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Nr. 47 viertes Blatt

Gietzener Anzeiger (Generul-Anzelger für Gberhesfen)

Samstag, 24.8ebruaN934

Raggen

Am Samstag, 24. Februar, ist der Gründungstag der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Par­tei. Am Sonntag, 25. d. M., findet in Gießen d i e feierliche Vereidigung der politi­schen Leiter und Amtswalter des Kreises Giehen statt.

Um der Verbundenheit der Bevölke­rung mit der nationalsozialistischen Bewegung Ausdruck zu verleihen, fordern wir die Einwohner der Stadt Giehen auf,

heraus!

die Häuser an beiden Tagen reich zu beflaggen.

Am Sonntag, 25. Februar, ab 12 Uhr, dem Hel­dengedenktag, sind zu Ehren der im Kriege und in der Freiheitsbewegung Gefallenen einer Anordnung des Herrn Staatsministers entspre­chend die Flaggen auf halbmast zu sehen.

heil Hiller!

Giehen, 23.Febr. 1934.

Bürgermeisterei Giehen. I. V.: V a r l h 0 l 0 m ä u s.

Silber vom Großseuer im Sägewerk Abendstem.

Oben links: Ueberblick über die Brandstätte. Oben rechts: Brennende Holzstöße (im Hintergrund das erhaltene Wohnhaus). Mitte links: Die Feuerwehr verhindert durch das Beiseiteräumen von Holzstößen eine weitere Ausbreitung des Feuers; große holz- vorräte konnten dadurch gerettet werden. Mitte rechts: Zwei große Holzbearbeitungs­maschinen inmitten der Trümmer der zerstörten Aufbereitungshalle. Unten links: Die Feuerwehren von Heuchelheim und Kinzenbach bemühen sich in aufopfernder Weise um die Bekämpfung, des Feuers. Unten rechts: Die zerrissenen Mauern des Maschinen­hauses wurden von der Feuerwehr nach außen geworfen. Unser Bild zeigt eine der Seiten­mauern im Augenblick des Niederbruches.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Durch die Blume gesprochen.

Der Morgen war ungemütlich kalt gewesen, doch mittags kam die Sonne heraus. Zuerst zögernd und wolkenabtastend, dann aber strahlend und sieg­reich, und sie lächelte breit über den Marktplatz und besonders interessiert in die kleinen Glashäus­chen hinein, in denen Rosen, Tulpen, Nelken und alle anderen Blumen eines fernen Sommers sich liebenswürdig andufteten. Nun wurden sie heraus­geholt und auf die Gestelle der Stände anmutig und verlockend aufgebaut. Sechs Grad über Null, da konnte man es wagen, dachten die Händlerin­nen. Die Blumen selbst waren anderer Ansicht. Sie standen wie erstarrt. Nein, war das eine Tempe­ratur! Sie waren besseres gewöhnt, Treibhausluft, sie waren unendlich sorgsam gehütete und aufge­zogene Geschöpfe bis hierhin gewesen und mußten sich nun so etwas bieten lassen. Sie behielten Hal­tung. Aber sie vergaßen ganz, zu duften. Viele wurden gekauft. Ließen sich voller Spannung und Hoffnung davontragen, alle andern aber mußten

OieNEV.will ein gesundesVolk schaffen Denke an Dein Kind, werde Mitglied!

ausharren, bis ihnen von den Türmen die Erlö­sungsstunde schlug und sie sich wieder im Glashaus zusammenfanden.

Gemeinsam erlittene Unbill verbindet und macht mitteilsam. Daher wandten sich die Nelken an die benachbarten Mimosen:haben Sie auch s 0 ge­litten? Wir glauben, daß man dies Gefühl frieren nennt, es war uns bisher fremd, wir kommen nämlich von der Riviera."Wir auch", riefen die Tazetten und nickten mit allen weißen Sternen auf einmal,welch eine Gegend!"Wem sagen Sie das?" entgegneten die Mimosen und falteten ihre graugrünen Fächerblättchen aufatmend aus­einander,wem sagen Sie das? Ist Italien nicht unsere Heimat? O bella Napoli! Kennst du das Land, wo die Mimosen blühn usw? Und neben Ihnen sehen wir ja auch Rosen aus dem Süden dürfen wir Sie als Landsmänninnen begrüßen?" Die Rosen neigten schwermütig die gelbblassen, wunderschönen Häupter:Wir kommen aus Hol­land, edelste Produkte einer hochentwickelten Treib­hauskultur", klärten sie in matter Vornehmheit auf. Die Hyazinthen und Tulpen fühlten sich sofort an­genehm berührt. Zwar waren sie schon in aller- frühester Jugend, als sie noch im Zwiebelkleide, nach Deutschland versandt und in Berlin getrieben worden, aber Jugendeindrücke sind stark und be­stimmen die Denkweise. So standen sie steif, ruhig und leidenschaftslos, taten jedoch das ihre, um das allgemeine Duften im Gange zu erhalten.

