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Nr. 20 Lrttes Blatt

184. Jahrgang

Mittwoch, 24. Januar (9Z4

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Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Landnöten.

Bis vor kurzem bestanden in Deutschland eine Unzahl landwirtschaftlicher Organisationen, die meist gegem und nebeneinander arbeiteten und sich nur in den seltensten Fällen gemeinsam in einer geschlosse­nen Front für das deutsche Bauerntum einsetzten. Diesem Durcheinander hat die nationalsozialistische Regierung mit der Schaffung des Reichsnährstands­gesetzes vom 13. September 1933 ein Ende gemacht. Der Reichsbauernführer wurde durch dieses Gesetz ermächtigt, Tausende von landwirtschaftlichen Ver­einen und Gesellschaften aufzulösen. Sie alle wurden in den Reichsnährstand überführt, der heute die alles umfassende große Gemeinschaft des deutschen Bauerntums darstellt. Im Laufe dieser Entwicklung wurde auch in diesen Tagen dieDeutscheLand- wirtschafts-Gesellschaft in den Reichs­nährstand eingeglietert. Die DLG. besteht damit als selbständige Körperschaft nicht mehr, ihre Arbeit wird aber in dem großen Rahmen des Reichsnährstandes für alle Zeiten erhalten bleiben. In An­erkennung der Arbeit soll hier noch einmal der segensreichen Arbeit dieser Gesellschaft gedacht wer­den, die sich um die Förderung der Landwirtschaft unbestritten bleibende Verdienste erworben hat.

Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft wurde im Jahre 1885 von dem Ingenieur und Dichter M a x E y t h gegründet und sah ihr Hauptaufgaben­gebiet in der aarartechnischen Förderung der deut­schen Landwirtschaft. Führende Männer des Be­rufsstandes stellten der DLG. ihre reichen Erfah­rungen und ihre ehrenamtliche Mitarbeit zur Ver­fügung. Die DLG. führte jährlich viele große öffent­liche Veranstaltungen durch, in deren Mittelpunkt d i e großen Wanderaus st e Hungen stan­den, die einen wertvollen Ueberblick über die Arbeit der Gesellschaft und über den Stand und die Ent­wicklung der Landwirtschaft gaben. Die damit ver­bundenen Tierschauen wurden zum Vorbild und Ansporn für die gesamte deutsche Tierzucht. Aber nicht nur die Spitzenleistungen unserer Tier­zucht wurden auf diesen Ausstellungen gezeigt, son­dern auch eine umfassende Uebersicht über die besten deutschen Landmaschinen gegeben. Alljährlich veranstaltete die DLG. durch oft monatelange praktische Arbeitsversuche Prü­fungen bestimmter Maschinengruppen, die den Dauern davor bewahrten, unzweckmäßige oder ver­altete Geräte und Maschinen zu kaufen. Darüber hinaus wurden auf den Wanderausstellungen dem Erzeuger die Probleme des Marktwesens und desMarktbedarfes nähergebracht, wäh­rend auf der anderen Seite der Verbraucher auf die nationalpolitische Bedeutung des deutschen Bau­erntums hingewiesen wurde.

Reben dem stark entwickelten Ausstellungswesen befaßte sich die Arbeit der DLG. vor allem mit allen Fragen der landwirtschaftlichen Theorie und Praxis. Auf großen Arbeitstagungen wurden die Mitglieder und alle interessierten Kreise der deut­schen Landwirtschaft in öffentlichen Versammlungen mit den Ergebnissen und Erfahrungen der Arbeit der DLG. bekannt gemacht. Auf dem Gebiete des Anerkennungswesens und in der Pflanzenzucht hat sich die DLG. ebenfalls große Verdienste erworben.

Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft wollte n i e S e l b st z w e ck sein, sondern sie hatte nur eine Aufgabe, dem deutschen Bauern zu dienen. Der Gründer ter DLG. wollte mit ihr eine große Reichsorganisation schaffen, die heute durch den Reichsnährstand zur Wirklichkeit geworden ist. Die Aufgabe der DLG. als selbständige Gesellschaft ist mit der Verwirklichung des Reichsnährstandes abge­schlossen. Sie gliedert sich ein in die große Organi­sation des deutschen Bauerntums. Ihre wertvolle Arbeit kann erst hier richtig zur Auswirkung kom­men, wobei die Arbeitsgebiete der DLG. im Reichs­nährstand weiterhin vertieft und ausge­baut werden. Der gesamte Reichsnährstand bildet die Grundlage eines gesunden deutschen Bauern­tums und damit auch die Grundlage für die kraft­volle Fortentwicklung der deutschen Nation.

