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dem kubanischen Botschafter über eine rasche Auf­hebung oder Revision des Jnterventions- rechts verhandeln. Wie Präsident Roosevelt am 28. Dezember 1933 in seiner Rede vor der Wilson- Gesellschaft ausführte, ist es sein Ziel, daß künftig sich alle amerikanischen Republiken gemeinsam mit derartigen Problemen befassen, so daß die Ver­einigten Staaten ihrer undankbaren Rolle als Schiedsrichter oder Ordnungsstifter enthoben werden.

Vorläufiges Handelsabkommen Deutschland-Chile.

B e r l i n , 22. Jan. (DNB.) Am 22. Januar 1934 ist vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und dem chilenischen Gesandten in Berlin ein vor­läufiges Abkommen über den Handels- u rtb Zahlungsverkehr zwischen dem Deutschen Reich und der Republik Chile unterzeichnet worden.

Das Abkommen regelt die Handels- und Schiff­fahrtsbeziehungen zwischen den beiden Staaten auf der Grundlage der M e i st b e g ü n st i g u n g. In dem Abkommen sind außerdem Vereinbarungen über dieAuftauungderin Chile eingefrore­nendeutschen Forderungen aus dem Wirt­schaftsverkehr getroffen. Die Auftauung dieser For­derungen erfolgt in der Hauptsache durch die Ein­räumung von Einfuhrgenehmigungen für Chilesalpeter nach Deutschland in Höhe von 106000 Tonnen, ein Betrag, der durch zusätz­liche Bestellungen und Aufträge Chi­les in Deutschland noch um weitere 24 000 Tonnen erhöht werden kann, ferner durch zu­sätzliche chilenische Kupferlieferungen und durch Lieferungen sonstiger chilenischer Erzeugnisse. Das Abkommen ist für die Dauer des laufenden Düngemitteljahres, d. h. bis zum 30. Juni 1934, be­fristet.

planen die Separatisten einen Aufstand im Saargebiet? Oer Vorwand zur Einsetzung einer internationalen Polizeitruppe.

Be r l i n, 23. Jan. (DRB.) In Saarbrücken war am 3. und 5. Januar die Filmvorführung Flüchtlinge" dadurch gestört worden, daß von einem Kommunisten im Zuschauer­raum fünf Flaschen niedergelegt worden waren, deren Inhalt, eine Flüssigkeit, dazu bestimmt war, während der Vorführung Brände und somit eine Panik unter b en Besuchern zu er­zeugen. Wie derTag" nunmehr ergänzend meldet, ist die Befürchtung aufgetaucht, daß dieser Versuch noch der ganzen Anlage in enger Verbin­dung mit der Brand st iftung im Reichs­tagsgebäude stehe. Die explosive Flüssigkeit sei geruchlos. Sie entwickele keinen Rauch, ebensowenig wie die Flüssigkeit, von der noch Spuren nach dem Reichstagsbrände im Dollsitzungssaal gefunden wor­den waren.

Seit längerer Zeit wird im Saargebiet eine sehr aktive Tätigkeit sozialdemokratischer Forma­tionen beobachtet, die auch mit den Kommunisten und mit den (Emigranten in Verbindung stehen. Man nimmt an, daß von dieser Gruppe der Plan erörtert worden ist, durch kleinere Terror­aktionen allmählich die Vorbedingung für den Versuch eines separatistisch-kommunistisch-marxisti- schen Aufstandes zu schaffen. Der Volksverräter Matz Braun hat bekanntlich die Entsendung einer internationalen Polizeitruppe in das Saargebiet propagiert. Die Voraussetzung dafür könnte, so befürchtet man im Saargebiet, geschaffen werden, wenn es den Separatisten und Kommunisten ge­lingen sollte, durch Terrorakte die Be­

völkerung zu beunruhigen. Man muß erwarten, daß die Regierungskommission den Brandstiftungsversuch in dem Lichtspielhaus sehr ob­jektiv untersucht und dabei die Parallelen zum Reichstagsbrand und die Fäden zu den Aufstands­absichten der Separatisten und Kommunisten b e - 'sond/ rs aufmerksam prüft.

tiebcrfüll auf einen Hitler- jungen im Saaraebiet.

