lkr. M Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 25.)uni (934
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Die Sicherung desiarabiens.
Von unserem H. T.-L»erichierstaiier.^
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Bukarest, Juni 1934.
lieber Nacht sind die Würfel über das vorläufige Schicksal Bessarabiens gefallen: am 9. Juni tauschten in Genf der rumänische Außenminister T i - t u l e s c u und der russische Volkskommissar des Auswärtigen Litwinow jene inhaltsschweren Dokumente aus, in denen die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Bukarest und Moskau beschlossen wurde. Damit hat ein löjähriger diplomatischer, an blutigen Grenzzwischenfällen reicher Krieg, der im wesentlichen um den Besitz der Provinz Bessarabien geführt worden ist, zunächst sein Ende gefunden. Darüber hinaus ist im Südosten eine ganz neue Lage geschaffen worden, deren Entstehung in erster Linie auf das Konto der Ereignisse im Fernen Osten zu setzen ist, dessen wachsender Einfluß auf die große europäische Politik sich auch auf anderen Gebieten immer unangenehmer bemerkbar zu machen beginnt.
Daß Rußland sich für die kommenden Dinge in Ost-Asien an seiner europäischen Westgrenze d i e Hände freimachen will, ist bekannt: von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer zieht sich eine Kette von Nicht-Angriffspakt-Verträgen hin, die Moskau im Laufe der Zeit mit feinen Nachbarn im Westen geschloffen hat — ein einziges Glied dieser Kette wollte jedoch nie „so recht" schließen: trotz aller wechselseitigen Bemühungen konnten Bukarest und Moskau in der bessarabischen Frage zu keiner Einigung kommen, so daß bis vor wenigen Tagen noch an den Ufern des Grenzflusses Dnjester der Stellungskrieg des Weltkrieges andauerte. Rußland weigerte sich, formell auf diese Provinz zu verzichten und Rumänien lebte in steter Sorge um den Besitz seiner Weltkriegs-Beute. Unzählige Versuche sind in den letzten Jahren gemacht worden, um eine „Formel" zu finden, die den status quo legalisierte, ohne die nationalen Empfindlichkeiten eines der beiden Partner zu verletzen. Das Problem, ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Rußland und Rumänien herbeizuführen, schien unlösbar, bis eben auch hier der Ferne Osten als>un- freiwilliger Friedens-Stifter auftrat.
Daß die befsarabische Frage kurz vor ihrer Lösung stand, ließ sich bereits vermuten, als die Einzelheiten über die russisch-französische Annäherung bekannt wurden. Denn die Politik der Kleinen Entente ist ein integrierender Bestandteil der französischen Außenpolitik — beide sind ohne einander nicht denkbar, beide, gehen die gleichen Wege. Wenn sich Rußland also mit Frank- .reich einigte, mußte logischerweise auch die Kleine Entente, in Sonderheit Rumänien in das Kraftfeld dieser großen Magneten hineingerissen werden. Titulescu hat es nun — von Barthou wirksam unterstützt — ausgezeichnet verstanden, sich die Sorgen und Nöte Rußlands zu Nutze zu machen: trotz mancherlei Bedenken (Furcht vor sowjetrussischer Propaganda!) hat sich Titulescu bereiterklärt, Rußland anzuerkennen und die diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen, falls Rußland rite und recte auf Bessarabien Verzicht lei st et e. Diesen offenen Verzicht hat zwar Rußland auch diesmal nicht ausgesprochen (in dem ganzen diesbezüglichen Schriftwechsel wird Bessarabien nicht mit einer Silbe erwähnt!), sondern die beiden Partner haben sich auf folgende Formel geeinigt: „Beide Staaten garantieren s i ch wechselseitig die volle und re st lose Respektierung ihrer Souveränität", — eine Formulierung, die natürlich auch diesmal wieder Alles und Nichts bedeuten kann. Die Rumänen legen sie folgendermaßen aus: Bessarabien untersteht der rumänischen Souveränität, diese wird von Rußland garantiert — also ist diese Garantie gleichbedeutend mit einem Verzicht Rußlands aus
GeMchkuliffe oderDWerwort?
