Nr. 275 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderheffen)
Samstag. 24. November (934
Wild für das:
XX
interhilfswerk
I
Ein Aufruf des Reichsjägermeisters Göring. — Oie Maßnahmen in Hessen.
Der Reichsjägermeister, Ministerpräsident Hermann Göring, veröffentlicht folgenden Aufruf:
Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler hat zum Winterhilfswerk 1934/35 ausgerufen. Bereits im Vorjahre haben sich wohl die meisten Jäger an dem Winterhilfswerk beteiligt und so ihre soziale Verbundenheit gerade mit den Schichten unseres Volkes bewiesen, die nur dadurch von der Rot bewahrt bleiben, daß jeder hilft, der zu helfen vermag.
Ich rufe daher die deutsche Iägerschaft auf. sich
für das Winterhilfswerk 1934/35 mit aller Kraft einzusehen. Ich erwarte, daß die Iagderträgnisse einer Woche, und zwar der Woche vom 9. bis 15. Dezember, dem Winterhilfswerk zur Verfügung gestellt werden, damit durch das Wild- pret gerade in den Weihnachtstagen den notleidenden Volksgenossen eine Freude bereitet wird.
Wegen der Ablieferung des Wildes setzen sich die Kreisjagermeister mit den zuständigen Kreisbeauftragten des Winterhilfswerkes in Verbindung und treffen die für die Ablieferung notwendigen Vereinbarungen. lieber den Erfolg des Winterhilfswerkes haben mir die Kreisjägermeister auf dem Dienstwege zum 1. Februar 1935 zu berichten, unter möglichst genauer Zahlenangabe, welche Mengen von Wild aus den einzelnen Kreisen dem Winterhilfswerk zur Verfügung gestellt worden sind.
Ich verlasse mich auf die bisher bewährte Volks
verbundenheit der deutschen Iägerschaft und erwarte, daß jeder deutsche Jäger seine Pflicht tut.
Anordnung
des hessischen Staatsministers.
Der hessische Staatsminister, Forstabteilung, hat an die hessischen Forstämter eine Verfügung gerichtet, in der es u. a. heißt:
Zu dem anliegenden Erlaß des Reichsjägermeisters vom 3. November d. I. wird bestimmt, daß in den selb st bewirtschafteten Staatsjagden der Hauptabschuß des im laufenden Jagdjahr noch zu erledigenden Abschusses in der Woche vom 9. bis 15. Dezember vorgenommen wird. Sämtliches in dieser Woche auf den Regiejagden erlegte Wild ist restlos dem Winterhilfswerk zur Verfügung zu stellen. Die Forstämter setzen sich alsbald mit den zuständigen Kreisbeauftragten des Winterhilfswerkes wegen der Ablieferung des Wildes in Verbindung.
Aufruf des hessischen Glaatsministerö an die Jäger.
Unter Bezugnahme auf den vorstehenden Erlaß des Herrn Reichsjägermeisters fordere ich die hessische Jägerschaft auf, sich mit dem zuständigen Kreisbeauftragten des Winterhilfswerkes wegen der Ablieferung von Wild für das Winterhilfswerk unmittelbar in Verbinduna zu fetzen. Ich erwarte, daß auch die hessische Jägerschaft dem vorstehenden Aufruf des Reichsjägermeisters zur Beteiligung am Winterhilfswerk 1934/35 mit allen Kräften nachkommt.
Der hessische Staatsminister: Jung.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Totensonntag.
„Wir Toten, wir Toten sind größere Heere
Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere."
Das Jahr der christlichen Kirche fetzt an fein Ende das Gedächtnis ihrer Toten, Allerseelen für das katholische Bekenntnis, den Totensonntag in den protestantischen Gegenden. Das Wort, daß ein Tag im Jahre den Toten frei sei, findet darin feinen sinnvollen Ausdruck, nicht nur nach Wort und Ueberlieferung, sondern auch im tiefsten Her- zen aller Bevölkerungskreise. An diesem Tage ist niemand zu arm, um nicht das Grab seiner letzt- verstorbenen Angehörigen zu schmücken mit den Zeichen des Gedenkens und der Liebe, ist keine Brust so verschlossen, um nicht der teuren Toten zu gedenken, die am Ziele sind, während er selber twd) durch das Leben wandert und sei es in den [fernften Ländern. Erinnerungen steigen in jedem «auf- an den Freund der Jugend, an den Kamelraden, der einst an seiner Seite schritt, an den und jjenen, mit dem er in langen Jahren verbunden imar, sei es im engsten Familienkreis, sei es der Mitarbeiter im Berus, oder ein guter Nachbar ge- uvesen. Dank und Treue werden wieder lebendig, Liebe und Freundschaft winden unvergängliche Kränze, über allem aber besteht für jeden die Mahnung, daß alles Irdische Ziel und Grenze hat, Laß der Erdenwanderer darum schaffen soll, sv- lange es Tag ist, daß er aber sich immer bereit» Kalten muh, an das Tor der Ewigkeit zu treten.
