OieFälligkeitderAuswertungshypocheken
— Weltgericht!
Die Ursache dieser Zustände waren im deutschen Bodenunrecht zu suchen, wenn wir unter die- sem Begriff alle die Rechtsmöglichkeiten zusammen- fassen, die auf dem Gebiet der Bauordnung, der Bodenpreisbildung des Städtebaus, des Hypothekenrechts, des Schätzungs- und Beleihungswesens oder richtiger — Unwesens jene Zustände mitverschuldet haben. Die Bauordnungen erlauben ein Grundstück nach Höhe und Fläche rücksichtslos auszunutzen, und das nicht nur auf dem teueren Boden der Innenstadt, sondern auch in Außengebieten, wodurch der Bodenpreis gesteigert und die hochgetriebenen Preise in den Außengebieten auf das Innengebiet (mit dem
Personen! Diese Zahlen geben aber noch keinen Einblick in den Zustand der Wohnungen (verwahrlost, ohne Licht und Luft), der in den meisten Fäl- len unbeschreiblich war. Dabei waren die Mieten dieser Wohnungen viel*zu hoch. Der Arbeiter mußte ein Drittel seines Lohnes mindestens für Miete ausgeben. Bekannter Satz: Je kleiner die Wohnung, desto höher der Lohnanteil, der für die Miete ausgegeben werden muß.
Die Folge dieser Zustände waren erschütternd. Sie führten zu einer Zerrüttung des Familien- lebens, zu sittlicher Verwilderung, zu ansteckenden Krankheiten, zu Seuchen, Tuberkulose, Säuglingsterblichkeit, englischer Krankheit usw.
In den Großstädten, in denen diese Zustände herrschten, erlahmten die Widerstandskraft des Volkes. Berlin z. B. stellte vor dem Krieg prozentual die wenigsten heerestauglichen.
Nicht besser sah es auf dem Lande unter einem falschen Bodenrecht in anderer Beziehung aus. Vom Jahr 1816 bis 1870 sind in den preußischen Provinzen östlich der Elbe vier Millionen Morgen Bauernland an den Großgrundbesitz verloren gegangen. 5,5 Millionen kräftige deutsche Bauern wanderten aus und — 1918 fiel die Entscheidung im Weltkrieg durch Amerika. Dabei waren 40 Prozent der amerikanischen Offiziere, die in Trier einritten, deutscher Abkunft. Weltgeschichte
** Erleichterungen bei der Vergnü- gungssteuer am deutschen Erntedanktag. Der Herr Reichsminister der Finanzen hat die Länderregierungen gebeten, die Gemeinden (Gemeindeoerbände) anzuweisen, Veranstaltungen, die am 30. September 1934 aus Anlaß des Erntedanktages und zu Ehren der deutschen Bauernschaft unternommen werden, von der Vergnügungssteuer frei3 zustellen, soweit sie sich im Rahmen des von den zuständigen Stellen bekanntgegebenen Programms halten.
** Baulandumlegung. Der Umlegungsplan für die Baulandumlegung zwischen Wilhelm- straße, Aulweg und Wartweg liegt, nach einer Bekanntmachung des Umlegungsausschusses in unserem heutigen Anzeigenteil, in der Zeit vom 30. September bis 27. Oktober im Stadthaus Bergstraße zur Einsichtnahme offen. Interessenten mögen die Bekanntmachung beachten.
** Arbeitsveraebung. Der Vorstand des Allgemeinen Vereins für Armen- und Krankenpflege schreibt in unserem heutigen Anzeigenteil die Vergebung der Schreinerarbeiten für den Erweiterungsbau am Evangelischen Schwesternhaus aus. Die interessierten Handwerksmeister seien besonders darauf hingewiesen.
** E i n schwerer Verkehrsunfall ereignete sich gestern zwischen 16 und 17 Uhr an der Ecke Löberstraße-Bleichstraße. Dort wollte ein Personenkraftwagen von hier aus der Löberstraße in die Bleichstraße einbiegen, um nach der Ludwig- straße zu fahren. Im gleichen Augenblick kam der Motorradfahrer Wölfel aus Wißmar auf dem Motorrad die Bleichstraße entlang in Richtung Hin- denburgwall An der Ecke Löberstraße stießen die beiden Kraftfahrzeuge zusammen, wobei Wölfel stürzte und leider einen doppelten Unterschenkelbruch davontrug. Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz verbrachte den Verunglückten nach der Chirurgischen Klinik.
