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Hauptschriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Longe. Verantwortlich für Politik: Dr. Friedrich W. Lange, für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot, für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigenleiter: Hans Beck, verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. DA. IX. 34: 10 600. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei R. Lange, K.-G., sämtlich in Gießen.
Vettervoraussage.
Der hohe Druck über dem Kontinent hat sich wieder gekräftigt, der Einfluß der nördlichen Störung flaut ab. Mit dem Vordringen eines neuen Tiefs bei Irland werden die Winde mehr auf Süden zurückdrehen, so daß nach Dunstbildungen in der Frühe tagsüber Aufheiterung einsetzen wird. Die Temperaturwerte werden dabei zwischen Tag und Nacht etwas größere Gegensätze erfahren.
Aussichten für Donnerstag: Nebligwolkig mit Aufheiterung, Temperaturgegensätze zwischen Tag und Nacht sich etwas verschärfend, meist trocken.
uns ein sehr kluger und feinsinniger polnisches Nationalökonom sagte: daß es nämlich eine der Hauptaufgaben seines Staates sei, eine allmähliche Neuverteilung des Einkommens zu Lasten des Großbesitzes und der dünnen Reichtums- schicht durchzusühren. Die Schaffung eines wirtschaftlichen selbständigen und gefestigten Mittelstandes ist eines der Hauptprobleme Polens.
Wir sagten schon, daß Polen ein vorwiegen!» agrarisches Land ist. Bei seiner Weiträumigkeit und der vergleichsweise geringen Bevölkerung — fte entspricht auf den Quadratkilometer umgerechnet etwa der Bevölkerungsdichte des Deutschen Reiches in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts — ist das auch nur selbstverständlich. Trotzdem stehen führende polnische Politiker auf dem Standpunkt, daß das Land namentlich wegen feines hohen Geburtenüberschusses landwirtschaftlich übervölkert sei und sich notwendigerweise stärker industrialisieren müßte. Tatsächlich hat man auch erhebliche Anstrengungen gemacht, um die übernommene Jndustrierüstung aufrechtzuerhalten und weiter zu entwickeln. In Ost- oberschlesien fiel dem jungen polnischen Staat eine moderne und leistungsfähige Schwerindustrie in den Schoß, die heute für den Heeresbedarf ebenso wichtig ist wie für das noch weitmaschige Verkehrsnetz des Landes und die sonstigen Bedürfnisse seiner Verbrauchsgüterindustrie. Neben Eisen, Stahl und Kohle stellt die Textilwirtschaft eines der wesentlichsten industriellen Instrumente Polens bar, die nahezu völlig in Lodz konzentriert ist und sich zum großen Teil noch in deutschen Händen befindet. Freilich ist die Lage des dortigen Deutschtums — von 600 000 Einwoy- nem sind etwa 70 000 deutsch — sehr bedrängt, obwohl dieses Lodz mit seinen 1,5 Millionen Baumwollspindeln zum „Manchester Osteuropas" gemacht hat.
Von der E r d ö l i n d u st r i e und der jungen Stickstoffwirtschaft wurde ja schon gesprochen. Bedeutungsvoller sind ferner alle mit der Bauwirtschaft zusammenhängenden Gewerbezweige, die auch mitten in den Krisenjahren eine ausgesprochene Sonderkonjunktur zu verzeichnen hatten. Erwähnenswert ist schließlich auch die Verkehrswirtschaft, vor allem das Eisenbahnwesen und der Flugverkehr. Was wir davon sahen und erlebten, war mustergültig und lehrreich. Der zivile Flugverkehr ist natürlich noch jungen Datums und sein Streckennetz nicht so dicht wie im übrigen Europa. Die Maschinen aber sind bequem, haben eine hohe Benutzungsfrequenz, sind zuverlässig, und wiederholt wurde uns mit Stolz erklärt, daß die polnische Flugverkehrsgesellschaft seit Beginn ihrer Tätigkeit eine hundertprozentige Verkehrssicherheit verzeichnen könne. Als Leistung hat uns persönlich aber das Eisenbahnwesen fast noch mehr imponiert. Aus drei verschiedenen Staatseisenbahnsystemen mußte innerhalb weniger Jahre aus militärischen und wirtschaftlichen Gründen ein einheitliches Netz zusammengefügt werden, dessen Maschen zuverlässig ineinanbergegriffen. Das ist nach unseren Beobachtungen vollständig gelungen.
