Kr. 252 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Samstag, 27. Oktobers
Aus de» Provinzialhauptstadi. Es wird hiermit bekannt gemacht...
Eine der wichtigsten Personen im Dorfe ist der Polizeidiener. Er repräsentiert die Staatsgewalt und hat daneben noch vielerlei andere Amtsobliegenheiten zu besorgen. Bei Hitze, Schnee und Eis, bei Regen und Sturm durch die Straßen gehen müssen, alle 50 Meter stehen bleiben und dann mit der Ortsschelle anzeigen, daß etwas Wichtiges bekannt zu machen ist. In größeren Dörfern ist das «ine Arbeit die oft viele Stunden währt. In den verkehrsreichen Straßen sausen Autos und Motorräder vorbei. Mitten in seinem Satz muß der Poli- -»eidiener aufhören. Er beginnt wieder. Dann schreien die Gänse, oder das Vieh wird gerade aus- lgetrieben. Aber unbehindert um alle Geräusche setzt tr seinen Weg fort, bis seine Arbeit getan ist. Am Nachmittag kommt vielleicht noch ein Händler und will irgend etwas kaufen. Nun muß der Polizeidiener noch einmal durch die Straßen und bekanntmachen. Dann kommen die andern Arbeiten: Steuerzettel müssen ausgetragen, andere Listen ein- ßesammelt werden. Irgend etwas ist im Dorfe vor- yefoUen. Der Polizeidiener forscht als erster, wohin das Fahrrad gekommen ist, oder wer nachts im Garten die Wäsche gestohlen hat. Im Felde wird Gras, im Walde Holz, und im Herbste das Obst an den Straßen versteigert. Jedes Gebot wiederholt der Polizeidiener und ruft dazu: eins zwei ... Neue Gebote folgen, endlich heißt es von feiten des Versteigerungsleiters: Drei!
Das sind nur so ein paar kleine Ausschnitte aus )em Leben unserer Polizeidiener auf dem Lande. In Wirklichkeit gibt es immer noch viel mehr für tiefe treuen Beamten zu tun. Wer auf dem Lande lebt, weiß, daß ich recht habe. Aber die meisten aller Polizeidiener, die ich kennenlernte — und es ’inb sehr viele —, behielten ihren guten Humor, -ranken auch einmal einen „Kurzen", ließen sich aber in ihrer Arbeit nicht stören. Und wenn ich in einem Dorfe einem Ortsdiener begegne, benutze ich mmer wieder die Gelegenheit, um mich über ver- lchiedenes zu erkundigen, denn ich habe gefunden, !!»aß sie am meisten wissen vom Dorfe. Sie kommen ;a auch überall hin. Gern geben sie jedem Fremden Auskunft. Das gehört ja zu ihrem Dienste. Andere roieber, Hausierer unb Bettler, freilich schauen lieber nach links, wenn ber Polizeidiener naht.
Unb ba muß ich immer roieber an unfern alten - 2rtsbiener aus meiner Iugenbzeit benken. Auch er atte seinen Humor, freilich oft einen sehr grimmigen. Buben unb Frauen kannten ihn nur von : er rauhen Seite. Nebenbei betrieb er aber auch «och etwas Lanbwirtschaft. Wenn er bann „in Zivil" auf seinem Wagen saß unb Futter holte, chauten wir Kinber immer noch einmal um, weil öir uns ben Polizeibiener eigentlich gar nicht „so" hiorfteUen konnten.
