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punkte in Belgien und Frankreich von der Presse eifrig diskutiert. So erscheint heute das Baldwin-Programm in recht merkwürdigem Lichte. Wenn England glaubt, wegen derUnruhe in Europa" und des Scheiterns der Abrüstungskonfe­renz sich ernstlich auf Krieg vorbereiten zu müssen, soll das dann heißen, daß es mit fliegenden Jahnen ins französische Lager übergehen will?

Es gibt auch in der Politik denSelbstmord aus Angst vor dem Tod", und in der englischen Politik ist dieses jammervolle Schicksal anscheinend beson­ders den Liberalen Vorbehalten. Bor zwanzig Jah­ren ermöglichte Sir Edward Grey den Erfolg der französisch-russischen Zusammenarbeit zum Kriege dadurch, daß er sich formal bis zur letzten Minute eine Entscheidung Vorbehalten wollte, die in Wirklichkeit längst zugunsten des anti-deutschen Dreiverbandes getroffen war. Heute gibt fast mit den gleichen Argumenten und jedenfalls in der gleichen Selbsttäuschung Sir John Simon dem französisch-russischen Nordostpakt mit Deutschland, Polen, Baltikum und Tschechoslowakei seine würmsten Empfehlungen mit auf den Weg. Vielleicht glaubt er, damit ein direktes französisch­russisches Bündnis als die größere Gefahr zu ver­meiden. In Wirklichkeit ist seine überkluge und typisch liberale Haltung in ihrer Zweideutig­keit genau so unheilvoll, wie seinerzeit die Schaukelpolitik seines Vorgängers Grey. Im eigenen Lande gibt er der konservativen Meinung Oberwasser, daß England die Kontrolle über den Gang der Ereignisse zu verlieren droht und ihm nichts anderes mehr übrig bleibt, als sich durch erhöhte militärische Anstrengungen wieder Achtung zu verschaffen. In Frankreich entsteht ebenfalls der Eindruck einer britischen Abdankung, so daß man schließlich alle Scheu fallen läßt und die alte einseitige Bündnispolitik wieder mit allen Kräften betreibt. Die Frage ist nur, welche Rolle dann schließlich auch ein militärisch stärkeres Eng­land spielen kann, oder vielmehr spielen muß. Wenn das große Jnselreich sich heute von einer Kriegspanik 'fortreißen läßt, wie es gestern in

«wie iyi4 oie umi]O)iUBfreigeu ycriuiiiiiicn Hand zu blutigen Taten geführt werden, ehrlich fürchtet und verabscheut!

Richtig ist, daß der Frieden in Europa eine un­erläßliche Vorbedingung für die Sicherheit der britischen Weltpolitik bedeutet. Richtig ist ferner, daß dieser Frieden zum größten Teil von den Kon­tinentalstaaten und ihrer mehr oder weniger ver­nünftigen Einsicht selber abhängt. Allein, Eng­land verliert das letzte Viertel an Einfluß und dieses englische Mertel könnte auch morgen wieder entscheidend werden, wie es vor dem Weltkrieg entscheidend war, wenn die britische Außenpolitik sich aus Schwäche oder aus sentimentalen Gründen verleiten läßt, Partei zu ergreifen. Es besteht nicht die geringste Gefahr, daß etwa eine deutsche Luftflotte aus Gründen der na­tionalen Verteidigung England angreift, ganz ab- gesehen davon, daß keine deutsche, sondern nur eine überlegene französische Luftflotte diesseits des Kanals besteht. Die viel größere Gefahr für den europäischen Frieden liegt darin, daß der letzte Funke von Vernunft und Zurückhaltung aus der französischen Politik verschwindet, wenn sie zu ihrer eigenen gewaltigen Streitkraft und ihren alten oder neu entstehenden Bündnissen stillschweigend auch