Saarbrücken, 23. Jan. (DRB. Funkspruch.) Wie derDillinger Anzeiger" meldet, wurde in Dillingen in der Nacht zum Dienstag der 18jährige Hitlerjunge Willi Litzenburger auf dem Nachhause­wege von zwei übelbeleumdeten Kom­munisten, den Gebrüdern Rhein, in der Strese- mannstraße überfallen und schwer miß­handelt. Zeugen haben festgestellt, daß ber eine ber Burschen bem Hitlerjungen mit einem Messer eine schwere Kopfwunbe bei­brachte. Als ber Bruber bes Ueberfallenen zu Hilfe kam, ließen bie beiben von ihrem Opfer ab unb flohen.

An ben Geschäfts ft ellen ber NSDAP, in Fremersborf unb Dillingen würbe das an der Hausfront angebrachte Hoheitszeichen der NSDAP, mit einer teerartigen Masse besudelt und beschmiert. Außerdem wurden an der Haus­front faschistenfeinbliche Inschriften angebracht. Die Täter konnten noch nicht festgestellt werden.

der Kammer.

Paris, 23. Jan. (DNB.) Die ftanzösische Kam­mer setzte am Dienstaavormittag die Aussprache über den Gesetzentwurf fort, der jedem wegen Ver­gehens gegen das Sparkapital Verurteilten die Vor­nahme von Finanzoperationen verbietet. Die Re­gierung hält sich zurück. Man hat den Eindruck, daß die ersten Säuberungsmaßnahmen, die Chautemps bekanntgegeben hat, nicht den gewünschten Wider­hall in der öffentlichen Meinung gefunden haben. Sogar nicht oppositionell eingestellte Blätter be­tonen, daß es sich nur um halbe Maßnahmen handele und daß die Hauptschuldigen noch im Schatten blieben. Die Stimmung ist nach wie vor nervös. Nachmittags unternahm der Ab­geordnete Henriot einen neuen Vorstoß gegen die Regierung. Als Henriot die Rednertribüne betrat, bemächtigte sich des Hauses eine gewaltige Erregung. Es ertönten laute Rufe und Zischen. Henriot kün­digte an, daß er neue belastende Schrift­stücke bekanntgeben werde. Der Abg. Henriot hat u. a. den Ministerpräsidenten Chautemps per­

sönlich blohzustellen versucht mit ber Erklärung, baß Ehautemps 1932 ber Rechtsbeistanb bes Gene­rals Barbier be Fouton gewesen sei, ber bem Ver­waltungsrat eines Stavisky-Unternehmens ange­hört habe. Henriot behauptete weiter, baß ber Name bes Justizministers Raynalby in ben Aktenstücken einer Stavisky-Affäre stehe. Die Ge­richtsverfahren stockten, weil Einflüsse aus bem Parlament ober aus ben Regierungskreisen ben Gang ber Rechtsprechung verfälschten. Diese Be­merkung veranlaßte ben rabikalsozialistischen Abge- orbneten BvuessS zu bem Zwischenruf:Wieviel bezahlt man Ihnen?" In bem Lärm, ben dieser Zwischenruf auslöste, rief BouessS bem Ab- georbneten Henriot weiter zu:Ich erwarte Ihre Kartellträger!" Das war bas Signal für ein Pfeifkonzert auf ber Rechten. Gleichzeitig stimmten die Kommunisten die Internationale an. Der Lärm wurde schließlich so groß, daß der stell­vertretende Kammerpräsident die Sitzung auf» hob. Sämtliche Zuschauertribünen wurden geräumt.

Nach Wiederaufnahme der Sitzung setzte Henriot seine Angriffe gegen die Regierung fort. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem ehe­maligen Ministerpräsidenten H e r r i o t und dem früheren Handelsminister R o 11 a t n sowie zu lär­menden Kundgebungen von rechts und links. Als Ministerpräsident Chautemps die Tribüne be­stieg, um auf die Angriffe Henriots zu antworten, mußte er sich ebenfalls ständig Unterbrechungen ge­fallen lassen. Von rechts wurde immer wieder in den allgemeinen Lärm hineingerufen:Unter­suchungsausschuß, Untersuchungsau s- schuß!"

Der Ministerpräsident wies die von Henriot vor­gebrachten Beschuldigungen als unzutreffend zurück und verwahrte sich daaegen, daß der Stavisky- Skandal systematisch zu Angriffen gegen die Regie­rung mißbraucht werde. Chautemps erklärte, man müsse ber Gerechtigkeit ihren freien Lauf lassen. Er habe eine Untersuchung in ben einzelnen Ministerien zugesagt, bie bereits im Gange unb teilweise schon abgeschlossen sei. Man bürfe bte notroenbigen Maßnahmen aber nicht überstürzen.