Oft haben wir auch beobachtet, wenn ber Orts- s jener um die Mittagszeit in das Backhaus pilgerte, um dort die „Lose" auszugeben. Da hatten i ch immer so zwischen 15 und 20 Frauen unb Mähren versammelt. Sie mußten bas Los ziehen, wer cm nächsten Tage backen konnte unb in welcher Reihenfolge es vor sich gehen sollte. Ehe ber Orts- iiiener erschien, ging es immer ba sehr laut zu. finige Frauen lachten, anbere schrie«, alles sprach hird)einanber. Dann aber erschien ber Ortsbiener, imb es würbe so ruhig wie in ber Kirche. Das liat uns Buben immer mächtig gefallen. Da war es »och ruhiger als bei uns, wenn ber Lehrer in bie Nasse kam. Bon ben Frauen ließ sich ber Orts- Inener beim Losen gar nichts sagen. Er fuhr ihnen hei ber passenben Gelegenheit sehr grob über ben Dhmb. Sie mußten parieren. Das gefiel uns am i heften. —
So war er auch Bettlern unb Hausierern gegen- ber. Wenn sie gar zu aufdringlich waren, dann
machte er sie dingfest. Es gehen da noch viele muntere Geschichten in meinem Heimatdorfe um. Eine von ihnen, die wahrscheinlichste, will ich hier doch noch anführen, weil sie vielleicht wahr ist.
Unser Polizeidiener wollte einen Bettler, den er mehrmals verwarnt hatte, nun festnehmen. Aber dieser entwischte ihm und suchte das Weite. Der Ortsdiener lief hinter ihm her. Aber der Bettler war schneller und leichtfüßiger als der kleine dicke Polizeidiener. Draußen vor dem Dorfe mußte er stehen bleiben und erst einmal verschnaufen. Der Bettler blieb in einer gewissen Entfernung auch stehen und beobachtete ben Verfolger. Nachdem sich der Ortsdiener die Stirne abgetrocknet hatte und wieder Anstalten traf, die Verfolgung aufzunehmen,
rief ihm ber anbere zu: Na, Herr Polizeirat, wollen wir es noch einmal probieren?
Gegen solche Unverschämtheit war unser Polizei- biener nicht gewappnet unb gab bie Verfolgung auf. P.
Bekämpfung der Schwarzarbeit.
LPD. Die Pressestelle bes Lanbesarbeitsamtes
Hessen teilt mit:
Durch eine Polizeiverorbnung bes preußischen Ministers des Innern vom 17. Mürz 1934 mit Ergänzung vom 14. April 1934 wurde zur wirksamen Bekämpfung der Schwarzarbeit bie Beschäftigung von Unterstützungsempfängern ohne Benachrichtigung bes zuständigen Arbeitsamtes unter Strafe gestellt. Inhaltlich gleiche Polizeiverordnungen finb kürzlich auch von ben hessischen Kreisämtern erlas
sen worben. Die Polizeiverorbnungen erfassen alle Personen, als sowohl bie Arbeitgeber, wie auch bie Schwarzarbeiter (Unterstützungsempfänger). Wenn jemanb ohne Vermittlung bes Arbeitsamtes Personen gegen Entgelt beschäftigt, von benen er weiß ober wissen muß, daß sie Erwerbslosenunter- stützung beziehen, macht er sich strafbar, wenn er die Beschäftigung dem Arbeitsamt nicht anzeigt. Der Arbeitgeber hat nur dann keine Schwierigkeiten zu erwarten, wenn er grundsätzlich alle seine Arbeitskräfte vom Arbeitsamt anfordert oder diesem die Beschäftigung von Unterstützungsempfängern unter Angabe des vereinbarten Lohnes an« zeigt. Die Ausstellung von Verdienstbescheinigungen und Aushändigung an den Unterstützungsempfänger
allein schützen den Arbeitgeber nicht vor Strafe. Dem Arbeitgeber erwächst vielmehr aus der Poli- zeiverordnung die Verpflichtung, bei Beschäftigung von Unterstützungsempfängern ohne Inanspruchnahme des Arbeitsamtes mindestens dafür Sorge zu tragen, daß die Beschäftigung unb bas bafür gezahlte Arbeitsentgelt rechtzeitig bem Arbeitsamt bekannt werben. Es liegt daher im eigenen Interesse ber Arbeitgeber, auch für Gelegenheitsarbeiten nur vom Arbeitsamt zugewiesene Arbeitskräfte zu beschäftigen.
