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Gießener Anzeiger sGeneral-Anzeiger für Dberheffen)
Nr. 97 Drittes Blatt
„Auch das Reisen macht einmal müde. Sagen wir,
und ich nehme zuweilen die Karten her ..
Erde verschlungen.
hätte ihn die
aus,
trauen sie
Einer von kapellmeister
Schalks Vorgängern, der Hofopern- Hellmesberger, war ein Mei-
Heute weiß ich nun, daß seine Sehnsucht still worden ist, und er eine Reise angetreten hat,
ge- die
Sie hätten Indien hinter sich."
„Nicht doch", wehrte er sich eifrig. „Mich würde das Reisen nicht müde machen, und die Welt ist so weit. Nicht wahr, Mile, wir würden nicht so leicht in Verlegenheit kommen?"
Seine Frau hatte den Glanz in den Augen, den
ster des Wortwitzes. Einst wohnte er der Aufführung einer neuen Serenade von Robert Fuchs bei und traf nach dem Konzert mit dem Komponisten zusammen.
„Nun, wie hat dir's gefallen?" fragte Fuchs.
Darauf Hellmesberger: „Fuchs, das hast du ganz gestohlen!"
Hugo Wolf haßte nichts mehr, als wenn er in Gesellschaft ohne in Stimmung zu sein, zum Klavierspielen genötigt wurde.
Einmal, während eines großen Festes in einem reichen Bürgerhause, setzten ihm die Gastgeber so lange zu, bis er mit grimmigem Gesicht an den Flügel schritt und unter allgemeiner Spannung der Gäste den ersten Akkord anschlug.
„Der Kasten ist ja verstimmt!" schrie er plötzlich wütend, zog aus der Hosentasche einen Stimmschlüssel, den er stets bei sich trug und beschäftigte sich während der ganzen restlichen Dauer des Festes damit, das Klavier mit peinlichster Genauigkeit Note für Note zu stimmen. Dann erhob er sich schweigend und lief davon, ohne auch nur einen Takt gespielt zu haben.
jagd reiten." .
Es war eine groteske Vorstellung, sich den kleinen Schreiber mit der hochgezogenen Schulter, die alle Schreiber haben, und mit den Mädchenaugen auf der Tigerjagd zu denken.
„Aber man kann nicht immer reisen , lächelte ich.
ponisten aufführen, die ihm als dilettantisches Machwerk erschien. Während der ersten Probe stellte sich heraus, daß die Orchesterstimmen zahlreiche Schreibfehler aufwiesen. Gereizt und ärgerlich fuhr Schalk den anwesenden Komponisten an und machte «hm wegen der fehlerhaften Stimmen Vorwürfe.
„Ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte, Herr Direktor", stotterte der Unglückliche, dem unter Schalks scharfen Augengläsern bereits sehr unbehaglich zumute war. „Ich habe die Stimmen von einem meiner Schüler ausschreiben lassen!"
Da zog Schalk die Stirne in unsäglicher Verwunderung hoch und fragte: „Waaas? Schüler haben Sie auch?"
Unter dem donnernden Gelächter des ganzen Orchesters verschwand der unselige Komponist, als
Frank Schalk war wegen seiner sarkastischen Bosheit allgemein gefürchtet. Einmal mußte er in einem Konzert die Symphonie eines jungen Korn-
Amüsante Musiker-Anekdoten.
Bon Hanö Weygand.
Copyright by I. L. A. Wien.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts fanden im Augarten, dem damals beliebtesten Park von Wien, regelmäßig Konzertakademien mit Orchester statt. Bei einer solchen wurde auch Beethovens Fidelio-Ouvertüre aufgeführt. Kotzebue, der diesem Konzert beiwohnte, schrieb darüber folgende Kritik:
„Alle parteylosen Musikkenner und -freunde waren darüber vollkommen einig, daß so etwas Unzusammenhängendes, Grelles, Verworrenes, das Ohr Empörendes schlechterdings noch nie in der Musik geschrieben worden sei. Die schneidendsten Modulationen folgen aufeinander in wirklich gräßlicher Harmonie, und einige kleinliche Ideen, welche auch jeden Schein von Erhabenheit daraus entfernen, worunter z. B. ein Posthornsolo gehört, das vermutlich die Ankunft des Gouverneurs ankündigen soll, vollenden den unangenehmen, betäubenden Eindruck."