Die französische Volksseele kocht immer noch, Ü e r Stavisky-Skandal zieht diesmal sehr viel weitere Kreise, als man es sonst bei ähnlichen Fal­len gewohnt war. Die betrogenen Sparer sind so­gar wieder auf die Straße gezogen und haben vor der Kammer Alarm geschlagen. Zu allem Unglück hat sich jetzt sogar noch ein Nachfolger Stavlskys ge­funden, der ebenfalls einige Dutzend Millionen ver­plempert hat. Die Herren Abgeordneten glauben also daß sie etwas tun müssen, um ihre Wähler zu beruhigen, und der Sturm gegen das Kabinett CH autemps hat von neuem einge­setzt Das Vertrauensvotum der vergangenen Woche ist schon wieder vergessen, Chautemps muß noch einmal um feine Existenz kämpfen Man spricht sa- gar von der Möglichkeit, daß es Ende d-r Woche doch zum Sturz dieser Regierung kommt. Das ist vor der j)anb eine Uebertreibung ^Ider m seiner Not sucht Ehautemps begreiflicherweise nach einem Ausweg. Sein Wunder, wenn er ba bei ben deutsch - sranzösi, chenVerhanblungen einhakt, unb hier eine Gelegenheit zur Rettung sucht Es ist unverkennbar, daß die -lonart der französischen Presse innerhalb der letztenrunte zwanzig Stunden umgeschlagen ift. ^on der Ver­bindlichkeit in der Form, die unmittelbar nach der Überreichung der deutschen Antwort sich zeigte, ist nichts übriggeblieben.

Zwischen den Zeilen ist eigentlich nur ^ch dgs Nein zu lesen: die Absage an die deutschen Wunsche. Das ist im Augenblick sicher noch voreilig, die franzö­sischen Sachverständigen prüfen die deutsche Note erst und werden mit ihrem Gutachten kaum vor einigen Tagen fertig fein. Wir würden uns aber doch einer verhängnisvollen Täuschung bingeben, wenn wir etwa annehmen würden, daß die Preße- stimmen in ten Redattionsstuben selbst entstanden

Oie britische Vermittlung in der Abrüsiungsfrage.

London, 24. Jan. (Reuter. Funkspruch.) In der Sitzung des Kabinettsausschusses für Abrüstung am Dienstagnachmittag wurde sehr eingehend die Frage geprüft, ob die englische Regierung einen Vor­schlag machen könne, der zur Aussöhnung zwischen der deutschen Gleichheitsforderung und dem fran­zösischen Sicherheitswunsche führen könnte. Man glaubt, daß möglicherweise ein Vorschlag zur Bes­serung der Lage vor die am Mittwochnachmittag tattfindende Kabinettssitzung gebracht werde. Außenminister Sir John Simon wird vielleicht in der nächsten Woche im Unterhaus eine ent­sprechende Erklärung abgeben.

Die Abrüstungsarbeiten stehen auch im Vorder­grund des Interesses der englischen Presse. Ueber die Aufgaben, die der gegenwärtige britische Kon­ventionsentwurf dabei zu lösen habe, gehen aller­dings die Anschauungen der Blätter auseinander. Daily Telegraph" vertritt die Anschauung, daß man es nur nötig habe, im Konoentionsentwurf einige Slenberungen anzubringen, um die deutsch-französi­schen Meinungsverschiedenheiten zur Frage der Probezeit auszugleichen.Morning Post" will indessen wissen, daß das britische Kabinett einen gänzlich neuen Konventionsentwurf ausarbeiten werde. Dieser neue Entwurf werde dann den Anregungen Deutschlands entsprechen; u. a. werde man Deutschland wahrscheinlich einige D e - fensivwaffen, darunter Tanks und Erkun­dungsflugzeuge zugestehen. Das Problem der Probe­zeit werde man möglicherweise dadurch umgehen, daß man die Umbildung der Reichswehr mit der allmählichen Abschaffung der Offen- fivwaffen der anderen Mächte zeitlich koppele.Times" schreibt, die Minister seien der Meinung, daß jetzt, wo der Notenwechsel deutlich die Hauptschwierigkeiten zwischen dem französischen und dem deutschen Standpunkt gezeigt hat, eine Erklärung der britischen Politik so bald wie möglich erfolgen sollte. Es ist bekannt, daß eine Darlegung der britischen Stellungnahme in Paris ebenso wie in Berlin begrüßt werden würde. Die Minister hoffen noch immer, daß ein Mittel­weg gefunden werden kann, der die Wiederauf­nahme der Tätigkeit der Abrüstungs­konferenz ermöglichen wird. Man glaubt, daß Mussolini ebenfalls dringend wünsche, eine Erklä­rung über die italienische Politik abzugeben, wenn sich eine geeignete Gelegenheit dafür biete.

