Lachmuskeln in anhaltende Bewegung. Mit ganz besonderer Freude hörte man außerdem die beiden Chorlieder „Sonnenaufgang" (Cornelius) und „Lied der jungen Schar" (Temesvary), die von dem gemischten Chor des Betriebes, unter der Leitung von Universitäts-Musikdirektor Professor Dr. Temesvary, sehr eindrucksvoll zu Gehör gebracht wurden.
Professor Dr. Temesvary
nahm Gelegenheit, der Firma dafür zu danken, daß sie für dieses Fest und, so hoffe er, auch für fernere Zeit, dem Gesang und Musik Raum gegeben habe. Es sei fast historisch zu nennen, daß das deutsche Lied erstmals in einem Betrieb in dieser Form Eingang gefunden habe. Er hoffe, daß die Mitsingenden auch weiterhin dem deutschen Liede treu bleiben möchten. Es würden sich sicherlich Mittel und Wege finden lassen, den Chor aufrechtzuerhal
ten. herzliche Worte des Dankes sagte der Redner auch dem Ingenieur, Herrn Karl Müller, für alle Unterstützung.
Verschiedene gemeinsam gesungene Volkslieder, u. a. auch ein Lied, das von dem Werksangehörigen Karl Tetzner verfaßt war, verschönten die Feier.
Nachdem der Musikzug der SAR. noch einige flotte Fanfarenmärsche zum Vortrag gebracht hatte, ferner einige sehr humorvolle Gesangsszenen von Betriebsangehörigen aufgeführt worden waren und einige junge Mädchen schöne Tanzreigen gezeigt hatten, hielt Herr B ä n n i n g e r zum Abschluß der Feier noch eine kurze Ansprache, in der er allen denen dankte, die sich um die Ausgestaltung der Feier verdient gemacht hatten. Dankbaren und freudigen Herzens begaben sich die Teilnehmer dieser Jubiläumsfeier nach Hause. Die Feier wird sicherlich allen lange in der Erinnerung bleiben.
Aus -er Provinzialhauptstadt.
Sommerbunte Wiesen.
Die sommerliche Wiese ist ein bunter Teppich, der in seiner Eigenart jedesmal und beinahe in I jedem einzelnen Falle das Auge entzückt. Bald ist es eine reiche und bewegte Vielheit von Farben, die, in Gruppen geordnet, sich über den Plan verteilen, fast nichts anderes, als sei ein Maler in einer übermütigen Laune mit seiner Palette kreuz und quer gelaufen und hätte dabei das Grün der Gräser mit bunten Klecksen aufgeheitert. Hier ist Weiß hängen geblieben, dort sind rote Spritzer, hier hat er Gelb aufgetragen und wo anders Helloder Dunkelblau, wie es ihm gerade in den Sinn und in den Pinsel kam. Unter der Sommersonne leuchten die Tupfen gleich Scharen spielender Kinder auf, die in duftigen Gewändern sich mit Ringelreihen die Zeit vertreiben.
Wenn die Mittagshitze brütet, und man schließt die Augenlider zu einem schmalen Spalt, dann laufen die verstreuten Farben ineinander, und auf der Netzhaut verwebt sich das Bild zu einem einzigen sonnenseligen Jauchzen. Dann scheint die Wiese keine reine botanische Angelegenheit mehr zu sein, sondern es singt aus und über ihr der Hymnus auf die Schöpfung, der in Worten nicht faßbar ist, dessen Rhythmus nur in unserem Innern zu schwingen vermag, und dessen Töne gleich Äolusharfen in Ohr und Blut klingen, mehr erfühlt als erlauscht, mehr Ahnen als Laut. „Dann gehet leise, nach seiner (tausendfältigen) Weise, der liebe Herrgott durch sein All---"
In sommerbunten Wiesen liegen, ringsum das versonnene Zirpen der Grillen, bisweilen von Vogelstimmen untermalt, über sich das Wiegen und Gaukeln der verschiedenartigsten Falter und hoch oben das wolkenlose Blau der unendlichen Weite, dann verrinnen die Stunden mit erdentrückter Leichtigkeit, unbeschwert, wie der Flaum, der sich von manchen Wiesenpflanzen frei macht, um davonzufliegen, irgendwohin, in die Nähe, in die Ferne, um irgendwo wieder niederzugehen. Aehn- lich ist es mit unseren Gedanken. Sie schweifen dahin und dorthin. Sie wollen nirgends verweilen. Sie wollen nicht zu Ende gedacht sein. Denn das wäre Rückkehr zu erdgebundenem Alltag. Sie spielen mit uns und miteinander. Und Zeit und Raum haben aufgehört, wirkliche Maßstäbe zu sein.