noch die englischen Machtmittel einrechnet. Es mag sein, daß Englands Wort bisher wegen seiner mili­tärischen Schwäche zu Land und in der Luft nicht stark genug war. Wie aber, wenn die verstärkte Macht nur eingesetzt wird für eine Politik der Abdankung? Damit gerät England wirklich in Lebensgefahr, weil auf diese Weise der Frieden in Europa nie und nimmer durch gerechten Aus­gleich gesichert werden kann. Es wäre daher ge­rade für England selber das schwerste Verhängnis, wenn es in Europa versagt, fünf Minuten vor Beginn der neuen großen Auseinandersetzung über die Verteilung der Seestreitkräfte draußen in der Welt. Ein politisch unfreies England, das in europäischen Dingen durch dick und dünn mit Frankreich geht, wird sich den japanischen Ansprü­chen im Pazifischen Ozean schwerlich mit Erfolg erwehren können. Dann werden sich Herr Baldwin und der Kriegsminister Lord Hail- sham vielleicht sehr rasch dem wirklichen Sicher­heitsproblem des britischen Reiches in einer Posi- , tion gegenübersehen, bei der ihnen das Gefühl der rosigen pazifistischen Utopien schwamm, so könnte i Scheinsicherheit durch ihre neue europäische Luft- ihm in der entscheidenden Stunde wieder genau > flotte wenig oder garnichts nützen wird.

planmäßiges Zusammenwirken mit der großen«wie 1914 die Entschlußfreiheit genommen und die französi chen Armee. Anläßlich des Besuches, den der | Hand zu blutigen Taten geführt werden, bte es französi ehe Generalstabschef Weygand kurz vor feinem Außenminister in London abstattete, wurde die Einrichtung britischer Luftstütz-

Das Oberhaus über die Aufrüstung in der Lust.

Mit vollen Segeln ins Fahrwasser Frankreichs.

London, 23.Juli. (DNB.) Im Oberhaus begann heute nachmittag die Aussprache über die von der Regierung geplante Verstärkung der Luftwaffe. Von der Arbeiterpartei lag ein An­trag vor, der Regierung wegen dieser Vorlage die Mißbilligung fres Hauses auszusprechen. Be­gründet wurde dieser Antrag von

Lord ponsonby,

der die geplante Verstärkung als sensationell dar­stellte. Wenn das Programm durchgeführt werden sollte, werde England rund 13 0 0 Frontflug- zeuge besitzen. Man müsse sich fragen, was der Zweck dieser Erhöhung fein solle. Frankreich verfüge bereits jetzt über 1650 Flugzeuge, die rus­sische und die italienische Luftflotte zählten deren 1500. Trotz des großen Programms werde England also nicht auf den gleichen Stand kommen wie andere Mächte. Deshalb könne man sich auch nicht auf den von der Regierung erhobenen Pari­tätsanspruch berufen, wenn man jetzt mit der Ankündigung der neuen Luftrüstungen Unruhe in das Land trage.

Ls fei bedauerlich, daß Großbritannien niemals ernstlich sich um die Durchsetzung des Gedankens bemüht habe, daß alle Nationen auf den Stand Deutschlands abrüsten müßten. Die Lage jetzt lasse sich vergleichen mit den ersten Monaten des Jahres 1914. Auch jetzt herrsche wieder das Wett­rüsten, derselbe unbestimmte Argwohn und das­selbe Gefühl der Unsicherheit.

Es mangele an einer kühnen Führung, die die rich­tige Richtung einzuschlagen wisse. Wo sei denn die akute Gefahr, die eine Rüstung notwen­dig mache? Alle Länder seien augenblicklich mit dem Wiederaufbau im Innern beschäftigt. Auch die Span­nung zwischen Deutschland und Frankreich habe in der letzten Zeit sehr nachgelassen.

Ponsonby beschäftigte sich auch noch mit dem Londoner Besuch Barthous und dessen Er­gebnissen, wobei er ironisch bemerkte, daß die fran­zösische Diplomatie offenbar mit Recht berühmt sei. Wann werde demgegenüber man in den Kreisen der britischen Diplomatie erkennen, daß es Verpflich­tungen gebe, die durchaus nicht in irgendwelchen Do­kumenten ihren schriftlichen Niederschlag finden müh­ten. Es gebe auch Verpflichtungen der Ehre, die lediglich darauf begründet sein könnten, daß auf Grund freundschaftlicher Beziehungen von England unter gewissen Umständen in irgendeiner Gestalt ein Eingreifen erwartet werde, Auch durch solche Verpflichtungen könne sich England unter Um­ständen gebunden sehen.

Eine Abmachung über den Osten, so fuhr Pon­sonby fort, würde mit den Abmachungen von Lo­carno durch die Teilnahme Frankreichs in enge Be­ziehungen gebracht sein. Wenn Frankreich verpflich­tet sei, Rußland gegen einen etwaigen deutschen Angriff zu unterstützen, so sei es nicht undenkbar, daß ein Krieg an Deutschlands Westgrenze aus- breche. In einem solchen Krieg würde England ohne weiteres hineingezogen werden.

