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Mittwoch. 25. April W

Nr. 96 Erster Matt

184. Jahrgang

Gießener Anzeiger

Das Ergebnis der französisch-polnischen Aussprache

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mehr und mehr an Vaden gewinnt, dah das ur- fprüng.liche Recht der Selb st Verteidi­gung und der Gleichheit, das jede Ration von Ehre für sich beansprucht, Deutschland nicht versagt werden kann. Aus persönlicher Erfahrung habe er den Eindruck gewonnen, dah beinahe allenthalben der Mann auf der Strahe diese Tatsache bereits aner­kannt hat. Niemand in der Welt bestreite die Mäßigung unserer Forderungen nach Verteidigungs­waffen. Die mahoollen Forderungen Adolf Hitlers und der Relchsregierung zeigten auf der einen Seite den unerschütterlichen Willen, das Vaterland zu ver­teidigen und ihm das Gefühl der Sicherheit zu geben und auf der anderen Seite den Wunsch nach einem wahre »Frieden in Europa.

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Polen als Großmacht anzuerkennen, aber dies werfe die Frage der Minderheitenverträge auf. Die gegenwärtig für Polen bindenden Minder­heitenverträge seien unvereinbar mit dem Range einer Großmacht.

Der PariserTimes"-Korrespondent schreibt u. a.: In Paris wird nur zu deutlich begriffen, daß eine Ueberprüfung der Lage dringend not­wendig war. Die aus Warschau eingetroffenen Be­richte lassen keinen Zweifel darüber, daß a u f beiden Seiten manches deutliche Wort gesprochen worden ist. Es ist offenbar klar gemacht worden, daß Polen durchaus auf gleichem Fuße behandelt zu werden wünscht und daß es in Zukunft keine prinzipielle Solen betreffende Entscheidung geben darf, ohne

London, 25. April. (DRV. - Funkspruch.) Der Beauftragte für Abrüstungsfragen, Joachim von Ribbentrop, erklärte einem Reutervertreter in einer Unterredung u. a.» er vertraue darauf, dah trotz vieler Schwierigkeiten der gesunde 2H e n - chenverstand sich schließlich durchsetzen und zu einer dauernden Lösung des Abrüstungs- Problems führen werde. Sein Ziel fei, den Weg ür ein Abrüstungsabkommen zu ebnen, das auf Gleichheit beruht und Europa den Frieden gibt und somit in diesem Teil der Welt das G e - ühl der Sicherheit und des Ver­trauens wieder herstellt, das für die Wieder­herstellung des europäischen Wirtschaftslebens fo bitter notwendig ist. Die Lage müsse geklärt werden, aber er glaube, dah in allen Ländern der Gedanke

Eine dehnbare These.

Tokio, 24. April. (DNB.) Das Kabinett hat sich offenbar mit den Rückwirkungen beschäftigt, die durch die offiziöse Verkündung einer Art ostasiati­schen Monroedoktrin in der übrigen Welt ausgelöst worden sind. Es wurde eine beruhigende amtliche Verlautbarung ausgegeben. Sie besagt:

Japan könnte es nicht widerspruchslos dulden, wenn aus anderen Ländern zur mili-

lungen zwischen Washington und London dürften je nach dem Ausfall der Antwort Japans möglicher­weise zu einer öffentlichen Stellung­nahme beider Länder führen.

Inzwischen ist Botschafter Saito bemüht, die Erregung, die seine Ausführungen in Washington heroorgerufen haben, zu dämpfen. Er erklärte, Japan plane weder ein Protektorat in China noch eine Verletzung des Neun­mächtevertrages. Japan verlange jedoch, daß China seinerseits nicht gegen den Grundsatz der Offenen Tür verstoße. Der Botschafter meint offen­bar hiermit den Boykott japanischer Wa­re n in China.

Japan will binnen 3 Jahren seine Luftflotte verdoppeln.

London, 24. April. (DNB.) Wie Reuter aus Tokio meldet, wird die japanische Luftflotte, die augenblicklich aus 646 Flugzeugen besteht, im Laufe von drei Jahren beinahe verdoppelt werden. Im Jahre 1936 wird Japan 500 Flugzeuge mehr besitzen als jetzt. Diese Vergrößerung der Luftflotte wird Kosten in Höhe von 44 Millionen Pen verursachen, die bereits in den kürzlich an­genommenen Haushalt ausgenommen worden sind. 111 amerikanische Kriegsschiffe binnen 24 Stunden durch den Panamakanal geschleust.

