$>ie echte und die falsche doralies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: FünstTürme-Derlag, Halle (S.)
2 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sie bog den Kopf ein wenig vor und begann gedämpft und eifrig auf die Frau einzureden, die aber schon nach wenigen Sätzen lebhaft abwinkte und trotz der Warnung vorhin ziemlich laut sagte:
„Bitte, hör auf, Doralies — du kannst doch nicht im Ernst daran denken, solchen Unfug in Szene zu setzen. Ich mache sowas auf keinen Fall mit. Also mit meiner Hilfe brauchst du nicht zu rechnen." Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nicht zu glauben, was dir immer für Unfug einfällt."
Doralies zog leicht die Brauen hoch, und das war bei ihr stets ein Zeichen von Unzufriedenheit.
„Hänschen, nimm dich ein bißchen zusammen und höre mich ruhig bis zu Ende an. Mußt nicht so vorschnell urteilen." Sie holte tief Atem. „Also, Henselchen, mach mir keinen Kummer! Du hast mich doch lieb, und ich möchte nicht daran zweifeln müssen. Höre jetzt aufmerkstm weiter zu."
Sie sprach wieder eifrig auf Frau Hensel ein, die sie mehrmals unterbrechen wollte, was ihr aber nicht gelang. So mußte sie Doralies denn reden und sich genau und ausführlich einen Plan erklären lassen, der ihr wie ein toller Karnevalsscherz erschien, und den sie beim besten Willen nicht ernst nehmen konnte.
Endlich war Doralies fertig und blickte nun die Aeltere abwartend an.
Frau Hensel verzog den Mund.
„Etwas Unmöglicheres als das, was du dir ausgeheckt hast, gibt es nicht mehr. Na, ich verbrenne mir nicht die Finger darän, und dir rate ich, nicht weiter darüber nachzudenken." Sie erhob sich. „Und jetzt muß ich in die Küche."
Doralies schnellte wie eine Feder hoch.
„Du bleibst noch, Hänschen, die Geschichte muß doch durchgesproche werden. Und vor allem, sie muß erst mal in deinen Kopf rein. Du sollst mich verstehen, sollst mich begreifen und zugeben: es wird alles gut verlaufen, wenn die paar Beteiligten den Mund halten und frisch und mutig an die Sache Herangehen. Deine Rolle ist außerdem ganz leicht. Biel mehr als den Mund zu halten brauchst du ja nicht." Sie streichelte die Wangen der allzeit Getreuen. „Oder möchtest du mich eine Weile loswerden? Liegt dir daran?"
Sie wußte genau, mit welcher Hingebung die Frau an ihr hing, und war überzeugt, nun hatte sie in ihr eine empfindliche Stelle berührt.
Aber der Erfolg war nicht der erwartete. Frau
Hensel murrte: „Du weißt schon, wie du mich kirre- machen kannst! Aber du hast dich diesmal geirrt, Doralies. So weh es mir auch wäre, wenn du monatelang fort von hier müßtest, lasse ich mich doch nicht auf solchen Schwindel ein. Uebrigens kannst du sicher sein, Regina Graven lacht dich aus und erklärt dich für verrückt, wenn du bei ihr mit deinem Plan rausrückst."
Doralies schüttelte den Kopf.
„Bewahre, mit Gina werde ich bestimmt einig, und mit dir muß ich's auch werden." Sie machte ein paar Schritte dusch das Zimmer, blieb vor der Wirtschafterin stehen; ihre Augen, die eben noch beinah übermütig gefunkelt, hatten mit einem Male einen seltsam tiefen Blick, und die helle Stimme zitterte ein wenig, als sie bekannte: ,Zch will ja nicht aus Trotz hierbleiben, Henselchen, nicht aus Eigensinn oder übertriebener Sentimentalität. So sehr ich an unserem Nest und am Schlößchen hänge, deshalb wäre ich doch ganz gern für ein paar Wintermonate nach Berlin gesockt. Ich hätte mich bei Frau von Stübnitz wahrscheinlich doch bald ganz unmöglich gemacht und wäre dann schnellstens wieder zurückgekommen. Nein, Hänschen, der Hase liegt ganz wo anders im Pfeffer. Und wo, das will ich dir auch anvertrauen." Noch leiser wurde die Stimme. Nur noch wie ein Hauch glitt es in Berta Hensels Ohr: „Lutz kommt bald! In zehn bis zwölf Tagen; feine Mutter hat es mir letzthin erzählt."