Wenn die britische Regierung aus heiterem Himmel plötzlich erkläre, sie müsse die Luft­waffe um 75 v. h. verstärken, fo sei das Ober­haus berechtigt, sich zu fragen, ob es nicht irgendwelche versteckten Verpflichtun­gen gebe, von denen das Land nichts wisse. Sicher habe die Mitteilung der Regie­rung über die Luftflottenverstärkung erheb­lichen Argwohn über den Inhalt der kürzlich mit Frankreich geführten Besprechungen aus­geübt.

Im weiteren Verlauf der Aussprache erklärte sich 'eine Anzahl von Oberhausmitgliedern je nach ihrer politischen Stellung für und gegen die Luftauf- rüstungspolitik der Regierung.

Besonderes Aufsehen erregten die Ausführungen eines zweiten Redners der oppositionellen Arbeiter­partei, des

Lord Arnold.

Er sagte u. a., die Regierung habe zwar den Kel­logg p a k t unterzeichnet. Das hindere sie jetzt nicht, wieder aufrüsten zu wollen. Der Loear-

nooertrag sei mausetot. Er habe gar keine rechtliche Gültigkeit mehr, denn Frankreich habe seit der Unterzeichnung des Locarnovertrages so schnell, wie seine Finanzen es gestatteten, fort» laufen d wieder aufgerüstet.

Schon in der Tatsache, daß es nicht abgerüstet habe, sei ein Bruch der Locarnoabmachung zu erblicken. Unter diesen Umständen habe man kein Recht, zu erklären, daß die Jugend Eng­lands wegen des Locarnopaktes in den Krieg ziehen und ihn mit ihrem Blut besiegeln müsse. Keine britische Regierung werde sich imstande fin­den, ein Heer auf die Beine zu stellen, wenn es gelte, wegen des Locarnovertrages in den Krieg zu ziehen.

Der Standpunkt der Regierung wurde durch den

Lustfahrtminister Lord Londonderry vertreten. Er legte den Urhebern des Mißbilli­gungsantrages gegenüber eine ziemliche Gereiztheit an den Tag. Von den Sozialisten sei eine Politik einseitiger Abrüstung für England stets ausdrücklich verworfen worden. Nun werde dieser Antrag ein­gebracht in einem Augenblick, wo die Regie­rung die Politik einseitiger A b - rüstung aufgegeben habe, weil es ihr nicht gelang, die so beharrlich erhofften Ergebnisse zu erzielen. Im weiteren Verlaufe seiner langen Reoe befaßte er sich mit den Verhältnissen im Ausland. In fast jedem Lande sei man dabei, umfangreiche Programme zur Ausgestaltung der Luftwaffe durch­zuführen. Keine verantwortliche Regierung könne es zulassen, daß die Luftstreitkräfte Englands wei­terhin denen des Auslandes in so starkem Maße unterlegen seien.

Die Zeit fei gekommen, wo man der Wirklich­keit ins Gesicht sehen müsse. Von den politi­schen Parteien sei die Regierung berechtigt zu fordern, daß sie sich ebenfalls mit den Tatsachen abfinden. Niemand könne als Luftfahrtmini­ster die Verantwortung dafür übernehmen, daß im Frieden vernünftige Vorsichtsmaßnah­men unterlassen würden.

Denn im bedauerlichen Falle eines Krieges werde man dann Flugzeugführer in den Kampf senden müssen, die nur über eine unzureichende Ausbil­dung verfügten, weil man die Luftwaffe in der Eile habe improvisieren müssen. Eine schwache Luftwaffe bilde kein wirksames Verteidigungsmittel. Andererseits lasse sich eine angemessene Verteidi­gungsorganisation nicht erst beim Ausbruch des Krieges und womöglich unter Angriffen des Fein­des aus dem Boden stampfen.

Oer Antrag der Arbeiterpartei abaelehnt.

Der Antrag der Arbeiterpartei, wurde mit 54 gegen 9 Stimmen abgelehnt. Während der Aussprache kreuzten 24 Militärflugzeuge, die an einem Manöver teilnahmen, über dem Parlamentsgebäude.

Eine Erklärung Eowjetrußlands zum Ostpakt.