So ist der Sinn dieses Tages nicht nur die Erinnerung an alle, die uns lieb und wert waren, sondern für die Lebenden die eherne Mahnung: Dedenke!
Unser Gedenken führt in dieser Zeit mit einem paft inneren Zwange in die Tage vor zwanzig Jahren. Damals beging Deutschland den ersten Totensonntag im Weltkriege. Noch war nicht ab» Zusehen, wie gewaltig und opfervoll das Ringen «ein würde, aber schon die ersten Monate hatten »es edelsten Blutes viel gekostet. Eindruckstief und erschütternd war die Totenklage in der Heimat, ergreifend vor allem durch die aufrechte und stolze chaltung, mit der damals unser Volk seiner Toten gedachte. Und immer neue Opfer wurden gefordert, immer wieder traten Feldfoldaten an die offene ©ruft ihrer Brüder, immer wieder wunden daheim loie Häuser von tiefem Schmerz erfüllt, wurde ein Oahr nach dem andern der Tag der Toten zur ittummen Huldigung für die Gräber in der Ferne. Mochten die Trauernachrichten die Heimat erfüllen, nie Sorgen sich berghoch türmen: unser Volk hat seine heilige Pflicht getan! Draußen und daheim? Der Gedanke der Gemeinschaft war Tat und Triebhaft, ohne daß viel davon gesprochen wurde. Dieses Vermächtnis aus dem großen Kriege ist uns ws auf diesen Tag geblieben, ist nach Zeiten der Wirrnis das kostbarste Gut dieser Zeit geworden, wächst der Tatsache, daß der Opfertod unserer Brüber die deutschen Lande vor den Schrecknissen Ises Krieges bewahrte, ist das Erbe des Gemein» lthaftsgedankens das Größte, das uns die Gefallenen des Krieges schenken konnten und wofür wir innen ewigen Dank schulden. „Niemand hat größere i iebe erzeiget, als wer das Leben ließ für feine trüber." Oft haben wir biefes Wort an ben offenen Gräbern im Felbe gehört. Der Mann aber, !»er unserem Volke Vorbild und Führer war in der Eingabe für Ehre und Vaterland, der Reichspräsi- fdent und Generalfeldmarschall, ist an diesem Tage !ns Gedenkens zum ersten Male nicht mehr lebend ,inter uns. Auch an feine Gruft sei der Kranz der Dankbarkeit gelegt. Das deutsche Volk erinnert sich am diesem Tage in Dankbarkeit auch der Kämpfer, liie ihr Leben für die deutsche Erneuerung opferten
im Glauben an das deutsche Volk und an eine bessere Zukunft unseres Vaterlandes.
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Das Jahr geht zur Neige, die Scheuern sind ge» füllt, und der Winter kündet fein Kommen. Mit dem Advent beginnt das neue Kirchenjahr, und es bringt als den Lichtpunkt im Dunkel der Jahreszeit das liebe Weihnachtsfest. Freilich: Viel Sorge geht noch durch das Land, so erfreulich der Kampf gegen die Not voranschreitet. Die Zahl der Arbeitslosen weiter zurückzudrängen ist in den Wintermonaten schwerer, als in der warmen Jahreszeit, wenn in den Außenbetrieben sich neue Arbeitsgelegenheiten schaffen lassen. Hier ergeht von neuem der Ruf bei Gemeinschaftsgebankens zur Bruberhilfe, für ben unser Volk in Not unb Kamps bis zum Tob herrliche Beispiele gegeben hat. Denn ber Tob ist bie letzte unb größte Gemeinschaft, für alle ohne Unterschieb. Wie aber bas Christentum im Auferstehungs» glauben bea Tob überroinbet, wie in ber Natur auf ben Winter ber Frühling folgt, so finb wir als Deutsche bes Glaubens, baß wir bie Schwierigkeiten ber Zeit bezwingen werden durch die Kraft unfers Wollens unb burch ben Glauben an bas Ewige. Heber Grüber vorwärts? Das ist bas Gebot für den einzelnen wie für ganze Völker. Zeigen wir uns der .loten würdig, um die Zukunft Der Kommenden zu gestalten.
