der Dolksrvirtschaftler Dr. Müller (Krefeld) über auslandsdeutsche Fragen sprechen wird. Der Besuch dieser Veranstaltung ist Pflicht.
Die Arbeitsgemeinschaft „Volksschule^ (Gruppe 2) im NSLB Gießen-Land hält am Mittwoch, 28. November, 15.30 Uhr im Hotel Köhler eine Tagung ab.
In der Ortsgruppe Gießen-Ost findet am morgigen Mittwoch, 20.30 Uhr, im Saale des Schiit- zenhauses Zellenabend für die Zellen 6 und 7 (Lud- wigsplatz, Gartenstraße, Gutenbergstraße, Berg- straße, Keplerstraße, Stephanstraße, Nahrungsberg, Henselstraße, Lefsingstraße, Gnauthstraße) mit Lichtbilder-Vortrag „Blut und Boden" statt.
polizeibencht.
rNansarden- und Schlafzimmer-Einbrecher.
Am 20. November vormittags wurde in den im Mansardenstock gelegenen Schlafraum der Gesellen einer Bäckerei im Neuenweg eingebrochen und aus dem Kleiderschrank eine Geldbörse mit etwa 20 Mk. entwendet. Ein in der Arbeitsweise ähnlicher Einbruch wurde am 24. November bei einem Metzgermeister verübt. Der Täter ist hier in das im ersten Stockwerk gelegene Schlafzimmer eingedrungen und hat aus der Waschtischschublade etwa 70 Mark und aus einem Kleiderschrank eine Geldbörse mit 2 Mk. Inhalt entwendet. Auf Grund der Beschreibung eines Verdächtigen, der bei dem ersten Diebstahl in der Nähe des Tatortes gesehen wurde, konnte am 24. November abends dessen Festnahme erfolgen. Nach anfänglichem Leugnen gab der Festgenommene zu, die beiden Diebstähle ausgeführt zu haben. Eine der gestohlenen Geldbörsen konnte in der Wirtschaft „Zum Uhu", wo der Täter übernachtete, im Kamin versteckt, vorgefunden werden. Es handelt sich bei dem Täter um den 17 Jahre alten Wolfgang M e i ° nert aus Aschersleben. Gegen Meinert, der bereits einmal wegen Diebstahls mit dem Strafgesetz in Konflikt kam, werden Fürsorgemaßnahmen angeordnet.
Fahrraddieb.
Am 26. November wurde der 20jährige Werner Schäfer aus Siegen wegen Fahrraddiebstahls festgenommen. Schäfer versuchte ein Fahrrad, das er in Wetterfeld, entwendet hatte, hier zu verkaufen. Er wird dem Amtsgericht zugeführt.
Diebstähle.
In der letzten Zeit wurden aus einem Vorkeller eines Hauses in der Bleichstraße ein Dynamo, Marke „Haeckel", aus einem verschlossenen Schuppen in der Marburger Straße mittels Einsteigens ein Zündlichtmagnet, Marke „Noris", ein Boschhorn, eine Varta-Batterie, ein Deckel des Magnetantriebes, aus einem Hausflur in der Mäusburg ein Mülleimer mit der Nummer 4437 und Am Kugelberg von einem Motorrad ein rotbrauner Damenmantel entwendet. Personen, die sachdienliche Angaben machen können, werden ersucht, der Kriminalpolizei- stelle Mitteilung zu machen.
Versuchter Raubüberfall.
Am 24. November gegen 21 Uhr versuchte ein junger Mann einem vor dem Schuhgeschäft Wolf im Seltersweg stehenden Manne die Uhr in dem Augenblick zu entreißen, als er diese zum Vergleich der Zeit mit der an dem Geschäft Geisse angebrachten Uhr aus der Tasche nahm. Die Uhr fiel dem Täter aus der Hand, worauf er die Flucht ergriff. Die Ermittelungen nach ihm wurden sofort ausgenommen.
Hermatvereinigung Schiffenberg.
Die Heimatvereinigung Schiffenberg hielt im Restaurant Hopfeld eine Ausschuhsitzung ab, an der auch eine Reihe auswärtiger Pertreter teilnahm. Oberforstmeister Nicolaus begrüßte die Erschienenen und gab Kenntnis von den Aufgaben der Heimatvereiniguag in nächster Zeit.