** Zusammen st oß zwischen Lastauto und Straßenbahn. Gestern gegen 13.25 Uhr ereignete sich an der Ecke Marburger Straße/Stein- straße ein Zusammenstoß Zwischen einem Straßenbahnwagen und einem Lastauto von auswärts, das aus der Steinstraße kam und noch unmittelbar vor dem vom Wiesecker Weg herkommenden Straßenbahnwagen das Geleis überqueren wollte. Das Lastauto drückte an der vorderen Plattform des Straßenbahnwagens die linke Seite ein, wobei auch die beiden Fensterscheiben in Trümmer gingen. Zum Glück hatte es bei diesem Schaden fein Bewenden, da der Straßenbahnführer den ohnehin im Hinblick auf die gefährliche Straßenkreuzung langsam fahrenden Straßenbahnwagen rasch stellen konnte und auch der Autolenker sein Fahrzeug mit aller Kraft zum Stehen brachte. Das Lastauto trug gleichfalls am Dorderbau einigen Schaden davon. Glücklicherweise wurden keine Personen verletzt.
** Eine Herb st fahrt in den Schwarzwald kündigt das Hapaa-Reisebüro in unserem heutigen Anzeigenteil an. Für diese Fahrt sind, wie man uns mitteilt, nur noch wenige Plätze frei. Interessenten mögen der Anzeige ihre Aufmerksamkeit schenken.
Für eine Anzahl der aktiven Stürme der SA. der Standarte 116 fand gestern im Cass Leib ein Schulungsabend statt. Der Musikzug der Standarte verschönte mit einigen musikalischen Darbietungen die Veranstaltung. Sturmbannführer Walter eröffnete den Schulungsabend und erteilte sofort dem Redner das Wort zu seinem Vortrag.
Bürgermeister Or. Hamm wies eingangs darauf hin, daß er sich, abgesehen von kurzen Hinweisen, darauf beschränken müsse, die Zustände in den Städten zu schildern und vom flachen Land abzusehen. Um seinen Ausführungen besonderen Nachdruck zu verleihen, ging er von der Vorkriegszeit aus, damit sie nicht mit dem Hinweis abgeschwächt werden könnten, daß man in der Nachkriegszeit eben es mit Ausnahmeerscheinungen als Kriegsfolge zu tun habe.
Vor dem Kriege hatten wir schon unbeschreibliche Zustände im Wohnungswesen in Deutschland, jo daß eine englische Kommission, die Deutschland besuchte, sagen konnte, England habe im Wohnungswesen nichts, was sich mit dem Wohnungselend in Deutschland messen könnte. Maßgebend für die Beurteilung der Güte des Wohnungswesens eines Landes sind Behausungszifjer (Zahl der .Bewohner auf ein Haus) und Wohndichte (Zahl der Personen auf ein Zimmer). Ein Vergleich mit England zeigt die unhaltbaren Verhältnisse in Deutschland:
Die Behausungsziffer in englischen Großstädten ist 5,5, in Deutschland 77,54. Das heißt, in England herrscht das Eigenheim vor, in Deutschland die Mietskaserne.
stimmten Prozentsätze von den großen öffentlichen Kapitalsammelbecken übernommen werden. Wenn Reichsversicherung und Invalidenversicherung unter den heutigen Umständen im Laufe des letzten Jahres 300 Millionen Mark Kapitalneubildung erreichten, so kann hiervon für obigen Zweck ohne Schwierigkeit und unter Berücksichtigung sonstiger Notwendigkeiten ein Betrag von etwa 100 Millionen Mark abgezweigt werden. . .