*
Es genügt aber nicht, daß wir der Toten dankbar gedenken und daß wir ihre Ruhestätten mit Grabsteinen unb Blumen schmücken. Vielmehr müssen sie fortleben unter uns mit ihres Wesens bestem Teile unb uns Mahner unb Freunbe bleiben in unserem Lebenskämpfe. Der Tob ist nur eine anbere Erscheinungsform bes einen, großen, ewigen
Lebens! Je stärker wir burch unsere Toten werben, je treuer unb bankbarer erweisen wir uns ihnen, unb um so sicherer unb stolzer werben wir bas Leben meistern, um so zuverlässiger Dienst an unseren Volksgenossen zu vollbringen vermögen unb um so freubiger in Gottes Gemeinschaft eingehen.
„Im Himmel unb auf Erden,
Herr, die Gewalt ist Dein,
Du wirst der Sieger werden. Der Herrscher Du allein.
Ob hoch bie Wogen wallen Im großen Völkermeer, Sie kommen unb sie fallen, Wenn Du es willst, o Herr.
Du schlugst uns tiefe Wunden, Es traf uns Not unb Schwert, Weih uns bie Trauerstunben, Mach uns ber Toten wert.
Mach uns zu Dienste fertig Unb treu bis in ben Tob Dem Daterlanb gewärtig. Wo ihm ein Unheil brohi.* *
Gefallenengedenkfeier am Totensonntag.
Es fei noch einmal baran erinnert, baß die von ber Arbeitsgemeinschaft ber Militär- unb Regimentsvereine Gießen für ben morgigen Totensonntag vorgesehene Gefallenen-Gebenkseier am 116er- Denkmal aus bem L a n b g r a f - P h i l i p p- Platz — nicht, wie gestern irrtümlich berichtet, auf bem neuen Friebhof — ftattfinbet. Nach einem um 11.15 Uhr in ber Stabtkirche beginnenben Svnber-
Der bekannte Frankfurter Pianist Professor Alfred Hoehn spielt im nächsten Konzert bes Gießener Konzertvereins.
Gottesbienst werben sich bie Teilnehmer an ber Feier geschlossen zum 116er-Denkmal begeben, um bort ber gefallenen Kameraben zu gebenden. Die Reichswehr, bie Spitzen ber Behörben, bie Partei unb ihre (Blieberungen, sowie alle beutschen Volksgenossen finb zu biefer Gesallenen-Ehrung einge» iaben
Die NS.-Kriegsopferversorgung, Ortsgruppe Gießen, veranstaltet eine Gefallenen-Ehrung mit Kranz- nieberlegung vormittags 11 Uhr auf bem Helben- friebhof (Neuer Friebhof).
Heinrich Launspach IO Jahre alt.
Am fommenben Montag, 26. November, kann ber langjährige Vorfitzenbe bes Gießener Hausbesitzervereins, Weißbinbermeister Heinrich Launspach, in voller Frische seinen 70. Geburtstag begehen. Herr Launspach, ber aus Hattenrob (Kreis Gießen) gebürtig ist, in Gießen feine Lehrzeit verbrachte unb bann beim hiesigen Regiment feiner Militärpflicht genügte, hat sich nach jener Zeit in Norbbeutfchlanb beruflich betätigt, schließlich im Jahre 1894 nach feiner Rückkehr nach Gießen hier felbftänbig gemacht. Er ist somit auch feit rund 40 Jahren feibftänbiger Gießener Hanbwerksmeister. Er gehört zu ben Mitgrünbern bes Gießener Haus- besitzervereins unb war viele Jahre lang im Vorber- grunbe bes öffentlichen Lebens als Führer ber Gießener Hausbesitzer unb Dorstanbsmitglieb im Hessischen Hausbesitzerverbanb tätig. Mehrere Jahre gehörte er bem Gießener Stabtrat an. Die Führung bes Gießener Hausbesitzervereins ist ihm jetzt noch anvertraut. Der Jubilar hat seine Kraft unb fein Streben stets in eifriger Weife in ben Dienst ber von ihm vertretenen Aufgaben gestellt.
