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(Rosemarie, Rosemarie...

Roman von Käthe Metzner.

1. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Davon ahnte Rosemarie nichts, sollte auch nie­mals etwas davon erfahren. Sie hatte eine gute Schulbildung genossen, aber weiter reichte die Bei­hilfe nicht, und Berta Bergmanns Einkommen war auch nicht so groß, daß sie Rosemarie in einen höheren Beruf hätte bringen können. Das junge Mädchen mußte zum Lebensunterhalt beitragen, und war glücklich, als es eine Stellung im Büro erhielt, in der es feine ausgezeichneten Sprach- kenntnisfe vervollkommnen konnte. Bielleicht konnte sie doch später einmal Korrespondentin werden? Sie war ja fleißig und strebsam und schien manch­mal gewaltsam aus den engen Verhältnissen hin­auszuwollen.

Rosemarie lächelte. Warum antwortete Tante Bertchen nicht auf ihre Frage. Wahrscheinlich hatte sie schon wieder ihre Arbeit im Kopfe und berech­nete, was sie diese Woche noch liefern mußte.

Frau Bergmann fühlte die fragenden Augen des Mädchens und machte sich gewaltsam von den Ge­danken frei, die sie soeben gefangen genommen hatten. Wieder einmal war ihre Ueberzeugung stärker geworden, daß Rosemarie von dem Schicksal ihrer Eltern nichts erfahren sollte, damit sie mutig und tapfer ihren eigenen Weg gehen konnte.

Du wirst wirklich einmal als Kind sehr lebhaft geträumt haben", antwortete sie mit Rosemaries eigenen Worten.Du hast vielleicht irgendwo ein­mal einen schönen Eindruck gehabt, und weil du ein sehr aufnahmefähiges Kind warst, ist er in deiner Seele haften geblieben." Schwer wurden der lieben Frau diese Worte, aber Rosemarie merkte es nicht. Sie gab sich zufrieden.

Sie tauschten auch heute, wie allabendlich, ihre Tageserlebnisse aus; aber zum Schrecken der Tante erzählte Rosemarie auch heute wieder, wie schon öfter in den letzten Wochen, daß ihr die Arbeit bei Lachstedt & Co. gar keine rechte Freude mehr mache.

Du glaubst nicht, Tantchen, was für gräßliche Menschen die Kollegen dort sind! Glaubst du, manchmal denke ich, daß ich ganz verblödet sein muß, weil sie immer etwas an mir auszusetzen haben. Fräulein Lobe nörgelt jetzt so oft an meinen Briefen. Sie findet sie nicht sauber genug getippt, und dabei... Du weißt doch, Tante, wie oft ich mir die Hände wasche, damit ja alles recht korrekt aussieht. Das habe ich doch schon immer zu deiner Zufriedenheit gemacht, wenn ich früher deine klei­nen Rechnungen und Kundenbriefe erledigte. Ich habe es nicht vergessen, daß du oft sagtest: ,Kind, der Brief muß die Visitenkarte des Absenders fein!*

Und nun passiert es mir so oft, daß sie sagt: ,Fräulein Neuß, wie können Sie sich nur erlauben, dem Herrn Direktor so schmutzige Briefe in die Unterschriftsmappe zu legen?' Oder oft greift sie mich auch persönlich an und sagt, wenn ich mor­gens komme: >Na, nicht ausgeschlafen? Bei Ihnen fleckt's wieder mal gar nicht. Wer weiß, wo Sie sich gestern abend wieder herumgedrückt haben.' Dann lachen die anderen natürlich, während ich heulen könnte. Aber ich heule nicht, Tante. Lieber beiße ich ganz fest die Zähne zusammen. Ich kann doch nichts gegen sie machen. Sie steht nun einmal unserer Abteilung vor, und da muß man sich fügen."

Die arme Kleine! Tante Bergmann war entsetzt über Rosemaries Worte und bedrückt zugleich. Rose­marie mußte sich nach einer anderen Stellung um­sehen, das war klar aber wo gab es heute noch eine Stellung? Es war ja so ein Zufall gewesen, daß sie damals bei Bachstedt untergekommen war.