Die Beschränktheit der zur Verfügung stehenden Mittel müßte dazu führen, daß in erster Lime diejenigen Aufwertungshypothekengläubiger zu berücksichtigen wären, die sich infolge der früheren Entwicklung seit 16. Juli 1925 zunehmend mehr in einer zermürbenden Notlage befinden, und darüber hinaus diejenigen Aufwertungshypothekengläubiger, welche die Liquidierung ihrer Aufwertungshypothek zu Jnvestitionszwecken benötigen, um mit den mobilisierten Beträgen dem Wirtschaftsaufbau durch Gründung neuer Existenzen, durch Baugeldhingabe oder in anderer Weise im Sinne der 'Regierungsbestrebungen zu dienen. In keinem Falle wolle man mehr die Kündigungsfrist auf ein volles ganzes Jahr bemessen, sondern wenn nötig auf ein Viertel- oder ein Halbjahr. Auch die Frist zur Anrufung der Aufwertungsstelle wolle man entsprechend kürzen. Das Gericht sollte auch die Notlage der Gläubiger entsprechend berücksichtigen. Die Zeit für immer wiederholte generelle Eingriffe in die Vertragsrechte der Gläubiger muß in absehbarer Zeit vorüber sein, denn nur ein g e - rechter Ausgleich kann den heutigen veränderten Umständen entsprechen."
Dodemechi und Bodenunrecht
Bürgermeister Or. Hamm spricht vor der SA.
Von der Ortsgruppe Gießen des Sparer- b und es wird uns geschrieben:
Die privaten Aufwertungshypotheken werden nach dem Gesetz vom 18. Juli 1930 zum 1. I a n u a r 19 35 frei verfügbar. Der Sparerbund für das Deutsche Reich e. V. Berlin richtete, nachdem in den letzten Tagen eines feiner Mitglieder Gelegenheit zu einer Rücksprache im Reichsjustizministerlum hatte, nunmehr eine Eingabe an die Reichsregie- runo, in her er sich hauptsächlich der privaten Auswertungsgläubiger anntmmt, nach- dem die Hypothekenbanken, öffentliche Sparkassen, Versicherungsgesellschaften und öffentlidje Vechche- rungsträger inzwijchen ihre Bereitwilligkeit erklärt haben, ihre Aufwertungshypvtheken zu verlängern. Zur Behebung der Not der privaten Aufwertungs- hypothekengläubiger und gleichzeitig zur allmählichen Ueberleitung in die geordneten Dorknegs- verhältnisse bittet der Sparerbund, von einer allgemeinen Verlängerung der Einschränkungsbestimmungen zum Nachteil aller Aufwertungshypothekengläubiger a b z u - sehen und unterbreitet folgenden Vorschlag:
„Wir schlagen vor, daß eine bestehende oder eine zu diesem Zwecke neu zu gründende Hypothekenbank die Ausgabe erhält, Aufwertungshvpotheken aus privatem Besitz aufzukaufen und dafür Mobili - fierungspf anbbrief e auszugeben. Diese Mobilisierungspfandbriefe sollen aber nicht den bisherigen Aufwertungshypothekengläubigern ausgehändigt werden, weil dann der Versuch der Verwertung 'dieser Pfandbriefe am offenen Markt zu einem aus vielen Gründen untunlichen Rückgang des Pfandbriefkurses führen könnte. Es sollen vielmehr diese Mvbilisierungspfandbriefe zu einem be
ll, Nüsse 25 bis 60, junge Hähne 80 bis 90, Suppenhühner 60 bis 70, Gänse 80, Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 10 bis 40, Salat 8 bis 10, Salatgurken 10 bis 20 Pf., Einmachgurken (100 St.) 1 — bis 1,50 Mark, Endivien, das Stück 5 bis 15 Pf., Oberkvhlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 20, Radieschen, das Bund 10 Pf.
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—Tageskalender für Donnerstag: NSDAP., Amt für Dolkswohlfahrt, 20 Uhr, Cafä Leib: Besprechung der Ortsgruppen-, Stützpunkte-, Zellen- und Blockamtsleiter der NS.-Volkswohlfahrt des Kreises Gießen über die Vorbereitung des kommenden WHW. — NS.-Frauenschaft Gießen-Süd, 20.15 Uhr, „Bürgerhof": Ortsgruppenabend. — NS.-Bund deutscher Technik, 20.30 Uhr, Cafä Ebel: Mitgliederversammlung. — Ortsgruppe Gießen-Ost, Zellen 5, 6 und 7, 20.30 Uhr, „Stadt Lich", Zellenabend. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Charleys Tante". — Reichsgemeinschaft deutscher Hausfrauen (Hausfrauen - Beratung), 16 Uhr, „Liebigshähe": Jahresfest. — GRV. von 1885,20.30 Uhr, „Hessischer Hof": Jahreshauptversammlung.
lation entzieht.