ImStar" fordert Gardiner, daß die eng­lische Regierung sich mit Nachdruck für ben Grundsatz der deutschen Gleichheit und dessen rascheste Inkraftsetzung erklären soll. Gleich­laufend hiermit müsse eine Garantie für eine wir­kungsvolle und unparteiische R ü st u n g s ü b e r- wachung gegeben werden. Deutschlands Forde­rung sei nicht unberechtigt und könne nicht als ver­früht bezeichnet werden, nachdem 15 Jahre seit Kriegsende verflossen seien. Es handle sich um Zu­geständnisse, die der deutschen Regierung v o r I a h - r e n hätten gemacht werten müssen, wenn man die in Versailles gegebenen Versprechungen gehalten hätte. Frankreich müsse heute für den Ruhrwahnsinn und alle die SünSen Poincarös, und England müsse heute die Jahre des knechtischen Sich- fügens in diese Sünden bezahlen. Es sei klar, daß der Gedanke einerProbezeit" vollkom­men erledigt sei. Wenn Deutschland die Gleichheit als Teil eines europäischen Abkommens erhalte, werde endlich die Grundlage zu einem Weltfrieden gelegt fein.

Will Frankreich keine Verständigung?

Der Pariser Ministerrat hat die Prüfung der deutschen Antwortnote beendet.

Paris, 23. Jan. (DNB.) Die Prüfung der deutschen Antwort auf die französische Denk­schrift ist von den zuständigen Stellen des Quai d'Orsay und des Ministeriums für die nationale Verteidigung beendet worden. Das Ergebnis dieser Prüfung fußt dasJournal" dahin zu­sammen, daß die deutsche Antwort nichts anderes darstelle, als einen Rechtfertigungsversuch der deut­schen Stellungnahme. Die Antwort Frankreichs

werde weder zweifelhaft sein, noch lange auf s i ch warten lassen. Wahrschein­lich werde der nächste Ministerrat sie festlegen, so daß dem am 13. Februar in London zusammen­tretenden Kleinen Büro der Abrüstungs- k o n f e r e n z, falls Englands Vermittlung ergeb­

nislos sein sollte, nichts anderes übrig bleiben werde als die Aufforderung an den Generalaus­schuh,unverzüglich die Schlußfolgen aus dem Scheitern der deutsch-französischen Aussprache zu ziehen".

Asien in Bewegung.

Oie britische Flottenkonferenz in Singapore.

Singapore, 23. Jan. (DNB.) Die britische Flvttenkanferenz im Hafen von Singapore wurde am Dienstag an Bord des KreuzersKent" unter den strengsten Vorsichtsmaßnahmen für eine Ge­heimhaltung der Besprechungen eröffnet. Fünf Kriegsschiffe, nämlich drei Kreuzer, ein Flugzeug­mutterschiff und ein Kanonenboot, sind im Hafen von Singapore zu diesem Zweck versammelt. Das Interesse an der Konferenz ist durch die Erklärung des japanischen Außenministers H i r o t a und den amerikanischen Vorschlag für den Bau von 120- neuen amerikanischen Kriegsschiffen erhöht worden. Das Programm der Flottenkonfe­renz umfaßt, wie man annimmt, nicht nur einen Ausbau des Hafens von Singapore als Flottenstützpunkt, sondern die gesamte Lage im Fernen Osten. Die Anwesenheit australi­scher und neuseeländischer Vertreter läßt vermuten, daß auch die kommende Entwicklung im Stillen Ozean bei den Verhandlungen zur Er­örterung kommen wird.

Ehinesisch-Tmkestan erklärt seine Unabhängigkeit.

Schanghai, 23. Jan. (DNB.) Wie die Tele­graphenagentur der Sowjetunion aus Taschkent meldet, wurde in Kachgar die Selbständig- keitvon Chinesisch-Turke st an unter Füh­rung von Sabi-do-Mulla ausgerufen. Nach einer weiteren Mitteilung hat die neue Regierung erklärt, daß alle Chinesen das Land ver­lassen müßten. Die Regierung hat eine Abord­nung nach Kabul entsandt, um zu versuchen, d i e

afghanische Regierung zur Anerkennung des neuen Staates zu bewegen. Die Abordnung soll später auch nach Indien fahren. Wie die russische Telegraphenagentur weiter behauptet, sollen im Dienst der neuen Regierung in Kachgar zahl­reiche türkische Emigranten stehen, die als Gegner Mustafa Kemals die Türkei verlassen mußten.

