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500 Erster Blatt
184. Jahrgang
Montag, 24-Dezember 1934
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Sietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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j:i<gei c Anzeiger Giehen tz ir I w II gen, Bäder-, Unterrichts- u.
1 loitzhecktonto: behördliche Anzeigen 6Rpf.
? iiruim Main 11686 Druck und Verlag: vrühl'fche Univerfilätz Such- und Steinörucfcrci R. Lange in Giehen. Schrlftleitnng und Geschäftsstelle: Zchulftrahe 7 Mengenabschlüsse Staffel 8
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WberDeutschland steht derWeihnachtsstern
im
t.c:en gegeben hat, der auf Mche erwachsen ist: „W^
Absicht von der Kirche ein
issprengen versuchten: der Bund blieb und
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dem Boden der eihnachten". In
Äthers Weihnacht.
j Äon D. Dr. Georg Buchwald.
gWwiel zu denken, daß das deutsche Volk
itiiMien legte es zugleich das Heilige und das Öqigen verwandte Geheimnisumwobene, xojgen , Pfingst tag — aber Weih nacht! In der hohen Feste ist seiner Seele so innig fc iHe Weihnacht.
■ jinge, ehe auf deutschem Boden die Weih- iotiyaft erklang, waren die Tage, in die dann «i!der Geburt Christi fiel, von Wundern hfl i umwoben und von uralten Sitten und tljudjen erfüllt. Vieles davon mag dann von chwls heidnisch bekämpft und beseitigt, vieles mroorben sein — aber vieles blieb bis in
[reuen tu dessen, was uns blieb, und find dankbar mt olllfrwrgfältigen Forschungseifer, der hier den Lchleietr weiter lüftet und uns Einblicke gewährt
" «M. weil es innig mit der deutschen Volks- oMriachsen war oder weil es ohne weiteres A-— A' - — —"-ß, oder auch, weil es
v i /ChrllteistMN. Und ob zu Zeiten widerchristliche ^iHlttlUliächlc ci diesem Bunde rüttelten, ja, ihn auf VllÄWinmeO w(|;. ' 7 ‘ ~......
I wurde a seirr.
H A.Jede vlerochsen war oder we UllMine it'piiid)e Deutung zuließ, । Ifü jJnutJBttx }tfein und mit Absich . , christlili^köGepräge erhielt. Wie dem auch sei: Wir Wl Heinz " 1 ■ " ...........
* SeltereweL
auZ der Das) bmoeist mit in erster Linie d i e deutsche /tz»-tzlW e l hst-ms ch t. „Das Fest der Geburt Christi hat fßüJüMr05 Gemüt, die deutsche Innigkeit und Herzen: ssimde angezogen und zu reicher Entfaltung l gebraäch!.Qchon hier zeigt es sich, daß die Verbin- lleitMM hung Win Christentum und Deutschtum nach beiden . Seitenr hm fruchtbar ist: die deutsche Art dringt in die I fcdje und ihr Fest und macht es zu dem schonst7eir.^est der Deutschen; das christliche Fest wird ein di rißsches christliches Fest. Und umge- rADDldl Eehrt, ilc kirchliche Fest mit seinem Inhalt dringt ■ vppiwi jn ^je ätsche Seele ein, vertieft, prägt und ge° Jtaltet: fi die deutsche Seele wird eine christliche «eutsch^ rieele". (Heinz Pflugk in „Die Nation vor
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Maüv rat oft gesagt, daß Luther deutsches Wesem h sich verkörpere. Das ist keine hohle Re- densaMt^s erweist sich als wahr auch daran, daß LutheMktr deutsche Mann, auch ein weihnachtlicher Menscchrar. Und will man unsere Zeit aus vielen Mißbiillm)en und Entleerungen wieder zur rechten Weihsnd, 5-feier führen, so wird man trotz der vier- hundeibtLahre, die von Luther uns trennen, immer wie bei im diesem Manne den persönlichsten Ausdruck i ii' das bleibende Vorbild echter und rechter deutfckHlWeihnachtsfeier aufzeigen können.