Der Vortragende hat das Erbbaurecht in Gießen eingeführt und heute sind rund 100 000 Quadratmeter städtischen Geländes im Erbbaurecht ausgegeben.
Bürgermeister Dr. Hamm stellte dann die Fruge: Warum waren denn die Bestrebungen nicht von Erfolg begleitet? Und gab darauf die Antwort: Sie scheiterten am Parlamentarismus. Wohl hatten un- abhängige Männer aller Parteien, allerdings wenige Abgeordnete, erkannt, daß die Bodenfrage zur Lebensfrage des deutschen Volkes wurde, aber sie konnten sich gegen die parlamentarischen Jnter- essentenhaufen nicht durchsetzen. Hieran zerbrach alles. Dor den Wahlen versprach man alles, und nachher nahm man sich der Dinge nicht mehr an. Und wenn eine Partei es getan hätte, so wäre sie von der anderen, schon weil die Gegenpartei die Anregung gab, aus dem Sattel gehoben worden.
Mit der Erledigung des Parlamentarismus ist die Bahn frei. Die Reformen, die alle damit in einem engen Zusammenhang stehen: Reue Gemeindeordnung, Neues Städtebaugeseh, Vorantreibung der Siebelung sind in vollem Gange. Das Heimstättenamt ist gegründet, die Pforten sind offen für ein neues deutsches Bodenrecht. Das war aber nur möglich durch die Machtergreifung durch unfern Führer, der das Volk zusammenfchweihte und mit dem heiligen deutschen Boden wieder verwurzeln wird.
Lebhafter anhaltender Beifall dankte dem Redner* für seine außerordentlich aufschlußreichen Ausfüh-- rungen.
Sturmbannführer Walter
dankte dem Vortragenden und wies darauf hin, daß es für den SA.-Mann und den SA.-Führer sehr notwendig sei, daß er auch auf diesem Gebiete wenigstens in den Grundzügen Beschett) wisse, um mancher falschen und vorgefaßten Meinung entgegentreten zu können. Insbesondere betonte er, dah der Vortrag zweifellos sehr dazu beigetragen habe, manche Maßnahme der Regierung, die dem Einzel nen bisher vielleicht unverständlich gewesen sei, verständlich werden zu lassen.
Mit einem dreifachen „Sieg-Heil!" auf den Führer Adolf Hitler beschloß er den anregenden Schulungsabend. Gemeinsam wurde sodann der erste Vers des Horst-Wessel-Liedes gesungen.
heure Anliegerleistungen, veranlaßt durch einen verderblichen Straßenluxus; es fand keine Scheidung zwischen Wohn- und Verkehrsstraßen statt.
Der Vortragende ging nun noch auf die komplizierten Verhältnisse des deutschen Hypothekenrechts ein, das die Bodenspekulation und das spekulative Kapital begünstigte und die produktive Arbeit (Handwerkerforderungen) hintanftellte. Die Tilgungshypotheken wurden hintertrieben, wodurch eine Daueroerschuldung einfetzte. Den Vorgängen wurde die Krone aufgesetzt durch gerissene Schätzungs- und Beleihungsmanöver, wobei die Hauser künstlich höher geschätzt wurden, um sie höher beleihen zu können. Dabei wurden die Mietskasernen bevorzugt und das Eigenheim vernachlässigt.
Aber als tiefste Ursache bezeichnete der Vortra- gende den Liberalismus der vergangenen Zeit, der alles in Angebot und Nachfrage auflöste, den Boden als Ware betrachtete und ihn, an- statt unter ein besonderes Recht zu stellen, dem freien Spiel der Kräfte auslieferte.
Die Mietskaserne wurde gefördert, weil man in ihr die dem Arbeiter zukommende Behausungsform sah.