In sommerbunten Wiesen zu liegen, ist dann ein Träumen und Sichverlieren zwischen Düften und Tönen und Farben, ein Sonnen-Sonntag des anderen Jchs. Dann dichtet und liest jeder auf seine Art und nach seinen Fähigkeiten, er eine kurz-, der andere weitsichtig, den Lobgesang aller Lobgesänge. Dann ist er für Minuten Feriengast in jenen Gefilden, die die Heimat der Seele sind. Dann hat er heimgefunden zu seinem besseren Ich.
Sommerbunte Wiesen sind Zaubergärten für den, der fähig ist, die Natur mit aufgeschlossenen und erlebnisbereiten Sinnen zu durchstreifen, für den, der keinen gedruckten Reiseführer nötig hat, weil er überall die Sternchen sieht, mit denen für die Kilometerfresser und Zeitraffer die Sehenswürdigkeiten besonders vermerkt werden müssen. Die Wiese in ihrem vollen Blütenflor ist ein festlicher Straub unter der Kuppel des blauen Weltendoms.
K. I. G.
Bornotizen.
— Tageskalender für Montag: NS.- Hago Giehen-Nord, Ortsbetriebsgemeinschaft Han-
del und Handwerk, 20.30 Uhr, „Aquarium", Mit- glieder-Versammlung. — Amt für Beamte, Kreis Gießen, Fachschaften Allgemeine Länderverwaltung und Justiz, 20.30 Uhr, Haus der Deutschen Arbeit, Schulungsabend mit Vortrag von Pg. Dr. Röder. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Meisterboxer"; 22.45 Uhr: „Die Insel der Dämonen".
Aus parteiamtlichen Bekanntmachungen
Der NSLB. und der Reich sbund für Volkstum und Heimat veranstalten am kommenden Mittwoch, 15.30 Uhr, im Cafs Leib eine Kreiskonferenz. Es werden sprechen: Dr. K. R. Fischer über „Neue Wege in der Heimatforschung", Dr. Spilger, Geschäftsführer des Reichsbundes für Volkstum und Heimat in der Landschaft Rheinfranken-Nassau-Hefsen. Die Mitglieder des Reichsbundes für Volkstum und Heimat und des NSLB. werden zu dieser Veranstaltung erwartet.
Eine Stunde vor Beginn der Kreiskonferenz findet im Cafe Leib eine Besprechung der Amtswal- ter des NSLB. Kreis Gießen statt, zu der sämtliche Bezirks- und Schulgruppenobmänner zu erscheinen haben.
Fristverlängerung für landwirtschaftliche Entschuldungsanträge.
LPD. Die Landesbauernschaft Hessen-Nassau teilt mit: Am 30. Juni läuft der Termin ab, an dem Anträge auf Eröffnung des landwirtfchaftlichen Entschuldungsregelungsverfahrens gestellt werden können. Alle Bauern und Landwirte, die sich aus eigenen Mitteln nicht entschulden können, müssen sämtlich bis zu diesem Termin ihren Antrag bei dem zuständigen Amtsgericht eingereicht haben. Nähere Auskunft gibt die Landesbauernschaft und ihre Kreisgeschäftsstellen.
Urlaubsfahrt „Kraft durch Freude" in die Bayerische Ostmark.
