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Nr. 71 Drittes Blatt

Girhener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)

$amstag,24 MrzM4

Aus der provinziaihaupifiadi.

ObmSürgermeisterDr. Keller

Unser langjähriger Oberbürgermeister Dr. Kel­ler hat sich am vorigen Montag von seinem Amt an der Spitze der Stadtverwaltung verabschiedet. Die nationalsozialistische Stadtratsfraktion hat ihm aus diesem Anlaß eine herzliche Abschiedsehrung bereitet. Damit hat sie sich in dankenswerter Weise zum Uebermittler der Empfindungen gemacht, die in der Bürgerschaft beim Uebertritt des langjähri- len Stadtobe.' auptes Dr. Keller in den gesetzlichen Ruhestand besonders lebendig zutage traten. Der Dank an den Mann, der seit 27 Jahren in der Verwaltung unserer Stadt tätig war und davon -und 20 Jahre allein als Oberbürgermeister wirkte, ft von der NS.-Fraktion und von anderen Spre- hern auch mit einer Würdigung der Tätigkeit des 'cheidenden Oberbürgermeisters verbunden worden, )ie jedermann erkennen ließ, wie bedeutsam das Walten des Führers gewesen ist, der jetzt aus der Front zurücktrat. In seinem aroßangelegten Rück­blick auf dieses Wirken lenkte der nationalsozialisti- che Fraktionsführer H a h n den Blick über eine olche Fülle von aufwärts gerichteten Werken des cheidenden Kommunalpolitikers, wie sie in unserer Stadt bisher noch mit keiner leitenden Person der städtischen Verwaltung verbunden war. Die stärkste Leistung des scheidenden Oberbürgermeisters bildet die Tatsache, daß ihm die Gesunderhaltung unserer städtischen Finanzwirtschaft trotz aller Schwierig­keiten der letzten Jahre und trotz vielfacher Ver­suche zum Abgleiten von dieser Bahn gelungen ist. Damit hat er das wirtschaftliche Rückgrat unserer Stadt unversehrt erhalten und dem Neuaufbau im Dritten Reich im Rahmen unserer Gießener Ver­hältnisse eine gute Wegbereitung hinterlassen

Bei der umfassenden und sachlich gerechten Wür­digung des Wirkens des scheidenden Stadtober­hauptes in jener lokalgeschichtlich denkwürdigen Sitzung vom vorigen Montag bleibt der Presse als Zeitchronistin des öffentlichen Geschehens nur noch wenig zu sagen übrig. Jeder Mann in der Bürger­schaft kann sich voll und ganz dem Dank und der Anerkennung anschließen, die dem zurückgetretenen Oberbürgermeister in so reichem Maße ausgespro­chen wurden. Dabei werden mancherlei Erinnerun­gen lebendig, aus denen zu erkennen ist, welcher Mann und Kommunalpolitiker von Format Ober­bürgermeister Dr. Keller während seiner Gieße­ner Amtsführung gewesen ist. In unserer nahezu 12jährigen Beobachtung der kommunalen Arbeit aus nächster Nähe konnten wir immer wieder fest­stellen, daß dieser Verwaltungschef bei aller Lie­benswürdigkeit von Mensch zu Mensch eine er­freuliche Unnahbarkeit für solche Projekte an den Tag legte, die mit seinem obersten Grundsatz der Aufrechterhaltung einer gesunden Finanzwirtschaft der Stadt nicht in Einklang zu bringen waren. Dadurch wurde er in der Zeit des früheren Systems ein Mann, an dem sich die Linke oft rieb, um da­mit kundzutun, daß dieser Oberbürgermeister mit dem starken Druck des Daumens auf den städtischen Geldbeutel kein Mann nach ihrem Sinne mar. Das hinderte ihn erfreulicherweise jedoch nicht, in Ueber- einstimmung mit der Mehrheit der früheren Stadt­ratsversammlungen an seiner außerordentlich vor­sichtigen und weit vorausschauenden Finanzgeba- runq festzuhalten. Den Nutzen dieser Führung un­serer Kommunalgeschäfte können wir heute mit be­sonderer Genugtuung feststellen, und wir werden ihn in Zukunft noch bei vielen Gelegenheiten an­genehm empfinden.