Panama, 25. April (DNB.-Funkspruch.) Die Handelsschiffahrt durch den Panamakanal ist wegen der Flottenmanöver vorübergehend gesperrt worden. 30 Schiffe, darunter der bri­tische KreuzerExeter" warten auf die Beendigung der großen Hebung, die darin besteht, 111 amerika­nische Kriegsschiffe binnen 24 Stunden durch den Kanal zu schleusen. Ein amerikanischer Ma­rineoffizier ist an Bord des britischen Kreuzers gekommen. Er hat die Manöverlage erläutert und wegen der Verzögerung um Entschuldigung gebeten.

Wieder der alte Zustand an der Prager deutschen Universität.

Prag, 24. April. (DNB.) Wie bereits gemeldet, wurde durch das tschechoslowakische Ministerium für öffentliche Arbeiten die Verwaltung des Karolinums, des Sitzes des Akademischen Se­nats und der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Prager Deutschen Universität, in die Händedes Rektors der Prager tschechischen Uni­versität gelegt. Hiergegen hatte der Akademische Senat der Prager deutschen Universität Ein­spruch erhoben. Der Protest hatte nun einen ra­schen Erfolg. Auf ministerielle Anweisung hin wurde der alte Zustand wiederhergestellt. Die Verwaltung des Karolinums verbleibt somit, wie es sonst bei allen Unterrichtsgebäuden üblich ist, bei der Landesbehörde. Gleichzeitig wurde die Kün­digung der in dem Gebäude des Karolinums untergebrachten Geschäftsräume zurückgenommen.

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Nach dem Frühstück bei Außenminister Beck hat sich Barthou in Begleitung von Beck gegen 18 Uhr nach Krakau begeben. Am Dienstag wurden der deutsche Gesandte und der sowjet- russische Botschafter von Außenminister Beck empfangen.

Veränderte Grundlagen.

Paris wird der Grotzmachtstellung Polens Rechnung tragen müssen.

Paris, 25. April. (DNB.-Funkspruch.) Die amt­liche Erklärung, mit der der offizielle Besuch des französischen Außenministers in Warschau abge­schlossen wurde, wird von der französischen Presse als neuer Beweis für den Fortbestand des franzö­sisch-polnischen Bündnisses begrüßt. Nichts desto- weniger sind sich einsichtige Kreise darüber klar, daß die Lage sich gegenüber früher we­sentlich geändert habe und Frankreich von sich aus große Anstrengungen machen müsse, um der polnischen Mentalität und den politi­schen Neigungen Polens gerecht zu werden.

Der Vertrer desMali n", ein gebürtiger Pole, stellt seine Betrachtungen auf dieErwärmung der Atmosphäre" ab, die es seiner Ansicht nach gestatten werde, eine französisch-polnische Freundschaftspolitik in folgenden Fragen zu er­möglichen: Anpassung des Militarab- kommens von 1921 an die heutigen Verhältnisse und Vorzugsbehandlung in den Wirt­schafts- und Handelsbeziehungen. Der Außenpolitiker desJournal" schreibt von War­schau: Wenn wir das Bündnis erneuern und wirk­sam Zusammenarbeiten wollen, dann müssen wir uns entschließen, dem Geisteszustand Po­lens Rechnung zu tragen. Durch ein ener­gisches Auftreten in der Abrüstungsfrage gegenüber Deutschland und durch ein geschicktes A u s s p i e l e n Rußlands gegen Deutschland werde Frankreich Polen bei der Stange halten können.

Am treffendsten scheintDeuore" die Lage zu schildern: Materiell gesprochen ist gegenwärtig das Bündnis mit Polen noch gerechtfertigter als 1921. Mehr denn je ist dieses Land in Osteuropa für die Erhaltung des Friedens notwendig. Das Haupt­ergebnis der Reise Barthous dürfte fein, dre wirkliche Stärke dieses Landes f e st - g e fte II t und vor allem die Erkenntnis gewonnen zu haben, wie notwendig es ift, d i e At­mosphäre des Wohlwollens und des Vertrauens zwischen beiden Ländern zu ü be r w a ch e n. Auf jeden Fall haben wir dann die Gewißheit, daß der deutsch-polnische Paktnie; mals als mögliche Grundlage der Politik Pilfudskls angesehen wird. Doch machen wir uns keine Illu­sionen: Die Politik Polens in Osteuropa wird uns sicher noch manche Enttäuschung und manches Kopfzerbrechen bereiten

Petit Parisien" will melden.können, daß Bar- thou erneut die Versicherung erhalten habe, daß die polnische Regierung das Bündnis mit Frankreich durchaus a u f r e ch t z u e r h a l t e » wünsche Beck habe außerdem formell bestätigt, daß der deut ch- polnrsche Pakt sich auf einen Vertrag zur Herstel­lung gutnachbarlicher Beziehungen beschranke und keine sonstigem Verpflichtungen ent­halte.