Zur Dramaturgie des Hörspiels.
Von Or. Hanns Oeyben.
Drum schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen!
Goethe,
„Faust" (Vorspiel auf dem Theater).
Fast scheint es so, als ob sich unsere modernen Hörspieldichter die Worte des braven, verschlagenen Schauspieldirektors in Goethes „Faust" zum Vorbild und zur Richtschnur genommen hätten. Zwar Prospekte und malerische Hintergründe und Versatzstücke gibt es beim Rundfunk nicht, wohl aber „Maschinen" und — Geräuschkulissen. Wirft man einen Blick in die beim Rundfunk eingehenden Hörspielmanuskripte, so scheint tatsächlich bei ihren Verfassern die Ansicht zu bestehen: je mehr Geräuschkulissen, desto besser das Hörspiel.
Diese Ansicht ist irrig! Nicht die Zahl der raffinierten Geräuschkulissen macht die Güte des Hörspiels aus. Ja, es gibt sogar im deutschen Rundfunk einen bekannten Spielleiter, der diejenigen Hörspiel- manskriptL zu allererst und am liebsten liest, aus denen beim flüchtigen Durchblättern ersichtlich ist, daß der Verfasser fast ganz auf Geräuschkulissen verzichtet hat.
Aber wie denn? Kann denn ein Hörspiel ohne Geräuschkulisse wirken? Machen wir uns zunächst einmal den Begriff Geräuschkulisse klar! Was soll sie bewirken? Welchen Zweck soll sie haben? Die Geräuschkulisse soll nach Ansicht der Manuskriptverfasser und auch vieler Rundfunkhörer das dargebotene Hörspiel vertiefen, verinnerlichen, verständlicher machen, Stimmung erzeugen und die Wirklichkeit vortäuschen. Die Geräuschkulisse soll dem Hörspielverfasser denselben Dienst leisten, wie — wiederum nach der Ansicht des Schauspieldirektors im „Faust" — die Prospekte und Maschinen beim Theater, weshalb er auch zum Dichter sagt:
Ein Mann, der recht zu wirken denkt, Muß auf das beste Werkzeug halten!
Die Geräuschkulisse ist also gewissermaßen das Werkzeug des Hörspieldichters. Vielleicht kommen wir aber einer Antwort auf die Frage, ob ein Hörspiel ohne das Werkzeug einer Geräuschkulisse wirken kann, näher, wenn wir erst einmal fragen: Kommt ein Theaterdichter ohne das Werkzeug von Kulissen, Hintergründen und Beleuchtung aus? Damit aber sind wir bei der Haupt- und Kernfrage jeder Bühnendichtung angelangt: Kann oder soll sogar der Bühnendichter auf alle Hilfsmittel des modernen Theaters verzichten? Raubt er mit diesem Verzicht nicht den Zuschauern jede Illusion?
Bessarabien. Das ist unzweifelhaft richtig. Rußland hat o>er nicht gesagt, a u f „w i e l a n g e" es die rumänische Souveränität garantieren wird!
Hier scheint der wunde Punkt des Abkommens zu liegen, denn folgendes ist durchaus denkbar: zunächst einmal will Rußland im Fernen Osten klare Verhältnisse schaffen oder sich dort für alle Eventualitäten wappnen. Infolgedessen muß es alle Hintertüren seines Hauses hermetisch verschließen und eine dieser Türen eben, übrigens die wichtigste war — Bessarabien, das ein ideales Aufmarschgelände für all jene Jnteroentionsarmeen abgeben kann, mit denen sonderbare Schwärmer auf dem Papier z. B. Einfälle in die Ukraine geplant oder entworfen haben. All diesen Experimenten mußte Rußland einen Riegel vorschieben, und Titulescu hat bereitwillig die Zusicherung gegeben, daß Rumänien bezw. Bessarabien sich niemals für derartige anti-russische Zwecke gebrauchen lassen werde. Unter diesen Umständen fiel es Litwinow für den in der Mandschurei so ziemlich alles auf dem Spiel steht — nicht weiter schwer, auf Bessarabien in einer Form zu „verzichten", die am derzeitige n Zustande sehr wenig ändert. Denn die rumänische Souveränität über Bessarabien ist nur „garantiert". Aber nicht „für immer und ewig", wie es sonst in ähnlichen Staatsverträgen lautet.
