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Nr. 172 Erster Blatt

184. Jahrgang

Donnerstag, 26. Juli 1934

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Volksaufstand in Wien.

Ungeklärte Lage in Wien und in der Provinz.

Berlin, 26. Juli (ORB.). Oer gestrige Tag hat für das österreichische Volk Ereignisse von größter poetischer Bedeutung gebracht, die in ihrer Folge noch durchaus unabsehbar sind. Oer österreichische Bundeskanzler Engerbert Oollfuß, der tragende Kopf des (Systems, ist das Opfer eines Volksaufstandes geworden. Er ist nach Mitteilungen, die der österreichische Minister Gchuschnigg am Radio gab, den Verletzungen erlegen, die er am Nachmittag im Bundeskanzleramt erlitten hatte. «Soweit sich die Ereignisse bisher übersehen lassen, wurde das Bundeskanzleramt am Ballhausplatz in Wien gegen 13 W von bewaffneten Formationen besetzt. Hierbei wurde Or. Oollfuß verwundet. Nach dem Tode Or. Oollfuß' trat die Besatzung des Bundeskanzler­amtes mit den Mitgliedern des früheren Kabinetts Oollfuß in Llnterhandlungen, wobei es zu der Abmachung kam, das Bundeskanzleramt wieder freizugeben, wofür der Besatzung freies Geleit an die Grenze zugesichert wurde.

Mysteriöse Vorgänge im Bundeskanzleramt.

Wien, 25. Juli. (DNB.) Aus dem Balkon des Bundeskanzleramts erschien im Laufe des Nach­mittags mehrmals Minister Fey, bewacht von einem Mann in kaiserjägeruniform und anderen Soldaten. Er forderte den h ö ch st komman­dierenden der auf dem Platz stehenden Sicherheitsformationen auf, hinaufzu­kommen. Dann zog er diesen Auftrag wie­der zurück und erteilte später wieder den­selben Befehl, in das Bundeskanzleramt zu kommen. Darauf begaben sich der Stabschef der heimwehr, Boden st edt, Sicherheits­inspektor Eibl und ein Heimwehrmann namens Priner in das Bundeskanzleramt.

Nach Meldungen von Personen, die ein Telephon­gespräch des Sicherheitsinspektors Eibl mitange­hört haben wollen, soll Minister Fey mitgeteilt habe?«, Bundeskanzler Dr. D o l l f u ß sei sehr schwer verletzt. Er sei zurückgetreten. Gleichzeitig bat der bisherige Minister Fey um einen Priester, der Dr. Dollfuß die Sterbe­sakramente geben soll.

Die Haltung der um das Regierungsviertel zu­sammengeballten V o l k s m a s s e n wird immer drohender gegen die heim wehr: man befürchtet bei anbrechender Dunkelheit schwere Zu­sammenstöße.

Der militärische Leiter der Wiener h e i m w e h r, Major Baar, teilt mit, daß die umliegenden Häuser des Bundes­kanzleramts von Heimwehrleuten be­seht und in Verteidigungszustand ge­bracht worden sind. 3m Hof des Bundeskanzler­amts sind etwa 15 0 vom Volk verhaftete Beamte versammelt und befinden sich in stren­gem Gewahrsam.

Wie soeben bekannt wird, sind im Bundeskanzler­amt neben dem schwerverletzten Dr. Dollfuß, dem Sicherheitsminisler Fey, Staatssekretär karwinsky auch eine ganze Anzahl hö­herer Heimwehrfunktionäre feftge- halten, die beim Volk im Rufe besonderer Bru­talität stehen.

Krach im Ministerrat Verhaftung gegenseitig angcdroht. Ersotg- reicher Handstreich auf den Wiener Sender.

Wien, 25. Juli. (DNB.) Nach Mitteilung von verläßlich anzusehender Seite werden Bundeskanz­ler Dr. Do l l f u ß , der Generalstaatskommissar für Sicherheit Fey und der Sicherheitskommissar K a r w i n s k'y im Gebäude des Bundeskanzler­amtes f e st g e h a l t e n. Bei diesen Vorgängen soll geschossen worden sein. Darüber, von welcher Seite die Aktion unternommen worden ist, herrscht noch Ungewißheit. Man spricht davon, daß Angehörige des Bundesheeres dabei eine führende Rolle spielen. Wie man andererseits hört, soll es im M i n i st e r r a t, der gegen 11 Uhr begann, zu schweren Zusammen flößen zwischen Dollfuß und F e y gekommen sein, die sich gegenseitig mit Verhaftung be­droht hätten. Zu dieser Zeit hätte eine Heim­wehrkompanie das Gebäude besetzt und die Tore geschlossen, so daß man näheres aus dem Bundeskanzleramt nicht erfahren könne, zumal auch die telephonischen Verbindungen dorthin gänzlich unterbrochen sind.

