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Nr. 225 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien) Mittwoch, 26. September 1934

Aus der Provinzialhauptstadt.

Einiges von der ersten Hilfe.

Von Dr. meb. von der Heyden.

In vielen Fällen weiß man sich bei der ersten Hilfeleistung nicht recht der Erfordernissen anzu­passen, oder es werden sogar unzweckmäßige Maß. nahmen getroffen. Zur Belehrung für alle mögen die folgenden knapp gefaßten Richtlinien für die erste Hilfeleistung bei den häufigsten Unglücksfällen

i^o d) e n b r u d): Bis der Arzt kommt, das verletzte Bein möglichst nicht bewegen, wegen der Gefahr des Eindringens von Splittern ins Fleisch. Beim Transport Schienen anlegen, die auf dem Felde oder im Walde mit Gras, Moos, Heu oder Tücher gepolstert sind, und die beiden, dem Bruch benachbarten Gelenke mit umfassen. Zuvor Klei­dungsstücke evtl, durch Ausschneiden vorsichtig ent­fernen, ehe das Glied anschwillt. Keine Einrichtungs­versuche machen, das ist nur Sache des Arztes.

Blutstillung bei schweren Wunden: Kommt das Blut stoßweise aus der Wunde, so be­steht Lebensgefahr, weil es infolge Verletzung einer Schlagader zur Verblutung kommen kann. Bis der sofort zu rufende Arzt da ist, muß beherzt selbst gehandelt werden. Mit einem gewickelten Tuch oder Schal, Gummihofenträger ufw. schnürt man, falls Druckverbände (zwei bis drei übereinander) nichts mehr nützen, die Schlagader zwischen der Wunde und dem Herzen so stark ab, bis kein Blut mehr fließt. Hierbei bedient man sich eines Stückchen Holzes, eines Schlüssels oder dergleichen, um mit Hilfe eines Knebels die Abschnürung gründlich durchführen zu können. Länger als zwei Stunden sollte die Abschnürung jedoch nicht dauern, da sonst das Glied absterben kann. Wunden mit den Fingern oder Gegenständen nicht berühren und auch nicht mit Wasser auswaschen.

Falsch gehandelt wird sehr oft bei BrandUn­fällen. Wenn ich einen Menschen, dessen Kleider Feuer gefangen, retten will, so werfe ich Säcke oder Decken, Gras usw. über ihn, um die Flammen zu ersticken. Niemals laufe der Verunglückte davon, sondern wälze sich am Boden. Brandwunden nie­mals mit kaltem Wasser oder Karbol behandeln, sondern Wismuth oder Vasenolbrandbinde auf­legen. Andernfalls Brandwunde mit Mehl be­streuen oder trockenen Verband anlegen. Bei Ver­brennungen ohne Wundbildung kann« zur Schmerz­linderung Fett genommen werden. Streng darauf achten, daß die Wunde nicht verunreinigt wird; miteingebrannte Stoffreste bis zur Ankunft des Arztes an der Wunde kaffen; keine Blase auf­stechen!

Bei Ohnmacht (blasse Gesichtsfarbe) find zu­nächst alle beenaenden Kleider zu lockern und Ge­sicht und Oberkörper mit kaltem Wasser g.u be­sprengen, Kopf tief legen; dann mit künstlicher Atmung beginnen, die dadurch erreicht wird, daß man zunächst die Zunge des Ohnmächtigen heraus­nimmt, sie mit einem Taschentuch am Kinn be­festigt und dann die Arme des Verunglückten mehr­mals seitwärts bis über den' Kopf und zurück an die Brust führt, diese jeweils seitlich zusammen- pressend. Beine und Unterkörper sollten gleichzeitig von einer zweiten Person gerieben und geknetet werden. Die künstliche Atmung führt, wenn auch oft erst nach Stunden, meistens zum Erfolg. Bei Bewußtlosigkeit nach Schlaganfall oder inneren Erkrankungen (rote Gesichtsfarbe) darf keine künstliche Atmung vorgenommen werden. Bei Be­wußtlosigkeit infolge Sonnenstichs, Vergiftung, Er­trinkens,'Erfrierens, innerer Verletzung durch Sturz, Schlag und Ouetfchung, Blitzschlag, muß stets auf schnellstem Wege der Arzt hinzugezogen werden, da in solchen schweren Fällen eine einzige Minute Versäumnis zur Katastrophe führen kann.