Die Russen haben es also jederzeit in der Hand, die „Garantiefrist" oder „Schonzeit" als a b gelaufen zu erklären^ Nämlich dann, wenn sich die Lage im Fernen Osten zugunsten Rußlands geklärt haben sollte — bestimmt aber, wenn es Den Japanern gelingen sollte, das Fenster von Wla- d i w o st o k zu schließen. Denn dann muß das von allen Weltmeeren abgeschlossene Rußland sein Gesicht wieder nach dem Westen und nach dem Südwesten aufs Schwarze Meer richten. Dann wird Rußland sehr wahrscheinlich wieder seinen traditionellen Marsch auf Konstantinopel antreten müssen, der nur über Bessarabien führen kann.
Das sind natürlich curae posteriores. Für den Augenblick muß man die derzeitige Regelung der bessarabischen Frage als einen außerordentlichen Erfolg Rumäniens und Frankreichs bezeichnen.
Denn Rumänien ist jetzt bis auf weiteres die Sorgen um eine ständig vom russischen Koloß bedrohte östliche Grenzprovinz losgeworden und kann seine ganze Aufmerks , ifeit den revisionsfreudigen U n - Barn und Bulgaren widmen, denen am 9.
uni plötzlich sehr viele Felle die Donau herabgeschwommen sind.
Auch in innenpolitischer Hinsicht darf man den rumänischen Erfolg in Genf nicht gering anschlagen: Titulescu hat wiederum einmal außerordentlich geschickt operiert und seine Unentbehrlichkeit unter Beweis gestellt. Eine arbeitsfähige Regierung ist in Rumänien aber zurzeit nur möglich, wenn ihr Titulescu als Außenminister angehört. Da Titulescu aber ein eingefleischter Gegner jeder Diktatur- oder autoritärer Regierung ist, wurde in gewisser Hinsicht auch dem parlamentarischen Regime in Genf der Rücken gestärkt. Dazu kommen noch allerlei wirtschaftliche Vorteile: gute Beziehungen mit Rußland werden das internationale Kapital, das bisher in Rumänien sich sehr zurückhaltend gezeigt hat, vielleicht zu neuen Investitionen ermuntern, auch Bessarabien selbst wird einen Aufschwung nehmen. Denn durch die Grenzziehung von 1918 hatte sie ihr Hinterland, den „Magen Odessa" verloren; das Wirtschaftsleben Bessarabiens stagnierte 16 Jahre lang und niemand wagte irgend eine Arbeit auf weite Sicht anzufangen. Alles das hat sich mit einem Schlage geändert, und der Jubel in Bukarest ist also begreiflich. Dor allem eben, weil sich auch die außenpolitische Stellung Rumäniens mit einem Schlage wieder erheblich verbessert hat. Es ist jetzt wieder ein vollwertiges Glied in jener großen Front geworden, die sich von Paris über Prag- Belgrad durch Mitteleuropa nach Bukarest und darüber hinaus bis Moskau hinzieht, und auf deren Fahnen die Parole „gegen jede Revision der Friedensoerträge" groß ausgezeichnet ist. Und die Freude, jetzt auch das 160 Millionen- Volk der Russen im Lager der Revisions-Feinde be= grüßen zu können, ist in Bukarest beinahe noch größer als der Jubel über das bis auf weiteres gesicherte Bessarabien ...
Die Geschichte des Freikorps wird geschrieben...
Ein Museum sammelt Andenken und wandert durch Deutschland.
Das Schlageter-Museurn in Berlin wird jetzt eine wesentliche Erweiterung erfahren: es wird zu einem Museum der Freikorps ausgebaut. Gleichzeitig werden dort alle Unterlagen gesammelt, um die Geschichte der Baltikum-, Oberschlesien- und ähnlichen Kämpfe zu schreiben.
Eine stille Privatstraße in Berlin. Mitten in der Stadt, und doch abseits vom Lärm. Selten kommt ein Wagen vorbei: denn „Durchfahrt verboten" heißt es an den beiden Enden der kleinen Straße.