Und dann..." Rosemarie berichtete weiter:Da ist doch in unserer Firma der Doktor Wangenheim, das ist ein Neffe des Chefs, und sozusagen sein Stellvertreter. Ich glaube, Tante, die Lobe liebt ihn, denn ich habe gemerkt, sie quält mich doppelt, seitdem er neulich einmal zu mir sagte: ,Na, wollen Sie für mich einmal Stenogramm aufnehmen, kleine Schönheitsköniginn?' Es war doch nur ein dummer Scherz von ihm, Tantchen; aber es hat sie wohl schwer erregt. Dabei habe ich noch nie den Eindruck gehabt, daß er sich etwas aus ihr macht."

Kind, du mußt dich jetzt aber fertigmachen. Wir haben über diesen unangenehmen Dingen fast ver­gessen, daß du heute abend noch so viel Schönes erleben wirst. Also schnell fertigmachen! Ein viertel nach acht Uhr wollte Ilse mit ihren Eltern kommen.

Rosemarie sprang auf.Ja, jetzt schnell! Es dauert bei mir nicht lange."

Sie schlüpfte hinüber ins Schlafstübchen und stand wenige Minuten später wieder vor der Tante, die nun doch selbst von der Lieblichkeit der Nichte über­rascht war.

Alles, was sie soeben noch schwer bedrückt hatte, war von ihr gewichen. Ihre schönen blauen Augen leuchteten in Freude und Dankbarkeit.

Einen Augenblick lang durchfuhr Frau Bergmann ein stechender Schmerz. Wie lange noch würde Rosemarie ihr so bleiben? So kindlich-freudig, so engelsrein? Sie war unsagbar schön, wie sie jetzt so in ihrer knospenhaften Lieblichkeit vor der Tante stand. Aber die Tante hatte auch wohl gesehen, wie die Blicke der Männer der Nichte folgten, wenn sie durch die Straßen gingen. Wer würde als erster seine Hand nach der lieblichen Blüte ausstrecken? Und war er Rosemaries würdig?

Schon wieder grübelst du, Tantchen! Was geht dir denn heute nur immer durch den Kopf? Es wird Zeit, daß du mal ein paar Wochen ausspannst. Zu dumm, daß ich nicht etwas unsanfter mit dir verfahren bin, als du heute abend wieder zu Hause bleiben wolltest, wo es doch mein erster Ball ist",

beschloß sie träumerisch ihre scherzhafte Gardinen- predigt.

Du weißt doch, Herzchen, daß ich bis zum Zwölften die Garderobe für Frau Direktor Schon­holz fertig haben muß. Und heute ist schon der Sie­bente. Da heißt es, sich sputen. Und die Zeiten sind nun mal so, daß man keinen Kunden vor den Kopf stoßen darf, indem man ihn nicht auf die Stunden pünktlich beliefert."

Ja, ich weiß alles, du seelengutes Tantchen! Aber horch, es klingelt.

Ich komme!" sagte sie gedämpft auf die Straße hinunter. Schnell zog sie ihren schon bereitliegenden guten Mantel über, nahm ihr Täschchen und die Handschuhe und küßte die liebe gute Tante hastig ein über das andere Mal auf die Wangen, bis sie diese gewaltsam hinausschob.

Also recht viel Vergnügen, meine Nosemie! Ich kann ja unbesorgt sein. Ringleins bringen dich ja nach Hause."

Unten nahm Familie Ringlein Rosemarie freund­lich in Empfang.

Wir fahren mit der Zweiundzwanzig", sagte Herr Ringlein freundlich.Es hat zwar glücklicher­weise zu regnen aufgehört; aber bis zum Gloria- Hotel ist es doch ziemlich weit. Also, nehmen wir Rücksicht auf unsere jungen Damen, deren Beinchen nicht zu früh ermüden sollen, damit sie heute abend recht das Tanzbein schwingen können."

Rosemarie war alles recht. Wieder saß sie in der Zweiundzwanzig", die an dem im Dunkel des Abends liegenden großen Gebäudekomplex von Bachstedt & Co. vorüberfuhr. Selten genug kam es bei Rosemarie vor, daß sie zweimal am Tage Elektrisch fuhr. Sie wandte das Gesicht von der Fabrik weg, die sie unheimlich und drohend aus ihren dunklen Augen anstarrte. .