lieber allen aber breiteten sich die zarten, lang­schwanken Zweige der Forsythien.Sind Sie hol­ländisch oder italienisch?" wurden sie vorsichtig durch die Blume gefragt.Deuts ch", sagten sie stolz,deutsch bis ins Mark, sogar aus einer hie­sigen Gärtnerei stammend."Unmöglich", sagten die andern,blicken Sie doch hinaus, alles ist tot und grau in diesem Winterland, wie sollten Sie da zur Blüte kommen?"Wir wurden in einer Küche getrieben, seit Wochen", erklärten sie wichtig, unsere Händlerin hat weder Mühe noch Kohlen gescheut, um uns durchzubringen, und es war sehr interessant, sich so im häuslichen Kreis schnell und frühreif entwickeln zu sehen. Im Frühling blühen kann jede Fortsythie."

Die Ausländischen dufteten betreten. Da war man ja mitKüchenkräutern" in einen Blumentopf

geworfen! Wie peinlich! Sie schwiegen.

Die Forsythien aber lächelten goldig und klingel­ten mit iyren zipflichen Glöckchen:Am stillen Herd, zur Winterszeit ..."

Und das klang ganz wunderschön. Beinahe nach Wagner. Eva von M a s f 0 w.

Der Heldengedenktag im Rundfunk.

Der Volkstrauertag 1934 am 25. Februar findet natürlich auch im Rundfunk seine besondere Be­rücksichtigung. Der Südwestfunk wird in mehreren Darbietungen ganz besonders auf die Bedeutung dieses Tages Hinweisen, der dem Gedenken an die Gefallenen des Weltkrieges und der Kämpfer um Deutschlands Freiheit und Einheit gewidmet ist. Schon mit der Standmusik von der Feldherrnhalle in München, mit der das Tagesprogramm einge­leitet wird, ist ja aufs engste die Erinnerung ver­knüpft an die ersten Blutopfer des Dritten Reiches. Um 9 Uhr wird Intendant Walther Beumelburg, der als Frontsoldat das Sterben so vieler Kame­raden miterlebte, und den der Tod gar oftmals streifte, kurze Worte zum Trauertag sprechen. Von 10.20 bis 11.30 Uhr wird dann das Volkstrauertag-Pro­gramm unterbrochen durch einen Hörbericht und dieFeierliche Vereidigung aller Amtswalter in Deutschland" durch den Führer auf dem Königs­platz in München. Die anschließende Bach-Kantate und das besinnliche Konzert aus Stuttgart sind natürlich ganz und gar auf diesen Trauertag des deutschen Volkes abgestimmt.Feierliche Sendung" nennt sich sodann eine Darbietung um 19.45 Uhr, in deren Mittelpunkt eine Dichtung Rudolf G. Din­dings steht, die die Stimmen der unsichtbaren Ge­walten des Krieges hörbar macht. In die Erlebnis­welt des großen Krieges mitten hinein führt ein Hörspiel von Werner W. Knoeckel um 19.05 Uhr, das unter dem TitelVom Stürmen und Sterben deutscher Soldaten" Ausschnitte aus Kriegserleb­nissen bringt, die das hohe Lied der Kameradschaft erklingen lassen. Den Abschluß des Abends bildet eine Übertragung aus Stuttgart, wo in einer Funkbearbeitung SchillersWallenstein" zur Auf­führung gelangt.

Keine Lustbarkeiten am Helden-Gedenktag.

Wie in den vergangenen Jahren wird auch in diesem Jahr der 25. Februar als Volkstrauertag begangen. An diesem Tage werden nach einer Ver­fügung des hessischen Staatsministers keinerlei Lustbarkeiten oder sonstige Veranstaltungen (Thea­ter, Lichtspieltheater usw.), die mit dem Ernst des Tages nicht in Einklang zu bringen sind, gestattet. Sämtliche staatlichen und gemeindlichen Behörden flaggen halbmast.