Daten für Samstag, 27.Oktober.
1728: geboren ber Forschungsreisenbe James Cook in Marton (gestorben 1779); 1760: geboren ber Feldmarschall August Graf Neibharbt von Gnei- fenau in Schildau (gestorben 1831.).
Reichsbund Volkstum und Heimat.
(Kreisringführung.)
Alle Ortsringführer werben ersucht, bis 30. b. M. — soweit nicht schon geschehen — ihre Tätigkeitsberichte vom letzten Vierteljahr (Juli, August und September) bei mir einzureichen. Es stehen außerdem noch eine Anzahl Meldungen über die Beteiligung der einzelnen Ortsringe bei dem diesjährigen Erntedankfest aus, die bis zum 15. d. M. in meinem Besitz sein sollten. Auch Fehlanzeigen sind bis zu dem oben angegebenen Termin zu melden.
Nichteinhaltung dieses Termins muß bei Einsendung der Tätigkeitsberichte dem Landschaftsführer weitergemeldet werden.
Die den Ortsringführern von der Geschäftsstelle des Reichsbundes übersandten Fragebogen über „Entfernte Daueranschläge" sind nach dem Muster des beigefügten Merkblattes auszufüllen. Der Abschluß der Erhebungen muß bis zum 10. November erfolgen, die Liften müssen bis spätestens 15. November bei mir ober ber Geschäftsstelle bes Reichs- bunbes, Darmstabt, Neckarstraße 3, eingegangen sein.
Ich bitte alle Ortsringführer für eine orbnungs« gemäße Durchführung dieser Aufrufe Sorge tragen zu wollen. Gg. Heß, Kreisringführer.
Sitzung des Provinzialausschusses.
In ber gestrigen öffentlichen Sitzung bes Prooin- ziolausschusses ber Provinz Oberhessen kamen folgenbe Gegenstände zur Beratung und Beschlußfassung:
Die Klage des Ludwig C o r b e in Gießen gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 20. September 1934 wegen Versagung des Wandergewerbe- scheines wurde als unbegründet kostenpflichtig ab- gewiesen.
Der Frau Elise Fritzen in Bübingen würbe auf ihre Klage gegen bie Entscheidung des Kreis- amts Büdingen vom 29. März 1934 bie nachgesuchte Erlaubnis zum Betrieb einer Schankwirtschaft „Zum Posthorn" in Bübingen im Hause Obergasse 28/30 erteilt.
Im Dienstverfahren gegen ben Oberfeldschützen Johann Hartmann M ö r l e r in Bad-Nauheim wurde festgestellt, daß er die ihm als Gemeindebeamten obliegenden Pflichten durch politische Aeuße- rungen schuldhaft verletzt hat und wurde daher zu einer Geldstrafe in Höhe eines halben Monatsgehalts verurteilt. Die Kosten des Verfahrens find von dem Angeklagten zu tragen.
Der Bezirksfürsorgeverband des Kreises Friedberg wurde auf eine Klage des Bezirksfürforgeoer- bandes der Stadt Essen verurteilt, die dem Kläger durch die Unterstützung für das Kind Anni Schiebahn aufgewendeten Unterstützungskosten im Betrage von 244,67 RM. nebst 6 Prozent Zinsen seit dem 31. Oktober 1931 zu zahlen sowie die noch aus diesem Pflegefall entstehenden, notfalls in einem besonderen Verfahren festzusetzenden Aufwendungen zu erstatten.
He'.st Arbeit schaffen!
Die neubeginnende große Arbeitsschlacht kann nicht ausschließlich durch die großen Arbeitsprojekte von Reich, Ländern und Gemeinden getragen werden. Don entscheidender Bedeutung ist hierbei die aktive Teilnahme jedes einzelnen Volksgenossen. Es kommt darauf an, durch eine Unsumme von kleinen und kleinsten Aufträgen und Bestellungen das Rad der Wirtschaft in Schwung zu bringen und in Schwung zu halten.
