Nr. 98 Zweites Blatt
Kellag, 27.Aprll 1954
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
nant
18.30
16.00
des Obersten Deimling zugeteilt; er meldete sich
dem Festplah auf dem Trieb.
Ls spricht der Kreisleiter Pg. k t o st e r- mann.
Uhr: Hebertragung der Feier auf dem Tempelhoferfeld mit der Rede des
zeigt mindestens eine hakenkreuz- sahne.
Uhr: Konzert der Reichswehr- Ka- pelle und der Gießener Gesang- vereine am Liebigdenkmal. Ordnungsdienst übernimmt die SS., Absperrung des freien Platzes neben dem Denkmal für die Kapelle.
Programm für den 1. Mai, -en Tag der nationalen Arbeit in Gießen
dern er dachte alle folgende Stunden, in denen er neben dem Unterkapitän Cornelius zwischen zwei Spitzenreitern und dem auf diesem Anmarsch ziem» lief) dicht geschlossenen Geschwader herritt, daß auch er vor allem draußen sei um der wartenden Frau willen.
Am Abend, als sie ein unbekümmertes Wärme« und Kochfeuer wegen der Entferntheit vom Feinde anzünden konnten, trieb er unauffällig und auch eigentlich unverdächtig ein merkwürdiges Gespräch hoch. Bei diesem Gespräch unterhielten sich die Hottentotten darüber, was durch sie geschähe, wenn sie an Stelle der Herero mit den Deutschen Orlog führten. Der Unterkapitän Cornelius sagte unversehens: ..Auf dich Leutnant schieße ich im Orlog nicht." Und die anderen Großleute des Geschwaders jaaten, einer nach dem andern: „Nein, auf dich schaffe ich auch nicht." Als der Leutnant lachend im Kreise herumfragte nach dem Grunde solcher Schonung, vermochte ihm keiner Antwort zu geben.
Führers.
Für Sitzgelegenheiten für die Schwerkriegsbeschädigten und die Opfer der Arbeit auf dem Festplah ist gesorgt. Ebenso für Erfrischungen aller Art.
Abends: Volksfest in allen Lokalen der Stadt. Alle Betrieb und alle Arbeitsgemeinschaften werden nochmals aufgefordert, sich umgehend für diesen Abend ein Lokal fest zu bestellen, damit die wirte die nötigen Vorbereitungen treffen können.
Schmelz, Kreispropagandaleiter.
Oer Leiter der Landespropagandastelle Hessen an den Reichssender Stuttgart berufen.
Abmarsch nach den Sammelplätzen. Näheres im Ausstellungs- und Aufmarschplan.
14.00 Uhr: Abmarsch des Fe st zuges vorn Oswaldsgarlen.
15.30 Uhr: Beginn der Kundgebung auf
gelang. v .
Wenn der Leutnant nach einer Rückkehr und bet anderem Zusammentreffen mit Kameraden merkte, daß er um seines Kommandos willen kaum beneidet sondern eher bedauert und eigentlich über die Achsel angesehen werde, wunderte er sich immer wieder. I" nach dem Sprecher sagte er dann draußen beim Abtritt von der Messe wohl lachend zu sich: Na ia, mit Ochsenwagen und Eselkarren mit Bier- und Weinkisten drauf ziehe ich freilich nicht herum und habe sie nie vermißt. Wir sind froh, ich und meine Corneliusleute, wenn wir zur rechten Zeit genug Wasserlöcher mit genug nicht ganz verfaultem Wasser finden für die Pferde und für unsere Kaffeekessel." Oder er sagte nicht lachend: „Was soll mir denn bei meinen Kerls fehlen? Sie parieren, sie sind geschickt. Was zu ihnen gehört da draußen, die unabänderliche Sonne des Tages und der blanke nächtliche Himmel und der weite Raum und das immer wartende und selten geschehende Abenteuer, die gehören doch ebenso zu mir, und sie und ich sind darin verliebt."
In den ersten Monaten des Kommandos des Leutnants Thilo von Trotha, den manche Kameraden zur Unterscheidung den Patrouillen- und Ochsen-Trotha zu nennen anfingen, wegen der von seinen Streifzügen eingebrachten Rinder, meldete sich der Unterkapitän Cornelius seltener krank; dann, als sie immer näher dem Waterberg aufklärten und den unerhört großartigen Bergstock längst vor Augen hatten, wo eines Tages der Feind emge- kesielt werden und der große Schlag erfolgen sollte, buben die ärgerlichen Krankmeldungen des Unterkapitäns von neuem an. Eine Anfrage erging an den Leutnant, was er von diesen Krankmeldungen
halte.