Die NS.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude", Gau Hessen-Nassau, veranstaltet vom 7. bis 15. Juli eine Fahrt in die Bayerische Ostmark, und zwar in den schön st enTeildesBayerischenWal- d e s. Der Fahrtverlauf ist wie folgt vorgesehen:
Am Samstag, 7. Juli, in den späten Abendstunden Abfahrt von Frankfurt a. M. Sonntag früh Ankunft in Regensburg. 4 bis 5 Stunden Aufenthalt. Vor der Weiterfahrt wird gemeinsam ein Mittagbrot eingenommen. Anschließend geht die Fahrt über Straubing, Plattling nach Deggendorf. Von hier aus erfolgt der Abtransport in die Quartierorte am Fuße des höchsten Berges des Bayerischen Waldes, des 1458 Meter hohen Arbers. Die Urlauber werden dort am Fuße des Arbers, mit seinem Waldreicktum und seinen schönen Ausflugsorten, schöne Urlaubstage verleben. Sie bleiben dort bis Sonntag, 15. Juli. An diesem Tage sammeln sich die Urlauber in den Morgenstunden wieder in Deggendorf zur gemeinsamen Fahrt nach Passau. Auch hier ist wieder Gelegenheit zur Besichtigung der wunderbaren Grenzstadt am Zusammenfluß von Donau und Inn. Nach einem gemeinsamen Mittagessen in Passau ist dann die Abfahrt in die Heimat vorgesehen, wo dann die Urlauber am Abend eintreffen werden.
Die Kosten betragen 31 Mk., einschließlich Fahrt, Verpflegung und Unterkunft. Die Verpflegung der
Zugteilnehmer beginnt am Sonntag mit dem Mittagessen in Regensburg und endet am Sonntagmittag mit dem Mittagessen in Passau.
Anmeldungen nehmen entgegen: die Geschäftsstelle der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Gießen, Schanzenstryße 18, und die Ortsgruppen der NSBO. bzw. der DAF., und zwar bis Samstag, 30. Juni, spätestens.
Neue Ortsmünzfernsprecher.
Die Nachrichtenstelle des Reichs post- Ministeriums teilt mit:
Die deutsche Reichspost hat vor einiger Zeit Münzfernsprecher für Teilnehmeranschlüsse heraus- gebracht. Da bei privaten Anschlüssen Münzfernsprecher für den Fern- und Schnellverkehr weniger im Bedürfnis liegen, konnte von der Verwendung so kostspieliger Apparate, wie sie in Fernspreck- Häuschen auf Straßen und Plätzen vorhanden sind, Abstand genommen werden. Die vereinfachten Münzfernsprecher, die als Ortsmünzfernsprecher bezeichnet werden, sind gewöhnlich nur für Ortsge- spräche gegen Einwurf von 10 Pfg. zu benutzen. Sie wurden bisher als Wandapparate geliefert. Neuerdings hat die deutsche Reichspost auch einen Ortsmünzfernsprecher in Tischgehäuseform eingeführt, der betrieblich dasselbe leistet. Während die Apparate mit Wandgehäuse für Räume mit öffentlichem Verkehr bestimmt sind (Gasthäuser, Kaufhäuser, Hausflure), eignet sich der leichter gebaute Tischmünzfernsprecher mehr als „Familienmünzfernsprecher" zur Aufftelluna in bewohnten Räu- men, wo er nur einem beschränkten Kreise gegenseitig bekannter Personen zugänglich ist.
Bei allen Ortsmünzfernsprechern wird der Anruf des Fern- und Schnellamts — u. U. auch des Kundendienstes — technisch verhindert. Diese Sperre kann jedoch durch einen dem Inhaber gelieferten Schlüssel vorübergehend aufgehoben werden. Die Apparate sind dann im Orts-, Fern- und Schnell
verkehr wie gewöhnliche Apparate zu benutzen^ Dienststellen mit nur zweistelligen Rufnummern (Feuerwehr, Ueberfall) können stets gebührenfrei gewählt werden.
Die Ortsmünzfernsprecher sind nur in Ortsnetzen mit Selbstanschluhbetrieb verwendbar. Für ihre Benutzung wird ein monatlicher Zuschlag zur Grund« gebühr erhoben, der bei Hauptstellen 2,10 RM. für Wandgehäuse und 0,90 RM. für Tifchgehäuse, bei Nebenstellen 3,60 RM. für Wandgehäuse und 2,40 RM. für Tischaehäuse beträgt.
Die Gesprächsgebühren werden dem Teilnehmer wie üblich in Rechnung gestellt. Den Münzbehälter leert er selbst.