Mehr als hundert Jahre später kam ein berühmter Musiker zufällig in eine Probe im Wiener Opernhaus, wo gerade dieselbe Fidelio-Ouvertüre durchgenommen wurde. In der Pause begrüßte er den Dirigenten Franz Schalk und sagte: „Das war ein schönes Stück. Was war das eigentlich?"
Dieser berühmte Musiker, der Beethovens Fidelio nicht kannte, war Giacomo P u c c i n i
Orchesterprobe unter Richard Strauß. „Forte!" ruft er dem Trompeter zu. Dieser wird merklich lauter. „Forte!" wiederholt Strauß kopfschüttelnd. Der Mann bläst die Phrase mit aller Kraft. Aber von neuem mahnt Strauß: „Forte! Forte!"
„Verzeihung, aber lauter kann ich wirklich nickt mehr!" beteuerte der Musiker.
„Sollen Sie auch nicht!" entgegnete Strauß. „Forte sollen Sie blasen, und nicht Fortissimo!"
„Sehen Sie, da ist Kairo. Und da Bombay. Ich weiß ja, daß ich niemals hinkommen werde. Aber wenn wir abends so sitzen, meine Frau und ich,
I Er nahm einen Pappkasten aus dem Schrank und fing an, mir seine Karten vorzulegen. ~
scheidenes Abendbrot —
Hinterher bot er mir eine Zigarre an. Wir rauchten. Er plauderte, ich hörte zu
Zuletzt kamen Luftschlösser. An Luftschlössern entschleiert sich der Mensch.
Ich fragte: „Nun, wenn Sie reich werden, was würden Sie tun?"
Ja", lachte er, „wenn! Aber gewiß, setzen mir den Fall! Wieviel sprechen Sie mir zu? Das ent-
„Soviel Sie wollen — Zwei-, dreimalhundert-
„Damit kann man etwas anfangen. DJlan tönnte reifen. Etwa Aegypten. Oder nach Indien, einmal unter Palmen wandeln. Auf Elefanten zur Tiger-
Lustschlösser.
Von Wilhelm Scharrelmann.
Ich erinnere mich feiner noch sehr gut. Dor Jahren habe ich einmal längere Zeit neben ihm in einem Bureau gearbeitet. Zufällig lese ich heute, daß er gestorben ist.
Ein Abend fällt mir ein, den ich auf sein Drangen einmal in seiner Wohnung verlebte.
Er war über die Vierzig, klein, zart und unscheinbar. Ein Gesicht, das für seine Jahre zu jung schien, und Augen, die einen sanften träumerischen Blick hatten und an Mädchenaugen erinnerten.
Seine Wohnung war klein und eng, von dem Dunste der Küche erfüllt.
alle Armen haben, wenn sie sich reich träumen.
„Ich würde nicht reisen", sagte sie. „Jedenfalls nicht weit. Einmal in meine Heimat möchte ich wohl wieder, nach Schlesien, ein paar Wochen. Aber dann —"
„Nun, dann?"
„Dann würde ich ein Häuschen kaufen auf dem Lande. Nicht allzu groß, nein. In einem Garten müßte es liegen. Darin müßten Blumen stehen, blauer Rittersporn, weiße Lilien, Nelken, Rosen. Und hinter dem Hause ein Gemüsegarten mit allem, was hineingehört. Und ein Hühnerstall müßte da sein. Ein sauberer Stall mit weißen Hühnern. Unten im Hause wären die Zimmer. Die Kammer aber müßte oben sein. Ganz in Weiß. Und in der Kammer —"
Die kleine, blasse Frau verstummte einen Augenblick und sagte dann resolut: „Und ein Kind müßten wir haben, ja. Das bekäme ein eigenes Bettchen mit seidenen Vorhängen."
„Aber, Mile", unterbrach sie der Schreiber und versuchte eine komische Wendung. „Ein Kind ... das kann man doch nicht kaufen!"