Sie ritt-n an den nächsten Tagen weiter ab vom Feinde, sie sollten Gewißheit schaffen, über den Zustand einiger Wasserlöcher im Sandfelde, daran der etwa nach dem Osten flüchtende Feind und die verfolgende Truppe tränken könnten und mußten. Es war eine gute Gelegenheit zum Fragen und Anknüpfen und Wiederfragen. Der Leutnant sagte: „Das ist doch jetzt ein Leben, das euch gefallen muß. Wenn Kort" — so nannten alle Eingeborenen den Oberhäuptling Hendrik Witboi wegen seiner kleinen zornigen Gestalt — „wenn Kort früher | gegen die Herero im Felde lag, hatten er und seine
21.30 Uhr: w a l p u r g i s n a ch t f e i e r auf dem Gleiberg, veranstaltet von der „Kraft durch Freude" und dem Lager der Studentenschaft auf dem Gleiberg. Volkslieder, Volkstänze, Walpurgisfeuer mit Feuerrede.
Dienstag, 1. Mai.
7.00—8.00 Uhr: Wecken in der Stadt durch die Schuljugend. Jede Schule stellt mindestens einen Chor, die in dieser Zeit an verschiedenen Stellen der Stadt deutsche Frühlingslieder fingen.
8.45 Uhr: Alle Schulen, einfchliehlich der Wittel-, höheren, Fach- und- Berufsschulen, sind um Punkt 8.45 Uhr auf dem Festplah auf dem Trieb angelrelen. Um 9 Uhr beginnt d i e Uebertragung der Feier der Berliner Schuljugend aus Berlin. Der Festplatz liegt am äußersten Rande des Triebs links vom Dege nach dem Flughafen.
11.30 Uhr: Alle Hausfrauen haben dafür zu sorgen, daß um diese Zeit das W i 11 a g e s s e n beendet ist.
11.45—12.30 Uhr: Vereidigung der B e- triebsvertrauensleute in den Betrieben. Die Vereidigung erfolgt durch den Betriebsführer vor der versammelten Belegschaft. Als Vertreter der Betriebs-
wirst du jetzt so oft krank?" Der Unter« kapitän Cornelius antwortete: „Wir sind seit langem fort von Hause, wir wissen nicht, was zu Hause geschieht." Der Unterkapitän sagte: „Ich habe eine Frau zu Hause, ich habe auch Kinder. Beutevieh ist gut, und genug Kost und Kaffee und Tabak und Schnaps sind gut, und Krieg ist manchmal auch gut, aber Frau und Kinder sind besser." Der Leut- antwortete danach zunächst nicht mehr, son-
habe. Was könnte dem Berufssoldaten lieber sein, als daß er wirklich nach vorne hinkommt? Und was könnte einem Trotha größeren Spaß machen, als vom Kommiß abgerückt auf sich selbst gestellt zu sein? Und mit diesem Lande und seinen Farbigen will ich doch in aller Zukunft zusammenbleiben; und da gilt das Wort, daß nur der ein Land richtig kennen lernt, der es auch in seiner Erbarmungslosigkeit erfahren hat, dabei ich unter Erbarmungslosigkeit freilich keine Bosheit verstehe, sondern die Natur wie sie ist, die den überwindet, der sie nicht bezwingt. Wo begegnete einem die Natur von Land und Mensch aber rascher und mehr als bei Aufklärung und Patrouille?"
Der Leutnant und die Hottentottenabteilung spielten sich sehr schnell aufeinander ein. Sie waren fortwährend draußen am Feind. Sie stellten fest, wo er zöge und läge, sie belauschten Gespräche am Koch- und Wärmefeuer, sie suchten und prüften Wasserlöcher, sie spürten und erhorchten ziehendes Vieh nuö Viehposten, sie holten gestohlene Perde und gestohlenes Vieh zurück und trieben dem Feind manche Herde selbst ab, wo das durch einen geschickten Handstreich bei guter Verteilung, bei je nach dem lautloser Stille oder lautem Geschrei und Gewehrgeknatter
Der Leutnant von Trotha.