Damit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen noch stark in der Entwicklung begriffenen Wirtschaftszweig gegeben, auf den Polen großen Wert legt: den internationalen Reiseverkehr. Ein halbstaatliches Reisebüro, die „Orbis", hatte den Auftrag, unsere Journalistenfahrt zu organisieren. Wir können nur mit Vergnügen feststellen, daß sie vorbildliche Arbeit geleistet hat. Tatsächlich nahm uns das Büro durch seine aufmerksamen und gewandten Beamten alle Beschwernisse ab, denen der Reisende im fremdsprachigen Ausland sonst leicht ausgesetzt fein kann. Man führte uns von Krakau im „Lux Torpeda", dem „Fliegenden Hamburger" Polens, nach Zakopane, dem bekannten polnischen Höhenluftkurort am Fuße der Hohen Tatra. Hier sind in der Tat alle Voraussetzungen für die Entwicklung eines internationalen Höhenluftkurortes und eines starken Touristenverkehrs gegeben, zumal der Ort schon aus der österreichischen Zeit über eine große Tradition verfügt.
Im ganzen: Vorstellungen von „Polnischer Wirtschaft" im früheren geringschätzigen Sinne sind endgültig und restlos abzuschreiben. Das Wirtschaftsleben Polens ist reich an sozialen Kontrasten und ungelösten Problemen, reich an Spannungen politischer Art und Schwierigkeiten technischer Natur. Es ist daran ebenso reich wie andere Völker, in mancher Hinsicht vielleicht durch die Hypothek der vergangenen zwei oder drei Jahrhunderte noch stärker belastet. Wir Deutsche vergessen dabei allerdings nicht, daß Polen gerade uns seit dem Kriege manches voraus hat und daß es Deutschland sehr viel verdankt. Aber ebensowenig übersehen wir, daß unser östlicher Nachbar sich mit Mut und Zähigkeit an die Lösung der ihm gestellten Aufgaben gemacht und auf seinem bisherigen Wege zum staatlichen Wiederaufbau sehr bemerkenswerte Fortschritte erzielt hat: Fortschritte, die in der Wagschale der europäischen Geltung nach ihrer wirklichen Bedeutung erkannt und eingeschätzt werden müssen.
Giaai und Kirche.
Eine Kundgebung des Landesbischofs der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen.
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Wiederaufbau eines Staates
Eindrücke und Ergebnisse einer polenreise.
Von unserem Dr. H.-Sonderkorrespondenien.
führt leicht in die Gefahr der Veräußerlichung und Verweltlichung der Kirche, und wir verstehen die Bedenken, die mancher evangelische Glaubensgenosse in dieser Beziehung gehabt hat. Dieser Gefahr gilt es jetzt mit allen Kräften aus dem Wege z u gehen, und, um einen Ausdruck des Reicbs- innenminifters Frick zu gebrauchen, sich auf Die Verinnerlichung als die eigentliche Aufgabe der kirchlichen Arbeit zu besinnen.
Unsere besondere Ausgabe in der neuaebil« beten Landeskirche Nassau-Hessen ergibt sich daraus, daß unsere Landeskirche die erste gewesen ist, die den Zusammenschluß dreier früher selbständiger Landeskirchen vollzogen hat, ganz besonders aber aus der Tatsache, daß die Landeskirche Nassau-Hessen durck ihre Lage nördlich und südlich des Mains berufen ist, b i e Tatkraft des beutfchen Norbens mit b e r Innerlichkeit bes beutschen ©übens zu verbt n b e n. Die Tragweite biefer Ausgabe kann gar nicht ernst genug genommen werben. Daher hat auch in unserer Lanbeskirche nur biejenige kirchliche Betätigung Sinn unb Verheißung, bie auf ©runb bes reformatorischen Evangeliums sich mit nichts anberem als mit Pre - bigt, Unterricht unb Seelsorge zu befassen willens ist unb babei nicht vergißt, was auch bie evangelische Kirche bem Nationalsozialismus in ber Gegenwart zu verbauten hat.
Gez. Lic. Dr. Dietrich.