„Und eine Kommode müßte da sein, die nur für das Kind wäre. Und ein Kinderbad müßte im Hause sein und ein Wagen, in dem ich es im Garten spazieren fahren könnte. Und daß da ein kleiner Teich wäre, das wollte ich auch wohl. Darauf müßten ein paar Schwäne sein, die fütterten wir, wenn wir in den Garten hinabgingen. Und der Hund müßte ganz zahm sein und keinen Streit mit den Schwänen machen. Und im Hause ständen im Sommer die Fenster weit offen, daß die Sonne hereinschiene, und der Wind die Vorhänge ins Zimmer wehte wie weiße Fahnen. Nur wenn das Kind schliefe, zöge ich sie zu. Und das Kind würde Reinhold heißen und blaue Augen haben."
„Aber, Mile, du solltest dir doch nicht das Herz damit schwer machen. Du weißt doch —"
der Reiche so mittellos antritt, wie es der arme Schreiber immer war.
Vielleicht rauschten die Wälder und Ströme Indiens vor feinem Ohre, als er starb, blühten Tempel und Tropennächte vor feinem Auge auf, als er fein enges kleines Leben hinter sich ließ. Oder fand die unerfüllte Sehnsucht feines Lebens in seinem letzten Traume einen Weg in Länder, die erhabener sind als alle Schätze Indiens?
Seine Frau geriet in Aufregung, unerwartet Besuch zu bekommen. Fast mädchenhaft sah sie mit unruhigen, sorgenvollen Augen, wie Frau haben, die unausgesetzt auf der Hut sein müssen, zu sparen und die wenigen Groschen ihres Haushaltungsgeldes zusammenzuhalten, immer nur zusammenzuhalten, wie eine Henne ihre Küchlein zusammenhält, wenn der Habicht in der Luft steht, nur, daß der Habicht hier nie aus der Luft verschwindet.
Zuerst war es eine Unterhaltung, wie man sie gewöhnlich führt, wenn man unbekannt zusammenkommt. Dazwischen die ersten Worte, die wie ein Horchen sind, wie ein leises Tasten der Seelen, sich Gewißheit zu verschaffen, wen man vor sich hat.
Nach einer Viertelstunde wollte ich gehen.
Aber nein, das sei ausgeschlossen. Und eine Kränkung sei es. Man sei freilich nicht recht vorbereitet. Ader wenn ich vorlieb nehmen wolle — ein be-
„Ia, ich weiß", seufzte die junge Frau und verstummte, und der Glanz in ihren Augen erlosch.
„Es würde also doch wohl beim Reisen bleiben. Aus einer Reise vergißt man manches, Mile. Meine Reisepläne sind am Ende ja vielleicht ebenso töricht. Aber an irgend etwas will der Mensch schließlich seine Freude haben", wandte er sich mit einem । .Lächeln wieder an mich. „Ich habe mir darum eine I Sammlung von Ansichtskarten angelegt. Wenn es
1.1 Sie interessiert?"
Jeder
wort halten würden.
Harney.
SJL-tfpoit
Ausruf zur Reichsschwimmwoche
Deutsche Jugend!
Deutsche Frauen!
Deutsche Männer'
Schon 20 Meldungen für 1936.
Kaurn ein halbes Jahr ist vergangen, nachdem die Einladungen zu den 11. Olympischen Spielen in Berlin 1936 versandt wurden, da kommen aus allen Teilen der Welt die Meldungen, daß sich die Sportmannschaften mit Fleiß auf starke Vertretungen ihrer Nationen vorbereiten. Schon nach so kurzer Zeit sind im ganzen, Deutschland eingerechnet, 20 Annahmen erfolgt. Es meldeten im einzelnen: Argentinien, Australien, Belgien, Bulgarien,, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Griechenland, Indien, Italien, Jugoslawien, Lettland, Mexiko, Oesterreich, Philippinen, Schweiz, Tschechoslowakei, Türkei und Ungarn
Handball im San XII öer DT.
Tv. Ahbach — SM.-Sturm 1/3./33 10:3.