Die R a o a g (W i e n e r S e n d e r) hat am Mitt­woch gegen 13 Uhr plötzlich das Schallplattenkon­

zert unterbrochen, nachdem kurz vorher Stimmen­gewirr und Unruhe zu vernehmen waren. Dann erfolgte durch Radio die kurze Mitteilung, die Bundesregierunghabe demissioniert. Dr. R i n t e l e n übernehme die Geschäfte des Bundeskanzlers. Seitdem wurde von der Ravag nichts weiter gesendet. Die Hörer vernahmen jedoch laute Geräusche, die wie ein Krachen klangen; das schien darauf hinzudeuten, als ob sich im Sende raum etwas Ungewöhnliches ereigne. Man vermutet, daß eine gewalttätige Störung des Sendebetriebs eingetreten fei. Bei der amtlichen Nachrichtenstelle wird erklärt, daß von einer Demission des Bundeskanzlers nichts bekannt sei. Es scheine sich bei der Verlautbarung durch die Ravag um eine Mystifikation zu handeln. Andere amtliche Stellen, so besonders das Bundes­kanzleramt, aber auch die Ravag, waren bisher telephonisch trotz aller Bemühungen nicht zu errei­chen. Von anderer Seite wird berichtet, daß sich die Ravag in Händen von H e i m w e h r ! e u t e n befinde.

Oie Besetzung des Genders. Hinweise aufdieHintergründederAktionen.

Berlin, 25. Juli. (DNB.) Ein neueste Zusam­menstellung der bisher aus Oesterreich gekommenen amtlichen und privaten Meldungen ergibt folgendes Bild der Lage: ra . .

Kurz nach 13 Uhr fuhr vor dem Gebäude der Ravag, der österreichischen S e n d e g e > e li­sch a f t in der Johannisgasse in Wien, ein Trupp B e - waffneter in Bundesheeruniform vor und besetzte das Gebäude. Einer der Teilnehmer an dieser Unternehmung gab eine Rundfunkmeldung des Inhalts durch, daß die Regierung Doll­fuß zurückgetreten sei. Unmittelbar darnach wurden die Sendungen unterbrochen. Etwa zur glei­chen Zeit besetzte eine mit Bundesheer stark u n t e r m i s ch t e D o l k s m e n g e d a s B u n d e s- kanzleramt, schloß die Tore und sicherte das Gebäude durch Aufstellen von Maschinengewehren. In dem Gebäude selbst befanden sich zurZeit des Ueberfalls nach sicheren Meldungen Bundeskanzler Dr. Dollfuß, Bundesminister F e y, der Staats­sekretär für das Sicherheitswesen Hofrat Karwinsky, die von den Aufständischen gefangengenom­men wurden.

Um das Gebäude der R a r> v g entspann s.ch ein K a m p s, der nach dreistündiger Dauer mit der Kapitulation und Gesangennahme der Aufständischen endigte.

In den D o r o r t e n W i e n s, ebenso wie m ver­schiedenen Teilen der Provinz sollen sich starke Ansammlungen regierungsfeindlicher ^UeberAusstandes oerlaute.

Erregung m Bundesheer und dessen Be- teiliauna an den Ausstand soll in letzter Lime aus- qelöst worden sein durch die am Montag m Nieder­osterreich stattqesundene r j d) i e 6 u n g ein e s Offiziersanwärters durch -men Schutz- korpsoerteidiger.

Oer Kampf um die Ravag.

Wien 26. Juli. (DNB,) Vor dem Gebäude der Navaa ist ununterbrochenes Rattern der Maschinengewehre zu Horen. Bon dem Ge- bände des Finanzministeriums das der Ravag gegenüberliegt, wird mit Maschinengeweh­ren und Gewehren auf die Ravag ge- lck offen Zwischendurch hort man das dumpfe Aufschlagen der Handgranaten. Noch immer

weiß man nicht, welche politische Gruppe eigentlich in die Ravag eingebrungen ist. Die Sendungen der Raoag sind wieder ausge­nommen worden und scheinen über eine Reserve- station am Rosenhügel geleitet zu werden.

Der Kampf um die Ravag ist nach einer Dauer von drei Stunden beendet worden. Ein Polizeibeamter ist tot, mehrere wurden verletzt. Ebenso sind unter dem Personal der Ravag-Ange- stellten Verletzte zu verzeichn-en. Einige junge Leute sind blutüberströmt aus dem Gebäude der Ravag herausgebracht und in Autos verladen worden.

Oer österreichische Großsender durch Dynamit zerstört.