Das Gießener Elektro - Jnftallateurgewerbe, zu gemeinsamer Arbeit mit dem Elektrizitätswerk unb der Elektroindustrie in der Elektrogemeinschaft zu« sammengeschlossen, rüstet jetzt — wie man uns schreibt — zu einer neuen großen Arbeitsschlacht „Nützt die Elektrizität". Unerschöpfliche Arbeits» quellen stecken in den Häusern und Wohnungen, viele Arbeitsmöglichkeiten bieten die seit langem
Gin neues AsmanweeS
von MojhUde von Gtesmann
nimmt heute seinen Anfang im Gießener Anzeiger und wird die Leserschaft ebenso in Spannung auf die tägliche Fortsetzung hasten, wie es bei der Veröffentlichung anderer Zeitungsromane dieser Verfasserin schon früher seftgestellt werden konnte.
LVMi du,rvÄs Liebe ist?
betitelt Klothilde von Stegmann ihr neuestes Werk, das namentlich im Kreise der Familie wiederum freudig begrüßt werden wird. Neube« steller erhalten den Gießener Anzeiger bis Anfang November kostenlos. Man bestelle sofort, denn auch alle anderen Anforderungen an eine Tageszeitung von Nang findet der Leser restlos erfüllt
in der GsiMÄizeZiAKsr
iahende blieben wohl stehen, blickten hinein burd) geliefert? Sie hatte erst versucht, zu wibersprechen. hs rosenüberrankte Tor mit ben kunstvollen schmiede- selber Edelgard hatte mit ihrer sanften Bestimmtheit . I „ ~fV ft nrm nio troi in oinon . ... ° '
gibst.
so fremd.
! <yr ganzes Leben hatte sich in ihnen abgespielt von dim Tage an, als der Freiherr von Dönitz, ber scilanke, elegante Offizier, das Fräulein Gertraube
(Fortsetzung folgt 1)
erklärt:
„Es finb anbere Zeiten, liebe Mutter! Man muß sich nach ihnen richten."
„Sofort zu verkaufen!"
Dieses Schilb stand schon seit Wochen an ber schloßähnlichen Billa, die tief eingebettet in schatti- [gem Grün an der Großen Seestraße lag. Dorüber- ^henbe blieben wohl stehen, blickten hinein durch
i fernen Gittern. Es gab die Sicht frei in einen s.nnedurchleuchteten Park, auf Beete voll blühender stauben, bie sich leise im Sommerwinb bewegten, £jf die bunt leuchtenden Farben der Malven, die lchtblauen Glocken des Rittersporns, die purpurnen 5 lütenföpfe von Rosen und Nelken. Weiter sah man
Di'n Kersting als seine junge Frau hier ins Haus zjführt hatte. Was lag alles zwischen diesem damals mb heute? Glück, unsagbares Glück an der Seite eines geliebten, ritterlichen Gatten, tiefste Mutter- [i*ube nach der Geburt ihrer kleinen Edelgard, die 6im Sohne Joachim rasch gefolgt war. Und heute? Dier Krieg hatte ihr ben Gatten unb ben Sohn ge- mimmen. Die Inflation hatte ihr Vermögen zer-
bie sich hauptsächlich mit Neuerungen in der Farbenfilmphotographie beschäftigte. Frau von Dönitz hatte es erst nicht fassen wollen. Ihre Edelgard, ein Freifräulein von Dönitz, ihre und Viktoxs Tochter, eine Sekretärinnenstelle? Frühmorgens mit dem Stadt- kösferchen und dem eingepackten Frühstück hinaushasten in die Dunkelheit und den Regen? Sich hin- hineinzwängen in Elektrische und Autobus? In einem Büro sitzen, ber Laune jedes Vorgesetzten aus«
Edelgard hatte leise erwidert:
„Jugend? Freude? Ach, Mutti, glaubst du, ich hätte viel von meiner Jugend und meiner Freude, wenn ich wüßte, daß wir Tag um Tag in Sorge i sitzen, jeden Tag rechnen müssen, wann unser Geld du Ende ist? Glaubst du nicht, ich werde glücklicher und freier sein, wenn ich weiß, daß wir unser Leben gesichert haben? Und wenn es auch nur in bescheidener Form ist? Man muß sich umstellen können."
schwerer machen?