Oberbürgermeister Dr. Keller war auch kein Freund der Gespreiztheit vor den Augen der Oeffent- lichkeit. Von manchem Mitbürger konnte man frü-

her gelegentlich im Tone des Vorwurfs die Be­merkung hören, der Oberbürgermeister mache mit Vorliebe die Stadtratsarbeit nur in den Kommis­sionen ab. Es ist richtig, daß der Oberbürgermeister die Arbeit in dem kleinen Kreise der Kommissionen und Deputationen den häufig parteipolitisch geführ­ten Auseinandersetzungen im Stadtratsplenum vor- 30g. Aber einen Vorwurf deswegen zu erheben, ist falsch. Der Oberbürgermeister als guter Menschen­kenner wußte eben genau, daß mit manchem ra­biaten Parteipolitiker im stillen Kämmerlein der Kommissionen viel besser zu Rande zu kommen war, als wenn man es vor den Augen und Ohren der Oeffenlichkeit zu tun hatte. Damals war ja leider oft für manchen entscheidend, daß er aus Populari­tätsgründen in der öffentlichen Stadtratssitzung red­nerisch auftreten, oft auch wie man halt so sagt vom Leder ziehen konnte und dabei bei seinen gläu­bigen Anhängern den Eindruck erweckte, daß man doch ein Mords-Mann sei, während sichim stillen Kämmerlein" zu derartigen Schauspielen keine Ge­legenheit bot. Daß die Hinneigung des Oberbürger­meisters zu der stillen Arbeit in den Kommissionen se.ine volle Berechtigung hatte, wird jedermann be­stätigen können, der früher häufig Gelegenheit hatte, dieRederitis" im Stadtratsfitzungssaale anzu­hören. Es ist daher verständlich, daß Oberbürger­meister Keller als Mann der sachlichen Arbeit, als rechnerisch kühler Verwalter der Stadt sich mit der Arbeit möglichst oft in dasstille Kämmerlein" der Kommissionen zurückzog. Daß diese Einstellung unserer Stadt schädlich geworden wäre, vermag nie­

mand zu behaupten, der gerecht und sachlich zu ur­teilen sich befleißigt und gewohnt ist.

Wie ernst und schwer Oberbürgermeister Kel- l e r feine Verantwortung als Leiter unseres Ge­meinwesens nahm, tonnte man namentlich fest- stellen, wenn es sich um große, in die Zukunft hin­einreichende Projekte handelte. Dabei verfuhr er mit außerordentlicher Bebachtsamkeit, immer nur geleitet von dem obersten Gesetz seines Handelns, die städtische Finanzwirtschaft unter allen Umstan­den in Ordnung zu halten Dieser inneren Ver­pflichtung entsprechend nahm er es auch auf sich, lieber einmal als Bremfer bei der kommunalpoliti­schen Fahrt zu wirken, anstatt das Tempo zu stei­gern Diese Einstellung trat in den letzten Jahren

besonders bei der Lösung der Frage des Straßen- bahnbaues nach Wieseck zutage. Der Oberbürger­meister verkannte nicht, daß dieser Straßenbahnbau einem bedeutsamen wirtschaftlichen Erfordernis Rechnung tragen werde, und er knüpfte an dieses Unternehmen auch weiterreichende kommunalpoli­tische Kombinationen, deren Auswirkung er nach allen Richtungen hin sorgfältig abwog. Er war auch nicht gewillt, einem gesunden Fortschritt sich zu widersetzen, aber die ganze Angelegenheit war für ihn nicht spruchreif, solange die Frage nicht ge­klärt war, welche Rückwirkungen das Projekt auf die städtische Finanzwirtschaft haben würde. Erst als auch nach dieser Richtung hin eine annehmbare Regelung gefunden war, erklärte er sich mit der Durchführung dieser Straßenbahnerweiterung ein­verstanden. In gleicher Weise behandelte er alle anderen Projekte, deren Zweckmäßigkeit für unser Gemeinwesen auch von ihm erkannt worden war, für deren Durchführung jedoch zur Zeit angesichts der Finanzlage noch keine Möglichkeit besteht.