Berlin, 23. Juli. (DNB.) Der bisherige Bot­schafter der UdSSR., Herr C h i n t s ch u k, hat vor seiner gestrigen Abreise am Samstag imAuswär- t i g e n A m t die Erklärung abgegeben, daß die R e - gierung der UdSSR, mit der Ausdehnung der Locarnogarantie der Sowjetunion auf Deutschland und der Verbreiterung der französi- scheu Garantie aus dem Ostpaktprojekt auf Deutschland, wie von der englischen Regierung vorgeschlagen und von Frankreich angenommen, einverstanden sei.

Die Erklärung stimmt überein mit den Erklärun- gen, die die Botschafter der UdSSR^ in Paris und London der französischen bzw. der englischen Re­gierung zu diesem Punkt abgegeben haben.

Berlin, 23.Juli. (DNB.) Der Botschafter der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Leon Chintschuk, hat gestern in Begleitung seiner Gattin um 23.30 Uhr Berlin vom Bahnhof Fried­richstraße aus in Richtung Moskau oerlaUtn.

Staat und Kirche.

Minister Rust über die Aufgaben der. staatlichen und kirchlichen Leiter.

Berlin, 23.Juli. (DNB.) Der preußische Kul- tusminister Rust empfing heute den neuernannten Bischof von Hildesheim, Dr. Machens, der in Begleitung der Domkapitulare B l u e I und Schneider in Berlin eingetroffen war, zur Vereidigung im preußischen Kultusministe­rium. Auf die von freundschaftlichem Geist getra­gene Ansprache des Herrn Bischofs antwortete Reichs- und Staatsminister Rust mit folgenden Worten:

Das Amt, das Sie übernehmen, ist das eines Seelenhirten der römisch-katholi­schen Kirche. Ihrer geistlichen Führung anver­traut sind aber zugleich deutsche Menschen und Bürger des nationalsozialisti­schen Staates. Das Gedeihen des deutschen Volkes und die Macht des nationalsozialistischen Staates aber beruht vor allem anderen auf dem Bewußtsein der Blutsverwandtschaft und des schicksalmäßigen Aufeinanderangewie- sen-Seins aller Deutschen ohne Unter­schied auch der Bekenntnisse.

Der Wille des Führers dieses Volkes und seiner Regierung ist daher daraus gerichtet, in höchstmöglichem Zusammenleben und Zusam- mengehörigkeitsbewuhtsein die Garantie gegen das tragische Auseinanderfallen der Nation zu schaffen, von dem die deutsche Geschichte leider zu oft zu berichten weiß. Die traurige Macht­losigkeit Deutschlands, die im Westfälischen Frieden des Jahres 1648 und im Versailler Diktat zutage tritt, macht uns zur Pflicht, der Wiederkehr von volkszerstörenden Konfessions­und Klassenkämpfen vorzubeugen.

lieber die Erfüllung dieser völkischen Erziehungs­pflicht will die verantwortliche nationalsozialistische Staatsleitung keineswegs Konflikte mit den Führungen der christlichen Kirchen herbeifiih-

ren. Die Aufgaben des nationalsozialistischen Staates sind andere, als die der christlichen Kirchen, stehen aber zu diesen nicht in feindlichem Gegensatz. Ein Vernichtungskampf beider für das Wohl derselben Menschen in ihrer völkischen und kirchlichen Zusammengehörigkeit verantwortlichen Führungsmächte könnte nur dem Todfeinde einer christlich-germanischen Sittlich, feit und abendländischen Kultur zum Siege verhelfen. Es ist nicht möglich, Meinungs­verschiedenheiten im einzelnen und Zusammenstöße einzelner zu verhindern.

Es ist aber nicht nur möglich, sondern notwen­dig, daß die verantwortlichen Leiter die menfd)- lichen Gemeinschaften der Geführten nicht zum kampfschauplah machen, sondern als verant­wortliche Führer unter sich zur Klärung und Entscheidung kommen.