Schon längere Zeit hat man gegen diese Zuständr anzukämpfen versucht und ein Boden recht gefordert. Bodenreformer, Wohnungsreformer und Städtebauer liefen Sturm. Sie verlangten Auflockerung nach außen. Bevorzugung der Siedelung. Vernünftigen Städtebau, Trennung der Wohngebiete vom Verkehr und der Industrie, sie forderten ein neues Hypothekenrecht, Trennung bei der Beleihung in Bau- und Bodenhypotheken, Bevorzugung der Hände Arbeit gegen das spekulative Kapital. Dazu war ein erster Anlauf gemacht im Erbbaurecht, das rechtlich Bau und Boden trennt und den Boden der Speku-
In England wohnten vor dem Krieg 60 v. H. der Bevölkerung in Wohnungen von fünf oder mehr Zimmern, in Berlin hatten 50 v. H. der Wohnungen nur ein heizbares Zimmer, 28 v. H. aller Wohnungen hatten nur zwei heizbare Zimmer (im Jahre 1900). In Berlin wohnten 25 000 Menschen in Wohnungen, die entweder klein oder nur ein in uen ziufjenyeuieicu uu( uuS v»“ ^u.
heizbares Zimmer hatten, belegt mit 6 bis 10 Per- Hinweis auf feine günstigere Verkehrsanlage) preis» fönen oder zwei Zimmer, belegt mit 11 und mehr I treibend wirkten. Der Städtebau verlangte unge°
Zug durch Sibirien.
Von Edwin Erich Owinger.
Aus D w i n g e r s Werk, das in den „6 Büchern des Monats" September herausgestellt wurde, veröffentlichen wir mit besonderer Genehmigung der Reichsschrifttumsstelle das folgende prägnante Kapitel:
Gegen zehn Uhr stürzt Verenikis sibirischer Hengst. Als wir den Kapitän unter ihm hervorziehen, erkennen wir entsetzt, daß seine Beine kraftlos schlenkern. Vereniki atmet heftig, sein massiges Gesicht ist grau. Die Spitzen seines Schnurrbarts zucken, er muß furchtbare Schmerzen haben.
„Hört, Brüder", sagt er abgehackt, „Ich habe, wie ihr seht, ein Bein gebrochen. Das heißt bei dieser Kälte, daß es in zwei Stunden erfroren ist. Wie alles erfriert, was sich nicht mehr bewegen kann. Laßt mich also. Zieht ruhig weiter ..."
„Nein, Kapitän!" sagt Recke knapp.
„Nein! Nein! Nein!" ruft Kostja.
Vereniki lächelt nur. „Hört Brüder ... Seid vernünftig! Ich befehle: Ihr marschiert weiter ..." Er zeigt mit herrischer Bewegung auf unfern Maschinengewehrschlitten, dessen drei Pferde gleichfalls am Zusammenbrechen sind. „Es ist zu schwer, ihr bringt es doch nicht fort. Nehmt die Pferde für euch, schiebt den Schlitten quer über den Weg. Die andern stellt ihr rechts und links daran. Eine kleine Burg, versteht ihr ...?"
Er zeigt hierhin und dorthin, ganz unser alter Kommandant. Recke und Kostja gehorchen wortlos — fühlen sie seinen unerschütterlichen Willen? Der Maschinengewehrschlitten wird aufgebaut, ein Haufen liegengebliebener Totenschlitten mit den Kräften aller herangezogen. Rechts schließt sich eine lange Eisspalte an, die eine Umgehung unmöglich macht.
„Sie wollen, Kapitän?" frage ich zitternd.
„Ja, Benjamin! Die Roten aufhalten, solange ich's vermag. Damit ihr durchkommt, sie euch nicht sobald einholen ... Soll ich nutzlos verrecken? Nein, mindestens hundert sollen mit mir gehen!" Er hebt den Kopf. „Ist das Gewehr in Ordnung, Recke?" ruft er stählern.
„Befehl, Kapitän! Nur kein Wasser ..."
„Reiche die Konservendose herum, die unterm Gewehr liegt!"
Kostja nimmt das Gesäß, wendet sich ab, reicht es weiter. Jeder entleert sich, es dampft wärmend. Als Windt es dem Krieasmutwilligen gibt, antwortet der kläglich: „Ich habe nichts
„Jetzt füllt es ein! Hängt Pelze darüber, alle entbehrlichen!" sagt Vereniki hastig. „Rasch, rasch.."
Wir befolgen alles. Kein Wille lebt mehr außer dem jeinigen. Recke und ich klemmen ihn aufrecht hinter das Gewehr. Seine Zähne knirschen dabei wie Mahlsteine, das rechte Bein hängt baumeiig herunter. Kostja öffnet den Patronenkasten, zieht einen Gurt ein, läßt es kurz aufbellen. „MG. feuerfertig!", meldet er kurz.