Am 9. Dezember ist eine Weihnachtsfeier auf dem Schisfenbera vorgesehen. Diese wird eingeleitet ^urd) eine kurze Feier in der alten Kavelle, bei der Pfarrer Steiner die Weihnachtsansprache halten wird. Außerdem wirkt der Frauenchor Hausen bei dieser Feier mit. Anschließend findet eine Familienzusammenkunft im Saale des Schiffenberges statt, bei der Rektor i. R. Valentin Müller einen geschichtlichen Vortrag halten wird. Außerdem sind musikalische und gesangliche Darbietungen usw. vorgesehen.
Im weiteren Verlaufe der Sitzung wurde beschlossen, einen namhaften Betrag zur Ausschmückung
des hinter dem Saale liegenden Zimmers zur Verfügung zu stellen. Zur Durchführung der Ausschmückung wurde ein besonderer Ausschuß gewählt, bestehend aus Oberforstmeister Nicolaus, Pfarrer Steiner (Hausen), Bürgermeister Schäfer (Watzenborn-Steinberg), Rektor i. R. Müller, Geschäftsführer Kirchner (Gießen). Die Zuziehung eines Kunstsachverständigen ist geplant.
Ferner soll eine Sammlung schöner Volkslieder aus der engeren Heimat zusammengestellt werden. Es ist weiter geplant, eine Anzahl Ruhebänke in der Umgegend des Schiffenbergs aufzustellen.
Daten für Dienstag, 27. November.
1701: der Astronom Anders Eelsius in Upsala geboren (gestorben 1744); — 1831: der Kaukasusforscher Gustav Radde in Danzig geboren (gestorben 1903); — 1850: der Geograph Rudolf Eredner in Gotha geboren (gestorben 1908).
Giehener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 27. Nov. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,45 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,40 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier (inländische Kühlhauseier) 10 bis 13, (ausländische) 10 bis 13, Wirsing, das Pfund 6 bis 10, der Zentner 7 bis 8 Mark, Weißkraut, das Pfund 5 bis 6 Pf., der Zentner 5 bis 6 Mark, Rotkraut, das Pfund 8 bis 10 Pf., der Zentner 8 bis 9 Mark, Gelbe Rüben, das Pfund 8 bis 10 Pf., Rote Rüben 8 bis 10, Spinat 10 bis 12, Unterkohlrabi 8, Grünkohl 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat 50 bis 80, Zwiebeln
10 bis 12, Meerrettich 25 bis 50, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Kartoffeln 4 Pf., der Zentner 3,20 bis 3,40 Mark, Aepfel, das Pfund 7 bis 12 Pf., der Zentner 7 bis 12 Mark, Birnen, das Pfund 6 bis 10 Pf., Nüsse 40 bis 50, junge Hähne 85 bis 90, Suppenhühner 70 bis 75, Gänse 65 bis 75, Enten 85, Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 10 bis 50, Endivien 10 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 25 Pf.
** Eine Fünfundsiebzigjährige. Am morgigen Mittwoch, 28. November, kann Frau Margarete Heyer, Witwe, Frankfurter Straße 138, in körperlicher und geistiger Frische ihren 75. Geburtstag begehen.
** Volkshochschule. Zu dem Bericht über die Eröffnung der Winterarbeit der Volkshochschule Gießen wird uns mitgeteilt, daß Lehrer Falls jahrelang Mitarbeiter des Herrn Professor Carl Maria Kaufmann (nicht Julius Maria Kaufmann), des bekannten Frankfurter Archäologen war.
♦♦ Kirchenchor W e i d e n h a u se n si n gt in den Kliniken. Der Kirchenchor Werden- Hausen bereitete am vergangenen Sonntag den Insassen und dem Personal Der hiesigen Kliniken eine große Freude. Der Chor wartete mit verschiedenen geistlichen Liedern auf und zeigte dabei beachtliches Können. Die Darbietungen fanden aufmerksame und dankbare Zuhörer.
Die Bedeutung des Kinderspiels für Erziehung und Leben.
