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Nr. 275 Erstes Blatt

184. Zahrgang

Samstag, 24. November 1934

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Spannungen.

In Gens herrscht wiederum politischer Hochbetrieb. Zwar hat das Präsidium der Abrüstungskon­ferenz sein Tagungsprogramm bereits in einer ein­zigen Sitzung erledigen können, aber die Völker­bundsversammlung müht sich noch um einen gangbaren Weg zu einer Friedensvermitt­lung im Chaco-Konflikt, und der Völkerbunds- r a t wird überhaupt erst Anfang der nächsten Woche .zusammentreten, nachdem der Bericht des in Rom tagenden Dreierausschusses zur Vorbereitung der Saarabstimmung oorliegt. Aber inzwischen fehlt es iden in Genf versammelten Diplomaten keineswegs an Unterhaltung. Südflawien hat in berech­tigtem Schmerz über den Tod seines Herrschers und in verständlichem Zorn gegen die Urheber des ffcheußlichen Attentats von Marseille seine Ankün- idigung wahrgemacht und in einer Note an das Dölkerbundssekretariat den Antrag gestellt, die Er- wrterung der politischen Hintergründe des Ver­brechens auf die Tagesordnung des Wölkerbundsrats zu setzen. Die südslawische Mote ist auch entgegen allen Erwartungen sofort ver- »ö s f e n t l i ch t worden. Auch ihr Inhalt bietet eine Meberraschung. Die Hoffnungen, die man in Paris «auf die oeruyigende Wirkung der Genfer Völker- lbundsatmosphäre gesetzt hatte, haben sich nicht er« hüllt. Der französische Außenminister Laval war persönlich nach Genf geeilt, um in Besprechungen nnit Südslawiens Außenminister Jeftitsch und seinen Mollegen von der Kleinen Entente und vom Bal- llanbund seinen beschwichtigenden Einfluß dahin ggeltend zu machen, daß die südslawische Beschwerde seine Form erhalte, die keine neuen Spannungen won unabsehbarer Tragweite schafft. Da Laval schon mach kurzem Aufenthalt in Genf wieder heimge- areist war, glaubte man, seine Bemühungen um rrine ruhigere Beurteilung der durch das Attentat ®on Marseille ans Tageslicht gezogenen Intrigen ggegen den europäischen Frieden wären von Erfolg ggekrönt gewesen.

Um so größer ist nun die Ueberraschung, daß die südslawische Note einmal jetzt schon veröffent- icht wird, wo man glaubte damit erst zur Januar- !:agung des Völkerbundsrats rechnen zu müssen, und lium andern, daß sie ungewöhnlich scharfe A n - griffe gegen Ungarn enthält, obwohl man angenommen hatte, daß gerade dies zu vermeiden Laval sich in Genf zur Aufgabe gestellt hätte. Für Regentschaft und Regierung in Belgrad war an­gesichts der wachsenden Empörung in der öffent­lichen Meinung Südslawiens eine Aktion vor dem Wölkerbundsforum zu einer Notwendigkeit gewor­den. Die ungemein heftige Pressefehde südslawi­scher Blätter, die anfangs gegen Italien und Un­garn gerichtet gewesen war, hatte immer mehr die ungarische Regierung allein aufs Korn genommen. Ws war ihr der schwere Vorwurf gemacht worden, ckaß sie nicht nur südslawischen politischen Flücht­lingen in Emigrantenlagern auf ungarischem Bo­cken Unterschlupf gewährt habe, ohne ihre politische ^Betätigung ausreichend zu kontrollieren, sondern ijie habe auch geradezu mit terroristischen Elemen­ten unter den Emigranten in Verbindung gestan- cken und ihren verbrecherischen Plänen Vorschub geleistet. Diese gleichen Anklagen, die in der Bel­grader Presse seit Wochen erhoben wurden, wieder­holt nun die Note der südslawischen Regierung, un­erhört schwere Vorwürfe, die ein Land gegen seinen Nachbarn nur .erbeben darf, wenn es untrügliche Beweise für die Stichhaltigkeit dieser Anschuldigun­gen in Händen hält. Die Note kündigt die Vor­legung hinreichenden Beweismaterials an. Ver­mutlich waren die Bemühungen Lavals darauf gerichtet, mit der Veröffentlichung der Note zu warten, bis auch dieses Material zur Hand ist. Aber Südslawien hat geglaubt, eine weitere Ver­zögerung im Hinblick auf die empörte Stimmung iies südslawischen Volkes nicht hinnehmen zu kön­nen und die beiden andern Mächte der Kleinen Tntente, die Tschechoslowakei und Rumä­nien, haben, um ihre Solidarität mit dem Bun­desgenossen zu bekräftigen, sich dem südslawischen schritt angeschlossen.