Das Ergebnis der (kintopfgericht- fommlung in Stadt und Kreis Giesien
Wie bie Kreisamtsleitung ber NS.-Volkswohlfahrt mitteilt, brachte bie Eintopfgericht-Sammlung in Stadt und Kreis Gießen vom vergangenen Sonntag den Betrag von insgesamt 7895,38 Mark. In
MM, «MN
tRoman von Klothilde v. Stegmann.
E3 Fortletzung Nachdruck verboten?
„O Verzeihung!" Der junge Detektiv wich eil- fertig zur Seite: aber wie der dünkte, elegante fyerr in einem der Zimmer verschwunden war, tagte er halb zu sich, halb zu dem Verschwundenen:
„Wart' nur, mein Junge, ich kann besser sehen, issls du dir denkst! Erst der eine, dann ber anbere... Wenn das nichts zu bedeuten hat, bann heiße ich friafe."
„Also, Herr Gaßnow, haben Sie sich schon einen (öchlachtplan gemacht? fragte Robby Herman. Statt einer Antwort fragte Gaßnow:
„Her Direktor, wer ist ber große, dunkle Herr? (fr hat ein scharfes Gesicht, eine harte Stimme, s,»richt das ,R' aus wie ein Slawe — er verschwand im Zimmer dreiundachtzig."
„Nach Ihren Schilderungen kann das nur Di» lüftor Studczynski sein."
Soso?!" meinte Peter Gaßnow nachdenklich. .Direktor Studczynski? Darf ich fragen: Hat ber Herr eine leitenbe Stellung in Ihren Betrieben?
„Durchaus! Warum?"
„Weil er ein fanatischer Spieler ist. Ich habe ihn mehrfach in verbotenen Spielklubs beobachtet. Er tat Unsummen gesetzt. Gewonnen, aber auch verloren. Das würbe mich nicht stutzig machen: aber taß er in seiner Abteilung auch noch einen jungen Mann hat, ber gleichfalls eine berüchtigte Spiel- Hatte ist unb um ein Haar bei ber letzten Razzia ritt hätte auf bie Polizei roanbern müssen, das ge»
fällt mir nicht."
„Sie meinen also ...?"
„Ich meine noch gar nichts, Herr Direktor. Nur, taß ich mir die beiden mal sehr genau anschauen raufe. Ich werde heute nachmittag Herrn Korn» riiissar Schöttner darüber berichten."
Er unterbrach sich. Es klopfte an die Tür Peter (ilafenoro setzte sich eilig an ben kleinen Arbeitsplatz r?ben dem Diplomatenschreibtisch von Herman und schien eifrig auf das Diktat zu warten Herman Taef: „Herein?" Ein Bote kam.
„Eine Kabeldepesche, Herr Direktor?"
„Aha, von Kutschner?" sagte Robby. Sein Gesicht wurde verblüfft. Das wurde ja immer Der» r.orrener.
Denunziation gegen betreffende Dame hier be« ciits vor Ihrem Kabel von unbekannter Seite ein» pllaufen. Verdacht vollkommen sinnlos. Reise mit Jcppelin nach Berlin. Kutschner.
Robby reichte das Telegramm Peter Gafenow hinüber.
„Da — sehen Sie nur?
-Peter Gaßnow las die Zeilen, em-, zweimal, bann nickte er anerkennend mit dem Kopse.
„Ein sehr vernünftiger Herr, der Herr Direktor Kutschner?"
Robby war verblüfft.
„Ja, kennen Sie ihn denn?"
„Nee, das gerade nicht. Denn ihn Amerika war ich leider noch nicht. Aber bas Fräulein von Dö- nitz kenne ich. Ich bin nämlich heute in aller Herr- gottsfrühe hinausgefahren und habe mal so ’n bißchen um das Haus spioniert. Da habe ich die junge Dame am Fenster gesehen. Nein — nein, Herr Direktor, ich habe es bloß nicht sagen wollen, weil der Herr Kommissar Schöttner nun mal auf die Dame getippt hat. Da kann ich als junger Schnösel doch nicht anderer Ansicht sein, ehe ich sie nicht begründen kann. Aber soweit ich Gesichter beurteilen kann, Herr Direktor, diesem Gesicht traut man nur bann etwas Schlechtes zu, wenn man —"
Er lachte auf.
„Darf ich's sagen?"