Anläßlich der jüngsten Zusammenkunft der hiesigen Ortsgruppe desReichsoerbandesdeutscher Haussrauenoereine sprach nach kurzen Be- grützungsworten der Leiterin, Frau Kalbfleisch,
Frau Kinkel
über „Die Bedeutung des Kinderspiels für Erziehung und Leben". Ihre zeitdurchdachten, von feinem Verständnis für die Kinderseele zeugenden Ausführungen wurden mit sehr großer Freude ausgenommen und fanden bei allen anwefenden Frauen überaus viel Interesse und Verständnis. Ihren Darlegungen sei folgendes entnommen:
Der wahre Erzieher müsse von Anfang an dem Kinderspiel die größte Aufmerksamkeit zuwenden, weil bereits bei diesem alle Wesenseigenschaften und Fähigkeiten, alle Begabungen und Hemmungen des Kindes zu finden seien.
Rach Fröbel ist das Spiel die höchste Stufe der kindesenlwicklung, weil die Quellen alles Guten in ihm ruhen und aus ihm hervorgehen.
Ein Kind, welches tüchtig, selbsttätig, still und ausdauernd, bis zur körperlichen Ermüdung spielt, wird bestimmt auch ein tüchtiger, ausdauernder, stiller — Fremd- und Eigenwohl mit Aufopferung und Ausdauer fördernder — Mensch. Die Spiele dieses Alters sind die Herzblätter des ganzen künftigen Lebens, denn der ganze Mensch entwickelt und zeigt sich in demselben in seinen feinsten Anlagen, in seinem innersten Sinn. Das ganze künftige Leben des Menschen hat in diesem Lebenszeitraum seine Quelle, und hängt grundsätzlich von der Lebensweise in diesem Alter ab. Das Spiel des Kindes ist un- absichtliche Selbstausbildung. Im Spiel macht das Kind seine Erfahrungen, da lernt es die Dinge seiner Umwelt kennen in ihrem Dasein, in ihren Beziehungen zueinander und in ihren Wirkungen aufeinander. Jedes Spiel ist eine neue Erfahrung und diese wird die Ursache neuer Erkenntnisse, neuer Gefühle, neuer Handlungen und Fertigkeiten, durch sie wird die Entwicklung der Seele bestimmt.
Das Kleinkind der ersten Wochen spielt noch nicht. Erst, wenn es eine bestimmte körperliche und seelische Entwicklung erreicht hat und seine körperlichen und geistigen Kräfte sich zu regen beginnen, ängt es an zu spielen und zwar aus einem Ueber- chuß dieser Kräfte heraus. So wie der Erwachens feine Kräfte in der Arbeit und im Kampfe
ums Dasein verausgabt, so das Kind im Spiel. Es übt hierbei unbewußt und ungewollt feine Fähigkeiten zu künftiger Arbeit.
So ernsthaft wie der echte Künstler nach Gestaltung feiner Seelenregung ringt, so drängen die einfachen Kräfte des Kindes nach einer Betätigung und Entfaltung.
Ohne einen bestimmten Zweck zu verfolaen, baut es im Sande, schichtet KlöKchen aufeinander, formt Laute und Worte und freut sich an dem, was es hervorgebracht hat und ungewollt bildet es sich fo zum Menschen, der berufen ist, durch seine Neuschöpfung die Welt ein Stück vorwärts zu bringen.
Es wäre daher durchaus verkehrt, wollte der Erwachsene das Neue, das da ans Licht drängt nach feiner Weife und Erfahrung ummodeln. Er darf nur das Spiel des Kindes überwachen, nicht um= bilden und muß lediglich die Bahn frei zu machen versuchen für die Entfaltung der sich im Kinde regenden geistigen Kräfte. Wert hat das lieben, das Lernen aus eigner Kraft, darum muß erster Grundsatz für das Spiel die Selbsttätigkeit des Kindes sein und seine absolute Selbändigkeit. Die ersten Spiele sind Nachahmungsspiele. Sie sind das typische Merkmal der ersten Stufe geistiger Entwicklung. Ein großer Teil der Spiele ist den Handlungen und Betätigungen der Erwachsenen abgelauscht. Beobachten wir nur das kleine, mit seinem Püppchen spielende Mädchen.
Was die THuffer ihm fuf, tut es der puppe, wie sie mil ihm spricht, spricht es mit der puppe. Ls hält für gut und richtig, was die Blutter tut. Die Mutter sieht sich im Spiel ihres Kindes mit der puppe wie in einem Spiegel.
Aber dieses Spiel mit der Puppe ist nicht nur Nachahmung, sondern eine Wiedergabe von des Kindes eigenem Seelenleben. Darum bietet sich in solch einem Spiel für die Mutter eine kaum wiederkehrende Gelegenheit, ihr Kind in feinen heimlichsten Regungen und Veranlagungen kennenzulernen.