Wien, 25. Juli. (DNB.) Im Lause des Nach- mittags wurde der W i'e n e r Großsender Bisamberg besetzt und mit Dynamit ge­sprengt. Radio Wien sendet zur Zeit über den kleineren, bisher stillgelegten Rosenhügel-Sender.

OasBundesheerunddasVolk

Wien, 25. Juli (DNB.) Vor dem Bundes­kanzleramt ist Polizei und Heimwehr in großer Stärke aufmarschiert. Sie verhält sich jedoch untätig. Man erklärt diese merkwürdige

Die deutsche Grenze n<

Berlin, 25. Juli. (DNB.) Amtlich wird mil­geteilt: Die deutsche Reichsregierung hat nach Be­kanntwerden der Unruhen in Oe st erreich die deutsche Grenze nach dorthin gesperrt, um zu verhindern, daß Reichsdeutsche oder in Deutschland weilende österreichische Flüchtlinge die Grenze überschreiten, um während der Unruhen dorthin zurückzukehren.

Die deutsche Negierung kündigt Verhaftung derAufstänvischen an

Berlin, 26.3uli. (DNB.) Amtlich wird mitgeteilt: Aus Darstellungen des Wiener Rund­funks bzw. amtlicher österreichischer Nachrichten- stellen geht hervor, daß zwischen den ö st e r r e i ch i- s ch e n A u f st ä n d i s ch e n und den ö st e r r e i ch i- schen Regierungsstellen Abmachungen ge­troffen worden find für einen freien Abzug

Lage damit, daß Teile des Bundesheeres bereits zum Volk übergegangen sind und die Besatzung des Bundeskanzleramts verstärkt haben. Auch sonst hat das Bundesheer allen Anforderungen seitens einiger noch nicht gefangener Minister nirgends Folge geleistet.

Rrntelen verhandelt über die Neubildung des Kabinetts.

Wien, 25. Juli. (DNB.) Der in der ersten Sendung des Radio Wien um 13 Uhr als neuer Bundeskanzler genannte österreichische Ge­sandte in Rom, Dr. R i n t e l e n , ist bereits in Wien eingetroffen. Er hat sich sofort in das Hee­re s m i ni st e r i u m begeben, wo er mit dem bis­herigen Unterrichtsminister Schuschnigg und den Vertretern des Bundesheeres so­wie Abgesandten des Volkes über die Neubildung d e r österreichischen Re­gierung verhandelt.

Mobilisierung der Heimwehr. -

London, 25. Juli. (DNB.) Wie Reuter aus Wien meldet, hat die Führung der Heimwehr die MobilisierungderHeimwehr angeordnet.

ich Oesterreich gesperrt.

der Aufständischen nach Deutschland. Diese Abmachungen sind für das Deutsche Reich belanglos und enthalten für die deut- sche Reichsregierung keinerlei Rechts­verbindlichkeit. Die deutsche Reichs­regierung hat daher den Befehl gegeben, die Aufständischen im Falle einer lleberschrei- tung der deutschen Grenze sofort zu verhaf- t e n.

Der Führer bricht den Besuch der Bayreuther Festspiele ab.

Berlin, 26. 3uli. (DNB.) Amtlich wird mit­geteilt: Der Reichskanzler Adolf Hitler wird mit Rücksicht auf die traurigen Vorgänge in Oesterreich von einem weiteren Besuch der noch aus- Istehenden drei Aufführungen der Bayreuther

F e st spiele absehen.

Oie letzten Meldungen.

Dollfuß ioi.

Wien, 25. Juli. (DNB.) Der Wiener Nundsunk gibt amtlich bekannt, datz der österreichische Bundeskanzler Dollfuß seinen Verletzungen erlegen ist. Gesandter Mielen vechaflet

Wien, 26. Juli. (DNB.) Es verlautet mit völligerGewitzheit,datz der österreichische Gesandte in Nom, Dr.Anton Nintelen, der augenblicklich in Wien weilt, v erh aftet wurde. Die Meldung wurde von offiziösen Stellen bestätigt, ist aber noch nicht offiziell verlautbart.

Bundespräsident Miklas wieder in Wien.

Wien, 26.3uli. (DNB. Funkspruch.) Bundes­präsident Miklas hat seinen Sommeraufenthalt in Velden am Wörther See abgebrochen und ist heute früh in einem Extrazug in Wien ein- getroffen.

Rückkehr Gtarhembergs nach Wien verzögert.

Wien, 26.3uli. (DNB. Funkspruch.) 3n einer amtlichen Meldung heißt es u. a.: Bundesführer Starhemberg hat sofort nach dem Eintref­fen der ersten Meldungen über die Vorgänge in Wien in einem Eaproni-Flugzeug die Rückreise von Venedig nach Oesterreich angetreten. Infolge des