NS-VolkswohlfahrtdesKreisesGießen

Belr.: Amtswalter-Vereidigung.

An der am Sonntag stattfindenden Vereidigung haben alle Amtswalter und Amtswal­ter i n n e n vollzählig teilzunehmen. Die Ausweise erhalten Sie von Ihren zuständigen Ortsgruppen- roaltern. Im übrigen sieheGießener Anzeiger" von gestern.

heil Hitler!

Gez.: K l ö s, Kreiswalter der NSV.

F.d. R.: Gez.: Mo Haupt, Kreisgefchäftsführer des WHW.

AG.-Hago, Kreis Gießen.

Die Ortsgruppenamtsleiter des Kreises haben mit sämtlichen Amtswaltern zu der Vereidigung am Sonntag, 25. d. M., pünktlich 8 Uhr vormit­tags, am Oswaldsgarten zu erscheinen. Soweit Fahnen vorhanden, sind diese mitzubringen.

Der Ring und die Granatterne.

Von Wilhelm von Scholz.

In dem Buche von denTaujend-und-em-Tagen" das ein späteres Gegenstück zu denTausend- und-e'.n-Nächten" ist stehen viele schöne Geschich­ten, aber eine, deren tiefen Schicksalssinn man nicht genug bewundern kann.

Diese Erzählung handelt von einem Vezier, der ein Schoßkind des Glückes ist, dem alle Unterneh­mungen gelingen, der in der höchsten Gunst des Kalifen sich sonnen kann, dadurch eine unwider­stehliche Macht ausübt, verehrt, geliebt, vergöttert wird; der in seinem Harem die schönsten Frauen, in seinem Stall die schnellsten Pferde, die herrlichsten Kamele hat. r _ . ,

Der Vezier steht am tiefen Springbrunnen im Blumenhof eines seiner bewunderten Palmengär­ten und freut sich am Spiel der Goldfische, der Schleierbarben und Segelflosser, denen er Futter streut, wenn sie aus den Schlinggewächsen und Al­gen des unsichtbaren Beckengrundes herauftauchen ins Durchschlmmerte, Durchsichtige. Da fällt sein etwas zu weiter, kostbarster Ring zugleich mit den Brotkrumen seiner Spende ihm vom Finger

In dem kurzen Augenblick, der mit dem hinüber­gleiten des goldenen Reifs über die oberen Gelenke und Glieder' des Fingers begann das der Vezier schon wahrnahm aber noch nicht anzuhalten fähig war und mit dem Berühren des Wassers durch den fallenden Ring endete, durchzuckte den Vezier der tolle und unwirkliche Wunsch, der Ring mochte nicht ins Wasser geraten, nicht in den Tang und die Fäden der Grundgewächse verschwinden.

So schnell ist der Gedanke und sein Weg so breit, daß neben einem Gedanken der nächste- wie ein Wettrenner neben dem anderen mit- laufen, ja den ersten Gedanken selbst überholen kann. Nicht nur der Wunsch der Erhaltung des Ringes hatte sich in dem Vezier gebildet, sondern auch eine unerklärliche Angst, der überhebliche Wunsch könne erfüllt werden. Und diese Angst war rascher am Ziel als der Wunsch. Sie war allem auf dem Platz, als der Ring den Spiegel berührte und entsetzlich zu sehen! auf der hauchzarten haut des Wassers liegen blieb, ohne unterzusinken.

Kaurn hatte der Vezier diese unglaubhafte Ueber- gipfelung seines sprichwörtlichen Glückes den Ring auf der Oberfläche des Fifchbeckens gesehen, als er sofort sein Haus bestellte und seinem vertrau­testen Diener bedeutete: die Zeit des Glückes sei vorbei! Eine so abenteuerliche Gunst wie dieses Liegenbleiben des kostbaren Ringes auf dem Wasser gewähre das Glück nur, wenn es schon im Begriffe fei, sich abzuwenden.