Sie, hockwürdigster Herr Bischof, find als Nieder­sachse in Volk und Heimat persönlich fest verwurzelt und haben dem früh schon durch Ihre schriftstellerische Arbeiten Ausdruck verliehen. Sie nehmen den Stad des Bischofs Bernhard in die Hand und treten damit in eine große Tradition von Männern, die Staatund Kirche in gleicher Weife zu dienen wußten^ Die Staatsregie» rung hat darum zu Ihnen das Vertrauen, daß Sie die Ihnen anvertrauten Diözesanen auch als Deutscher und Staatsbürger recht zu lenken wissen werden. In diesem Vertrauen heiße ich Sie als Bischof der Diözese Hildesheim herzlich willkommen und wünsche Ihnen für Ihr hohes Amt Gottes Segen, und so wollen Sie nunmehr den Treueid leisten.

An die Eidesleistung schloß sich ein Empfang beim Staatsminister Rust, an dem Bischof Dr. Ma­chens, seine Begleitung, Vertreter des preußischen Staates und preußischen Kultusministeriums teil» nahmen.

Umgruppierung im französischen Kabinett?

Künstliche Verlängerung des politischen Burgfriedens?

Paris, 24. Juli. (DNB.-Funkspruch.) Minister­präsident Doumergue trifft am Dienstagvor­mittag wieder in Paris ein, um den politischen Auswirkungen des Streits zwischen T a r d i e u und Chautemps zu begegnen. Während Mi­nisterpräsident Doumergue um 11.30 Uhr Tardieu empfängt, hält Herriot mit den radikalsozialistischen Ministern und dem Vorstand des Vollzugsausschusses der Radikalsoziali- stischen Partei eine Beratung ab.

Der Pariser Bezirksverband der nationalen Ver­einigung der ehemaligen Frontkämpfer und der Verband der Steuerzahler haben an den Minister­präsidenten Doumergue eine Kundgebung gerichtet, in der sie sich für die Aufrechterhaltung des politischen Waffen st ill st andes ein­setzen.

Man scheint in politischen Kreisen damit zu rech­nen, daß es Doumergue nicht gelingen wird, den jetzigen Status einfach aufrechtzuerhalten. Tritt Tardieu zurück, so wird vermutlich auch Herriot sein Amt niederlegen, damit die politische Dosie­rung des Ministeriums nicht aus dem Gleichgewicht kommt. Es fragt sich nur, ob das Kabinett durch den Verlust der beiden Staatsminister in partei­politischer Hinsicht nicht allzu geschwächt sein dürfte.

Man fchreibl daher dem Ministerpräsidenten Doumergue die Absicht zu, die Rücktrittsgefuche

aller feiner Minister entgegenzunehmen, ohne daß er selbst zurücktritt, um die Ministerposten dann neu zu verteilen. Bei dieser Umbildung der Regierung würde also weder der Präsident der Republik, noch das Parlament in Anspruch genommen werden.

Die Morgenpresse erörtert alle möglichen Lösungen, ohne für eine bestimmte Lösung Stellung zu neh­men. Man begnügt sich im großen und ganzen da­mit, die weniger wahrlcheinlichen Lösungen auszu- schalten und dann bei zwei ober drei Voraussagen stehen zu bleiben.

Echo de Paris" macht heute früh auf die schlimmen Folgen aufmerksam, die eine innerpoli­tische Krise auf die französische Außen­politik haben dürfte. Das Blatt bestreitet in diesem Zusammenhang, daß B a r t h o u in die Fußtapfen B r i a n d s trete, auch wenn Barthou das von sich behaupte. Vor der Regierungsüber­nahme durch Doumergue und Barthou habe Frank­reich in Mitteleuropa den Dingen freien Lauf ge­lassen, selbst für den Fall, daß ein deutsch-ungari­sches Mitteleuropa entstehe. In den letzten 10 Iah- ren sei wohl kein Monat vergangen, in dem die polnische Botschaft in Paris nicht nach Warschau berichtet habe, daß es zwecklos fei, im Falle einer Gefahr für den Korridor oder Oderfchlesien auf Frankreich zu zahlen.

Maffenverhastungen vvnMarxisten in Oesterreich.

Ein großes Komplott zum Sturz der Regierung Dollfuß entdeckt?