** Finanzamtspersonalie. Regierungs- rat G u t e r m u t h vom Finanzamt Gießen ist mit Wirkung von heute ab an das Landesfinanz« amt Darmstadt versetzt worden.
** Das F e st der goldenen Hochzeit können am morgigen Dienstag der Rottenführer im Ruhestand Franz Kreuzburg und Frau Luise, Frankfurter Straße 140 wohnhaft, begehen. Das Jubelpaar ist 73 Jahre alt und noch sehr rüstig. Herr Kreuzburg ist langjähriger Bezieher des Gießener Anzeigers.
** Die Auszahlung der Militär ver« sorgungsgebührnisse (Heeresrenten) für den Monat Juli erfolgt am Donnerstag, 28. Juni, die der Invaliden- und Unfallrenten am Samstag, 30. Juni.
** Sonntagsrückfahrkarten. Zu der am 7. und 8. Juli in Dillingen stattfinden 50. Jubelfeier des Kriegervereins können von den Bahnhöfen der Strecken Hungen—Mücke, Hungen— Friedberg, Gießen—Nidda, Nidda—Schotten und I Mücke—Gießen Sonntagsrückfahrkarten — auch in Blankoform — nach Villingen normaler Geltungsdauer (Samstag 12 Uhr bis Montag 12 Uhr) aus- gegeben werden.
In 1 Stunde und 7 Mn.von Frankfurt nach Vertin!
Gedanken und Erinnerungen eines Gießeners beim „Blihflug".
Am vorigen Freitag, 22. Juni, flog Bantdirektor Grießbauer von hier mit dem neuen Schnellflugzeug von Frankfurt nach Berlin. Er übermittelt uns von diesem großen Flug-Erlebnis folgende Schilderung.
D. Red.
Gerade vor hundert Jahren hat ein hohes Medizinkollegium einer deutschen Universität über die in der Entstehung begriffene Eisenbahn ein Gutachten abgegeben. Es kam damals zu dem Ergebnis, daß das Eisenbahnfähren lebensgefährlich fei, eine Geschwindigkeit von vier bis fünf Meilen in der Stunde (d. f. 80 bis 35 Kilometer) könne fein Fahrgast auf die Dauer durchhalten, ja man könne allein vom Hinsehen Ohnmachtsfälle bekommen, weshalb zum mindesten jede Schienenstrecke durch eine undurchsichtige Bretterwand den Blicken der Fußgänger entzogen werden müsse. Und heute! Geschwindigkeiten von 80 bis 90 Kilometer mit der Bahn sind die Regel, und 120 bis 160 Kilometer werden die Geschwindigkeiten der nächsten Zeit auf den Hauptstrecken sein, ohne daß Insassen oder Zuschauer Ohnmachtsanfälle bekommen und in ihrer Gesundheit geschädigt werden.
Und nun sollen wir in einer Stunde und 25 Minuten die etwa 440 Kilometer lange Strecke
Frankfurt—Vertin im Flugzeug zurücklegenl
Wer das nicht glauben will, der nehme den Sommerflugplan der Deutschen Lufthansa zur Hand. Dort steht: Abflug Frankfurt-Flughafen 17.40 Uhr, Ankunft Berlin 19.05 Uhr, d. f. eine Stunde und 25 Minuten. Ein leises Lächeln überkommt uns, wenn wir die Berichte von Teilnehmern der ersten Eisenbahnfahrt von Fürth nach Nürnberg vom Dezember 1835 lesen, die mitteilen, daß ihnen Sehen und Hören vergangen und daß die Wagen so schnell gefahren seien, daß man keine Häuser, Bäume und Menschen habe erkennen können. Und in hundert Jahren werden vielleicht unsere Nachkommen über uns lächeln, weil wir über 300-Kilometer-Stundengeschwindigkeit Aufsehens machten.
Wer schon einmal geflogen ist — und unsere Verkehrsflugzeuge entwickelten bisher schon Geschwindigkeiten von 140 bis 200 Kilometer — dem wird
es aufgefallen fein, daß man da oben in 1000 dis 1500 Meter Höhe gar kein Empfinden von der Schnelligkeit hat, mit der man dahinfaust, weil man keine Vergleichspunkte hat, feine Bäume, Häuser, Telegraphenstangen usw. Die Erde da drunten schwindet uns ganz langsam unter dem Flugzeug weg.