Schließlich schritt bie Kammer zur Abstim - mung über bie Rückverweisung eines Kapitels bes zur Aussprache stehenben Justizhaushaltes, gegen bie ber Ministerpräsibent bie Vertrauens­frage gestellt hatte, um sofort bas Mehrheitsver­hältnis in ber Kammer zu klären. Mit 367 gegen 201 Stimmen trat bie Kammer für ben Antrag ber Regierung gegen bie Rückverweisung ein unb sprach ihr somit bas Vertrauen aus.

Barrikaden aus pariser Boulevards.

Paris, 24. Jan. (DNB.) Die Ecke Boulevarb Saint Germain unb Boulevard Raspail war am Dienstagabend wieder der Schauplatz lär­

mender Kundgebungen, an denen sich viele Tausende von Menschen unter Führung der Action Fran^aise beteiligten. Die Gegend bildet den gleichen Anblick wie Montag: Umgewor­fene Straßenbänke, herausgerissene Daumschutzgit­ter, Polizeikolonnen, die überall gegen die De­monstranten vorrücken. Nur insofern hat sich das Bild verändert, als diesmal auch berittene Polizei eingesetzt wurde, die in die Men­schenmenge hineinritt, wenn sie sich nicht auf die erste Anforderung hin zurückzog. Von überall her ertönten Rufe, Pfiffe und Gesang. Aus vielen Fen» stern wurden Knallbomben gegen die anreitenden Polizisten geworfen. Auch Wasser wurde aus den verschiedenartigsten Gefäßen aus den Fenstern ge­gossen. An der Kirche Saint Germain kam es zu einer erheblichen Schlägerei unter den Kunb- gebern. Dort waren Baumschutzgitter auf die Schie­nen der Straßenbahn geworfen, so daß blaue Stich- flammen aufschlugen.

Die Straßenunruhen flackerten in der Nacht zum Mittwoch hier und da wieder auf. Auf dem Platz vor der Kirche St. Germain und auf dem Boule­vard Raspail hatten Demonstranten aus Bänken, Baumgittern und anderem Material eine Barri­kade errichtet unb ben Verkehr in dieser Straße völlig stillgelegt. Die Polizei konnte bie Menge schließlich abbrängen unb die Barrikaben roieber abtragen. Auf bem Danton-Platz kam es in der Nacht ebenfalls zu Zusammenrottungen. Auch dort wurde eine Barrikade errichtet; ihre Beseiti­gung führte zu Zusammenstößen mit den Polizei­beamten, bei denen es zahlreiche Verletzte auf beiden Seiten gab. Auf dem Boulevard Mont- parnaffe versuchten Kommunisten, die aus einer Versammlung kamen, nach Mitternacht einen Demonstratio ns zug zu bilden, der jedoch von der Polizei aufgelöst wurde.

Das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit veröffentlicht

Berlin, 23. Jan. (DNB.) Im Reichsgesetzblatt vom 23. Januar (Teil I Nr. 7) wird nunmehr das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit vom 20. Januar 1934 veröffentlicht. Das Gesetz, dessen we­sentlichster Inhalt bereits am 16. Januar bekannt­gegeben worden ist, ist vom Reichskanzler, bem Reichsarbeitsminister, bem Reichswirtschaftsminister, bem Reichsminister ber Justiz, bem Reichsminister ber Finanzen unb bem Reichsminister bes Innern unterzeichnet. Es gliebert sich in sieben Abschnitte mit 73 Paragraphen. Der erste Abschnitt ist über­schrieben:Führer des Betriebes undVer- t r a u e n 5 r a t", ber zweite Abschnitt:Treu­händer ber Arbei t", ber britte Abschnitt: Betriebsordnung unb Tarifordnung" ber vierte AbschnittSoziale Ehrengerichtsbarkeit", ber fünfte AbschnittKündigungsschutz, ber sechste AbschnittArbeit im öffentlichen Dien st" unb der siebente AbschnittSchluß- unb Uebergangsvorschriften."