Der Lanbesbiscbof der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen, Lic. Dr. Dietrich, gibt durch das Deutsche Nachrichten-Büro folgende Kundgebung der Oesfentlichkeit bekannt:
Am Donnerstag, 25. Oktober 1934, findet in Berlin beim Führer und Reichskanzler ein Staatsakt statt, bei dem der Reichs- b i f ch o f im Beisein der deutschen evangelischen Landesbischöfe und Bischöfe vom Führer empfangen wird. Damit tritt die Verbundenheit von Staat unb Kirche, über die sich jeder deutsche Protestant nur ausrichtig freuen kann, offen zutage. Diese Verbundenheit liegt in ber Linie, bie bie evangelische Kirche ihrem Wesen nach nur begrüßen kann. Es gibt für ben Protestantismus keine Kirche neben bem Staat ober außerhalb bes Staates. Zu allen Zeiten muß bie evangelische Kirche an Den Umgestaltungen bes Zeitalters irgenbroie teilnehmen; sie muß sich biese Beweglichkeit erhalten, wenn sie eine lebenbige Größe bleiben will. Aber auch ber Staat bars an ber Kirche natürlicherweise nicht teilnahmslos vorübergehen. Die Kirche vertritt innerste Anliegen bes Menschenherzens, bie bem Staate nicht gleichgültig sein können.
Freilich ist mit ber Aufrichtung ber äußeren Einheit ber Deutschen Evangelischen Kirche b i e innere nicht ohne weiteres gegeben. Die Ueberbe t o n u n g von Drganifationsfragen,
Uebrigens: auch ßancut ist feinem Ursprung nach beutsch; hier würben von ben Fürsten ßubomirffi, ben Vorgängern her Grasen Po- tocki, im späten Mittelalter Siedler aus Landeshut in Schlesien ansässig gemacht, ßancut ist ber wohl hervorragendste Typ einer polnischen Feudalherrschaft. Etwa 20 000 Hektar Grund unb Boben gehören dazu unb allein der Park umfaßt rund 300 preußische Morgen. Das Schloß ist aus einer mittelalterlichen Wehranlage während der Renaissancezeit zu seiner heutigen Pracht unb Großartigkeit entwickelt worben. Die glänzenbe Flucht ber Jnnenräume ist mit erlesenster Kultur ausgestattet: Wundervolle Möbel, Teppiche und Meisterwerke aus allen Zweigen der bilbenden Kunst sinb hier mitten in der weiten polnischen Ebene von einer Familie in zwei Jahrhunderten ^u- fammengetragen worden, und jedes führende Museum Europas dürfte stolz sein auf solchen Besitz, ßancut ist eine europäische Einzigartigkeit, ein Juwel, den selbst der Krieg respektiert hat...
Auch dies: höchste Kultur, gepflegter Geschmack, geschliffenste Kenntnis künstlerischer Kostbarkeiten, der Wille, sie zu besitzen und zur höheren Ehre der Familie und ihrer Tradition zusammenzutragen — ist Polen. Und da wir ja diesmal unsere Polenfahrt vom Wirtschaftlichen her beurteilen, müssen wir feststellen, daß hier, in diesem „unbekannten Polen", außerordentliche Reichtümer stecken, von denen Europa im allgemeinen nichts weiß. Zugleich aber gibt der Besuch von ßancut auch Gelegenheit, sich einige Frage der Besitz -und Einkommensverteilung zu überlegen. Polen ist ein vorwiegend agrarischer Staat. Seine ßandwirt- schast gibt rund zwei Drittel der Bevölkerung Arbeit und Brot. Etwa 22 Millionen Menschen leben also in Polen auf dem ßande und von dem ßande. Nach einer amtlichen polnischen Statistik neueren Datums gibt es 3 626 000 landwirtschaftliche Betriebe, von denen 65 v. H. Zwergbetriebe mit weniger als 5 Hektar Fläche sind. Nur 3 v. H. aller landwirtschaftlichen Betriebe sind in Polen größer als 20 Hektar. Diese 3 v. H. umfassen aber nicht weniger als 54,3 v. H. ber Anbaufläche, bie insgesamt 30,3 Millionen Hektar beträgt! Der Groß- grunbbesitz überwiegt also auch heute noch ungewöhnlich stark. Die bisherigen Maßnahmen der polnischen Agrarreform waren namentlich in den westlichen Provinzen in erster Linie politischer Natur; sie haben im Gesamtstaat noch keinen grundsätzlichen Wandel in ben Besitzverhältnissen geschaffen. Nur so ist es verstänblich, baß bie länb= lichen Verhältnisse in Polen auch heute noch über- roiegenb patriarchalisch unb feubalistisch wie vor 150 ober 200 Jahren sinb. Die Wirtschaftskrise, bie für j Bolen 1925 begann unb erst im vorigen Jahr zum Stillstanb gekommen ist, hat in biefer Hinsicht auch noch förbernb gewirkt. Ein umsassenbes Lanbwirt- schastsprogramm soll nun burch bevorzugte Berücksichtigung bes bäuerlichenKlein-unb M i t- t e l b e s i tz e s bei ber Entschulbung unb anberen Hilfsmaßnahmen allmählich Abhilfe schaffen.