Südslawien hat sich bei seiner Aktion auf den Artikel 11 Absatz 2 der Völkerbundssatzung berufen. $r bestimmt,daß jedes Bundesmitglied das Feundschaftliche Recht hat, die Aufmerksamkeit der Bundesversammlung oder des Rats auf jeden Um« ilanb zu lenken, der von Einfluß auf die inter« nationalen Beziehungen fein kann und daher den Frieden oder das gute Einvernehmen zwischen den Nationen, von dem der Friede abhängt, zu stören Iiroht". Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Südslawiens Beschwerde den Voraussetzungen des ungezogenen Artikels des Völkerbundsstatuts ent« Vricht, und es zeugt von dem ernsten Willen zur Bereinigung des Konflikts auch auf der Gegenseite, liiafc Ungarn unter entschiedenem Protest gegen ü»ie südslawischen Anschuldigungen die u n v e r -

ü gliche Behandlung der südslawischen Be- dchwerde vor dem Dölkerbundsrat fordert. Die un­garische Regierung macht geltend, daß Südslawien «ine schwere Anklage der Duldung terroristischer Organisationen, ja der Beihilfe zum Attentat er« webt,ohne ins einzelne gehende Kenntnis der Sache und unter Berufung auf die angeblich zur Verfügung stehenden bisher aber nicht nachprüf- . Karen Beweise". Die südslawische Regierung habe bislang noch nicht einmal alle ihr als Grundlage der Beschuldigung dienenden Schriftstücke den un­garischen Behörden zur Nachprüfung mitgeteilt. Da­mit rührt der ungarische Ministerpräsident Görnbös .n der Tat an eine wunde Stelle in der Anklage Südslawiens, die vielleicht einen Aufschub der Aktion Ms zum Januar und damit bis zu einer weiteren Klärung gerechtfertigt hätte.

Den drei Großmächten England, Frank- utid) und Italien wäre eine solche Besin-

Der Weg zur Freiheit ist ein Weg der Opfer!

Neichspropagandaminister Or. Goebbels spricht im Berliner Sportpalast.

Berlin, 24. Noo, (DNB.) Auf einer Massen­kundgebung des Gaues Groß-Berlin der NSDAP., zu der sich Freitag abend fast 20 000 Volksgenossen im Sportpalast eingefunden hatten, hielt der Gau­leiter Reichsminister Dr. Goebbels eine zwei­einhalbstündige Rede über die Grundzüge der Re­gierungspolitik. Der Gauleiter wandte sich einleitend gegen die ewigenRomantiker der Erinne­rn n g", die hinter der Zeit herlaufen, im Gefühl eigener Unzulänglichkeit zu jeder tätigen Arbeit un­fähig sind und sich über die Aufgaben der Gegen­wart naiv mit dem Spruch Hinwegtäuschen, daß dochfrüher alles viel schöner" gewesen sei, die sich nur des Guten der Vergangenheit erinnern und für das Leid und den nationalen Schmerz der ver­gangenen Zeit ein schlechtes Gedächtnis haben.

Wer wolle bezweifeln, daß auch die Gegenwart mit ihrer grauen Romantik des Alltags ihre Schönheiten hat? Ls gilt, die Aufgaben derzeit anzupacken. so wie sie sind, mit Eifer, Fleiß und Zähigkeit. Wir haben Besseres zu tun, als immer Hurra zu schreien, denn auf die Dauer wird ein Volk da­von nicht satt. Vielleicht werden die Romantiker dann in zehn Jahren auch mit seligen Erinne­rungen an die Aufgaben denken, die wir heute zu erfüllen haben.