Aber nicht allein in der Nachahmung erschöpft sich das Seelenleben und der Betätigungstrieb des Kindes, es will auch an Hand des Gebotenen um-
Oie „Blaue Rose".
Von Walter Erich Schäfer.
Diese Geschichte, so unglaubwürdig sie erscheinen mag, wurde von der Besatzung der „Blue Rose“ bei dem beschworen, was jedem heilig war, und später von dem Reverend O'Higgins ausgezeichnet sowie mit seiner bezeugenden Unterschrift den Kirchenbüchern von Newport beigefügt.
Im fünften Jahr des amerikanischen Freiheitskriegs bekam an einem Julimorgen der erste Steuermann der „Blauen Rose" den Befehl, das Kommando des Blockadebrechers „Westward Ho“ zu übernehmen. Denn Kapitän und Steuerpersonal des Schiffs lagen erkrankt an einem schweren Wechselfieber, wie es im Sumpfdelta von Newport sommers aufzutreten pflegte. Bill Davies seinerseits nahm diesen Befehl mit einem Brummen entgegen, das Bereitschaft wie Ablehnung gleichermaßen ausdrücken konnte, und ging schon wenige Minuten später von Bord. Dabei strich er mit täppischer Zärtlichkeit über eines von den maskierten Backbordgeschützen und murmelte: „Mach's gut, alter Kerl!" So wenigstens hat ihn der begleitende Bootsmann verstanden.
Bill Davies war nicht durch Zufall oder Zwang auf diese gefährlichen Planken geraten, wie die übrige bunte Besatzung der Brigg — von Kauf- fahrern oder westindischen Korsaren —, sondern er war mit dem Schiff in die Jahre gekommen, und hatte darauf schon als Leichtmatrose gedient. Er kannte die Brigg vom Steven bis zum Bug, und wie sie nun vor ihm lag, während er übersetzte, seetüchtig und schmuck zwischen den schmierigen Kähnen, da war sie nicht zuhinterst sein Werk. Die Leute, die auf der Schanze der „Blauen Rose" standen, erklärten, er habe solange zurückgeschaut, bis sein Boot am Fallreep der „Westward Ho“ festmachte, die schon am nördlichen Ufer des Flusses lag. „Das hat mir damals gleich nicht gefallen", beteuerte Humphrey. „Der Bill war sonst nicht so." Der Steuermann ging an Bord seiner neuen Brigg und lichtete schon bald nach zehn Uhr die Anker. Die Luft war glasig klar an diesem Morgen, man sah, obschon eine stetige Brise wehte, das Schiss vom Hasen aus über eine Stunde.
Um Mittag warf dann auch die „Rose" los und folgte befehlsgemäß der „Westward Ho". Sie steuerte alten Kurs: zuerst den Fluß hinunter, der trag und braun war, nahm, im Percy-Golf, südlich Richtung und folgte lange dem Uferzug, um schließlich, durch das ge- fährliche Klippenfeld der „Cormoran Rocks“ die freie See zu gewinnen. Denn die bequeme nördliche
Durchfahrt zum Atlantik war etwas von englischen Blockadeschiffen gesperrt. Sie machten gute Fahrt. Am frühen Abend, als man schon die Brandung über den Klippen sah, betrat der Bootsmann Humphrey das Kartenhaus, um Feuer zu holen, wie er später sagte. Der Bootsmann Humphrey galt als Davies Freund, er war als Jungmatrose mit ihm gefahren und hatte, nur um bummer Versäumnisse willen, die er des öfteren im Rausch beging, den guten Aufstieg des anderen nicht mitgemacht. Es mochte ihm übrigens auch bei seinem Gang viel weniger um Feuer zu tun gewesen sein, als um die Whiskyflasche, die stets gefüllt im kleinen Eckschrank des Kartenhauses stand. Doch dies nebenbei. Er fand zu seinem Erstaunen nicht Hughes, den Steuermann, in der Bude vor, sondern Bill, der da mit breiten Ellenbogen, ganz wie gewöhnlich, über der Karte lag und murmelnd einen bestimmten Kurs verfolgte. Humphrey erinnerte sich später genau, wie er den dicken rindigen Zeigefinger eine neue Route habe kriechen sehen, er erinnerte sich an das Bewegen der Lippen, wie es Davies auch beim Schreiben an sich hatte, und an die Haare auf seiner roten Hand. Er