Auch die auf über 300 Kilometer Slunden- geschwindigkeil gesteigerte Flugschnelligkeit kommt dem Insassen nicht zum Bewußtsein.
Wenn wir den Riesenvogel, die Heinkel-Ma« s ch i n e , mit ihren schnittigen Linien, die vornehm ausgestattete Kabine mit ihren vier bequemen Sitz« Plätzen, die über jedem Platz angebrachte Lüftungsoorrichtung betrachten, die ständig fühlende Luft zuführt, und wenn dann der Motor feinen donnernden Propellergesang anstimmt und die Maschine sich nach furzem Anlauf mit elegantem Schwung in die Luft erhebt, dann erscheint uns diese Tatsache selbst wie ein Wunder, und wer sich die Fähigfeit des Staunens bewahrt hat, „der sitzt", wie ein Schriftsteller einmal gesagt hat, „näher am Weltgenuß, als die Unbewegbaren, die mit kühlem Verzicht über die Wunder Hinwegblicken." Und ein Schauer der Bewunderung ergreift den Insassen des Flugzeuges, sobald dieses, losgelöst von der Anziehungskraft der Erde, mit einem wahren Siegesgeheul über Städte und Dörfer, Eisenbahnen und Landstraßen, Berge und Täler, Wälder und Felder dahinhraust.
All das, was uns erdgebundenen Menschen so selbstverständlich erscheint, wirkt auf den fliegenden Menschen als etwas ganz Neues und noch nie Gesehenes.
An der zeitlich eng zusammengedrängten Form erregen all die Dinge, Die wir da unten sehen, die Bauten, die Straßen, Eisenbahnen, Brücken, die wundervoll bestellten Aecker, die gepflegten Wälder, die gewaltigen Industrieanlagen deshalb unser Erstaunen und unsere Bewunderung, weil diese Dinge von den winzigen Geschöpfen da unten, die man aus der Höhe kaum als solche erkennen kann, von den fogenannten Menschen erdacht, erfunden, gebaut und den Naturgewalten in oft jahrhundertelangen Kämpfen abgetrotzt wurden. Aber auch Bewunde-
Opfer.
Don Friedrich Mck-Malleczewen.
Ob du dich dessen noch erinnern könntest, weiß ich nicht... Es war an der unteren Donau bei Belgrad; vom Faltboot aus hatten wir in den Schilfdschungeln des gewaltigen Stromes gebadet und lagen in der Sonne und sahen plötzlich dicht über uns einen Reiher streichen.
Und ich, in der Gedankenlosigkeit, in der man so oft tötet ...ich riß die Flinte hoch und schoß und holte ihn herunter, den schönen perlgrauen Piloten. Holte ihn dir herunter, und unter deinen verwaisten Sachen liegen noch immer seine toten Schwingen.
Und wir beide, du und ich... wir standen, und beide waren wir plötzlich tief beschämt ob des Mordes an dem schönen Tier und sprachen nicht und ahnten vielleicht beide zum ersten Male den Schauer der beiderseitigen Trennung... ach, so mitten heraus aus dem schmetternden Sommer ins graue Ungewisse des Todes. So standen wir und schwiegen. Und da, da kam es. —
Keine Minute hatten wir bei dem Toten gestanden, da rauschte es über uns, und da war das des toten Tieres Gefährte, der nun über dem ge- faUenen Freunde feine Irauerfreife zog. Lange weite Bogen, enger und enger werdende Kreise... ohne Schrei, in tief aufwühlender Stille. Dies alles trotz der Gefahr des ja doch gewitterten Gewehres, trotz der Möglichkeit eines zweiten Schusses: eine stumme, ach so beschämende Totenfeier. iUnd dann wurden die Kreise weiter und weiter, und lautlos am weihglühenden Horizont des balkanischen Sommers verschwand der große Vogel, und weiter ging ihm und uns das Leben.