Auch die Mongolei will selbständig werden.

Schanghai, 24. Jan. (DNB.) Die sich zur Zeit in Nanking aufhaltenden mongolischen Vertreter sollen, wie verlautet, von der Nan­kingregierung die Selbständigkeit des mon­golischen Staates verlangt haben. Ueber 100 Vertreter der Mongolei forderten in einer Ver­sammlung in Nanking, daß die Nankingregierung das Abkommen über die Selbstverwaltung der Mongolei für ungültig erkläre. Die mongolischen Vertreter erklären, daß die jetzige politische Lage die vollständige Selbständigkeit des mongolischen Staates erheische, da sonst d i e Ja­pan e r die Mongolei von China losreißen würden. Die Entscheidung der chinesischen Regierung ist zur Zeit noch nicht bekannt.

Hayaschi als Nachfolger Arakis japanischer Kriegsminister.

Tokio, 23. Jan. (DNB.) Der Kaiser hat am Dienstag das Rücktrittsgesuch des Kriegsministers Araki genehmigt. General Araki wurde zum Mitglied des Obersten Kriegsrates ernannt. Kriegs­minister wurde der Chef des Militärschulwesens, General H a y a s ch i, Chef des Militärfchulwesens der stellvertretende Stabschef des Generalstabs, M i f a k i.

Washington Beziehungen zu Lateinamerika.

Das Ergebnis der Südamerikareise Staatssekretär Hulls.

Oer neue Kurs.

Gutnachbarliche Beziehungen" statt Bevormundung.

W a s h i n g t o n, 22. Jan. (DNB.) Der van einer längeren Reise durch Südamerika zurückgekehrte Staatssekretär Hüll konnte als Ergebnis seiner Verhandlungen mit den leitenden Politikern aller lateinamerikanischen Staaten eine bedeutende Besserung der allgemeinenStimmung und begründete Aussicht auf eine engere Z u - fammenarbeit sämtlicher amerikani­scher Staaten feststellen. Als Beispiel erwähnte Hüll vor allem das Zustandekommen des Weih­nachtswaffenstillstandes im Chaco-Gebiet.

Ein weiteres Zeichen für die Absicht der Vereinig­ten Staaten, mit den füdamerikanifchen Republiken zu einer engeren Zusammenarbeit zu kommen, ist die Konferenz im Weißen Hause, zu der Roosevelt sämtlichediplomatischenDertreterder süd- und m i 11 e l a m e r i f a n i f d) e n Staa - t e n einberufen hat, um mit ihnen die Frage der Anerkennung der neuen kubanischen Regierung zu besprechen. Don Staatssekretär Hüll wird darauf hingewiesen, daß es das erstemal sei, daß ein Präsident der Vereinigten Staaten eine solche Kon­ferenz einberufe. Die Tatsache beweise den Willen der amerikanischen Regierung, den außenpolitischen Grundsatz Roosevelts, dergutnachbarlichen

Beziehungen" in die Wirklichkeit umzusetzen. Die amerikanische Regierung werde nach Anerken­nung der neuen kubanischen Regierung bestrebt sein, der kubanischen Regierung baldigstwieder auf die Beine zu helfen". Auch hierbei sei sie bereit, mit den lateinamerikanischen Staaten zusammenzuarbei­ten. Ein weiterer Programmpunkt sei der Ab­schluß einer Reihe von zweiseitigen Zoll- und Handeln er trägen, in denen je­doch allen anderen Staaten die Meistbegünsti- g u n g angeboten werden solle. Staatssekretär Hüll hofft, bald mit Präsident Roosevelt über eine Bot­schaft an den Kongreß verhandeln zu können, in der die Ermächtigung zum Abschluß solcher Verträge mit allen fremden Mächten gefordert werden soll. Das Ziel der amerikanischen Handelspolitik sei, über möglichst viele Waren, bei denen das Konkurrenz- Problem nicht so dringend sei, Handelsabkommen abzuschließen.

Amerika verzichtet auf fein Interventionsrecht in Kuba.