„Lutz kommt?" klang es als fragendes Echo zurück.
Doralies nickte eifrig und bestätigte mit jubelndem Unterton in der Stimme und diesmal ganz unvorsichtig laut: „Ja, denk nur, Lutz kommt!"
Einen Augenblick verharrte die Frau schweigend, dann sagte sie zögernd, als geschähe es gegen ihren Willen, als handle sie unter einem Zwange: „Ja, wenn L.tz kommt, ist das natürlich was anderes."
Doralies atmete sehr laut und befriedigt auf.
„Ich wußte ja, daß du mich verstehen würdest." Sie sahen sich beide an und lächelten.
Berta Hensel wurde gleich wieder ernst: „Trotzdem, Doralies — es geht nicht, ich kann nicht mithelfen."
Doralies hatte plötzlich Tränen in den Augen, und langsam liefen die ersten glitzernden Tropfen die weichen Wangen hinunter. Ein Anblick, der Frau Hensel durch und durch ging. Doch blieb sie äußerlich noch fest, innerlich hatte sie. schon nachgegeben.
Doralies schluchzte auf: „Wenn ich Lutz nicht sehen soll, stelle ich irgend was ganz Schlimmes an, und du wirst dann deine Dickköpfigkeit schwer bereuen. Ich muß Lutz sehen; ein ganzes Jahr war er weg, da drüben in Indien beim Brückenbau, und nun hat er drei Monate frei. Und als er wegging, hat er gesagt: ,Wenn ich wiederkommen werde, will ich dir's genau sagen, wie gut ich dir bin — jetzt bist du noch zu jung für die Liebe/ Und —
dann — hat er mich — aeküßt, Hänschen — und dann ist er fortgelaufen, so schnell, als ob er verfolgt würde. In unserem Park war es, ganz hinten an der Mauer, und der Sommer ging zu Ende. Lutz sprang über die Mauer, ich habe Ihn dann nicht mehr gesehen; er reifte noch am selben Abend ab. Seine Mutter hat mir seither oft Grüße von ihm bestellt, ich aber warte seitdem. Jeden Abend, ehe ich schlafen gehe, bete ich für ihn, damit ihm nichts Böses zustößt so weit da drüben, wo's so heiß ist und wo es Fiebersümpfe gibt und giftige Schlangen."
Während sie sprach, rannen ihr langsam, aber unaufhörlich dicke Tränen über das Gesicht, das einen beinah verklärten Ausdruck trug. Leise bat sie:
„Hilf mir hierzubleiben, Hänschen. Die ganze Zeit, länger als ein Jahr, habe ich auf das Wiedersehen mit Lutz gewartet und mich mehr darauf gefreut als ein Kind auf Weihnachten. Und nun soll mir die große Freude zerstört werden, mir und ihm auch." Sie schluckte. „Er muß noch einmal fort, so sehr weit fort, und wenn wir uns vorher nicht sähen, wäre es doch entsetzlich traurig."
Frau - Hensel hatte jetzt auch Tränen in den Augen. Den Jammer ihres Lieblings konnte sie nicht länger mit ansehen. Sie legte ihre Hand auf den Arm, tröstete:
„Laß gut fein, Kind! Es wird sich vielleicht doch machen lassen, wie du meinst. Aber ich muß deine Idee erst ein bißchen verarbeiten; mein alter Kopf braucht Zeit dazu." Sie holte ein neues blüten- , weißes Taschentuch hervor und fuhr ihrem Liebling ! damit sanft über das Gesicht. „Weine nicht mehr, ' Doralies, ich verstehe dich — und-wenn dich Regina Graven auch so versteht, ist alles in bester Ordnung. . Auf mich kannst du dich verlassen, von mir erfährt ' keiner etwas."
i Sie faßen dann beisammen und flüsterten, ' trennten sich wie zwei richtige Verschworene. Frau Berta Hensel schlich sich über die Hintertreppe in die Küche hinunter, während Doralies, laut und vergnügt pfeifend, die Vordertreppe benützte. Sie lief unten ihrem Vater in den Weg. Er lächelte: „Jetzt bist du schon wieder quietschvergnügt? Also hast du dich mit der Reise abgefunden — nicht wahr?"
