Das Rätsel einer Frühlingsnacht
Vornan von Gert Nothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Derlag, Halle, Saale
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Graf Härtlingen lehnte an der Tür, den Kopf gegen das harte Holz gepreßt.
Gewißheit!, dachte er wieder. Um Gottes Barmherzigkeit willen — Gewißheit!
Doch niemand gab sie ihm, diese Gewißheit. Er war allein, und um ihn war tiefste Stille.
Plötzlich hob Rudolf Härtlingen den Kopf.
„Wenn es Wahrheit wäre —, wenn — Lelia mich betrogen hätte, dann wäre der — der Mörder, falls er wirklich existiert, doch vielleicht auch nach dieser Richtung zu suchen? Dann wäre ich der Betrogene und trüge außerdem den Makel, den ein anderer auf sich lud?"
Dom Boden her, durch die Scherben hindurch lächelte Lelia süß und berückend. Blickte ihn mit diesem Lächeln an, das ihn stets wehrlos gemacht hatte.
Die geballten Hände Härtlingens schlugen an die Wand, berührten dabei den Klingelknopf.
„Gewißheit will ich haben — Gewißheit!"
Der Graf stöhnte es noch immer, als der alte Gormann längst auf der Schwelle stand. Die schrillen Klingelzeichen hatten ihn herbeigerufen.
Nun stand er dort, ängstlich, im unklaren, ob er diesen seelischen Zusammenbruch seines Herrn belauschen dürfe.
Graf Härtlingen wandte sich um.
„Na, Alter?"
Mit seinen treuen Augen blickte Gormann auf seinen Herrn. Er sah die blutigen Hände, er sah das zerbrochene Bild am Boden liegen. Da wußte er, daß irgend etwas geschehen sein mußte, denn der gnädige Herr hielt die Bilder der toten Frau als ein Heiligtum.
Gormann ging hin und bückte sich, hob die Scherben auf, legte das Bild behutsam auf den Tisch. Dann ging er still hinaus und kam in wenigen Minuten mit einer Waschschüssel und Verbandzeug zurück.
Härtlingen wehrte dem Diener nicht, als der sorgfältig die Wunden wusch und leichte Verbände anlegte.
„Danke, Alter!"
Der Graf ging hinaus.
Gormann trat an den Tisch. Doll Haß ruhte sein Blick auf dem schönen, strahlenden Frauengesicht.
„Du, o du!" murmelte er.
Dann verließ auch er das Zimmer.
Der Graf aber irrte durch seinen Park. Vor dem kleinen Teehaus blieb er stehen. Dann ging er langsam die Stufen hinauf, stand in dem kleinen, intimen Raum, blickte sich um.
Hier hatte er geträumt. So natürlich und bestimmt und klar, daß er sich hatte hinterher noch einbilden können, es sei tatsächlich Wahrheit, süße, beglückende Wirklichkeit!
Er hatte Lelia in den Armen gehalten, sie geküßt wie einst. Und als er später alles als einen irren Traum beiseite schob, da hatte er doch gedacht, der Himmel selbst habe ihn durch diesen Traum aufrichten wollen.
Und nun sollte auch dieser Glaube in nichts zerstäuben? Nun hatte er sich sogar im Traum noch als Narr benommen, weil — Lelia ihn —?
Fremd und kalt ruhte Rudolf Härtlingens Blick auf der Chaiselongue.
Hatte er wirklich glauben können, Lelia sei noch einmal zu ihm zurückgekommen, um ihn im Traum zu beglücken? Was hatte sie hier noch gewollt? Ihn noch einmal verlachen? Ihn, den Narren? Den blind in sie Verliebten? Hatte sie sogar im Tode noch ihre Macht über ihn erproben wollen?
Im Tode?
Aber — hatte er denn nicht eine schöne blasse Rose gefunden? Hatte er sie selbst gebrochen, ohne es zu wissen? Oder — marterten ihn Wahnvorstellungen? Wurde — er — wirklich gemütskrank?
Graf Rudolf Härtlingen dachte an den Zettel, der sich jetzt in seinem eigenen Schreibtisch befand. Wenn alles Wahn war — daß er diesen Zettel in Lelias Schreibtisch fand, war kein Wahn. Das war grausame Wahrheit, die ihn ruhelos durch sein altes schönes Schloß trieb.
Dämmerig, lauschig, lockend, zauberisch schön wirkte das kleine Zimmer mit seinen vielen Kostbarkeiten. Geisterhaft ging ein leiser Luftzug durch den Raum, bewegte den Vorhang vor dem kleinen Nebenraum, in dem jetzt nur einige Vasen für Blumen aufbewahrt wurden.
Ohne es zu wissen, lenkte Rudolf Härtlingen seine Schritte dorthin. Er zog den Vorhang aus bunter japanischer, gemusterter Seide auseinander und betrat den kleinen Raum. Ein paar kleine Hocker, einige große und kleinere japanische und chinesische Vasen. Und was lehnte denn dort in der Ecke? Ein Bild?
Hatte Lelia hier vielleicht ein mißlungenes Gemälde versteckt? Sie malte gern Blumen, auch vielleicht einmal ein Tier — sie machte das sehr geschickt, obwohl sie nur einige Malstunden gehabt hatte.
Härtlingen griff nach dem Bild, drehte es um, zuckte zurück.
Ein Gemälde?
Ein wundersames Gemälde!
Und die Frau, die Frau auf diesem Bild war — doch Lelia? Lelia also hatte einem Maler, irgendeinem großen Künstler, Modell gestanden?
Die Gedanken jagten, verwirrten sich, schnellten vorwärts in tobender Hast:
Einem Künstler?