Aber auch in ber übrigen Wirtschaft Polens wirb bas Bilb vom Großbetrieb bestimmt. Nach ber bereits erwähnten Statistik verfügt Polen über 204 000 inbuftrieüe unb gewerbliche Unternehmungen. Davon beschäftigen 88 v. H. weniger als vier Arbeiter unb nur 3 v. H. mehr als 20. Diese 3 v. H. erfassen über 550 000 Beschäftigte. Aus biefer Besitzverteilung ergibt sich auch bie Einkommensverteilung, für bie uns einige Zahlen aus ber Lanbeshauptstabt Warschau zur Verfügung stehen. Nach ben Erhebungen bes Polnischen Statistischen ßanbesamtes oerbienten in Warschau runb 75 v. H. ber Erwerbstätigen Höchstbeträge bis zu 200 Zloty. Etwa bie Hälfte ber erwerbstätigen Bevölkerung Warschaus oerbient nur 100 Zloty unb weniger unb bleibt bamit noch unterhalb bes Betrages, ber für Warschau als Existenzminimum angesehen wirb. So stehen Armut unb Reichtum in Polen auch heute noch hart beiein- anber, härter als bei uns unb im europäischen Westen. Unb von hier aus verstehen wir auch, was
IV*
„polnische Wirtschaft."
(Nachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Krakau, Oktober 1934.
Mit bem Begriff „Polnische Wirtschaft" sind bisher vielfach gewisse operettenhafte Vorstellungen verknüpft gewesen, die so etwas. wie „mangelnde Ordnung — gemächlicher Schlendrian — fehlende Präzision — Schmutz und Armut — faules Treben- lassen— nicht zuletzt: Vorspiegelung falscher Tatsachen" besagten. Die deutschen Journalisten, die 12 Tage Polen bereisten, werden mit grundlegend anderen Eindrücken nach Hause kommen! Freilich konnten wir nur an einigen wenigen Punkten Stichproben machen. Das aber, was wir von dem Wirtschaftsleben Polens sahen, hat uns mit hoher Achtung vor der Arbeitsleistung und den Energien des jungen Staatswesens erfüllt. Von Schlendrian, Schmutz, Unordnung, Po- temkinscyen Dörfern u. ä. kann jedenfalls nicht mehr die Reoe sein.
Ein Beispiel: Das staatliche Stick st offwerk M o s c i c e, das unweit Tarnow in 18 Monaten errichtet wurde, feit 1929 in Betrieb ist und zusammen mit dem ostoberschlesischen Werk Chor- z o w die gesamte polnische Landwirtschaft mit künstlichen Düngemitteln versorgt, ist heute eine ber mobernsten Erzeugungsstätten biefer Art unb bas wichtigste östliche Mitglieb bes europäischen Stickstoffsynbikats. Bei ber Errichtung ber Anlage, bie natürlich auch eine erhebliche Bebeutung für die Landesverteidigung hat, sind die Patente des gegenwärtigen Staatspräsidenten Professors Mos- ei ck i, eines Naturforschers von internationalem Rang, ausgewertet worden; sie sind das Kernstück der Gesamtfabrikation, bei der im übrigen auch deutsche Maschinenanlagen führend mitwirken. Im Rahmen seines Syndikatskontingents führt Moscice auch Stickstoff in die Nachbarländer aus und ist dadurch für die Zahlungsbilanz Polens ein wichtiger Faktor.