Tageskalender für Mittwoch: NS.-Hago, Deutsche Arbeitsfront, Kreisbetriebs­gemeinschaft Handel 17, Fachgruppe Gaststätten­gewerbe, 15 Uhr, Cafe Leib, Kundgebung des ge­

samten Gaststättengewerbes für den Kreis Gießen. Caf6 Leib, 20.15 Uhr, Vortrag vor Stürmen der aktiven SA. überBodenrecht und Bodenunrecht" (Referent Bürgermeister Dr. Ham m). Lichtspiel­haus, Bahnhofstraße:Charleys Tante".

3d?.. -

Jahrzehntelang stellte das liberalistische Denken den Individualismus an die Spitze alles Geschehens, bis kurz vor der Machtergreifung des National­sozialismus der Anspruch des Einzelwesens Formen angenommen hatte, die den Bestand des Volkes und seine Zukunft auf das Aeußerfte gefährdeten.

Nationalsozialistisches Denken stellte an die Stelle des eigenenJch's" die ewige Urkraft des Gemein­schaftsgedankens als Grundlage des volklichen Lebens.Du bist nichts, Dein Volk aber alles!" wurde zur Grundlage eines neuen Denkens und Fühlens, in dem das eigene Ich nur insoweit Da­seinsberechtigung hat, als es in der Verpflichtung lebt, das Beste, dessen der Mensch fähig ist, her- zugeben für die Gemeinschaft, für das ganze Volk.

Die Fliegerei kannte von ihren Anfängen an nie­mals das eigeneIch" als das Erste und Bestim­mende. Deshalb bedeutet ihre Werbung um Dich, deutscher Dolksgenosse, nichts anderes, als auch Dich zum Träger ihres Denkens zu machen, eben weil Dein Volk eine starke Fliegerei braucht.

Denke daran, wenn Du Dir sagen müßtest, daß Du versagt hättest, als man Dich brauchte, weil

DeinIch" Ansprüche für sich erhob und dabei nicht an Dein Volk dachtet Deshalb heißt es für Dich: 3 ch werde Mitglied im Deutschen Luft­sport-Verband.

Anmeldungen bet Flieger - Ortsgruppe Gießen. (Kreisamt), Fernruf 2951/2952.

NSDAP. - Amt für Volkswohlfahrt.

Kreisamtsleitung Gießen.

An sämtliche

Ortsgruppen-, Stützpunkte-, Zellen- und Blockamts­leiter der NS.-Volkswohlfahrt des Kreises Gießen.

Wir machen hiermit auf die am Donnerstag, 2 7. September 1934, abends 8 Uhr im Lase Leib, Gießen, Walltorstraße 24, stattfindende Besprechung über die Vorbereitung des kommenden WHW. aufmerksam. Die Ortsgruppen- und Stütz­punktamtsleiter, welche die Antragsformulare, so­wie die Karteikarten bis jetzt erhalten haben, wollen je ein Muster davon mitbringen.

Erscheinen ist Pflicht.

Heil Hitler!

Gez.: K l ö ß , Kreisamtsleiter.

F. d. R.: W. H a i n b a ch , stellv. Kreisamtsleiter.

NG. Bund deutscher Technik.

Mitglieder-Dersammlung am Donnerstag, 27. Sep­tember, 20.30 Uhr, im Cafe Ebel, Gießen, Burg­graben. Tagesordnung: Tätigkeit des NSBDT. im Winter 1934/35; Verschiedenes. Gäste sind will­kommen.

NS.-Schtvesternschast, Ortsgr. Gießen.

Freitag, 28. September 1934, nachmittags 5 Uhr, Zusammenkunft Seltersweg 64 p. Erscheinen un­bedingte Pflicht. gez. Ruth Niemann.

Aus parteiamtlichenBekanntmachungen

Die NS.-Frauenschaft Gießen-Süd hält ihren nächsten Ortsgruppenabend am morgigen Donnerstag, 27. September, 20.15 Uhr, imBürger­hof", Plockftraße 4, ab.

Mitglieder der HI. oder der Partei, die vor dem 2.Oktober 1932 in die HI. eingetreten find, ihr oder der Partei seitdem ununterbrochen angehören, und die das Ehrenabzeichen der HI. erlangen möchten, haben sich sofort bei der Bannführung der HI. Gießen, Jugendherberge im Asterweg, zu melden. Eintrittsbescheinigung ober Mitgliedskarte der HI. und Parteiausweis find mit­zubringen. Meldeftunden hierfür Dienstag- und Donnerstagabend von 8.30 bis 10 Uhr.