Englische Eindrücke.

Deutschlands Kriedensprogramm

(Sine Unterredung mit dem Beauftragten für Abrüstungsfragen.

Japan erläutert den neuen Kurs seiner Ehina-Politik.

Keine finanzielle Hilfe anderer Mächte für China, die politischen Anstrich hat.

dessen befindet sich der sachliche Inhalt dieser Er­klärung nicht im Widerspruch mit dem Grund­satz, daß allen Mächten in China nach dem Prinzip der offenen Tür gleiche Mög­lichkeiten geboten sind. Auch wird mit die­ser Erklärung keineswegs die Unversehrt­heit des chinesischen Gebiets ange- t a st e t.

Die japanische Regierung hat nichts einzuwenden und wird auch in Zukunft nichts einwenden, wenn die Mächte China eine Hilfe ohne politi - f ch e Hintergründe angedeihen lassen, so etwa in Gestalt der Verwendung der aus der Boxer- Entschädigung zur Verfügung stehenden Summen oder in Gestalt wirtschaftlicher Verhandlungen ohne politischen Hintergrund. Kulturelle Hilfeleistung an China wird von der japanischen Regierung durch­aus willkommen geheißen. Indessen kann die ja­panische Regierung die Augen nicht davor ver­schließen, daß die finanzielle und technische Hilfe des Auslands für China die Neigung zeigt, eine politische Farbe und Bedeutung anzu­nehmen. Deshalb muß die japanische Regierung im Interesse der Aufrechterhaltung des Friedens im Fernen Osten gegen eine so beschaffene Hilfe Widerspruch einlegen. Abmachungen über die Lieferung von Militärflugzeugen und Waf­fen können nur dazu beitragen, den Frieden und die Einigkeit Chinas zu stören. Das ist die Lage, in der sich die japanische Regierung sieht und sie hat den Wunsch, daß die Mächte diese Lage be­greifen.

planen Amerika und England eine gemeinsame Aktion?

W a s h i n g t o n, 24. April. (DNB.) In amtlichen Kreisen wird zugegeben, daß die Regierung der Vereinigten Staaten mit dem Londoner Außenamt über eine gemeinsame Haltung gegenüber den Erklärungen, die Botschafter Saito dem Washington Star" gegeben hat, Verhandlungen begonnen habe. Englands Anfrage in T o - k i o, so wird gesagt, sei durchaus im Sinne der amerikanischen Regierung gehalten. Die Verhand-

daß es vorher befragt worden ist. Allerdings wird französischerseits darauf hingewiesen, daß auf beiden Seiten Fehler dieser Art ge­macht worden sind. Die polnischen Interessen wur­den mehr aus Nachlässigkeit als absichtlich bei der Abfassung des Viermächtepaktes unbeachtet gelassen, und während der Verhandlungen über die deutsch- polnische Vereinbarung ist die französische Regie­rung ohne jede Information geblieben. In Paris hofft man, daß beide Mächte künftig in engerem Einvernehmen miteinander handeln werden. Die Franzosen sind geneigt, s i ch mit der deutsch- polnischen Vereinbarung abzufinden, da darin ein Mittel zu sehen ist, die Spannung an einem der Gefahrenpunkte Europas zu vermindern.