Lutt^k! kannte von Kindheit auf die alten deutschen Mstümlichen Weihnachtsbräuche. Er hat wohl Hb als Kind der Sitte folgend dem heiligen Nikolülll-c gewissenhaft gefastet und dann gläubig seine höhnen erwartet und empfangen. Vielleicht hat er aujuas weihnachtliche „Kindelwiegen" in der Kirchen? in! Mansfeld gesehen und mit der fröhlichen Kindemishiir dem Christkind das „Susaninne , d. h. das W unlieb (Sause ninne sause!) gesungen. Und das aiiißsi ift ihm lieb und wert geblieben und hat dann tii einem Hause und im Kreise seiner Kinder Pflsgkei|s.sunden. Da brachte auch der heilige Nikolaus 2jir - Gaben. Und wenn Luther auch vom Äinbeabiiflen inderKirche — wo man doch zu- |nmmnei?Tmmt, um „Gottes Wort zu hören", — nichts^ v sen will, so hat er doch im Hause zu Wcihsnck:en seine Kinder sich daran erfreuen und sie bemcchristkinb das „Susaninne" fingen lassen.
Unfk -schönstes Weihnachtslied ist eine Gabe Lutheav, jein „Kinderlieb auf die Weihnacht Christi: Dorn : nmel hoch da komm ich her". Dieses „Kinderlieb aber ist nichts anderes als ein echt evan- aelifckhi inb zugleich echt deutsches We i h n a ch t s- f P i eil! -eich an Gedanken aus der älteren deutschen Weihüncktsdichtung und alter deutscher Weihnachts- feier. Ji diesem Lied trug Luther die tiefste Weih- nad)ta=:£uibe ins beutsche Haus. Mit vollem Recht hat r-rarri biefes „Kinberlieb" zum „Gemeinbelied" aeinanq. Mur ist zu bedauern, daß unsere Gesang- bücheuiui wichtiges und besonders wertvolles Stück bararni nefeitigt haben. Sie lassen den vorletzten Vers ;
Davon ich allzeit fröhlich sei. Zu springen, fingen immer frei Das rechte Susaninne schön Mit Herzenslust den süßen Ton.
Durckch ilse Streichung verwischen sie das Derstänb- nis ith !öchlußverses:
ßifc, Ehr sei Gott im höchsten Thron, Ünr uns schenkt seinen eingen Sohn.
>55 freuet sich ber Engel Schar Ifb finget uns solch neues Jahr.
. In die uiTccn, die Volksseele widerspiegelnden Sitten ^sf ffvgraueri kltscher Vorzeit. Auch diese sind im Grunde
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1' ilnd: l utsche Frömmigkeit ergriff die >>1 A»A>Weihn ickbbotschaft mit einer Innigkeit wie kaum 11 WIUihm ar.clfßs Volk. Nicht von heute auf morgen. Nelier $9 brdbaic: e Zeit und kostete Kampf, big das Herz i Dil5 ^as Ohr von fremden Boten aus fer-
mm Cnnin vernahm. Aber um so inniger und —-^wfcftir TjiUöe der Bund zwischen Deutschtum und
Sie täglich
erlege»?
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......
x d nte fcniti von anderen Völkern feinem liebsten Fest
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Die Weihnachtsboischafi
Von Dr. Ernst Haenchen, o. ö. Professor der Theologie an der Landesuniversttät Gießen.
„Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr!" diese Weihnachtskunde ist als eine wirkliche Nachricht' gemeint, die uns alle unbedingt angeht. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn gewöhnlich verstehen wir sie ganz anders. Wir haben uns daran gewöhnt sie zu hören, wie man einem Märchen lauscht, einer schönen Geschichte, an der sich kleine und große Kinder freuen, weil sie so anmutig und finnig vom Leben zu plaudern weiß. Wenn man nun diese Geschichte wie ein Märchen hört, dann ist es auch ganz natürlich, daß man zum Christkind alsbald den Knecht Ruprecht hinzugesellt mit dem Sack voll Geschenken und dem Tannenbaum, und es wird eine gemütvolle und sinnige Feierstunde daraus für solche, die heute noch Sinn und Lust haben für solche Feiern. Ebenso selbstverständlich ist es dann aber, daß andere gar nicht einsehen wollen, warum man just von diesem Märchen soviel Aufhebens macht und mit dieser Feier. Weil sie den guten Willen haben, in der Weihnachtsgeschichte mehr zu sehen als eins unter vielen Märchen, wollen sie dem Weihnachtsfest aufhelfen, indem sie es als Bild für eine tiefe Wahrheit unseres Lebens beuten: in der Wintersonnenwenbe wirb bas neue Leben geboren, bas junge Jahr, das göttliche Licht, bas in uns allen glühe und immer roieber neu hervorbreche. Solche Versuche, bem Weihnachtsfest und der Weihnachtsgeschichte zu helfen, stammen sicher aus gutem Herzen. Aber die Weihnachtsbotschaft ist nun einmal viel einfacher: sie erzählt uns wie jede echte Kunde etwas, was wir nicht wissen und was uns alle unbedingt angeht.