In einem der Häuser allerdings herrscht augenblicklich viel Trubel: es wird nämlich der Grundstein zu einem Museum gelegt, das dem Freiheitskampf des deutschen Volkes nach 1918 gewidmet ist.
Nicht etwa, daß nun Maurer und Zimmerleute kommen, Lastfuhrwerke Steine anfahren, über Pläne gebrütet und gar ein Haus errichtet wird: dieses Museum wird gleichsam aus dem Geistigen heraus geschaffen. Jeder Teilnehmer an den Freiheitskämpfen, mag er im Baltikum, mag er im Westen Deutschlands gegen die Separatisten, in Berlin gegen die Spartakisten oder beim Grenzschutz in Oberschlesien gestanden haben, ist zur Mitarbeit aufgefordert, jeder ist Mitarbeiter. Und jeder, der dazu in der Lage ist, trägt gern zum Aufbau dieser einzigartigen Sammlung bei.
Dicke Mappen füllen sich: mit Bildern, Abzeichen, Berichten, Schilderungen von Erlebnissen, Generalstabskarten, Befehlen, Verordnungen. Aufrufen an
die Bevölkerung, Flugblättern der Gegner und ähnlichem. Alles durcheinander. Die Sichtung erfolgt erst langsam — und was dabei herauskommt, wird die Geschichte der Freikorps werden. Sie soll geschrieben werden einmal nach rein sachlichen Grundsätzen, in Zusammenarbeit mit dem Reichsarchiv, und dann wieder auf Grund persönlicher Eindrücke.
Weiteste Kreise beteiligen sich daran. Leute, die einst einfache Soldaten waren, aber auch Führer — bis hinauf zu den höchsten Kommandostellen von einst.
Am ausführlichsten hat man bisher die Geschichte des Freikorps von Randow, das im Baltikum kämpfte. Es sind sämtliche Unterlagen da, von dem Tage, an dem seine Gründung erfolgte, bis zu seinem teilweisen Aufgehen in die Reichswehr. Jedes Gefecht ist auf einer Generalstabskarte auf- gezeichnet, jeder Befehl ist da, jede Verordnung an die Bevölkerung, in deutsch, lettisch und russisch, und sehr viele Bilder.
Im Laufe der Zeit hat man f a st alle ehemaligen Freikorpsführer erfaßt. Teilweise leben sie in Deutschland, mitunter in hohen Stellen wie Ministerpräsident von K i 11 i n g e r , Oberst Reinhardt, manche sind wie Hauptmann Freiherr von B r a n b i s führend auf dem Siedlungsgebiet tätig, mitunter sind sie aber auch im fernen Ausland, dort um ein neues Leben ringend, in der stillen Hoffnung, daß auch für sie einst wieder Platz in der heißgeliebten Heimat sein werde.
Nun, wir wissen, daß auf her Shakespearebühne keinerlei „Werkzeuge" und „Maschinen" vorhanden waren. Wir wissen auch, daß die Griechen im klassischen Altertum auf alle Jnszenierungskünste, wie sie etwa bei den „Meiningern" in Hochblüte standen, verzichten konnten. Und wir wissen schließlich auch, daß heute bei her Abkehr von der Guckkastenbühne und dem Drang zum Freilichtschauspiel, dem Thingspiel, auf alles verzichtet wird, was irgendwie mit „Kulisfenzauber" zusammenhängt.
Trotzdem wirkten die Tragödien der Griechen, trotzdem wirkten die Dramen Shakespeares, und trotzdem wirken heute die großen Freilichtspiele. Wodurch? Sie wirken nicht durch die Illusion der Bühnenausstattung, sondern durch die Illusion des Dichterwortes! Niemand denkt daran, dem Zuschauer im Theater und (wir können es hier gleich hinzufügen) dem Hörer am Lautsprecher die Illusion zu rauben! Nur verlangen wir vom Dichter, daß e r diese Illusion bewirkt und nicht der Inspizient oder der Be- leuchtungsmeister hinter den Kulissen oder der Mann im Senderaum, der mit der Kelle in der Badewanne „Meeresrauschen" macht! Mit anderen Worten: Wie wir auf der Bühne nur den Dichter und sein Wort zur Geltung kommen lassen wollen, so auch im Rundfunk! Nicht die Geräuschkulisse soll herrschen (dominieren), sondern das Dichterwort. Nicht blasser Ersatz soll wirken, sondern das lebendige Genie des gottbegnadeten Dichters.