Die Zahl ber Vertrauensmänner, die dem Führer des Betriebes aus der Gefolgschaft beratend zur Seite stehen und mit dem Führer und unter feiner Leitung ben Vertrauensrat bes Betriebes bilben, beträgt

in Betrieben mit 20 bis 49 Beschäftigten 2 in Betrieben mit 50 bis 99 Beschäftigten 3 in Betrieben mit 100 bis 199 Beschäftigten 4 in Betrieben mit 200 bis 399 Beschäftigten 5 Ihre Zahl erhöht sich für je 300 weitere Beschäftigte um einen Vertrauensmann unb beträgt höchstens 10. In gleicher Zahl finb Stellvertreter vorzusehen.

Aus bem Wortlaut bes Gesetzes ist noch eine Reihe von bisher noch nicht allgemein bekannten Einzelvorschriften hervorzuheben. Im ersten Ab­schnitt des Gesetzes wird bestimmt, daß das Amt des Vertrauensrates nach der regelmäßig am 1. Mai erfolgenden Verpflichtung beginnt unb jeweils am 30. April bes darauf folgenden Jahres endet. Das Amt eines Vertrauensmannes erlischt, abgesehen von der freiwilligen Amtsniederlegung, mit dem Ausscheiden aus dem Betrieb. Die Kündi­gung des Dienstverhältnisses eines Vertrauens­mannes ist unzulässig, es fei denn, daß sie infolge

Stillegung des Betriebes ober einer Betriebsabtei­lung erforberlich wirb, oder aus einem Grunde er­folgt, der zur Kündigung des Dienstverhältnisses ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist berechtigt.

Der zweite Abschnitt des Gesetzes, der die Funk­tionen des Treuhänders der Arbeit um- reißt, sieht bekanntlich vor, daß der Unternehmer eines Betriebes verpflichtet ist, vor größeren Entlassungen dem Treuhänder Anzeige zu erstatten. Größere Entlassungen liegen dann vor, wenn in Betrieben mit in der Regel weniger als 100 Beschäftigten mehr als neun Beschäftigte und in Betrieben mit in der Regel mindestens 100 Be­schäftigten zehn vom Hundert der im Betrieb regel­mäßig Beschäftigten oder aber mehr als 50 Be­schäftigte innerhalb von vier Wochen entlassen wer­den sollen.

Heber die Zusammensetzung des vom Treuhänder der Arbeit zu berufenden Sachverständigen- Beirates besagt das Gesetz, daß die Sachver­ständigen zu dreiViertel ausVorschlags- listen der Deutschen Arbeitsfront ent­nommen werden, die in erster Linie geeignete Ver­trauensleute ber Betriebe bes Treuhänberbezirks unter Berücksichtigung ber verfchiebenen Berufs- gruppen unb Wirtschaftszweige in größerer Zahl in Vorschlag zu bringen hat. Führer ber be­triebe unb Vertrauensmänner finb in etwa gleicher Zahl in bie Liste aufzunehmen. Ein Viertel ber erforderlichen Sachverständigen können die Treuhänder aus sonst geeigneten Persönlichkeiten ihres Bezirks berufen. So­weit durch Gesetze ber Reichsregierung eine stän­dische Gliederung der Wirtschaft durchgeführt ist, hat die Deutsche Arbeitsfront die von ihr zu benennenden Sachverständigen im Einverneh­men mitden Ständen vorzuschlagen. Vor Be­ginn ihrer Tätigkeit sind die Sachverständigen durch ben Treuhänber der Arbeit zu vereidigen. Sie ha­ben zu schwören, baß sie nach bestem Wissen unb Gewissen unparteiisch bas Amt eines Sach­verständigen ausüben, keine Sonderinteressen ver­folgen und nur dem Wohle der Volksgemeinschaft dienen werden.

Zwei schlagen sich durch.

Don Georg von der Dring

Als ich im September 1918 eine sächsische Kom­panie im Cheppywald ablöste, erzählte mir der Kompanieführer folgendes:

Vorige Woche ist hier was Komisches passiert. Die Stellung hier, so einfach unb ruhig sie ausschaut, ist nicht ganz ohne. Ich muß sagen, baß ich noch sel­ten in einer so unheimlichen Stellung gelegen habe.

Spukt es hier benn? fragte ich.

Nee, nee, sagte er, lassen Sie mich aber weiter- reben. Sie werben ja in ber Frühe ganz nach vorn gehen, ba werben Sie es selber merken.