Die Mädchen waren in festlicher Stimmung und tuschelten eifrig. Das Ehepaar Ringlein, das in der überfüllten Bahn keinen Platz neben ihnen erhalten hatte, stellte Betrachtungen an. Es kam zu dem Entschluß, daß ihre Ilse zwar sehr hübsch, aber die Rosemarie Neuß doch eben eine ganz aparte Schön­heit sei.

Wenn sie unserer Ilse nur nicht mal die besten Bewerber wegschnappt!" sagte Frau Ringlein etwas kleinlich.

Ach, Mutter, das liegt doch noch weit im Felde! Vorläufig find sie ja beide noch blutjung. Die sollen sich erst mal ein bißchen amüsieren, ehe sie ans Heiraten denken. Eine Ausstattung kann bis jetzt noch keine von ihnen vorweisen na, und die reichen Bewerber sind heutigentags nicht so dick gesät."

Frau Ringlein mußte ihm recht geben.

Die Bahn hielt vor dem Gloria-Hotel.

Rosemarie hatte das vornehme Gebäude nur immer von außen gesehen, und als sie jetzt mit Ringleins die mit roten Läufern belegten Stufen emporstieg, fühlte sie sich wie in eine andere Welt

versetzt. Ob Ilse überrascht war, wenn sie jetzt 8eü Mantel ablegte? Sie hate es sich verkniffen, schott in der elektrischen Bahn von Tantes Geschenk zu erzählen. .

Vater Ringlein bemühte sich um die Garderobe seiner drei Damen. Frau Ringlein und Ilse roareit von Rosemaries Aussehen mehr als überrascht Ilse empfand in dem Augenblick, da Rosemarie sa schön wie ein Märchenbild vor ihr stand, doch etwas Neid. Würde sie da nicht in den Hinter­grund treten? Sie ärgerte sich schon im stillen, Rosemarie für heute abend eingeladen zu haben. Aber wer konnte auch denken, daß Frau Berg­mann dem Mädel so etwas Apartes zusammen­nähte?

Doch es war jetzt wenig Zeit für solche Gedanken. Durch einen raschen Blick in einen der großen Spiegel überzeugte sie sich schnell, daß auch sie in ihrem blaßblauen Kleid allerliebst aussah.

Dann ging es wieder teppichbelegte Stufen hin­auf, die in den Weißen Saal führten.

Rosemarie war geblendet von so viel Glanz und Schönheit. Lockende Musik erklang. Bunte Seide schimmerte. Sie hatten sich alle so schön wie möglich geputzt, die Frauen und Töchter der Angestellten der Chemischen Werke.

Ringlein wurde von Kollegen begrüßt, grüßte achtungsvoll Vorgesetzte. Vorläufig war man noch nicht zur Ruhe gekommen. Der kleine Buchhalter wurde wider Erwarten ausgezeichnet. Seine beiden Mädels machten entschieden Eindruck.

Das Programm lief gut und in vorgefchrlebener Form ab. Dann eröffnete die große Polonaise den Ball, an der alle Anwesenden bis auf einige aus- gesprochene Nichttänzer ober alte Leute teilnahmen.

Bewegung entstand. Junge Herren schritten schnell und gewandt über das Parkett. Aeltere Herren suchten ruhig und behäbig Kollegenfrauen als Partnerinnen.

Ilse fieberte. Wer würde sie holen?

Rosemarie duckte sich, unwillkürlich etwas be­fangen, hinter Frau Ringlein. Sie betete im stillen, daß ja nicht die Wahl eines der Herren auf sie fallen möchte. Noch niemals hatte sie eine Polonaise getanzt und würde sich gewiß recht ungeschickt an­stellen.

Aber Herr Ringlein war bereits verschwunden, um eine Kollegenfrau zu engagieren, da wurde auch Ilse bereits zur Polonaise aufgefordert und tauchte in der Reihe der anstehenden Paare auf. Da strebte aber auch schon ein älterer Herr auf Ringleins Tisch zu und verneigte sich vor Frau Ringlein.

Nun saß Rosemarie allein am Tisch. Ties er­glühend neigte sie den Kopf. War es nicht, als ob aller Augen sich auf sie richteten?

Ich bin so froh, daß mich keiner holt, dachte sie erleichtert aber die Sitzengebliebenen nennt man wohl Mauerblümchen?

(Fortsetzung folgt.)

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