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tärischen Verwendung bestimmte Flugzeuge und Waffen nach China eingeführt werden. Die japanische Regierung ist der Ansicht, daß es dem Frieden im Fernen Osten sehr förder­lich sein wird, wenn Japan im Gei st guter Nachbarschaft mit China zusammen- die vor

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ßonbon, 25. April. (DNB.-Funkspruch.) Heber das Ergebnis des Besuches des französischen Außen­ministers Barthou in der polnischen Hauptstaot sagt derTirnes"-Korrespondent in Warschau u.a., die Fragen der Abrüstungspolitik und des Völker­bundes, sowie die Art und Weise, in der das fran­zösisch-polnische Bündnis mit dem deutsch-polnischen Pakt und anderen Verpflichtungen in Einklang ge- vracht werden könnten, seien alles andere als geregelt. Frankreich sei durchaus bereit,

arbeitet. Die nicht amtliche Erklärung, einigen Tagen erfolgt ist, stellte nichts ande als eine Erweiterung dieser Politik. Infolge-

Oie amtliche Mitteilung über Barthous Besprechungen Warschau, 24. April (DNB.) Heber den Be­such des französischen Außenministers Barthou in Der polnischen Hauptstadt wird folgende amtliche Mitteilung ausgegeben: Der zweitägige Besuch Barthous in Warschau hat zu einem längeren und aufrichtigen Meinungsaustausch zwischen den Mitgliedern der polnischen Regierung und Minister Barthou geführt. Die Besprechungen be­zogen sich auf die allgemeinen Linien der polnischen und der französischen Politik und erstreckten sich auf alle im Vordergrund stehenden Fragen, die ins­besondere die beiden Länder interessieren. In einer Reihe von Hnterhaltungen, die Barthou mit dem polnischen Außenminister Beck hatte, und ins­besondere im Laufe einer sehr langen Unterrebung mit Marschall Pilsudski am 23. April im Bel­vedere wurde vor allem festgestellt, daß die Grund- lagen des polnisch-französischen Bünd­nisses absolut unverändert blieben, und daß dieses Bündnis ein wichtiges konstruktives Element in der Entwicklung der europäischen Politik bildet. Die Prüfung der großen aktuellen Fragen hat den gemeinsamen Willen beider Re­gierungen bekräftigt, die loyale Zusammenarbeit besonders zugunsten des europäischen Friedens fort- zusetzen. Die Reise Barthous nach Krakau, wo er zusammen mit Außenminister Beck den letzten Tag seines Aufenthaltes in Polen verbringt, wird beiden Ministern Gelegenheit geben, ihre Unter­haltungen in derselben Atmosphäre der Herzlichkeit fortzusetzen.

RvinamscherSyndikaliSmuS.

Der putschistische Marxismus hat in der Form des Anarcho - Syndikalismus in den romanischen Ländern nicht die Form einer Massenorganisation gefunden. Weder der spanische noch der französische Arbeiter ist in dem Sinne organisationsfähig wie der deutsche, aber von Zeit zu Zeit versuchen ein­zelne Männer, den putschistischen Gelüsten ein Ventil zu öffnen und es kommt dann zu jenen Re-

volutionen, die die Zeiten erstarrter Demokratien nur episodenhaft unterbrechen. Fast alle maßgeben­den französischen Staatsmänner predigten einst den Syndikalismus. Briand sowohl wie Clemenceau haben als junge Advokaten die Barrikadenromantik getrieben. Erst als sie zur Macht gelangten, drehten sie den Spieß um. Als Clemenceau in feiner Eigen­schaft als Ministerpräsident die Streiks der Eisen­bahner und Postbeamten durch den Einsatz von Militär niederwarf und ihm seine ehemaligen Ge- nassen Verrat vorwarfen, antwortete er zynisch: Jetzt stehe ich auf der anderen Seite der Barri­kade!" Man kann nicht hüllenloser die Unmoral des Geschäftspolitikers innerhalb des parlamentarischen Getriebes darstellen als es durch Clemenceau ge­schah.

Der Syndikalismus an und für sich ist die Ver­neinung des Parlamentarismus. In Frankreich so­wohl wie in Spanien. Die französischen Gewerkschaften haben verhältnismäßig wenig Mitglieder; der Fran» zose ist nicht nur ein schlechter Steuerzahler, son­dern scheut sich vor allem auch, Beiträge zu Berufs­organisationen zu entrichten. Daher find die Ge­werkschaften in den Ländern romanischer Zunge noch niemals in der Lage gewesen, einen politischen Streik oder eine Lohnbewegung längere Zeit durch­zuführen. Die Generalstreiks sind zumeist von kur­zer Dauer, sie umfassen immer nur einzelne Be­rufsverbände. Denn, wie im Vorjahre in Frankreich Winzer revoltieren, in einzelnen Getreidegegenden die Bauern rebellieren, jetzt die Beamtenverbände in den Streik eintreten wallen, so ist das alles nur ein kurzes Strohfeuer. Allerdings darf man nicht vergessen, daß diese Scheiterhäufchen um den Par­lamentarismus leicht, wie 1830, 1848 und 1871 zu einem kommunistischen Großfeuer werden können.

