Jer 50. Geburistag des Reichsstatthalters Gauleiters Sprenger.
Frankfurt a. M., 24. Juli. Das Gaupresseamt berichtet: Die Mitarbeiter des Adolf-Hitler- Hauses, d. h. die gesamte Belegschaft, trat heute um 10 Uhr in der Kantine an, um in einer der Persönlichkeit des Gauleiters entsprechenden schlichten Feier ihm Glückwunsch und weitere treue Mitarbeit zu geloben.
Zum Wortführer aller machte sich der Stellvertreter des Gauleiters,
pg. Reg.-Rat deiner
der in der ihm eigenen, soldatisch knappen Art dem Gauleiter gegenüber das aussprach, was wir alle dachten. U. a. führte er aus: „Ich weiß, mein Gauleiter, daß Sie jeder Beweihräucherung Ihrer Person abhold sind, und es liegt mir auch nicht, viele Worte zu machen. Wenn ich dennoch meine Zustimmung nicht nur zu dieser schlichten Feier gegeben, sondern mir sogar das Wort vorenthalten habe, so dürfen Sie den Schluß ziehen, daß es mir ein Herzensbedürfnis war, Ihnen unsere treue Ergebenheit zu zeigen.
Sie waren nicht nur Führer, sondern auch Mensch.
Kaum einer wird unter uns sein, der nicht schon Ihre Nachsicht nötig hatte. Sie haben ihm diese Nachsicht rückhaltlos zuteil werden lassen. Jeder hat schon Ihren sicheren Rat in Anspruch nehmen müssen und mancher von uns war nur durch eine schöne Tat Ihrerseits vor dem sicheren Versinken zu retten. Auch hier haben Sie niemals einem Kameraden die hilfreiche Hand verweigert. Wir wissen, mein Gauleiter, was wir an Ihnen haben und stellen nur die eine Forderung und Bitte an das Schicksal: Es möge Sie uns noct) lange Jahre nicht nur zum Segen des Rhein-Main-Gaues sondern zum Segen ganz Deutschlands erhalten. Ich weiß mich eins mit allen Parteigenossen, wenn ich Ihnen in diesem Sinne für die Zukunft alles Gute wünsche."
Nie Antwort des Gauleiters
war, wie bei ihm nicht anders gewohnt, der Hinweis auf Adolf Hitler, ohne den wir nichts wären. Dank und Anerkennung für die treue Anerkennung all derer, die ihm im Kampf und auch heute restlos zur Seite standen, ein flammender Appell für die weitere Pflichterfüllung in Gegenwart und Zukunft.
Nicht Terror dürfen wir gebrauchen, sondern unsere Wurzeln wollen wir tief ins Volk hineinversenken, um es so nach und nach in unsere Weltanschauung hineinführen zu können. Die breite Masse des Volkes, soweit es nicht zur Bewegung und zur Partei gehört, soll wissen, daß es heute unter dery Schuhe der Partei sieht. Geduldig wollen wir uns bemühen, um die Menschen, die zwar zu uns aufschauen, jedoch unsere Weltanschauung in ihrer Totalität noch nicht ganz erfühlen und erschauen können, im Sinne Adolf Hitlers zu formen, keine Mähe wollen wir scheuen, um alle im guten aufzuklären. Das ist das beste Mittel.
Aber autti das Wort des Stellvertreters des Füyrers werden wir, wo es nicht anders geht, uns zu eigen machen, d. h., wenn z u g e - schlagen werden muß, dann hart. Ja, härter noch als in der Vergangenheit, so wie es der Führer uns durch sein Beispiel zeigte und gelehrt hat. Wenn wir alle zusammen stehen, rückhaltlos der eine für den anderen eintretend, dann glaube ich, so führte der Gauleiter aus, werden wir wahre Kämpfer Adolf Hitlers genannt werden können. Nur eine geschloffene Familie kann sich gegen alle Widersacher behaupten. Mit Recht wies der Gauleiter darauf hin, daß die Zeiten nicht leicht sind, daß wir nicht siegten, um in Selbstgeruhsamkeit dahinzuleben, sondern das eroberte Feld nunmehr auch zu behaupten hätten. Noch harte Proben sind für uns alle zu bestehen. Alle Brücken sind hinter uns abgebrochen, aber der Boden, auf dem wir stehen, ist so breit und fest, daß wir uns rückhaltlos entfalten können und jeden Kampf bestehen. Seine Worte klangen aus im Gedenken an den Führer Adolf Hitler.