Die Platzmannschaft war ihrem Gegner in jeder Hinsicht überlegen und weit frischer. Atzbach zeigte
Jeder sei Rufer im Kampf, jeder fordere für seine Aufklärungsarbeit für wenige Pfennige das Lehrbuch „Schwimme richtig" vom zuständigen Ortsausschuß der Reichs-Schwimm-Woche. Solche Stützpunkte sind in allen Städten und Landgemeinden gebildet worden. Jeder helfe mit an der
lichkeit schönere Früchte zeitigt, als beim Schwimmen. Nirgendwann können sich Geistesgegenwart, Mut und Entschlossenheit tatkräftiger beweisen, als beim Rettungsschwimmen. Der Volksgenosse des Dritten Reiches muß schwimmen und retten können. Niemand darf mehr dem nassen Tod verfallen. Der Kumpf wird geführt unter der Parole, die der Reichssportführer der Reichsschwimmwoche auf den Weg gegeben hat:
Zu gemeinsamer Tat rufen wir euch auf. Stellt euch in den Dienst der nationalen Forderung für die Gesunderhaltung und Sicherheit unseres Volkes, die jeder unterstützen und erfüllen kann. Sie heißt: Schwimmen muß Volksbrauch werden!
Taufende ertrinken jährlich, Millionen kommen um ihre schönste Erholung, weil sie nicht schwimmen können. Die Aufgabe ist gestellt:
Angriff auf den Nichtschwimmer! Schluß mit dem nassen Tod! Baut Schwimmbäder!
Propaganda der Tat!
einer einzigartigen und einmaligen Aktion
technisch und taktisch gutes Spiel und hatte das Heft jederzeit sicher in der Hand.
Futzballabteilung des Tv. Kinzenbach.
Tv. Kinzenbach 3gb. — Spv. 05 Wehlar 3gd. 1:5.
Zu einem Gesellschaftsspiel trafen sich beide Mannschaften in Kinzenbach. Wetzlar zeigte recht gutes Spiel und verriet durch seine technische Fertigkeit den guten Nachwuchs seines Vereins. Die Mannschaft zeigte eine gute Gesamtleistung. Auch die Platzmannschaft zeigte sich von der besten Seite und ging bald nach Spielbeginn in Führung. Die nötige Erfahrung fehlt hier, während technisch schon recht gute Fortschritte zu verzeichnen sind. Nachdem K. die Führung übernommen hatte, dauerte es geraume Zeit, bis der Ausgleich fiel. Bis zur Pause waren die Gäste noch einmal erfolgreich. Nach dem Wechsel setzte sich das bessere Stehvermögen der Wetzlarer durch.
Der Wanderpokal desReichsstaiihaliers inHeffen Gauleiter Sprenger. Gestiftet anläßlich eines Rennens der nationalen Verbände in Frankfurt a. M.
Deutsche ein Schwimmer, jeder Schwimmer ein Retter!
Der Reichsspvrtführer:
v. Tschamrner und Osten.
Deutscher Schwimm-Verband.
Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft: Georg H a x.
Deutsche Turnerschaft:
Karl Steding.
und Behörden sämtliche Gliederungen der deutschen Nation in kameradschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Deutschen Schwimm-Verband, der Deutschen Turnerschaft, der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft die schwimmerifche Durchbildung eines ganzen Volkes in Angriff nehmen und die hierzu erforderlichen Lehrkräfte zur Verfügung stellen.