6ine Erinnerung an Jahre des Kampfes um die Sicherung von Oeutsch-Südwest
Zum Gedächtnis des Tages, an dem vor 50 Jahren das erste deutsche Kolonialland erworben wurde, brachten wir am Dienstag Bilder von Lüderitz und seiner ersten Gründung. Heute können wir einen Ausschnitt veröffentlichen aus dem soeben unter dem Titel „Lüderitzland. Sieben Begebenheiten" im Verlag Albert Langen/ Georg Müller, München, erschienenen neuen Buch von Hans Grimm, in dem der Dichter von „Volk ohne Raum" das stille Heldentum der deutschen Siedler, Soldaten und Kaufleute in Deutsch-Südwest erschütternd lebendig werden läßt.
Bei den noch landfremden neuen Offizieren und landfremden neuen Soldaten ritten Hilfsvölker, Buren und Bastards und Hottentotten, an. Die Buren kamen als Weiße und Landeseinwohner einzeln und freiwillig, die Bastards erschienen auf Befehl ihres Volkshauptmannes, aber auch weil die Gemeinsamkeit der Uniform und des Soldatenlebens mit den Weißen ihnen zusagte. Die gelben Hottentotten auf den mageren Pferden kamen nur, weil ihre Kapitäne und allen voran der Häuptling Hendrik Witboi sie gesandt hatten.
Bei den Hottentotten wurde ein Beritt von dem Unterkapitän Cornelius geführt. Im Ausweis hieß es, der Unterkapitän Cornelius, der nicht hochdeutsch gleich manchen anderen sprach, sondern nur Burenplatt oder Hottentottenplatt, wie man die Mundart nun nennen will, fei ein Schwiegersohn Witbois. Daß auf Witboi alle möglichen Rücksichten genommen werden müßten, war dem neuen Führer bekannt und war auch den noch landfremden Offizieren allen deutlich. Aber wo fangen in einem Feldzug und bei einer unbekannten Menschenspielart, der man doch hinter Stirn und Auge, hinter Wort und Bewegung noch weniger sehen kann, oder — das gilt auch — noch weniger meint sehen zu können, Rücksichten an und wo müssen sie aufhören? Es gab Offiziere aus Deutschland und aus Südwest und gab Südwester Einwohner, die sagten bei sich und voreinander: „Was soll die unzuverlässige gelbe Gesellschaft bei uns? Soll sie sehen, wie's bei uns zugeht? Das ist doch Unfug. Und wer solche Politik empfiehlt, sei er militärischer Distriktschef oder Missionar oder Beamter der Schutzgebietsregierung, der zeigt, daß er in seiner Einbildung das Strammstehen mit dem Manne verwechselt und von Tuten und Blasen keine Ahnung hat."
Der Unterkapitän Cornelius wurde dem Stabe
Montag, 30. April.
16.00 Uhr: Am Wonlag spätestens um 16 Uhr sind die Fahnen gehißt. Jede deutsche Familie
LPD. Darmstadt, 26. April. Die Reichs« sendeleitung teilt mit: Der seitherige Gaupropa« gandaleiter und Leiter der Landespropagandastelle Hessen, Pg. Karl Wilhelm T r e f z, ist zum stell« vertretenden zweiten Sendeleiter an den Reichs« sender Stuttgart berufen worden, um sich dort für eine spätere Verwendung an anderen Reichssendern einzuarbeiten. Pg. T r e f z, der schon seit 1928 der NSDAP, angehört und als Reichs« redner der Partei in vielen Gauen bekannt ist, wurde von Reichsminister Dr. Goebbels im vorigen Jahr bei der Einrichtung der Landes« Propagandastelle im Dienste des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda verwendet. In der Organifationsleitung des Reichsparteitages 1933 stellte Pg. Trefz als Quartiermeister seine organisatorischen Fähigkeiten in hervorragender Art unter Beweis. Nunmehr wird seine bewährte Kraft
Kost, und Kaffee fehlt niemals, ihr dagegen bekommt Tabak, ihr dagegen bekommt Sold, ihr bekommt Anteil an dem Beutevieh, ihr bekommt jeder sein Maß Schnaps, und wer sein Pferd verliert, bekommt einfach ein gesundes Pferd als Ersatz." Der Unterkapitän Cornelius antwortete, was der Leutnant sage, treffe zu. Der Leutnant begann nach einiger Zeit wieder: „Wenn dieses Leben also gut ist, warum wirst du jetzt so oft krank?" Der Unterkapitän Cornelius antwortete, was der Leutnant sage treffe zu. Der Leutnant begann nach einger Zeit wieder: „Wenn dieses Leben also gut ist, warum
bort am ersten Tage krank.