Noch sind wir alle ergriffen von der Feierlichkeit der Stunde. Im Geiste drücken wohl Hunderttausende jetzt unserem Gauleiter die Hand. Die alten Kämpfer der Bewegung, darüber hinaus aber auch alle Ehrlichen und Aufrechten im Rhein-Main-Gau.
Der beste Glückwunsch für Gauleiter Sprenger zu seinem 50. Geburtstag ist ihm das Gelöbnis der Treue zum Führer.
Die Worte des Glückwunsches sind nun vorbei, wir werden sie im Sinne unseres Gauleiters nach altgewohnter Sitte durch die Tat, d. h. durch Arbeit, Pflichterfüllung, Dienen und Opfern für Deutschland ersetzen.
Eine Fülle von Glückwünschen
GPA. Frankfurt a. M., 24. Juli. Wie zu erwarten war, brachte der heutige Tag dem Gauleiter und Reichs st atthalter eine Fülle von Aufmerksamkeiten und Glückwünschen. Neben dem herzlichen Glückwunschtelegramm des Führers und eines gleichen vom Stellvertreter des Führers Pg. Heß erfreute den Gauleiter der frühe Besuch eines Spielmannzuges der H I. ganz besonders. In der Wohnung Sprengers brachten die Vertreter der hessischen Regierung und des rhein-mainischen Lebens ihre Glückwünsche dar. Bemerkenswert war, daß außer einer beträchtlichen Anzahl der ersten Frankfurter Nationalsozialisten unerwartet auch Glückwünsche ehemaliger politischer Gegner eingingen. Das erste Glückwunschtelegramm war von der Frankfurter SA:- Brigade 4 9. Nach dem nur kurz unterbrochenen Vormittagsdienst im Adolf-Hitler-Haus begab sich Sprenger am Nachmittag im 2000-Kilometer-Siegerwagen seines Fahrers nach D a r m ft a d t in das Reichsftatthalter- haus, um dort seinen laufenden Regierungsarbeiten nachzugehen. Nachdem sich Sprenger auch an diesem Tage fein tägliches Schwimmbad nicht entgehen ließ und zu diesem Zweck das Neu-Isenburger Waldstadion aufgesucht hatte, war er am Abend zusammen mit Frau Sprenget Gast des Frankfurter Schauspielhauses.
Französischer Starrkrampf.
Von unserem z-Serichierstaiier.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenl Paris, 22. Juli.
Mit dem 6. Februar, dem Blutsonntag, ist die französische Bevölkerung in eine Erregung geraten, die durch eine routinierte Kammer- und Presse» kamarilla unter gut gemeinten Rundfunkreden des Ministerpräsidenten der Rückwärtsregierung Dou- mergue nicht beschwichtigt werden konnte. Nach außen hin bietet Frankreich das alte Bild der Um entwegtheit, aber die Uebernervosität der französischen Außenpolitik läßt sich nur darauf zurückführen, daß im Innern einiges verrottet ist. Und seit Jahrzehnten zum erstenmal wird die Poli- t i k e r k a st e beherrscht von der W a h l f u r ch t. Im Oktober wollen die Radikalsozialisten in Nantes ihren Parteitag abhalten. Unmittelbar vorher finden die Bezirkswahlen statt, die ein Barometer für die Votksstimmung sind. Nun hat T a r d i e u nicht ungeschickt gerade den Fraktionsführer der Nadikal- sozialisten, den ehemaligen Ministerpräsidenten Chautemps, öffentlich bezichtigt, feit Jahren um die Machenschaften S t a v i s k y s gewußt zu haben. Dieser Angriff soll dadurch abgebogen werden, daß bis nach den Bezirkswahlen die ganze Angelegenheit vertagt wird. Aber der Franzose außerhalb dieser Kammerkreise fragt sich, ob nicht eine solche Hinausschiebung der Aufklärung schlimmer ist als ein scharfer Verschnitt, ob nicht Dou- mergue und Barthou die Gesamtlage noch verschlimmern, wenn sie aus taktischen Gründen ebenso wie die Radikalsozialisten darauf verzichten, die Zeugen anzuhören, die Tardieu als Beweiskorona dafür genannt hat, daß der Führer der Radikalsozialisten um die Schwindeleien Staviskys wußte und nichts tat, um sie unmöglich zu machen.