Aus dieser erkannten Wahrheit gilt es auch für den Rundfunk Schluffe zu ziehen. Was einst im alten Rundfunk zur Modetorheit und damit zur Verkennung des Hörspiels wurde, muß verschwinden. Fort mit dem Kulissenzauber, der nur unnötiges Beiwerk ist? Weise Beschränkung auf die aller- notwendigsten Geräuschkulissen, wenn sie denn nicht gan,3 zu vermeiden sind! Das Wort des Dichters soll durch sich allein wirken und Stimmung erzeugen, Ja — so hören wir einige einwenden, wenn nur das ÄZort noch wirken soll, dann dürfen fortab ja nur wirkliche Dichter Hörspiele verfassen! Wir glauben, daß dagegen kein deutscher Rundfunkhörer etwas einzuwenden hätte.
Oer beste Angler.
Von Hans Natonek.
Als an der Tischrunde „Petri Heil" die Frage aufgeworfen wurde, wer der beste Angler sei, wurden viele Geschichten erzählt. Solche Aale (Armbeuge im Ellenbogengelenk) und ein Fünf- Pfund-Barsch, der sechsmal anbiß, immer wieder loskam und erst beim siebenten Male festsaß, flogen nur so durch die gualmdicke Luft.
„Stop", sagte da einer, der bisher nichts zum Besten gegeben hatte, „das ist alles nichts; das kennt
man. Da war aber ein gewisser Wilhelm Römers, Rentenempfänger und ohne Beschäftigung, der machte jeden Tag, den Gott werden ließ, feinen Kahn fest, draußen am Dock an der alten Fähre. Er warf Grundangeln aus und angelte mit drei Stöcken und allen Schikanen, von morgens früh bis abends spät und ließ es sich nicht verdrießen, daß das Mufchelzeug sich an feinen fetten Würmern mästete.
Damals war es bei Frau Röwers wieder einmal so weit und das Achte im Kommen. Sie schickte ihre Schwester ans Hafenbassin, wo die Segeljachten und Dampfer liegen, sie möchten doch hinüberrufen zur alten Fähre, damit Wilhelm rasch nach Hause komme.
Wilhelm sah nach der Angel, ruhevoll, die kalte Pfeife im Mund, die warme Sonne auf den Hemdsärmeln, ließ die Würmer schwimmen, die Fische einen guten Tag haben und war versunken und glücklich eingesponnen vom Schilfgeflüster und vom Geruch des geteerten Holzes.
Grete rief und winkte, Wilhelm rührte sich nicht, den Blick auf den Schwimmer, Statue eines Anglers. Der Wind trägt doch aut hinüber, denkt Grete, legt die Hände an den Mund und ruft nochmal. Er könnt doch wirklich mal rüberschauen, schließlich geschieht ja auch hier drüben was und nicht nur bei Aal und Barsch.
Gerade wo sie steht, hat eine Segeljacht festgemacht. Ob der Herr nicht so freundlich sein möchte, den Angler drüben mit der Bordpfeife zu rufen; eine Bordpfeife bringt besser durch als die Stimme, bat Grete.
Der Herr von der Segeljacht ließ die Bordpfeife schrillen, daß die Möven erschreckt hochgingen. Aber der Schimmer von Wilhelms Angel zuckte nicht einmal. Aus den Kojen der Dampfer und Fischkutter lugen Köpfe hervor: Was ist denn los? Stärker tönte die Bordpfeife; Grete hat dem Herrn von der Segeljagd die dringliche Ursache zugeflüstert. Ein Aufhorchen ging durch den kleinen verschlafenen Hasen. Der Frachtdampfer „Hertha Ahrens", der eben aus Stralsund eingelaufen war, ließ aus voller Kehle die Dampfsirene gehen, was er sonst niemals tat. Was war denn passiert? Kein Nebel, kein Sturm in Sicht, die See glatt und blau. Vielleicht Mann über Bord? Vielleicht brennts? Der Vergnügungsdampfer „Onkel Bräsig" ließ es sich nicht nehmen, mitzutun, und darauf sah sich die Konkurrenz „Lütte Hanne" veranlaßt, ins gleiche Horn zu stoßen.