Das ist nun eine verwunderliche Sache: 1900 Jahre lang kommt diese Botschaft Jahr um Jahr und dennoch sollen wir nichts davon wissen? Haben wir sie nicht von frühster Kindheit an gehört, vielleicht bis zum Ueberdruß? Allein Gott hat es der Kirche aufgetragen, immer aufs neue diese Nachricht auszurichten. Da muß es doch mit bem Wissen, das wir alle haben, von Kindheit an haben — es kennen ja viele diese Geschichte auswendig! — besonders bestellt sein. Am Ende ist es noch gar nicht das rechte Wissen und das rich- t i g e Hören, dessen wir so sicher sind. Es gibt freilich Nachrichten, die einmal gehört nun gewußt werden. Wenn mir mitgeteilt wird, daß die Straßendurchfahrten zwischen Gießen und Butzbach freigegeben sind, dann weiß ich es nun. Wenn ich besonders vergeßlich bin, mag es noch einmal nötig fein, es mir zu wiederholen. Aber dann weiß ich darum und brauche die Nachricht nicht mehr. Und wer niemals den Weg von Gießen nach Butzbach zu fahren gedenkt, der braucht sie überhaupt nicht. Eine solche Nachricht kann veralten und geht mich nicht unbedingt an.
Aber nun erinnern wir uns, daß es Ja auch noch andere Nachrichten in unserem menschlichen Leben gibt, die nicht so einfach aufhören und abgetan sind. Wenn in der Kriegszeit der Postbote zu einer Mutter kam und ihr die Nachricht brachte, daß ihr Sohn draußen gefallen war vor Verdun ober, in Flandern ober wo immer es war, bann ging eine solche Nachricht nicht mit dem Boten wieder fort. Sondern sie blieb bei ber Mutter und kam immer aufs neue zu ihr. Es war ja eine Nachricht, die das ganze Leben der Mutter traf und wandelte. Daß der Sohn gefallen war, bas war wohl einmal ge- schehen und dennoch nicht abgetan, sondern das wurde als immer neue Wahrheit immer wieder schmerzlich empfunden. Ober wenn einem Vater gejagt wird, baß ihm ein Stammhalter geboren ist, bann geht diese Nachricht nicht mit dem Boten fort, sondern sie bleibt. Es ist ja durch sie bas ganze Leben des Vaters anders geworden, wo er einen Jungen hat, der nach ihm den Hof übernehmen soll ober das Geschäft. Diese Nachricht hat eine Lebensgemeinschaft aufgerichtet und es gibt keinen Augenblick mehr, wo sie für den Vater bedeutungslos wäre. Sie geht ihn ganz und unbedingt an.
Aber mit ber Weihnachtskunde muß es doch noch anders stehen. Denn die Nachricht, welche jene Mutter empfing oder dieser Vater, ging doch eben nur diese Menschen und einen vielleicht sehr kleinen Kreis so unbedingt an. Die Kunde vom Tob des Sohnes, die selber wie ein gewappneter Krieger bas Herz der Mutter anging und verwundete, konnte für das Leben aller anderen ja nicht di- gleiche Bedeutung haben wie für bas der Mutter. Ihre Bedeutung war also bedingt und beschränkt. Vielleicht kam in bas gleiche Haus eine Trauer» unb eine Jubelkunde zu der gleichen Zeit. Dem einen Menschen galt diese unb bem anberen jene. Mit ber Weihnachtskunde ist es anders: sie ergeht an alle und geht alle unbedingt an. Sie will einen jeden von uns in seinem Leben treffen und verwandeln, durch das ganze Leben de- gleiten und es immer aufs neue gestalten. Sie will für uns alle eine Lebensgemeinschaft begründen, die Tag um Taa sich erneuernd, nicht mehr aufhört.
„Euch ist heute ber Heilanb geboren, ber Retter" 7~ das setzt voraus, daß wir alle irgendwie, aber in gleicher Weise ein en Helfer brauchen. Nun haben wir alle gewißlich Hilfe nötig unb sind dankbar, wenn wir in dieser oder jener Not einen Helfer finden Da ist ein Kind krank und ein Arzt muß herbei; dort soll die Miete bezahlt werden und das Geld muß beschafft fein, und wenn matt
Dieser Gesang, meint Luther, ift das rechte „Susan- ninne", ber jubelnbe Lobpreis ber Liebe Gottes, bie sich im Christkinb offenbart.