Für die nächsten Ereignisse in Frankreich kommt es wesentlich darauf an, was der ehemalige Front- fämpfer, der unter dem Steuer- und Wirtschafts- druck seufzende Kleinbürger, der Besitzer von landwirtschaftlichen Zwergbetrieben denkt. In der französischen Presse findet deren Stimmung keinen Widerhall aber die Wahlen werden zeigen, daß das von Doumergue auf die Wogen gegossene Oel nicht langt. Ein äußeres Zeichen, eins der wenigen für das Mißtrauen gegenüber dem jetzigen Kurs, ist der S p a r e r ft r e i f. Mit unglaublicher Geduld und einer gewissen Kurzsichtigkeit hat, wie er einst vor dem Kriege 23 Goldmilliarden Franken an das Ausland verlor, feit 1926 der französische Sparer eine der inneren Anleihen nach der anderen gezeichnet und vielfach überzeichnet, die den Zweck hatten, die gewaltigen Fehlbeträge infolge einer falschen Steuer- und der Aufrüstungspolitik zu decken. Am 12. Juli hat der französische Finanzminister eine neue Anleihe z u 4 v. H. heraus» gebracht, und zwar zu außerordentlich günstigen Bedingungen. Aber die Anleihe ist bis jetzt noch nicht gedeckt, obgleich man erwartete, sie würde innerhalb 5 bis 6 Tagen überzeichnet sein. Dieser Streik der kleinen Sparer ist nicht nur für die französischen Regierungskreise eine überraschende und unangenehme Situation. Denn bei dem sanguinischen Temperament des französischen Staatsbürgers ist ein solcher Pessimismus gegenüber den
Künsten der eigenen Regierung eine ganz außerordentliche Seltenheit.
Der Schwarzseher sind Legionen geworden. Die Reklamepresse der Rüstungsfabrikanten und die Regierungspolitiker versichern zwar, Frankreich werde sehr bald das größtmöglichste Maß von Sicherheit erhalten. B a r t h o u sei ein außenpolitisches Genie: man hat ihm reichlich Vorschußlorbeeren gespendet, aber bei Licht besehen hat das O st p a k t s y st e m doch einen Skeptizismus ausgelöst, der einigermaßen Verwirrung stiftet. Jeder Franzose weiß, daß Bündnisse allein den Krieg nicht fernhalten. Soweit der Franzose über die französische Grenze hinausschaut und ein ruhiger Staatsbürger ist, empfindet er gegenüber der marxistischen oder bolschewistischen Kumpanei jene radikale Abneigung, die nach der Jakobinerherrschaft, in der Junischlacht von 1848, in den furchtbaren Kämpfen gegen die Kommune 1871 sich in etwas barbarischen Formen entlud. Das Bündnis mit dem Zarismus beruhte auf ganz anderen Voraussetzungen, als die künstliche Konstruktion des Herrn Barthou mit den Moskowitern. Die proletarische Einheitsfront verkündet heute, der französische Soldat müsse Rußland helfen. Dor dem Kriege war es anders. Damals sollte der Russe dem Franzosen helfen. In der Barthou-Preffe wird aber die instinktive Abneigung der französischen Massen übersehen, nicht direkt für Frankreich als Soldaten zu kämpfen, und auch der französische Marxismus ist insofern national-egoistisch gewesen, als er zwar flammende Resolutionen freigiebig faßte, wenn international-marxistische Belange in Betracht kamen, aber materiell nichts opferte, weil selbst der überzeugte französische Marxist nicht gerne einen Sou für Auslandsmarxisten opfert. Der Durchschnittsfran- zose mag eine direkte deutsch-französischen Verständigung zunächst wohl für unmöglich halten, aber was ihm auch feine Presse vorsetzt — er ist doch in dieser Annahme nicht mehr so sicher, seitdem das deutsch-polnische F r i e d e n s a b k o m m e n geschlossen wurde und Polen sich sehr kalt den Bar- thou-Anregungen gegenüber verhält.