Die Fenster der niedrigen Häuschen längs des Bassins waren voll von Leuten, die irgendein aufregendes Schauspiel erwarteten. Grete blieb der Atem weg vor Bestürzung, was sie da angerichtet hatte. Nun stimmte auch noch das Lotsenboot ein, und schließlich gab es kein Schiff, das sich, angesteckt
Alle haben sie gern das zur Verfügung gestellt, was sie noch besessen. Nur seltsamerweise: über den Grenzschutz 1919 ist wenig vorhanden. Wer also noch etwas darüber weiß ober gar aus biefen Tagen Andenken zu Hause hat, der gebe sie her; mag es ihm noch so unscheinbar und unwichtig dünken: hier, im Schlageter-Museurn in der Hildebrandstraße, kenn man es gebrauchen. Man ist für alles dankbar.
Denn darum handelt es sich ja: das Schlageter- Museurn zu einem Museum aller Freikorpskämpfer zu erweitern. Und ihre Geschichte zu schreiben: Geschichte, nicht Geschichten. Denn es kommt unter anderem auch darauf an, die Gerüchte zu zerstören, die da behaupteten, die Krieger von damals feien eigentlich Abenteurer gewesen. Nein: es waren Helden, Leute, die ihr Vaterland über alles liebten, die nicht nach ihren persönlichen Vorteilen und Einkünften fragten, sondern nur einen Gedanken hatten: die Heimat zu retten. Und wer bei den Freikorps damals nicht so dachte, der wurde beizeiten ausgemerzt.
Unter dem, was bisher schon eingegangen ist, befindet sich viel Bemerkenswertes: da ist die Flagge eines bolschewistisch-lettischen Regiments, in der Gegend von Riga im Kampfe erbeutet. Eine Seltenheit. Denn in der Regel kannte man damals keine Fahnen, höchstens einfache Abzeichen. Eine andere Fahne spricht von einem Kampf um einen Gutshof in Oberfchlefien. Die Deutschen haben sie sich vom Mast herunter geholt.
Oder: das ist die Depesche, durch die Ebert den Reichswehrgeneral Selle aufforderte, im Sinne der Regierung für Ordnung zu sorgen — und dessen Antwort: er handle im Auftrag der Regierung. Aber er meinte eine andere als die Ebertsche. Da findet man die von Ebert und Scheidemann unterschriebene Verordnung über die Auflösung der Freikorps. Da kann man eine Reihe von Todesurteilen nachlesen, welche die Franzosen zur Zeit der Separatistenkämpfe erlassen hatten. Da sind Flugblätter, wirklich: Flug-Blätter, einst von den Franzosen aus den Flugzeugen abgeworfen, um die deutschen Arbeiter unter allerlei Vorspiegelungen zur Aufgabe bes passiven Wider- standes zu bewegen. Da sind Lockmittel der Kommunisten, goldene Verheißungen, da Briefe von Korpsführern aus aller Welt an ihre Leute — unzählige Beweise aus der Zeit der ersten Kämpfe gegen das alte System.
Daneben dann eine Fülle anderer, mehr privater Erinnerungen. Man könnte ein Haus damit füllen. Und will es auch. Vorerst hat man allerdings in Erweiterung des Schlageter-Mufeums eine Schau zusammengestellt, die durch ganz Deutschland wandern soll. Sie wird in Stuttgart ihren Anfang nehmen, dann nach München kommen, den Westen bereifen, in Essen und Dortmund länger Halt machen und schließlich in Berlin enden, wo sie für ständig bleiben wird. Dann wird man aber auch ein eigenes Haus einrichten — ober ein altes dafür umbauen müssen. Schon jetzt braucht man, um bloß das Wichtigste zu zeigen, eine Halle von 50 Meter Länge und 23 Meter Breite.