Im Hinblick auf die Vorbereitung der Olympischen Spiele wird im Verlauf der schwimmerischen Veranstaltungen
der unbekannte Schwimmer
den Weg zu sportlichem Aufstieg finden, der auf breitester Grundlage jedem Volksgenossen erschlossen werden soll. Vom 17. bis 2 4. Juni wird in allen Teilen des Deutschen Reiches als Krönung der gesamten Aufklärungsarbeit, der praktischen Durchbildung und des sportlichen Trainings das ganze deutsche Volk sich zu einer machtvollen Kundgebung zusammenfinden
Die Reichsschwimmwoche wird zu erweisen haben, daß nirgendwo Selbsterziehung und Kameradschaft-
Am Sonntag, 29. April, 15 Uhr, veranstaltet der Frankfurter Rennklub auf der Niederräder Rennbahn zu Frankfurt a. M. ein SA. -Flachrenne n „Preis vom Hessen-Ga u", zu dem der Reichsstatthalter Gauleiter Sprenger einen wertvollen Wanderpokal gestiftet hat. Der Wanderpokal wird dem Reiter des siegenden Pferdes übergeben. Der prachtvolle Pokal muß von dem SA.- bzw. SS.-Reitersturm, dem der Sieger angehört, dreimal gewonnen werden, um dann in den endgültigen Besitz des Sturmes überzugehen. Die Namen der siegenden Reiter werden in den Pokal eingraviert. Die Stiftung ist ein künstlerisches Erzeugnis der Württ. Metallindustrie.
sonst reißt der Faden.
Es gibt andere Präzisionsindustrien, die eine i schwindelerregende Genauigkeit erfordern, z. B. die In v
Uhrenindustrie ober die optische Industrie. Wie hier1 werden mit Unterstützung parteiamtlicher Stellen
Wo die Geideustrümpse wachsen
Besuch bei den Strumpfwirkern im Chemnitzer Zndustriebezirk.
„Den Herren Einkäufern gewidmet!" So steht auf dem Einband des großen Jndustrieführers von Chemnitz und Umgegend geschrieben. Damenunterwäsche, Trikotagen, Strümpfe; Handschuhe und Wirkwaren sind neben Baskenmützen, Strickwesten und Webereien die Hauptrubriken dieses Führers, der von den elegant gekleideten männlichen Gästen dieses gediegenen Chemnitzer Hotels eifrig und sorgfältig durchblättert wird.
„Von der Produktion des Chemnitzer Jndustrie- bezirks kann sich der Außenstehende kaum ein Bild machen," berichtet der alteingesessene freundliche Portier, der seine Gäste — die Vertreter und Einkäufer der großen in- und ausländischen Konfektionshäuser und Strumpfläden — schon genau mit Namen kennt und ihre Wünsche längst auswendig weiß. „Fast zwei Drittel aller Erzeugnisse wandern ins Ausland" erzählt er. Allein an Strümpfen und Handschuhen verlassen jährlich 1 5 0 0 0 0 Zentner die Stadt, deren graue, zum Teil schon etwas altersschwache Häusermauern fast 400 000 Einwohner beherbergen. Das gesamte Gebiet des großen Jndustriebezitkes wird dagegen fast von einer Million Menschen bewohnt. Ueberall in der Umgegend von Chemnitz ragen rauchende hohe Fabrikschlote in die Luft und geben der lebendigen Stadt ihr Gepräge.
Chemnitz besitzt ein technisches Spezialmuss u m, das zu den Sehenswürdigkeiten des Ortes zählt! Blitzende Maschinen, neuartige, stählerne Spulen stehen in dem gewaltigen Mustersaal dieses Museums, durch dessen geschliffene Buntglasfenster ein paar spärliche Sonnenstrahlen auf die 150 hier zur Vorführung bereitstehenden Maschinen fallen. Arbeiter fitzen einheitlich mit blauen Schürzen bekleidet vor einer lärmenden Massenparade öltrie- fenber Kolben und rotierender Räder.
Man hat Gelegenheit einmal die einfach aus- sehende, jedoch in Wirklichkeit recht komplizierte Ent st ehungsge schichte eines Seiden- ft r u m p f e s mitzuerleben. Unerklärlich bleibt für den interessierten Betrachter, wie es möglich ist, ein Paar Strümpfe, die mehrere Stunden der aufmerksamsten Arbeitskraft beanspruchen, vielleicht schon für den Bruchteil einer Mark angeboten zu bekommen.