Diese Einzelbilder zeigen die Grundlinie des zwei Jahrzehnte langen Wirkens des Oberbürgermeisters Dr. Keller an der Spitze unserer Stadt auf. Die­ses Wirken war Dienst an der Gesamtheit im besten Sinne des Wortes. Es war frei von per­sönlichem Geltungsbedürfnis, unbeeinflußt durch unsachliche Gesichtspunkte, immer nur getragen von dem Leitgedanken, daß das Gemeinwohl der aus­schlaggebende Faktor bei aller Arbeit und bei allen Entscheidungen sein muß. Mit diesen Grundsätzen .ihres Oberbürgermeisters ist unsere Stadt Gießen in guter Weise über die Klippen und Schwierig­keiten der hinter uns liegenden Jahre hinwegge­kommen. Bei der weiteren Beachtung dieser Grund­

sätze wird sie auch in Zukunft gut bestehen können. Damit wird sich das vorbildliche Aufbauwerk des Oberbürgermeisters Dr. Keller für die Zukunft unserer Stadt in. segensreicher Weise auswirken und den Namen seines Schöpfers für alle Zeiten leuch­tend mit unserer Stadt verbinden.

Daten für Samstag, 24. Marz.

1830: der Dichter Robert Hamerling Kirchberg am Wald geboren; 1844: der dänische Bildhauer Bertel Thorwaldsen in Kopenhagen gestorben.

Daten für Sonntag, 25. März.

1801: der Dichter Novalis in Weißenfels gestor­ben; 1907: der Chirurg Ernst v. Bergmann in Wiesbaden gestorben.

Keilte «euer Roman

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Dann kam der böse Tag, an dem man Franz Graven. den Prokuristen der Mertenschen Fabrik, einsperrte wegen schwerer Unterschlagung Alles sprach gegen ihn, und auch sein guter Freund Wolfram trat nicht für ihn ein Frau Graven starb vor Aufreguna am Herzschlag, das Kind, die dreizebnjäbrige Regina kam zu Fremden in Pflege, und Franz Graven saß ein halbes Jahr

stellte Dann gab es eine böse Auseinandersetzung zwischen den ehemaligen Freunden vor Zeugen. Franz Graven verzieh es dem anderen nie. daß er nicht zu ihm gehalten in seinen schwersten Stun­den Er starb sehr bald und unversöhnt mit Fritz Wolfram Aber die beiden Mädchen Hingen anein-

SMe ecfute und die fa Iscfie $>oralies Roman von Anny von Panhuys.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.)

Doralies Wolfram ging nachdenklich durch die Straßen der kleinen Stadt Doralies kannte ganz Mooshausen, und ganz Mooshausen kannte sie. Auf ihren Vater, den berühmten Schriftsteller, waren die Mooshausener sogar sehr stolz. Er wohnte draußen vor der Stadt, im sogenannten Schlößchen

Plötzlich stand sie Regina Graven gegenüber, die eben um eine Ecke gebogen war. Die beiden Mäd- ch?n begrüßten sich herzlich. Sie waren ziemlich gleich groß und schlank, auch waren beide blond; aber das Blond Reginas schimmerte rotgolden. Ihr Gesicht hatte fast ein wenig strenge Linien, von griechischer Reinheit, die aber gemildert wur­den durch die tiefblauen, etwas schwärmerisch blik- kenden Augen und den weichen, schön geschnittenen Mund Die Mädchen reichten sich die Hände.

Doralies fragte:

Haft du immer noch keine Arbeit gefunden.

ander und hielten zusammen.

Fritz Wolfram wußte es, aber er mischte sich nicht ein; es bedrückte ihn zuweilen, Reginas Vater Unrecht getan zu haben, aber der hätte ihm seine allzu bitteren Wahrheiten nicht vor anderen lagen dürfen Das hatte ihn gedemütigt. darüber empörte er sich n-ch jetzt, wenn -r daran dachte

Sie waren ja einmal Schulfreunde gewesen Franz Graven und er Aber er war früh in die Welt hinausgefahren, ein bißchen Vermögen hatte ihn freigemacht, fein . Leben so zu gestalten, wie e* ihm' aefiel. Die ganze Welt hatte er bereift, sich in Amerika mit einer reichen, exzentrischen Frau verheiratet, die sich in seiner Heimat, nach­dem er sich hier das sogenannte Schlößchen gekauft, gar nicht wohlgefühlt und ihm schließlich davon- mrr <Vr mar damals durch sein" v'el-

ich selbst zu sehr."

Doralies gab ihr einen freundschaftlichen kleinen St Gina! Wozu bin ich denn deine Freundin? Wrnn du Geld brauchst, bin ich zuständig! Hundert Mark Spargeld habe ich liegen, und wenn s notig ist, gibt mir Vater immer etwas."