Venjo Holm!
Tausend Stimmen riefen es, höhnten und fieberten durch den Raum:
Venjo Holm!
Vernichtet, des letzten Glaubens beraubt, blickten die grauen, fiebernden Männeraugen auf dieses Gemälde.
Lelia und Venjo Holm!
Venjo hatte der Zettel gegolten! Venjo hatte Lelias Liebe besessen. Deswegen kam Venjo nie mehr nach Schloß Härtlingen zurück. Deswegen!
Ein Verräter!
Der schwärzeste Verrat, den es auf dieser Welt geben konnte. Der Freund stahl dem Freunde die Frau!
Recht so, Venjo Holm — recht so! Reiße auch du noch den letzten Glauben in den Staub!
Ein Künstler!
Ein freier, großer Künstler, der über alles hinwegschritt, auch über die Treue gegen den Freund!
Recht so, Venjo Holm!
Ganz ruhig, ganz beherrscht stellte Graf Härtlingen das Bild wieder an feinen Platz.
5. Kapitel.
Eine kleine alte Dame im weiten Umschlagtuch entstieg dem Gefährt.
„Seifert, Sie warten hier, denn wenn er mich 'rausschmeißt, fahre ich wieder mit nach Hause!" sagte Tante Molchen zu dem Kutscher.
Der nickte pflichtbewußt und schloß die Tür des Wagens. Ein bißchen bedauernd blickte er auf die beiden Schimmel; die würden sich selbstverständlich die Beine in den Leib stehen.
Tante Malchen stieg die Treppen empor, kam in die schöne Halle, blickte sich darin um, nickte.
„Alles noch so wie einst. Wenn er selbst doch auch noch der fröhliche Bursche von einst wäre! Na, wollen einmal sehen, /was er sagt."
Tante Malchen setzte sich. Sie setzte sich gerade in dem Augenblick, als Gormann die Treppe, die von der Halle aus zu den oberen Räumen führte, herunter kam. Ganz fassungslos blickte er auf die Dame.
„Sie find überrascht, wie ich ins verwunschene, festverschlossene Märchenschloß gekommen bin? Sehr einfach. Rentmeister Berndt überwacht gerade das Abladen der Lebensrnittel, die der Pächter abliefert. Und da mich Berndt feit Jahren kennt, ließ er meinen Kutscher passieren. Melden Sie doch dem Herrn Grafen, seine Tante Male möchte ihm einen Besuch machen!"
Gormann verbeugte sich tief. Jetzt hatte auch er sie erkannt. '
„Gnädigste verzeihen, ich hatte nicht gleich gesehen —!" sagte er ein bißchen unsicher.
Ich hab' Ihnen das nicht übelgenommen. Wenn sich die Leute so lange nicht sehen lassen, können
sie nachher kaum noch verlangen, daß einer sie kennt", sagte Tante Malchen kurz und sachlich.
Gormann blickte sie verdattert an, dann ging er schnell davon.
In Tante Malchen sah es durchaus nicht so kühl und sachlich aus, wie sie nach außen hin zeigte. Ihr schlug das Herz sogar recht ängstlich in der Brust. Und wie um sich einen besseren Halt zu geben, umklammerte Tante Malchen mit beiden Händen den Stock, auf den sie sich beim Gehen stützte.
Ein hochgewachsener Mann kam die Treppe herab, schritt mit ausgestreckter Hand auf die kleine alte Dame zu. , e . .,
„Tante Malchen? Wie heb von dir, daß du mich auch einmal besuchst!"
Tante Malchen zitterte.
„Rudolf — ich muß nach dir sehen. Ich. habe lange genug mit den Hunden geheult; aber jetzt ist mir alles egal. Wenn du mich brauchen kannst, bleibe ich sogar bei dir!"
Er streichelte ihre Hand.
„Wirklich, Tante Malchen? Aber was werden sie denn da dort drüben sagen?"
„Das zählt nicht. Ich tue, was ich für gut be- finde."
„Dann komm, Tante Malchen!"
„Ja? Du willst vergessen, daß ich auch mit zu den anderen gehalten habe?"
Da küßte er ihre Hand.
„Ach, liebe kleine Tante Malchen, ich weiß ja, rote sie sind!" sagte er gutmütig.
Noch immer voll heimlichen Staunens blickte sie in das braune Gesicht. Die großen grauen Männeraugen blickten klar und kühl in die ihren. Der Mund hatte einen energischen Zug, trotzdem erkannte Tante Malchen genau, was der Neffe gelitten hatte. Aber wiederum war er doch auch ganz anders, als sie sich ihn vorgestellt hatte. Und diesen Mann hatte ihr Bruder einsperren lassen wollen? Als nicht mehr normal!
Weil er sich in seinem Schmerz um die tote Gattin von aller Welt zurückgezogen hatte!
So leicht hatten sie es sich gedacht, das alte, schöne Härtlingen einzustreichen. So leicht!
Tante Malchen saß mit dem Neffen in der Halle, und sie plauderten. Plauderten, als hätte niemals dieser furchtbare Verdacht und Rudolfs stolze Abwehr zwischen ihnen gestanden.
Tante Malchen hatte den Kutscher, der da draußen wartete, ganz und gar vergessen. Sie suchte nach einem passenden Wort, mit dem sie die jüngste Vergangenheit zart streifen konnte, ohne ihn zu verletzen. Nach einer ganzen Weile sagte sie leise:
„Du hast viel Schmerzliches und Schweres durchgemacht, Rudolf — aber die Zeit heilt ja so vieles!"
Wie aus einem Traum erwachend, sah er sie an, bann ladjte er laut auf.
(Fortsetzung folgt.)
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