Damit ist man aber noch nicht zufrieden. Vieles fehlt noch. Mit großer Anstrengung wird zum Beispiel nach der Ühr Schlageters gesucht. Er hatte sie einst in einer kleinen Stadt versetzen müssen, weil er dringend Geld brauchte. Er hat sie nie eingelöst . . . Der Uhrmacher, der sie übernommen hatte, hat sie weitergegeben. Wer weiß, wer sie heute trägt — wer weiß, wer sie jetzt sein Eigen nennt, ohne zu ahnen, wem sie früher gehörte. Aber vielleicht läßt sie doch noch der Zufall aus dem Meer des Unbekannten auftauchen.
So wird hier eine in jeder Beziehung seltsame Sammlung erstehen: das Hohelied des vaterländischen Geistes, der auch durch den Umsturz von 1918 nicht zu unterdrücken war und der jetzt, im heutigen Staat, feine beglückende Auferstehung erlebt hat.
von dem quietschvergnügten Lärm, an ihm nicht beteiligte, als wäre irgendein hoher Herr angekommen ... Und selbst das stahlgraue Torpedoboot „Wolf", das am Ende des Bassins vertäut lag, hatte den Signalmaat in den Mast hinaufgeschickt, und der fuhrwerkte nun mit seinen beiden Fähnchen durch die Luft, daß es eine Lust war. Dem Herrn mit der Bordpfeife war vor Lachen die Puste aus- gegangen, und Wilhelm, der Versonnene, spürte gerade, wie ein Barsch an seinem Würmchen leckte und hielt still, wie aus Erz gegossen und ließ die Welt Welt sein.
Sehen Sie, meine Herren, das war der beste Angler. Nicht weil er großartige Burschen unter den merkwürdigsten Umständen herauszog, sondern weil für ihn alles ringsherum versunken war. Ein richtiger Angler ist so wie Wilhelm: losgelöst von der Unruhe der Welt, verzaubert, glücklich in der Erwartung wessen? Einiger lumpigen Plötze. Aber der festliche Lärm war doch nicht umsonst, denn Römers der Achte war inzwischen angekommen.
Zeitschriften.
— „Was wissen wir vom Krebs?" Die „Süddeutschen Monatshefte" (München) lassen in ihrem Juniheft eine Reibe maßgebender Krebsforscher zu diesem Problem sprechen. Max Borst hat die Gedanken, die man sich über das Zustandekommen des Krebses macht, in feinem Artikel „Allgemeines über Wesen und Ursachen des Krebses" erörtert. Bernhard Fischer-Masels (Frankfurt a. M.), einer unserer erfahrensten Krebsforscher, nimmt zur Frage der „Reiz- und Berufskrebse" Stellung. Immer wieder wird im Volke davon gesprochen, daß der Krebs eine ansteckende Krankheit sei und durch Berührung übertragen werden könne. Daß diese Auffassung unrichtig ist, setzt Otto R. Teutsch- länder (Heidelberg) auseinander. Eine mehr theoretischen Beitrag hat Georg Herzog (Gießen) geliefert in feiner Arbeit „Krebs und Gewebezüch- tung". Aus Versuchen am gezüchteten Gewebe lassen sich Anhaltspunkte für eine wirksame Krebsdehand- lung gewinnen. Der Würzburger Chirurg Fritz König berichtet über die Aussichten von Operationen, der Strahlenforscher Hermann Holthusen über die Behandlung des Krebses durch Röntgen- und Radiumbestrahlung. Schließlich faßt Hans Auler hie anderen Möglichkeiten, den Krebs zu behandeln, zusammen. Beherzigenswerte Vorschläge macht Albert Dietrich in seinem Aufsatz „Die Organisation der Krebsbekämpfung". Hans Dornedden weift nach, daß der Krebs an Häufigkeit nicht zu genommen hat, sondern daß gewisse Fehler in der Deutung von Statistiken diesen verhängnisvollen Irrtum, der viele Menschen ganz unnötig erschreckt hat, aufkommen ließen.