Dr. Goebbels setzte darauf auseinander, daß eine Regierung, die die Absicht hat, Geschichte zu machen, auch den Mut haben muß, auf langeSichtzu arbeiten und Unpopuläres zu tun. Denn unpopuläre Entschlüsse in der Gegenwart wür­den letzten Endes immer zum Segen der Völker in der Zukunfr. Große Politik könne immer nur mit Opfern gemacht werden. Hinzu komme, daß die nationalsozialistische Regierung nicht in der Lage gewesen sei, sich ihr politisches Erbe auszu­suchen. Unsere Vorgänger haben mit sträflichem Leichtsinn für 20, 30 Milliarden Kredite ins Land genommen. Wir dagegen haben nicht einen Pfennig Schulden im Auslande gemacht (stürmischer Beifall), wohl aber mehrere Milliarden der Schulden unserer Vorgänger bereits wieder zurückgezahlt! Wenn wir durch die vergangene Politik schon die Reserven verloren hatten, so mußten wir den Mut haben, zunächst dieseReserven wieder auf- zufüllen. Das erfordert harte Maßnahmen, zu­nächst mußte bas ^Bauerntum als die Grund­lage des Staates einer Sanierung entgegengeführt werben und danach als wichtigstes Problem der Kampf gegen bie Arbeitslosigkeit in Angriff genommen wurde. Weiter mußten wir bie Wi rtschaft in ben Dienst des Volkes stellen, ohne daß wir dabei, da uns ja die Not unter ben Nä­geln brannte, riskante Experimente machen konnten. So waren wir gezwungen, auch diese oder jene Maßnahme z u r ü ck z u st e l l e n, selbst wenn wir davon überzeugt waren, daß sie als Grundsatz rich­tig ist. Es war z. B. selbstoerstänblich, baß infolge ber unumgänglichen Sanierung des Bau^^ntums d i e Preise der landwirtschaftlichen Er­zeugnisse erhöht werden mußten. Roh­stoffknappheit mußte eintreten, weil wir vier Millionen Menschen wieder in ben Arbeitsprozeß einglieberten. Dadurch stieg der Konsum und deshalb mußten wir auch mehr Rohstoffe, bie in Devisen kosten, einführen. Selbstverständlich nahmen wir

für einen solchen Erfolg bie Reglementie­rung ber Devisen- und Rohstoffoor- r ä t e gern in Kauf.

Es gab für uns nur eine Wahl: Au f dem Wege der Vorgänger weiterzugehen bann wäre Deutschlanb bie Zinskolonie des internationalen Wellkapitals geworben ober diesen Weg zu beenden und den anderen, wenn auch dornigen Weg zu gehen, an dessen Ende aber d i e FreiheilunseresVolkes steht. Was wir da zu wählen hatten, war klar. Wir haben den Weg des Opferganges gewählt. Allerdings muhten wir uns dafür vorweg die Sicherheit verschaffen, daß das Volk uns in völliger Diszi­plin folgte. Diese Sicherheit haben wir uns auf jedem Gebiet geschafften. Wir hatten dabei das Glück, daß das Volk uns verstand. Es empfand, daß eine Bewegung, die es fertig­gebracht hat, sich ohne Geld, ohne Namen und ohne Protektion emporzukämpfen, die Führung der Nation auch wirklich verdient.