Wien, 23. Juli. (DNB.) In allen Bezirken Wiens find am Montag Maffenverhaf- tungen von Sozialdemokraten und kommuni st en erfolgt. Die Festgenommenen wurden, da das Polizeigefängnis überfüllt ist, in den leerstehenden Montagehallen der karofferie- fabrik Armbruster im 9. Bezirk untergebracht. Man spricht von etwa 600 bis 1 000 Verhaf­tungen. Die Fabrik wird scharf bewacht. Starke Schuhkorpsabteilungen wurden in das Gebäude gelegt. Heber die Gründe der Verhaftungen find verschiedene Ansichten im Umlauf. Man hört, daß die Polizei einem großen marxistischen Komplott zum Sturz der Regierung auf die Spur gekommen sei. Line Bestätigung dieser Lesart war nicht zu erreichen. Die Behörden behaupten, daß es sich um eine Razzia handele, die keinen bestimmten Anlaß habe. Man erfährt auch, daß die Marxisten in den letzten Tagen eine rege unterirdische Tätigkeit entfalteten und Leute für die illegale Schuhbundforma­tionen angeworben haben. Auch aus der Pro­vinz laufen private Meldungen über zahl­reiche Verhaftungen unter den Marxisten ein.

Es kracht weiter.

??.!fn' 23- Auli. (DNB.) Von amtlicher öfter» relchlscher Seite wird mitgeteilt, daß in Villach Kärnten) in einem Hause 22 Gewehre ge- u n d e n worden seien. Gegen den Hausbesitzer wurde die Standrechtsanzeige erstattet. In Mau­th e rn (Steiermark) wurde ein Fuhrunternehmer verhaftet, weil er im Verdacht steht, Spreng- material befördert zu haben. Am 22. Juli abends wurde vor einem Hause in Str affen gl m Steiermark ein Papierböller zur Explosion ge- bracht, durch den Sachschaden verursacht wurde.

Die A 11 e n t a t s w e l l e ist am Sonntag und auch am Montag nicht zum S t i l l st a n d ge­kommen. Am Sonntagabend explodierte in Kla­genfurt vor dem Polizeigebäude eine m ° n i t p a t r o n e, die Sachschaden verur- achte. Zu gleicher Zeit explodierte vor dem Ge­bäude der Kärntener Landesregierung

Sprengkörper, der einen Mauerpfeiler leschadlgte und eine große Anzahl von Fenster- cheiben zertrümmerte. Am Montag früh explodierte vor dem Gebäude des Landgerichtes in

Klagenfurt ein Sprengkörper, der ebenfalls größe­ren Sachschaden verursachte. Zu gleicher Zeit wurde in den Garten eines Pfarrhofes in Klagen» furth eine Bombe geworfen, die nicht explodierte.

Oie Sprengstoffablieferung.

Wien, 23. Juli (DNB.) Staatssekretär Dr. K a r w i n s k y gab der Politischen Korrespondenz eine Erklärung ab, in der Angaben über die Menge der abgelieferten Sprengstoffe gemacht werden. Danach sind 106 Kilo Ammonit und Dyna­mit, 202 Pakete dieser Sprengstoffe, 1150 (Spreng» kapseln, 2300 Glühzünder, 621 Meter Zündschnur, ferner Sprengröhren und anderes Sprengmaterial den Behörden abgeliefert worden. Dr. Karwinsky erklärte sodann, daß es den Attentätern nicht gelingen werde, die Negierung auf die Knie zu zwingen, sondern daß sie alle, soweit sie verhaftet werden konnten, die volle Schärfe des Gesetzes spüren würden. Diese Aeußerung wird dahin aufgesaßt, daß im Laufe dieser Woche noch zahlreiche Todesurteile gefällt werden dürften.

Polen und die baltischen Staaten.

Reval, 23. Juli. (DNB.) Der polnische Außenminister Beck traf mit seiner Gattin am Montagnachmittag im Flugzeug in Reval ein, um dem estländischen Außenminister S e l j a - m a a den angekündigten Besuch zu machen.

Estland für Annäherung.

Warschau, 24. Juli. (DNB.) DerKurjer P o r a n n y" veröffentlicht am Dienstag eine Unterredung mit dem estnischen Außenminister S e l j a rn a a aus Anlaß Des Besuches des polni­schen Außenministers Beck in Reval. Unter Be­zugnahme auf die engen freundschaftlichen Bande zwischen Estland und Polen erklärte S e l j a m a a u. a., er halte eine Annäherung der balti­schen Staaten an Polen für eine un­bedingte Notwendigkeit. Hinsichtlich des aeplanten O st p a f t e s sagte Seljamaa, daß Est­land und Polen eine gemeinsame poll« tijdje Grundlage ausarb.eiteu müßten. Estland Jei auf jeden Fall entschlossen, in dieser Frage mit Polen gemeinsam vorzugehen.