Er hatte sich nicht geirrt. Die Häscher, die ihn gefangen setzten und seine Schätze beschlagnahmten, pochten eben ans Tor. Neidlingen war es gelungen, dem Vezier die Gunst des Kalifen zu entwenden und den bisher gnädigen Herrn haß- und zornerfüllt gegen feinen obersten Diener zu stimmen, für den nun Jahre elender und trostloser Gefangenschaft an­brachen. Er war im Kerker wie ein gemeiner Ver­brecher gehalten, durfte mit niemandem sprechen, keine Bucher lesen, täglich kaum einige Schritte in dem eng ummauerten Hofe gehen. Seine Nahrung war die denkbar schlechteste

Ohne zu klagen, ertrug der Vezier sein Unglück, wie er auch ohne Uebermut, eher manchmal er­schreckt, sein Glück hingenommen hatte. Und der Gedanke, der seinen Geist mehr peinigte als seinen Leib das Fehlen jeder Behaglichkeit, jeder guten Nahrung und Bequemlichkeit, war nur immer wieder: ob er sein Glück nicht selbst weise hätte dämpfen ober gar zerbrechen müssen, um so tiefen Sturz aufzuhalten, statt es mit dem törichten Wunsch, den Ring zu bewahren, abenteuerlich zu überfrönen.

Eines Tages nach Jahren des Gefangenseins schien ihm eine kleine Gunst zu lächeln, daß der Vezier aufmerksam ward, der Wärter brachte ihm ein Schüsselchen Granatkerne, die des Veziers Lieb­lingsspeise waren und die er nicht mehr gesehen geschweige denn gegessen hatte seit dem Tage, an dem ihm der Ring vom Finger glitt.

Als die Granatkerne vor ihm standen, sann der Vezier einen Augenblick seinem Geschick nach und fand: es würde nun lange so bleiben, da es. ge­wohnt geworden, sich bessere.

Sich dieser schmerzlichen Erkenntnis beugend, sieht er mit Erschrecken, wie eine Maus plötzlich über den Tisch läuft und feine Granatkerne frißt. Da lacht fein Auge. Er weiß: vorüber ist die Zeit feines Un­glücks! Wie einst die Gunst des Geschickes, hat es sich übersteigert, indem es ihm die erste Freude zerbricht, die ihm seit Jahren geworden. Er hat kaum Zeit, in Erleichterung aufzuseufzen, als schon die Boten des Kalifen, der sein Unrecht und die neidische Verleumdung von damals erkannt hat, eintreten und den Vezier in all seinen Besitz, seine Macht, seinen Einfluß zurückführen.

Immer wieder erfüllt mich diese kleine Geschichte mit staunender Bewunderung. Sie zieht den Leser so in ihre Gewalt, daß er zumindest, so lange er liest, glaubt: hier ist ein Wesenszug des Schicksals richtig gedeutet. Aber wenn das der Fall ist, was vielleicht wirklich sein mag: wo ist der Vezier, diesen Zug in einem anderen Schicksal hellsichtig zu er­kennen, zu wissen, was dem Ring gleicht, der auf Iber Haut des Wassers liegen bleibt, was den Gra­

natkernen, welche die Maus frißt? Uni) werden wir nicht, wenn die Rolle des schicksalskundigen Veziers spielen sollen, von unserem steten Hoffen und Stre­ben irregeleitet, oft glauben, ein Ungemach, das uns begegnete, entspreche den Granatkernen und fast nie uns eingestehen, dies ober jenes seltene Glück könne ben tragischen Sinn des golbenen Reifs haben, der nicht untersinkt?

Und doch kann uns diese alte Fabel eine große und tiefe Anregung für unser eigenes Leben geben. Sie kann uns lehren, auf unser Schicksal wie auf ein fremdes zu achten, es nicht nur egoistisch mit Furcht und Hoffnung anzusehen, sondern mit Erkenntnis­trieb als eben das eine Schicksal, das uns genauer gezeigt wird als alle anderen. Es gibt nichts inner­lich Befreienderes, Erlösenderes als so fremd und doch erkennend das eigene Leben zu be­trachten und zu erforschen. Wenn wir auch keine Regeln daraus abzuleiten lernen wie der kluge Vezier, vielleicht können wir so nur so! einen Sinn darin finden. Sinn in einem Leben aber hilft und tröffet über manches hinweg.

Georg Büchmann und seineGeflügelten Sorte".