Er beugte sich über bie Karte unb fuhr fort:

Hier, biefer Berg, ist ber Vauquois, nicht wahr. Dort der Cheppywald. Zwischen Vauquois unb Cheppywalb biegt sich die Stellung weit zurück. Un­ten am Bach ist sie nur durch eine Pendelpatrouille gesichert. UeberaH liegen da Tretminen. Diese Stelle am Bach heißtDas Knie". Sie werden schon ge­merkt haben, daß es hier lauter Berliner Namen gibt. Hinten, zwischen Monfaucon und Cheppy, lie­gen derGroße Stern" und berKleine Stern".

Da bei demKnie" ist es so unheimlich? fragte ich.

Nee, nee, sagte er, da nicht. Da sollen allerdings schon Spione durchgeschlüpft fein also Vorsicht! Mir persönlich ist es anderswo viel unheimlicher. Hier nämlich!

Wieder zeigte er auf die Karte und erklärte mir:

Diese Stellung am Rande des Cheppywaldes hat nämlich einen vorgeschobenen Graben. Er verläuft hinter der Straße AvocourtDarennes. Dicht davor liegt eine zerstörte Ferme, Hardonnerie heißt sie. Dieser Graben von Hardonnerie ist nur am Tage von uns besetzt. Abends räumen wir ihn, und in der Frühe geht einer von uns mit einer Patrouille durch und führt die Tagesposten auf. Alle Morgen ist es ein kleines Unternehmen, denn der Franzose kann sich ja während der Nacht eingenistet haben, nicht wahr. Der Hardonnerie-Graben ist furchtbar verwüstet, streckenweise ganz verfallen, abgesoffene Unterstände, voll Ratten und so weiter.

Neulich nachts passierte da also folgendes:

Als wir so gegen halb ein Uhr, in ber Geister- ftunbe also, hier in meinem Unterstand sitzen und fleißig Doppelkopp spielen, kommt ber Unteroffizier vom Grabendienst und meldet mir:

Es scheint, daß der Hardonnerie-Graben be­setzt ist!

Das wäre des Teufels, sage ich, schmeiße die Spielkarte weg und gehe mit ihm. Wir stehen dann im Graben und lauschen über den Bach. Die Posten berichten: Vor zehn Minuten schrie da vor uns jemand. Was schrie er? fragte ich. Wir konn­ten es nicht verstehen. Dazu wurde geschossen. Die Franzosen schossen von der (Eigalerie herüber. Sie schossen auch viel Licht.

Vielleicht ein Ueberläufer, dachte ich. Wir gingen dann im Laufgraben bis an den Bach vor. Es war stockfinster. Wir konnten auch hier nichts Horen. Sollte man hinüber und hinein in den Hardonnerie- Graben?

Zuletzt entschloß ich mich dazu. Wenn ber Fran­zose sich über bas Geschrei aufgeregt unb geschos­sen hatte, bann war es gewiß nicht von ihm ver­ursacht worben. Entweber war es ein Ueberläufer ober eine von unseren Patrouillen aus bem Nach­barabschnitt.

Es war ein ekelhafter Weg burch diese Graben­ruinen. Mein Auge ist bei Nacht gut geschult, aber trotzdem stieß man zuweilen an Blech ober Holz unb verursachte Geräusch. Wir waren zu brüt, der Unteroffizier vom Grabendienst, eine Ordonnanz und ich. Wir gingen, bogen um Reste von Schulter­wehren, blieben stehen, lauschten, unb gingen wie­der. Wir hörten nichts.

Blödsinn, hier nachts herumzustiefeln! dachte ich und hielt mein Ohr vor jeden abgesoffenen Unter­stand, um es drinnen rascheln ober tröpfeln zu hören. Als wir zur Mitte bes Grabens gelangten, stiegen wir heraus unb gingen bis ans Drahtver­hau vor. Nirgenbs ein ungewohnter Laut.

Sicher haben sich bie Kerls was eingebilbet, dachte ich ärgerlich und war schon entschlossen, zum Dop- pelkopp zurückzukehren. Plötzlich vernahmen wir hinter uns im Graben einen Schritt. Ich gab mei» nen beiden Begleitern ein Zeichen und kroch die paar Meter zum Hardonnerie-Graben zurück. Es gab ba viel Geröll unb so Zeug ...Ich lag bann biajt am Graben und lauschte. Nach einer Weile hörte id) flüstern. Es kam ganz deutlich aus dem Graben ba unten. Ich strengte mein Gehör aufs Aeußerste an, konnte aber kein Wort verstehen! Es war mehr ein Stöhnen als ein Flüstern. Also Vorsicht und ab- warten! So vergingen vielleicht fünf Minuten. Jetzt horte rch, daß jemand aufftanb und unter mir im Graben vorbeiging. Ich erhob mich und wollte hin­einspringen, als der Mann da unten zu schreien be­gann und losrannte. Er schrie furchtbar, ganz hem­mungslos. Der Franzmann schoß fortwährend Licht. Wir drückten uns flach gegen den Boden. Plötzlich

verstand ich, was der Mann schrie. Er schrie auf deutsch und immer dasselbe, nämlich:

Nicht schießen, Kameraden! . . . Nicht schießen, Kameraden!"