Sie lachte: „Zu Befehl, Vati — mit der Reife habe ich mich abgefunden."
Er nickte: „Dann sind wir ja wieder einmal einig."
*
So leicht, wie es sich Doralies vorgestellt, wurde sie mit Regina Graven nicht ssinig.
Regina wohnte bei einer Beamtenwitwe. Die Möbel ihrer Eltern hatte ihr Vormund, ein sehr nüchtern denkender Handwerksmeister, Stück für Stück damals verkauft, als ihr Vater gestorben und man ihm und feiner Frau das Mädchen zur weiteren Erziehung anvertraut. Als Regina im Frühjahr mündig geworden, mietete sie sich sofort, nach friedlicher Auseinandersetzung mit ihren Pflege
ellern, das Zimmerchen. Mit dem Vormund und feiner Frau hatte sie kein warmes Gefühl verbunden. Beide waren kaltherzige Pflichtenmenschen, die kein Herz zu verschenken hatten. Seit beide wußten, daß Regina ihre Stellung verloren hatte, beschrieben sie bei zufälligem Zusammentreffen einen weiten Bogen um sie herum, weil sie fürchteten, um Hilfe angesprochen zu werden: Als Regina das merkte, ging sie ihnen freiwillig aus dem Wege.
Frau Fredorf, bei der sie wohnte, hatte feit kurzem ebenfalls einen mißtrauischen Blick, als fürchtete sie, ihre Miete nicht mehr pünktlich zu bekommen. Auch fühlte sich Regina gekrankt und gedemütigt von dem manchmal recht überlegenen Ton der auf ihrer kleinen Pension sicher ausruhenden Frau. Sie überlegte ernstlich eine lieber» fieblung in ein anderes Zimmer, doch hatte sie sich noch nicht entschließen können. Sie mußte sehr haushalten mit dem Rest ihres Spargeldes, und vielleicht fand sie kein fo billiges Zimmer mehr.
Nun faß Doralies neben ihr auf dem altmodischen Ledersofa, dessen Bezug mit weißen Knöpfen befestigt war, die sich, wenn man sich anlehnte, unangenehm in den Hinterkopf drückten.
Regina sagte wie abschließend: „Es geht nicht, Doralies — beim besten Willen, es geht nicht, so sehr mich ein mehrmonatiger Aufenthalt in Berlin auch locken könnte. Noch dazu im Hause eines so berühmten Anwalts, wie Stübnitz einer ist. Du weißt, ich hab juristische Neigungen, und wenn ich gekonnt hätte, würde ich Jura studiert haben. Wollen das Thema lassen, Doralies, und von anderen Dingen reden."
Doralies kniff die Aeltere fest in den Arm, nickte befriedigt, als diese laut aufschrie.
„So, mein Herz, das für deins Störrigkeit! Bist ja dumm, Gina, feige und wenig freundschaftlich, wenn du bei deinem Nein bleibst. Stelle dir das doch erst mal richtig vor! Erstens riskierst du vorläufig gar nichts. Was nachläufig passiert, darüber sollten wir uns beide nicht den Kopf zerbrechen. Du bist stellungslos, fitzt in der kleinen Bude hier bei einer unfreundlichen Wirtin und zerbrichst dir den Kopf, was weiter mit dir geschehen soll. Ich werde schon alles so deichseln, daß keiner was davon merkt, daß du für mich als Doralies Wolfram in Berlin auftrittft —- und später..Sie züchte die Achseln. „Du bist dann aber wenigstens in Berlin, wo du gern hinmöchtest, und kannst dich umschauen, kannst an deine Zukunft denken. Wie ich dir vorhin alles aussinanderseßte, geht die S^che glatt." Sie umarmte Regina, küßte sie stürmisch. „Mein Leben lang werde ich dir den Dienst danken, und wenn später alles herauskommt, lachen Vater und Frau von Stübnitz auch. Denke doch zunächst nicht weiter als deine Nase lang ist. Lutz und ich müllen uns wiedersehen." Sie schluchzte: ..Wenn du mir nicht hilsit, gibt’s irgendein Unalück. Dann bereust du, daß du so bockig gewesen bist."
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