Für die Erdölerzeugung im Gebiet Dro- Hobycz-Borystaw, über die schon berichtet wurde, gilt insofern das Gleiche, als sie Polen von der Einfuhr ausländischer Erdölprodukte unabhängig macht und also devisensparend wirkt. Beachtenswert war in beiden Fällen die Fürsorge für das Wohlergehen der Werksangehörigen und ihrer Nachkommen, die mit einem geringen Aufwand an Mitteln ein Höchstmaß sozialer Leistung erericht. So sahen wir in Drohobycz eine sehr hübsche und großzügige Siedlungsanlage von kleinen Einzel- und Doppelhäusern für bie Angestellten unb älteren Arbeiter, beren Mittelpunkt ein großes Schulgebäube ist. In ber Schule, beren Gepflegtheit, Sauberkeit unb moberne hygienische Einrichtungen auffielen, ist ein Kinberheim untergebracht, bas sich ber Fürsorge unb Erziehung von Waisenkinbern verstorbener Werksangehöriger wib- met. In Moscice sinb bie sozialen Einrichtungen noch nicht so weit gebiehen. Das Werk ist aber schließlich auch noch jung unb muß sich erst allmählich entwickeln. Beachtenswerte Ansätze sinb immerhin schon jetzt festzustellen. Der polnische Staat gibt so in seinen eigenen Wirtschaftsanlagen an sichtbarer Stelle ein Beispiel für bie aufmerksame Sorgfalt, bie ber Unternehmer feinen Mitarbeitern auch über ben engen Arbeits- unb Dienstvertrag schulbet.
Die Sozialfürsorge ber Jnbustriewirtschast läßt sich in ihren Methoden und ihrer praktischen Nutzanwendung nicht ohne weiteres auf agrarische Verhältnisse anwenden, am wenigsten in Polen, wo — historisch gesehen — die gesellschaftliche Funktion des Landbesitzes Generationen hindurch grundsätzlich anders war als etwa in Preußen. Wir hatten dank der Liebenswürdigkeit des Grafen Potocki Gelegenheit, sein Schloß ßancut kennenzulernen.
* Vgl. „Gießener Anzeiger" vom 17., 20. und 23. Oktober.
Kandidatenliste. Dann verschwand er spurlos. Als der Geheimen Staatspolizei mitgeteilt wurde, bah in einer Wohnung zahlreiche verbächtige Personen ein- und ausgingen, wurde ein Beamter mit der Durchsuchung dieser Wohnung beauftragt. Er fand, auf der Toilette versteckt, einen Mann, der s i ch Leuschner nannte und auch Papiere auf Viesen Namen oorzeigte. Es stellte sich heraus, daß man ben kommunistischen Abgeorbneten Dr. Neubauer erwischt hatte, ber sich wegen Urkunben- sälschung vor bem Berliner Schöffengericht zu verantworten hatte.
(Eine Fachschaft für Lehrer an Wehrmachtschulen im JISCB.
Nach eingehenden Verhandlungen zwischen dem Reichswehrminister und dem Reichsamtsleiter des Nationalsozialistischen ßehrevbundes, Staatsminister Schemm, wurde eine Vereinbarung getroffen, nach welcher die Lehrer an den Wehrmachtsschulen als Fachschaft in ben NSLB. e i n g e g 11 e b e r t werden. Die Leitung dieser Fachschaft wurde dem Ministerialrat im Reichswehrministerum Dr. Peyer übertragen. Die Ausstellung der Untergliederungen dieser Fachschaft in den einzelnen Wehrkreisen und politischen Gauen erfolgt in ben nächsten Wochen.
Zuchthausstrafe wegen Unterschlagungen im Sieblungsamt des Landkreises Kassel.
Im Prozeß wegen Unterschlagungen im Sieb- lungsamt bes ßanbtreifes Kassel würbe ber Hauptangeklagte ß e i ft e n wegen Vernichtung amtlich anvertrauter Urkunben sowie wegen Untreue in Tateinheit mit gemeinschaftlichem Betrug zu fünf Jahren Zuchthaus unb 10000 RM. Gelb- strafe verurteilt. Wegen Beihilfe zur Untreue in Tateinheit mit gemeinschaftlichem Betrug würben die Angeklagten S ch m i b t zu ein Jahr brei Monaten Gefängnis unb 1500 RM. Gelbstrafe, Spohr zu einem Jahr Gefängnis, Schuwirth au aehn Monaten Gefängnis unb 500 RM. Gelbstrafe unb Brihle zu einem Jahr Gefängnis unb 1000 RM. Gelbstrafe verurteilt.
Die Todesstrafe in Estland.