Verleihung der Ehrenkreuze kostenfrei.

DNB. Um Irrtümern entgegenzutreten, weist das Reichsministerium des Innern darauf hin, daß die Verleihung des Ehrenkreuzes des Weltkrieges für den Antragsteller mit keinerlei Kosten verbunden ist.

Sowohl die Antragsvordrucke, wie die Ehrenkreuze und Besitzzeugnisse werden unentgeltlich.ausgehän­digt. Auch etwaige mit der Verleihung zusammen­hängende Verhandlungen, Urkunden und Beschei­nigungen sind gebühren- und stempelfrei.

Die Auswirkung des Amnestiegefehes im Landgerichtsbezirk Oberheffen.

Von der Justizpressestelle Gießen des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen hären wir auf unsere Anfrage über die Auswirkung des Amnestiegesetzes folgendes:

Auf Grund des Straffreiheitsgesetzes vom 7. Aug. laufenden Jahres find seither insgesamt 7 3 4 8 Personen im Landgerichtsbezirk Oberhessen amnestiert worden. Es handelt sich dabei in 4599 Fällen um Erlaß bereits rechtskräftig er­kannter Strafen und Reststrafen. In den übrigen 2749 Fällen handelt es sich um Verfahren, die noch bei den Gerichten, der Staatsanwaltschaft und den Amtsanwälten der Provinz Oberheffen anhängig waren und die nunmehr eingestellt wurden. Eine wesentliche Erhöhung dieser Zahlen dürfte nicht zu erwarten fein.

Nach den vorläufigen Erhebungen, die allerdings noch nicht völlig abgeschlossen sind, beträgt die Zahl der A m n e st i e r u n g e n in der Provinz Star« kenburg: Bei rechtskräftig Verurteilten durch Straferlaß 11431 unpolitische und 104 politische, durch Niederschlagung noch schwebender Verfahren 2618 unpolitische und 131 politische.

Kunstflug-Weltmeister Fieseler fliegt in Gießen.

Wie wir zuverlässig erfahren, wird der bekannte Weltmeister im Kunstflug Fliegerkapitän Gerhard Fi e feier am 7. Oktober bei einem Groß« Flugtag im Gießener Flughafen feine sensationelle Flugkunst, die ihn weltberühmt gemacht hat, zeigen. Es handelt sich bei dieser Veranjtaltung um ein flugsportliches Ereignis ersten Ranges, das bisher in unserer engeren Heimat ohne jeden Vor­läufer gleicher ober ähnlicher Art war. Wie Welt­meister Fieseler in ben Großstäbten Deutschlanbs unb bes Auslanbes burch seine einzigartige Flug­kunst stets größte Begeisterung erweckt hat, so wird ihm zweifellos auch in Gießen bie gespannteste Auf­merksamkeit und die uneingeschränkteste Anerken­nung der Bevölkerung von Gießen und Oberhessen sicher sein handelt es sich doch bei ihm um einen der größten Pioniere und Wegbereiter des deutschen Flugsports.

Der Jagdhaus-Einbruch bei Engelrod

In Ergänzung zu unserem gestrigen Bericht aus Engelrod (Kreis Lauterbach) über einen Einbruch in ein Jagdhaus bei Engelrod geben wir noch fol­gendem Bericht der Kriminalpolizeistelle Gießen Raum:

Am 24. September 1934 wurde der Kriminal- Polizeistelle Gießen ein Einbruch in ein dem Zahn­arzt Dr. Riechelmann aus Frankfurt a. M. gehöriges Jagdhaus im Walde bei Engel­rod (Kreis Lauterbach) durch die zuständige Gen­darmerie gemeldet. Da dieses bereits der dritte Einbruch innerhalb der letzten drei Jahre ist, wur­den die Ermittlungen sofort in eingehender Weise ausgenommen. Die Feststellungen am Tatort er­gaben, daß der Einbruch etwa zehn Tage zurück­liegt und nach den benutzten- und Trinkgeräten, sowie den entleerten Wein- und Bierflaschen min­destens drei Täter am Werke gewesen fein müssen. Wie in den früheren Fällen, so hatten die Täter auch diesmal in unmenschlicher Weise gehaust. Da das Haus infolge der früheren Einbrüche bestmög­lichst verschlossen und durch Selbstschüsse gesichert war, müssen die Täter längere Zeit angestrengt gearbeitet haben, bis sie endlich durch das innen mit einem schweren Eisengitter gesicherte Keller­fenster in das Anwesen gelangen konnten. Beim Oeffnen eines Küchenschrankes ging einer der ge­legten Selbstschüsse los, wobei einer der Täter nach den vorgefundenen Geschoßeinschlägen getroffen fein muß. Nachdem die Täter alle Räume des Hauses durchstöbert und sich an den vorgefundenen Lebens­und Genußmitteln in reichlichem Maße gütlich ge­tan hatten, verließen sie unter Mitnahme einer An­zahl Kleidungsstücke und etwa 30 Flaschen Wein bas Haus. Die Ermittlungen nach den Tätern wer­den eifrig fortgesetzt.