Regina wehrte sich:

Nein, Doralies! Geld nehme ich nicht von dir? Ein Weilchen geht es ja auch noch^ Ader, es ist schrecklich, von morgens bis abends beschaftiaungs- los zu sein. Die Arbeit bei Justizrat Dörfler h^ mir dazu noch Freude gemacht. Er bat mich auch ungern entlassen; aber schließlich fern« steht ihm näher als ich. Sie hat auch Maschinen­schreiben und all das gelernt, was so n Burornadel wi" unsereins braucht."

Die beiden Mädchen gingen nebeneinander her, bogen in die Promenade em, den Wall wie dieser W"g aus längst vergangener Festungszeit des Städtchens hieß. Arm in Arm spazierten sie daym, und die kleinen Füße schritten mte auf "m»m T"v-

Gina?" . . .

Die Freundin schüttelte traurig mit dem Kopfe.

Ich werde auch keine finden? Hier nicht und wo anders, wo ich fremd bin. noch weniger. Vielleicht könnte ich noch eher in einer sehr großen Stadt, wie Berlin, unterkriechen, aber es ist doch ein UIIU ntull0

Risiko, so aufs Geratewohl dorthin zu reifen Und (anQ jm Zuchthaus, bis sich feine Unschuld heraus» dann die weite Fahrt; meine paar Groschen brauche - - ' ' L'r-

pich, über das dürre Laub der Ahornblätter, die von den Bäumen gefallen. Manchmal raschelte es aus dem Naturteppich leise auf, und das klang wie verhaltenes Seufzen

Doralies erzählte von den Arbeitslosen und der vielen Not. Regina Graven meinte:

Hübsch von dir, die Sympathie mit den Arbeits­losen. Aber eigentlich geht es dich dach nichts an."

Doralies zuckte mit den Achseln:

Wenn sich jeder bloß um das kümmern wollte, was ihn ganz persönlich anginge, sähe es traurig aus auf der Welt. Dayn geschähe nichts Gutes und nichts Großes mehr. Tue nicht so kleinlich, Gina? Bist ja auch ein anständiges Mädel; bloß ein bißchen verängstigt durch deine Notlage jetzt durch Sorge vor der Zukunft Ein Jammer, daß unsere Väter sich zuletzt so spinnefeind gewesen, was bei Vater und auch etwas bei dir nachwirkt, sonst könntest du bei uns im Schlößchen wohnen."

Die beiden Mädchen hatten gemeinsam das städtische Lyzeum besucht und, wenn auch Regina Graven zwei Jahre älter war, sich stets ausge­zeichnet verstanden Große Sympathie hatte die beiden zusammengeführt, und die ernstere Regina hatte immer guten Einfluß ausgeubt auf die stets zu Streichen aufgelegte sehr verwöhnte, vorlaute Doralies Wolfram

gelesenen Bücher schon ein reicher und unabhängiger Mann geworden. Die Frau hatte ihm in der Ehe zu viele Stunden vergällt durch ihre Launen, zu viele Arbeitsstunden zerstört; er jammerte ihr nicht nach, als sie wieder heimgefahren nach Amerika. Die Hauptsache war, sie hatte das Kind nicht mit­genommen. Leichtfertig war sie und oberflächlich, ohne jede seelische Tiefe, stellte er fest, sonst hätte sie das Kind, das damals erst drei Jahre alt war, nicht im Stich gelassen. Manchmal dachte er an May wie an einen kurzen Traum, der aufregend gewesen wie ein Alpdruck; im übrigen war er ein gesunder und optimistischer Mensch, der nichts allzu schwer nahm. Manchmal war er auch ein bißchen verträumt und phantastisch, aber das kam seinen Arbeiten zugute.

Er hatte bann lange nichts mehr von seiner Frau gehört, nur im Anfang hatte sie ihm ge­schrieben-

..Ich werde dich nie mehr stören, denn wir passen nicht zueinander, aber ich werde auch nicht mehr heiraten Sch"idung ist in meinen Augen verwerflich Es gefällt mir nicht, eine geschiedene Frau zu tein. Ich will auch die Gattin des be­rühmten Wolfram bleiben "

Bald darauf erfuhr er ihren Tod. Ein Herz­schlag mitten im Tanz hatte ihr ruheloses L"ben jäh beendet

Er dachte nicht daran, seinem Kinde eine Stief­mutter zu geben Er wollte es selbst erziehen. Und das Resultat war ein "twas eiaenwilliges. zu aller­lei impulsiven Handlungen bereites Mädel Er lachte nur. wenn man ihm irgend einen Streich von Doralies erzählte, und feine Wirtschafterin, die schon im Hause gewesen, als Doralies geboren wurde, lachte mit ihm

Berta Hensel, von DoraliesHänschen" genannt, war ganz oernarrt in Dorglies, und wer ein Mort gegen Doralies zu äußern wagte, hatte es mit ihr verdorben.

