch auf eine ausgezeichnete Weise filmisch lebendig; er entwickelt Tempo, Schwung und Span­nung, hat wirklich komische Einfälle und einen aus­gesprochenen Blick für optische Wirkungen. Renate Müller hat alsHerr Viktoria" eine Paraderolle ersten Ranges. Die Aufgabe erfordert Anpassungs­fähigkeit, Beweglichkeit und Sinn für unmittelbar komische Situationen; man spürt, wie die echt komödiantische Verwandlung ihr Freude macht, sie anregt und aus sich herausgehen läßt, und übrigens steht ihr die knappe, elegante Herrentracht sehr vorteilhaft zu Gesicht. Ihr Partner ist Hermann T h i m i g ; er ist der geborene Commedia-dellarte» Darsteller: wer ihn etwa in GoldonisDiener zweier Herrn" auf der Bühne gesehen hat, wird es bestätigen. Sein Temperament ist unverwüstlich und jeder Steigerung fähig, die von ihm verlangt wird. Die beiden Gegenspieler des viktorianischen Duetts sind mit der blonden Friedel P i f e 11 a und dem kühlen Kavalier Adolf W o h l b r ü cf (ehemalsJohann Strauß" imWalzerkrieg") vortrefflich besetzt. Hilde Hildebrand, Fritz O d e m a r und Aribert Wäscher ergänzen das kleine Solisten-Ensemble sicher und angenehm. Die lustigsten Szenen des Films (Theateraqentur; Herrengarderobe; Kellerkneipe) sind regiemäßig und darstellerisch gleicherweise gelungen und entscheidend für den Erfolg. Der Film lief gestern zum erstenmal (mit einem hübschen Beiprogramm) im Lichtspielhaus und fand den Beifall eines lebhaft und dankbar erheiterten Publikums.