Hauptjagdschießen des Hubertus, Verein weidgerechter Jäger, Gießen.

Am Sonntag fand das Hauptjagbschießen des Hubertus, Verein weidgerechter Jäger, Gießen, auf den eigenen Ständen statt. Wie alljährlich wurde auf Rehbock, laufenden Keiler, Tontauben und Kipp­hase geschossen. Für jedes Schießen waren drei Preise in Form von Bechern ausgesetzt. Die zu­sammengezählten Resultate von Rehbock und Keiler ergaben den Kugelmeister, bie von Tontauben und Kipphasen den Schrotmeister, das Gesamtresultat aller den Gesamtmeister des Jahres. Außerdem wurde eine Ehrenscheibe, gestiftet von Dr. Ham­me r m a n n , dem Sieger des vorigen Jahres, und ein vom Schützenverein Gießen e. V. gestifteter Wanderpreis ausgeschossen. Die Resultate sind fol­gende:

Rehbock: 1. Dr. Maier-Barkhausen; 2. Dr. van Bentheim; 3. Groß.

(Stint Seine SieSveiSein

Unter diesem Titel beginnt am Freitag der Abdruck eines neuen großen Nomans von Gert Nothberg. Damit bietet sich ein günstigerZeitpunkt zur Bestellung desGießenerAnzeigersvomck.Oktoberan.DerMonats- bezugspreis beträgt NM.ck.80, der Trägerlohn 25 Pf.

Wie wandert der Herbst in Deutschland ein?

13on Dr. X France

Während jedermann auf feine Weise Kenntnisse hat über den Weg des Frühlings, ist man um so undankbarer dem Herbst gegenüber, obwohl er weder an klimatischen Vorzügen noch an Schönheit dem Lenz nachsteht. Vergleicht man das Klima der zwei Frühlingsmonate Februar und März mit dem der Spätherbstwochen Oktober und November, so ist der Vorteil auf der Herbstfeite, sowohl was Tempe­ratur wie Zahl der Regen- und Schneetage betrifft.

Die Schönheit der herbstbunten Landschaft zu schildern, hieße Eulen nach Athen tragen. Nur sind darin die deutschen Lande sehr verschieden begün­stigt. Während bas ganze Feuerwerk im Osten schon gegen ben Beginn Der Novembertage ausgebrannt und herkömmlicherweise am 5. November berJ~aubs fall beendet ist, verzögert sich das gegen den Westen und Süden zu. Im sonnigen Rheintal und Schwa­ben ist in der ersten Novemberhälfte, wenn auch bunt, so doch das Laub im ganzen noch auf den Bäumen; und im österreichischen Donautal oder m Graz ist erst Nooemberende die Woche der fallenden Blätter. . .

DasGroße Sterben" schreitet langsam und braucht über vier Wochen. Aber dieses große Ster­ben, das der Dichtkunst so viel Anlaß gegeben hat zur elegischen Stimmung, sieht dem Naturkundigen ganz anders aus als dem Aestheten, wenn auch er zunächst bejahen muß, daß Sommerende auch wirk­lich ein Lebensende für das meiste ist, was m Wald und Flur keucht und fleucht.

Es gibt in jedem Jahr einen herzerschütternden Morgen, voll von einer unsagbar traurigen und feierlichen Stimmung, so recht geeignet zum Toten­sonntag, in dem Natur- und Menschengemut in einem ergreifenden Akkord zusammenklingen. An einem gläsern blaßgelben Himmel geht aus Silber- bunft eine weißglühende Sonnenscheibe auf, u.w weißblinkendes Silber ist auf allen Wiesen gestreut. Hart klingen die Wege; und in einen kalten, noch ungewohnten Glanz ist die ganze Landschaft ge­taucht. Es war die Nacht des ersten scharfen Frostes.