। Doch allmählich waren auch Edelgard bie Augen * aufgegangen. Sie spürte bie Welle bes Verlangens wie einen heißen unb trüben Strom an sich heran- kommen. Sie bemerkte bie Versuche biefes ober jenen
Sie sprachen eine anbere Sprache. Sie waren in allem lauter, bebenkenloser, ja ungeniert. Das stieß Edelgarb zunächst ab.
Aber mit bem ihr innewohnenben starken Ge
sungen Mannes, unter tausenderlei Gründen sie in ihrem Bürozimmer aufzusuchen; versteckte ober weniger versteckte Anerbieten für Kino- und Theater- besuche, für eine Verabredung zum Wochenende
Energie schon in der Inflation begonnen, sich auf einen Beruf umzustellen. Jetzt war sie Sekretärin bei bem Direktor einer großen technischen Fabrik,
zu streben, finanziell unabhängig zu sein."
Da hatte Frau Gertraude nichts mehr zu sagen gewußt. Sie fühlte ja, ihr Kind hatte recht. Tausendfach! Aber dennoch, an dem Morgen, an bem Ebelgard zum erstenmal das Haus verließ, um ihre Stellung anzutreten, hatte sie bittere Tränen geweint. Edelgard hatte versucht, ganz leise zu sein, um die Mutter nicht zu wecken. Ach, sie ahnte ja nicht, daß Frau von Dönitz schon bie halbe Nacht wach lag. Sie hatte nicht schlafen können. Sie hatte ben Herbstregen an bie Scheiben prasseln, ben Winb in ben halb entlaubten Bäumen sausen hören. Sie sah ben Morgen herangrauen, sah burch bas Schlüsselloch ihres Zimmers einen schmalen Lichtschein hereinfallen. Edelgard war also schon auf. Und schon war auch ein leises Klappern zu hören.
Die alte Marie, die als einzige von dem vielköpfigen Personal nebst bem Gärtner bei ihnen geblieben waren, sie hatte es sich nicht nehmen lassen, ihrem geliebten Fräulein bas Frühstück zu bringen.
beln zu Hause zu sitzen, benn Untätigkeit war bas Schlimmste, was es geben konnte. Natürlich war es ihr im Anfang nicht leicht, sich in bie Forbe- rungen ihres Berufes einzugewöhnen. Zwar hatte sie eine grünbliche Ausbilbung auf ber Hanbelsschule genossen. Aber alles, was nun kam, war ihr boch
rechtigkeitsgefühl sagte sie sich: Du kannst von diesen
Mädchen hier nicht dasselbe verlangen, wie von , ut|uu,v, |Ul vulv ---, —
den wohlgehüteten Töchtern deiner Kreise. Wer weiß, oder in ein Tanzlokal waren an sie herangekommen, wie viele von ihnen sich von klein an durchs Leben Sie hatte alles mit einer Miene abgelehnt, die die gekämpft. Da kommt man nicht mit Empfindsamkeit jungen Leute unter sich geradezu eisig nannten, und Scheu durch. Da braucht man Ellenbogen! Du Ihr zartes, Helles Gesicht mit den seelenvollen mußt erst sehen und prüfen, ob der Kern dieser grauen Augen und bem weichen Munbe konnte dann Mädchen nicht vielleicht besser und wertvoller ist als geradezu erstarrt aussehen.
bei mancher ber behüteten Töchter. I „Hochmütig ist sie, bie Prinzessin!" hatte ber junge
In der Folge bemühte sie sich, sehr freunblich zu Korrespondent Franke wütend erklärt, der von . O o ,, ..... r • „s. „r, s;a Cfhnfnnrh firiiaP nhnofohrtf mnrhim mnr «hin nwntl
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Zfioman von Klothilde v. Stegmann.