„Nur heraus damit, Herr Gaßnow!"
„Wenn man entweder ein Kriminalkommissar ist und überall Perbrecher wittert — ober ein Jbiot!"
„Danke!" sagte Robby Herman trocken „Den Idioten nehme ich für mich in Anspruch."
Und dann lachte er und schlug Gaßnow auf bie Schulter.
Gaßnow lachte aleichfalls mit.
„Aber, Herr Direktor, Sie haben doch dem Fräulein von Dönitz so etwas nicht zugetraut? Das kann ich gar nicht glauben. Dazu denke ich zu gut von den Menschen. So ein Gesicht kann doch gar nicht lügen."
Da wurde Robby Herman sehr ernst.
„Lieber Herr Gaßnow — schön, wenn man noch so glauben kann."
„Und wenn man’s nicht mehr kann, Herr Direktor, wenn man so jung ist wie Sie, kann man’s ja schließlich noch lernen."
Robby sah Gaßnow einen Augenblick verdutzt an. Dann war er mit einem Sprunge an seinem Kleiderschrank, holte Mantel unb Hut heraus.
„Wenn Sie mich brauchen, Herr Gaßnow, für bie nächsten zwei Stunden bin ich nicht zu haben."
Damit war er zur Tür hinaus. Da pfiff Peter Gaßnow wieder fröhlich vor sich hin.
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In ihrem Zimmer draußen in Wannsee saß Edelgard. Sie schrieb. Aber immer wieder unterbrach sie ihre Arbeit, denn immer wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Dennoch, ber Brief mußte fertig werben.
Enblich ftanb in feiner, klarer Mäbchenhanb- schrift auf dem Papier:
Lieber Rudolf!
Ich habe lange geschwiegen. Seien Sie mir nicht gram. Ich habe hier etwas sehr Schweres und Schmerzliches durchgemacht. Sie haben mir einmal gesagt, wenn ich nur ein bißchen Zuneigung für Sie empfände und zu Ihnen kommen wollte, nur mit Achtung und Freundschaft zu Ihnen im Her
zen, das wäre Ihnen schon genug. Lieber Rudolf, ich habe gekämpft und gekämpft. Und bis vor kurzem glaubte ich noch, ich könnte es. Heute aber weiß ich, es wäre ein Betrug an mir selber und ein Unrecht an Ihnen. Ich weiß jetzt, was Liebe ist. Und darum muß ich Ihnen sagen: ich kann nicht. Zürnen Sie mir nicht und denken Sie nicht, daß ich einem anderen gebe, was ich Ihnen versage. Meine Liebe ist hoffnungslos. Der Mann, bem mein Herz gehört, ist gebunben unb verheiratet. Aber dennoch will ich lieber einsam bleiben, als Ihnen etwas vortäufchen, was ich nicht empfinde und was Ihnen auf die Dauer doch kein wahres Glück geben könnte. Ein Mensch wie Sie, lieber Rudolf, verdient ein volles, reiches Glück. Er verdient eine Frau, die ihn restlos und unteilbar liebt. Gebe Gott, daß Sie diese Frau finden mögen! Dann werden Sie verzeihen Ihrer dankbaren Freundin Edelgard von Dönitz.
Edelgard hatte das letzte Wort geschrieben. Nun überlas sie diesen Brief noch einmal. Hatte sie die rechten Worte gefunden, um dem gütigen Freunde in der Ferne das Schwere möglichst leicht zu machen? Wer so litt wie sie, wußte, wie solche Enttäuschung einen anderen schmerzen konnte — aber sie wollte nun an dem Briefe nichts mehr ändern.
Gerade war sie im Begriff, den Umschlag zu schreiben, als hastige Schritte bie Treppe hinauf» eilten. Die Tür würbe aufgeriffen.
„Fräulein Ebelgarbchen, Fräulein Ebelgarbchen" — die alte Marie war ganz atemlos —, „ber Herr Direktor Herman ist schon roieber unten. Er müßte Sie unbedingt sprechen."
Ebelgarb erhob sich zitternb.
„Du weißt boch, baß ich ihn nicht sprechen will." „Das habe ich ihm gesagt: aber er läßt sich nicht abweisen."
Wieber eilige Schritte bie Treppe aufwärts. Robby Herman ftanb in ber Tür.
„Nein, ich lasse mich nicht abweisen!" klang es laut unb bestimmt. Ebelgarb sank kraftlos auf ihren Sessel zurück.