Mit einer Aufzählung ber vielen sichtbaren Er­

folge ber nationalsozialistischen Regierungspolitik trat bann Dr. Goebbels ben Beweis bafür an, daß ber nationalsozialistische Staat auf allen (ge­bieten an bie Arbeit gegangen ist: Die beutsche Presse ist mieber sauber geworben, die Kultur wirb neuer Blüte entgegengeführt, allent­halben wächst bie Arbeitsfreubigkeit, und Hanbel und Wanbel können sich wieder i n Sicherheit und Stabilität vollziehen. So­bald sich in diesem Aufbauwerk irgendwo Schäden bemerkbar machten, die nicht im Sinne ber Regie­rung lagen, griff ber Staat zu, gegebenenfalls mit exemplarischen Strafen, bie ihre abschreckende Wir­kung auf die, die sich gegen ben Staat versünbigten, nicht verfehlen konnten. Im Kampf gegen bie soziale Not ist ganz Großes burch bas Winter- Hilfswerk unb bieK r a f t-b u r ch-F r e u b e"- Drganifation geleistet worben. Auch bie ärmsten Volksgenossen haben nicht mehr bas Gefühl, gänz­lich verlassen zu sein. Heute kann auch jeher Aus- iänber, selbst wenn er uns mit vielen Vorurteilen gegenübertritt, unschwer feststellen, baß in Deutsch­lanb Fleiß und Ordnung, Betriebsam- feit unb Jbealismus zurückgekehrt fmb unb rauschende Feste ebenso zu ihrem Recht kommen, wie bie nüchterne Alltagsarbeit.

Deutschland verteidigt nm sein Lebensrecht.

Wir suchen keinen Tiuhm in Eroberungen, sondern nur in großen Friedenstaten.

In einer kurzen außenpolitischen Be­trachtung unterstrich Dr. Goebbels erneut den ehrlichen Friedenswillen des deutschen Volkes. Wir wollen, so rief er unter stürmischem Beifall der Wenge aus, mit Lrnst und Leidenschaft alles tun, um mit Frankreich zu einer endgültigen Versöhnung zu kommen. Wir sagen das aus ehrlichster Heber- Beugung und nicht aus pazifistischer Wehleidig­keit. Wer uns aber angreift und uns mit Gewalt das Lebensrecht ab st reitet, soll wissen, daß er es mit einem Volk zu tun hat, das seine Selbsterhaltung und seinen Da­seinswillen mit äußerster Entschlos­senheit zu verteidigen gewillt ist. Wir sagen der Wett offen, was wir ihr zu sagen haben. Für uns ist es keine Unehre, für den Frieden zu arbeiten, und ebensowenig be­deutet es eine Schande für uns, Zugeständnisse zu machen; wissen wir doch, daß der Friede nur möglich ist, wenn alle Zugeständnisse machen. Aber wir wollen auch nicht, daß wir das allein tun müssen. (Erneuter stürmischer Beifall.) Wir suchen nicht unseren Ruhm in Er­oberungen, sondern in der Losung unserer gro­ßen Zeitaufgaben. Die Nachwelt wird nicht den Stab über uns brechen, wenn einmal die Ge­schichte von uns sagt, daß wir zwar keine Kriege führten, aber den Ruhm großer F r i e d e n s t a t en auf die Nachwelt vererbt haben. Der Führer hat ja selbst schon zum

Ausdruck gebracht, daß die deutsche Armee keine Veranlassung hat, ihre Waffenehre wiederher- zuslellen, weil sie diese Waffenehre niemals ver­loren hat.

Wir sehen heute wie früher allein in ber Arbeit unsere Ehre unb unsere Leidenschaft unb glauben, bah bas Lanb unsere Dienste bis zu unse­rem letzten Atemzug nötig haben wirb, unb wir hoffen, baß einst auch unsere Kinber im Blick auf unsere Arbeit stark unb mutig genug sein werben, um bas Leben zu meistern. Nicht nach materiellen Dingen streben wir, wir finb allein geizig nach ber Ehre.