Doralies kam, nachdem sie noch allerlei Umwege mit R-aina a"macht hatte, nach Hause. Es war höchste Seit Man wartete schon auf sie mit dem M'ttagessen Frcm Hensel ngbm sie unten in der kte'v-n Einagngshalle in Empfang.

Sie warnte:

.Dein Vater ist schlechter Laime, Doralies' Er fraat schon immerzu nach dir!" Sie blinzelte pfiffig. Halt wohl wieder mal was ausgefressen nicht wat'.?"

Doralies schüttelte mit dem Kopfe, daß die bis zu den Schultern reichenden Locken nur so flogen.

Ich? Bewahre, Hänschen? Was du aber auch immer gleich von mir denkst."

Sie nahm die Treppenstufen mit ein paar langen Sätzen.

Frau Hensel rief ihr nach:

Wo willst du denn hin, Doralies? Dein Vater wartet ja schon unten im Eßzimmer auf dich!"

Ach so, Hänschen?" Mit einem Schwung saß

Zur Gchu'entlasiung.

Die Zeitungen berichteten seinerzeit davon. Es sollte ein gewaltiger Bau entstehen in einer großen Stadt. Die Pläne lagen fertig vor. Phantasiebegabte Künstler sahen sich schon bei der Ausführung der inneren Arbeiten. Ganz nach amerikanischem Muster sollte das Gebäude aufgeführt werden. Mall be­gann mit den Grundmauern, die Wände, mit den noch leeren Fensterlöchern, erstanden... Schon konnte man das ungeheure Ausmaß, das der Bau aufweisen würde, erkennen ...

Da geschah das Unglaubliche. Während eines starken Frühlingssturmes stürzten einige Wände unter großem Gepolter ein und begruben zahlreiche fleißige Bauarbeiter unter sich. Die meisten war-n tot, viele schwer verwundet.

Und nun ging ein Rätselraten an: Wer war schuld? Was führte zu diesem Unglück? Warum stürzten die Mauern der einen Seite ein, warum nicht das ganze Gebäude?

Man suchte nach den Ursachen, die diese Kata. strophe herbeigeführt hatten. Der eine sagte dies, der andere das. Es gab lange Verhandlungen.

Aber niemand konnte den Witwen und Waisen ihre Männer und Väter wiedergeben.

Es war ein unvollendetes Werk von Menschen- Hand. Es wurde aufgeführt mit viel Mühe, mit viel Eifer und Fleiß. Aber man hatte nicht genü­gend geprüft, den Untergrund nicht untersucht. Und so kam das Werk zu Fall.--

Warum ich diese Zeitungsnotiz gerade heute, am Tage der Schulentlassung, erzähle? Ich denke, daß sie unseren jungen Menschenkindern, die nun hin­aus in das Leben stürmen, doch etwas sagen kann. Sie soll ihnen zeigen, daß wir ehe wir mit etwas prahlen zuerst prüfen und untersuchen sollen, daß man woyl mit Fleiß und Eifer an sein Werk gehen soll, aber daß man auch nicht vergesse, die nötige Vorsicht und Prüfung walten lasse. Schritt für Schritt kann ein großes Werk gedeihen, niemals im Galopp.(Eile mit Weile!" sagt ein altes deutsches Sprichwort.

Wenn eine Lokomotive, ein Auto hergestellt wor­den sind, werden sie zunächst im langsamen Tempo erprobt. Bis zu einer gewissen Zeit dürfen sie nur eine angemessene Zahl von Kilometern fahren. Dann erst werden aus ihnen Höchftzahlen herausgeholt.

Und so solls auch mit unser» jungen Brüder» und Schwester» gehen, die nun ihr Lebensschisf- lein allein steuern sollen. Wohl haben noch die mei» ften von ihnen das behütende Elternhaus, das bei Sturm und Wetter sorgfältig über das Auslaufen des Schiffchens wacht. Aber allzu kühn und allzu leichtsinnig wagen sich viele gleich hinaus auf das offene Meer. Dort können sie dann nicht Anker werfe», werde» hin- und hergeschleudert und stran­den schließlich.