Er rannte den Graben entlang zum Bach hin­unter und hörte nicht mit schreien auf. Ich wußte nun natürlich Bescheid. Wir sprangen in den Gra­den unb liefen ihm nach. Unten am Bach beim Doppelposten holten wir ihn ein. Er lag am Bo­den und schrie:

Wo ist Hasselmann? ... Wo ist Hasselmann?"

Um es kurz zu machen: Sie waren zu zweien gewesen, zwei Hannoveraner, seit der Sommeschlacht in Gefangenschaft und in dieser Nacht durch die Linien zurückgekehrt. Sie hatten fertiggebracht, was nur selten gelungen ist. Alle Achtung!

Dieser, ber hier lag, hieß Stege. Er geberdete sich wie verrückt, einfach zusammengebrochen war er unb schrie:

Wo ist Hasselmann? Er ist getroffen! Holt ihn boch, los! Holt ihn boch!"

Ich schickte eine starke Patrouille los, die nach sei­nem Kameraden suchen sollte.

Stege lag dann bei mir im Unterstand und hatte Weinkrämpfe. (Es war ein ganz junger Bursche. Halb verhungert sah er aus. Seine Uniform war ein einziger Fetzen. Erst gegen morgen beruhigte er sicd ein wenig. Er war ja völlig erschöpft.

Uno dann passierte das Komische: Ein großer Kerl steht auf der Treppe und fragt:

Bitte, eintreten zu dürfen!

Genau fo ausgehungert das Gesicht, stoppelbärtig, die Uniform zerfetzt und mit weißen Buchstaben bemalt.

Natürlich, sage ich, nur hereinspaziert. Sind Sie Hasselmann?

Jawoll, sagte er, und zwar direktemang aus Paris.

Er setzte sich und trank gierig. Ich hatte noch Brot und etwas Wurst und gab ihm davon. Aber er konnte nichts essen. Die Hände zitterten ihm zu sehr.

Stege ist schon hier, sagte ich ihm dann.

Ich habe ihn schreien hören, nickte Hasselmann. Liegt er da oben?

In diesem Augenblick rieb Stege die Augen. Er drehte den Kopf her unb streckte bie Hanb aus. Sie war vollstänbig zerschunden und blutig gerissen. Hasselmann ergriff diese zerschundens Hand und sagte:

Tag, Bubi. Biste da?

In dem Blick, den die zwei miteinander wechsel­ten, lag etwas unbeschreiblich Triumphierendes,

Freude über das Gelingen der Flucht, Spott über die Franzmänner, die nun doch übertölpelt waren, und eine ganze Portion Schalkhaftigkeit, wie sie bei jeder echten Kameradschaft dabei fein muß.

Ihr seid zwei! sagte ich anerkennend.

Tja, nickte Hasselmann, da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich!

Or. h. (. Hedwig Heyl f.

3m Alter von 83 Jahren starb in Berlin eine ber bekanntesten beutschen Frauenführerinnen, die

Präsibentin des Deutschen Lyceurn-Clubs, Dr. h. c. Hedwig Heyl. Hedwig Heyl, am 5. Mai 1850 in Bremen geboren, war die Vertraute der Kaiserin Friedrich bei deren Wohltätigkeitsbestrebungen und spielte bald in der deutschen Frauenbewegung eine führende Rolle; sie kämpfte für die Anerkennung ber Frauenarbeit in Hauswirtschaft unb Beruf, wirkte für die Ausbildung von Hauswirtschafts­lehrerinnen, richtete u. a. als Vorstandsmitglied des Nationalen Frauendienstes die erste deutsche Mittelstandsküche ein und organisierte die städtischen Massenspeisungen. Don ihren zahlreichen hauswirt­schaftlichen Schriften ist dasABC. der Küche" be­reits in 13. Auflage erschienen.