Und ein zweites kommt hinzu. Allgemein und jahrelang war der Franzose des Glaubens, mit England werde es nach einigen Irrungen doch roicöer zu dem intimen Verhältnis kommen, wie in der Vorkriegszeit. Daß aber England keinen direk- ten Vertrag mit Frankreich abschloß, während Deutschland auch zu einem solchen zweieiigen Abkommen mit Frankreich slch bereiter Härte, daß ferner England und Italien durch den O st p a k t keinerlei Verpslichtunge nübernehmen wollen, hat stutzig gemacht. Vielleicht war hier der entscheidende Punke für den ganzen Barthou-Plan. Soll der französische Soldat allein marschieren, Frankreich noch einmal die schwersten Opfer bringen? Bleibt nicht, wenn Italien und England, Deutschland und Polen kühl sind, das ganze Bündnissystem ein Bruchstück — für das der französische Sparer neue Ausländsanleihen zeichnen soll? Schon jetzt hält Rumänien die Hand auf, erwarten französifche Finanzkreise einen neuen Run der
kleinen Verbündeten der Barthou- Politik. Man ist reichlich nervös, man fühlt sich im Schwebezustand, kalkuliert; irgendwie habe die Barthou-Rechnung doch sich nicht durchgefetzt. Zwar liegt Ferienruhe über Frankreich, aber alle Betriebsamkeit der Barthou-Faktoren vermag doch nicht die Zwickmühle zu beseitigen, in die Frankreich innen» und außenpolitisch geraten ist. Eins steht fest: Solange nicht eine Wahl die wirkliche Volks st immung miebergibt, wird der jetzige Kurs mit verstärkten Mitteln zu retten versuchen, was zu retten ist.
Marxistische Einheitsfront zu Gunsten der Kommune.
P a r i s , 24. Juli (DNB.) Die sozialistisch- kommunistische Einheitsfront, die vor einiger Zeit in ganz Frankreich zustande gekommen ist, hat sich bei den K o rn m u n a l w a h l e n in Mirarnes bei Marseille ausgewirkt. Im ersten Wahlgang hatten die Radikalsozialisten durchschnittlich auf jeden ihrer Kandidaten 255 Stimmen Ber
einigt, die Sozialisten 215 und die Kommunisten 419. In der Stichwahl verzichteten die Sozialisten zugunsten der Kommu» n i st e n, die ihre gesamte Liste mit einem Stimmendurchschnitt von 580 Stimmen für den Kandidaten durchbrachten, während die Radikalsozialisten nur durchschnittlich 290 Stimmen für ihre Kandidaten erhielten.
Keine marxistische Einheitsfront in England.
London, 25.3uli. (DNB. Funkspruch.) Erneute Vorschläge der Kommunistischen Partei Großbritanniens zur Bildung einer Einheitsfront gegen Faschismus und Krieg wurden am Dienstag vorn gemeinsamen nationalen Ausschuß des Gewerkschaftsrates, des Gewerkschaftskongresses, des Vollzugsausschusses der Arbeiterpartei und des Vollzugsausschusses der parlamenta» rischen Arbeiterpartei abgelehnt. Es wurde erklärt, es bestehe kein Anlaß, die bisherige Haltung zu ändern.
Oer Konflikt im französischen Kabinett vorläufig beigelegi.
Oie endgültige Bereinigung bis zum radikalsozialistischen Parteitag im Oktober verschoben.
Paris, 24.Juli (DNB.) Jrn Kabinettsrat am Dienstag, der von 17 bis 19 Uhr dauerte, wurde ein Ausgleich in dem Zwischenfall Tardieu- Chautemps herbeigeführt. Ministerpräsident Doumergue richtete an die Regierungsmitglieder den dringenden Aufruf, das Burgfriedenskabinett in feiner bisherigen Zusammensetzung weiter bestehen zu lassen, andernfalls er die Schlußfolgerung ziehen und auf jede weitere politische Betätigung verzichten müßte.
Entweder Beibehaltung des Durgfriedens- kabinetts oder Rücktritt der Gesamtregierung und Bildung eines anderen Kabinetts unter einer anderen Persönlichkeit.
Herriot verlas eine Erklärung, wonach die radi - kalsozialiftischen Mini st er auf ihrem Posten verbleiben, jedoch müsse die Lage, die sich aus den Ereignissen ergebe, im Oktober der Radikal sozialistischen Parteitagung unterbreitet werden.
Der Zwischenfall ist damit vorläufig beigelegt.
Dramatischer Verlauf der Kabineitssihung.
Paris, 25. Juli (DNB. Funkspruch.) Aus den Berichten der Morgenpresse gewinnt man. den Eindruck, daß in dem Kabinettsrat am Dienstagnachmittag, der den Konflikt Tardieu — Chautemps beilegte, bie Entfcheibung auf b e 5 Messers Schneibe stanb. Ministerpräsident Doumergue war entweder für unveränderte Beibehaltung des Ministeriums, ober für den Gesamtrücktritt.