Wir gehen in den Garten. Er sieht aus wie ein Schlachtfeld. Die Kapuzinerkressen sind mitten »m blühenden Leben, voll Knospen und halbgeöffneten Blüten, wie vom Blitz getroffen. Kraftlos liegen sie am Boden; die beinhart gefrorenen Stiele sind mit blitzenden Reifkristallen besetzt. Rosenknospen am

Svalier und Stock entblättern müde, bevor sie sich öffnen; die Dahlien lassen das Laub hängen, und mit einer Gebärde der Ergebung geht gerade an einem solchen Frostvormittag, an dem die Sonne trotz der nahen Mittagsstunde ganz kraftlos scheint, ein reicher Regen fallender Blätter rtieber.

Ein solcher blanker Trostmorgen scheint wirklich Totensonntag zu sein für die große Heerschar der Kleintiere, die Garten und Wald so anziehend den ganzen Sommer über belebt haben. Das Summen der Fliegen ist verstummt; wie ausgetilgt ist alles Leben über den sonst falterbelebten Beeten, er­froren und verwelkt, steif und tot steht die Wiese da.

Da liegt kraftlos ein Weißling auf dem Boden mit verkrampften Beinen, eine letzte Wespe sucht Schutz hinter dem Fenster. Aber auch ihre Stunde hat geschlagen: nur noch matt fliegt sie, dann legt auch sie mit einer rührenden Geste müder Ent­sagung sich zur Ruhe, krümmt sich ein und zuckt nicht mehr. Sterbendes Laub sterbende Natur sterbendes Leben.

Ein Frösteln dunkler Gedanken geht durch unsere Seele. Unbegreiflich grausame Natur, die das so eingerichtet hat, so viel Zurüstungen und Pracht aufgerichtet in jedem Lenz, um alles vorzeitig, mitten im Leben, wieder zu fällen. Ist das nicht Verschwendung, sinnlos, wider ben Geist ber Natur? Ist bas mit göttlicher Drbnung bes Seins vereinbar?

Aber solche Rebellion des Empfindens wäre nur ein Beweis, daß man die wirkliche Natur und ihre Einrichtung nicht genügend kennt. Nur die Ober­fläche des Herbstes täuscht den Tod vor; tiefer dringendes Wissen erkennt in ihm nur neue Ver­wandlungen eines ewigen und nimmer ruhenden Lebens. Sogar das große Sterben der Tierwelt hält vor dem gründlichen Studium nicht stand. Auf einen, der in der Frostnacht tödlich erstarrte, kom­men zehn und hundert, die sich rechtzeitig gesichert und verkrochen haben und den Winter geschützt ver­bringen werden wie wir. Ameisen, Bienen, Käfer, Raupen, Spinnen von den noch kleineren Tieren gar nicht zu reden; sie haben rechtzeitig Winter­guartiere ausgesucht. Sie ruhen im Winter, aber sie sterben nicht. Das Moos mit seinen dunklen Hallen und vielen Schlupfwinkeln ist die große Wärmestube; die Baumrinden mit ihren Rissen geben die herrlichsten Wandelhallen; die Laubecke der gefallenen Blätter, der Schnee selbst, deckt die Ruhenden weich und warm zu; und nicht wenige haben dazu sogar noch Vorräte eingetragen.

Ganz besonders häufig aber ist eine Lebensein­richtung, die das hundert oder hundertfünfzig Tage

lang währende Leben auf die Zeit zwischen Mai und September verlegt und die noch schönen Tage des Frühherbstes schon im Stadium der auskrie­chenden Larve verbringt, so daß Frost und Schnee der ohnedies schlafenden Puppe nichts anhaben können. Die im November todesmatten Tiere sind nur im Einklang mit dem Rad der Natur. Sie sind um diese Zeit ausgelebt und würden auch sterben, gäbe es keinen Winter.

Nicht wenige Insekten haben sich an die Winter- umbill trefflich angepaßt: Die Frostspanner und Wintermücken fliegen gerade dann, die kleinen schwarzen Springschwänze Hüpfen auf dem Schnee, und viele Raupen können sich gar nicht weiter­entwickeln, wenn sie nicht eine Zeitlang stocksteif durchfroren sind. Sogar Schnecken gibt es, die ohne Eis nicht fein können.