Nur mit festem Mut und kühnem Willen kann der Mensch sein Schiffchen steuern. Beim ersten Sturm legt er im sicheren Hasen an. Dann- erst prüft er, ob er auch dem Sturm draußen gewachsen ist. I» stetem Spiel der Kräfte,, in eifrigem Wett­bewerb mit seinen Kameraden versucht er, selbst Herr zu werden im Lebenskampf.

Eine Lehre für die erste Fahrt ins Leben kann kein Mensch geben. Das müssen die jungen Men­schen selber erfahren. Sie müssen hinausschauen in bas Leben, sie müssen horchen und die Augen offen halten, um zu erkennen, wie es die andern machen. Sie werden bald merken, an wem sie sich eip Bei­spiel nehmen können.

Gar oft wird gerade dieser Weg, Umschau zu halten, recht schwer. Wie leicht sinkt dann der Mut, und verzweifelt will der Mensch sein Ziel aufgeb"n. Diese Tage werden niemand erspart bleiben. Wie stt müssen wir wieder von vorn anfangen, um aber bann bvch enblich ans Ziel zu kommen! Die Freube ber Erfüllung kann nur b e r erleben, ber

Doralies auf bem Gelänber unb rutschte mit er« schreckenber Schnelligkeit bicht vor Frau Hensel, gab ihr einen kleinen Klaps unb verschwcmb dann hinter eine der nächsten Türen.

Frau Hensel lächelte ihr zärtlich mütterlich nach. Sie war Witwe, und ihr einziges Töchterchen war ganz jung gestorben; nun bildete sie sich manchmal ein: so wie Doralies sähe vielleicht ihr Mädelchen aus, bas jetzt auch gerabe neunzehn Jahre alt wäre.

Fritz Wolfram ging ein bißchen nervös im Eß­zimmer, in bem bereits gebeckt war, auf unb ab. Er war etwas über Mittelgroße, schlank unb bunteihaarig. Seine Auaen waren schwarz, Jein Gesicht hatte bie ausgeprägten Züge eines Schau­spielers. Er war äußerlich bas, was man einen interessanten Mann nennt.

Als Doralies eintrat, hielt er in feinem Hin- unb Herwanbern inne, begann ohne Umschweife:

Du haft mich roieber eine geschlagene Stunbe warten lassen! Du weißt doch, wie ungehörig/.bas ist!? Du willst bich durchaus nicht in die Ordnung fügen. Ich habe das Gefühl, als wäre es auf für dich, wenn du für einige Zeit unter die Leitung einer Frau gehörtest, die dir durch B"ispiele klar­macht, was man tun darf und was nicht."

Es klopfte.

Frau Hensel erschien, gefolgt von bem Mädchen; beide truaen Tabletts mit Speisen.

Fritz Wolfram bestimmte-

Wollen zunächst essen. Später werde ich dir er­klären, zu was ich mich deinetwegen entschieden habe."

Doralies war ziemlich lustig während ber Mahl­zeit. Ihr verschlua nichts so leicht ben Appetit Was ihr der Vater oefagt hatte, störte sie wenig 9Hfe paar Woch-n erklärte er ihr, sie gehöre einiae Zeit unter bie Leitung einer Frau, bie ihr durch Bei­spiele klarmache, was man als junae Dam" - tun dürfe. Darauf aab sie längst aar nichts m"hr.

Ihr Vater aber war während ber Mahlzeit ziemlich "inllkbia unb schien nachzubenken.

Nach Tisch sagte er:

Jetzt komm, bitte, mit in mein Zimmer. Ich hab" einnohenb mit bir zu reben."

S'" lachte:

Ach. Fritzchen, bas hat wohl A"it. Ich möchte. *

Was du ietzt möchtest, interessiert mich aar Nicht, Doralies Du kommst jetzt erst mit 'N M"in Zimmer. Im übrigen sollst du mich nicht .Fritzchen' nennen. Ich maa es nicht."

Du haft es sehr gern'" gab sie zurück.Aber du bist schlechter Laune' Ein" Laus ift dir über bie L"b"r aelaufen. und hie Laus bin ich!"

Er tmana fein Lache» zurück

...Komm' Ich bah" nicht viel Zeit!"

Er ai»a voran, sie fofate und mimmefte* ..Du bist heute wirklich komisch, Fritzchenl" Er hörte es aber er schwieg.

lFortsetzung folgt.)