rief, ihn an: „Hallo! Bill, wieder da?" Der Steuermann erwiderte nichts darauf, tat auch im folgenden keineswegs dergleichen, als fei er weg gewesen. Er nickte nur, sah auf die Karte und sagte: „Steuert Nordnordost". Der andere lachte: Ob er geradewegs dem Teufel in die Fänge laufen wollte?" Da schaute ihm Bill Davies ins Gesicht, doch so, daß Humphrey den Blick nicht zu verspüren meinte, — „da plötzlich" — so erklärte der Bootsmann später — „da wußte ich plötzlich, daß ich gehorchen müsse." Er trat ans Sprachrohr und rief dem Rudergänger den neuen Kurs zu, den er halten sollte. Doch wie er sich wandte, war Billy Davies verschwunden — und hatte doch die Tür nicht gehen hören. Er rannte hinaus, er sah das leere Deck und begann in einer unerklärlichen Angst das ganze Schiss von achtern nach vorn zu durchsuchen. Er stieg hinunter in die Koje des Freundes, in die Laderäume und Batterie, er suchte die Brücke ab und ging ins Steuerhaus; dort stellte ihn Hughes: Wer den Kurs befohlen habe? „Bill Davies", erwiderte Humphrey rasch und merkte dabei, wie er zu stottern anfing. „Bill Davies segelt auf der ,Westward' draußen. Du bist besoffen", fuhr ihn der Steuermann an — Humph- rey versicherte auf feine Sterbestunde, baß er fo nüchtern wie eine Jungfer fei. Doch Hughes schob kurzerhanb den Mann vom Rad unb schickte sich an, bas Schiff in bie Klippen zu steuern. Der Boots- mann ging barübcr bie Treppe hinunter. Ich wußte nicht, wie ich noch ging unb ftanb. Mir war zumut
wie vor bem ersten Gefecht. Ich fuhr mit b'Estaing auf bem Delaware. Ich hatte ein trockenes Würgen im Hals unb in ben Därmen ein Gefühl von Kälte. Der Kapitän rief mich hinauf auf bie Brücke. Er lag in feinem hölzernen Stuhl unb hatte bie Mütze auf bie Nase gezogen. Er liegt so immer oben, bei Tag unb bei Nacht. — Humphrey, sagte ber Kapitän, du hast den Billy Davies gesehen? — Jawohl, Kapitän, ich habe den Davies gesehen. Er hat gefegt: Steuert Nvrdnordvst, Humphrey? — Er hat gesagt: Steuert Nordnordost, Kapitän — Jesus Maria, brummte ber Kapitän, bann steuern wir Nordnordost. Verstehst bu, Humphrey? — Er zoa sich roieber bie Mütze auf bie Nase unb rührte sich nimmer. Aber er rauchte falt, er hatte kein Feuer ben ganzen langen Abenb. Unb bas hat er nie getan, feit ich ihn kenne, nicht einmal bamals, als wir mit Pulver fuhren."
Sie warfen bas Schiff mit Steuer unb Segeln herum unb zogen am Ranb ber schäumenden Klippen entlang mit aller Leinwand in die offene See. Der Steuermann Hughes verfluchte alle Engel. Er nannte laut genug den Kapitän einen roten abergläubischen Iren, unb Bootsmann Humphrey einen versoffenen Trottel. Er ließ auf eigene Faust ben Ausguck verdoppeln und die Bedienung bei den Geschützen schlafen. Auch blieb er selbst, als Wachablösung kam, die ganze Nacht an Deck und starrte hinaus. Das Meer war weit und funkelte unter den Sternen. Sie sahen kein Licht mit zwanzig scharfen Augen, keine Segel, kein Schiff, kein bri- tisches noch auch bie „Westward Ho , unb als sie glücklich im gelben Morgenlicht bas kleine französische Geschwader trafen, da hatten auch diese nichts von Davies gesehen. Die „Rose" nahm eine volle Ladung über: Stückkugeln, Flinten, Branntwein, Pulverfässer, auch geheime Post, die aus Europa gekommen war. Am Abend trennten sie sich mit Hurra und Spiel unb fuhren, ohne einen englischen Mast zu sehen, ben neuen, geheimnisvoll bestimmten Kurs zurück. Sie liefen stetig vor einem kräftigen Wind durch bas blitzenbe Meer unb sahen bie Klippen schäumen; sie steuerten ben braunen Fluß hinauf unb lagen endlich vor Newport fest. Sie gingen an Land unb schüttelten viele Hänbe; bvch niemand hatte von Billy Davies gehört.