Wir hanbeln wie e i n B e r g st e i g e r, ber einen unbewanderten Touristen trotz seines manchmaligen Widerstrebens durch Schneestürme führt, weil er weiß, daß dieser Mann umkommen würde, wenn er ihn sich niedersetzen ließe. So müssen auch wir mit dem Volk durch die Lawinen, Stürme und Krisen unserer Zeit hin­durch. Diesem Volke sind wir verbunden, nichts mehr, keine Sorge und kein Glück kann uns von ihm trennen. Deutschland ist arm geworden an mate­riellen Gütern, aber wer von uns möchte Kind eines anderen Volkes sein? Wir wollen nicht nur beten, sondern auch arbeiten. Unsere Arbeit heißt Pflicht, und unser Gebet lautet:Herr, wir selbst werden nach besten Kräften dafür sorgen, daß wir nicht zu­grunde gehen. Wir bitten Dich nur, daß Du unsere Sorge segnen und uns nicht verlassen mögest! Wenn Du uns* nicht hilfst, hilf auch unseren Feinden nicht!" Die Menge dankte Dr. Goebbels für seine aufrührenden und zu Herzen gehenden Ausführun­gen mit stürmischem Beifall.

nungspaufe natürlich höchst willkommen gewesen. In London erhofft man von dem Ausgang ber beoorstehenben Besprechungen zwischen Laval unb Mussolini einen wesentlichen Beitrag zur Besrie- bung bes Kontinents. Die Zuspitzung bes Zwistes zwischen ben beiben Schützlingen Frankreichs und Italiens nun könnte diese Hoffnungen schnell ver­eiteln, denn der südslawisch-italienische Interessen­gegensatz an der Adria ist ja das Haupthindernis einer Annäherung zwischen Italien und Frankreich. Rückt erst eine erregte Aussprache über die poli­tischen Hintergründe bes Attentats von Marseille jede Aussicht auf eine Besserung bes Verhältnisses zwischen ber Kleinen Entente unb Italien-Ungarn in weite Ferne, so entschwinbet damit auch die Möglichkeit für eine italienisch-französische Annähe­rung, denn Laval wird so wenig wie seine Vor­gänger auf bie alten Freunbschaften im Südosten verzichten wollen zugunsten einer sehr launischen Liebe, die durchaus durch den Magen geht, deren Appetit aber mit bloßen Versprechungen nicht zu stillen sein wird. So sieht sich auch die französische Politik vor großen Schwierigkeiten, die ber süb- slawische Schritt in Genf noch vermehrt hat, benn schließlich ist ja auch ein französischer Außenminister ben Kugeln bes Marseiller Attentäters zum Opfer gefallen. Die öffentliche Meinung ber Völker ber Kleinen Entente empfinbet schon die reservierte, auf Besänftigung hinarbeitende Politik Frank­reichs als peinlichen Gegensatz zu dem doch gemein­sam gebrachten Opfer und zu den Bündnispflichten. Man beutet biefe Zurückhaltung mit der Furcht vor einem erneuten Aufrollen des Versagens ber fran­zösischen Polizei in Marseille, aber bie tieferen Grünbe bafür bürsten wohl in bem Wunsch liegen nach einem gangbaren Weg aus der Zwickmühle zwischen der alten Bundesgenossenschaft der Kleinen Entente unb ber erhofften neuen Freundschaft zu Italien.

So wirb Frankreich vermutlich, nachbem bie Bombe gegen seine Absicht vorzeitig geplatzt ist, alles tun, um' bie Wirkung abzuschwächen, unb ba- her die Besprechung des südslawischen Antrags bis

zur Januartagung bes Völkerbunbsrats hinauzzu- zögern versuchen. Es wirb habet sicherlich auch mit ber Unterstützung Englanbs unb Italiens rechnen bürfen, benen ebenfalls alles daran gelegen ist, die Aussprache möglichst allgemein zu halten, um schwerere Komplikationen zu vermeiden. Damit wird sich auch wohl Südslawien abfinden. Ungarn hat nach dem richtigen Fechtergrundsatz, daß der Hieb die beste Parade ist, die unverzüg­liche Behandlung des südslawischen Antrags ae- fordert. Es ist also anzunehmen, daß Ungarn be­absichtigt, einen Dringlichkeitsantrag zu stellen, um die sofortige Verhandlung schon auf dieser Herbsttagung des Dölkerbundsrats zu er­reichen, weil es hofft, wenn bie Eiterbeule einmal aufgestochen ist, auch bie heftige Presfepolemik, bie Ungarns Ansehen schwer schäbigt, ihr Ende finden wird. Doch Ungarn wird vermutlich mit diesem Wunsch aus den schon bargelegten Grünben nicht einmal bei seinem Freunbe Italien, geschweige benn bei England und Frankreich auf Verständnis stoßen. Ob bann schließlich im Januar bei einer allge­meinen Aussprache vor bem Völkerbunbsrat trgenb etwas Greifbares herausspringen wirb, bas ist eine neue Frage. Dringlicher ist zweifellos bie Vorsorge, baß bis bahin die Gewehre nicht von selber los« gehen ober bie Parteien sich so ineinanber ver­beißen, baß eine Befriedung die Kräfte bes Völker- bunbes übersteigt.