Als Thilo von Trotha in Swakopmund eintraf und sich alsbald bei dem neuen Führer, dem General Lothar von Trotha, seinem Oheim, vorstellte, wurde ihm mitgeteilt, daß eine besondere Aufgabe auf ihn warte. Er besitze von seinen Erfahrungen im Burenkrieg her ohne Hweisil eine gewisse Landeskenntnis, denn das südliche Afrika sei sich vom Indischen bis zum Atlantischen Ozean in vielem gleich, im meisten ähnlich; Umgang mit Eingeborenen sei ihm nichts Neues, der landesnotwendige Aufklärungsdienst und die landesübliche Gefechtsweise seien ihm vertraut, endlich, er spreche Durenplatt, das mit dem Hottentottenplatt ein und dasselbe sei. Aus diesen Gründen habe man ihn dazu ausersehen, dem Unterkapitän der Bethanier- hottentotten Cornelius als deutscher Offizier bei- und oorgeordnet zu werden. Cornelius und sein Beritt seien zum Aufklärungsdienft bestimmt.
Der Leutnant schrieb sofort nach dem Befehls- emofana an die Schwesterfrau: „Du kannst Dir V«-
wohl denken, daß ich mir selbst die Hand geschüttelt I Männer es schwer. Ihr dag^gen^bekommt^re^
gesolgschaft spricht der Betriebszellenobmann.
Die Bereibigung muh unter allen Umständen I ______ ___________________
um 12.30 Uhr beendet sein. Anschließend | in den Dienst des Deutschen Rundfunks gestellt.
Nachdruck verboten!
27 Fortjetzung.
den Derlobungsring
Den Ring kannst du
„Du willst, daß ich dir zurückgebe?"
Er wehrte ab:
m i ch liebt."
Sie zog fast unmerklich die schmalen, dunklen Brauen zusammen. . .
„Daß ich einen anderen Mann liebe, wußtest du ja! Warum gabst du mir dann den Ring?
Er antwortete langsam:
„Ich dachte nicht daran, dir am Christabend einen Verlobungsring zu geben. Du mißverstandest Die schlichte Form des goldenen Reifs und Jobst ^reese ebenfalls. Er zuerst. Ich wollte dir etwas schenken,
S)ie echte und die falsche ©otalies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Funf-Turme-Verlag, Halle (6.)
„Nein, das will ich nicht! Den Ring kannst du behalten: ich bitte dich sogar darum und werde dir nachher auch erklären, weshalb. Jetzt möchte ich vor allem nur klarstellen, daß es besser ist, wenn wir die Verlobung wieder lösen, die ja glücklicherweise noch nicht veröffentlicht wurde. Du liebst einen anderen Mann, ich aber möchte eine Frau, Die
ich will nachholen, was ich versäumte. Ich kann mir ja jetzt Die besten Lehrer aussuchen und mich auf das Abitur vorbereiten. Sobald ich das erlangt habe, möchte ich studieren. Und dann besonders für arme Frauen eintreten, für schlecht behandelte Frauen, für bemitleidenswerte Mütter. Ich brauche ja nicht zu verdienen —"
Sie brach ab, betroffen von seinem Blick. Er atmete bedrückt.
An mich hast du dabei aber nicht gedacht — nicht wahr? Hast bei deinem Zukunftsplan, der durchaus edel und beistimmenswert ist, nicht eine Minute mit in Berechnung gezogen, daß du mit mir verlobt bist, und daß einer Verlobung gewöhnlich in absehbarer Zeit auch eine Hochzeit zu folgen pflegt."
Sie zuckte, ein wenig verwirrt von dem Einwurf, die Achseln.
Nun ja, Holm, das ist allerdings richtig! Aber es stört eigentlich doch nicht. Vor allem brauchen wir ja nicht so schnell zu heiraten, und für spater wäre es doch gerade besonders hübsch, wenn wir denselben Beruf hätten."
Er wiederholte wie fragend:
Später? Also in soundsoviel Jahren! Vielleicht erst bann, wenn bu alle deine Examen hinter dir hast." Er lächelte bitter. „Das könnte ein sehr langer Brautstand werden!" Er warf den Kopf zurück. „Ich mache dir den Vorschlag, Regina, unsere Verlobung wieder zu lösen, weil das wohl für beide Teile besser ist. Dann bist du frei und brauchst überhaupt nicht danach zu fragen, wie ich über deine Absicht denke. Ich beton noch einmal, deine Absicht gefällt mir sehr, nur nicht für meine Verlobte, die ich auch gern bald geheiratet hätte. Und eine Frau, die nur mit ihrem Studium zu tun hat, wäre nicht mein Geschmack."