Washington, 23. Jan. (DNB.) Präsident Roosevelt hat der kubanischen Regierung mit­geteilt, daß die Vereinigten Staaten die Regierung des neuen Präsidenten Mendieta anerken­nen. Die übrigen amerikanischen Republiken wer­den die Anerkennung jedenfalls ebenfalls in Kürze aussprechen. Danach wird Staatssekretär Hüll mit

wären. Die Vermutung liegt nahe, daß sie vom Quai d'Orsay beeinflußt sind. Wenn auch vielleicht nur, um bestimmte Wirkungen in England auszu­lösen. Paul-Boncour scheint sich die weitere Entwick­lung so vorzustellen, daß er die deutsch-französische Aussprache zum Abschluß bringt und ihre Unergie- bigkeit zu Protokoll gibt. Er will dadurch die Eng­länder veranlassen, dann von sich aus eine kleinere Konferenz e i n z u b e r u f e n deren Ergebnis nach französischen Wünschen in der Fortsetzung der Abrüstungskonferenz liegen soll. Deshalb möchte Frankreich die Vermittlungstatig- keit, wie sie England und Italien ins Auge gefaßt hatte, so aufgezogen sehen, daß der neue englische Vorschlag nahe genug an den französischen Gedan­kengängen liegt, um Deutschland die Zustimmung unmöglich zu machen.. Wir können uns vor der Hand nicht denken, daß die Engländer und Italiener auf diesen Leim kriechen. Sie haben bisher immer ein gewisses Verständnis für die deutschen Lebens­notwendigkeiten gehabt. Und sie werden es sich auch drei Mal überlegen, ob sie wirklich dazu beitragen sollen, den eurpäischen Unfrieden zu verewigen nur aus Rücksicht auf die innerpolitifche Lage Frank­reichs. *

Das eine Gute haben die Verhandlungen des Dölkerbundsrates übet die Saar nun wenigstens

gehabt, daß die Tatsache der Abstimmung im nächsten Jahr endgültig protokollarisch festgelegt ist. Die Bemühungen der Franzosen, den Zeit­punkt zu vertagen, um auf diese Weste den Zwischenzustand der Saarregierung zu verlängern und vielleicht so gar zu verewigen, sind also g e - scheitert. Bedauerlich nur, daß nicht gleichzeitig auch ein bestimmter Tag schon angesetzt worden ist. Nach deutscher Auffassung muß spätestens bis zum 11. Januar abgestimmt werden. Wir hätten gewiß nichts dagegen einzuwenden, wenn der Termin noch weiter nach vorn geschoben würde. Je eher, desto besser, schon damit die Leidenszeit der Saardeut­schen tunlichst abgekürzt wird. Ein hartes Jahr steht ihnen ohnehin noch bevor. Denn der famose Herr Knox wird nur ungern von feinem Minister­sessel Abschied nehmen und wird es vermutlich die Saardeutschen bitter entgelten lassen, daß sie für feine Regierungsmethoden so wenig Verständnis aufgebracht haben. Eine vom Rat eingesetzte be­sondere Abstimmungskommissiön, die ja eigentlich eine Art Konkurrenz für die wirkliche Saarregierung darstellt und das Recht hat, sich durch technische Sachverständige zu ergänzen, soll bei der Ratstagung im Mai ihre Pläne über die technische Durchführung der Abstimmung vorlegen.

Ihr Vorsitzender, der Italiener A 1 o i s i, dürfte für eine Wahrung der Unparteilichkeit bürgen, ob-

wohl die Franzosen mit dem Spanier Mada­rin g a ihren ausgesprochenen Vertrauensmann hineingeschmuggelt haben. Ihre weitergehenden Pläne auf Errichtung einer eigenen Polizei muß­ten die Franzosen allerdings zurückstellen. Sie wer­den aber sicher im Mai darauf zurückkommen, in der Hoffnung, daß Knox bis dahin weiteres Ma­terial gesammelt hat über den Terror, unter dem die armen Saaradeutschen stehen. Paul-Boncour hat ja sogar im Rat das große Wort ausgespro­chen, daß die Unabhängigkeit der Ab­stimmung gewährleistet werden müßte. Dafür sind wir ihm dankbar. Das ist ja gerate das, was Deutschland immer verlangt hat. Wir hoffen nur, daß er das Material, das zu diesem Punkt auf deutscher Seite vorliegt, unbefangen prüfen wird. Bisher war davon wenig zu merken. Denn die französischen Schulen, die im Saargebiet errichtet wurden, haben ja überhaupt ihre Schüler nur da­durch bekommen, daß die Grubenangestellten und andere abhängige Existenzen vor die Wahl gestellt wurden, entweder entlassen zu werden ober ihre Kinder in diese französischen Schulen zu schicken. Jedenfalls werden wir dafür sorgen, daß bis zum Mai reichliches Material über die Art vorliegt, wie seit Jahr und Tag die Deutschen an der Saar wegen ihres Bekenntnisses zum Deutschtum gequält und gepeinigt worden find,