Vereniki nimmt die Hand an die Mütze. „Danke..." Er atmet tief. „So ... das war das letztemal ... Und nun lebt wohl, Brüder ... Nein, keine Geschichten, ich bitte euch! Es wird nicht anders dadurch, seid verständig .."
Recke salutiert militärisch. Sein Gesicht bleibt unbewegt, er macht auf dem Absatz kehrt. Kostja chluchzt verzweifelt, küßt ihn nach russischer Männersitte auf beide Wangen. „Haltung, Bruder, Haltung!" sagt Vereniki verstimmt. Einer nach dem andern tritt an sein Lager — Berger, Windt, Schulenburg, Saltin, Merkel. Nicht einer fehlt.
„Kommt glücklich heim, ihr ..." murmelt der Kapitän. „Ich tat, was ich konnte ... Wenn es nicht viel war, seht es mir nach ..." Er sieht sich suchend um, gewahrt mich hinter sich. „Nun, und du, mein kleiner Bruder ...?" fragt er orgelnd.
Dies Wort nimmt mir alle Vernunft. Ich werfe mich über fein Lager, ergreife seine tägigen Hände, presse meine Lippen darauf. „Nein, Kapitän! Nein, Kapitän!" schreie ich auf.
Verenikis Schnurrbart zuckt. Seine grauen Augen schließen sich. „Mein kleiner Bruder ... Komm, sei tapfer ... Und denke immer, daß ich meine Pflicht tat ... Und wenn ich manchmal hart war .. Es tat mir oftmals weh ... Ihr wart mir alle nahe ... Dich aber liebte ich! Vom ersten Tage an ... Weißt du es noch? In unferm Transbaikalien ...? Kadette ... Kadette ...?"
„Kapitän! Kapitän!" schreie ich haltlos.
Er hebt mein Gesicht empor, küßt mich auf Mund und Stirn.
„Legt ihn auf einen Schlitten!" höre ich ihn orgeln. „Und gebt gut acht auf ihn..." Vier Arme packen mich rückwärts, um mich von ihm zu trennen. Ich wehre mich verzweifelt, sehe es schwarz vor meinen Augen werden. Und sinke sturzhaft in einen bodenlosen Abgrund.
Als ich erwache, ziehen wir eilig vorwärts. Berger und Schulenburg gehen neben meinem Schlitten, der Kriegsmutwillige hängt auf dem Bärentatzer. „Nun, Fähnrich — geht's wieder?" fragt Berger glücklich, fährt mir übers Gesicht.
Der Wind wird immer schärfer, treibt allen Wasser aus den Augen. Die Pferde strengen ihre
Kräfte an, als wüßten sie, daß uns die Roten auf den Fersen sind. Ich sehe, daß sie ihre Muskeln zum Zerreißen spannen, um sich im Gleichgewicht zu halten. Daß sie mit zitternd ausgeftretften Schwänzen die Rücken runden, daß ihre Augen wie matte Kugeln aus den Köpfen treten. „Ach, nur noch dreißig Werst!" höre ich Kostja rufen. „Nur noch dreißig..."
Ich hebe den Kopf, der mir unsäglich schwer erscheint, blicke in die Richtung seiner Stimme. Er reitet neben Recke, dicht vor der ersten Troika. Aber das ist doch Verenikis Platz! denke ich verwirrt.
„Wo ist denn unser Kapitän...?"
In diesem Augenblick höre ich im Rücken, weit hinter uns, ein taktmäßiges Knattern. Es setzt zuweilen aus, fällt dann von neuem ein, wird immer rasender.
„Taktaktak... taktak... taktaktaktak...".
Ich bin mit einem Schlage hellwach. „Hört ihr ihn?" frage ich feierlich. Alle Köpfe nicken. Berger streichelt mich. Selbst Merkel weint.