Erinnerst du dich in deinem Schattenreich wohl noch des Tages und billigst mir, eine Verklarte, au, daß ich jenes Totenopfers gedenke, das wir damals sahen? *
Opfer aber heißt, vom eigensten Ich etwas fort- neben, und wenn es so ist, dann ist es immer priesterliches Geben, und um seine Gebärde allem [ft verklärte Schönheit. Jene Stelle in der Odyssee schlage ich auf... ach, es war deine Lieblings- ftelle° .. und an der Unterwelt Pforte steht der Weltenwanderer und opfert den Schatten der toten Freunde.
Drüber gossen wir dann für alle Toten ein Opfer, Erst von Honig und Milch und dann von lieblichem Weine,
Drauf von Wasser zuletzt, mit weißem Mehl es bestreuend.
Viel dann sieht und gelobt ich den Luftgebilden der Toten,
Heim gen Ithaka kehrend, ein Rind, unfruchtbar und fehllos,
Darzubringen im Haus und gut die Scheiter zu häufen,
Auch für sie den stattlichsten Widder zu opfern, Schwarz umher, der stolz aus den Herden hervorragt.
Ach, und es kommen die Schemen und trinken kurzes Scheinleben sich von der Opfergabe des Lebenden. Ich lese es und erschauere. Manchmal, manchmal vergesse ich, daß du selbst nun mitmarschierst in jenem grauen Zug der Schemen.
*
Weswegen ist die Gebärde des Sämannes so schön? Weil sie Spende und Segen ist zugleich. Weswegen fährt mir jenes Märchen von den Sterntalern so tief ins Blut... die Geschichte von dem Kinde, das gibt und gibt, bis es selbst nichts mehr und doch alles hat: die irdische Armut und den unbeschreiblichen Frieden derer, die da sagten: „Nicht ich, sondern du?" Weswegen sind Totenmasken um so unnahbarer, je mehr der Lebende sich selbst ver- leugnete und den Schwerpunkt seines Erdendaseins verschob aus dem eigenen Hunger, der eigenen Begier und dem eigenen tierischen Verlangen hinein in die mannigfachen Nöte des Mitmenfchen? Und weswegen kommen mir manchmal, betrachte ich das Gewimmel dieses Erdenlebens, so krause Gedanken — als käme diesem Erdball im gewaltigen Kosmos doch eine zentrale Bedeutung zu, als stünden gleichwertig sich gegenüber das Prinzip der rohen Selbstsucht und der verklärten Selbstaufopferung, als würde auf diesem kleinen durch den Himmelsraum sausenden Planeten ein erbitterter Kampf ausgefochten zwischen Gut und Böse, und als läge es an Dir selbst, kleines armes Menschenherz, wer Sieger bleibt: Gott ober Satan?
♦
Und was ist das für ein seltsamer Apparat, der uns leidlich und seelisch so häßlich und träge und übersatt macht mit der zunehmenden Bürde von
Besitz und Erdenlast? Ein alter Mann in Weimar, selbst behangen mit patrizischem Wohlstand und ach so viel Ehre — er sehnt sich zurück nach den unbeschwerten und Dürftigeren Tagen Der eigenen JugenD unD Diktiert feinem Sekretär, Daß „man sich hüten solle vor Dem Augenblicke, wo man zum Sklaven seines eigenen Besitzes würDe". UnD Die eigenen Erinnerungen? Waren Die fröhlichsten Zeiten Des Lebens nicht eigentlich immer Die Dürftigsten? UnD wo erlebte man Die furchtbarsten, Die beschwingtesten StunDen? Nicht in Den großen eleganten Karawansereien, sonDern immer in Der Primitivität Des NvmaDen- unD Zeitlebens. Du kannst ungestraft Dies tun unD jenes lassen, Du magst Orgien feiern unD Durch Jahre hinDurch Dir einbilDen, Daß sozusagen „alle Tage Geburtstag" sei: eines Tages kommt Dir Doch Die Erkenntnis, Daß Das letzte Glück, Die letzte Freiheit unD ein un- irDischer FrieDe Dort beginnen, wo Verzicht unD lächelnDe Besitzlosigkeit ist.
