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Frau Lemke war eine ehrliche Haut, einfach und geradeaus im Denken und Handeln. Einen grundgütigen Mann und zwei liebliche Kinderchen nannte sie ihr eigen.
Ferner lebte im gleichen Hause eine Witwe Bach, die einen hartnäckigen Schnurrbart und einen langjährigen Zimmerherrn hatte — übrigens eine wundervolle Mcnschenseele, die weder rauchte noch trank.
Was rechtschaffene Frauen sind — die sparen wo sie nur können. Zu diesem Zweck lasen die beiden Familien ihre Heimatzeitung gemeinsam.
Mit'ihrem gesunden Menschenverstand und ihren fünf Fingern hatte Frau Lemke der Witwe Bach vorgerechnet, daff sie durch solch ein Dertragsbünd- nis beinahe 6 Pfennig tagtäglich einsparen könnten. Ist doch fabelhaft! Da konnte dann ruhig einmal die Mild) überkochen oder das Essen anbrennen, wenn man gerade dabei war, sich gegenseitig und strahlend die eigene Sparsamkeit auf der Treppe vor Augen zu führen.
Nun kommt es gleich ganz anders, das Barometer fällt, rasch zunehmende Bewölkung, die Temperaturen steigen und zum Schluß hagelt's.
Wie eine kollernde Truthenne saß Witwe Bach auf dem Sofa und nahm übel. Sie hatte nach dem Mittagessen Geschirr gewaschen, und eigentlich war ihre behagliche Stunde gekommen. Sie hätte jetzt die Fortsetzung 5es spannenden Romans genießen können, wenn die Lemken nicht die Zeitung hätte. Die war ihr nun auch mit den ganzen Familiennachrichten um eine Nasenlänge voraus.
Fünf Minuten wollte sie noch warten, wenn dann die Lernten die Zeitung nicht heraufgeschickt haben würde, dann sollte die sie mal kennenlernen. Sie war empört. Ist ja verständlich. Die Muße des Zeitungslesens gehörte bei ihr nun mal zum Nachmittagskaffee wie die Fliege ins Rosinengebäck.
Aehnlich war auch die Gemütsverfassung der Frau Lemke. Die hatte zwar „ihre Zeitung" sorgfältig studiert, besonders auch den Anzeigenteil — ober das kommt später ... Jedenfalls korkste sic hilflos am Radio herum. Das Funkprogramm in der gestrigen Nummer hatte natürlich wieder die Bachen. Ist ja lachhaft. Einer von uns beiden muß fich eben eine Rundfunkzeitung halten — am besten die Bachen — die hat's ja, wenn.sie auch iipmer so tut. Mit bewölkter Stirn beschloß sie, das der Bachen bei Gelegenheit auf der Treppe zu sagen.
3eber Tag schenkt uns einen friedlichen Abend. So auch hier.
Herr Lemke seinerseits wog nahezu 100 Kilo, halte seinen Tee zum Abendbrot extra nicht ganz ausgetrunken, um behaglich bei Zigarre und Zei
tung hin und wieder noch einen Schluck naschen zu können. Was nun fehlte, war natürlich die Zeitung! Die hatte der Zimmerherr der Witwe Bach natürlich immer noch! Wozu braucht der überhaupt eine Zeitung! Von Politik verstand er nichts, während für Herrn Lemke jede Zeile des Hauptblattes von Wichtigkeit war! Im Aerger darüber nahm er feine brennende Zigarre verkehrt in den Mund. Lange hielt er das allerdings nicht aus, ihm schwollen die Stirnadern, [eine Temperatur stieg.
Es geht ja schließlich niemand etwas an — aber hinter dem Hause war ein Garten, den sich beide Parteien geteilt hatten, um im frühesten Frühjahr junge Erbsen hervorzulocken. Aber nicht nur für junges Gemüse war hier gedeihlicher Platz, sondern auch für die Menschen. Und so hatten Lemkes sowohl wie Bachens — jeder für sich — ihre Sommersitze hinter Fliederbüschen. Das heißt, die eigentlichen Sitze fehlten noch. Frau Lemke wollte im Anzeiger aufpassen, ob sich nicht eine günstige Gelegenheit zum Kauf von gebrauchten Gartenmöbeln böte.
Den gleichen Plan hegte auch Witwe Bach, und in Gedanken strich sie schon die Gartenstühle liebevoll grün an.
Aus diesem Traum sollte sie grausam gerissen werden, denn eines Tages muhte sie sehen, wie Frau Lemke zwei Gartenstühle nebst Tisch und Bank von einem Handwagen vor der Haustür in Empfang nahm.
Zch hab schon mal einen schwarzen Schornsteinfeger vor Wut erbleichen sehen. Aber dieser krasse Farbenwechsel war gar nichts gegen den von Frau Bach. Die rang nach Fassung, bahnte sich dann aber mutig hinunter und stellte mit tiefer Damenstimme Frau Lemke zur Rede.
Frau Lemke machte em unschuldiges Gesicht wie ein Engel mit offenem Haar und vergoldeten Flügelchen Die Gartenmöbel? „Heute mittag hat doch eine Anzeige in der Zeitung gestanden, da bin ich gleich hingegangen. Wenn Sie nicht aufpassen — dafür kann 1 ch doch nicht!" Hier war die Stelle, wo Frau Bach ihre vornehme Puppenstube vergaß, und sie polterte los. Sie, die Lemken, habe das Blatt unterschlagen, absichtlich zurückbehalten, um ihr zuvorzukommen und ihr die günstige Gelegenheit wegzuschnappen: man .habe ihr nicht an der Wiege gesungen, daß sie sich mit Leuten wie Lemkes jemals im Leben würde herumschlagen müssen. Jetzt gab auch Frau Lemke Gas. Es hagelten im heftigsten Wortwechsel Vergleiche aus dem Tierreiche.
Nein, es kommt wirklich nichts dabei heraus, wenn zwei Familien eine Zeitung gemeinsam halten. Es lohnt einfach nicht. 0896
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