Oie Oichter
und der „blaue Dunst". Tabakgenuß und künstlerisches Schaffen. „Das Rauchen und der Tabak ist fast mein einziger Genuß und meine einzige .Zerstreuung«", hat der Dichter Johannes Schlaf vor Jahren einmal bekannt, als man ihn fragte, wie er es mit dem „blauen Dunst machen" halte. Und er fügte hinzu: „Alkohol nehme ich so gut wie gar keinen zu mir. Meine Shagpfeife oder Zigarre im Munde in schöner Frühlings-, Sommer-, Herbstzeit ins Land hinein zu wandern, oder meine täglichen längeren Spaziergänge und Wanderungen ins Freie: das ist wohl das schönste und reichste, was das Leben mir bietet; jedenfalls das ungetrübt angenehmste." In der Zeit des Ausruhens und des Aufnehmens neuer Eindrücke, wohl auch des stillen Nachsinnens über Gedankengänge, die dann später in der Dichtung wiederkehren, ist hier der Tabak ein freundlicher Helfer. Andere Dichter aber messen dem Tabak- genuß noch einen größeren Einfluß auf ihr künstle- risches Schaffen zu. So äußerte sich Ernst von W o l z o g e n einmal: „Ich habe immer gefunden, daß eine gute Zigarre zum Sttmmungmachen und zur Konzentration der Gedanken sehr viel beiträgt. Beim Schreiben kann ich allerdings nicht rauchen, und das ist einer der Hauptgründe, weshalb ich das Diktieren vorziehe. Wenn mir die Zigarre nicht
schmeckt, so habe ich auch sicher auf keine Inspira^ tion beim Schaffen zu rechnen. So sehr der sonst! von mir keineswegs verachtete Alkohol mich W1 Schaffen stört, so sehr fordert der mäßige laDm» genuß die Tätigkeit meiner Phantasie und erhöh» mir ganz wesentlich die Freude an der Arbeit. Auch Heinrich L i I i e n f e i n kann die Zigarre beiim Arbeiten nicht entbehren. „Sie verleiht meinen ühlen diejenige Temperatur, deren sie bedürfen,, um sich in Phantasie umzusetzen und meinen Gedanken die Geschmeidigkeit und Beweglichkeit, um diese Phantasie festzuhalten, zu formen, mitzuteilen- Mit anderen Worten: das Rauchen beschleunig, meine Gefühls- und Gedankenassoziation."
Dies hohe Lob wollen andere Dichter dem Rauchen allerdings nicht zuerkennen, obwohl sie eins gute Zigarre oder Zigarette sehr zu schätzen wissen-. Zwar braucht auch Wilhelm von Scholz beii ärgerlichen Angelegenheiten die Zigarette, um „ruhig am Streibtisch und bei der Sache" M bleiben; aber mit dieser beruhigenden Wirkung >!° es getan. „Irgendwelche Inspiration kann ich dem Tabak nicht zuschreiben", ist darum Scholzens Ansicht, dagegen wohl eine gewisse isolierende un® konzentrierende Stimmung, die aber zuviel Behage® in sich trägt, um nicht die Menge der Arbeitsleistung zu vermindern." Paul H e y s e war noÄ etwas zurückhaltender: „Ich habe nie Zigaretten« geraucht, nur Zigarren und immer nur nach ein« Mahlzeit, morgens eine ganz leichte, nach eine importierte, abends eine billige deutsche. Rauchen war mir stets ein Genutzmittel, als Anregung zu geistiger Tätigkeit hat es mir nie 9e‘‘ dient, doch würde es mir schwer werden, es zu eM behren, da es beruhigend auf meine Nerven wirkt- Auch Carl S p i 11 e I e r sprach dem Rauchen M liche Jnspirationskraft ab, obwohl er selber rauch' Recht grimmig klang seine Feststellung, daß e „erst mit achtundzwanzig Jahren zu rauchen am gefangen, ungerne, der Zähne wegen. Hat auch 8 . halfen." Dann ist er sogar „ein heilloser Rauche - geworden. „Don irgendwelcher Einwirkung a i den Geist selbstverständlich keine Spur. Ware amy traurig um einen bestellt, wenn er seine JnsPiran aus dem Tabak holen müßte." Wenn schon ,,Y lose Raucher" so weit von dem Zugeständnis Einflusses des Rauchens auf ihr künstlerisch Schassen abrücken, darf es nicht verwundern, w Nichtraucher ihre Gleichgültigkeit oder ihre neigung gegen das Rauchen zum Ausdruck bring Georg von Ompteba erklärt, er bekomme längerem Derweilen im Tabakrauch Uebeirett, ihn unfähig zum Arbeiten mache, und er ist n cj gut auf die „lästigen" Raucher zu sprechen.