Nach Tagen erst, durch etliche Ueberläufer, bekamen sie über sein trübes Schicksal Bericht. Die Engländer hatten ben letzten Durchschlupf erfunbet, unb als sich bie „Westward“ burch bie Klippen zwängte, fielen bie schnellen Fregatten „Dibo" unb „Thunberer" über sie her. Nach einem kurzen, hvff- nungs» unb furchtlosen Kampf war bann bie Brigg, von schweren Breitseiten zerfetzt, mit ihrer ganzen
ändern, umgestatten, Neues hervorbringen und fb< mit seine schöpferische Phantasie entfalten. Es genügt baher schon vollkommen, wenn man bie Spielsachen fo einfach wie möglich wählt unb bem Kinbe bie Möglichkeit bietet, feine Phantasie a< zuregen. Selbstverstänblich müssen biese einfachen Spielfachen schön in Form unb Farbe fein, damit es stets daran seinen Geschmack bilden kann. Gewöhnt sich das Kind an solches Spielzeug, wirb es von selbst mit der Zeit jedes kitschige, seelenlose Spielzeug ablehnen.
Der pflege ber Phantasie muh ber Erzieher eine große Bebeutung beilegen, denn ein phantasieloser TNensch ist vom Hebel, er fällt überall unangenehm auf, weil er sich nicht einzuleben versteht in bas Denken unb die Anbersartigkeit feiner Mitmenschen.
Die Weiterentwicklung bes kinblichen Seelenleben; hängt ab von ben Erfahrungen, bie es in feinet Umwelt macht. Stets sollen beshalb bie Spielsachen so ausgesucht sein, baß sie bas Gute betonen unb bas Erzieherische förbern. Sie sollen ben kinblichen Geist anregen unb geschickt machen, klare Anschau ungen vermitteln unb zu biesem Zwecke Aufmerl, samkeit und Nachdenken fordern, zur Beständigkeit erziehen, sein Wohlgefallen am Schönen wecken und bem Kinbe Befriedigung und Freude geben.
Vorn pädagogischen Standpunkte betrachtet ist es falsch, wenn man ein spielendes Kind sich vollkommen selbst überläßt. Eine Anregung zum Spiel gibt sogar die Tiermutter ihren Jungen. Sie läßt sie nicht nur einfach tun, was sie wollen, sondern sie regt sie an zu Spielen, die ihrer künftigen Aufgabe, der Erbeutung ber Nahrung, ben Weg bereiten. So muß auch bie Mutter unbemerkt bem Kinbe als Spielkamerabin Anregungen vermitteln.
Jebe Erziehung hat zwei Aufgaben: einmal die Vermittlung von Kenntnissen der erwachsenen Generation an bie heranwachsenbe, bamit biese es nütze unb mehre unb ferner bie Entwicklung des Kindes nach einem bestimmten Persönlichkeitsideal. Deshalb darf neben der Verstandesbildung die Bildung des Gefühls unb Willens nicht vernachlässigt werben. Die meisten Spiele werden durch Die Freude am Schönen erzeugt. Mit der Freude am Schonen ist das Gefühl für bas Gut« innig verbunden, denn wenn man das eine her- Dorruft, weckt man auch bas anbere. Daß es Freude erzeugt, ist eine ber Hauptforderungen an ein gutes Spielzeug. Freube ist eine Anregung für Die geistige Entwicklung bes Kinbes. „Das fröhliche Herz ist allein fähig, Wohgefallen am Guten zu empfinben, bie Freube macht bas Kind liebevoll, mitteilsam unb ebel gesinnt!", sagt ein großer Pädagoge.
Die eben erwähnten Eigenschaften treten am beutlichsten im Gesellschaftsspiel zutage, weil das Kinb sich hier freiwillig ben Spielregeln fügen muß, ba sonst ein gemeinsames Spiel nicht mg- lich ist. Es lernt hierbei seine Leibenschaften yi unterbrüden unb bie Leistungen anberer anzuer- kennen. Es erzieht zu einer schnellen Erfassung der jeweils gegebenen Sachlage, zu schneller Entschlußkraft unb scharfer Beobachtung.