Ein dreiteiliger Krempelsatz zerpflückt zunächst die Baumwolle, läßt sie über immer feinere Stahlwalzen laufen und stößt sie schließlich als Fäden aus. Gleich daneben verspinnt der Wagenspinner, eine Stahlbank, auf der ein Zylinderwerk hin und her gleitet, die Fäden in sausender Umdrehung. Zwirn- und Spülmaschinen richten das Garn für die weitere Verarbeitung vor. Zur Strumpffabrikation bienen Flachwirkmaschinen, das find die eigentlichen Wunder. Eine solche Maschine stellt jede Stunde zwei Dutzend langer Strümpfe her, mit jedem gewünschten Muster versehen. Fix und fertig bis auf die Naht und einige Nahtmaschen an Ferse und Spitze. Die Maschine sieht gar nicht mal kompliziert aus, sondern wie eine lange Drehbank. Spindeln sind hinten auf- gesteckt, zu den Nadelbänken laufen die Fäden, an denen die Masche entsteht. Wie das geschieht, ist auch bei noch so scharfem Zusehen nicht zu erkennen. Aber wie die Maschine völlig selbsttätig die Form der Wade und des Fußes herausarbeitet, kann man genau verfolgen. Von den Seiten greifen Nadeln ein, schieben sich vor und zurück; ganz wie es ihnen der beliebig verstellbare Mechanismus vorschreibt, lieber 7 000 Nadeln hat die Maschine und an jeder Nadel geht fortwährend ein verwickelter technischer Prozeß vor, der jedesmal um den kleinsten Bruchteil eines Millimeters exakt verlaufen muß,
Härtestes, nämlich der Stahl, dort Zartestes, nämlich das Gespinst, erzeugt wird, ist ohne Gegenstück.
Aber nicht nur Tausende van Arbeitern finden in den großen Chemnitzer Fabriken Arbeit und Brot, auch zahlreiche Dorfeinwohner des nahen Erzgebirges können sich heute noch, genau so wie sie es vor Jahrhunderten taten, mit der handwerklichen Strumpfwirkerei ernähren.
Knappe zwanzig Kilometer von Chemnitz entfernt liegen die kleinen Dörfer im Gebirgswald versteckt. Auerbach, Thalheim und Meinersdorf find die bedeutungsvollsten. Thalheim mit seinen 9000 Einwohnern verfügt allein über sechzig Strumpffabriken und ist stolz darauf, behaupten zu können, ein Zehntel der sächsischen Gesamtproduktion zu liefern.
„Täglich können in Thalheim über 100 000 Paar Strümpfe hergestellt werden", versichert der Bürgermeister dieses friedlichen Landfieckens. Thalheim ist ein wohlhabender Ort, denn die Strumpfwirker des Erzgebirges find in der ganzen Welt berühmt und begehrt. Auch Amerika holte sich in den letzten 25 Jahren 2000 Thalheimer Strumpfwirker und zahlte ihnen hohe Löhne. Diele
von ihnen wurden jedoch schon nach einigen Monaten vom Heimweh gepackt und kehrten mit einem kleinen ersparten Dallarvermögen glückstrahlend in die Heimat zurück. Hier bauten sie sich auf ihrer alten Scholle freundliche, bunte Giebelhäuser und gingen in den nahen Fabriken wieder ihrer Arbeit nach.
Thalheim ist ein schmuckes, sauberes Städtchen, und in dem ganzen langgestreckten Ort dürfte man wohl kaum ein einziges Haus finden, in dem nicht eine Strumpfmaschine steht. Wie andere Familien heute einen Staubsauger oder eine Nähmaschine besitzen, hat jeder Thalheimer eine elektrisch betriebene Nahtmaschine, an der das, was am Strumpf, wenn er von der Wirkmaschine aus der Fabrik kommt, noch zu tun übrig bleibt, als Heimarbeit von allen Familienmitgliedern erledigt wird. Auf den Straßen dieses Gebirgsdorfes stößt man unaufhörlich auf Männer und Frauen jeden Alters, die gemeinsam mit ihren Kindern große Bündel farbloser Strümpfe auf den Schultern von der Fabrik zur Wohnung transportieren.
Eine wundervolle, gesunde Lust liegt über diesem Dorf der nie ruhenden Arbeit. Ein herrliches Fleckchen deutscher Erde, dessen zufriedene Bewohner den Begriff Arbeitslosigkeit sicher für ein Fremd-