Sie sah ihn, sichtlich betreten, an.
und weil du gar keinen Schmuck besaßest wie die meisten jungen Damen, kaufte ich für Dich einen sogenannten Freundschaftsring. Als Zeichen, daß du immer daran denken solltest, in mir einen zuverlässigen Freund zu sehen. Ich ahnte nicht, wie falsch mein Geschenk gedeutet werden könnte. Aber das geschah, und dagegen war ich machtlos. Ich konnte doch nun nicht plötzlich rücksichtslos mit der Wahrheit heraus- rücken und mußte alles so gehen lassen, wie es der große Irrtum ergeben hatte. Es blieb mir weiter nichts anderes übrig. Ich verließ mich zunächst darauf, später würde ich schon einmal Gelegenheit finden, alles richtigzustellen." Er sprach nun leiser: „Dann kam das jähe Unwohlsein des Lieben alten, so väterlich besorgten Herrn, sein Tod folgte. Und nun glaubte ich, feinem Andenken zuliebe, weil er uns für Liebesleute gehalten und sich darüber gefreut hatte, sollte alles zwischen uns so bleiben, wie es sich am Christabend gegen meinen Willen gefugt. Ich hätte nichts von dem Mißverständnis gesagt, hätte mir die größte Mühe gegeben, so gut wie möglich gegen dich zu sein, bis du mich vielleicht
Er hatte sagen wollen: Bis du mich vielleicht eines Tages liebgewonnen hättest! Aber er unterdrückte es und schloß:
„Wozu so genau festlegen, was ich gedacht habe? Jetzt denke ich nur daran: du liebst einen anderen Mann. Und wenn er dich auch nicht liebt, ist das doch noch lange nicht so schlimm, als wenn du um eines Irrtums willen einen ungeliebten Mann heiratest. Und ich, wirklich, ich möchte keine Frau, die das Bild eines anderen im Herzen tragt. Deshalb, liebe Regina, behalte zum Besten unseres Glücks und unserer Zukunft den Verlob ungs- ring als das, was er fein soll, als FreunDschaftsring!"
Regina saß ganz still, es war, als atme sie nicht einmal.
Auch Holm saß regungslos da, in ihm stritten sich widerstrebende Gefühle. Er dachte, wenn sie nur sagen wollte: Es ist gut, du hast recht! Aber gleichzeitig war so ein ganz zaghaftes Hoffen in ihm; das wartete darauf, daß der blaßrote, schön geschnittene Mund antwortete: Warum wollen mir nicht bestehen lassen, was ein Irrtum zwischen uns zustande gebracht hat? Wir haben gemeinsame Interessen und Ziele, und ich kann dir auch ohne langjähriges Studium eine verstehende Gefährtin und Helferin in deinem Beruf fein. Wir bleiben jetzt Freunde, und vielleicht wird aus der Freundschaft eines Tages Liebe!
Er hoffte ganz heimlich, ganz tief im Herzen auf solche wundervolle Antwort und sah Regina abwartend an. Ihr goldrotes Haar leuchtete zauberhaft im Schein der Schreibtischlampe, und ihre Augen schienen fast schwarz.
Ihm war es, als müsse er aufspringen und sie emporziehen an seine Brust, sie inständig bitten:
Sie fragte, und es klang ein wenig scheu:
„Weißt du, ob sich Herr von Stübnitz auch im Trauergefolge befand?"
Er neigte den Kopf.
„Ja, er war auch dabei, und ferne rechte Hand, Doktor Peter Konstantin, ebenfalls;"
Es klang ein wenig scharf. Holm Meerhold merkte: es lag Regina mehr daran, zu wissen, ob Peter Konstantin dabei gewesen sei. Es kränkte ihn. Er
Jobst Freese war in Gerichts- und Anwalts- freifen eine zu bekannte und geachtete Persönlichkeit. Alles, was in den Kreisen Namen hatte und abkommen konnte, war auf dem Friedhof.
Regina schob den mattgoldenen schmalen Reis an ihrer Linken spielerisch hin und her. Ihr.Blick ging dabei ins Leere. Sie saß auf dem Platz, auf dem noch vor kurzem der alte Her gesessen hatte, und
habe'dir viel zu sagen, Holm! Vielleicht ist's auch nicht einmal viel, aber es ist bedeutsam. Sie lächelte leicht, und er beobachtete, wie sich ihr blasses Gesicht wundersam mit lichter Röte färbte.