Das Glück, es liegt immer bei Den freiwillig FastenDen, Den EntbehrenDen unD OebenDen, Den Schmalhüftigen, Den WanDerern unD Den freuDig HungernDen. Es ist, in Diesen norDischen Himmelsbreiten zuminDeft, immer Das alte LieD. Ja, es heißt: „Nicht ich, sonDern Du".
♦
Das letzte Opfer heißt „Sterben für anDere" unD von keinem Bibelwort strahlt so viel Jenseitigkeit als von Dem: „Es hat niemanD so viel FreuDe, als wer sein Leben gibt für feine BrüDer". Ich Denke an Das, war mir ein Augenzeuge Der „Titanic"- Katastrophe erzählte von jenen unscheinbaren kleinen StewarDs, Die so selbstverstänDlich ertranken, nach- Dem sie zuvor höflich unD bescheiDen Frauen unD KinDern in Die Boote geholfen hatten... ich Denke an einen MönchsorDen, Den ich vor Jahren in SüD- amerika bei einer unausDenklichen EpiDemie Todesopfer auf ToDesopfer Durch feine pflegenDen BrüDer bringen fah.
Diese Opferbereitschaft, Diese anstänDige unD wortlose FreuDe Des Gebens unD Des Sicy-Gebens, sie war mit Der Lehnmannstreue immer die echteste unD liebenswerteste Eigenschaft Der Deutschen, unD sie überDauerte auch jene schlimmen Jahre Der Verfettung unD Des Ungeistes.
Denke ich Daran, so bin ich ruhig auch vor Den ernsten unD tragischen Aspekten Der heutigen, in Den
Wehen einer WieDergeburt ächzenDen Welt. Es geht kein Volk zugrunDe an seiner Seele, solange es gibt
©er Unglücks-Diamant her Marie-Antoinette.
Auf Der Weltausstellung von Chikago konnte man kürzlich für einige StunDen eine Der größten Sehenswürdigkeiten der Welt, den unheilbringenden saphirblauen „Hope" sehen, einen Diamanten, der eine ebenso berühmte, wie grausige Geschichte hat. Die heutige Besitzerin, die Gattin des amerika- schen Millionär Edward McLean hat das kostbare Stück der Ausstellung allerdings nicht überlasten wollen, und die Ausstellungsleitung hätte sich auch gar nicht dazu bereit finden können, die Bürgschaft für ihn zu übernehmen. Damit Das wertvolle Stück aber doch einmal auf der Ausstellung gesehen werden konnte, hat Mrs. McLean der Ausstellung einen Besuch abgestattet und hierbei den Diamanten in einem Anhänger getragen. Don einer Schar von Detektiven unD Polizeibeamten begleitet, Durchschritt sie Die Ausstellung, um Dann Den Diamanten sofort roieDer in ihr Safe zurückbringen zu lasten. Es hanDelt sich um einen 44'/, farätigen blauen Stein, Der ursprünglich einmal Das Auge eines burmesischen GötterbilDes gewesen sein soll. Den Dieben, Die Das Heiligtum entweihten unD Die Gottheit bestahlen, soll ein töDlicher Fluch nachgesanDt worDen jein, Der sich auf alle bisherigen Besitzer Des Steines übertrug. Seine Geschickte weiß von einer Kette von Krankheit, lob, Unfällen unD MorDen zu berichten, ehe er gegen einen Kaufpreis von über einer Million Mark in Den Besitz Des Amerikaners kam, Der ihn nun schon fünfundzwanzig Jahre verwahrt, ohne Daß ihm oder seiner Familie ein Unglück Angestoßen ist. JeDenfalls ist bekannt, Daß sich Der Stein einmal im Besitz von Marie Antoinette befanD, Die Das Sckaffot besteigen mußte, unD Daß auch Der französische Geschichtsschreiber Francois Beaulieu, Der in Den Besitz des Steines gelangte, elenD ums Leben kam. In Der Reihe Der Besitzer Des Hope-Diamanten finb Dann Prinz Kanitowski zu nennen, Der ermordet würbe, ein griechischer Juwelier, Der Durch einen Unglücksfall ums Leben kam. Der Sultan AbDul Hamll^ Der Türkei, Der feinen Thron verlor, unD ein persischer Kaufmann namens Habib, Der ertrank.