„Jesus, bas Fräulein!" schrie bie alte Marie auf unb wollte auf ihre geliebte junge Herrin zustür- zen. Aber Robby nahm bie Alte sanft bei ben Schultern unb brehte sie zur Tür hin.
„Bitte, verschwinben Sie! Das kann ich besser!" Schon war Marie braufeen unb bie Tür von Robbys Hanb energisch geschlossen.
„Ebelgarb", sagte Robby, unb aller Groll, aller Zweifel schwanb vor bem rührenben Zauber ihres Gesichts, „Ebelgarb, so entgehen Sie mir nicht. Ich beschwöre Sie... Warum haben Sie mich gestern nicht sprechen wollen? Warum kamen Sie heute nicht ins Büro? Warum weichen Sie mir aus? Ebelgarb, mein ganzes Leben hängt bavon ab, baß Sie mir bie Wahrheit sagen. Was es auch sei, nur sagen Sie mir bie Wahrheit!"
Edelgard senkte den Kopf sehr tief.
„Warum sind Sie noch einmal gekommen?" fragte sie leise. „Warum quälen Sie mich? Gehen Sie doch!" schrie sie auf. „Gehen Sie doch zu Ihrer Frau!"
Robby taumelte zurück.
„Zu meiner Frau? Um Gottes willen, Edelgard, wer hat Ihnen gesagt, daß ich verheiratet bin? Wer hat diese infame Lüge aufgebracht?"
Jetzt blickte Edelgard auf. Ein vollkommen ratloser Ausdruck war auf ihrem Gesicht.
„Eine Lüge? Aber Studczynski sagte doch —* „Er sagte, daß ich verheiratet bin?" Sie nickte nur.
„Und er hat Ihnen nicht gesagt, daß meine Frau — daß sie nach vielen Irrfahrten verdorben — gestorben ist?"
Ein schluchzender Laut der Erlösung brach aus Edelgard. Sie streckte die Hände aus, und schon fühlte sie sich umschlungen, emporgerissen, fühlte sich an der Brust des Mannes geborgen. Fühlte feine Lippen auf ihrem Haar, auf ihren tränen- nassen Wangen.
„Edelgard, weißt du es nicht, daß ich dich liebe, unsagbar liebe? Ijaft du es nicht gefühlt?"
„Ich habe es nicht zu glauben gewagt", flüsterte sie, „und als Studczynski es mir sagte, da ... Oh, wie unrecht habe ich dir getan, Liebster!"
Robby zuckte zusammen. Sie klagte sich an? Sie, die beste und reinste Seele — und er? Wie furchtbar war fein Verdacht gegen Edelgard gewesen! Alles wurde ihm jetzt klar.
Studczynski mußte hinter all dem stecken. Peter Gaßnow hatte recht. Studczynski mußte bei ber Spionage feine Hanb im Spiel haben. Genau so wie bei bem furchtbaren Mißverstänbnis zwischen ihm unb Ebelgarb. Aber noch ahnte Ebelgarb ja nichts von all biesen Dingen. Noch war es möglich, sie vor aUbem zu schützen. Er brauchte nur bem Kriminalkommissar Bescheib zu sagen. Unb Edel» garb würbe niemals ahnen, in welchem Verbacht sie gestanben hatte.
Es war ein schwerer Kampf, ben Robby Herman m diesem Augenblick kämpfte. Aber er wurde Sieger Er mußte Edelgard diese Schuld beichten.
Mit dieser Gedankenjünde gegen bie Geliebt» durfte er nicht neben ihr leben. Und wenn fein Lebensglück darüber zerbräche, nur die Wahrheit durfte der Boden ihrer Gemeinschaft werden
„Ich habe dir Diel, Diel mehr abzubitten, mein Liebling", sagte er leise. „Willst du mich anhören?"
Und dann saßen die beiden zusammen, und Robby Herman sprach. Nichts Derbarg er. Schonungslos klagte er sich an.
„Wenn es eine Entschuldigung für mich gibt, Edelgard", sagte er zum Schluß, „so ist es diese: Seit ben furchtbaren Enttäuschungen an meiner ehemaligen Frau lebte in mir ein tiefes Mißtrauen gegen alle Frauen. Nur so konnte es geschehen, baß ich dich, mein Liebling, oerfannte. Wirst du es mir vergeben? (Schluß folgt.)