(Nachdruck verboten.)
ibren Arbeitskolleginnen zu sein. Und als ob die Edelgard brüsk abgelehnt worden war. „Nun, wenn Mädchen es fpür ten, nach ber anfänglichen miß-! sie sich erst ben Winb hat um die Nase wehen lassen, trauilcben Ablehnung ber „Adligen", wie sie sie wird sie merken: so kommt man nicht vorwärts, unter ich nannten, hatten sie es mit ihrem unver- Wenn sie auch zu den leitenben Herren so sein wirb, bilbeten Instinkt sehr bald herausgespürt: hinter der da wird sie wohl ewig eine kleine Stenotypistin Scheu Edelgards von Dönitz barg sich ein roarmes, bleiben, bie hochmütige Person." mitfühlendes Herz. i (Fortsetzung folgt!)
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bfs Sees. Aber bei diesem Blick in Liommerherrlichkeit hatte es sein Bewenden.
Kaum einmal in all diesen Wochen hatte ein Passant auf die Klingel gedrückt, hatte sich bei dem r.eißhaarigen Gärtner nach dem Preise der Be- ftgung erkundigt und war schließlich wieder genügen. Dann ging der alte Mann, leise seufzend,
Frau von Dönitz hatte kein Licht gemacht. Sie s So entwickelte sich bald ein kameradschaftliches wollte Edelgard nicht die Tränenspuren auf ihrem Verhältnis zwischen Edelgard und ihren jungen Kol- Gesicht zeigen. Erst als sie ben leichten Schritt ihres j leginnen. Die Mädchen tarnen mit vielen Sorgen Kindes bie Treppe hinuntergehen hörte, knipste sie । unb Nöten zu ihr.
bie elektrische Lampe an und sah auf ihre platin-1 Als Ebelgard nach kurzer Probezeit von bem besetzte kleine Uhr, eines ber wenigen Schmuckstücke,' zweiten Direktor bes Konzerns ins Privatsekretanat von bem sie sich nicht hatte trennen können. i übernommen würbe, war ein allgemeines Bedauern. War es doch das letzte Geschenk ihres Gatten ge- War sie doch nun ein wenig ferngerückt. Edelgard wesen. Er hatte es ihr auf einer Reise nach Paris selbst aber war darüber glücklich. Die Arbeit bei anläßlich ihrer Silberhochzeit gekauft. 'Direktor Kutschner war bedeutend interessanter als
Halb sieben zeigte die kleine Uhr an. Einen Weg die Schreibtätigkeit im allgemeinen Büro Sie be-
von anderthalb Stunden hatte Edelgard. Denn die ?amEinb!lick ln dieV!erflechtungen der ^lrtscha^fl. Villa lag in Wannsee, und die Fabrik, in der sie von ‘^rem (£1)01^ Verstände fand sie sich m 0)^ JJ heute an tätig war, ganz draußen in einem östlichen । Aufgaben sehr bald zurecht. Direktor Kutschner, em Vorort. Frau von Dönitz fror - trotz ihrer warmen Kriegskamerad von Edelgards oerstorbenem^Bruder Daunendecke — bei dem Gedanken, daß ihr Kind Joachim, war ein sympathischer, ruhiger Mann, nun jeden Tag bei Wind und Wetter hinaus müßte. ! dem sich gut auskommen ließ. . ,
Sie selbst war Zeit ihres Lebens eine non Reich-1 Sem T°n Edelgard gegenüber war achlich, aber tum und Gluck verwöhnte Frau geroe[en. Sie konnte DOn ausgesuchter Höflichkeit. Sie spurte, er Dcr0?B kaum Dorftellen, und |o er- nie daß er in seiner Sekretärin e,ne Dame °°r sch ihr auch tausendsach schlim- balle Sie war ihm unendlich dankbar Sie suhlt, i sich bei ihm geborgen, vor allem vor den oft un- zarten und verlangenden Blicken der jungen Angestellten des großen Betriebes.