Für die Pflanzen aber bedeutet das Herbst­werden nicht im mindesten Tod, nicht einmal immer Ruhe, sondern nur Verwandlung. Für viele sogar ben eigentlichen Frühling ihres Lebens. Man ver- roenbe nur einen Spätherbst- ober Winterfpazier- gang barauf, zu beobachten, wie freubig ba in ber nassen Kälte bie Welt ber Flechten und Moose aufsprießt. Jetzt kommt ihre Zeit; der trockene Sommer war nicht ihr Freund, von Weihnachten ab werden sie Hochzeit feiern und mit dem Mai zur Sommerruhe zurückkehren. Nicht unähnlich halten es viele Pilze. Nur haben die großen Hüte diesen Lebensrythmus etwas vordatiert. September bis November ist ihre Zeit; aber auch die wachsen unterirdisch am besten im Winter und sehen im Sommer eine langweilige trockene Jahreszeit.

Und Busch und Baum sind während ber Wochen bes vermeintlichen Wintersterbens in vollster Tätig­keit. Nicht weniger geschäftig als bie Hausfrauen auf bem ßanbe, bie bie Wintervorräte speichern I müssen. Seht euch im Walb ber fallenben Blätter nur genau bie Zweige an: überall sitzt ab Novem­ber schon bie kleine Knospe bereit, bie auf ben kom- menben Lenz wartet, oft genug, bei Hasel, Birke, Erle sogar schon bie Blüte bes nächsten Jahres, wenn auch noch vermummt unb wohlverpackt.

Auch das Gekräut und die Blumenschar stirbt nicht, ruht nicht einmal im Herbst, noch weniger im Winter. Sie alle haben jetzt nur anderes zu tun als zu blühen. Sie müssen Inventur machen und die nächsten Blüten vorbereiten; und das ge­schieht durchweg unterirdisch; in Sprossen, Knollen, Wurzelstöcken und Zwiebeln. Schneeglöckchen und Primel, Märzblume und Veilchen könnten nicht schon in günstigen Jahren von Weihnachten ab, oft durch den Schnee, mit Blüten brechen, wenn sie

das Vierteljahr vorher nicht alles zubereitet und unterirdisch vorgearbeitet hätten.

Auch der Laubfall selbst ist vorgesehen im Haus­halt der Bäume und Sträucher; der Frost tötet da nichts, sondern er ist notwendig, um die aus­gebrauchten Blätter herabzuholen. Ein wunderbares inneres Geschehen und Sprießen hebt da im ver­borgensten Teil aller Bäume, gerade in den Tagen, da die Menschen so lange glaubten, die Natur er­starre nun im Todesschlaf. Kein Frühlingswerden wäre möglich ohne diese drei Monate innerer Arbeit, die schon beginnt, solange der Wald noch sommerlich grün sich der Septembersonne erfreut, und erst endet an dem Tag, da die Sonnenwende der Weihnachtszeit dem Kundigen sagt: Alles ist bereit zur Neugeburt.

Walfische an der Niviera.

An der italienischen Riviera sind kürzlich einige merkwürdige Badegäste aufgetaucht, unb zwar auf- getaucht im wörtlichen Sinne. Es hanbelte sich um einige Walfische, bie längs ber italienischen Küste von Messina nach Genua unb bis zur Riviera heraufkamen unb überall, wo sie gesichtet würben, keinen geringen Schrecken unter ben Fischern und den Badenden hervorriefen. Zwei Wale kamen so nahe an den kleinen Hafen von Portofino heran, daß ein kleiner Junge, der dort in einem Ruder­boot sich vergnügte, durch die jählings auftauchenden Riefenleiber fast zum Kentern gebracht worden wäre. Da auch aus Follonica und Spezia einige Tage zuvor zwei Wale beobachtet wurden, so darf angenommen werden, daß es sich um dieselben Tiere handelt. Fischer nahmen sofort die Verfol­gung der Tiere auf, ohne sie erreichen zu können. Nach ihren Berichten waren die Walfische mehr als 25 Meter lang und die von ihnen ausgestoßene Luft, die sich in kalter Luft zu Dampf verwandelt und so die Annahme erweckt, die Wale spritzten aus den Nasenlöchern Wasser aus, waren ein un­gewohnter Anblick für die Badegäste.

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Professor Dr. Victor Schilling, Direktor der IV. Medizinischen Universitätsklinik in Berlin, der kürzlich als Gutachter für die Krebsforschungen Dr. von Brehmers herangezogen wurde, hat einen Ruf auf den Lehrstuhl für Innere Medizin an ber Universität fünfter angenommen.