Und das ift für Luther der Inbegriff des Weih- nachtsfestes. Da er einmal zu Weihnacht mit feinen Freunden bei Tisch sitzt, wird er nicht müde, das „herrliche Fest" zu preisen, weil es „den Frommen die höchste Freude und den höchsten Trost" spendet. Don den alten deutschen Weihnachtsliedern war ihm das liebste: „Ein Kindelein so lobelich ist uns geboren heute". Oft weist er in seiner Predigt auf dieses Lied hin, weil es das „uns" betont Denn nicht ist Weihnacht eine Geschichte, die einmal geschehen ist, sondern eine Geschichte, die uns z u
nacht haben wollen. Wir feiern cs als das Fest des Lichtes, das uns des Lebens Dunkelheiten erhellt, als das Fest der Freude in des Hauses stillem Frieden, als das Fest der Liebe, die segnend, tröstend und helfend Freude hinaustragen möchte weit über des Hauses engen Kreis, als das Fest des Friedens, vor dem aller Streit und Haß verstummen soll. Aber des Weihnachtsfestes Segen erschließt sich uns doch erst mit ber Weihnachtsfeier in Luthers Geist: damit, daß wir leuchten sehen „das ewige Licht", das der ganzen Welt, auch unserer kleinen Welt, „einen neuen Schein gibt", daß wir von neuem uns gründen auf den unwandelbaren, religiösen Grund wahrer Freude,
Das Licht entbrach in einem Stall, Nun leuchtet Weihnacht überall: Es ward geboren Jesus Christ, Daß nicht der Mensch verloren ist.
Des Friedens Wimpel ist entrollt, So hat es Gott, der Herr, gewollt.
Zu allen Menschen kommt sein Kind, Wenn sie des guten Willens sind.
Es klopft ans Fenster: Laßt mich ein, Ich will in Eurer Mitte fein;
So sucht es schon Jahrtausend zween Die Herzen, die ihm offenstehn.
Herr Josef blickt in feinen Bart, Die Heilige Jungfrau lächelt zart, Die Hirten knien, und süß im Kreis Vertönt der Engel Kyrieleis.
Will Scheller.
gut geschehen ist, die mit ihrem Segen für uns immer Gegenwart bleibt, eine Tatsache, die uns mit Gott verbindet. Unb darin liegt für Luther ber Grund aller Freude — denn wahre Freude ist, wie wahre Liebe und wahrer Friede: immer religiös, immer weihnachtlich. Sie gründet sich auf das im Glauben erfaßte „Evangelium", die frohe Kunde der Weihnacht, also auf die Gemeinschaft m it Gott. Sie schöpft immer aus Gottes Liebe, die ihr zum Trieb und zur Kraft wird, ihre Umwelt mit Strömen der Liebe zu segnen, zu jedem Opfer bereit. Sie ist unabhängig von ber ganzen Welt, trotzenb unb tirumphierenb, „und wenn Die ganze Welt voll Teufel war". Sie wahrt dem ehernen Helden das Kindesherz und läßt ihm bis zum Gang durch des Todes dunkles Tal leuchten den Weihnachtsstern. „Also hat Gott die Welt geliebt."
Das ist der weihnachtliche Luther, der ups zeigt, wie wir Weihnacht feiern unb was wir an Weih-
daß wir uns erwärmen lassen von der göttlichen Liebe, die das höchste Opfer für uns bringend, die treibende Kraft unserer Liebe wird, daß wir des Friedens mit Gott gewiß den Frieden wahren und unserer Umgebung Frieden bringen.
„Friede auf Erden!" in Hunderten von Sprachen erklingt diese Weihnachtsbotschaft. Ob sie ja zur Wirklichkeit werden wird? Wie dem auch fei: was an unferm Volk und durch unser Volk in der Gegenwart geschieht, was es tut und erfährt in seiner Not, auch in diesem Winter, stammt aus weihnachtlichem Geist unb trägt weihnachtliches Gepräge. Dor ber Krippe zu Bethlehem schwinben alle Unterschiebe, auch die der Konfession. Möge dort unser Volk sich sammeln als ein Volk! Möge es von der deutschen Weihnachtsfeier hinaus» klingen zu allen Völkern: „Friede auf Erden!" Aber es gibt keinen Frieden ahne den Geist rechter Weihnachtsfeier.
Weihnachten, Kupferstich von Albrecht Dürer, 1504.