Durch eine Verordnung des Staatspräsidenten ist in Estland eine neue Strafprozeßorb- nung eingeführt worben, beren Bestimmungen über ben Vollzug ber Todesstrafe von besonderem Interesse sinb. Die Tobesstrafe wirb in Zukunft in Estlanb auf Veranlassung unb unter Auf- sicht bes Staatsanwaltes vollstreckt. Falls ber Verurteilte ben Wunsch äußert, slch selbst zu vergiften, gibt der Gefängnisbirektor dem Henker ben Befehl, bem Verurteilten Gift zu reichen. Hat der Verurteilte innerhalb fünf Minuten bas Gift nicht genommen, so erfolgt bie Hinrichtung burch Erhängen. Die Art und Zusammensetzung des Giftes wird von der staatlichen Gesundheitsbehörde bestimmt.
Auf der Landstraße ermordet.
Auf ber ßanbstraße zwischen ben Dörfern Rosenberg unb Wilkau (OS.) würbe ber Bauer Anton Kontny aus Wilkau von einem Kraftwagenführer t o t aufgefunben. Ermittlungen ergaben, daß Kontny, ber eine Fuhre Rübenschnitzel von ber Zuckerfabrik Schönewitz geholt hatte, unterwegs von einem bisher unbekannten Täter von hinten niebergeschlagen würbe. Der Schwerverletzte fuhr mit feinem Waaen noch etwa 100 Meter weit unb stürzte dann auf bie Straße, wo er tot liegen blieb.
Raubüberfall chinesischer Banditen. — Sechs Menschen getötet.
In einer ber letzten Nächte haben chinesische Banditen einen Uebersall auf die Eisenbahnlinie Tatungou—Schjung—Schju in Korea verübt. Ein Personenzug würbe von ben Banbiten beschossen, angehalten unb bie Passagiere aus« geplünbert. Sechs Bahnbeamte würben von den Banditen getötet, neun Passagiere wurden entführt. Dom Bahnhof Daschischao wurden Truppen entsandt.
Der Doppelmörder Gustav Bürker vor Gericht.
Vor dem Halberstadter Schwurgericht begann der Prozeß gegen den Doppelmörder Gustav Bürker, der am 29. Juni d. I. beim Scharfenstein im Harz den Vankdirektor Schurig aus Osnabrück und am 1- Juli d. I. auf dem Goetheweg unterhalb des Brockens ben auf einer Harzwanderung befindlichen Dr.-Jna. K r a u s aus Danzig ermordet unb beraubt hatte. Zu bem Prozeß sind 35 Zeugen erschienen. Der 29jährige Angeklagte Gustav Bürker antwortet auf die Frage des Vorsitzenden, ob er sich schuldig bekenne, mit „Ja", bestreitet aber, die Tat mit lieber- legung und Vorsatz ausgeführt zu haben. Er habe sich damals in einer seelischen Depression befunden. Die Vernehmung des Angeklagten entrollt ein Bild von dem Niedergang eines von Kriminal-, Detektiv- und Raubgeschichten zu Abenteuern neigenden Sorgenkindes einer achtbaren Familie. Dann kamen die beiden Mordtaten im Brockengebiet zur Sprache. Der Angeklagte behauptet, er habe sich wegen eines Streites mit seiner Frau mit Selbstmordgedanken von Bielefeld entfernt unb sei dann willenlos umhergeirrt; er gibt zu, der Täter in beiden Mordsällen zu sein, behauptet aber, von den Taten nichts zu wissen. Aus die Vorhaltungen, wie er sich die logische Handlungsweise vor und nach den Taten, wie auch beim Verstecken der ßeichen erkläre, antwortete er immer nur mit einem Kopfschütteln und der Bemerkung, das sei ihm selbst rätselhaft. Der Angeklagte versucht insbesondere darzulegen, daß seine Angaben in der Voruntersuchung, die mit den Mordtaten zu- sammenhingen, nur Schlußfolgerungen, aber nicht bewußte Erinnerungen seien. Die Tatsache, daß von dem Versteck der geraubten Sachen niemand wußte außer Bürker selbst, erschütterte jedoch diese Verteidigungsmethode stark. Im übrigen entrollte die Vernehmung ein Bild von Bürkers Wegelagererleben im Harz.
Stürme im Marmarameer unb im Schwarzen Meer. Zehn Menschen ertrunken.
Infolge schwerer Stürme im Marmarameer sind zwei Segelboote gekentert. Zehn Mann ber Besatzungen sinb e r t r u n k e n. Im Schwarzen Meer ist der Dampfer „Gazal", ber eine Holzlabung führte, an ber Küste ge st raubet; die Be- satzung würbe gerettet.