Du, Holm, ich bin sehr reich geworden! Ich wollte die Erbschaft ausschlagen aber Juftizrat Stein machte mich Darauf aufmerksam, daß 'ch so viel mit Dem Geld anfangen könne, woran ich sonst nicht denken durfte."
^ch°w!ßt°^d°ß her alte -err reich war, aber nicht, daß er so viel Geld besaß.
Sie blickte ihn noch immer nicht an, sprach weiter.
4a Justizrat Ste n machte mich darauf ausmerk- saE d°b 'ch mit dem Geld 1° manches binnen und da faßte ich den Entschluß, Jura zu studieren. Immer ^be ich Neigung dafür geha , eit ich als Maschinenschreiberm m das Notariats büro von Mooshausen gekommen war
- fXffp fi* ihr Blick aus dem Leeren, und Holm Meerhold sah einen beinah verklärten Aus- brüt? auf den schönen Zügen Regmas^ L.ebItat, und weich war das Gesicht des jungen Mädchens.
Sie fuhr fort:
Die Rechtskunde hat es mir feit langem angetan und der Traum, studieren zu dürfen, den für ewig unerfüllbar gehalten hatte, ist letzt ins Bereich "der Möglichkeit geruckt. Ich besuchte nur bis zum fünfzehnten Jahre das Lyzeum; aber
Versuche es, mich lieb zu haben! Aber er blieb sitzen, und so fieberhaft er auch wartete, waren feine Züge doch ruhig, als ginge es nur um Dinge, die nicht besonders lohnten.
Regina fuhr sich leicht mit der Hand über die Stirn. In jeder Frau steckt etwas Eitelkeit, und die ihre hatte durch die Erklärung von dem Freund- fchaftsring einen starken Stoß erhalten. Sie hatte an Holms Liebe geglaubt, mit der er sie schützen wollte, hatte nur deshalb „ja" gesagt, und muhte statt dessen hören, er hatte gar nicht an eine Verlobung gedacht und nur zu einem Irrtum gediegen, um Jobst Freese die Freude nicht zu zer« stören und ihr das Peinliche Der Situation zu ersparen.
Ihr Gesicht entflammte in brennender Scham, und sie senkte die Lider. Wie winzige, dunkle Fächer« chen hoben sich die Wimpern vom Ansatz der zarten Wangen ab.
Holm Meerhold wartete noch immer scheinbar ruhig und fühlte doch seinen Herzschlag so stark, daß er meinte, man müsse ihn hören.
Endlich hob Regina den Blick und gab Antwort:
„Jetzt, wo ich Bescheid weiß, sieht natürlich alles aanz anders aus. Das war wirklich ein törichter Irrtum von mir! Ich verdiene, gründlich ausgelacht zu werden, es ist doch nun fast so, als hätte ich mich Ihnen am Christabend an den Hals geworfen." Ihr Stolz regte sich. „Ich würde auch wohl kaum „ja" gesagt haben, trotzdem ich die Bedeutung des Ringes verwechselte, wenn mir nicht der liebe alte Herr beim Anblick des Ringes gleich so warm zugeredet hätte. Ja, ich liebe Peter Konstantin, obwohl ich weiß, es gibt keinen Weg, der ihn und mich zusammenführen könnte, und Sie möchten ja keine Frau, die das Bild eines anderen im Herzen tragt. Sein Bild aber werde ich immer in meinem Herzen behalten." Fast trotzig betonte sie noch einmal: „Immer!"
Triumphierend klang es, ynd ihr war doch nach allem eher zumute als nach Triumph. Ihr Stolz war tief gebemütigt worden und bäumte sich nun auf; ihr war dabei entsetzlich elend ums Herz, ’oenn gerade erst jetzt war sie sich so recht darüber klar geworden, wie gern sie Holm batte.
Das kleine, zage Hoffen erlosch in ihm wie ein Licht, das ein starker Windstoß trifft. Aber Holm Meerhold hatte auch seinen Stolz.
Er brachte sogar noch ein Lächeln fertig, sagte mit dem Lächeln:
„Da Sie mich schnell wieder steif und förmlich ,<5ie‘ nennen, muß ich das gleiche tun. Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre Offenheit — ein Irrtum ist nun aus der Welt geschafft."
Sie schüttelte lebhaft den Kopf.
(Fortsetzung folgt)