Denn durch bas Spielzeug die äußeren Sinne beschäftigt unb erzogen werben, fo der innere Sinn durch gute Kinderbücher.
Dor allem sind es hier bie Tierbücher, bie Liebe unb Derstänbnis für bas Tier wecken unb das Tier in feinem wirklichen Charakter unb eigenen Seelenleben zeigen.
Die wertvollen unb vielseitigen Ausführungen ber Rebnerin würben veranschaulicht unb unterstützt burch zahlreiche Lichtbilber aus ben im Verlaufe bes Vortrags erwähnten wunderschönen, humorvollen Kinderbüchern mit ihren luftigen Neimen. Man sah seligstes, sorgloses Kinberglück in Wort und Bild. Auch die ganzen Wunder der Märchenwelt wurden den Anwesenden im Bilde offenbart, diese Wunder, bie auf alle großen und kleinen Kinder stets eine große Anziehungskraft ausüben. — Zum Schluß wies Frau Kinkel noch in Wort unb Bilb auf guten, gebiegenen, dem Leben mit feinen Wechselwirkungen abgelauschten Lesestoff für größere Kinder hin. Nicht unerwähnt sollen noch die vielen prächtigen farbenfroh
Besatzung weggesunken. Am frühen Abend ch, wie Die „Blaue Rose" gerade auf die gewohntt Durchfahrt hielt, trieb Steuermann Davies schon seit vielen Stunden als stiller Mensch in ber grünen schweigsamen Flut.
Dies ist bie Geschichte, unb Reverenb D. Higgins setzt ein anbächtiges „Ehre fei Gott" ans Ende.
Das Bestallungsdekret der Neuberin.
In ber Geschichte bes deutschen Theaters spielt Friderike Caroline N e u b e r, gewöhnlich die Neu- berin genannt, eine nicht unbebeutenbe Rolle. Die Reinigung der Bühne von ben Hanswurstspaßen ist ihr zu danken; durch die Beseitigung dieser burlesken Szenen, die allmählich das gesamte Schauspiel überwuchert hatten, bereitete sie, in Serbin- düng mit Gottsched, dem kommenden deutschen Drama den Weg. Im Jahre 1727 wurde ihr unb ihrer Gesellschaft die Würde königlich sächsischer Hof-Komödianten verliehen, was auch bestimmte wirtschaftliche Vorteile brachte. Das kurze Schrift' stück hat folgenden originellen Wortlaut:
„Wir Friedrich August ... urkunden hiermit, daß Wir, nachdem die sogenannte Haakische Bande Unserer ehemaligen Hof-Komödianten getrennt worden, Johann Neuber und dessen Eheweib Friederiken Carolinen zu Unseren Hof-Komödianten auf- unb angenommen, thun auch solches hiermit und Kraft dieses offenen Briefes dergestalt und also Ku^ daß... dieselben befugt sein sollen in unseren W und Erblanden zu unverbotener Zeit aller DrM in gleichen zu den Leipziger Messen und acht W vor und acht Tage nach den Messen ungehindert agiren und zu spielen. Jedoch sollen sie die gewöhn' lichen Abgaben zu erlegen und abzustatten hob^ über die Gebühr aber nicht beschwert werden. fehlen demnach jederarten Obrigkeit, besonders den Räthen in Städten, sich hiernach gehorsam zu nfl* ten und besagten Neuber und fein Eheweib nevll ihrer Bande hierunter zu schützen. Urkundlich haben wir dieses Dekret eigenhändig unterschrieben uno Unser königliches Jnsiael wissentlich Vordrucken lassen. So geschehen uno gegeben zu Dresden om 8. Augusti anno 1727."
Dieser nun bald zweihundert Jahre alte ' Brief" hat der Neuberin, wenigstens in ihren Alter tagen, nicht mehr viel genützt, denn, wie man wem, starb sie nahe bei Dresden, in Laubegast, im heil Elend, unb der Pfarrer zu Lauben, wo sie am nach ihrem Hinscheiden bestattet wurde, an ein Sonntag, weigerte sich, der „Komödiantin Gottesackerpforten öffnen zu lassen, so daß man l über die Kirchhofsmauer heben und in «n ung fegnetes Grab betten mußte.