Seitdem Georg Büchmann seinen ,Zitaten- schatz des deutschen Volkes' erscheinen ließ, also seit 1864, wurde der Name Büchmann vielfach für zitatenreiche Leute (z. B.: ,Sie sind ja der reine Büchmann!') verwendet." Mit diesen Worten konnte Büchmann sich selbst bereits alsgeflügeltes Wort" zitieren und damit am besten die Unsterblichkeit be­weisen die er sich mit seiner Leistung erworben hat. Dieser tüchtige Philologe und verdienstvolle Gym­nasiallehrer, der am 4. Januar 1822 geboren wurde und am 24. Februar 1884, vor 50 Jahren also, starb, gehört zu den Persönlichkeiten, die durch einen glücklichen Einfall einen Welterfolg er­rangen, wobei freilich auch Fleiß und Scharfsinn bedeutsam mitgewirkt haben. Büchmann, der nach längerem Studium 1854 Oberlehrer an der Fried- richs-Werderschen Gewerbeschule in Berlin wurde, hatte eine besondere Begabung für das Erlernen von Sprachen. Während er sich mit Griechisch, He­bräisch und Lateinisch nur in seiner Studienzeit be­schäftigte, wandte er sich dann den neueren Spra­chen zu, besonders Französisch und Englisch, machte sich jedoch auch mit dem Spanischen, Italienischen, Polnischen, Dänischen und Schwedischen vertraut. Bei seinen Forschungen lernte er zwei Bücher kennen, in denen Engländer und Franzosen ihren Reichtum an landesüblichen Zitaten gesammelt hatten, und das regte ihn an, für Deutschland das­selbe zu versuchen. In einem Vortrag überlaich­

läufige Zitate" prägte er 1864 die seitdem welt­bekannt gewordene Bezeichnunggeflügelte Worte", und als daraufhin ein Verleger ihn auf­forderte, den Vortrag zu einem Buch auszuarbei­ten, ließ er noch im selben Jahre als eine beschei­dene Schrift von 220 Seiten seineGeflügelten Worte" erscheinen. Aus dem dünnen Buch ist heute ein umfangreicher Wälzer geworden, der ein Hausbuch des deutschen Volkes ist, in stets neuen Auflagen vermehrt und verbessert auf weit über 4000 Zitate anwuchs und von jedem zu Rate gezogen wird, der sich auf diesem Gebiet unterrichten will. Der Ausdruckgeflügelte Worte", der bei Homer über hundertmal auftritt, war schon vorher im deutschen Schrifttum heimisch, hat aber durch Büchmann seine besondere Prägung erfahren. Die genaue Definition, die Abgrenzung gegen das eigentliche Zitat, gegen Sprichwörter und sprich­wörtliche Redensarten, machte große Schwierig­keiten. Dies ist wohl der einzige Punkt, an dem dis Kritik einsetzte, denn schon Büchmann selbst hatte den Begriff ausgedehnt und seine Nachfolger, die die späteren Auflagen betreuten, gingen darin noch weiter. Sein erster Nachfolger R 0 dert -1 0 r - now gab folgende Erklärung:Ein geflügeltes Wort ist ein in weiteren Kreisen des Vaterlandes dauernd angeführter Ausspruch, Ausdruck oder Name, gleichviel welcher Sprache, dessen historischer Urheber oder dessen literarischer Ursprung nach­weisbar ist." Bei dieser Fassung kam man aber nun dazu, auch die für wissenschaftliche Fächer, Apparate usw. erfundenen Worte oder Verdeutschun­gen von Fremdwörtern mitaufzunehmen. Die Grenzen sind immer fließend geblieben, und die späteren Herausgeber haben alles Erdenkliche ge­tan, durch Ausscheiden und Neu-Aufnahmen das Werk immer mehr zu vervollkommnen. Die ent­scheidende Grundlage aber hat Büchmann noch selbst geschaffen, der bis zur 18. Auflage unermüd­lich daran arbeitete. Sein Hauptziel war echt deutsche Gründlichkeit, und in einer Anweisung für spätere Bearbeiter forderte er vor allem die stän­dige philologische und geschichtliche Nachprüfung des vorhandenen Stoffes. Er hatte sich der Mitarbeit weiter Kreise zu erfreuen und führte schließlich einen Briefwechsel mit 900 Korrespondenten über alle möglichen Fragen desBüchmann". Sein Werk wurde in die meisten Kultursprachen übersetzt und erlangte hohes Ansehen. Auch als er 1877 in den Ruhestand trat, widmete er sich der Ausgestaltung seiner Schöpfung durch ein unermüdliches Studium der Weltliteratur, bis ihn der Tod abrief.Sein Name", sagt ein Biograph mit Recht,wird un­vergessen bleiben, so lange es auf Erden gebildete und gründliche Deutsche gibt."