Wie schwach es mit ihnen bestellt ist, erlebten wir ja am Chaco-Konflikt, ber gerabe eben wie- ber vor der Völkerbundsversammlung zur Debatte steht. Nachdem einmal ber Krieg zwischen Bolivien unb Paraguay um bas Urroalbgebiet bes Gran Chaco am oberen Parana offen ausgebrochen war, hatten bislang alle Versuche, zwischen ben kriegsfüh- renben Parteien, bie ja beibe bem Völkerbunb an­gehören, zu vermitteln, keinen Erfolg. Weber bie Bemühungen ber Vereinigten Staaten, noch bie bes Panamerikanischen Kongresses ober ber brei ABC - Staaten ober schließlich gar bes Völkerbunbes haben an bem tatsächlichen Kriegszustand ber schon lau« jenbe von Opfern auf beiben Seiten geforbert hat,

irgenb etwas änbern können. Nun hat ein von ber Völkerbunbsversammlung eingesetzter Ausschuß un­ter bem Vorsitz des tschechischen Gesandten in Paris Osubsky einen Vermittlungsoorschlag ausgearbei­tet, ber bestrebt ist, erst einmal die Kriegführenden auseinander zu bringen. Er sieht deshalb Einstel­lung der Feindseligkeiten und eine 100 Kilometer breite neutrale Sicherheitszone sowie bie Entsen- bung einer Kontrollkommission vor. Da beibe Kriegführenben ben Völkerbunbspakt verletzt hätten, sollen alle Mitgliebsstaaten sich verpflichten, jebe Waffenlieferung nach Bolivien wie nach Paraguay einzustellen. Auf einer nach Buenos Aires einzu- berufenben Friebenskonferenz soll inzwischen eine Einigung ber Parteien versucht werden. Gelingt sie nicht innerhalb vyn zwei Monaten, so soll der stän­dige Gerichtshof im Haag die neue Grenze zwischen Bolivien und Paraguay im strittigen Chaco-Gebiet festsetzen. Dieser durchaus vernünftig klingende Vor­schlag hat den einzigen Fehler, beiden streitenden Parteien zu mißfallen. Bolivien bemängelt, daß auch ihm bie Waffenzufuhr gesperrt werden soll, obwohl Paraguay allein ber Angreifer gewesen fei. Paraguay lehnt die oorgeschlagene entmilitarisierte Zone mit der Begründung ab, daß die Truppen im Urroalb- gebiet dort bleiben müßten, wo sie Wasser fänden.

Die Aussichten, daß die Friedensvermittlung des Völkerbundes diesmal erfolgreicher fein wird, finb also vorerst äußerst gering. Paraguay droht sogar bereits offen mit feinem Austritt, wenn ihm der Völkerbund Auflagen machen werde, bie es mit feinen nationalen Interessen für unvereinbar halte.

Es ist also wahrlich nicht so einfach, ben Frie­densengel zu spielen, nicht im Urwald des fernen Südamerika und noch weit weniger auf dem heißen Boden Europas, wo auch der kleinste Konflikt sofort das ganze Gewirr von Bündnissen unb Freunbschaften aufreifet, bas eine kurzsichtig in ben Vorstellungen ber Dorkriegsära befangene, nur auf Sicherung ber eigenen Hegemonie bebachte fran­zösische Außenpolitik über bie sich nach friedlicher Zusammenarbeit und freier nationaler Entwicklung sehnenden Völker gespannt hat.