। Sie selbst war sich nicht bewußt, wie schön sie war. Die letzten Monate der Not und Sorge hatten einen so ernsten Menschen wie Edelgard alles Aeußere vergessen lassen. Aber Frau von Dönitz wußte, wie Edelgard auf Männer wirken mußte. Und wenn sie sich so gegen einen Beruf ihres einzigen Kindes gesträubt hatte, so war ber tiefste Grunb boch ber, baß sie um Ebelgarb fürchtete. Ebelgarb wußte nicht, wie es brausten in ber Welt aussah, dast ein so schönes Mädchen wie ein Freiwild war, bem alle Männer nachstellten. Das aber hatte sie Edelgard nicht sagen können. Warum dem Kinde alles noch
rittet. Das, was man noch gerettet, hatten bie 8anfenftürme in den Abgrund gerissen.
„.Sofort zu verkaufen!" — Dieses Schild am Ein- Mgstor ihrer Villa, es sagte alles. Es sprach es na: Das Ende war da.
Was sollte werden? Sie selbst war seit ben iroeren Schicksalsschlägen vor ber Zeit gealtert unb jkvrechlich. Edelgard hatte zwar mit der ihr eigenen
zurück und sagte: „
„Wir werden's wohl nicht loswerden. |
„Wir werden's wohl nicht loswerden, Kind! , kogte auch Frau Gertraude von Dönitz. Sie säst Tag i jur Tag an dem Fensterplatz des kleinen Wohnzimmers oben im Stock des großen Haujes.
.Hierher hatte sie sich zurückgezogen, seitdem der ?ajammenbrud) gekommen war. Sie konnte nicht r^ehr die großen Prunkräume sehen, in denen sie erstmals mit ihrem verstorbenen Gatten so glücklich
I „Andere Zeiten, aber schlechte, häßliche", war die Erwiderung der Mutter gewesen. „Ich kann es nicht
nköpse von Rosen unö Jceiten. -weiter lat) man ertraqen ,u Renten dast du dich in einem Büro sich Unbequemlichkeiten kaum vorstellen, und so er ~ 1 ' cvw . » bie verträumte abarbeitest, beine Jugenb unb beine Freude hin- schien Edelgards Leben ihr auch tausendfach schlim-
1 uie oeriraumie , pr_ ai, p5 ;n Wirklichkeit war.
imer, als es in Wirklichkeit war.
I Denn nach der ersten Ueberroinbung ihrer Unsicherheit und Scheu war Edelgard von Dönitz durchaus nicht sehr unglücklich. Im Gegenteil! Iebe Tätigkeit war besser, als in Sorgen und dumpfem Grü-
rx’i;"T (nrn'imrnfpn fordern hätten — Geld, bas wir nicht haben? Ich
®it>er(d)ein ihres reichen l°rg°nlof°n ehrenvoller, mit allen Kräften danach
*2bens gewesen waren. Wieviel Feste, wieviel jrop- - .
lchkeit, wieviel Glanz hatten diese Räume gesehen.
’-'nr nnntos QnU,... l.ii. r: -L. :.. ;t, ziknniniöft nntl
„Aber ein Freifräulein von Dönitz hat noch nie
für Geld gearbeitet, Edelgard! Es ist nicht standes- ,
gemäß." I Sie hatte nie andere Kreise als bie ihren fennen«
„Fänbest du es stanbesgemäßer, Mutter, wenn gelernt, unb biese jungen Mcibchen hier in bem wir eines Tages mit Schulben basäßen unb es riesengroßen Betriebe mit ihrer etwas kecken Sicher- Menschen auf der Welt gäbe, die von uns Geld zu heit, mit ihren ganz anderen Ansichten vom Leben r " - ■ ■ - -- --- flößten ihr zunächst geradezu Scheu ein.