Nachdem Doumergue dies gesagt hatte, soll herriot im kabinettsrat erklärt haben, er müsse erst feine Parteifreunde befragen. Doumergue habe ihm daraufhin das Wort abgefchnitten und Anstalten gemacht, das Rücklriltsfchreiben aufzu- fehen.
Diesen Augenblick benutzte Kolonialminister L a - v a l, der schon im Februar die größten Anstrengungen gemacht hatte, damit das Kabinett Doumergue zustande kam, um vermittelnd einzu
greifen. Es wurde eine Sitzunaspause eingelegt, und die fünf radikalsoziali st scheu Regierungsmitglieder besprachen sich über eine Stunde lang unter sich und kamen bann mit ber gemeldeten kurzen Erklärung zurück, die ein Weiterbestehen des Ministeriums in der bisherigen Gestalt erlaubt. Doumergue war so gerührt, daß er mit Tränen in den Augen Tardieu und Herriot umarmte. Die beiden Staatsmänner schüttelten sich bann herzlich die Hände.
Scharfe Kritik in der radikalsozialistischen Partei.
Verschärfte Gegnerschaft gegen Tardieu.
Paris, 25. Juli. (DNB. Funkfpruch.) Die Beilegung des Konfliktes Tardieu-Chautemps durch den Ministerpräsidenten Doumergue hat in den Reihen ber rabikalfozialiftifchen Partei noch am Abenb des Dienstags ein Nachspiel gehabt, das erkennen läßt, daß der Konflikt zwar für die Regierung geregelt scheint, daß aber in den Kreisen der radikalfozialistischen Partei eine verschärfte Gegnerschaft gegen Tardieu zuM Ausdruck kommt. In einer Sitzung des Vorstandes des Vollzugsausschusses der rabikalsozia- listischen Partei, an der die radikalsozialistrschen Minister teilnahmen und die von 21 bis 23 Uhr dauerte, mußte sich Innenminister Sa r r a u t zeitweise sehr entschieden gegen die Vorwürfe seiner Parteifreunde verteidigen, die den radikalsozialistischen Mi- nistern ihre entgegenkommende Haltung im Falle Tardieu oorhielten. Mehrere Radikalsozialisten richteten an die Minister die Frage, welche Haltung sie in Zukunft einnehmen würben, wenn Tardieu einen neuen Vorstoß gegen führende Persönlichkeiten der radikalsozialistischen Partei unternehmen mürbe, und ob sie sich das dann auch wieder gefallen lassen würden.
Als Abschluß der Beratung wurde eine Entschließung angenommen, die den Ausdruck des Bedauerns, den INinisierpräfident Doumergue bezüglich des Vorstoßes Tar- dieus gebraucht hatte, in einen regelrechten Tadel umdeutet.
Oie Gefahren des Nordostpaktes.
Llmherspazieren von acht Armeen im Herzen Europas, also in Deutschland.
London, 24. Juli. (DNB.) Ein Reutervertreter hatte Gelegenheit, sich mit einer beutln privaten Persönlichkeit, bie ben offiziellen Kreistn in Berlin nahesteht und die sich einige Tage hier aufhält, über ben Norbostpakt zu unterhalten. Die Unterhaltung ergab etwa folgendes Bild von ben in Berlin herrschenden Ansichten:
Wahrend Locarno für Deutschland und Europa einen nicht fort denkbaren Faktor i m Wiederaufbau Europas bedeutet, fragt sich jeder Deutsche heute besorgt, ob nicht ber Nordost - pakt die segensreichen Auswirkungen von Locarno schwer beeinträchtigt.
Die gegenseitige bewaffnete Hilfeleistung, die der neue Vertragsentwurf sogar unbekümmert vor die konziliation seht, bedeutet das Umher- fpazieren von acht Armeen im Herzen Europas, und im Herzen Europas liegt Deutschland.