Eigentümlich bleibt dabei, daß Art und Aus­tragung dieser Kampfe van einer seltsamen Gleich­mäßigkeit ist. Die französischen Syndikate werden zumeist gelenkt durch Hitzköpfe, die die bestehende soziale Ordnung verwerfen und glauben, sie durch einen einzigen Schlag über den Haufen werfen zu können. Die Theoretiker dieses Sozialismus waren der Auffassung, daß Marx sich irrte, als er glaubte, das Kapital balle sich zusammen und verproletari- siere die Mittelschichten derart, daß eines guten Tages aus dem Schoße der Gesellschaft heraus die marxistische Staatsform vollständig fertig ent­springe wie einst Pallas Athene dem Haupte des Zeus. Insofern hatten diese marxistischen Kritiker des Marxismus Recht. Tatsächlich hat die ökono­mische Entwicklung die marxistische Irrlehre beiseite geschoben. Die Derproletarisierung nahm nicht zu, vor allem in der Landwirtschaft wuchs die Zahl der kleinen und mittleren Betriebe und gerade in Frankreich und Spanien mit ihrer stark agrarischen Bevölkerung war daher der Marxismus eine aus­sichtslose Sache geworden.

Der Antiparlamentarismus dieser Syndikalisten ging ferner van der Tatsache aus, daß durch eine Parlamentsmaschine keine Aenderung der Gesell­schaftsordnung erzielt werden könne. Es müsse also, so lehrten sie, die revolutionäre Bewe­gung in Fluß erhalten werden, durch ständige außerparlamentarische Aktionen seien die Massen in marxistisch-revolutionärer Bewegung zu halten, durch einzelne Akte der Gewalt müsse man, wie sich einer der Lehrer des Bolschewismus, Nekrasow, ausdrückte, erst dem Staatskörper den Atem, dann das Leben rauben. Diese Bewegung rauschte vor allem in den Jahren 1907, 1908 und 1909 in Frank­reich auf und führte zu Meutereien im Heer, so in Narbonne, in Montpellier. Heute frißt dieses Gift wieder in Frankreich. Es kommt fast täglich zu Zusammenstößen der Syndikalisten, mit denen die Kommunisten zusammengehen, und den Ver­tretern des Ordnungsprinzipes.

Gleichzeitig ist aber auch diese Bewegung i n Spanien wieder lebendig geworden. Nach dem Sturze der Monarchie hat der Marxismus, wie überall in der Welt, nicht vermocht, die Verheißun­gen zu erfüllen, er konnte feine Macht nur miß­brauchen, alle Ansätze zu einer Agrarreform blie­ben stecken, das Bonzentum nahm überhand, bis durch die letzten Wahlen au den Cortes war keine Entscheidung, aber immerhin soviel erreicht wurde, daß die Rechte sich stärkte und die Regierung Ler» roux die Marxisten abschüttelte. So von den Ruder­bänken geworfen, hat der Marxismus in Spanien die syndikalistische Taktik angenommen und vor allem durch einzelne Streiks politischer Art die an und für sich schlechte Wirtschafts- und Finanzlage noch weiter verschlechtert und das Massenelend ver­mehrt. Das Ziel bleibt ein syndikalistischer Generalstreik nach französischem Muster.

Aber wie in Frankreich ist auch in Spanien die Gegenbewegung erstarkt. Es ist dem Klerus gelungen, einen Teil der Massen, die sich durch die Gottlosenbewegung der Anarcho-Syndikalisten eben­so angeekelt fühlten wie durch die sinnlose Ver­nichtung von Werten und aller Keime eines Wieder­aufbaues zu sammeln, der spanische Patriotismus hat sich aus einer Bewegung verstärkt, die den Par­lamentarismus und Syndikalismus gleichmäßig als Krebsschaden ansieht. Die Regierung Lerrvux scheint aus Kerenski-Naturen zu bestehen. Sie schwankt hin , und her und hat unter dem Geschrei der Syndika» listen durch die Kammer ein Amnestiegefetz vertun- den lassen, das den Anhängern der Diktatur Primo de Riveras die Rückkehr aus der Verbannung gestatten soll. Die Amnestie ist allerdin-A von