Mehr als zwanzig Konfliktfälle sind zwischen den acht Staaten des Vertrages leicht errechenbar, und in all diesen Fällen soll Deutschland Etappe, wenn nicht Kriegsschauplatz werden. Wenn heute die Vorkriegsdiplomatie nicht hoch im Kurse steht, so hat sie doch eine These hochgehalten: Es muß in jedem Fall versucht werben, einen Streitfall z u lokalisieren. Hier wird das Gegenteil erstrebt. Im Falle eines kleinsten Konfliktes — und den Streit z. B. zwischen zwei baltischen Staaten kann man unmöglich einen europäischen Konflikt nennen — dürfen, ja sollen sich die schwerbewaffneten, modernst ausgerüsteten Riesen- Heere von Großmächten in Bewegung setzen können, eine Vorstellung, die auch einen beherzten Europäer schaudern läßt.
Wie soll das abgerüslele Deutschland einen solchen Vorschlag seiner Hochgerüstelen Abrüsiungs- schuldner mit Begeisterung aufnehmen können?
Wie ferner Deutschland an ber Mehrzahl ber möglichen Streitfälle, für die der Vertrag Vorsorge treffen soll, uninteressiert ist und sein wird, so werben hier künstlich durch die Garantien Interessen geschaffen, die bisher zum Segen Europas nicht bestanden. Hatte Rußland bisher glücklicherweise keine Interessen im Westen Europas, so wird hier künstlich ein Russie prolon- g£e au bord du Rhin geschaffen. Wäre aber Ruß- land Garant im Westen, dann dürfte seine Jnteressennahme nicht an ber beutsch-französischen Grenze Halt machen, sondern würde logisch und zwangsläufig darüber hinaus vorstoßen bis an die Nordfee und deren Anlieger unmittelbar berühren. Und Frankreich östlicher Garant? Gemeinhin verbindet man mit dem Begriff Garant eine neutrale, nicht unmittelbar interessierte Macht, die sich im Dienst der großen
Idee des Friedens in einen ihr an sich fremden Jnteressenkreis hineinbegibt, um neutraler, oojek- tiver Sachwalter im Interesse ber Staaten zu werden, die eine nach allen Seiten gleichmäßig auswirkende Stütze suchen.
Die französischen TNililärbündnisse mit einigen der vom Ostpakl zu erfassenden Staaten verbieten aber selbstverständlich, daß Frankreich je die Rolle eines parteilosen Garanten übernehmen könnte. Von vornherein Partei, durch derartige Bündnisse einseitig orientiert, mühte Frankreich logischerweife von sich aus ablehnen, eine Rolle zu übernehmen, deren Durchführung die Aufgabe aller seiner Sonderbindungen gebieterisch verlangen sollte.
Sie fragen mich, wie ich Englands Rolle bei der jüngsten Entwicklung ber Dinge ansehe. Der soeben von Englanb beschlossene F ü n f j a h - resplan ber Luftaufrüstung bedeutet, daß England zu ber schmerzlichen Erkenntnis gekommen ist, baß bie sehr starke Zunahme ber Reichweite von Artillerie unb Flugzeugen ihm ben in» fularen Charakter enbgültig genommen hat unb baß es den Schutz seines Landes nicht mehr allein Flotte und Heer anvertrauen kann. Ist aber England Kontinentalmacht geworben, bann fragt man sich, wie kann bann Englanb glauben, baß es sich künftig aus einem ber zahlreichen möglichen Streitfälle, die ber Norbostpakt vorsieht, heraushalten könnte, zumal bie Tenbenz bes Vertrages gerabe auf eine G e - neralif ierung anstatt auf eine Lokalisierung der Konflikte ausgeht? Angesichts der Tatsache, daß durch bas Losbrechen ber Afsistence mutuelle in jebem Falle englische Interessen berührt werben müssen, ist es dann wohl folgerichtiger, wenn
England gleichfalls als Garant des Nordosi- pakles auftritt und Europa gegenüber eine Bürgschaft übernimmt, die es nicht nur als fein Recht ansehen -kann, sondern als seine Pflicht gefordert werden müßte. Wie England im Westen Garant von Locarno ist, so ist es im Osten
Garant des Wemelstaluts.
Aber unabhängig von der Garantiefrage: die deutsche öffentliche Meinung sieht mit Sorge, wie mn i-1! & ' das angesichts feiner Weltintereffen Politik auf lange Sicht treiben sollte, aus einer nur vorübergehenden Auffassung über die Entwickelung eines anderen Landes heraus Europa den Weg ebnet für eine Masse unübersehbarer Abenteuer, die der Nord- ostpakt wie das trojanische Pferd in seinem Innern birgt


